Abb. 489. Abessinische Kirche.]

[Illustration:

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.

Abb. 490. Tanz der Galla,

bei dem die mit Schild und Speer bewaffneten Krieger ihr „Opfer“

umtanzen und so tun, als wollten sie es erstechen.]

Die Abessinier sind monophysitische +Christen+ und als solche der

koptischen Kirche (Abb. 489) zugeteilt; noch heutzutage weiht der

koptische Bischof von Alexandria den abessinischen. Die Lehre Jesu

fand bereits im vierten Jahrhundert Eingang in Abessinien durch zwei

gefangene Christen aus dem Abendlande, sie verbreitete sich bald im

Lande und wußte sich gegenüber den Stürmen des auf sie eindringenden

Islams zu erhalten. Allerdings ist dieses Christentum vielfach auf

Abwege geraten und hat in Aberglauben und Kultus allerlei Zutaten

erfahren, die teils dem Islam, teils dem Heidentum der Grenzvölker,

auch wohl dem Judentum entstammen. Doch ist unter den Abessiniern auch

die Lehre Mohammeds vielfach mit solchen durchsetzt. Alle Abessinier,

ob Christen, Mohammedaner oder Heiden, glauben an Geister der

verschiedensten Form und Gestalt, die alle möglichen Beziehungen zum

Bösen haben. Dementsprechend halten sie noch an vielen abergläubischen

Gebräuchen fest. Ein paar Beispiele hiervon. Wer eine Hyäne tötet,

zerstört sein Glück, denn man meint, daß diese Tiere Tote verschlingen,

deren Seelen dann in ihrem Körper weiterleben. Man glaubt ferner, daß

Grobschmiede nachts den Schornstein hinauf verschwinden und sich in

Hyänen verwandeln; sie sollen auch mit dem Teufel im Bunde stehen.

Wenngleich solcher Aberglaube heutigestags im Abnehmen begriffen

ist, so wird doch immer noch kein Abessinier besseren Standes seine

Tochter einem Grobschmied zur Frau geben. Der weiße Adler soll großes

Unglück bringen und wird, wenn möglich, stets geschossen. Seine Leber

wird herausgeschnitten und sodann gegen ein Kuheuter gerieben; ein

Teil kommt schließlich in ein Amulett, und der Rest wird unter das

Trockenfutter der Haustiere verteilt. Auf diese Weise hofft man einen

reichlichen Milchertrag zu erzielen. Der Kopf eines weißen Raben

soll, um den Hals eines Tieres gehängt, dieses gegen den bösen Blick

schützen. Überhaupt spielt der böse Blick eine große Rolle; viele

Krankheiten werden ihm zugeschoben. Kinder schützt man dagegen, indem

man sie stets mit Baumwollstoff bedeckt. Krankheiten, die durch den

bösen Blick bereits entstanden sind, werden auf folgende Weise wieder

beseitigt: Fleisch und Haut einer Hyäne werden in ein kleines Gefäß

getan und glühende Kohlen darauf gelegt; den sich daraus entwickelnden

Brodem muß der Leidende durch Mund und Nase einziehen, dabei wie eine

Hyäne heulen und sprechen: „Der und der hat den bösen Blick auf mich

geworfen.“ Die Furcht vor dem bösen Blick ist auch die Ursache, daß

ein Abessinier es nicht gern hat, wenn jemand ihm beim Essen zusieht;

man kann daher oft beobachten, wie Menschen, die am Wege gerade ihre

Mahlzeit einnehmen, sich den Kopf mit einem Shama bedecken (Abb. 491).

[Illustration:

Phot. George Schulein.

Abb. 491. Ein Abessinier,

der bei der Mahlzeit am Wegrand sein Gewand über den Kopf gezogen hat,

um von dem bösen Blick der Vorbeiziehenden nicht getroffen zu werden.]

Ärzte sind, außer in den von Europäern bewohnten Gegenden, in

Abessinien unbekannt. Das Volk wird von den Priestern behandelt,

die ihren Patienten Amulette (Abb. 492) und Kräuterabkochungen

verabreichen. Sie behaupten die Macht zu haben, den Teufel auszutreiben.

Die Priester (Abb. 493) der abessinischen Kirche dürfen mit Ausnahme

dessen, der im Allerheiligsten waltet, die Ehe eingehen, aber nur

einmal in ihrem Leben. Es gibt auch unzählige Mönche und Nonnen, aber

nur unverheiratete Männer und ältere Frauen dürfen in ein Kloster

gehen. Die Klöster werden durch Almosen unterhalten. -- Die Erziehung

des Volkes liegt in den Händen der Priester, jedoch darf niemand über

seinen Stand hinaus erzogen werden. Alle modernen Ideen sind vom

Unterricht ausgeschlossen, und wer etwa für solche empfänglich sein

oder Neugierde nach ihnen verraten sollte, wird der Ketzerei angeklagt.

Auch dem Reichtum, den der einzelne anhäufen darf, ist ein Ziel gesetzt.

[Illustration:

Phot. George Schulein.

Abb. 492. Knabe mit einem Amulett um den Hals,

in das die Priester, die zugleich Heilkundige sind, bestimmte Mittel

hineinzutun pflegen.]

Wie schon gelegentlich erwähnt, bekennt sich ein Teil der Abessinier

zum Mohammedanismus; auch die Somal und zum größten Teil die Galla sind

Anhänger dieser Glaubenslehre; aber obwohl sie diese streng befolgen,

oft in dem Maße, daß sich ihre Anbetung zur wahren Ekstase steigert,

lassen sie sich auf der anderen Seite doch nicht daran hindern, an

manchen abergläubischen Vorstellungen festzuhalten. Ein Teil der Galla

ist noch vollständig im Heidentum befangen.

Über besondere Bräuche bei +Schwangeren+ und +Gebärenden+ unter den

Abessiniern ist meines Wissens nichts bekannt geworden; sie werden

sich wohl im großen und ganzen nach den Riten der christlichen und

mohammedanischen Kirche richten. Nur soll es während der Niederkunft

einer Abessinierin sehr laut zugehen; die Personen, die sie umgeben,

erheben fortwährend ein lautes Geschrei, wohl ein Überbleibsel der

alten Sitte, die Dämonen dadurch zu vertreiben. Will die Geburt nicht

recht vonstatten gehen, dann zieht sich der Ehegatte die Sandalen aus,

umschreitet barfuß das Haus und teilt mit der flachen Klinge seines

Schwertes auf dessen Außenwände Schläge aus, während drinnen die

helfenden Frauen heiße Gebete an die Jungfrau Maria, die Beschützerin

aller Gebärenden, richten.

[Illustration:

Phot. George Schulein.

Abb. 493. Abzeichen eines abessinischen Priesters.

1. Krückstöcke. 2. Klapper. 3. Wedel mit Elfenbein- oder Holzgriff. 4.

Krone.]

[Illustration:

Phot. George Schulein.

Abb. 494. Tanz der Galla bei dem Pubertätsfeste in Adis Abeba.

Die älteren Leute tanzen wild im Kreise umher, schreien und schlagen an

die Schilde.]

[Illustration:

Phot. G. F. Archer.

Abb. 495. Somal beim Gesang eines „Iyar“,

den sie zur Feier einer Hochzeit anstimmen. Beim Iyar wird gesungen und

rund im Kreise getanzt, dabei in die Hände geklatscht und mit den Füßen

getrampelt.]

Bei den Somal verläuft die Geburt ohne sonderliche Feier. Ein Knabe

wird im allgemeinen mit großer Freude begrüßt. Die Nachbarn des

glücklichen Vaters werfen dann Baumzweige auf seine Hütte und sprechen

hierbei den Wunsch aus, daß Allah ihm eine an Söhnen reiche Familie

verleihen möge. Bei den Somal pflegen sich nach Bekanntwerden einer

Geburt die Yebir einzufinden, Angehörige einer Pariaklasse, von denen

man glaubt, daß sie keines natürlichen Todes sterben; sie verlangen

eine kleine Abgabe von den Eltern, die diese ihnen wohl niemals

abschlagen, aus Furcht davor, daß sie bei etwaiger Verweigerung von

den Yebir Schaden zugefügt bekommen könnten. Als Gegengabe für solches

Geschenk verabreicht der Yebir der jungen Mutter ein Zaubermittel,

für gewöhnlich ein winzig kleines Stückchen in Leder eingewickelten

Holzes, das dem Kinde um den Hals gehängt wird. -- Die Somal und Galla

beschneiden ihre Kinder; dabei finden große Festlichkeiten statt (Abb.

494). Bei den Mädchen der Somal wird zugleich auch die Infibulation

angewendet, die bis zu der Verheiratung erhalten bleibt. Die Knaben der

Abessinier bleiben bis zum sechsten Jahre bei der Mutter, dann kommen

sie, falls die Familie vornehm ist, an den Hof, wo sie Unterricht

erhalten und Pagendienste tun müssen. Die Mädchen werden im Hause

erzogen, wo sie das Hauswesen, das Spinnen und die Künste, den Männern

zu gefallen, erlernen. Bereits mit vierzehn bis fünfzehn Jahren gehen

sie die Ehe ein; meistens erhalten die Eltern für sie einen Kaufpreis

in Form von Vieh oder Geld. Es gibt drei Wege, die Ehe zu schließen. Am

unbeliebtesten ist die kirchliche Einsegnung, weil die Ehe dann nicht

geschieden werden kann; sie kommt fast nur in fürstlichen Familien

vor. Eine zweite Art besteht darin, daß sich das Brautpaar zu einem

besonderen Richter und fünf Schöffen begibt, vor denen der Mann im

Namen Meneliks gelobt, seine Frau stets gut zu behandeln und im Falle

einer Scheidung ihr eine Abfindungssumme (für gewöhnlich achtzig

Mariatheresientaler) zu gewähren. Die dritte Art der Eheschließung

ist die einfachste. Der Mann sagt zu seiner Auserwählten einfach:

„Komm!“ Folgt sie seinem Wunsche und ziehen sie beide zusammen, dann

sind sie verheiratet. -- Für gewöhnlich bietet eine Hochzeit Anlaß zu

ausgiebigen Fest- und Trinkgelagen. Die Frau ist Herrin im Hause; sie

bringt ihr Gesinde mit, beköstigt und bekleidet es.

[Illustration:

Phot. Frances L. Swayne.

Abb. 496. Somalgräber. Die auf ihnen errichteten Steine machen sie

weithin kenntlich.]

Ehescheidungen kommen häufig vor und sind leicht herbeizuführen. Mit

Zustimmung der beiderseitigen Eltern können auch kirchlich geschlossene

Ehen für ungültig erklärt werden. Scheidet sich das Ehepaar, dann

zieht die Frau mit ihren Sklaven und Sklavinnen, den Kindern, die aus

der Ehe hervorgegangen sind, und ihrer Abfindungssumme einfach ab.

Etwas Unehrenhaftes wird darin nicht erblickt, und ein jeder Teil hat

das Recht, sich wieder zu verheiraten; er macht auch meistens davon

Gebrauch.

Beim Tode eines Mannes erfordert es der Brauch, daß der Bruder des

Verstorbenen die Witwe heiratet.

Bei den +Somal+ ist es das Mädchen, das sich den Ehegatten mit

Billigung ihrer Eltern wählt. Auch bei diesem Volke wird vor der

+Hochzeit+ ein Brautpreis ausbedungen, der bei den habsüchtigen

Forderungen des Schwiegervaters oft ziemlich hoch ausfällt; natürlich

werden dabei auch die Vermögensverhältnisse des Werbers in Betracht

gezogen. Der Preis bewegt sich von wenigen Rupien und einem halben

Dutzend Schafe und Ziegen bis zu hundert Kamelen und wird in zwei Raten

bezahlt, die eine Hälfte sogleich bei seiner Feststellung, die andere

vor der Hochzeitsfeier. Die Trauung selbst ist eine sehr einfache

Sache. Nachdem der Preis bezahlt worden ist, begeben sich Braut und

Bräutigam in die Wohnung des Kadis, woselbst der künftige Gatte ein

feierliches Gelübde ablegt des Inhaltes, daß er dem Mädchen Wohnung

geben, es ernähren, kleiden und versorgen werde. Nachdem der Kadi noch

einige Koranverse vorgelesen hat, ist die Handlung beendet, und der

junge Ehemann führt seine Frau in sein Haus. Am Abend dieses Tages wird

dann aber noch ein Iyar (Abb. 495) abgehalten, zu dem alle Freunde des

Paares eingeladen werden. Ein Iyar besteht in Sang und Tanz, den der

Bräutigam eröffnet. Im übrigen beteiligt er sich nicht weiter daran,

sondern zieht sich, nachdem er das Zeichen zur Eröffnung gegeben hat,

mit zwei Freunden in seine Hütte zurück. Darauf nähern sich einige

Männer unter dem Gesang eines Liedes, das für diese Gelegenheit

besonders verfaßt wurde und aus guten Ratschlägen für das junge Paar

besteht, der Hütte und beschreiben einen Halbkreis um sie. Zwei Leute

treten hervor und führen einen bestimmten Tanz, Shirbo genannt, auf,

wobei sie mit den Füßen aufstampfen und Luftsprünge machen. Ist der

Shirbo zu Ende, dann schließen sich die Freundinnen der Braut den

Männern an, und alle begehen jetzt zusammen den eigentlichen Iyar. Sie

tanzen im Kreise, klatschen in die Hände und stampfen nach dem Takte

eines besonderen Liedes mit den Füßen, bis sie erschöpft umfallen.

Darauf werden noch Erfrischungen umhergereicht, und die Gäste brechen

auf. An allen diesen Festlichkeiten nimmt die Braut keinen Anteil; es

gehört zum guten Ton, daß sie sich dabei überhaupt nicht sehen läßt.

Im großen und ganzen hält der Somal viel von seiner Frau; er behütet

sie sorgfältig. Wenn sie ihm treu bleibt und ihn mit Kindern beschenkt,

heiratet er häufig genug keine zweite mehr, obgleich ihm das

mohammedanische Gesetz, wie wir bereits wissen, vier Frauen zu nehmen

gestattet.

Beim +Todesfall+ eines Abessiniers versammeln sich Freunde und gute

Nachbarn draußen im Hof des Sterbehauses, und die Frauen erheben eine

Wehklage und einen Totengesang. Die Leiche wird auf ein gerüstartiges

Holzgestell mit geschnitzten Füßen gelegt, mit Ochsenhautstreifen

verschnürt, mit Stoff zugedeckt und von kräftigen Männern zum

Begräbnisplatz getragen, wo man den Toten, dem man das Gesicht nach

Osten gewendet hat, ins Grab senkt. Nach dem Begräbnis findet für

gewöhnlich noch ein Festgelage statt. Vierzig Tage später gibt es

zur Erinnerung an die Auferstehung ein zweites, und im dritten sowie

im zwölften Monat nach dem Tode wiederholt sich die Feierlichkeit

abermals. Zum Zeichen der Trauer wird das Haar kurz geschnitten.

Unter den Somal fällt ein hoher Prozentsatz den blutigen Raubzügen und

Fehden zum Opfer. Denn Räubereien stehen unter diesen Stämmen gleichsam

auf der Tagesordnung; natürlich werden dabei viele Menschen getötet.

Die Gegenpartei verlangt dementsprechend Sühne und beginnt, falls eine

solche nicht bezahlt wird, die Fehde von neuem. So hören die blutigen

Kämpfe meistens nicht eher auf, als bis ein großer Teil der Leute hat

daran glauben müssen. Kommt schließlich ein Ausgleich zwischen den

Parteien zustande, so währt der Friede leider oft genug auch nicht

allzu lange, denn irgendein gestohlenes Kamel oder ein Streit um ein

Weib bringen die Kugel von neuem ins Rollen, und bald liegen sich die

Stämme wiederum in den Haaren. Auf diese Weise wird die Volkszahl der

Somal stark geschmälert. Der bekannte Afrikareisende und Geograph

Philipp Paulitschke schätzte ihre Gesamtzahl noch Mitte der neunziger

Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als zwei Millionen. Nach

neueren Berechnungen aber beträgt ihre Kopfzahl kaum eine Million.

[Illustration:

Phot. American Colony, Jerusalem.

Abb. 497. Eine mohammedanische Prozession am Geburtstage des Propheten.

Der Zug begibt sich unter Vorantritt angesehener Männer mit Bannern,

die bereits die Pilgerfahrt nach Mekka mitgemacht haben, nach der

Moschee.]

Wie wenig übrigens den Somal ein Menschenleben gilt, zeigt unter

anderem auch die auf uraltem Herkommen beruhende Forderung, daß jeder

Jüngling, der sich zu verehelichen wünscht, die Tötung zum mindesten

eines Mannes muß nachweisen können.

Ihre Toten werden von ihnen, da sie Anhänger des Islams sind, nach

mohammedanischem Brauch beerdigt. Auf dem Grabe wird ein Stein

errichtet. Wo der Boden locker ist, so daß die Hyänen die Leichen

leicht ausgraben können, wird ein hoher Palisadenzaun um die Gräber

errichtet (Abb. 496). Auch bei den heidnischen Galla sind solche Zäune

üblich.

[Illustration:

Phot. Em. Frechon, Biskra.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 232 / 254 题