Nordostafrika.
Nordostafrika läßt sich geographisch, das heißt seinem landschaftlichen
Charakter nach, in zwei große Gebiete gliedern: in das Hochland und in
die Ebene. Das erstere, eine Anzahl größerer und kleinerer Tafelländer
und Tafelberge mit zahlreichen Bergzacken und turmartigen Erhebungen,
bildet nicht nur im geographischen, sondern auch im politischen Sinne
eine Einheit, das Kaiserreich +Abessinien+, das bereits auf ein hohes
Alter zurückblicken kann. Es wurde schon im vierten Jahrhundert die
Wiege des Christentums im Herzen Afrikas. Leider ist sein alter Ruhm
mehr und mehr verblaßt, und jetzt ist Abessinien nur noch die Karikatur
eines Staatswesens. Südlich von diesem Hochland breitet sich die große
öde und unwirtliche ostafrikanische Steppe aus, ein gleichförmiges
Landschaftsbild, das sich weit nach Süden nach dem eigentlichen
Ostafrika hinein erstreckt. Die das afrikanische Osthorn begrenzenden
Gebiete führen die Bezeichnung +Somalland+.
Die für Nordostafrika in Betracht kommenden +wichtigsten Völker+
sind ganz im Osten, am Golf von Aden und Indischen Ozean, die
+Somal+, nördlich von ihnen an der Küste des Roten Meeres die ihnen
stammverwandten +Danakil+ oder Afar, auf der abessinischen Hochebene
die Stämme der Abessinier und im Süden von ihnen, also im Südwesten,
die +Galla+; ihnen schließen sich die uns schon bekannten +Masai+
an. Alle diese Völker, ebenso die nördlich von ihnen wohnenden
Nubier und Ägypter bezeichnet man als +östliche Hamiten+, die
nordostafrikanischen im besonderen als Äthiopier. Sie unterscheiden
sich deutlich von den Negern Afrikas; ob sie, wie vielfach behauptet
wird, direkt aus Stämmen hervorgegangen sind, die aus Asien
herüberkamen, oder durch Aufpfropfung solcher Einwanderer auf bereits
ansässige Negervölker entstanden sind, bleibt noch zu entscheiden.
Abgesehen hiervon sind die Hamiten heutigestags nicht das einzige
anthropologische Element der nordostafrikanischen Völker, sondern
gleichsam nur die Unterschicht, zu der viel semitisches (arabisches)
Blut hinzugekommen ist. Besonders die Somal haben solches in starkem
Maße aufgenommen, weniger schon die Danakil, und am reinsten dürften
die Galla den ursprünglichen Typus bewahrt haben. Noch bunter aber ist
die Mischung in Abessinien; hier haben sich Ägypter, Griechen, Juden,
Portugiesen, Inder, Araber und Neger zu einem wirklichen Völkerchaos
zusammengeschlossen, den Kern des abessinischen Volkes aber bilden
Semiten. Der eigentliche östliche Hamitentypus ist gekennzeichnet durch
eine ziemlich hohe, grazile Gestalt (im Mittel hundertsiebenundsechzig
Zentimeter), langen, schmalen Schädel, langes, ovales Gesicht mit
feiner, gerader oder leicht gebogener, hervortretender Nase, schlanke
Gliedmaßen, eine braunrötliche bis schokoladefarbige Haut, dunkle Augen
und schwarzes, bald mehr lockiges, bald mehr wolliges Haar.
[Illustration:
Phot. Exclusive News Agency.