Die Madagassen halten den Tod nur dann für natürlich, wenn er infolge
hohen Alters eintritt. In allen anderen Fällen schreiben sie den
+Verlust des Lebens+ Zaubereien zu. Um nicht Gefahr zu laufen, daß
ein Zauberer Gegenstände von ihnen zu fassen bekomme und sie zu bösen
Zwecken verwende, achten sie sehr darauf, daß sie nie abgeschnittene
Haare oder Nägel oder sonst etwas von sich umherliegen lassen. Die
Sakalavenkönige gingen in dieser ihrer Furcht sogar so weit, daß
sie sich immer von einem Diener begleiten ließen, dessen alleinige
Obliegenheit es war, die Erde aufzusammeln, auf die sie gespien hatten.
-- Neben der Zauberei als +Krankheitsursache+ kennen die Madagassen
aber noch eine Entstehung von Krankheit durch +Besessensein von einem
Teufel+ oder bösen Geiste (Bilo genannt). Hiergegen nehmen sie eine Art
Austreibung vor (Abb. 418 u. 421). Der Kranke wird aus dem Dorfe nach
einem freien Platz gebracht, auf dem eine kleine Plattform besonders
hergerichtet wurde. Ihr zu Füßen haben auf der einen Seite alle Leute
aus der Nachbarschaft Aufstellung genommen, auf der anderen stehen die
Herden des Kranken oder seiner Familie. Bei der Ankunft des Leidenden
erhebt sich Tanz und Gesang; besonders aber wird dem Rum zugesprochen,
von dem auch der Kranke eine große Menge zu sich nehmen muß. Sodann
führt man ihn mitten unter das Vieh; mit einem Stabe weist er auf zwei
Tiere hin, von denen das eine sofort geopfert und von den Teilnehmern
verzehrt wird, das andere gleichsam als Sündenbock von den Eltern des
Patienten heilig gehalten und mit der größten Sorgfalt behandelt wird.
Dann klettert der Kranke auf einer recht primitiven Hühnerstiege auf
die Plattform, ein bei seinem Zustand manchmal recht gefährliches
Unternehmen. Gelangt er ohne sonderliche Hilfe oben an, dann beweist
dies, daß Gott ihm wohlwill und ihm Genesung geben wird; wenn nicht,
gibt man von vornherein alle Hoffnung auf. Sobald er auf der die
Plattform bedeckenden Matte sich niedergelegt hat, wartet ihm eine
Frau, die in den letzten vierundzwanzig Stunden keusch gelebt haben
muß, mit Speise, die sie für ihn besonders zubereitet hat, in erster
Linie mit dem Fleisch des geopferten Ochsen, auf; ißt er davon oder
tut er wenigstens so, dann erblickt man darin ein sicheres Anzeichen
für baldige Genesung und ein langes Leben. Sodann beginnt von neuem
ein mächtiger Lärm, Gesang und Geschrei. Der Kranke verbleibt oft
viele Stunden auf seinem erhabenen Posten, während die anderen sich
in Rum betrinken und sich an dem Fleisch des geschlachteten Tieres
gütlich tun. Zuletzt wird er unter großem Gepränge in seine Hütte
zurückgebracht, wo er in der Mehrzahl der Fälle dann doch stirbt. --
Die Sakalaven reiben das Gesicht des Kranken mit Maniokpulver und
gelbem Ocker ein (Abb. 419).
Die +Begräbniszeremonien+ der Madagassen sind nicht überall dieselben.
Manche Stämme legen ihre Begräbnisplätze tief im Walde, unter Felsen
verborgen, oder in öden Gegenden an, also an Stellen, die dem
menschlichen Auge und der menschlichen Berührung fern bleiben; andere
wiederum begraben ihre Angehörigen am Wege oder auch mitten in ihrer
Hütte. Die ersteren, die eine solche Scheu vor den Friedhöfen haben,
sind vorwiegend die Küstenstämme, dem Ursprung nach zumeist Araber;
die zweite Gruppe, die gern den letzten Aufenthaltsort vor Augen hat,
der ihrer harrt, bilden die Zentralstämme, besonders die Merina und
die Betsileo; man erkennt in dieser Sitte ganz deutlich den großen
Einfluß der malaiischen Kultur. Stirbt ein Madagasse, besonders ein
Merina, fern von seiner Heimat, dann geht sein letzter Wunsch dahin,
daß seine Angehörigen möglichst bald seine Gebeine abholen, um sie in
heimatlicher Erde, meistens in einer Familiengruft, beizusetzen. Ist
die Leiche eines Verwandten nicht aufzufinden, dann pflegt die Familie
sein Kopfkissen und seine Ruhematte statt seiner zu beerdigen oder zu
seinem Andenken am Wege oder in der Nähe des Dorfes ein Grabmal zu
errichten, das in einer Tafel oder einem Pfosten besteht (Abb. 422 und
424).
[Illustration:
Kunstverlag Karl Vincenti.