Alle Gläubigen tragen während der Feier Trauerkleidung.]

Die Pilger ziehen in großen Karawanen unter der Obhut eines Chausch

oder Führers, der für ganz besonders tapfer und umsichtig gilt,

dorthin; reiche Leute lassen sich von einem Mullah oder Priester

begleiten, der ihnen Gebete oder Stellen aus den Passionsspielen

vorliest, worauf manchmal alle Teilnehmer des Pilgerzuges antworten,

so daß die Wüste von ihren Gesängen und Gebeten widerhallt. So wandern

die Pilger Tag und Nacht weiter, alle fünfzehn Meilen etwa machen

sie halt, und wenn sie aus dem südlichen Persien kommen, schrecken

sie nicht einmal vor den Gefährlichkeiten des Lut, des schrecklichen

„Toten Herzens“ Irans, zurück, wo die Nahrungsmittel sehr knapp sind

und das Wasser salzig und schwer zu bekommen ist und wo außerdem

Räuberbanden den unbewaffneten Wanderern auflauern. Wer diese

Schrecknisse überwunden hat und an dem „Berge des Heils“ angelangt ist,

für den bedeutet es dann das höchste Glück, auf die in grünen Gärten

gebettete heilige Stadt mit dem goldenen Glanz ihrer Kuppeln und Türme

hinabzuschauen und mit Freudentränen in ein Gebet einzustimmen. Nach

einem Reinigungsbad legt der Pilger einen neuen Anzug an und betritt

die „heilige Schwelle“ durch eine Pforte, über der Ketten hängen,

zum Zeichen, daß er seine Füße auf geweihte Erde setzt. Sein Weg

führt ihn zunächst über einen alten Hof, dessen Häuser mit ausgesucht

feinen Ziegeln bedeckt sind, und dann weiter durch ein reich mit Gold

bekleidetes Portal zu einer sehr geräumigen Halle, die unter dem Namen

„Ort der Größe“ bekannt ist; von hier aus vermag er durch ein Gitter

bereits in die Grabkammer hineinzusehen, muß aber noch eine zweite

Halle durchschreiten, bis er die Freude erlebt, sich in Andacht auf

der Schwelle des goldenen Tores niederzuwerfen. Geläutert erhebt er

sich nach inbrünstigem Gebet, nähert sich dem reichen Gitterwerk und

küßt das Schloß. Von dem Reichtum der Grabkammer kann man sich kaum

eine Vorstellung machen. Das Grab ist durch drei Gitter geschützt,

von denen das mittlere aus Silber angefertigt und mit Edelsteinen

besetzt ist; darüber hängen sehr kostbare Reiherbüsche, mit Juwelen

besetzte Schwerter und Dolche, vielfach Geschenke von Fürsten. Am Fuß

des Grabes befindet sich eine mit Goldplatten bedeckte und ebenfalls

mit Edelsteinen reich verzierte Tür, kurz gesagt, das ganze Gemach

flutet sozusagen in einem Meer von Glanz. Die Pilger umkreisen das Grab

dreimal; dabei fluchen sie allen Feinden des Imams, im besonderen dem

Harun al Raschid, worauf sie zum Schluß noch zu Allah beten.

Eine auf den Straßen Persiens beinahe alltägliche Erscheinung sind

die Derwische (Abb. 325), Bettelmönche, die nicht nur durch ihre

sonderbaren Manieren, sondern auch durch ihre phantastische Tracht

auffallen. Auf dem Kopf tragen sie eine weiße, mit Koransprüchen

oder den Namen der zwölf Imame bestickte spitze Mütze, um Hals und

Brust Glasperlen in allen Farben, sowie hölzerne Kugeln und über den

Schultern noch ein Wolfs- oder Pantherfell, in der Hand meistens eine

Stahlaxt, die mit goldenen und silbernen Einlegearbeiten versehen ist,

oder wenigstens einen mit Nägeln und eisernen Knöpfen oder Spitzen

besetzten schweren Knüppel; an Messingketten hängt ihnen vom Arme die

Opferschale herab. Mit einem Horn künden sie ihr Erscheinen an und

blasen vor einem Haus so lange, bis man ihnen eine Gabe spendet.

[Illustration:

Phot. Henri D’Allemagne.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 168 / 254 题