Abb. 321. Perserin der wohlhabenden Klasse

in Besuchskleidung nach Ablegung des schwarzen Straßenumhängetuchs.]

Die Perser gelten für besonders +fanatische Schiiten+. In Erinnerung

an die Tragödie von Kerbela wird alljährlich im Monat Mohurrum eine

Art +Passionsspiele+ aufgeführt, durch die alles in so hochgradige

Aufregung gerät, daß es keineswegs zu den Seltenheiten gehört, wenn

ein Schauspieler, der den Mörder des Imams Hussein darstellt, in

Wirklichkeit getötet wird. Am zehnten Tage des Festes finden Umzüge von

Männern und Knaben aus allen Gegenden durch die Straßen statt, wobei

sich die Teilnehmer rhythmisch mit dem Rufe „O Hassan, o Hussein“ auf

die Brust schlagen. Besonders fanatische Leute, die die Prozessionen

(Abb. 323) anführen, sind in Totengewänder gekleidet und tragen am

bloßen Körper Ketten, Hufeisen und Dolche, mit denen sie sich unter

lautem Aufschreien Wunden beibringen (Abb. 324 und die farbige

Kunstbeilage) und andere dazu ermuntern. In Yedz, einer abgelegenen

Stadt mit besonders fanatischer Bevölkerung, wird ein mächtiges, mit

Fahnen, Spiegeln, Schwertern und Dolchen ausgeputztes und mit Schals

behangenes Gerüst langsam von fünfhundert Männern um den freien Platz

der Stadt getragen (Abb. 327). Wer diesen Passionsspielen (Abb. 326)

einmal beigewohnt hat, wird von der Tiefe der Gefühle, die hier zum

Ausdruck kommen, ergriffen und wird auf der anderen Seite auch den Haß

verstehen, mit dem die Schiiten ihre Feinde, die Sunniten, beständig

verfolgen. Die heilige Stadt Persiens, der Stolz der Schiitenwelt, ist

Mesched, denn dort ruhen unter einer goldenen Kuppel die sterblichen

Überreste des achten Imams, namens Riza. Der Kalif Mamun, der Sohn des

bekannten Harun al Raschid, der dort ebenfalls begraben liegt, ernannte

diesen Imam zu seinem Erben in Anerkennung der Ansprüche des Hauses

Ali, mußte aber diese Verfügung, die in Bagdad einen mächtigen Sturm

der Entrüstung hervorrief, nicht nur wieder zurücknehmen, sondern ließ

den Imam obendrein auch noch vergiften. Auf manchem persischen Bild

findet sich dieser Vorgang wiedergegeben. Für fromme Schiiten bedeutet

eine +Pilgerfahrt+ (Abb. 330) nach +Mesched+ das Höchste im Leben und

steht bei ihnen in dem gleichen Ansehen, wie eine solche nach Mekka bei

den Sunniten.

[Illustration:

Phot. N. P. Edwards.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 166 / 254 题