Die +Kleidung+ der Sibirier ist sehr einfach und der Umwelt angepaßt,
daher auch bei allen Stämmen ziemlich übereinstimmend. Männer und
Weiber kleiden sich ebenfalls gleich. Das Material besteht aus Fellen
oder Leder vom Renntier -- Renntiere sind für die Polarvölker von der
größten Bedeutung; nicht mit Unrecht bezeichnen die Ostjaken sie als
das „lebende Gold“ --, von den großen Wassersäugetieren, von Hunden
und anderen Tieren mehr. Die Golde verstehen sich besonders darauf,
Fischhaut in vorzüglicher Weise zu präparieren und sie zu Gewändern zu
verarbeiten (namentlich die Haut der Lachse); die Haut wird zunächst
getrocknet, sodann mittels hölzerner Hämmer geklopft und zu größeren
Stücken zusammengenäht. Die aus ihr hergestellten Gewänder verziert man
obendrein noch mit schönen Stickereien oder Malereien. -- Die Kleidung
(Abb. 305) setzt sich aus einer kurzen Hose und langen Stiefeln,
einem langen, bis zu den Oberschenkeln reichenden Rock oder Hemd, das
durch einen Ledergurt zusammengehalten wird, einer kapuzenartigen
Kopfbedeckung und Fausthandschuhen zusammen; die Männer tragen im
Sommer Mützen oder Hüte, die Frauen gehen entweder barhäuptig oder
setzen sich ein Häubchen auf. Das Haar lassen sich beide Geschlechter
lang wachsen, nur einige wenige Stämme schneiden es sich ab; die
mongolischen Völker tragen es nach Chinesenart. Die Frauen flechten
das Kopfhaar gewöhnlich in zwei Zöpfe und bringen daran allerlei
Zierat, wie Münzen, Perlen, Korallen, Bernsteinstücke und dergleichen,
an.
Die +Tatauierung+, die früher allgemein verbreitet war, ist neuerdings
mehr in Abnahme gekommen; doch schmückt besonders das weibliche
Geschlecht sich auch jetzt noch gern damit. Die Muster werden entweder
mittels der sonst üblichen Methode des Stechens hervorgebracht oder
mittels der des Nähens; bei diesem Verfahren zieht man durch die
Haut einen mit Ruß oder Kohle geschwärzten Faden. Die eingestochenen
Zeichnungen bestehen zumeist in einfachen Mustern, wie Kreisen,
Halbkreisen oder Doppellinien, seltener in komplizierteren Mustern
oder Tieren und Blumen. +Bemalen+ des Körpers, sowie +Durchbohren+
der Nasenscheidewand, der Unterlippe und der Ohren und Hineinstecken
von allerlei Zierat, im besonderen von Knochenstiften, kommen auch
verschiedentlich vor.
Die +Lebensweise+ der Nordvölker Asiens ist im allgemeinen eine
nomadisierende (siehe Kunstbeilage). Wenngleich einige Stämme, die
vorzugsweise dem Fang der Fische und Seetiere obliegen, eine gewisse
Seßhaftigkeit bekunden, so verlegen sie von Zeit zu Zeit doch ihren
Wohnsitz an einen anderen Ort. Die Unwirtlichkeit des Klimas zwingt
die Polarvölker, große Strecken umherziehend zurückzulegen; Renntier
(Abb. 297) und Hund (Abb. 301) erleichtern ihnen ihr Fortkommen;
Schlitten und Boot dienen als die hauptsächlichsten Beförderungsmittel.
Die wichtigste +Nahrungsquelle+ bildet die Jagd auf Bären, Wölfe,
Hirsche und kleinere Pelztiere, an den Flüssen der Fischfang und
an der Meeresküste die Jagd auf Seehunde, Walrosse, Walfische,
Seelöwen und andere große Seesäugetiere. Als besondere Delikatesse
gilt mit Zedernnüssen angefüllter und gerösteter Renntiermagen
oder gefülltes Eichhörnchen. Die Mongolenstämme genießen mehr
Schaf- und Pferdefleisch. Natürlich werden auch Pflanzenstoffe den
Speisen beigegeben, im besonderen Zwiebeln, Beeren, Sauerampfer. Von
+Genußmitteln+ kennen die Sibirier Schnaps und Tabak. Die Korjäten und
die ihnen verwandten Stämme stellen aus dem giftigen Fliegenpilz ein
stark berauschendes Getränk her. -- Von den üblichen +Kochmethoden+
verdienen zwei ältere Verfahren der Itälmen und Aleuten Erwähnung,
das Steinkochen (durch Hineinwerfen glühend gemachter Steine in ein
mit Wasser gefülltes Gefäß) und das Rösten des Fleisches zwischen
zwei ausgehöhlten und mittels Lehm zusammengefügten Steinen in der
Feuersglut. Feuer wird allgemein durch Anschlagen von Stahl an Steinen
erzeugt.
Die +Behausung+ der Sibirier ist ihrer Lebensweise und dem Klima
angepaßt. Wo sie schon eine gewisse Seßhaftigkeit erreicht haben, wie
an den Küsten, wohnen sie in Erdhütten oder Schneehäusern; dagegen
leben alle umherziehenden Völker, auch die sonst seßhaften, im Sommer
in leicht gebauten kegelförmigen Zelten aus oben zusammengebundenen
Stangen, die zur kalten Jahreszeit mit mehreren Fellen, zur wärmeren
mit Birkenrinde bedeckt werden. Der +Hausrat+ in diesen urwüchsigen
Wohnungen (Abb. 304) ist sehr bescheiden; er besteht fast nur in
einigen Gefäßen aus Birkenrinde oder Holz, Werkzeugen aus Knochen, Horn
oder Eisen und eisernen Töpfen, die man durch Tauschhandel zu erlangen
sucht, sowie in Ledersäcken. Besondere Fertigkeit bekunden die Männer
in dem Schnitzen von allerlei Geräten aus Bein oder Horn, die Frauen
in der Herstellung von Lederarbeiten und dem Benähen der Gewänder mit
schönen Mustern aus bunten Fellstückchen, Perlen, Renntierhaaren und
Ähnlichem.
Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Lebensweise aller
nordasiatischen Völker teilweise schon durch den Verkehr mit den Russen
beeinflußt ist; dies gilt von ihren Sitten, Gebräuchen und religiösen
Vorstellungen.
[Illustration:
Phot. A. Klett.