Abb. 234. Ein Schrein des Juggernaut oder Jagannath zu Puri

(Küste von Orissa).]

[Illustration:

Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 235. Ein Snanfest zu Nangalbandh.

Am achten Mondtage des Monats Chait badet man zu Nangalbandh im

Brahmaputra, um seine Sünden loszuwerden.]

Bei den Stämmen in Bengalen und Orissa, also den nördlichen Drawida,

besteht die wichtigste Handlung des Vaters des Bräutigams, nachdem die

Vorverhandlungen in der schon geschilderten Weise eingesetzt haben,

darin, daß er dem Vater der Braut das Lorie bringt, einen kurzen (etwa

drei Fuß langen) Bambusstock, der den Familiengott bergen soll. Dieser

behält ihn einige Tage bei sich und bringt ihn dann der Familie des

Bräutigams wieder zurück, womit er andeutet, daß ihm der in Vorschlag

gebrachte Schwiegersohn willkommen ist und die Angehörigen der Braut

gewillt sind, die Hochzeit vorzubereiten. Bei den Besuchen werden viel

geistige Getränke, im besonderen Haria, eingenommen, so daß beide

Parteien bereits in einen vorgeschrittenen Zustand der Trunkenheit

gelangt sind, ehe die Verhandlungen zu Ende geführt werden. Am Vortage

der Hochzeit begeben sich die Braut und ihre Familie unter Begleitung

ihrer ganzen Freundschaft nach dem Hause des Bräutigams und schlagen

in kurzer Entfernung vor ihm ein Lager auf; hier finden sie reichlich

Erfrischungen vor, vor allem ein reichliches Quantum Haria. Die ganze

Nacht wird unter dem Lärm der Tamtams und dem Getöne der Hörner und

Pfeifen gefeiert. Mit dem Morgengrauen des nächsten Tages setzt sich

der Bräutigam ganz feierlich vor seinem Hause auf einen Schemel und

erwartet seine Braut. Bei ihrem Erscheinen verbeugt er sich vor ihr

und läßt sie auf einem ähnlichen Schemel neben sich Platz nehmen. Wenn

beide so zum erstenmal als Braut und Bräutigam zusammensitzen, macht

der Baiga oder Priester den Versuch, in ihre Zukunft zu blicken und

ihr Schicksal ihnen vorauszusagen, und dies auf eine ganz merkwürdige

Weise. Nachdem er nämlich beiden je eine Haarlocke von der Mitte der

Stirn genommen und auf den Nasenrücken herabgezogen hat, gießt er

oben Öl auf den Kopf und beobachtet aufmerksam, wie es an der Locke

herabträufelt. Läuft es in gerader Linie auf die Nasenspitze herab,

dann wird die Zukunft eine glückliche sein; verbreitet es sich aber

über die Stirn oder träufelt es zu beiden Seiten der Nase herab,

so steht mit Bestimmtheit Mißgeschick zu erwarten. Für gewöhnlich

aber sagt der Baiga eine glückliche Zukunft voraus, natürlich wenn

man ihm vorher ein gutes Geschenk in Aussicht gestellt hat. Darauf

bemalen Braut und Bräutigam sich gegenseitig mit Sindur (künstlichem

Zinnober) die Stirn, wobei sie zwar nebeneinander stehen, aber die

Gesichter abwenden müssen, denn es ist von größter Wichtigkeit, daß

keiner während dieses wichtigen Vorganges, der das Paar schließlich

zu Mann und Frau macht, von dem anderen auch nur einen flüchtigen

Blick auffängt. Hieran schließen sich Musik und Tanz. Gegen Abend

nimmt der Priester, der die ganze Zeit über für das neuvermählte Paar

gebetet hat, beide an die Hand, führt sie ins Haus und schließt sie

hier sorgfältig ein. Draußen versammeln sich die Gäste unter vielem

Gelächter und verbrennen aus Übermut möglichst viel getrocknete

Cayennepfefferschoten dicht vor der Tür und den Fenstern, damit der

Rauch in das Zimmer dringe und die jungen Eheleute zum Niesen bringe,

was aber für das allerschlimmste Omen gilt. Um daher dem Unfug ein

Ende zu machen und der Gefahr des etwaigen Niesens aus dem Wege zu

gehen, ist es üblich, daß der Bräutigam hinter der geschlossenen Tür

den Gästen ein festes Versprechen macht, damit sie aufhören. Meistens

verlangen diese so und so viele Hühner oder so und so viel Haria und

drohen den Eingeschlossenen, falls sie diese Ablösung nicht bewilligen,

sie durch das Verbrennen von Schoten noch weiter zu belästigen;

sie haben auf der anderen Seite aber auch die Verpflichtung, ihre

Ansprüche nicht zu hoch zu stellen, in Anbetracht der Tatsache, daß

der junge Mann durch die Hochzeit schon genug Unkosten gehabt hat.

Nachdem das Eß- und Trinkgelage die ganze Nacht hindurch angedauert

hat, brechen die Gäste bei Morgengrauen auf. Damit endigen die

Hochzeitsfeierlichkeiten, die im großen und ganzen bei allen Stämmen

ziemlich die gleichen sind, aber in ihren Einzelheiten wohl manchmal

voneinander abweichen. Gemeinsam sind ihnen aber stets das Gelage, der

Tanz und das Auftragen von Sindur auf die Stirn.

[Illustration:

Phot. F. B. Bradley-Birt.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 134 / 254 题