Abb. 232. Die Glücksprobe beim Sohräfest.]

Kurz vor der +Hochzeit+ werden Braut und Bräutigam mit Öl und Safran

gesalbt, um dadurch die bösen Geister zu verscheuchen. Bei Anbruch des

verabredeten Hochzeitstages begibt sich der Jüngling in Begleitung

seiner Freunde bewaffnet auf den Weg zu seiner Braut; er trägt ein

besonderes Hochzeitsgewand und ist mit verschiedenen Zaubermitteln

und Amuletten, die ihn vor Unheil schützen sollen, ausgerüstet; seine

Augen sind mit Antimon oder Ruß gefärbt, auch sein Gesicht bisweilen

gänzlich bedeckt oder mit einem Schleier bekleidet. An der Grenze des

Dorfes, wo die Braut lebt, wird der Zug von einer Abteilung ihrer

Sippenleute empfangen; die Teilnehmer werden noch auf besondere Weise

gereinigt, um kein Unheil mitzubringen, und sodann in einer besonderen

Hütte außerhalb des Dorfplatzes bewirtet. Zu einer günstigen Stunde

wird nun der Bräutigam nach dem Hause seiner Zukünftigen geleitet. An

der Haustür begrüßen ihn hier deren Freundinnen mit Speisebrettern

voller Getreide und Früchte und mit einer brennenden Lampe. Diese

schwingen sie über seinem Kopfe, um noch einmal Unglück abzuwenden,

und die alten Frauen der Familie lassen ihre Fingergelenke knacken,

wodurch sie das etwa noch vorhandene Unglück auf sich nehmen wollen.

Unter Trommelwirbel und den Tönen sonstiger Musik betreten der

Bräutigam und seine Schar den Hochzeitspavillon. Ursprünglich war dies

ein heiliger Baum, unter dem die Verbindung stattfand. In moderner

Form ist daraus eine Art Pavillon geworden, der aus den Zweigen eines

solchen Baumes aufgebaut wird; zur Vermeidung von Unglück müssen die

Zweige mit besonderer Vorsicht geschnitten werden. Im Innern des

Pavillons haben die verheirateten Frauen des Stammes glückbringende

Erde zusammengetragen; kinderlose Frauen waren, weil unheilbringend,

davon ausgeschlossen. Auf dieser Erde, die oft zu einem primitiven

Herde zusammengekehrt ist, wird dann der Hochzeitsschmaus gekocht,

oder Braut und Bräutigam setzen sich darauf. Der Familien- oder

Stammesgöttin, die man mit Safranstreifen auf die Wand gemalt hat,

wird sodann gehuldigt, worauf eine der Schwestern der Braut die

Kleider des Paares zusammenknotet. Der Jüngling führt jetzt seine

junge Frau noch einigemal um das heilige Feuer im Pavillon herum und

streicht ihr Mennige auf den Haarscheitel; ein etwa anwesender Brahmane

murmelt inzwischen Gebete und Zauberformeln zur Abwendung von Unheil.

Schließlich setzt sich das Paar zusammen hin und ißt gemeinsam aus

einer Schüssel; hierdurch soll die Aufnahme der jungen Frau in den

Stamm ihres Gatten angedeutet werden. Mancherlei Bräuche sind bei der

Hochzeit noch üblich, um die Fruchtbarkeit der jungen Eheleute zu

fördern. So füllt man den Schoß der Braut mit Obst oder Getreide, oder

läßt sie mit einer Puppe spielen; sie und ihr Mann müssen ein Stück

Land pflügen und etwas aussäen, man führt die junge Frau auch abends

hinaus, um ihr den Polarstern, das Sinnbild der Beständigkeit, zu

zeigen, und anderes mehr.

[Illustration:

Phot. Fleet Agency.

Abb. 233. Tempel des Juggernaut zu Puri,

aus dem beim Rath Jatra die Götter im Triumph in einen anderen Tempel

hin- und nach zehn Tagen wieder zurückgetragen werden.]

Mit der +Heirat+ sind manche +Einschränkungen+ beziehungsweise Tabu für

die jungen Eheleute verbunden. Der Mann darf mit seiner Schwiegermutter

keinen direkten Verkehr haben, sondern, wenn er etwas von ihr will, muß

seine Frau dies vermitteln; auch muß er es nach Möglichkeit vermeiden,

ihr zu begegnen; treffen sie sich zufällig, dann muß sie beiseite

treten und ihr Gesicht verhüllen. Mann und Frau dürfen sich nicht bei

Namen anreden, besonders ist dies für die letztere strenges Gebot,

selbst bei öffentlichen Verhandlungen. Der Mann nennt seine Frau mit

dem Namen ihres Stammes oder ihrer Unterkaste, oder er bezeichnet

sie mit „Mutter von ....“ (Name eines ihrer Kinder). Nur während der

Hochzeitszeremonien ist es dem Paare erlaubt, sich gleichsam im Scherz

mit seinem richtigen Namen zu rufen. Die Frau muß auch den älteren

Brüdern ihres Mannes die höchste Ehrerbietung erweisen.

[Illustration:

Phot. Bourne & Shepherd.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 133 / 254 题