Die Sitte der brüderlichen +Vielmännerei+ besteht heutigentags noch bei
den Toda, allerdings ist sie jetzt schon mehr im Abnehmen begriffen,
denn es bürgert sich mehr und mehr bei diesem Volke der Brauch ein, daß
Brüder je ein besonderes Weib sich nehmen oder auch mehrere Männer
mehrere Weiber gemeinsam haben. Wenn ein Mädchen bei den Toda sich
verheiratet, dann wird sie gleichzeitig das Eheweib sämtlicher Brüder
des Gatten, ja es geht so weit, daß, wenn ein Mädchen schon mit einem
Knaben verheiratet wird, man sie nicht bloß als die rechtmäßige Gattin
aller lebenden jüngeren Brüder betrachtet, sondern im voraus auch
als die aller derjenigen, die noch geboren werden können. Die Brüder
leben in solcher polyandrischen Ehe einträchtig miteinander; jeder von
ihnen wohnt der Frau abwechselnd bei. Wenn aber die Brüder nicht unter
einem gemeinsamen Dach, sondern in verschiedenen Dörfern hausen, dann
lebt die gemeinsame Frau abwechselnd für eine gewisse Zeit der Reihe
nach mit jedem von ihnen zusammen. Interessant ist die Art und Weise,
wie die Vaterschaft der Kinder festgestellt wird. Wird die Frau zum
ersten Male schwanger, dann nimmt der älteste Bruder für gewöhnlich
die Zeremonie des Überreichens von Bogen und Pfeil an dem Kinde vor,
womit er andeuten will, daß er sich zum Vater des Neugeborenen bekennt;
bei der zweiten Geburt ist es wohl Sitte, daß der andere Bruder diese
Zeremonie übernimmt, für gewöhnlich aber gehören die ersten zwei bis
drei Kinder demselben Ehemanne an, und erst bei den darauffolgenden
läßt er die Zeremonie des Bogen- und Pfeilüberreichens durch einen
anderen Bruder vollziehen. Gehen die Eheleute auseinander, dann nimmt
jeder der Ehemänner die Kinder an sich, für die er sich bei der Geburt
als Vater bekannt hatte.
[Illustration:
Phot. V. Arumynayagam.
Abb. 153. Hochzeitsbrauch bei den Tamilen.
Braut und Bräutigam sitzen in einer Sänfte, die mit allerhand Zierat
und mit geschnitzten Figuren an den Ecken ausgeschmückt ist. Die die
Sänfte umstehenden Personen zeigen den charakteristischen Typus der
Tamilen, deren Haar über der Stirn wegrasiert ist.]
Bisher haben wir die +Hochzeitsbräuche+ der Bewohner Südindiens
behandelt, die nicht die allgemeine Regel bilden, sondern vielmehr
eine seltenere Erscheinung ausmachen. Wir wollen jetzt die ersteren
hier nachholen. Bereits mehrfach war von dem Tāli (auch Bottu
genannt) die Rede. Es ist dies ein goldener Ziergegenstand, welcher
der Braut (Abb. 152) um den Hals gebunden wird, nachdem er unter den
Hochzeitsgästen die Runde gemacht und deren Segen empfangen hat, und
etwa unserem Trauring entspricht, also das hindostanische Eheabzeichen
(Abbild. 155) vorstellt. Bei manchen Kasten tritt an Stelle dieses
wertvollen Gegenstandes eine Halskette aus schwarzen Perlen oder nur
ein mit Safran gefärbtes Band. Safran bildet überhaupt einen wichtigen
Bestandteil des indischen Zeremoniells. Die Sitte, sich damit das
Gesicht zu färben, ist bei den Frauen sehr verbreitet; sie meinen
dadurch ihren Männern mehr Lebensjahre zu verschaffen; daher pflegen
sie sich geradezu verschwenderisch mit Safranwasser zu waschen. Um
den bösen Blick abzuwenden, wird bei Hochzeiten ein Gefäß, das unter
anderem auch Safranwasser enthält, vor dem Brautpaar geschwungen; beide
baden sich darin und begießen sich gegenseitig damit.
[Illustration:
Phot. E. Thurston.