Abb. 138. Ein Lingayatbettler

mit bemaltem Gesicht und falschem, mähnenähnlichem Haar. Er trägt lange

Eisenstäbe, eine Glocke und Abbildungen von Gottheiten und hat einen

Rosenkranz um den Hals.]

Das ganze Leben der Hindu von der Wiege bis zum Grabe wird von

abergläubischen Vorstellungen beherrscht. Schon vor der +Geburt+ werden

an der Schwangeren zeremonielle Handlungen vorgenommen, die darauf

zurückgehen. Bei den Tiyan Malabars zum Beispiel werden Mitglieder

der Waschmännerkaste und Teufelstänzer geholt, um zur Besänftigung

der bösen Geister, die die angehende Mutter und ihr Kind belästigen

könnten, umfangreiche heilige Handlungen auszuführen. So wird unter

anderem im Verlaufe derselben ein Muster auf die Erde unter einem

Bananengestänge gezeichnet; die Frau muß um dieses herumgehen und

einen brennenden Docht hineinwerfen. Musik und Tanz begleiten diese

Zeremonie bis in die Nacht hinein, und zum Schluß des Ganzen wird ein

Huhn, manchmal ein bereits geköpftes, der Frau an die Stirn gehalten,

und Reis über sie ausgeschüttet. Die Nayar Malabars pressen aus den

Blättern eines Tamarindenbaumes den Saft aus und kochen ihn mit Reis;

der Bruder der Schwangeren schüttet davon etwas auf einer Messerklinge

ihr in den Mund. Von den Bergbagaba wird an der Schwangeren im

siebenten Monat ihrer ersten Schwangerschaft eine Zeremonie vollzogen,

bei welcher der Ehekontrakt endgültig dadurch besiegelt wird, daß der

Ehemann in Gegenwart seiner versammelten Freunde seiner Gattin einen

Faden um den Hals wirft. Verfängt er sich in den Haaren -- manchmal

wird, um dies zu erreichen, von ihr in schlauer Weise durch Hinzufügen

falschen Haares die Frisur vergrößert --, dann muß er einige Rupien

Strafe an sie zahlen. Vor dem Paar stehen zwei Schüsseln, in welche die

Verwandten ebenfalls Geldstücke für die jung Verheirateten stiften.

Ein Festschmaus wird am Schlusse veranstaltet. Bei einigen Kasten in

der Tamilgegend werden um die Schwangere im siebenten Monat, während

sie auf dem Hochzeitspodium steht, rotgefärbtes Wasser und Lichter

geschwungen, um den bösen Blick von ihr abzulenken. Sie beugt sich

sodann nieder und legt ihre Hände auf zwei große Töpfe, ihre Schwägerin

oder eine andere Verwandte gießen ihr dabei Milch aus einem Betelblatt

über den Rücken oder zeichnen ihr mit Reismehl ein Muster darauf und

gießen dann erst die Milch darüber. Die Schwester des Ehemanns schmückt

einen Stein in derselben Weise und betet, daß der Frau ein männliches

Kind, ebenso stark wie ein Stein, beschert werden möge.

[Illustration:

Phot. Wiele & Klein.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 99 / 254 题