Die beiden Hütten zur Rechten sind Vorratshäuser.]

Während ihrer +Schwangerschaft+ erfreut sich die Ainufrau ebenfalls

einer gewissen Pflege und Aufmerksamkeit. Merkwürdigerweise muß sie

sich, besonders gegen Ende der Schwangerschaft, recht viel Bewegung

verschaffen, damit das Kind recht klein bleibe und die Entbindung

leicht und schnell vonstatten gehe. Die Schwangere darf kein

Hammelfleisch essen, weil sonst das Kind eine Hasenscharte erhalten,

auch kein Geflügel, weil es sonst mit schielenden Augen zur Welt kommen

würde. Zwei Monate vor ihrer Niederkunft darf sie nicht spinnen, Seile

drehen oder Wolle wickeln, weil sonst die Eingeweide des werdenden

Kindes wie die Fäden durcheinander geraten könnten, und anderes mehr.

-- Während der +Geburt+ bleibt die Kreißende allein, weil eine größere

Anzahl von Zuschauern ihre Wehen verstärken würde, jedoch steht ihr

eine erfahrene Frau, meistens eine nahe Verwandte, bei. Diese wendet

sich auch mit Gebeten an die Geister der verstorbenen Vorfahren, die

allgemein für die Beschützer der Frauen gelten, um ihr dadurch eine

leichte Geburt zu verschaffen. Bei Eintritt der Geburtswehen wird ein

Inau in der Ecke des Herdes aus dem gleichen Grunde aufgestellt, als

Opfer für die Göttin des Feuers. Ein auf einer Matte sitzender Greis

sendet leise zu ihr ein für diesen Fall improvisiertes Gebet; fällt das

glimmende Stäbchen in der Richtung nach ihm zu, so gilt dies als ein

Anzeichen dafür, daß das Gebet erhört werden wird. Daneben kommen noch

allerlei Mittel zur Erleichterung der Geburt in Anwendung, wie Umlegen

einer aus Weidenspänen gedrehten langen Schnur oder eines getrockneten

Bärendarms um den Unterleib, sein Einreiben mit einer in ebensolche

Späne gewickelten, getrockneten Fledermaus oder mit den Bauchhaaren

einer Hündin und so weiter. -- Sobald das +Kind+ geboren ist, hebt die

Geburtshelferin es in die Höhe und ruft dabei aus: „Neuer Greis (bei

Mädchen: Neue Greisin) sei gesund.“ Die Ainu glauben nämlich, daß ihnen

die Kinder von verstorbenen Verwandten aus dem Jenseits gesandt werden,

die dort unter den gleichen Verhältnissen wie hier auf Erden wohnen.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 62. Ainufamilie vor ihrer Hütte.

Die Frau zur Linken zeigt den üblichen auftatauierten Schnurrbart, der

ihr ein männliches Aussehen verleiht.]

Von +Zwillingen+ wird der eine für teuflischer Herkunft angesehen

und getötet. Frauen, die solche zur Welt brachten, werden von ihren

Geschlechtsgenossinnen gemieden, aus Furcht, sie könnten dadurch

angesteckt werden. Dieser Aberglaube, daß erwachsene Menschen ihre

Eigenschaften auf andere übertragen können, führt zum Beispiel dazu,

daß eine unfruchtbare Frau von einem kinderreichen Weibe Geräte kauft

und sich ihrer beständig bedient oder sie mit sich trägt.

+Abtreibung+ der Leibesfrucht kommt recht häufig vor, um das Ergebnis

eines Verkehrs mit fremden Männern zu verheimlichen. Binden des

Bauches, starkes Einschnüren der Taille, Herabspringen von großer Höhe

sind die üblichen Methoden. Der Wöchnerin läßt man ebenso wie der

Schwangeren große Pflege angedeihen.

Bei dem aus Anlaß der Geburt veranstalteten Feste wird wilder Knoblauch

als Lieblingsspeise der Götter ins Feuer geworfen, um sie dadurch

zu zwingen, an der Feier teilzunehmen. Die Nachbarn finden sich zum

Schmause ein, dessen Hauptgericht mit Knoblauch gekochter Reis bildet.

[Illustration:

Phot. J. Revilliod.

Abb. 63. Bärenfest der Ainu.

Ein jung eingefangener Bär wird von den Ainu gefüttert und gepflegt,

um später unter großer Festlichkeit getötet und verspeist zu werden.

Die Bärenjagd gilt bei den Ainu als vornehmste Beschäftigung und das

Bärenfleisch als größter Leckerbissen. Vor der Jagd werden Gebete

abgehalten.]

Die +Toten+ der Ainu werden gewaschen und mit ihren Waffen und

sonstigen Habseligkeiten wie auch Schmuck entweder in Matten gewickelt

oder in Bretterkisten gelegt; gleichzeitig opfert man den Geistern

der Verstorbenen Speise und Trank. Stirbt jemand unnatürlichen oder

gewaltsamen Todes, so bringen sich die Angehörigen mit einem Messer

leichte Wunden an der Stirn bei und opfern das herausquellende Blut dem

Toten. Die +Beerdigung+ findet für gewöhnlich in der Nacht im Walde

statt. Die Stätte, wo der Tote beigesetzt wurde, bezeichnet man durch

einen mittels roher Rindeneinschnitte verzierten Pfahl oder Baumstamm,

der, wenn es sich um eine Person männlichen Geschlechts handelt, in

halber Höhe einen phallusartig zugestutzten Ast trägt (Abbild. 65)

oder, wenn um eine weibliche, an seinem oberen Ende mit einem oder

zwei länglichen Löchern versehen ist (Abbild. 66). An Beigaben legt

man an diesen Grabstätten die Kleider, die Angelhaken, Pfeile oder

Pfeilspitzen und Glasperlen entweder in Täschchen oder direkt auf der

Erde nieder. Die +Trauer+ dauert je nach dem Grade der Verwandtschaft

ein bis drei Jahre; als Zeichen für dieselbe trägt man eine eigenartige

Mütze. Nach einem Jahr vom Todestage an kommen sämtliche Verwandte

zusammen, vermeiden aber, etwas über den Toten zu sprechen, aus Furcht,

es könnten die Geister der Verschiedenen zurückkommen und sie ängstigen.

[Illustration:

Phot. J. Revilliod.

Abb. 64. Bärenschädel, zur Anbetung von den Ainu auf Pfählen

aufgesteckt.]

[Illustration:

Aus: „Zeitschr. f. Anthropologie, Ethnogr. u. Urgeschichte d.

Menschen“.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 72 / 254 题