Die Dienerin legt den Obi, den wichtigsten Teil der Frauenkleidung, an.]

Die Japaner genießen einen Ruf als tüchtige +Handwerker+, die eine

Reihe von aus China überkommenen Fertigkeiten zu einer wahren Kunst

weiterentwickelt haben. Es sei nur an die Seidenindustrie, die Email-

und Tauschierarbeiten, den Bronzeguß, das Waffenschmiedehandwerk, die

Lackierkunst, die Malerei, die feinere Keramik, die Kleinplastik in

Elfenbein, Holz, Horn und so weiter erinnert. Stets erwiesen sich die

Japaner weniger als Erfinder eigener Ideen, denn als Verarbeiter der

ihnen von außen zugetragenen Gedanken, womit sie im geraden Gegensatz

zu den Chinesen stehen, die an ihrer althergebrachten Kultur mit

Zähigkeit festhalten. -- Die Japanerinnen bekunden eine besondere

Fertigkeit in dem künstlerischen Zusammenstellen von Blumensträußen,

worin sie eine sorgfältige Ausbildung erfahren. Das Geheimnis der

japanischen Blumenstraußkunst besteht in der Ausarbeitung scharfer

Silhouetten, in der sorgfältigen Harmonie zwischen Strauß und Gefäß,

die sich auf eine Übereinstimmung in der Linie sowie in der Farbe

erstrecken muß, und in der Vermeidung jeder gleichmäßigen oder

langweiligen Anordnung der Blumen, die leicht, graziös und originell

zusammengestellt sein müssen.

[Illustration: Abb. 15. Zwei sehr jugendliche Mädchen vom Satsumatypus.]

Die Japaner sind stets +heiteren Charakters+, und diese ihre

Fröhlichkeit kommt unter anderem auch in ihren zahlreichen Festen

und anmutigen +Tänzen+ (siehe die Kunstbeilage) zum Ausdruck. Am

bekanntesten sind das Kirschblütenfest und das Chrysanthemumfest;

bei beiden herrscht große Lustigkeit. Beim Einsetzen der Kirschblüte

strömen Tausende und aber Tausende hinaus, um sich an der Blütenpracht

zu erfreuen und sich dem lustigen Spiel des Dichtens hinzugeben; man

verfertigt kleine Gedichtchen, schreibt sie auf Zettel und hängt

sie an den Zweigen auf. Beim Chrysanthemumfest finden großartige

Ausstellungen dieser Pflanze, deren Kultur sich die Japaner besonders

angelegen sein lassen, statt, und lebensgroße Figuren werden aus den

Topfpflanzen in wirksamer Anordnung zusammengestellt. Im Herbst, wenn

die Ernte gelungen ist, feiern die Bauern das Strohpuppenfest gleichsam

als Erntedankfest für die Götter. Sie tanzen dabei unter Singen und

Begleitung von Trommel und Flöte im Kreise umher. Die Tänzer sind

mit einer eigenartigen Kopfmaske bekleidet, die einer Garbe gleicht,

wie sie auf dem Felde aus Reishalmen, mit nach unten gerichtetem

Fruchtständer, aufgestellt werden (siehe die Kunstbeilage). Sehr

beliebt sind auch die Onotänze, eine Art dramatischer Aufführungen aus

alter Zeit in jetzt schwer verständlicher, wenn auch schöner Sprache,

bei der die Vorführenden besonders prächtig gekleidet sind (Abb. 27 und

28).

Bevor abendländische Ideen in Japan Eingang fanden, herrschte hier

ein streng ausgesprochenes +Kastenwesen+. An der Spitze stand der

Hochadel, dessen verschiedene Familien sich wieder im Range abstuften

und aus deren vornehmsten der Mikado sich seine ebenbürtige Gattin

holte. Den zweiten Stand bildeten die Krieger, deren wichtigste

Klasse die Samurai (Abb. 29), die Ritterschaft, waren. Sie standen

als Vasallen unter den Schogunen und Daimyo und hatten das Recht, das

Schwert zu tragen. Traditionell und in hohem Grade entwickelt war bei

ihnen der Ehrbegriff, das Bushido, unter dessen Einfluß die Ritter,

sofern sie die Reinheit ihrer Ehre für angetastet hielten und keine

Vergeltung üben konnten, Harakiri vornahmen, das heißt sich durch

Aufschlitzen des Bauches selbst entleibten.

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 16. Wie man im Innern von Japan reist.

Man wird von zwei Leuten auf deren Schultern in einem „Kago“ getragen.

Die Träger sind mit einer blauen, mit weißen oder roten Mustern

bestickten Livree bekleidet. Sie laufen am Tage dreißig bis vierzig

Kilometer.]

Die +Nationalreligion+ der Japaner ist der +Shintoismus+ (Abb. 21

und 24), „der Pfad der (einheimischen) Götter“, ein Name, der diesen

Kultus von dem im sechsten Jahrhundert nach Christus eingeführten

Buddhismus (Butsu-do = „Weg des Buddha“) unterscheiden soll. Infolge

der anderthalbtausend Jahre, während deren der Buddhismus (Abb. 23)

mit dieser primitiven Naturreligion zusammen ausgeübt wird, hat er

manches von dieser angenommen. Die Hunderte von Gottheiten umfassende

Götterwelt des Shinto kannte nicht nur die Naturgötter der Bäume,

Felsen, Berge, des Windes, des Meeres, der Sonne, des Mondes, des

Donners und Feuers, sondern auch solche Gottheiten, die um das Wohl

des Hausstandes besorgt sind, wie einen Gott des Brunnens, des großen

Kessels, der Badestube und sogar der Bratpfanne; auch berühmte Helden

und Vorfahren wurden in diese Götterwelt versetzt. Man nimmt an,

daß der Shintoismus sich selbständig aus dem japanischen Gedanken

entwickelt hat, den die Vorfahren bereits nach dem Insellande

mitbrachten, und daß der Ahnenkultus, der jetzt seinen Grundzug

vorstellt, aus den alten Begräbnisgebräuchen hervorgegangen ist. Nach

der Shintolehre formten zwei hohe Wesen, Izanagi und Izanami, die

japanischen Inseln und erzeugten eine Anzahl himmlischer und irdischer

Gottheiten, deren bedeutendste die Sonnengöttin Amaterasu war. Einer

ihrer Nachkommen wurde der erste Mikado, daher sind alle japanischen

Kaiser göttlicher Abstammung und gleichzeitig Hohepriester des Volkes.

Der Shintoismus hat niemals ein festes Glaubensbekenntnis formuliert,

noch bestimmte Gebote aufgestellt. Er lehrte nur, daß der Mensch mit

der Erkenntnis dessen, was gut und böse ist, im Herzen geboren werde

und daß er, wenn er der Eingebung dieses seines himmlischen Gewissens

folge, von dem „Pfad der Götter“ niemals abweichen könne. Er predigte

auch den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, ein Fortleben nach

dem Tode in einer unsichtbaren Welt. Er unterscheidet sich ferner von

anderen Glaubensbekenntnissen des Ostens durch die hohe Stellung, die

er der Frau einräumt. Die in Ise, dem Hauptverehrungsorte, angebeteten

Gottheiten sind weiblich, die Göttin der Sonne und die der Nahrung,

und ein jeder Ortstempel hält sich jungfräuliche Priesterinnen, die

zu Ehren der Gottheit tanzen (Abb. 25). Erst durch die Einführung des

Konfuzianismus und Buddhismus ist die Stellung der Frau herabgesetzt

worden.

[Illustration:

Phot. Gebr. Haeckel.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 61 / 254 题