»Vielleicht kommt dafür etwas anderes?«
»Was sollte kommen, Sahib?«
»Vielleicht ein Sohn.«
»O Gott,« sagte Panja betroffen, »wer denkt gleich an das Schlimmste!? Aber
auch, wenn ich mich darüber freuen sollte, so kann ich doch nicht an einen
Sohn denken, wenn ich keinen habe.«
»Ist das Vergessen schöner oder die Erinnerung, Panja? Sieh um dich in der
Natur, wohin du willst, und unter den Menschen, immer geht die Liebe mit
der Erinnerung und das Laster mit dem Vergessen. Ist nicht ein Kind die
schönste Erinnerung an die Liebe und der lieblichste Begleiter auf dem Wege
vom Sommer zum Herbst?«
Panja rückte an seinem Turban und kratzte sich umständlich, was immer ein
Beweis war, daß etwas über seine Sinnenwelt hinaus in sein Herz gesunken
war, aber es blieb in der Regel sein einziges Zugeständnis an mich.
»Ich bin kein Brahmine,« sagte er endlich, »warum soll ich also nachdenken?
Du hast nur deshalb schöne Gedanken, Sahib, weil du die Frauen nicht
kennst. Wenn du einmal ein Weib genommen hast, so werden die guten Gedanken
ausbleiben.«
Ich mußte lachen, und Panja triumphierte. Nun war er es, der mich belehrte.
»Vielleicht sind die Frauen deines Landes anders, Sahib, aber
wahrscheinlich ist es mit den Frauen wie mit der Palme, überall in der Welt
ist sie dieselbe. Hast du niemals gemerkt, daß sie im Grunde alle dumm
sind? Du kannst es daran sehen, daß sie sich in gleichem Maße vor einem
Tiger fürchten wie vor einer Maus, denn nicht einmal zwischen diesen beiden
Tieren können sie den Unterschied herausbringen. So kennen sie auch bei den
Männern keine Unterschiede, und als der beste erscheint ihnen immer der,
den sie lieben.«
»Ist das nicht ein Vorzug?«
Aber Panja ließ sich nicht ablenken: »Sagst du etwas recht Dummes, so
reißen sie die Augen auf und strahlen, nur weil es vielleicht auf das
Gleichgültigste der Welt zutrifft; sagst du aber etwas Gescheites, was alle
Klugen bewundern würden, so vergessen sie es sofort, nur, weil sie es nicht
in ihr Haar stecken können. Oh, was kann nicht alles geschehen! Mit der
Zeit wird vielleicht deine Liebe abnehmen, und du kehrst zu vernünftigen
Gedanken zurück, aber dann nimmt die ihre genau in dem Maße zu, wie sie dir
gleichgültig wird. Sie behängt dich mit allem, was sie ausdenkt oder
findet, wie einen wundertätigen Götzen, bis du anfängst, selbst so
Ungeheuerliches von dir zu glauben, daß du ein Gespött der Männer wirst.
Wie aber ist es erst, wenn dein Herz an dem ihren hängen bleibt, und dein
Eifer und deine Mühe machen sie kälter und kälter? Gib du selbst alles, was
du hast, und ohne Rückhalt dich selbst, sofort fängt sie an, nach anderen
Männern Ausschau zu halten. Die Seele solcher Frauen ist wie eine Grube,
die kleiner wird, je mehr man hinzutut, und das Elend in deinem Hause nimmt
kein Ende. Ach, du weißt nicht, wie es selbst den Braven ergeht! Du hast
einmal gesagt, durch Geben wird niemand arm, aber alles, was einem
herzlosen Weib gegeben wird, ist verloren.«
»Das ist vielleicht richtig, Panja,« unterbrach ich seinen Eifer, »aber
nicht alle Frauen sind herzlos.«
»O Sahib, solange du lieben mußt, ist in deinen Augen alles schön, was du
an einer Frau erblickst,« entgegnete Panja überzeugt, »und das Böse an ihr
entfacht nur den Eifer deiner Gunst.«
So fuhr Panja fort, mir noch lange die irdische Misere der Herzen zu
schildern, die lieben, oder die es wollen, ohne es zu können, oder müssen,
ohne es zu wollen. Ich antwortete ihm wenig, aber es wurde mir deutlich,
wie viele Männer unserer Zeit und unseres Landes über eine ähnliche
Betrachtung der Frau niemals hinausgekommen sind. Hatte Panjas Anschauung
auch zweifellos die heitere Beigabe einer kindlichen Auffassung, so lag ihr
doch ein Urteil zugrunde, das mir, im nachdenklichen Sinn bewegt, nur allzu
vertraut war. Wenn ich ihm nur beiläufig widersprach, so bedachte ich bei
meiner Zurückhaltung seine Jugend und die Tatsache, daß die meisten Männer
erst durch die Erfahrung belehrt werden, und daß niemandes Erlebnisse
größer sind als er selbst. Auch dient eine solche oder ähnliche
Betrachtungsart gutmütigen Jünglingen zu einer Vorsicht, die dem Grade
ihrer Widerstandskraft angepaßt sein mag.
Aber im Grunde ist es nicht gut, in solchen Anschauungen allzu lange ein
Kind zu bleiben, und ich habe die Männer selten sonderlich ernst zu nehmen
vermocht, die der Frau die selbständigen Kräfte des Gemüts nur deshalb
absprachen, weil sie anderer Art als die des Mannes sind; denn nur
Oberflächliche rechnen Verborgenes leichtfertig dem Fehlenden zu. Auch
bleibt es hinreichend lächerlich, Eigenschaften der Frau zu tadeln, die wir
nicht genug loben können, solange ihre Wirkung uns selbst zugute kommt. Je
eher das Gemüts- und Geistesleben einer Frau im Zusammenhang mit ihren
Eigenschaften einen Charakter darstellt, um so sicherer wird sie auch ohne
äußere Erfahrung die Wahl treffen, die ihrem Werte entspricht. Dieser Wert
aber wird sich, nach ihrer Entscheidung, nicht in ihrer Fähigkeit zeigen,
die Männer gerecht miteinander vergleichen zu können, sondern in ihrer
Beständigkeit.
So ging mancher Morgen in nachdenklicher Plauderei und gedankenlosem Spiel
mit Nichtigkeiten herum, die Sonne begann uns Irdische dieser gesegneten
Zone langsam wieder an Beständigkeit zu übertreffen, an Treue und Kraft.
Wie es manchen auf der Reise ergehen mag, so verlangte es auch mich, im
Übermaß der sonntäglichen Freiheit, nun oft nach der herben Sicherheit
jener höheren Freiheit im Geist, die uns bei ganzer Anspannung unserer
besten Kräfte vergönnt ist. Aber dies Klima erlaubt unserem Blut nicht den
Ernst unserer Rasse, nicht den Eigensinn zur Tätigkeit, der ihr
eigentümlich ist, und am wenigsten die Neigung zu beständiger Arbeit.
Ungezählte unseres Volkes sind, solange die Geschichte es kennt, den
Verführungen der südlichen Sonne erlegen, fast unvermerkt, unheilbar der
Süßigkeit des tatenlosen Genusses verfallen, und erst nach eingebüßter
Lebenskraft zu jenem Heimweh aufgeschreckt, das im Glanz der weichen Tage
zu einer wollüstigen Wehmut herabgesunken war.
Oft, wenn ich am Meeresstrand unter schattigen Bäumen lag und Traum und
Wille sich im Blau des Himmels und des Wassers schaukelten, gedachte ich
Homers und seines Helden, der, an den Mastbaum seines Schiffes gefesselt,
mit empfänglichen Sinnen, machtlos und zerrissen von Verlangen, an dem
gepriesenen Eiland vorüberfuhr, erkennend und durch den Geist gefeit, vom
Verstand gemeistert, der älter war als sein Verlangen, hingegeben und
beherrscht. Oft beneidete ich ihn, oft bedauerte ich ihn, wie einen, den
die Kälte seines Geistes vom Altar beseligter Hingabe verbannt hat. Aber in
meinen Träumen erschienen mir die singenden Frauen, und ich ahnte unter dem
Glanz ihrer lockenden Leiber die tödliche Kraft ihrer mörderischen Krallen.
Es trieb mich, bei innerer Ruhlosigkeit, äußerlich von einem zum andern,
ich versuchte zu arbeiten, verbrannte aber bald nach den armen Anfängen die
untüchtigen Versuche, die Herrlichkeit um mich her in Worten und Gestalten
zu bannen. Entzündete die Sonne ihr grüngoldenes Morgenfeuer in den
Büschen, die meine Fenster einhüllten, so tauchten meine Sinne in der
Ahnung einer Vollkommenheit unter, die jedes Menschenwerk zu nichtigem und
vergänglichem Tand herabsetzte, es gab nur Befreitheit in andächtiger
Hingabe.
Panja beobachtete mich sorgenvoll, und eines Tages meinte er:
»Sahib, weshalb verbrennst du dein Papier nicht, bevor du es beschreibst?«
Nun, das ärgerte mich. Zu solcher Frage hat ein Diener kein Recht.
»Dummkopf,« sagte ich, »weißt du nicht, daß man Gedanken auf ein Blatt
Papier niederschreiben kann, und daß, wenn beide zugleich verbrannt werden,
der Gedanke als Rauch in die Köpfe von Menschen zieht, die wir von unserer
Meinung überzeugen wollen?«
Panja riß die Augen auf und schwieg andächtig. Er hatte es noch nicht
gewußt. Nach einiger Zeit ertappte ich ihn darüber, daß er im Garten unter
merkwürdigen Sprüngen einen Brief verbrannte, und entfernte mich mit der
Genugtuung, daß enttäuschte Hoffnungen ihn für seine unbotmäßige Frage
strafen würden.
Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich flüchtig
in Berührung, es sind tätige und ernste Leute, die in kleinen Industrien
die übergetretenen Eingeborenen beschäftigen und den Geisteskampf mit den
gebildeten Repräsentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos
wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor
dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einfältige Glaube, es hier mit
»finsterem Heidentum« zu tun zu haben, ist der beste Weg zur gründlichen
Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und
Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder
fatal macht, ist ihre bewußte Beschränkung und Ausschließlichkeit in einer
Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht,
recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen hört, und
das Lächerliche solcher Erscheinungen beruht darauf, daß ihre Einfalt mit
Großartigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt.
Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald
zu erkennen sind, ist ihre Fähigkeit, über alle Dinge mitzureden, sie zu
beurteilen oder einzuschätzen, ohne daß sie sich je die Mühe gemacht
hätten, sie auch zu verstehen. Naturgemäß verbindet sich mit einem solchen
Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe für die Kehrseite
der Dinge, die sich überall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich,
übersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige
Linienführung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, daß das
Selbstbewußtsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, daß sie
die Schattenseiten anders gesinnter Brüder oder fernliegender Dinge zuerst,
oder gar ausschließlich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln,
als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewußtsein fast stündlich
Nahrung und entwickelt sich auf das prächtigste. Panja meinte einmal,
nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten:
»Diese Herren sind wie der König von Schamaji, immer herrschen sie, aber
man weiß nicht, warum oder über wen.«
Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank für ihre
Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten
sich deshalb für etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Großes
geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht
worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich über diese
Leute vorangeschickt habe, ungern in den verpönten Ruhm kommen möchte, auf
der Bank der Spötter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen,
wie ich sie gehört habe:
In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich
jüngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im übrigen so
gesegneten Königreichs Württemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur
Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Außerordentliches leistete. Sie
sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein
verrichtet zu werden pflegt, daß es Gott dem Herrn in seinem
unerforschlichen Ratschluß gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits
erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte
sie die Gemeinde in bekümmertem Werben von geneigter Stirn inständig auf,
Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen
Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und
Männer und Frauen der Versammlung beschäftigten sich eine angemessene
Zeitlang vor Gottes Augen in inniger Fürbitte mit dem Bandwurm der jungen
Dame und mit der Laufbahn, welche für die Zukunft dieses merkwürdigen Tiers
erhofft wurde.
Am Schluß der Versammlung erklärte eine freundliche Beisitzerin im Saale,
daß sich in ihren Privatbeständen ein wirkungsvolles Mittel befände, dem
auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und
dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der nächsten
Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung
machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen Fürbitte bei ihrer
Tochter gewirkt habe. Sie erzählte mit bewegter Stimme den Versammelten,
daß der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen
Zustande, daß sich aber ein großer Frieden in seinen Zügen ausgedrückt
habe. --
Daß Gottes Hand sichtbar über dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute
waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte
hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst
erprobten Manne erzählt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner
Laufbahn an einem schönen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt,
erblickte er plötzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam.
Gott gab dem bestürzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Gedanken ein,
der zur Errettung führte. Auf der Terrasse stand zum Glück, von der letzten
Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in
pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch
in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den
Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses
Instrument stürzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem
Glauben an seine Aussichten, den bekannten schönen Choral zu spielen:
Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn' ich dir?
Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis
aufzusuchen.
* * * * *
Eines Nachmittags, als ein Händler aus Kaschmir seine bunten Messingvasen
und Stickereien auf meiner Veranda zur Schau ausbreitete, kam ein Bote aus
der Stadt und blieb nach Art der eingeborenen Diener bescheiden am Aufgang
zur Treppe stehen, eine Anrede erwartend. Es kamen zu vielerlei kleine
Nachrichten für Panja oder den Koch, als daß ich den Fremden sonderlich
beachtete, er räusperte sich nach einer Weile dezent, und als ich
hinübersah, legte er die Hand an die Stirn und verneigte sich zum zweiten
Male. So ging es mich an, und ich winkte ihm.
»Du kommst mir gelegen,« sagte ich, »wie viel Wert hat nach deiner Meinung
dieser mit Gold bemalte Vorhang, du bist unparteiisch, sag' es mir.«
Der Fremde prüfte das Tuch und die Arbeit aufmerksam, mir schien aber, als
besänne er sich dabei auf einen Ausweg, zugleich meiner und der Forderung
des Händlers gerecht zu werden. Dann sagte er:
»Ich kenne den Wert dieser Arbeiten nicht genau, aber ich kenne Dewan
Chundar, den Kaufmann, der dich bedient, und weiß, daß er gerecht und
vorsichtig ist.«
»Wenn er es nicht wäre, so könnte er es von dir lernen«, sagte ich. Die
Antwort gefiel mir, und ich betrachtete den Ankömmling genauer. Seine
Gewandung war sorgfältig und gut und ohne Anlehnung an die europäische
Kleidung, der rote Turban war aus Seide, das weiße Hüftentuch breit gelegt,
und es reichte, wie eine weite Pumphose, bis an die Knie, ein kurzes
Jäckchen aus dunklem Tuch, wie es die Perser in Bombay tragen, verhüllte
Brust und Arme.
»Und du selbst? Was führt dich zu mir?«
»Mein Herr bittet dich, ihn morgen um diese Stunde zu erwarten, er dankt
dem fremden Sahib für seine Bitte.«
»Du dienst dem Brahminen Mangesche Rao?«
»Mein Herr ist Bahadur Mangesche Rao.«
Der stille Sklave erhielt eine Silberrupie, mein Herz schlug vor freudiger
Überraschung. Eigentlich ohne rechte Hoffnung auf den Erfolg meiner Mühe
war ich dem Rat des Kollektors gefolgt und hatte den Brahminen in einem
Brief angegangen, ob er willens sei, mir Unterricht im Sanskrit und in der
Geschichte seines Landes zu geben. Mir war in den letzten Wochen zumut
gewesen, als müßte ich mir durch meine leichtfertigen Umtriebe in der Stadt
das Vertrauen dieses ernsten Politikers und Diplomaten verscherzt haben,
denn ich fiel auf, da ich mich sowohl anders als die Engländer benahm, als
auch die Gebräuche der Missionare nicht eben zum Vorbild wählte. Sonst gab
es wenig Europäer in Mangalore. Panja hatte mir allerlei Lustiges über die
Bilder berichtet, die man sich im Volk von mir machte, ich galt hier als
verkappter Spion der englischen Regierung, dort als Perlenhändler und im
niedern Volk als Zauberer, weil ich einmal mit einem Taschenkünstler in
Konkurrenz getreten war, der noch niemals ein Spiel französischer Karten
gesehen hatte und von der Volte so wenig verstand, wie ich vom
Schlangenbändigen.
Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Anstoß an meinem Ruf
genommen. Der Händler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest
des Tages zum gemächlichen Einpacken seiner Schätze, offenbar hatte das
Geschäft, das er mit mir gemacht hatte, ihm ermöglicht, sich für einige
Wochen ins Privatleben zurückzuziehen. Ich rief nach Panja.
»Ich weiß schon,« sagte er kalt, »du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer
Zeit werden wir alle drei gehängt werden.«
»Woher weißt du denn, wer kommt?«
»Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib.«
Ich war überzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht für mich
bürgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden,
überraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht
eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als stünden
Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, daß Panja diesem Besuch
ungern entgegensah, er häufte alles an Schmähungen und Verdächtigungen an,
was er aus einem zweitausendjährigen Ruf dieser Kaste nur immer in
Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene
alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegenüber eigentümlich ist,
und die kein Haß und keine Furcht verdrängt haben.
Mangesche Rao kam am nächsten Tage mit großer Pünktlichkeit genau zur
angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die
Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Zügel führte, diesmal
ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen gedämpften Zuruf an, der mir
in seiner seltsamen Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos
unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und
würdevoll.
Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der Tür
entgegentrat, er reichte mir nach europäischer Sitte die Hand, das einzige,
was mich außer seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste
mahnte, war die eigentümliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an
der Schwelle der Tür ablegte, um das fremde Haus mit nackten Füßen zu
betreten. Er bückte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen
Schuhe blieben zurück, wie durch einen Zauberspruch von den Füßen gelöst.
Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck
gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf
mich machte. So groß das Selbstbewußtsein eines Menschen sein mag, der sich
seines Werts bewußt ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner
Wirkung die Erkenntnis abhalten, daß ein anderer nur so viel würdigen kann,
als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag für den Brahminen gewiß kein
Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorzüge anzunehmen. Ich
war überrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein
sein sorgfältig rasiertes und sehr schmales Gesicht ließ darüber in
Zweifel, sondern vor allem seine ungewöhnlich schlanke Gestalt und die
Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt
war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem
gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfaßte
mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom
Geist der Jahrtausende, die ihrem späten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie
einen Kranz um die Schläfen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber
jener Träume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht
waren, beglückte mich, und mir erschien, als stünde ich erst heute
wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse.
Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an,
als läge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu prüfen. Es ist
das erstemal gewesen, daß diese Bescheidenheit der Überlegenheit mir
wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche
Besorgnis in jenem Prüfen liegt, mit dem wir in den meisten Fällen einer
neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit
der Augen wirkte höflich und verbreitete eine Gelassenheit, als gäbe es in
der Welt nichts Natürlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die
Erzählung des Kollektors und mußte über seinen Eifer lächeln, mit dem er
sich bemüht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo
die Besorgnis des Engländers ihren Ursprung hatte, und war über nichts so
glücklich, als daß kein politisches Interesse den Brahminen und mich
zusammengeführt hatte.
So mag es gekommen sein, daß ich ohne Rückhalt, ohne kleinliche Vorsicht
und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu
bemerken, daß ich nichts zu verlieren fürchtete, als seine persönliche
Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den Äußerungen meines
Temperaments auf meine Gesinnung schloß. Offenbar hatte er, ohne falsch
oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde
unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Prüfungen vorgenommen,
deren Resultat den Rest seiner Befürchtungen zerstreute. Wir sprachen von
der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die
deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, höflich gegen mich, als den
Landsmann ihrer Vertreter, das Beste über diese Leute, was sich über sie
sagen ließ.
Ich war jung genug, nicht ohne weiteres zu dulden, daß ich mit diesen
Propheten der heiligen Einfalt zusammen das Deutsche Reich in Indien
repräsentieren sollte, und sagte:
»Die Leute sind einfältig.«
»Das schließt ihre Aufrichtigkeit nicht aus«, meinte Mangesche Rao, doch
ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzufügen:
»Sie müssen Ihnen wenig schaden, da Sie so nachsichtig sind.«
Mangesche Rao lächelte, meine Unvorsichtigkeit schien ihm wohlzutun, und so
bemerkte er leichthin:
»Wir begegnen einander nur auf Gebieten, die wir ihnen überlassen.«
Seine Meinung über die Jesuiten unterschied sich wesentlich von der über
die protestantische Mission, und aus den Ansprüchen, die er durch die
Wirksamkeit und Eigenart dieses Ordens befriedigt sah, merkte ich rasch,
wie wenig ihm alles galt, was nicht im Geistigen zu suchen war.
Aus keiner Einzelheit, die unsere Unterhaltung berührte, war bisher zu
entnehmen, daß mein Gast sich auch nur beiläufig um Politik bekümmerte, ja
auch nur das kleinste Interesse am Ergehen des Landes, an seiner
wirtschaftlichen oder sozialen Lage nahm. Ich war vorübergehend in Zweifel,
ob sich der Kollektor nicht mit seiner Annahme im Irrtum befand und die
Unschuld seines vermeintlichen Gegners für höchste Verstellungskunst
gehalten hatte.
Die Sonne trieb ihr buntes Spiel im ruhigen Raum, der Besuch saß im
gedämpften Licht, und sein Anblick erfüllte mich mit der stolzen Freude des
Gastgebers einem ungewöhnlichen Fremden gegenüber. Der blaue Vorhang, den
ich am Tage vorher erstanden hatte, schmückte die Wand meines Zimmers als
Hintergrund, und die Schultern, das glänzende schwarze Haar und das
gedämpfte Seidengelb vom Turban Mangesche Raos hoben sich unwirklich und
fremdartig davon ab, mir erschien der Anblick zuweilen wie ein Bild aus der
Märchenwelt von TausendundeineNacht. Panja, lautlos und vorsichtig, brachte
Tee und Tabak, ich war nicht wenig darüber erstaunt, als ich sah, wie tief
und feierlich er den Brahminen begrüßte, der durch einen Blick dankte, ohne
auch nur die Stirn zu neigen.
Es schien dem Gast nach einer Weile in Frage und Antwort doch zu hastig zu
gehen. Die vornehmen Inder verkehren mit den Europäern in außerordentlich
gesetzter Weise und haben sich in ihrem Umgang mit den Herren ihres Landes
daran gewöhnt, das Wort als ein Mittel zu betrachten, um die Gedanken zu
verbergen. Diese Kunst haben sie gewiß nicht erst in ihren Kämpfen mit den
mohammedanischen oder englischen Eroberern gelernt, aber sie sind zu oft
getäuscht worden, um nicht mißtrauisch zu sein, bis zur Verstecktheit. Wie
ich Mangesche Rao später kennen lernte, lag seiner Natur der Freimut näher
als die Verstellung, aber zu Beginn unserer Bekanntschaft prüfte er meine
Äußerungen wieder und wieder darauf hin, was sie hinter ihrem Wortlaut
bedeuten möchten, oder was darüber hinaus. Das ließ ihn oft zögern oder
schweigen, und ich erkannte bald, daß mein bestes Mittel, ihn rascher zu
Vertrauen zu gewinnen, sicherlich eine gewisse Gleichgültigkeit gegen jede
Vorsicht war. Aber welcher Vorsichtige erwägt nicht, selbst vor der
arglosen Gebärde einer Preisgabe, die Möglichkeit eines Mittels zu
verborgenem Zweck? Mangesche Rao wählte geschickt einen Weg, der ihm
Gelegenheit zu beiläufigem Beobachten und Schweigen gab, er nahm vom
Nebentisch ein Schachbrett und begann, wie in Gedanken und scheinbar
unbeteiligt, die Figuren zu ordnen.
Das Spiel, das sich alsbald zwischen uns ergab, war sehr erheiternd für
mich, aber es dauerte nur kurze Zeit. Der Brahmine sagte mir nach dem
vierten Zuge, den ich machte, mit höflichem Bedauern mein unvermeidliches
Geschick voraus und fragte mich, auf welchem Feld des Bretts mein König am
liebsten seinen Untergang erlebte. Ich gab es an, und der hölzerne Fürst
rutschte, eine Weile von eigenen und fremden Kriegern bedrängt, wie ein
gescholtener Kuli hin und her, bis er seine unrühmliche Herrschaft, von
einem feindlichen Bauern aus dem Hinterhalt überfallen, auf jenem Felde
aufgab, das ich bestimmt hatte.
»Dem geht es ähnlich unter Ihrem Verstand wie dem englischen Kollektor«,
sagte ich und lachte.
Ohne Besinnen antwortete mir Mangesche Rao:
»Überschätzen Sie die kleine Arbeit nicht, die dem Beamten zu schaffen
macht, ich hoffe, das alles einmal wirkungsvoller zu sagen.«
»Also Sie haben es geschrieben und geben es ohne weiteres zu?«
»Was ich unter vier Augen zugebe, kann ich unter sechs ohne Mühe
widerrufen. Aber glauben Sie, daß mir von einer Regierung Gefahr droht, die
nicht den Mut hat, unumwunden zu fragen, aus Furcht eine Antwort zu
erhalten, die sie zu einem Eingriff zwänge? Mich schützt nicht meine
Geschicklichkeit, sie war zur Hälfte Nachsicht gegen die Persönlichkeit
dessen, der sie nicht zu übertreffen vermochte; was mich schützt, sind die
Macht und der Wille der Gleichgesinnten im Reich.«
»So wissen Sie auch, daß ich zuweilen ein Gast des Kollektors war?« fragte
ich, aufs höchste angeregt.
Mangesche Rao nickte. »Es ist leichter für uns, in Mangalore einen Europäer
zu beobachten, als umgekehrt. Zu Anfang habe ich den Gedanken erwogen, Sie
möchten mich im Interesse der englischen Regierung zu sich geladen haben,
deshalb bin ich gekommen. Aber dieser Gedanke war falsch.«
»Was bürgt Ihnen dafür?«
»Ihr Bemühen, arglos zu erscheinen,« sagte der Brahmine und lächelte, »auf
diese Art versuchen es nur Leute, die es sind.«
Ich lachte, und da er ernst blieb, fragte ich:
»Und wenn ich nun, Ihrer Meinung zum Trotz, vielleicht nur aus
gleichgültigem Unterhaltungsbedürfnis, dem Kollektor Ihr Geständnis
erzählte?«
»Sie würden sich weder Dank erwerben, noch Schaden tun«, meinte der
Brahmine, ohne ein Anzeichen von besonderem Interesse. »Es ist niemandem
wichtig, Dinge zum zehnten Mal zu hören, die er weiß.«
Der Tag verlief damit, daß ich Mangesche Rao meine in seinem Lande
verbrachten Tage von Anfang bis zu Ende erzählte. Ich sprach nicht nur von
Ereignissen, sondern auch von den Empfindungen, welche mich bewogen hatten,
sie zu suchen. Er hörte mir mit ruhigen Augen zu, warf hier und da eine
Frage ein, die mir sein Verständnis erwies und mich zu immer größerem
Freimut bewegte. So gestand ich ihm endlich auch den Grund ein, aus welchem
ich ihn gebeten hatte mein Haus aufzusuchen, und seine Freude war nicht
ohne Stolz, als er mir auf seine vornehme Art versicherte, das Beste seines
geistigen Eigentums sei so weit das meine, als ich Verlangen danach trüge.
»Ich begreife den Geist, der Sie in die Welt hinaustreibt,« sagte er zum
Abschied zu mir. »Immer erfaßt bei allen Völkern Einzelne diese
Rastlosigkeit, sie finden nirgend Ruhe und mischen die Welt. Mit ihnen
gehen Segen oder Unsegen, und diese entstehen nach dem Maße des Werts
solcher Menschen. Die Einen treibt ihre ungebändigte Fülle hinaus, die
Anderen ihre Leere. Die letzteren glauben bereichert zurückzukehren, aber
sie lassen überall nur Unordnung und Verwirrung zurück, auch bringen sie
in Wahrheit nichts heim, denn in leeren Köpfen ist am wenigsten Platz. Die
Reichen aber geben, indem sie suchen, und der Notstand ihrer Wanderung
gereicht oft denen zum Nutzen, die ihnen begegnen.«