So waren die Eindrücke, die ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in
Mangalore erhielt, außerordentlich bunt und mannigfach, und so eifrig ich
nach dem Sinn der Erscheinungen forschte, so verwirrte mich das meiste
eher, als daß es mein Verständnis förderte. Aber wie der glückliche Zustand
fröhlichen Wohlbefindens, besonders in der Jugend, eher zu gedankenloser
Hingabe, als zu hingebenden Gedanken führt, so ließ ich die farbigen Bilder
an meinen Augen vorüberziehen, wie ein munterer Wanderer die wechselnde
Landschaft, und wenig von allem sank in mein Herz, bis zu jenem Tage, an
dem Mangesche Rao mein Haus betrat.
Panjas Übermut verführte mich oft zu frohsinniger Oberflächlichkeit, wir
bummelten am Hafen umher, der sich von Tag zu Tag mehr belebte, ließen uns
zur Jagd auf Sumpfvögel die Flußarme emporrudern, die etwa um das Zehnfache
breiter erschienen, als am Tage unserer Ankunft, wagten hier unser Leben
und dort unser Geld und vergaßen miteinander, daß es in der Welt noch etwas
anderes gab, als diese grüne, blühende Wildnis und diese bunte Stadt.
Vor den Tempeln und der Basarstraße gab es Feste heidnischen
Götzendienstes, am Hafen Schlägereien zwischen mohammedanischen Hindus und
den Negern, die in großen Seglern von Arabien kamen, um Gewürze
einzutauschen. Es war ergötzlich, dem bald trägen, bald ausschweifenden
Leben des Hafens beizuwohnen, in beschaulicher Tatlosigkeit der englischen
Regierung und dem lieben Gott die Sorge für das eigene und fremde
Wohlergehen überlassend. Ich schloß Freundschaft mit Negern, Elefanten und
Königen, von denen allen es in Mangalore ein gut Teil gibt. Der Frühling
spendete uns Rausch, Vergessen und Andacht, der durchsonnte Lebensstrom,
der die ganze Stadt überflutete, riß uns mit sich fort.
Eingehüllt in die Geheimnisse der Fremde, wieder erlöst durch die
himmlische Klarheit der Sonne und geleitet von der unermüdlichen Lebenslust
der Jugend, flossen meine Tage dahin. Meine letzten Bücher wurden ein Raub
der Insekten, meine Gedanken eine Beute der Träume, und selbst meine
Zukunftshoffnungen fielen für lange dem sanften Rausch so vergänglicher wie
überwältigender Genüsse zum Opfer. Ich erwachte unter dem Glitzern der
Sonnenspeere, die durch die Blumen und Palmengefieder in mein Zimmer
sanken, unter dem Duft des Tees, den Panja mir an mein Lager brachte, und
meine erste Erwartung galt der grünlichen feuchten Landzigarre, die, dick
und lang wie ein Treibhausspargel, aus besten Blättern gewickelt worden
war. Der goldene Tag zog herum bei Schmetterlingsjagden oder Kahnfahrten,
am frischen Meer oder im tiefen Schatten des Palmendickichts, zwischen
weisen und närrischen Menschen oder Tieren, zu Pferd oder zu Fuß verbracht,
und immer in jener unnennbaren Erhobenheit, die das Bewußtsein einträgt,
von allen geachtet oder gefürchtet, sicherlich aber für etwas ganz
Außerordentliches angesehen zu werden. Bis der kühle Abend niedersank, mit
dem Gesang der Menschen, dem gespenstig wandernden Licht der großen
Leuchtkäfer, den Lauten der liebesseligen Tiere, und ob ich die weißen
Nächte im Schein des gewaltigen Monds allein zubrachte oder nicht, werde
ich nicht sagen, denn es gibt zu viele Menschen, die solcherlei Erwägungen
in ernstliche Besorgnis wirft, und man soll niemand Sorge bereiten, am
wenigsten durch die Erinnerung an eigene Freuden.
Auf diesem so ausgedehnten Gebiet muß Panja in ernstliche Bedrängnisse
geraten sein, eines Morgens schüttete er mir sein Herz aus. Das hatte
einen ganz besonderen Grund, und der Anlaß waren zwei lange Schrammen, die
vom Auge über seine Wange niederliefen, und deren Ursprung sich um so
leichter erraten ließ, als er die Nacht über fort gewesen war.
Als er sah, daß ich sein Gesicht musterte, während er das Frühstück
bereitete, meinte er bedauernd:
»Diese Dornen, Sahib! Man weiß nicht, wie man ihnen im Dunkeln entgehen
soll, es ist Zeit, daß ich im Garten wieder Platz schaffe.« Und wir klagten
eine Weile miteinander über die Dornen.
»Zuweilen sitzen zwei nebeneinander,« sagte ich, »ähnlich wie die
Fingernägel einer Hand.«
Panja musterte mich mißtrauisch, aber da ich ernst blieb, meinte er
zögernd:
»Ja, auch das, es kommt allerlei vor.« Aber dann mußte er doch ein Lächeln
gewahr geworden sein, denn er sprang ärgerlich auf, stampfte mit dem Fuß
und rief:
»Also weißt du es, Sahib! Gut, aber was wird dadurch besser? Ist es schön
von dir, jemand zu verhöhnen, der ohnehin Undank geerntet hat?«
Ich beruhigte ihn und sprach ihm Trost ein, er war ernstlich erbittert und
weit davon entfernt, auch nur einen Schatten von Schuld an diesem Unheil
bei sich zu suchen. Da wurde er melancholisch, wie gutmütige Leute mit
bösem Gewissen es leicht werden, wenn man ihr Verbrechen auf andere
schiebt.
»Kratzen die Frauen deines Landes auch?« fragte er, da er mein bewiesenes
Verständnis aus meinen Erfahrungen ableitete.
»Und wie, Panja! Sich und andere.«
»Spotte nicht,« bat er, »dies sind ernste Dinge, und wenn ich auf den
Schlaf warte, so muß ich viel darüber nachdenken.« Und er blinzelte in die
Morgensonne, die grünes Feuer im Palmengitter entzündete, und spiegelte
sich dann gedankenvoll in einer runden Kupferkanne, die ihm sein Bild
ähnlich zurückgegeben haben mag, wie die Welt seiner Gedanken in seinem
Kopf aussah.
»Warum heiratest du nicht?« fragte ich ihn. Es war einen Augenblick still.
Das Geschrei der Handelsleute und Ausrufer von der Basarstraße klang zu uns
herüber, und die Zweige im Gebüsch schaukelten unter dem Morgenspaziergang
irgendeines größeren Tiers.
»Vielleicht ein Affe«, meinte Panja. Man sah, er dachte an etwas anderes.
»Gut,« brach er plötzlich eifrig los, »ich heirate, aber was dann? Es ist
nicht verlockend, zu wissen, was einen auf dem Nachtlager erwartet, solange
man jung ist. Zur Liebe gehören die Neugierde und die Gefahr, die erlaubte
Liebe ist wie ein gefangener Vogel.«
Ich beschloß, ein wenig ernster zu werden, und sagte deshalb leichthin:
»Wenn es nur das gäbe, was du jetzt Liebe nennst, Panja, so hättest du
recht, aber es kann vorkommen, daß das Herz sich überall wie ein gefangener
Vogel vorkommt, nur nicht dort, wo eine bestimmte Frau wartet.«