Er stöhnte wie ein Ur.
Horst sagte ihm, daß die Siedler seinen Rat und seine Hilfe brauchten.
Wirklich! Erst nähmen sie ihm das Beste weg, und zum Lohn dafür sollte
er helfen! Christenlehre! Reißt dir einer die Tabakspfeife aus der Hand
-- gib du ihm Feuer, daß er sie sich auch anrauchen kann! Hahahaha!
Die Stube schüttelte sich, der Eichentisch tanzte Ballett.
Dann schimpfte er auf die ganze Moorwirtschaft hier. Nie hätte er
gekonnt, wie er wollte. Der Besitzer, Herr von Borkhus, hätte nun mal
keinen Sinn fürs Moor. Was ein Gemütsfehler wäre. Seine Tochter, Frau
von Mönkhov, hätte diesen Sinn -- und wäre die nicht, gäb es hier den
Torfmeister Lud Uhlenbrook längst nicht mehr.
Das Zwanzigfache hätte sich allein aus dem Torfstich herausholen lassen.
Aber keine Unternehmungslust, kein Blick, kein Verstand. Selbst für die
kümmerlichsten Abfuhrstraßen hätte er bis aufs Blut kämpfen müssen.
Und das Moor ist so brav, so fleißig im Nachwachsen, im Nachschaffen, es
gibt und schenkt so gern. So treu ist es gegen die, die es kennen und
liebhaben -- böse nur gegen die, die nichts von ihm wissen und nichts
von ihm wissen wollen. Ob er etwas von ihm wisse?
Nein.
Dann solle er sich nur nicht einfallen lassen, in einer Sturmnacht übers
Moor zu wandern. Wenn ihn die Schlünde und Gründe nicht verschluckten,
all das, was dann aufgeschreckt wäre aus den Tiefen -- heillos würde es
ihm die Sinne verstören.
Arm und zu bedauern sei er, daß er nichts vom Moore wisse. Nichts vom
schlafenden Moor -- nichts von seinen Träumen -- nichts von seinem
Erwachen. Von den Moornebeln nichts, nichts von dem Moorleuchten. Von
seiner Frühlingspracht nichts, wenn die unzähligen goldenen Blumen es
bestirnten -- nichts von all dem Summen und Zirpen und Tirilieren, von
seiner Musik, so vielstimmig und so abgetönt wie keine auf der Welt.
Und die Abenddämmer, die an das Geschwundene rührten -- die hellen
Nächte, da der Mond die Elfen ruft -- die schwarzgrollenden
Unwetternächte, in denen die geizigen Zwerge und Gnome mit ihren
Irrlichtern nachsuchen, wohin die Blitze ihr Gold gestreut.
Was ruht alles im Schoß des Moores! Kämpfer und Helden, die das Gewoge
der Schlacht hier hineinstieß. Könige, die der Ruhm hier im Grabe
bettete. Selige selbstvergessene Frauen, die im Traumschritt
hinüberwandelten, und die der Tod hinabzog, selbst wie ein Traum --
Unselige, die der Gram hier versenkte.
Das Meer, das grausame, zerstört. Alles, was es hinabschlingt, gibt es
der Verwesung preis, den Zähnen seiner Bewohner, und wirft und speit die
eklen Reste wieder von sich -- das Moor sorgsam und sanft, balsamiert
alles ein, bewahrt dem Toten die Schönheit des Lebens, hat Freude an der
Form und Lust am Erhalten.
So ist das Moor, denn das Moor hat ein Herz!
Dies war der Klang, in dem der Alte sich vernehmen ließ, auf seine Art.
Und diese Art stieg über ihn selbst hinaus, da er dem, was ihm ans Leben
gewachsen war, seine Hymnen sang.
Horst hatte seine Freude an dem Alten. Er wußte, daß sie beide auch
jenseits vom Moor sich nahe kommen würden. »Ich will mich bemühen,«
sagte er, »Ihren Freund zu verstehen. Und womöglich auch Freundschaft
mit ihm zu schließen.«
Sie sprachen dann über die Torflieferung für den Ziegeleibetrieb. Dem
Siedlungswerk an sich war der Torfmeister zugetan, und er versprach ihm
seine Förderung.
Und dann strömte auch ihr Fühlen und ihr Gespräch in die große deutsche
Not. Der Torfmeister hatte seine festen Gedanken. Dies war kein grader
Krieg -- schief kam er und aus der Ecke! Was ging uns um Haut und Haar
das an, was da unten bei den Mausefallenhändlern passierte! Ich war 66
und 70 dabei -- da wußten wir, was wir wollten! Aber hier wußten wir
nicht mal, was die anderen wollten. Und darum, es war krumm und dumm von
vornherein. Und doch krümmer und dümmer, was wir all die Jahre vorher
angestellt haben, uns all die vielen Feinde aufzuhalsen.
Hierüber brauchten die beiden sich nun nicht weiter zu verständigen. Sie
landeten jetzt bei dem Heute, bei dem, was diesem Landstrich beschieden
war.
Hier hat es schon vor dem Kriege gezuckt und getuckt, sagte der Alte.
Gewiß, vieles, was so von Leuteschinderei geredet werde, sei Hetze und
Geschwätze. Aber mancher Gutsherr habe doch sein Teil auf dem Kerbholz.
Das Volk wäre ducknackig und trüge viel, aber es fräße alles in sich
hinein, und vergäße nie. Da hätte sich also schon was angesammelt. Und
jetzt, wo die Funken durchs Land flögen --!
Wie es in Moorhof aussehe?
Herr von Borkhus gehöre nun gewiß nicht zu den Gewaltherrn. Er habe ein
Herz für die Arbeiter. Aber er behandele sie nicht gleichmäßig. Leicht
risse sein heißes Herrenblut ihn fort -- hinterher täte es ihm leid, und
überschwenglich verwöhnte er dann die Leute. So aber bekäme man sie
nicht in die Hand.
»Sie meinen also auch, uns steht hier noch verschiedenes bevor?«
»Ganz gewiß. Wo jetzt die heftigen Brüder von auswärts kommen und das,
was hier glimmt, mit vollen Backen anblasen.«
»In der Stadt hat sich ja jetzt was zusammengetan.«
»Ja. Seit da nun noch der rote Magistrat die Fuchtel schwingt.«
Und nun ist Horst wieder bei seiner Revolutionärin. »Sagen Sie mal, Sie
sind doch auch der Friedhofswärter?«
»Ja -- und?«
»Wissen Sie, daß da eben eine Dame eingesperrt war?«
»Nein. Wer?«
Horst beschreibt sie. Und jetzt kommt eine fliegende Erregung über den
grauen Riesen. Das sei Lona Grahl gewesen! Seine kleine Freundin! Die
habe das Grab ihres Geliebten besucht! Und nun müßte er, der Alte, mit
seinem kranken Beinwerk gerade den Schlüssel nicht haben! Die
Küsterdirn, die dumme, die sich vor Gespenstern fürchte, habe natürlich
in dem Nebel vor Abend schon blindlings zugeschlossen und danach
spornstreichs Reißaus genommen. »Aber sonst pflegte Lona doch immer nach
ihrem Kirchhofsbesuch bei mir einzusehen! Sollten Sie sie mir vergrämt
haben!«
Fast zornig flammte es aus den alten jungen Augen gegen Horst.
Der erhebt sich. »Es tut mir leid. Sie weiß, daß ich politisch ihr
Todfeind bin. Sie weiß auch um meine freundschaftliche Gesinnung für
Herrn von Borkhus.«
Die schwere Pranke des Alten legt sich auf den Arm seines Gastes. Die
Aufwallung reut ihn.
»Bleiben Sie noch sitzen. Die Kleine steht mir nahe. Ich hab sie als
Kind auf dem Arm gehabt. Sie stammt aus unserer Gegend. Ihr Vater war
Pastor in Unkvitz. -- Sie sehen die Kirche südwärts vom Moor. Das war
ein Mann -- was haben wir den geliebt! Zu dem gingen wir alle und nicht
zu unserem Pastor hier. Jung war er und fröhlich -- und wenn man ihn
bloß ansah, wurde man schon ein besserer Mensch. Und was konnte er die
Orgel spielen! Jeden zweiten Sonntag gab er ein Kirchenkonzert. Was
Beine hatte und Ohren drängte sich dazu. Und seine Frau sang, wie ein
Engel aus dem Himmel sang sie. Die war eine berühmte Sängerin gewesen,
aber ihren Mann hatte sie lieber als all ihren Ruhm. Und ganz plötzlich
-- ich weiß nicht, was der Herrgott sich dabei gedacht hat -- plötzlich
stirbt dieser Mann. Hatte an einem Krankenbett sich angesteckt. Die Frau
wurde wahnsinnig. Verwandte holten das Kind. Es war damals zwei Jahr.
Ich ging auch gerade zur Bahn. Da habe ich das Wurm den ganzen Tag
getragen. Und das war der Anfang unserer Freundschaft. Dann habe ich die
ganze Zeit nichts von ihr gesehen und gehört. Jetzt ist sie wieder
aufgetaucht. Und schlimm genug ist das, was sie wieder in die Heimat
geführt hat.«
Der Alte stöhnte und schwieg eine Weile.
»Als wir ihren Freund hier begruben -- sie war sein einziges Gefolge.
Der Geistliche, der hier damals amtierte -- unser Pastor Wärmann lag
noch verwundet im Lazarett -- na ja, er gab wohl her, was er konnte,
aber schließlich -- der Tote ein Revolutionär. Und sie die Geliebte
eines Revolutionärs. Die wahre Liebe und der wahre Trost war es nicht.
Ich hab dann die Kleine mit nach Hause genommen. Und an meiner Brust hat
sie sich ausgeweint.«
Horst hörte hingegeben zu. Und nun sah er sie hilfsbedürftig in den
Armen dieses alten Mannes. Hilfsbedürftig -- das reimte sich ihm so
wenig zu ihrer Art. Und ihre Augen in Tränen -- diese Augen mit ihren
wilden Bränden und ihrer schaurigen Erloschenheit.
Er wollte mehr wissen, aber er brauchte nicht zu fragen. Der Torfmeister
war mit dem Recht seiner Jahre redselig geworden.
»Jetzt will sie hier bleiben. Sie hat sich in der Stadt niedergelassen.
Als Musiklehrerin. Aber die Musik -- na, vor allem macht sie jetzt hier
die Musik der Revolutionsmänner mit. Ihr Freund war Maler, und sie kommt
von der Musik her, und sie hat mir gesagt, was so die Jungen von der
Kunst wären, die wären alle revolutionär -- oder sie wären taube Nüsse.«
»Wir haben auch noch eine andere Jugend!« sagte Horst lächelnd, mit
Bedacht.
»Davon verstehe ich nichts. Aber -- bei alledem ist mir nicht behaglich.
Sie bleibt nicht bloß hier, um das Grab zu pflegen. Sie hat noch etwas
anderes im Sinn. Was manchmal in ihren Augen umgeht! Und wenn man daran
denkt, daß ihre Mutter im Wahnsinn geendet hat --! --«