Und ihre Hoffnung hatte sie nicht betrogen. Sie genas und erst als
die Herbsttage kamen, und das Gedeihen des Kindes und vor allem auch
ihr eigenes Wohlbefinden einen Aufbruch gestattete, verließen sie die
Stadt, an die sie sich durch ernste und heitere Stunden aufs innigste
gekettet fühlten, und gingen in die Schweiz, um in dem lieblichsten
der Täler, in dem Tale »zwischen den Seen« eine neue vorläufige Rast zu
suchen.
Und sie lebten hier glücklich-stille Wochen, und erst als ein scharfer
Nordwest vom Thuner See nach dem Brienzer hinüber fuhr und den Tag
darauf der Schnee so dicht fiel, daß nicht nur die »Jungfrau«, sondern
auch jede kleinste Kuppe verschneit und vereist ins Tal hernieder sah,
sagte Melanie: »Nun ist es Zeit. Es kleidet nicht jeden Menschen das
Alter und nicht jede Landschaft der Schnee. Der Winter ist in diesem
Tale nicht zu Haus oder paßt wenigstens nicht recht hierher. Und ich
möchte nun wieder +da+ hin, wo man sich mit ihm eingelebt hat und ihn
versteht.«
»Ich glaube gar,« lachte Rubehn, »du sehnst dich nach der
Rousseau-Insel!«
»Ja,« sagte sie. »Und nach viel anderem noch. Sieh, in drei Stunden
könnte ich von hier aus in Genf sein und das Haus wiedersehen, darin
ich geboren wurde. Aber ich habe keine Sehnsucht danach. Es zieht mich
nach dem +Norden+ hin und ich empfind' ihn mehr und mehr als meine
Herzensheimat. Und was auch dazwischen liegt, er muß es bleiben.«
* * * * *
Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und Melanie wieder in
der Hauptstadt eingetroffen und mit ihnen die Vreni oder »das Vrenel«,
eine derbe schweizerische Magd, die sie, während ihres Aufenthaltes
in Interlaken, zur Abwartung des Kindes angenommen hatten. Eine
vorzügliche Wahl. Am Bahnhof aber waren sie von Rubehns jüngerem Bruder
empfangen und in ihre Wohnung eingeführt worden: eine reizende Mansarde
dicht am Westende des Tiergartens, ebenso reich wie geschmackvoll
eingerichtet, und beinah Wand an Wand mit Duquede. »Sollen wir gute
Nachbarschaft mit ihm halten?« hatten sie sich im Augenblick ihres
Eintretens unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt.
Melanie war sehr glücklich über Wohnung und Einrichtung, überhaupt
über alles, und gleich am andern Vormittage setzte sie sich, als sie
allein war, in eine der tiefen Fensternischen und sah auf die bereiften
Bäume des Parks und auf ein paar Eichkätzchen, die sich haschten und
von Ast zu Ast sprangen. Wie oft hatte sie dem zugesehen, wenn sie mit
Liddi und Heth durch den Tiergarten gefahren war! Es stand plötzlich
alles wieder vor ihr, und sie fühlte, daß ein Schatten auf die heiteren
Bilder ihrer Seele fiel.
Endlich aber zog es auch +sie+ hinaus, und sie wollte die Stadt wieder
sehen, die Stadt und bekannte Menschen. Aber wen? Sie konnte nur bei
der Freundin, bei dem Musikfräulein vorsprechen. Und sie tat es auch,
ohne daß sie schließlich eine Freude davon gehabt hätte. Anastasia kam
ihr vertraulich und beinah überheblich entgegen, und in begreiflicher
Verstimmung darüber kehrte Melanie nach Hause zurück. Auch hier war
nicht alles, wie es sein sollte, das Vrenel in schlechter Laune, die
Zimmer überheizt, und ihre Heiterkeit kam erst wieder, als sie Rubehns
Stimme draußen auf dem Vorflur hörte.
Und nun trat er ein.
Es war um die Teestunde, das Wasser brodelte schon, und sie nahm des
geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd mit ihm über den dicken,
türkischen Teppich hin. Aber er litt von der Hitze, die sie mit ihrem
Taschentuche vergeblich fortzufächeln bemüht war. »Und nun sind wir im
Norden!« lachte er. »Und nun sage, haben wir im Süden je so was von
Glut und Samum auszuhalten gehabt?«
»O doch, Ruben. Entsinnst du dich noch, als wir das erstemal nach dem
Lido hinausfuhren? Ich wenigstens vergeß' es nicht. All mein Lebtag
hab' ich mich nicht so geängstigt, wie damals auf dem Schiff: erst
die Schwüle und dann der Sturm. Und dazwischen das Blitzen. Und wenn
es noch ein Blitzen gewesen wäre! Aber wie feurige Laken fiel es vom
Himmel. Und du warst so ruhig.«
»Das bin ich immer, Herz, oder such' es wenigstens zu sein. Mit unserer
Unruhe wird nichts geändert und noch weniger gebessert.«
»Ich weiß doch nicht, ob du recht hast. In unserer Angst und Sorge
beten wir, auch wir, die wir's in unseren guten Tagen an uns kommen
lassen. Und das versöhnt die Götter. Denn sie wollen, daß wir uns in
unserer Kleinheit und Hilfsbedürftigkeit fühlen lernen. Und haben sie
nicht recht?«
»Ich weiß nur, daß +du+ recht hast. Immer. Und dir zu Liebe sollen auch
die Götter recht haben. Bist du zufrieden damit?«
»Ja und nein. Was Liebe darin ist, ist gut, oder ich hör' es wenigstens
gern. Aber ...«
»Lassen wir das ›aber‹ und nehmen wir lieber unseren Tee, der uns
ohnehin schon erwartet. Und er hilft auch immer und gegen alles, und
wird uns auch aus dieser afrikanischen Hitze helfen. Um aber sicher zu
gehen, will ich doch lieber noch das Fenster öffnen.« Und er tat's, und
unter dem halb aufgezogenen Rouleau hin zog eine milde Nachtluft ein.
»Wie mild und weich,« sagte Melanie.
»Zu weich,« entgegnete Rubehn. »Und wir werden uns auf kältere
Luftströme gefaßt machen müssen.«
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