Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben, in dem dunklen
Gefühl, daß eine rasche Beförderung auch eine rasche Antwort erzwingen
könne. Aber diese Antwort blieb aus, und die darin liegende Kränkung
würde sehr schmerzlich empfunden worden sein, wenn nicht Melanie
wenige Tage nach Absendung des Briefes, in ihre frühere Melancholie
zurückverfallen wäre. Sie glaubte bestimmt, daß sie sterben werde,
versuchte zu lächeln und brach doch plötzlich in einen Strom von Tränen
aus. Denn sie hing am Leben und genoß inmitten ihres Schmerzes +ein+
unendliches Glück: die Nähe des geliebten Mannes.
Und sie hatte wohl recht, sich dieses Glückes zu freuen. Denn alle
Tugenden Rubehns zeigten sich um so heller, je trüber die Tage waren.
Er kannte nur Rücksicht; keine Mißstimmung, keine Klage wurde laut, und
über das Vornehme seiner Natur wurde die Zurückhaltung darin vergessen.
Und so vergingen trübe Wochen.
Ein deutscher Arzt endlich, den man zu Rate zog, erklärte, daß vor
allem das Stillsitzen vermieden, dagegen umgekehrt für beständig
neue Eindrücke gesorgt werden müsse. Mit anderen Worten, das was er
vorschlug, war ein beständiger Orts- und Luftwechsel. Ein solch
tagtägliches Hin und Her sei freilich selber ein Übel, aber ein
kleineres, und jedenfalls das einzige Mittel, der inneren Ruhelosigkeit
abzuhelfen.
Und so wurden denn neue Reisepläne geschmiedet und von der Kranken
apathisch angenommen.
In kurzen Etappen, unter geflissentlicher Vermeidung von Eisenbahn
und großen Straßen, ging es, durch Umbrien, immer höher hinauf an der
Ostküste hin, bis sich plötzlich herausstellte, daß man nur noch zehn
Meilen von Venedig entfernt sei. Und siehe, da kam ihr ein tiefes und
sehnsüchtiges Verlangen, ihrer Stunde dort warten zu wollen. Und sie
war plötzlich wie verändert und lachte wieder und sagte: »Della Salute!
Weißt du noch? ... Es heimelt mich an, es erquickt mich: das Wohl, das
Heil! O, komm. Dahin wollen wir.«
Und sie gingen, und dort war es, wo die bange Stunde kam. Und einen
Tag lang wußte der Zeiger nicht, wohin er sich zu stellen habe, ob
auf Leben oder Tod. Als aber am Abend, von über dem Wasser her, ein
wunderbares Läuten begann, und die todmatte Frau auf ihre Frage »von
wo« die Antwort empfing »von Della Salute«, da richtete sie sich auf
und sagte: »Nun weiß ich, daß ich leben werde.«
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