Ein weißer Falter gaukelte vorüber.
»Das ist wohl der letzte!« sagte Herr Heinrich. »Auch er wird sterben.
Aber er war mit der Sonne gut Freund und darf nun einen Tag genießen,
den Tausende seinesgleichen nicht erlebten.«
Sie sahen dem Falter nach. Er folgte mit seinem Flug dem Lauf der
Straße, flatterte um die weißen Steine, hob sich empor zu den Wipfeln
der Bäume, gaukelte zurück auf die niedere Hecke, aus deren Gezweig der
Wind die silberig blitzenden Spinnfäden wehte, und bald sich verhaltend,
bald wieder eilig weiterfliegend, erreichte er die große Wiese vor dem
neuen Haus. Hier suchte er jede verspätete Blume auf und sog aus dem
welkenden Kelch noch einen Tropfen Seim.
[Fußnote 37: Theophilus = der Gottliebende.]
Dann flatterte er an der weißen Mauer empor, und lange, lange gaukelte
er um das mit Bändern geschmückte Tannenbäumchen auf dem First.
Hand in Hand, mit brennenden Gesichtern, traten Haymo und Gittli aus der
Tür.
»Wo sind sie denn?« stammelte Gittli. »Schau nur, Haymo, sie sind nimmer
da!«
Suchend blickten die beiden umher. Da näherten sich langsame Schritte
dem Tor. Ulei, der Bildschnitzer, betrat das Gehöft. Er trug auf den
Armen eine hohe Figur, die von grüner Leinwand umhüllt war.
»Das soll ich abgeben, hat's geheißen. Es gehört über die Tür hinauf!«
sagte er.
Ulei stellte die Figur auf die Steinbank und löste mit zitternden Händen
das Tuch.
»Haymo, schau nur! So was Liebes und Schönes! Wie wenn's lebig wär und
tät uns anschauen!«
Leichte Röte huschte über Uleis bleiche Züge. Das Lob hatte ihm Freude
gemacht. Wortlos wandte er sich ab und verließ das Gehöft. Haymo und
Gittli merkten nicht, daß er ging. Sie standen schweigend
aneinandergelehnt und betrachteten das mit Farben bemalte Schnitzwerk.
Der Sockel stellte eine graue Wolke dar, umringelt von einer Schlange,
auf deren Kopf das Bildnis mit beiden Füßen stand. Ein blaues Kleid
verhüllte mit eng gereihten, strengen Falten den ganzen Körper; die
schlanken Finger hielten einen Lilienstengel; das weiße Gesicht mit den
blauen Augen war leicht geneigt, und gleich einem Mantel fiel das
gelöste Blondhaar um die Schultern. Die Stirne schmückte ein Kranz aus
blühenden Schneerosen.
»Haymo! Schau doch ihr Gesicht an!« flüsterte Gittli. »Merkst du nit,
wem es gleich schaut?«
Er nickte und stand in den Anblick des Bildes versunken.
Gittli faltete die Hände, und während glitzernde Tropfen über ihre
Wangen rollten, sprach sie leise ein Gebet.
»Was meinst du?« sagte Haymo. »Wenn ich's gleich hinaufstellen tät? Die
hütet unser Haus. Die schon!«
Er wälzte einen hohen Pflock herbei, und während er das Bildwerk achtsam
emporhob in die Mauernische, eilte Gittli davon; sie suchte und suchte,
aber sie fand nur welkende Blumen. Da sah sie das rankende Immergrün,
das sich neben dem Hoftor um den Stamm der alten Ulme spann. Sie brach
alle Ranken, und Haymo flocht sie um den Sockel des Bildes.
Nun standen sie wieder Seite an Seite, eines den Arm um den Hals des
andern gelegt, und blickten zu dem Bild empor.
»Gelt?« flüsterte Haymo. »Die soll die ersten Blumen haben all Jahr!«
»Allweil die schönsten. Und wenn es lenzen tut, steigen wir miteinander
hinauf in die Röt. Und da kann der Schnee haustief liegen. Wir holen
einen Rosenstrauß herunter, gelt?«
Sie reichten sich die Hände.
Nach einer Weile sagte Haymo, tief atmend: »Komm, Schatz, wir müssen die
Herren suchen! Mein Gott, sag nur, wie sollen wir so viel Guttat
heimzahlen können?«
»Gelt, ja?« lispelte Gittli. Eine bessere Antwort wußte sie nicht.
Haymo sperrte die Tür und zog den Schlüssel ab. Als sie das Hoftor schon
erreicht hatten, fragte Gittli: »Hast du auch richtig zugesperrt? Und
zweimal umgedreht?«
»Wohl!«
»Schauen wir lieber nochmal hin!«
Sie gingen zur Tür zurück, und eins nach dem anderen rüttelte an der
Klinke.
Nun machten sie sich auf den Weg. Beim Hoftor blieben sie noch lange
stehen, betrachteten das Haus, und immer wieder kehrten ihre Blicke zu
dem Bild über der Tür zurück.
Haymo schüttelte immer wieder den Kopf. Plötzlich zog er das Weidmesser
aus der Scheide und drückte die scharfe Spitze in den Rücken seiner
Hand.
»Jesus, was treibst du denn!« stammelte Gittli erschrocken.
»Spüren möcht ich, ob ich wach! Allweil mein' ich, daß ich träumen tu
und müßt aufwachen mit jedem Augenblick!«
»Geh! Wie du einen ängstigen kannst!« Gittli klammerte die Arme um
seinen Hals.
Er küßte sie -- wieder und wieder -- und schien dabei doch endlich die
Überzeugung zu gewinnen, daß er völlig wach wäre.
Langsam gingen sie zwischen den Hecken dahin. Sie mußten sich dicht
aneinanderschmiegen, denn der Pfad war schmal.
* * * * *
Herr Heinrich hatte wahr prophezeit. Über vier Wochen hielt der neue
Wildmeister Hochzeit. Pater Theophilus legte die Hände des jungen Paares
ineinander; als er den Segen sprach, schwankte vor freudiger Bewegung
seine Stimme, daß sie bei jedem Wort zu erlöschen drohte. Gittlis Augen
waren leuchtend zu ihm emporgerichtet. Seit dem vergangenen Abend wußte
sie, daß es ihr Vater war, dem sie alles Glück verdankte.
Bis auf den letzten Platz war die Kirche gefüllt. Zuvörderst im
Herrenstuhl, neben Herrn Heinrich, kniete der Vogt, in dessen nicht gar
feierlichem Antlitz eine merkwürdige Erregung zuckte. Er zwirbelte den
dicken Schnauzbart und schielte immer wieder zu Herrn Heinrich auf. Die
Hochzeit des Haymo mit der Schwester des Wolfrat hatte ihm ein Licht
aufgezündet.
Als die Trauung vorüber war, wurde das junge Paar von Glückwünschenden
umdrängt. Nur Seph und Wolfrat fehlten. Weshalb nur waren sie nicht
gekommen?
Als einer der letzten trat Herr Schluttemann zu dem Paar. Er machte
einen Bückling vor der errötenden Braut und faßte Haymos Hand. »Also
Herr Wildmeister, viel Glück fürs Leben! Und einen guten Rat will ich
Euch geben dazu: lügen, Herr Wildmeister, lügen müßt Ihr nimmer!«
»Herr Vogt?« fragte Haymo lachend. »Wie meint Ihr das?«
»Schon gut, schon gut! Ich weiß, was ich weiß!«
Stolz erhobenen Hauptes stapfte Herr Schluttemann davon. Er war wohl
auch zum Brautmahl geladen; aber er wollte zuvor noch in der Vogtstube
Nachschau halten. Als er das Kloster betrat, klangen von der Kirche
herüber die Hörner der Jäger, die das junge Brautpaar mit schmetterndem
Weidmannsgruß empfingen.
Herr Schluttemann fand in der Wartestube nur wenige Leute vor, die er
eilig abfertigte. Schon wollte er die Vogtei verlassen, da kam noch
einer mit polterndem Eilschritt herbeigerannt.
»Herr Vogt! Herr Vogt!«
Beim Klang dieser Stimme spitzte Herr Schluttemann die Ohren.
»Was? Der traut sich noch herein zu mir?«
Er runzelte die Brauen und stemmte die Fäuste in die Hüften, als er
seine Vermutung bestätigt sah und den Rottmann Polzer erkannte.
Wolfrat blieb an der Tür stehen und stützte sich mit dem Einarm an den
Pfosten, keuchend vom raschen Lauf, das lachende Gesicht von glitzerndem
Schweiß überronnen.
»Was ist denn das schon wieder für eine Narretei?« donnerte Herr
Schluttemann. »Will man vielleicht den Vogt wieder uzen? Wart nur, jetzt
will ich dir aber zeigen --«
Weiter kam Herr Schluttemann nicht, denn Wolfrat, der die Worte des
Vogtes gar nicht zu hören schien, sagte mit Lachen: »Herr Vogt! Nehmet
nur gleich das Leutbuch her! Und schreibet hinein: wir haben ein Kindl
gekriegt -- ein Dirnl, Herr Vogt, ein liebes Dirnl! Blaue Äugerln hat's
und bluhweiße Löcklen! Und Mariele soll's heißen -- Polzer Mariele!
Schreibet, Herr Vogt, schreibet! Ich muß zum Pfarrer laufen --«
Da rannte er schon davon, lachend und keuchend.
Herr Schluttemann stand noch immer mit gespreizten Beinen, die Fäuste in
die Hüften gestemmt. »Natürlich!« knurrte er. »Nur allweil Kinder,
allweil Kinder, daß nur die Lugenschüppel nicht minder werden auf der
Welt! Aber wart nur! Du kommst mir schon wieder! Dann sollst du merken,
daß ich mich nur _ein_ Mal hab anschmieren lassen!« Er hob die Fäuste
gegen die Stubendecke. »Ooooh! Die Menschen sind doch schlechte Leut!«
Zornig riß er an der Glocke. Der Fronbot trat ein. »Geh hinüber in die
Küch und nachher zum Kellermeister, laß dir einen richtigen Korb voll
Freßzeug geben und einen Krug Wein -- trag alles hinunter zum Rottmann
Polzer und sag: Das schick ich ihm zur Kindstauf! Dem Gauner!«
Mit vollen Backen blasend, ging Herr Schluttemann auf den Schrank zu,
nahm das in Schweinsleder gebundene Leutbuch heraus, schlug es bedächtig
auf, tauchte brummend die Gänsefeder ein und schrieb:
»Den 26. des Anderherbst, ^a. d.^ 1338, dem Rottmann Wolfrat Polzer ein
Dirnlein geboren, heißt Mariele.«
»Punktum!« sagte Herr Schluttemann und spritzte die Feder aus.
Durch das offene Fenster klangen jauchzende Stimmen und die
schmetternden Klänge der Jagdhörner.