Herr Heinrich lächelte. »Ist alles Geschehene denn anders geworden?«

»Nein, Herr, aber ich seh es mit anderen Augen. Glaubet mir, so tief,

wie ich, hat noch kein Mensch erfahren, daß wir nicht leben können, wenn

wir die Sonne nicht suchen, und daß uns zum Leben so nötig, wie Luft und

Brot, noch ein drittes ist: _Das helle Sehen_!«

»Eine schöne Wahrheit, Dietwald! Aber sie ist nicht neu. Das hat vor mir

und dir schon ein anderer gesagt, der allen Schmerz des Lebens fühlte

und dennoch die Liebe nicht verlor. Besinne dich: Matthäus, 6. Kapitel,

22. Vers!«

Mit leiser Stimme sprach Pater Desertus die Worte der Bergpredigt vor

sich hin: »Dein Auge sei deines Lebens Leuchte. Ist nur dein Auge

lauter, so wird auch dein Leben in der Helle wandeln. Ist aber die

Finsternis in dir, und dein Auge sieht finster, so wird auch die

Finsternis dich umgeben auf allen Seiten.« Er faßte die Hände des

Propstes und stammelte: »Herr! Nehmet meinen Namen von mir! Ich will

nicht länger Desertus heißen.«

»So heiße Pater Theophilus!«[37]

Sie saßen schweigend. Über Tal und Höhen leuchtete die warme Sonne des

Herbstes, und die sinkenden Blätter in ihrem schimmernden Gelb waren

anzusehen wie fallende Feuerzungen.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 50 / 52 题