»Nein, Herr, aber ich seh es mit anderen Augen. Glaubet mir, so tief,
wie ich, hat noch kein Mensch erfahren, daß wir nicht leben können, wenn
wir die Sonne nicht suchen, und daß uns zum Leben so nötig, wie Luft und
Brot, noch ein drittes ist: _Das helle Sehen_!«
»Eine schöne Wahrheit, Dietwald! Aber sie ist nicht neu. Das hat vor mir
und dir schon ein anderer gesagt, der allen Schmerz des Lebens fühlte
und dennoch die Liebe nicht verlor. Besinne dich: Matthäus, 6. Kapitel,
22. Vers!«
Mit leiser Stimme sprach Pater Desertus die Worte der Bergpredigt vor
sich hin: »Dein Auge sei deines Lebens Leuchte. Ist nur dein Auge
lauter, so wird auch dein Leben in der Helle wandeln. Ist aber die
Finsternis in dir, und dein Auge sieht finster, so wird auch die
Finsternis dich umgeben auf allen Seiten.« Er faßte die Hände des
Propstes und stammelte: »Herr! Nehmet meinen Namen von mir! Ich will
nicht länger Desertus heißen.«
»So heiße Pater Theophilus!«[37]
Sie saßen schweigend. Über Tal und Höhen leuchtete die warme Sonne des
Herbstes, und die sinkenden Blätter in ihrem schimmernden Gelb waren
anzusehen wie fallende Feuerzungen.