Er rannte neben ihr her. »So red doch, was ist denn der Bäuerin?«

»Der Krank ist schon über ein Jahr lang in ihr und hat ihr ungut

zugesetzt. Und da hat ihr der Bader gesagt, sie könnt nur gesunden, wenn

man ihr ein Herzkreuzl eingeben tät. Der Bauer hat ihr keins verschaffen

können, und deswegen ist die Bäuerin allweil so schiech mit ihm gewesen

und hat gezannt und gepaget in einem fort. Heut auf den Abend sind sie

wieder aneinander geraten, und die Bäuerin im Zorn ist aus dem Bett

gesprungen und hat ihm die Kunkel an den Kopf gehaut. Dabei ist sie

ausgerutscht und der Läng nach hingeschlagen auf den Boden. So ein

schweres Leut! Und da muß ihr einwendig was gebrochen sein, und drum muß

ich zum Bader laufen.«

Die Dirn wurde dem Knecht zu flink; er blieb hinter ihr zurück und

wartete auf den Fronboten, der die beiden Knechte und ihren Gefangenen

nur eine kurze Wegstrecke begleitet hatte.

Die Dämmerung wandelte sich zur Nacht. Als die Knechte mit Wolfrat das

Seedorf hinter sich hatten und den Wald erreichten, steckten sie die

Fackel in Brand; der sie trug, stieg voran; dann kam Wolfrat, und hinter

ihm ging der andere Knecht; er hatte den Strick, der von Wolfrats

gebundenen Händen ausging, an seinen ledernen Gurt befestigt. Nur

zuweilen sprachen die Knechte ein paar Worte, die den Weg betrafen.

Wolfrat redete keinen Laut. Er starrte vor sich hin auf den Pfad oder in

den Wald hinein, in dem der rötliche Schein der qualmenden Fackel einen

gespensterhaften Kampf zwischen der fahlen, unruhig zuckenden Helle und

den schwarzen Schatten erregte; alles erhielt Leben; die moosigen

Felsblöcke waren anzusehen wie die Köpfe von Ungeheuern, die aus der

Erde zu steigen schienen; Baumstrünke mit dürrem Astwerk tauchten aus

der Finsternis hervor gleich abenteuerlichen Gestalten, mit borstigem

Haar und zum Fang gestreckten Armen.

Als Wolfrat vor fünf Tagen diesen gleichen Weg in der Nacht

emporgestiegen, war es still und finster gewesen im Wald. Und langsamer

war's gegangen. Das Kreuzbild, das er auf dem Rücken getragen, hatte

sich mit den ausgestreckten Armen bald an Bäumen, bald an Zweigen

verfangen. »Grad, als hätt's mich halten wollen!« dachte er.

Auf den Almen rasteten sie; dann ging's wieder weiter.

Der Morgen dämmerte, als sie sich der Kreuzhöhe näherten. Mit scharfen

dunklen Linien hob sich das heilige Bild vom bleichen Himmel ab. Seit

Wolfrat das Kreuz gewahrt hatte, konnte er den Blick nimmer von der Erde

erheben. Als er am Kreuz vorüberschritt, geneigten Hauptes, mit scheuen

Augen, rann ihm ein kalter Schauer durch das Herz. »Er lebt doch, ich

hab ihn doch nit erschlagen!« schrie es in seiner Seele. Aber die Furcht

wollte nicht von ihm weichen. Und eines wußte er: beten konnte er

niemals wieder in seinem Leben, seit er an dieser Stelle, den Namen

Gottes heuchlerisch auf den Lippen tragend, den Mordgedanken unter

seiner Stirn geboren hatte. Er hatte nicht einmal beten können am Grab

seines Kindes; so oft er auch begonnen: »Vater unser« -- immer wieder

stand das blutbefleckte Kreuz vor ihm und schloß ihm die Lippen.

Er atmete auf, als sie an der bösen Stelle vorüber waren.

Über das Steintal blickten im Morgengrau schon die Hütten her. In den

Felswänden hörte man die Steine gehen, die von den ziehenden Gemsen

gelöst wurden. Einzelne Wölklein, tief violett, schwammen langsam am

blassen Himmel.

Es begann schon voller Tag zu werden, als sie die Hütten erreichten. Auf

der Bank vor dem Herrenhause ließen sie sich nieder; die Türen waren

noch geschlossen, alles war still; sogar die Quelle murmelte schläfrig,

als wäre sie versiegt in der Nacht und begänne erst jetzt wieder zu

fließen, da es tagen wollte.

In der Jägerhütte schlummerte Haymo auf seinem Lager, und Frater

Severin, der bei ihm hätte wachen sollen, schnarchte auf der Holzbank;

er hatte am vergangenen Abend ein schweres Werk geleistet: er ganz

allein hatte das dritte >Pärchen< Rechberg und Stein bezwingen müssen,

da Herr Heinrich den Vogt zu sich in die Schlafstube genommen, um den

Heuboden für Gittli zu räumen.

Herr Schluttemann, dem die gewohnte >Bettschwere< fehlte, erwachte

zuerst. Lautlos öffnete er den Fensterladen, und da gewahrte er die

Knechte und den Sudmann; eine Weile stand er unschlüssig und kraute sich

den Kopf; dann ging er hinaus; darüber erwachte Herr Heinrich.

Wolfrat und die Knechte erhoben sich, als der Vogt aus der Tür trat;

kopfschüttelnd ging er auf den Gefangenen zu; er donnerte und blitzte

nicht wie sonst; nur ernster Vorwurf klang aus seiner Stimme, als er zu

Wolfrat sagte: »Polzer, Polzer! Was hast du da jetzt angestellt? Das

wird dir einen bösen Tag bringen.«

Es wäre Wolfrat wohler zu Mut gewesen, wenn der Vogt geschrien und mit

den Fäusten gefuchtelt hätte. »Ich weiß nit, was Ihr meinet, Herr! Aber

wissen möcht ich wohl, warum mich Eure Leut überfallen und am Strick

dahergeführt haben wie einen Ochs, den man metzgen will.«

»Polzer! Polzer! Tu nicht leugnen!« sagte Herr Schluttemann mit den

sanftesten Lauten, deren er fähig war. »Sonst wird dich einer fragen

müssen, der eine glühende Zung hat und eiserne Zähn.«

Wolfrats bleiches Gesicht wurde aschfarben. »Ich brauch nichts leugnen

und nichts eingestehen. Ich weiß nit, was Ihr wollt von mir.«

»Polzer, Polzer! Ich will dir in aller Güt nur sagen --« Der Vogt

verstummte, denn Herr Heinrich war aus der Tür getreten. Nur einen

Bückling machte Herr Schluttemann und deutete auf den Gefangenen.

Lange ließ Herr Heinrich schweigend seinen Blick auf Wolfrat ruhen, und

dieser ertrug den Blick und zuckte mit keiner Wimper.

»Bindet ihm die Hände los!«

Herr Schluttemann machte große Augen. »^Reverendissime^, ich bitte zu

bedenken --«

»Ich habe bedacht!« sagte Herr Heinrich kurz. »Löset ihn, dann soll er

mir folgen.« Er trat in die Herrenstube.

Wolfrat atmete auf, reckte die befreiten Arme und folgte dem Propst.

»Weck einer den Frater!« sagte Herr Schluttemann zu den Knechten und

ging hinter Wolfrat her. Kaum hatte er die Herrenstube betreten, als

Gittli vom Heuboden über die Leiter niederglitt, verstört und totenblaß.

Die Stimmen hatten sie geweckt. Sie wankte zur Tür hinaus, hörte die

Worte nicht, die Frater Severin ihr zurief, sah die Knechte nicht stehen

und glotzen -- mit gestreckten Händen und fliegenden Haaren stürzte sie

der Jägerhütte zu und brach vor Haymos Lager in die Knie.

»Jesu mein! Gittli! Was hast du?« stammelte Haymo, dem der Schreck fast

die Sprache nahm.

»Sie haben ihn, o Mutter Maria, sie haben ihn!«

»Wen, Gittli?«

»Der's getan hat! Mein Bruder, Haymo! Es ist mein Bruder!« Stöhnend warf

sie die Arme über das Bett und drückte das Gesicht in die Decke.

Haymo war erblaßt. Ihr Bruder! Das Wort hatte ihn fast gelähmt, er

konnte keinen Finger rühren.

Jetzt hob sie langsam das Gesicht, rutschte auf den Knien näher,

umklammerte seine Hände und sah zu ihm auf, verzweiflungsvolle Angst in

den bettelnden Augen.

Sie brauchte nicht zu sprechen, er verstand. Brennende Röte flog über

seine Stirn. »Ich darf's nit hehlen, Gittli! Ich darf nit.«

»Haymo! Schau doch, wie ich dich bitten tu!« Glitzernde Zähren rannen

ihr über die Lippen. »Er ist mein Bruder, und sie hauen ihm die Hand ab

und schlagen ihn zu Tod wie den Grünwieser-Konrad in Salzburg, der einen

Hirsch gefangen hat. Und die Schwährin, die arme Schwährin, die muß

versterben, wenn sie's hört, und schau, am Ostertag ist ihr doch erst

ein Kind verschienen, so ein liebes, gutes Kindl! Haymo?«

»Ich darf nit, darf nit!« stammelte er mit versinkender Stimme.

Sie schlug die Hände vor das Gesicht und wankte zur Tür hinaus. Er

streckte die Arme nach ihr, aber seine Lippen wollten ihren Namen nicht

finden.

Hinter der Hütte, zwischen dem tief niederhängenden Gezweig der Fichten

sank sie auf die Erde. Hätte sie lauschen können, sie hätte von der

Herrenstube her durch das offene Fenster die redenden Stimmen hören

müssen.

Wolfrat stand vor Herrn Heinrich, als wären seine Glieder von Stein.

»Und wenn Ihr mich hundertmal fragt, Herr,« sagte er mit kalter Ruhe,

»ich weiß keine andere Widerred. Ich hab den Weg gemacht, weil mir der

Eggebauer das Lehent geliehen hat. Ich hab den Herrgott hinaufgetragen,

hab ihn ans Kreuz genagelt, vor Tag bin ich fertig gewesen, hab nichts

gesehen und gehört, hab mich wieder aufgemacht und bin daheim gewesen

vor der neunten Stund. Wie die Dirn über Nacht nit heimgekommen ist, hab

ich mich freilich sorgen müssen. Aber bis Mittag, da hab ich, hab ich

--« Er stockte. »Ich hab zu schaffen gehabt.«

»Du hast dein Kind begraben?«

Er nickte. »Und auf den Abend hab ich im Sudhaus sein müssen. Erst in

der Nacht hab ich fort können und schauen nach der Dirn. Wie ich auf der

Alm gehört hab, was geschehen ist, hab ich mir gedacht: sie soll nur

bleiben, bei so was ist ein Weiberleut allweil gut. Und bin

heimgegangen. Und hätt ich's denn ausgeredet überall, wenn ich es selber

getan hätt?«

»Sag, weshalb ist deine Schwester zu Berg gegangen?«

»Ich weiß es nit.«

»Wollte sie Schneerosen pflücken für das Kind? Zum Engelkränzlein?«

Er zögerte mit der Antwort. Das wäre ein Ausweg gewesen! Aber nein,

lügen auf sein totes Kind, das brachte er nicht zuwege.

»Nun?«

»Ich weiß es nit.«

Herr Schluttemann machte einen Bückling. »^Reverendissime^? Sollte man

nicht die Dirn holen?«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 27 / 52 题