»Er soll kommen.«
Walti trat in die Stube, und während Herr Heinrich leise mit ihm redete,
erhob sich Gittli und schlich zur Türe. Draußen fuhr sie sich noch
einmal über die Augen, dann ging sie der Jägerhütte zu. Ehe sie das
kleine Haus erreichte, blieb sie stehen, als besänne sie sich. Und nun
eilte sie dem Pfad entgegen, der in das Steintal führte. Sie wollte die
verlorenen Veilchen suchen.
Als sie die Wende des Steiges erreichte, fuhr sie erschrocken zurück.
Dort auf dem Stein saß immer noch der Chorherr; und in seinen Händen
hielt er ihren Kranz und blickte darauf nieder mit regungslosen Augen.
Jetzt hörte sie auch Tritte hinter sich; dort kam der Bub mit zwei
Bergstöcken und einer Kienfackel. Lautlos schlüpfte sie in eine Staude
und wartete. Sie hörte, wie die beiden einige Worte wechselten und sich
entfernten.
Nun kam sie wieder hervor und begann zu suchen. Das Kränzl wollte sich
nicht finden lassen.
»Jetzt hat er's mitgenommen!« stammelte sie; aber sie zürnte nicht.
»Vielleicht hat er eine Freud dran?« Und einem, der so viel Schmerzen
getragen, war eine Freude zu gönnen. Weib und Kind verlieren müssen, in
_einer_ Nacht! Wer hätte mit ihm Erbarmen fühlen sollen, wenn nicht
_sie_? Hatte sie doch Vater und Mutter auch an _einem_ Tag verloren --
damals, als im Land das große Sterben umging.
Lange, lange stand sie und blickte dem Chorherren nach, wie er bald im
Gewirr der Felsblöcke verschwand, wieder auftauchte, zwischen dunklen
Gebüschen sich verlor und wieder erschien.
Der frischer ziehende Abendwind spielte mit ihrem lockigen Haar. Unter
ihr im Bergwald rief ein Kuckuck, der erste, der mit dem Frühling
gekommen war. Und über den Halden begannen die steilen Wände, zwischen
denen der Schnee nur noch in einzelnen Schluchten hing, mit warmer Röte
zu glühen.
18.
Die Dämmerung, die über den Bergen die ersten Fäden spann, webte im Tal
schon die grauen Schleier.
Wolfrat war aus dem Sudhaus heimgekehrt und saß mit Sepha am Tisch. Sie
hatte die Kraft gefunden, das Bett zu verlassen -- es war die Kraft, die
der Kummer und die Sorge gibt.
Ihr karges Nachtmahl hatten sie schon verzehrt, aber sie saßen noch,
schweigend; jedes hielt die Arme über den Tisch gelehnt und grübelte vor
sich hin.
Lippele kniete auf der Bank und guckte zum Fenster hinaus. »Schau,
Mutter, schau, der Berg tut brennen!« Es störte ihn nicht, daß er keine
Antwort erhielt. »So, so,« schmollte er mit nickendem Köpfl, »wenn die
Dittibas verbrennen tut, da droben!«
Wolfrat erhob sich ungestüm, schritt ein paarmal in der Stube auf und
nieder und warf sich im Ofenwinkel auf die Bank. Sepha schlug die Hände
vor das Gesicht.
Eine stille Weile verging, dann streckte Lippele neugierig den Kopf.
»Vater! Mannerleut kommen.«
Seph erblaßte und Wolfrat sprang auf das Fenster zu.
»Sie kommen, Seph!« sagte er und griff nach dem Tisch, als befiele ihn
ein Schwindel.
»Jesus Maria!« stöhnte das Weib, flog auf ihn zu und umschlang ihn mit
zitternden Armen.
Er richtete sich auf. »Nimm dich zusammen, Seph!« sagte er ruhig. »Sie
dürfen kein unrechtes Wort hören. Komm, setz dich her da!« Er drückte
sie auf die Bank. »Und red keinen Laut! Vom Gesicht schaut dir im
Zwielicht keiner was ab. Und wenn es schief ausgehen sollt -- ich
glaub's nit, Seph, sei ruhig -- ich mein' halt für alle Fäll,« seine
Stimme dämpfte sich zu hastigem Geflüster, »so laß ich dir eine Hilf
zurück in der Not, einen Schatz, der zu heben ist. Mir ist er
verschlossen, solang ich leb. Aber wenn's einmal aus ist mit mir, dann
sollst du was haben davon, und mein Bub. Ein goldener Schatz, Seph! Und
der Schlüssel dazu: das ist die Dirn.«
Sie starrte ihn an; von allem, was er sagte, verstand sie nur das eine:
daß er an das Schlimmste dachte.
Das Fenster wurde dunkel, als die Männer draußen vorübergingen.
Wolfrat nahm hastig seinen Platz hinter dem Tisch wieder ein.
Die beiden Knechte, die Herr Schluttemann ausgeschickt, traten in die
Stube; der Fronbot, den sie mitgenommen, blieb draußen vor der Haustür
stehen.
Lippele rutschte hurtig von der Bank herunter, lief auf die Mutter zu
und schmiegte sich hinter ihren Arm.
»Ist der Polzer daheim?« fragte einer der Knechte.
»Wohl!« sagte Wolfrat. »Was gibt's?«
Der Knecht zögerte mit der Antwort; sein Blick streifte das Weib. »Geh,
komm ein Weil mit uns vors Haus!«
»Ich hab den ganzen Tag geschafft und bin müd.«
»Wirst aber heut noch einen weiten Weg machen müssen.«
»Warum? Und wohin?«
»Warum, das wirst du erfahren, und wohin, das wirst du sehen.«