Da klang die Stimme Herrn Heinrichs: »Was ist geschehen?«

Gittli riß sich aus den Händen des Chorherren, eilte dem Propst

entgegen, umklammerte seine Hand, und während sie ihn mit sich fortzog,

zur Jagdhütte, klagte sie: »Ach, guter, lieber Herr, schauet, ich bitt

Euch, helfet ihm, er muß versterben!«

»Wer, Mädchen, wer?«

»Der Haymo, der Haymo!«

»Mein Jäger? Was ist mit ihm? Ist er gestürzt?«

»Nein, nein, viel ärger noch! Es hat ihn --« Ihre Stimme erlosch; sie

durfte nicht reden, sie hatte geschworen! »Ich weiß nit, weiß nit,«

schrie sie auf, »ich hab ihn gefunden und hab ihn heimgebracht, gestern,

und er hat so gut geschlafen die ganze Nacht. Und heut in der Früh, da

hat er noch gern genommen, was ich ihm gekocht hab. Zu Mittag aber, da

hat er angefangen, hat schiech geredet, hat um sich geschlagen, und

allweil hat er aufspringen und fort wollen. Ich hab ihn gebittet und

gebettelt, daß er sich halten soll und den Arm nit rühren. Und schauet,

mit zwei Händ hab ich ihn heben und zwingen müssen. Und auf einmal ist

er weggefallen, daß ich schon gemeint hab, er verlischt wie ein Licht.

Und so liegt er noch allweil. Und einmal war ich bei ihm, und das

andermal wieder bin ich hinausgelaufen und hab geschrien und geschrien,

weil ich gemeint hab, es müßt und müßt wer kommen! Ach, was hab ich

ausgestanden!«

Sie hatten die Hütte erreicht; Gittli eilte voran, Herr Heinrich und

Desertus folgten. Auf dem Herde brannte ein flackerndes Feuer.

»Schauet her,« stammelte Gittli, »da liegt er und tut keinen Rührer

nimmer!«

Herr Heinrich trat an das Lager. »Licht, Dietwald, Licht!« Desertus riß

ein zur Hälfte brennendes Scheit aus dem Feuer und hob es über das Bett.

Während Herr Heinrich den Kranken zu untersuchen begann, zog Gittli sich

scheu in einen Winkel zurück; dort stand sie mit angstvollen Augen, die

zitternden Hände am Mund.

»Was ist das? Ein Wundverband?« Herr Heinrich richtete sich auf. »Hast

du ihn angelegt?«

»Ja, Herr! Weil er geblutet hat!«

Jetzt stolperte Herr Schluttemann keuchend über die Schwelle. »Was

gibt's? Alle Wetter! Was gibt's? Was gibt's?«

»Seht nach, Herr Vogt, ob unsere Leute noch nicht kommen,« sagte Herr

Heinrich, »ich brauche das Kästlein mit Verband und Balsam.«

»Was fehlt dem Bursch?«

»Das werdet Ihr erfahren, wenn ich selbst es weiß. Geht!«

Herr Schluttemann war beleidigt und verschwand. Der Propst beugte sich

wieder über Haymo. »Er schläft,« sagte er nach einer Weile zu Desertus,

»sein Herzschlag ist matt, aber ruhig, sein Atem gleichmäßig. Er mag

einen schweren Anfall von Wundfieber überstanden haben und liegt nun in

der Betäubung der Schwäche. Ich sehe keine Gefahr.«

Gittli faltete die Hände und rührte stumm die Lippen.

»Du dort, komm her!« rief Herr Heinrich ihr zu. »Wie heißt du?«

»Gittli!«

»Komm her, Gittli! Und sag mir, was du alles getan hast zu seiner

Hilfe.«

Zögernd kam sie näher, und nun erkannte er sie. »Warst du nicht vor

wenigen Tagen beim Vogt? Du bist die Schwester Wolfrats, des Sudmanns?«

Gittli zuckte zusammen.

»So komm doch näher und rede! Was hast du für meinen Jäger getan?«

Die Hände zitternd, die Augen zu Boden gesenkt, gab sie mit stockenden

Worten Bericht. Aufmerksam hörte Herr Heinrich zu, und Pater Desertus

hing wie gebannt an Gittlis Zügen.

Als sie geendet hatte, blickte sie mit scheuer, stummer Frage zu Herrn

Heinrich auf, als wollte sie sagen: »Hab ich auch nichts schlecht

gemacht?«

Da kam Herr Schluttemann zurück. »Die Leut sind da, ^Reverendissime^,

hier ist das Kästl!«

Herr Heinrich nahm es. »Erwartet mich draußen und laßt mir niemand in

die Stube! Frater Severin --«

»Er ist noch immer nicht da.«

»Wenn er kommt, soll er rasten und Atem schöpfen, dann soll er die

Herrenhütte instand setzen. Der Walti mag hier bleiben, die vier Knechte

sollen in den Almhütten nächtigen und morgen beizeiten wieder hier

sein.«

Herr Schluttemann ging, und man hörte, wie er draußen mit den Knechten

umschrie, als hätten sie Wunder was verbrochen. »Und morgen vor Tag seid

ihr wieder da!« schloß er sein donnerndes Kapitel. »Oder ich reiß euch

die Ohren vom Kopf weg! Wurzweg!«

Je lauter er geschrien hatte, desto kleiner war Gittli geworden, desto

tiefer hatte sie sich in ihren Winkel gedrückt.

Herr Heinrich entnahm dem Kästlein, was er brauchte, um einen neuen

Verband anzulegen. Als er die mit Harz verklebte Leinwand von der Wunde

löste, streckte sich Haymo stöhnend, schlug die Augen auf und schloß sie

wieder.

»Dietwald, sieh her,« rief Herr Heinrich erregt, »das ist keine Wunde,

wie ein fallender Stein sie schlägt, oder wie man sie bei einem Sturz

erhalten kann. Das ist ein Stich, ein Messerstich! Der Mann ist

überfallen worden. Das hat ein Raubschütz getan, den der Jäger fassen

wollte. Mädchen! Komm her zu mir!«

Gittli zitterte an allen Gliedern.

»Aber so komm doch! Sag mir: wo hast du ihn gefunden?«

»Draußen,« lispelte sie mit versagender Stimme, »vor der Hütte.«

»Weit von hier?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Und wie kam es, daß du ihn fandest?«

Ratlos, mit angstvollen Augen, schaute sie zu Herrn Heinrich auf.

»Aber so rede doch! Ich will wissen, was dich zu der Stelle führte, an

der du ihn fandest. Was hattest du hier oben zu schaffen?«

Sie schlug die Hände vor das Gesicht.

»Ich bitt Euch, Herr Heinrich, quälet das Kind nicht!« sagte Desertus

mit schwankender Stimme. »Ich glaube den Grund zu kennen, der sie

hierher geführt. Gestern in der Nacht starb im Haus ihres Bruders ein

Kind.«

»Ein Kind des Wolfrat?« Herr Heinrich ging auf das Mädchen zu. »Du

wolltest Schneerosen holen? Zum Engelkränzlein? Und da hast du den

wunden Mann gefunden und bist bei ihm geblieben Tag und Nacht und hast

alles für ihn getan, was nur zu tun war?« Er strich die Hand über

Gittlis Haar. »Du bist ein braves, tapferes Mädchen. Ich will es dir und

deinem Bruder danken.«

Gittli wandte sich ab und wankte zur Tür hinaus. Draußen fiel sie auf

die Bank und weinte in heißem Kummer vor sich hin.

Walti kam herbei, zog ihr die Hände herab und schaute ihr ins Gesicht.

»Jeh, du bist es? Warum heulst du denn?«

Sie riß sich los und schluchzte noch lauter.

»Flennst du wegen dem da drin? Geh, du bist dumm! Der hat einen Gesund

wie ein Trumm Eisen. Und wenn's auch ihm ein bißl weh tut, du spürst es

ja nit!« Er lehnte sich an die Hüttenwand und gähnte. Da sah er dicken

Rauch aus der Herrenhütte qualmen. »Da schau! Der Frater feuert schon.

Du! Da werden gute Sachen gekocht. Weißt, beim Heraufsteigen bin ich

allweil hinter den Kraxen hergegangen. Du! Das hat gerochen! Aaah!

Fein!« Er schnalzte mit der Zunge. »Meinst du, wir kriegen auch was?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schlich er zur Herrenhütte und spähte

durch die offene Tür.

Der Eingang führte in eine geräumige Küche mit offenem Herd; daneben lag

eine kleine Herrenstube, deren einfaches Gerät aus rötlichem Zirbenholz

gefertigt war, und die Schlafkammer mit zwei Heubetten. Von der Küche

stieg man über eine Leiter zum Bodenraum, auf welchem Bergheu in

genügender Menge aufgeschüttet war, um für ein halbes Dutzend Schläfer

weiche Liegerstatt zu bieten.

Neben dem Herd, auf dem ein helles Feuer brannte, stand Frater Severin;

er hatte die Ärmel der weißen Kutte aufgestülpt, eine blaue Schürze

vorgebunden und war damit beschäftigt, ein >Spießchen Schwarzreiter< zu

putzen, die, mit Eiern übergossen und am Feuer rasch gebacken, für den

Abendtisch einen köstlichen Imbiß gaben.

Auf den Stufen vor der Tür der Herrenstube saß Herr Schluttemann,

nachdenklich, mit gesträubtem Schnauzbart, grimmig die Augen rollend.

Die Geschichte mit Haymo war eine Nuß, die zu beißen gab. Des zwecklosen

Grübelns müde, schüttelte er schnaubend das Haupt, fuhr mit den Fäusten

durch die Luft und platzte los: »Teufel! Teufel! Wenn ich denke, daß ich

jetzt drunten im Kellerstübl sitzen könnt!«

»Mit Pater Hadamar und dem Küchenmeister,« schmunzelte Frater Severin,

»bei Rechberg und Stein!«

»Höret auf, höret auf,« stöhnte Herr Schluttemann, »ich kann's nicht

hören, es reißt mir die Seel aus dem Leib.« Dann wieder in grimmige

Melancholie versunken, fragte er: »Es ist doch wohl gesorgt für unseren

Durst?«

Frater Severin zuckte die Achseln. »Wie es Herr Heinrich anbefohlen.

Fünf Tage sollen wir bleiben. Zehn Flaschen sind befohlen. Rechnet aus,

wieviel auf einen trifft!«

»Verflucht wenig!« meinte Herr Schluttemann mit langem Gesicht.

»Verflucht wehenig! Frater! Frater! Mir wird die Leber brandig werden.

Ich kann das Wasser nicht vertragen. Aber schon gar nicht!«

Frater Severin betrachtete den unglücklichen Vogt mit zwinkernden Augen,

dann leckte er die von den Schwarzreitern fett gewordenen Finger ab,

trat auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Habt Ihr den Binkel gesehen,

den der Walti getragen hat?«

»Ja, warum?«

Frater Severins Miene wurde immer geheimnisvoller. »Und habt Ihr's nit

scheppern hören in dem Binkel?«

Herr Schluttemann legte den Kopf auf die Seite und zeigte das Weiße in

den Augen. Ein schüchternes Licht der Hoffnung schien in seiner trostlos

finsteren Seele aufzudämmern. »Redet, Frater, was hat gescheppert?«

»Zehn heimliche Flaschen! Rechberg und Stein. Hinter der Hütte liegen

sie in kühler Erde vergraben, und wenn Herr Heinrich schlummert, holen

wir uns ein Pärchen.«

»Frater Severin, Ihr seid ein Heiliger!« rief Herr Schluttemann und

wollte dem Frater um den Hals fallen.

Der schob ihn von sich. »Nit so laut, Herr Vogt!« Er schielte nach der

Türe. »Herr Heinrich könnt uns hören.«

Des Fraters Sorge war unbegründet. Herr Heinrich weilte noch immer in

der Jägerhütte. Er hatte einen neuen Verband um Haymos Wunde gelegt und

den Arm in einer Schlinge befestigt, damit nicht eine ungestüme Bewegung

des Schläfers eine neue Blutung hervorriefe. Nun blickte er suchend

umher.

»Wo ist das Mädchen?«

Desertus ging rasch zur Türe. Vor der Hütte saß Gittli auf der Bank;

ihre Tränen waren versiegt; verloren starrte sie hinaus in die sinkende

Nacht. Desertus berührte ihre Schulter. Sie fuhr erschrocken zusammen

und erhob sich.

»Komm, Gittli! Herr Heinrich fragt nach dir.« Er nahm ihre Hand und

führte sie in die Stube.

»Nun, willst du nicht sehen, wie es deinem Pflegling geht?« sagte der

Propst. »Komm her! Sieh nur, wie gut und ruhig er schläft!«

In wortlosem Danke wollte sie Herrn Heinrichs Hand küssen.

»Laß doch, du Kind!« sagte er. »Ich habe zu seiner Rettung nicht das

mindeste getan. Haymo wäre ein verlorener Mann gewesen ohne dich. Er hat

dir allein zu danken, daß er nun leben wird.«

Ein Seufzer, heiß und freudig, schwellte Gittlis Brust. Mit leuchtendem

Blick hing sie an Haymos blassen Zügen; dann fuhr sie mit der Hand über

die feuchten Augen und wandte sich zur Tür.

»Wohin willst du?« fragte Herr Heinrich.

»Jetzt braucht er mich nimmer!« lispelte sie. »Heim will ich gehen.«

»Mädchen! Es ist finstere Nacht!« sagte Desertus erschrocken.

»Ich fürcht mich nit. Es ist sternscheinig, den Weg kenn ich auch, und

auf der Alm kann ich nächtigen.«

»Dort schlafen die Knechte!« warf Herr Heinrich ein; dann lächelte er.

»Und denke nur, wenn Haymo morgen erwacht und fragt nach dir? Was sollen

wir ihm sagen? Willst du nicht bleiben?«

»Wenn ich darf?« stammelte sie. »Schauet, Herr, ich nehm doch keinem

seine Liegerstatt weg. Ich setz mich dort auf den Herd.«

Sie wollte in ihren Winkel schleichen, aber Herr Heinrich rief sie noch

einmal zurück. »Gittli,« sagte er freundlich, »du bist doch kein Kind

mehr, du solltest nicht so herumlaufen.« Er deutete auf ihre Arme, die

bis über die Schultern nackt waren, und auf einen Riß, der in ihrem Hemd

fast bis zum Gürtel ging.

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Ich hab mir die Ärmel weggerissen,

weil ich das Leinen gebraucht hab. Für ihn.«

Da ging er auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und sagte

leise: »^Deo placebis in nuditate tua!^« Und zu Desertus sich wendend,

fuhr er in lateinischer Sprache fort: »Kann eines Fürsten Tochter

reicher sein an edlen Steinen und Geschmeide, als dieses Bettelkind an

Schätzen des Gemüts?«

Der Chorherr schwieg; seine träumenden Augen hingen an Gittli, die zum

Herde ging, in ihre Jacke schlüpfte und sich leis in den Winkel kauerte.

Herr Heinrich war an Haymos Lager getreten und hatte seine Hand auf die

Stirn des Schlummernden gelegt. »Das Fieber ist gemildert, und der

Schlaf wird ihn erquicken. Er hat gesundes Blut und eine gute Natur. Ich

hoffe, wir haben den Mann in drei Tagen wieder leidlich auf den Beinen.

Ich will Wein herüberschicken, davon soll er bekommen, wenn er munter

wird in der Nacht. Und Frater Severin soll bei ihm wachen.«

»Überlasset mir dieses Amt!« sagte Desertus rasch. »Der Bruder ist

müde.«

»Gut, so bleibe!« Herr Heinrich reichte dem Chorherren die Hand, nickte

Gittli mit freundlichem Lächeln zu und verließ die Stube.

Zu Häupten des Lagers setzte sich Desertus auf die Bank.

Es war still in der Stube. Gittli rührte sich nicht in ihrem Winkel; man

hörte nur Haymos tiefe Atemzüge, und auf dem Herde knisterte es zuweilen

noch leise in den glühenden Kohlen.

Draußen murmelte das Wasser, von der Herrenhütte herüber klang in

Zwischenräumen die laute Stimme des Vogtes, und tief aus dem Steintal

herauf ertönte der Gesang der vier Knechte, die zu den Almen

niederstiegen:

»Das Herzelein

Im Herzensschrein

Tut gar so weh dem schwarzen Knaben:

Das braune Mägdlein möcht er haben,

Ja haben,

Wenn man es ihm nur gäb,

Ja gäb, ja gäb!«

Nach einer Weile kam Walti, um den Chorherren zum Imbiß zu rufen; er

brachte auch einen Teller für Gittli. »Du, das ist gut!« flüsterte er

dem Mädchen zu. »Ich hab's auch schon verkosten dürfen, und was übrig

bleibt, das krieg ich alles, hat der Frater gesagt.« Gittli richtete

sich auf und begann zu essen, während Desertus die Stube verließ. Als er

die Herrenhütte betrat, sagte er zu Frater Severin: »Schickt ein Kissen

und eine Lodendecke hinüber für das Mädchen; das Kind hat ein hartes

Lager auf den Herdsteinen.«

Nun saßen sie beim Schein einer Kienfackel in der Herrenstube beisammen,

der Propst, Herr Schluttemann und Desertus, der letztere schweigend in

sich versunken, während Herr Heinrich und der Vogt die an dem Jäger

verübte Untat besprachen. Herr Schluttemann beschwor die ganze Rache

seines flammenden Zornes über das Haupt des Untäters, den er finden

wollte, und wenn er sich auch in den untersten Schlupf der Hölle

verkrochen hätte; sobald es Tag würde, gedachte er sich mit den Knechten

auf den Weg zu machen, um in weitem Kreise rings um die Hütte jeden

Busch und jede Felsschrunde zu untersuchen; ein Haken würde sich schon

finden, an den der Faden eines Verdachtes sich anknüpfen ließe.

Als Desertus in die Jägerhütte zurückkehrte, fand er Gittli schlafend im

Herdwinkel. Das Kissen, das ihr Walti gebracht, hatte sie unter Haymos

wunden Arm gelegt; nur die Lodendecke hatte sie für sich behalten und

zum Polster geballt unter ihren Kopf geschoben. So lag sie, die beiden

Hände unter der Wange, die müden Glieder vom Schlafe sanft gelöst; sie

schien auf den harten Steinen so gut zu ruhen, als läge sie in weichen

Daunen. Die glimmenden Kohlen strahlten einen roten Schimmer über ihr

Gesicht, so daß es aus dem Dunkel hervorleuchtete wie ein liebliches

Rätsel.

Lange stand Desertus vor dem schlafenden Mädchen. Immer näher zog es

ihn, er beugte das Knie, er streckte die Arme, er neigte das Gesicht in

dürstender Sehnsucht. Da bewegte sich Gittli und stöhnte leis, wie unter

schweren Träumen: »Haymo.«

Desertus taumelte zurück; die Hände vor das Gesicht schlagend, wankte er

zur Tür und sank auf die Schwelle nieder. »Herr! Herr! Du versuchest

mich über meine Kräfte!« rang es sich mit erstickter Stimme von seinen

Lippen, und die brennenden Augen starrten hinaus in die Nacht, empor zu

den ruhelos flimmernden Sternen.

In den Fenstern der Herrenhütte war das Licht schon erloschen; Herr

Heinrich schlief. Durch die Klumsen der geschlossenen Türe quoll aber

noch ein matter Schein; dort saßen Frater Severin und Herr Schluttemann

beim erlöschenden Feuer auf dem Herdrand, leise plaudernd, mit dem

>heimlichen Pärchen< beschäftigt, das sie aus dem Versteck hervorgeholt.

Walti hockte in einem Winkel und vertilgte die Reste des Mahles; dann

trank er noch einen Krug Wasser leer und kletterte über die Leiter

hinauf ins Heu.

Als den beiden anderen >des Himmels höchste Gnade< zur Neige ging, bekam

Herr Schluttemann seine üblichen >Zustände<. Er schien völlig vergessen

zu haben, wo er sich befand, wähnte im Kellerstübl zu weilen und

fürchtete, daß mit jedem Augenblick die handfesten Boten der Frau

Cäcilia eintreten könnten, um ihn zu holen. »Aber ich geh nicht, Bruder,

ich geh nicht! Jetzt sitz ich einmal, Donnerwetter, und jetzt bleib

ich!« Frater Severin drückte ihm die Hand auf den Mund und zerrte ihn

zur Leiter; mit aller Mühe, stoßend und schiebend, brachte er ihn

endlich über die Leiter hinauf und warf ihn ins weiche Heu. »Cäcilia,

Cäcilia, du treibst es heut wieder arg mit mir!« brummte Herr

Schluttemann, halb erstickt von dem über ihn herfallenden Heu. Eine

Weile lallte er noch fort, dann begann er zu schnarchen. Frater Severin

folgte diesem Beispiel, und da ging nun ein Sägen um die Wette los, daß

Walti erwachte und kein Auge mehr schließen konnte; dazu hatte er bald

eine Faust des Herrn Schluttemann im Gesicht, bald dessen Füße auf der

Brust oder zwischen den Beinen; er verkroch sich in den äußersten

Winkel, aber Herrn Schluttemanns Füße fanden den Weg zu ihm. Schließlich

erhob er sich, glitt über die Leiter hinunter und legte sich auf den

warmen Herd. Jetzt konnte er schlafen.

15.

Nach Mitternacht bewölkte sich der Himmel, und ehe der Tag noch graute,

begann ein warmer Regen zu fallen. Bei Anbruch der Dämmerung kamen die

Knechte. Pater Desertus saß noch immer auf der Schwelle der Jägerhütte,

mit bleichen, müden Zügen, die Augen heiß umrändert. Als er die Knechte

gewahrte, erhob er sich und atmete tief, als wäre ihm die Nähe wachender

Menschen willkommen. Einer der Knechte fragte ihn, was sie zu tun

hätten. Er meinte, sie sollten sich, da Herrn Heinrich der Pirschgang

auf den Auerhahn verregnet wäre, ruhig verhalten, bis die Schläfer von

selbst erwachen würden. Dann trat er in die Hütte. Gittli war schon

wach, sie stand über Haymo gebeugt, der noch immer ruhig schlief; als

sie den Chorherren kommen hörte, trat sie scheu zurück, lispelte den

Morgengruß und verließ die Hütte. Nach einer Weile kam sie wieder,

gewaschen, mit frisch gezopften Haaren; sie schürte auf dem Herd ein

Feuer an und ging geräuschlos ab und zu, um saubere Ordnung in der Stube

zu machen. Als sie wieder einmal Wasser holte, wurde drüben an der

Herrenhütte ein Fensterladen aufgestoßen.

»Guten Morgen, Gittli!« rief Herr Heinrich.

Sie stellte die Wanne nieder und lief hinüber.

»Nun, wie geht es ihm?«

»Er schläft noch allweil, Herr, und ich mein', der Schlaf hat ihm gut

getan, denn er hat schon Farb im Gesicht.«

»Dann wird er wohl auch bald erwachen. Freust du dich schon?«

»Und wie!«

»Gelt, und du freust dich auch schon auf seinen Dank?«

»Den hab ich schon, Herr!«

»So?«

»Ja, gestern auf die Nacht, da hat er ein lützel reden können, und da

hat er mir gleich ein Vergeltsgott gesagt.«

»Aber ich meine, du hoffst doch wohl noch auf besseren Dank?« lächelte

Herr Heinrich, während er sich breit ins Fenster legte.

Sie sah mit großen Augen zu ihm auf. »Was sollt ich noch wollen? Ich hab

mein Vergeltsgott.«

Er betrachtete sie mit freundlichem Blick. »So? So?« Und leise zuckte es

um seinen Mund, als er sagte: »Freilich, mehr kannst du nicht verlangen

von ihm. Aber jetzt geh nur, ich komme gleich hinüber.«

Hurtig lief Gittli davon, um aus dem Regen wieder unter Dach zu kommen.

Über diesem Zwiegespräch war Walti aus dem Schlaf erwacht. Er rieb sich

erschrocken die Augen, als er den hellen Morgen schimmern sah, kletterte

die Leiter empor und rief: »Frater! Frater! Stehet auf, der Herr ist

wach!«

Frater Severin fuhr aus dem Heu wie der Hase aus dem Krautacker, wenn

der Bauer kommt. Er packte seinen Schnarchgenossen an der Brust. »Herr

Vogt! Auf! Auf! Auf!«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 19 / 52 题