Ich will unter dieser Bezeichnung zuletzt noch alle diejenigen
Schußarten und flachen Bogenwürfe zusammenfassen, welche, außer den
bereits gedachten, aus großen Entfernungen gegen die Werke oder das
Innere der Festungen und die darin befindlichen Gebäude, nach
verschiedenen Richtungen, und namentlich von erhöhten Punkten aus,
gerichtet werden können.
Man hatte bisher ziemlich allgemein den Grundsatz angenommen, daß
Angriffsbatterien auf größern Entfernungen (über 1200 bis 1500 Schritt
hinaus) den Festungen wenig nachtheilig seien. Schon die Einführung der
Bombenkanonen hat diesen Grundsatz sehr erschüttert und wir sehen
bereits in Sebastopol den Geschützkampf erfolgreich in großen
Entfernungen eröffnet. Die gezogenen Geschütze werden dies in noch
höherm Grade geschehen lassen und dominirende Höhen, die bisher
unbeachtet geblieben sind, werden künftig von großem Einfluß auf die
Vertheidigung sein. Ich erkenne an, daß dieser Umstand für mehrere von
unseren in unebenem Terrain gelegenen Festungen von großer Bedeutung ist
-- einer größern vielleicht, als der verbesserte Brescheschuß -- und es
wird daher ein Gegenstand von der größten Wichtigkeit sein, daß das
Terrain vor unsern Festungen auf 4000 ja bis 5000 Schritt untersucht und
die Haupthöhen desselben durch Nivellements ermittelt und gemessen
werden, indem, wie schon eine flüchtige Besichtigung zeigt, manche
bisher unbeachteten Höhen künftig durch Seiten- und Rückenfeuer die
Vertheidigungsfähigkeit einzelner unserer Werke auf das Nachtheiligste
beeinträchtigen möchten. Als Gegenmittel gegen diesen Übelstand
erscheint einerseits die Vervielfältigung von Traversen, andererseits
die Anlage weit vorgeschobener Werke geboten, beides Maßregeln, die zwar
mehr oder weniger ausführbar sein werden, unter allen Umständen aber,
namentlich die Letztere, -- die reiflichste Erwägung erfordern, die
daher den betreffenden Herrn Inspekteuren, Platz-Ingenieuren und
Festungs-Bau-Direktoren im Verein mit den Artillerie-Offizieren der
Plätze nur auf's Angelegentlichste empfohlen werden kann.
In Bezug auf die Sicherung der großen Pulvermagazine gegen das direkte
und indirekte Feuer solcher entfernten Batterien ist bereits eine
Berichterstattung erfolgt, worüber die höhere Entscheidung abgewartet
werden muß. --
Es ist nicht zu verkennen, daß die Befestigungskunst -- wie es in der
Kriegskunst schon mehrmals vorgekommen -- sich gegenüber den jetzigen
wesentlichen Verbesserungen des Geschützwesens und der Feuerwaffen
überhaupt in der schwierigen Lage befindet, mit diesen Verbesserungen
schwer Schritt halten zu können, einerseits, weil die Gegenmaßregeln
ihrer Natur nach überhaupt erst ermittelt werden müssen und nur nach und
nach Eingang finden können, andererseits weil die vorhandenen, auf
hundertjährige Dauer und länger, angelegten Befestigungen diesen
Neuerungen nicht ohne Weiteres folgen können und eine Umformung
derselben nur in viel längern Zeiträumen und mit viel größerem
Kostenaufwand möglich ist, als z. B. die Umformung der Artillerie, der
Feuerwaffen etc. Dem Ingenieur wird daher nichts übrig bleiben, als daß
er diese Neuerungen und Verbesserungen aufmerksam verfolge. -- Daß er
ferner auf's Reiflichste erwäge, welche Veränderungen die bisherigen
Begriffe von Defilement, Kasematten, Flankirung, Tracee, Profil,
Developpement und Größe der Festungen etc. erleiden werden und erleiden
müssen, -- daß er bemüht sei, danach die alten Befestigungen zu
verbessern und umzuformen und die neuen von Hause aus anzulegen --
endlich, daß er sich bewußt werde, welche andere Mittel in seiner
reichen Rüstkammer als: die Wassergräben, Contrescarpen,
Reversgallerien, Traversen, Cavaliere und vor Allem die Contreminen, das
Infanteriefeuer und die active Vertheidigung, ihm noch zu Gebote stehen,
um auch ferner noch den Dienst des Ingenieurs, wenn auch meist nur als
Schutzwaffe, aber als eine sehr hülfreiche, ja unentbehrliche,
erscheinen zu lassen, welche noch immer Hülfs- und Vertheidigungsmittel
genug besitzt, um nicht, wie Einige vielleicht meinen mögen, schon beim
ersten Schuß eines gezogenen Feld-Sechspfünders die Vertheidigung der
Festungen muthlos aufzugeben.
Berlin, den 24. November 1860.
v. _Prittwitz_,
Generallieutenant.
Anmerkungen zur Transkription: Dieser Artikel erschien 1861 im
»Archiv für die Offiziere der Königlich Preußischen Artillerie- und
Ingenieur-Corps.«, 25. Jahrgang, 49. Band, Kapitel X und XI.
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, kleinere
Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Die Umlaute Ae, Oe und
Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde
durch etc. ersetzt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#
Transcriber's Notes: This article has originally been published in 1861
in »Archiv für die Offiziere der Königlich Preußischen Artillerie- und
Ingenieur-Corps.«, 25th year of publication, volume 49, chapters X and
XI. Obvious printing errors have been corrected, while minor
irregularities in the spelling have been retained.
The original book is printed in Fraktur font. The Umlauts Ae, Oe and Ue
have been replaced by Ä, Ö, Ü. The ligature for "etc." has been replaced
by etc. Marked-up text has been replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua: #text in Antiqua font#