Schon im Jahre 1824 hatten die Woolwicher Versuche gezeigt, daß es
möglich sei, Festungsmauern, auch wenn man sie nicht sehen kann, aus
größerer Entfernung durch flache Bogenschüsse zu zerstören. (Siehe meine
Beiträge zur angewandten Befestigungskunst S. 88. ff.) Dies Verfahren
erregte schon damals großes Aufsehen und gab zu vielfachen Discussionen
Veranlassung, als deren Endergebniß sich Folgendes herausstellte:
a) daß dies indirekte Brescheverfahren allerdings unter
Umständen sehr wohl anwendbar erscheine;
b) daß es namentlich auch gegen alle kasemattirte Flankirungen
und flankirende Linien, wenn der Feind sich in die Verlängerung
der auf die letztern treffenden Gräben aufstellen kann, mit
gutem Erfolge werde gebraucht werden können;
c) daß dieses neue Verfahren zwar die meist sehr schwierige
Erbauung der Contre- und Breschbatterien und das Brescheschießen
aus der Nähe, sonst aber die übrigen langwierigen
Belagerungsoperationen und Annäherungsarbeiten nicht erspart;
d) daß das Brescheschießen aus der Entfernung, außerdem, daß die
Beurtheilung der Gangbarkeit der Bresche sehr schwierig sei, dem
Vertheidiger den Punkt bezeichne, wo man eindringen will und ihm
gestatte, geeignete Gegenmaßregeln zu treffen, Abschnitte
anzulegen, die Bresche zu unterminiren, und dergleichen, so daß
dies neue Brescheverfahren nur denjenigen schlechtern Festungen
besonders gefährlich werden wird, bei welchen ein sogenannter
beschleunigter Angriff stattfinden kann.
Durch die neuern Verbesserungen in diesem Verfahren, in Folge Anwendung
von gezogenen Geschützen, hat sich nun in diesen Verhältnissen nichts
Wesentliches geändert und es steht daher keineswegs zu besorgen, daß
dasselbe die Festungen so ohne Weiteres zum Falle bringen werde, wie
dies, namentlich von artilleristischer Seite, mehrfach vorausgesetzt
wird: denn es verkürzt, wie gesagt, nur _eine_ der verschiedenen
Angriffsoperationen und zwar in einem Verhältniß, das in der
Wirklichkeit gewiß ein ganz anderes und um viele Procente geringeres,
als das auf unsern Exercierplätzen erzielte sein wird, wo weder das
Feuer der Festung, noch die Unkenntniß der Entfernungen und Wirkungen
störend influirt.
Ich will nicht einmal ein Gewicht darauf legen, daß, wie Einige
behaupten, die vergrößerte Wirkung der Geschütze auch eine viel
entferntere Anlage der ersten Parallele nothwendig machen und dadurch
(wie bei Sebastopol) den feindlichen Angriff sehr verzögern werde, weil
ich glaube, daß die Entfernung der ersten Parallele größtentheils von
andern Umständen abhängig ist.
Es kommt nun darauf an, zu untersuchen, ob die Vertheidigung nicht auch
Mittel hat, sowohl bei neuanzulegenden Festungen, als bei bereits
vorhandenen, die Wirkung des in Rede stehenden Verfahrens zu vernichten
oder wenigstens zu ermäßigen. Um dies besser zu übersehen, müssen wir
die drei Fälle unterscheiden, welche hauptsächlich vorkommen können,
nämlich das indirekte Brescheschießen
a) gegen Escarpenmauern quer über den Graben,
b) gegen Flankenkasematten und flankirende Linien, die der Länge
der Festungsgräben nach getroffen werden können,
c) gegen Reduits hinter deckenden Wällen oder Glaciscreten.
#ad a.#
_Gegen Escarpen quer über die Festungsgräben._
Wir haben schon oben gesehen, warum man die gemauerten Escarpen --
Wassergräben ausgenommen -- nicht entbehren kann.
Um sie vor dem indirekten Brescheschuß zu sichern, wird es vor Allem
rathsam sein, sie überall mit Contrescarpen zu versehen und demnächst
die Gräben möglichst eng und tief, auch den bedeckten Weg nicht zu breit
zu machen, damit die einfallenden Geschosse die Mauer unter möglichst
steilem Winkel treffen, der, wenn er mehr als 7° beträgt, wegen des
dann erforderlichen Munitionsaufwandes die Anwendung des indirekten
Brescheschusses nach dem jetzigen Stande der Sache, schon bedenklich
macht.
Daß die freistehenden Mauern bei wesentlich geringern Kosten, wenigstens
ebenso gut widerstehen, als Futtermauern und Dechargenkasematten, durfte
nach den Jülicher Versuchen als feststehend anzusehen sein.
Sehr zu beachten wird es bei Neuanlagen ferner sein, daß auch die Dächer
der freistehenden Mauern nicht von Außen gesehen werden können, damit
der Feind an denselben nicht die Wirkung seines Brescheschießens
erkennen könne. Auch bei vielen bereits vorhandenen Anlagen wird sich
diese Verbesserung noch nachträglich anbringen lassen.
Es ist davon die Rede gewesen, die Wirkung der Geschosse bei ihrer
jetzigen Einrichtung dadurch zu paralisiren, daß man sie durch Wände von
Balken, Brettern oder Flechtwerk, die man vor den Escarpenmauern oder
auch auf der Contrescarpe anbrächte, ehe sie an die Mauer gelangen:
allein es würde dann der Artillerie gewiß sehr bald gelingen, die
Explosion so zu verzögern, daß sie erst stattfände, nachdem die Mauer
getroffen ist.
#ad b.#
_Gegen kasemattirte Flanken und flankirende Linien, der Länge der
Festungsgräben nach._
Für Neuanlagen wird in Folge dessen der seit lange anerkannte, in meinen
Beiträgen (Seite 123) bereits ausführlich behandelte, aber leider auch
bei unsern Neuanlagen sehr wenig beachtete Grundsatz sich geltend
machen, daß man dem Feinde immer so viel als möglich gerade Fronten und
keine Saillants, am wenigsten spitze Saillants entgegensetzen müsse,
vielmehr das Polygonaltracee immer den Vorzug verdiene, bei dem die
Verlängerungen der Gräben so nahe wie möglich der Festung liegen, so daß
der Feind immer nur erst bei größerer Annäherung in diesen
Verlängerungen seine indirekten Contrebatterien aufstellen kann.
Demnächst werden die Grabencaponieren, wie es auch schon häufig
geschehen ist, in vielen Fällen zweckmäßig an den Saillants angebracht
werden können.
Ein drittes sehr wirksames auch bei fertigen Festungen fast immer noch
anzuwendendes Hülfsmittel sind Reverskasematten und Gallerien in den
ausspringenden Winkeln der Contrescarpe. Sie haben zwar den Nachtheil,
daß auch sie durch die feindlichen Angriffsminen zerstört werden können,
ehe sie in Wirksamkeit treten. Allein dies ist immer eine zeitraubende
Operation, die erst in Anwendung kommen kann, wenn der Feind mit seinen
Approchen bis an die Glaciscrete gelangt ist.
Die Anwendung von Erdmasken, halben Koffers, Diamants und dergleichen
vor den flankirenden Batterien wird ebenfalls unter Umständen in
Anwendung kommen können, obgleich sie großen Einschränkungen aus andern
Ursachen unterliegt.
Aber selbst wenn uns diese einfachen und wirksamen, auch für bereits
fertige Werke anwendbare Mittel nicht zu Gebote ständen, fragte es sich
immer noch, ob man wegen der Möglichkeit solcher indirekten
Contrebatterien unter allen Umständen die gewöhnlichen Grabencaponieren
aufgeben müsse? Ich glaube es nicht. Eine gute Grabenvertheidigung ist
das wichtigste Sicherungsmittel gegen einen gewaltsamen Angriff und
erreicht man diesen Zweck am Einfachsten durch Grabencaponieren, dann
muß man sich es schon gefallen lassen, daß im Laufe einer förmlichen
Belagerung, ein oder zwei Flanken durch indirekten Schuß unbrauchbar
gemacht werden, was sonst allerdings nur durch direkte in ihrer
Ausführung und Anwendung viel schwierigere Contrebatterien zu geschehen
pflegt. Der Feind muß dann immer noch erst den Sturm wagen.
Übrigens wird die Wirkung der indirekten Contrebatterien in der
Wirklichkeit, noch schwerer zu beurtheilen sein, als die der
Breschbatterien, weil ihr Zweck nicht der ist, die ganze Escarpenmauer
zum Einsturz zu bringen, sondern blos die Scharten zu zerstören; der
Zustand der Scharten aber von Außen fast gar nicht zu beurtheilen sein
wird.
Schließlich bemerke ich, daß die von einer Seite vorgeschlagene Erhöhung
der Wälle und der bedeckten Wege an den Stellen, über welche die
Geschosse der indirekten Contrebatterien hinwegstreichen, einerseits
wegen der dadurch bedingten partiellen Erhöhungen der Feuerlinie nicht
ausführbar sein, andernseits den Einfallswinkel meistens nur unbedeutend
vergrößern würde, so daß von diesem Mittel jedenfalls abstrahirt werden
muß.
#ad c.#
_Gegen Reduits._
Der Zweck der Reduits ist immer der, dem Feinde, nachdem er die vordere
Linie genommen hat, noch einen Widerstand in zweiter Linie
entgegenzusetzen. -- Die Anlage von Reduits gilt daher als eine
wesentliche Verstärkung, namentlich gegen den gewaltsamen Angriff, indem
es bei einem solchen kaum denkbar ist, daß nachdem der Feind die vordere
Vertheidigungslinie überwältigt hat, er noch so viel Kraft besitzen
sollte, auch noch in demselben Anlauf das zweite Hinderniß zu besiegen.
Da nun bei allen Befestigungsanlagen es die erste Bedingung ist, den
Feind zu einem förmlichen Angriff zu nöthigen: so werden auch jetzt noch
die Reduits diesen Zweck zu erfüllen vollkommen im Stande sein, indem es
nicht wohl denkbar ist, daß der Feind ohne förmliche Belagerungsarbeiten,
Batteriebau und dergleichen, ein oder mehrere Reduits sollte außer
Thätigkeit setzen können.
Gegen den förmlichen Angriff leisten die Reduits weniger, weil, wenn der
Angreifer erst die vordere Linie genommen hat, der Widerstand des
zweiten Hindernisses meist nicht mehr lange zu dauern pflegt.
Nachdem hiermit das Wesen der Reduits im Allgemeinen angedeutet ist, und
zwar gilt das eben Gesagte auch mehr oder weniger für die Reduits in den
Waffenplätzen, muß ich hier wieder auf den oben ausgeführten Satz
zurückkommen, daß darum ein Vertheidigungsmittel noch nicht zu verwerfen
ist, weil es der Feind überwältigen kann. Es kommt vielmehr immer darauf
an, daß der Widerstand, den es zu leisten vermag, mit seinen Kosten noch
im angemessenen Verhältniß stehe. Und dies wird auch jetzt noch bei den
meisten Reduits der Fall sein, trotz der unverkennbaren großen
Wirksamkeit des indirekten Brescheschusses gegen dieselben: denn sie
werden nach wie vor allen Anlagen eine große Sicherheit gegen den
gewaltsamen Angriff gewähren und wenn sie diesen Zweck erfüllt haben,
dann mag immer eins und das andere von ihnen dem indirekten Brescheschuß
gleich beim Beginn der Belagerung unterliegen, wobei immer noch
diejenigen Schwierigkeiten für den Feind, um solche Breschen benutzen zu
können, bestehen, die wir schon eben bei den Escarpen im Allgemeinen
kennen gelernt haben. --
Daß man die Reduits ganz aufgeben und gar keine mehr anlegen müsse, ist
daher eine Folgerung, die meines Erachtens aus den Ergebnissen unserer
verbesserten Artillerie nicht gezogen werden kann.
Allerdings werden wir bei der Neuanlage von Reduits sie der Wirksamkeit
des indirekten Schusses möglichst entziehen müssen. Dies wird geschehen,
wenn wir
a) diesen Reduits niemals eine solche Lage geben, daß die
indirekten Batterien gegen sie in der Verlängerung von Gräben
oder Linien des bedeckten Weges aufgestellt werden können.
Hierzu wird wesentlich beitragen die schon oben als nothwendig
hervorgehobene, möglichst frontale Anlage unserer
Befestigungs-Linien. Bei vorhandenen Reduits in den eingehenden
Waffenplätzen werden Traversen Abhülfe gewähren;
b) wenn wir die Reduits immer so nahe als möglich an die
deckenden Brustwehren heranrücken, so daß der Einfallwinkel der
feindlichen Geschosse wo möglich größer als 7° wird.
Die einer solchen Lage zum Vorwurf gemachte nachtheilige
Wirkung der Steinsplitter auf die Vertheidiger des vorliegenden
Walls wird durch leichte Rückenwehren von Brettern, Balken und
doppelten Flechtzäunen auf der Contrescarpe oder dem Revers des
Wallgangs größtentheils unschädlich gemacht werden können. --
c) Wenn wir diese Reduits nicht zu groß machen (indem ihre Größe
nicht ihrer Wirksamkeit proportional ist) vielmehr den durch
sie gewährten bombensichern Raum uns auf andere Weise
beschaffen, indem wir
d) namentlich die Hohltraversen vermehren, welche verhältnißmäßig
mit geringen Kosten diesen Zweck erfüllen und den Nutzen haben,
in unmittelbarster Nähe der Breschen, einer bereitstehenden
Truppe bis zum Augenblicke der wirklichen Action, ein
geschütztes Unterkommen zu gewähren; und indem wir
e) einen Theil des erforderlichen bombensicheren Raums uns an
Stellen schaffen, die vom feindlichen Feuer nicht beunruhigt
werden können, also unter den Wällen der Werke etc.
Hiernach wird es z. B. nach einer vom General Todleben mir angedeuteten
Idee zulässig sein, hinter den Profilmauern eines größern Werks zwei
kleine Reduits anzubringen, die mit kreuzendem Feuer das Innere des
vorliegenden Werks bestreichen, ohne von den indirekten Batterien des
Feindes mit Erfolg gefaßt werden zu können.
Schließlich bemerke ich noch, daß durch die bisherigen Versuche durchaus
noch nicht erwiesen ist, daß in größern Reduits (Defensivkasernen) wo
kein nachstürzender oder dahinter liegender Wall vorhanden ist,
überhaupt eine brauchbare Bresche zu erlangen sei, d. h. eine solche, in
welcher man sich festsetzen kann. Im Gegentheil dürfte dies in
Ermangelung eines Erdwalls sehr schwierig sein. --
Ich glaube, das Vorstehende wird wenigstens im Stande sein, die
Ingenieure und Festungsvertheidiger einigermaßen über die Wirkungen des
verbesserten direkten und indirekten Brescheschusses zu beruhigen, wenn
ich auch die Wichtigkeit desselben keineswegs unterschätze. Wir wollen
nun sehen, ob die gezogenen Geschütze den Festungswerken nicht
vielleicht auf andere Weise ebenso nachtheilig und nachtheiliger werden
können. Ich gehe nämlich über zu dem
B. Demontirschuß.
So weit ich die Sache zu beurtheilen vermag, wird hier ein ziemliches
Gleichgewicht zwischen den gezogenen Geschützen des Angriffs und der
Vertheidigung stattfinden, mit folgenden Modifikationen:
a) Der Angreifer kann seine demontirte Artillerie beliebig
ergänzen, der Vertheidiger nicht. Je mehr daher der Angreifer
gleich von Hause aus Geschütze gegen die Festung aufstellen
kann, je eher wird er ein Übergewicht über dieselbe erlangen
und behaupten und dies Übergewicht wird bei gezogenen
Geschützen an und für sich viel bedeutender und intensiver
sein. Daraus folgt
[alpha]) daß das Gleichgewicht der Festungsartillerie gegen
die Angriffsartillerie nur durch eine sehr starke
Geschütz-Dotirung der Festungen einigermaßen wird erlangt
werden können und
[beta]) daß nur _große_ Festungen noch der feindlichen
Artillerie allenfalls gewachsen sein werden, kleine
Festungen dagegen jetzt in einer noch viel nachtheiligeren
Lage sich der Angriffs-Artillerie gegenüber befinden, als es
schon bei dem bisherigen Zustande des Geschützwesens der
Fall war. Kleine Festungen sind daher ganz aufzugeben, oder
bedeutend zu erweitern.
Die zweite Modifikation in jenem Gleichgewicht beider Artillerien in
Bezug auf den Demontirschuß ist die, daß
b) der Vertheidiger in der Regel eine dominirende Aufstellung
haben wird, die, wie die Geschichte aller Belagerungen lehrt
und sich auch theoretisch darthun läßt, immer große Vortheile
gewährt. Bei Anlage oder Verbesserung von Festungswerken wird
man daher stets bedacht sein müssen, sich diesen wesentlichen
Vortheil durch hohe Erdwälle (Kavaliere) zu verschaffen.
(Vergleiche auch meine Beiträge zur angewandten
Befestigungskunst S. 34. Ich habe darum auch bereits oben
empfohlen, freiliegende Reduits nicht abzutragen, sondern
lieber die vorliegenden Wälle zu erhöhen.)