Die Marokkokrisis von 1911

Die von Deutschland versuchte Entspannung der politischen Lage stellte

sich nicht ein.

Die deutsch-französischen Beziehungen blieben auch nach dem Abkommen

vom Februar 1909 unter dem Einfluß der Marokko-Angelegenheit. Es

zeigte sich bald, daß das genannte Abkommen die Marokkofrage nicht

zur Liquidation gebracht hatte. Die Franzosen zeigten sich schwierig

in der Zulassung deutscher Unternehmungen zur Beteiligung an den

großen wirtschaftlichen Aufgaben, die in Marokko zu lösen waren,

insbesondere auf dem Gebiet des Bergbaus, der Eisenbahnen und des

Hafenbaus. Auf der andern Seite beobachtete man in Deutschland mit

steigendem Mißtrauen, wie Frankreich die Anerkennung seiner politischen

Sonderstellung in Marokko dazu benutzte, um durch allerlei an sich

kleine und unscheinbare Expeditionen die von ihm gleichfalls anerkannte

Souveränität und Integrität des Sultanats Marokko mehr und mehr zu

unterhöhlen. Jeder Teil warf dem andern vor, daß er mehr verlange,

als ihm zustehe, während er ihm das vorenthalte, was ihm das Abkommen

zugesprochen habe. Nur daß Deutschlands Ansprüche auf Beteiligung an

den wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes dauernd platonisch

blieben, während Frankreichs fortschreitende militärische Durchdringung

des Sultanats und die im Frühjahr 1910 mit der Gewährung einer großen

Anleihe herbeigeführte französische Kontrolle über die sämtlichen

marokkanischen Einnahmen durchaus reale Tatsachen darstellten.

Die Lage wurde unerträglich, als Frankreich im Frühjahr 1911, eine

angebliche Bedrohung der Europäer zum Vorwand nehmend, den Vormarsch

auf die Landeshauptstadt Fez aufnahm und diese am 21. Mai 1911 besetzte.

Die deutsche Regierung erhob zwar gegen diese Unternehmung, die den

letzten Rest von Unabhängigkeit des Sultanats vor aller Welt klar

zerstörte, keinen offiziellen Einspruch, ließ jedoch durch halbamtliche

Kundgebungen und auch in Unterhaltungen mit dem französischen

Botschafter in Berlin keinen Zweifel daran, daß durch das Vorgehen

Frankreichs die Algeciras-Akte tatsächlich beseitigt und dadurch der

deutschen Regierung freie Hand gegeben sei. Die deutsche Politik

hatte nicht die Absicht, die von ihr als wiedergewonnen festgestellte

Handlungsfreiheit zu benutzen, um nun ihrerseits in Marokko zu

intervenieren; ihre Absicht war vielmehr, mit Frankreich über Marokko

nunmehr zu einem direkten Abkommen zu gelangen, wie es Frankreich

vor Algeciras mit England, Spanien und Italien abgeschlossen hatte.

Allerdings war Kiderlen nicht gewillt, die Franzosen Marokko entgegen

der Algeciras-Akte und entgegen dem deutsch-französischen Abkommen

vom Februar 1909 einfach in die Tasche stecken zu lassen, ohne daß

mit Deutschland darüber auch nur ein Wort gesprochen würde. Eine

solche Verwirklichung der alten Delcasséschen Politik der Ignorierung

Deutschlands, über die Algeciras-Akte und das Februar-Abkommen hinaus,

war Kiderlen entschlossen, unter allen Umständen zu verhindern.

Das Gelbbuch, das die französische Regierung später veröffentlicht

hat, gibt Zeugnis davon, mit welcher Eindringlichkeit Kiderlen dem

französischen Botschafter in Berlin, Jules Cambon, schon vor der

Besetzung von Fez Vorschläge wegen einer Verständigung nahelegte.

Schon am 14. März 1911 sagte -- nach Ausweis des Gelbbuchs -- Sir

Edward Grey zu dem französischen Botschafter in London, Paul Cambon:

»Les conversations de M. de Kiderlen avec M. Jules Cambon semblaient

indiquer chez le Gouvernement Allemand un désir d'entente«; und

am 7. April, zehn Tage vor der Entscheidung über die Entsendung

des Expeditionskorps nach Fez, teilte Kiderlen dem französischen

Botschafter in Berlin schriftlich mit, daß er, falls die Verhältnisse

in Marokko sich zuspitzen sollten, durchaus bereit sei, mit der

französischen Regierung in einen Meinungsaustausch über die Maßnahmen

einzutreten, die diese dann glaube ergreifen zu sollen.

Die französische Regierung zog es vor, den Marsch auf Fez zu befehlen,

ohne in den von der deutschen Regierung für diesen Fall nahegelegten

Meinungsaustausch einzutreten.

Nach der Besetzung von Fez wurden die Hinweise des Kanzlers und

Kiderlens auf die Unhaltbarkeit der dadurch geschaffenen Lage

häufiger und dringlicher. Am 21. und 22. Juni hatte Kiderlen in

Kissingen eine Aussprache mit Jules Cambon, der daraufhin nach Paris

reiste. »Rapportez-nous quelque chose de Paris« -- mit diesen Worten

verabschiedete sich Kiderlen von seinem Gast. Aber auch dieser

letzte Versuch, Frankreich zu einer gütlichen Auseinandersetzung

mit Deutschland über Marokko zu bewegen, blieb in Paris ohne jeden

Widerhall.

Wenn Deutschland sich nicht gänzlich auf die Seite drücken und sich

die hartnäckige Mißachtung seiner durch die Algeciras-Akte verbrieften

Stellung in Marokko ohne Gegenwehr gefallen lassen wollte, mußte jetzt

mit einer nicht mehr zu verkennenden und nicht mehr zu ignorierenden

Handlung eingegriffen werden. Die deutsche Regierung entschloß sich zur

Entsendung des »Panther« nach Agadir.

Der Zweck dieses Schrittes, der alsbald in Frankreich und England

die größte Aufregung hervorrief, ist nach dem oben Ausgeführten

klar: Frankreich sollte gezwungen werden, endlich mit Deutschland

über Marokko ernsthaft zu sprechen und für das von ihm angestrebte

Protektorat die deutsche Zustimmung ebenso durch das Angebot von

Kompensationen zu sichern, wie es sich die Zustimmung Englands,

Spaniens und Italiens früher erworben hatte. An territoriale

Kompensationen in Marokko selbst dachte die deutsche Regierung

nicht; sie wollte im Gegenteil die Marokkofrage endgültig ausräumen,

Frankreich politisch ganz freie Hand lassen und sich nur einen

ausreichenden vertragsmäßigen Schutz für die deutschen Unternehmungen

und die Freiheit des deutschen Handels sichern. Die eigentliche

Kompensation für Marokko suchte die deutsche Politik auf kolonialem

Gebiet. Aber da es sich darum handelte, für die Aufgabe des deutschen

Mitbestimmungsrechtes über Marokko andere Kompensationen einzuhandeln,

konnte das deutsche Mitbestimmungsrecht, solange ausreichende

Kompensationen nicht gesichert waren, nicht aufgegeben, es mußte

vielmehr nach Möglichkeit unterstrichen werden.

Im Ausland wie in Deutschland selbst entstand zunächst der Eindruck,

als ob mit dem Erscheinen des »Panther« auf der Reede von Agadir eine

deutsche Festsetzung in Marokko beabsichtigt sei. Als dann später die

Grundzüge des mit Frankreich verhandelten Abkommens bekannt wurden,

bildete sich die Meinung heraus, daß die deutsche Regierung, gezwungen

durch das von ihr nicht vorausgesehene Eingreifen Englands, gegen ihre

ursprüngliche Absicht auf einen Anteil an Marokko verzichtet habe.

Diese Auffassung ist falsch. Die deutsche Regierung hat von Anfang

an bekanntgegeben, daß mit der Entsendung des »Panther« eine

Besitzergreifung nicht beabsichtigt sei. Sie hat mit dem französischen

Botschafter über die Anerkennung des französischen Protektorats über

Marokko gegen territoriale Kompensationen in Mittelafrika schon

verhandelt, ehe Lloyd George am 21. Juli seine berühmt gewordene

Rede im Mansion-House hielt. Wie wenig aber den sich für Marokko

interessierenden deutschen Kreisen der Gedanke, aus Marokko ganz

herauszugehen, in den Kopf wollte, zeigt folgender kleine Vorfall:

Nachdem Kiderlen, der am 1. Juli, dem Tag des Erscheinens des

»Panther« vor Agadir, von Berlin abwesend war, zurückgekehrt war,

besuchte ich ihn im Auswärtigen Amt. Ich traf im Vorzimmer einen

bekannten alldeutschen Schriftsteller, der mir erzählte, er habe sich

bei Kiderlen anmelden lassen, um ihm zu der Sicherung des deutschen

Anteils an Marokko zu gratulieren. Als mich Kiderlen nach dem kurzen

Besuch dieses Herrn empfing, fragte ich ihn nach dem Verlauf der

Unterhaltung. Kiderlen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn

und sagte lachend: »Ich habe ihm ganz deutlich gesagt, daß wir in

Marokko gar nichts wollen; aber ich hatte gut reden: der dumme Kerl (in

Wirklichkeit war der Ausdruck noch etwas derber) hat es mir einfach

nicht geglaubt.«

Der Verlauf der Angelegenheit ist bekannt. Nachdem die französische

Regierung begriffen hatte, daß Deutschland nicht gewillt sei, sich

ausschalten zu lassen, begann sie durch ihren Berliner Botschafter

Verhandlungen auf der von der deutschen Regierung gewünschten Grundlage

einer Kompensation in Mittelafrika. Die ohnedies nicht leichten

Verhandlungen wurden durch die Einmischung Englands noch wesentlich

erschwert. Obwohl England sich in dem Abkommen von 1904 Frankreich

gegenüber in Marokko völlig desinteressiert hatte, erklärte Sir Edward

Grey bereits drei Tage nach dem Erscheinen des »Panther« vor Agadir,

daß England keine neue Abmachung anerkennen werde, die ohne seine

Mitwirkung zustandegekommen sei. Die englische Presse tat alles, um

die durch den »coup d'Agadir« gereizte französische Empfindlichkeit

noch weiter aufzustacheln. Die Absicht, es nicht zu einem friedlichen

Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland kommen zu lassen, war

unverkennbar. Den Höhepunkt erreichte dieses Treiben mit der Rede, die

Lloyd George, nach Feststellung ihres Wortlautes im Ministerrat, am

21. Juli 1911 im Mansion-Haus gehalten hat; deren Hauptstelle lautete:

»Wenn uns eine Situation aufgezwungen würde, in welcher der Friede

nur durch das Aufgeben der großen und wohltätigen Stellung erhalten

werden könnte, die England sich in Jahrhunderten des Heldentums und des

Erfolges errungen hat, und nur dadurch, daß Großbritannien in Fragen,

die seine Lebensinteressen berühren, in einer Weise behandelt würde,

als ob es im Rat der Nationen gar nicht mehr mitzähle, dann würde ein

Friede um jeden Preis eine Erniedrigung sein, die ein großes Land, wie

das unsrige, nicht ertragen könnte.«

Während also Frankreich unter Führung des einer Verständigung geneigten

Ministerpräsidenten Caillaux verhandelte, hielt es die britische

Regierung für angemessen, eine weithinschallende Kriegsdrohung in

die Welt zu schleudern. Warum? -- Die von Lloyd George gegebenen

Gründe waren Scheingründe. Niemand in Deutschland dachte daran,

Englands Weltstellung in einer Frage zu beeinträchtigen, an der

sich England sieben Jahre zuvor selbst desinteressiert hatte.

Britische Lebensinteressen kamen um so weniger in Frage, als die

britische Regierung darüber, daß Deutschland keine Festsetzung an

der atlantischen Küste Marokkos beabsichtigte -- wäre das überhaupt

eine Bedrohung britischer »Lebensinteressen« gewesen? --, vielmehr

Kompensationen in andern Gebieten suchte, genau unterrichtet war

und als noch am 21. Juli selbst, vor der Rede Lloyd Georges, der

deutsche Botschafter in einer von Sir Edward Grey herbeigeführten

Unterhaltung die Deutschland von diesem zugeschriebenen Absichten

mit Entschiedenheit in Abrede gestellt hatte. Für das Verhalten der

britischen Regierung blieb also nur das eine Motiv, das der deutsche

Botschafter nach der Rede Lloyd Georges gegenüber Sir Edward Grey klipp

und klar mit folgenden Worten bezeichnete:

»Sollte die englische Regierung die Absicht haben, die politische

Lage zu verwickeln und zu verwirren und einer gewaltsamen Entladung

zuzuführen, so hätte sie allerdings kein besseres Mittel wählen können

als die Rede des Schatzkanzlers.«

Aber die britische Regierung begnügte sich damals nicht nur mit Worten.

Ebenso wie sie im Jahre 1905 Herrn Delcassé die Unterstützung durch

ein britisches Expeditionskorps angeboten hatte, setzte sie jetzt ihre

Flotte in Bereitschaft und traf alle Vorkehrungen für die Überführung

eines Landheeres nach -- Flandern. Aus den Enthüllungen des britischen

Hauptmanns Faber und aus den Brüsseler Akten wissen wir heute, daß die

britische Regierung damals entschlossen war, »en tout état de cause«,

und zwar auch ohne Zustimmung der belgischen Regierung, in Flandern zu

landen oder einzumarschieren.

Die ebenso ruhige wie feste Haltung der deutschen Regierung hat damals

die Kriegsgefahr abgewendet.

Nach langen und schwierigen Verhandlungen kam der deutsch-französische

Vertrag vom 4. November 1911 zustande, der uns gegen die Anerkennung

des französischen Protektorats über Marokko Teile des französischen

Kongo brachte. Eine großzügigere Abrundung unsres afrikanischen

Kolonialbesitzes, wie sie ursprünglich Kiderlen vorgeschwebt hatte,

scheiterte teils an dem durch England aufgemunterten französischen

Widerstand, teils aber auch an der vom Kolonialamt unterstützten

Auflehnung der deutschen Kolonialkreise gegen einen Austausch bisher

deutscher Kolonialgebiete.

Die Marokkofrage war nun zwar »liquidiert«; aber statt daß durch diese

Beseitigung eines alten und gefährlichen Reibungspunktes zwischen den

beiden Ländern eine Entspannung herbeigeführt worden wäre, trat --

von England aus eifrig gefördert -- das Gegenteil ein. In Deutschland

wurde der diplomatische Erfolg, daß Frankreich gegen seinen Willen

gezwungen worden war, sich mit uns über Marokko zu verständigen

und uns aus seinem Eigenen Kompensationen zu gewähren, durch den

Eindruck beeinträchtigt, ja aufgehoben, daß England durch eine brutale

Kriegsdrohung uns zu einem Rückzug gezwungen habe. In Frankreich

empfand man es als eine bittere Demütigung, daß man durch einen

deutschen Gewaltstreich gezwungen worden sei, um des lieben Friedens

willen französische Gebiete herauszugeben. Gedeckt und angestachelt

durch britische Ermunterung und in der Hoffnung auf die fortschreitende

Verstärkung und Reorganisation des russischen Heeres erhob der

französische Chauvinismus in neuer Kraft und in neuen Hoffnungen sein

Haupt.

Auch dieser Versuch der deutschen Politik, die europäische Lage

durch Beseitigung von Reibungspunkten zu erleichtern, hat also sein

Ziel nicht erreicht. Die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich

bestand vielmehr in unverminderter Schärfe fort.

Der Weltkrieg, I. Band Die Vorgeschichte des Weltkrieges · 第 32 / 41 题