Aber der schwer erkaufte Frieden hält nicht lange.
Der Himmel über ihm ist wolkenlos, doch am Horizont lauert schon neues
Unheil. Es bricht immer dann am stärksten hervor, wenn er glaubt,
daß alles überwunden sei. In steilen Linien auf und ab bewegt sich
die Schicksalskurve, heute hoch oben, morgen tief unten. Sonnige
Werke entstehen neben den Ausbrüchen tiefster Verzweiflung und
Seelenqual. Das heitere Es-Dur-Trio neben dem grausigen Nachtstück der
»Winterreise«.
»Fröhlich, Freunde, fröhlich! Sagt ihr, es wohne nicht die Fröhlichkeit
unter meinem Dach?! Spitzt jetzt gefälligst eure Ohren, dann werdet ihr
sie vernehmen!«
Die Freunde rasen vor Entzücken über das Es-Dur-Trio.
»So gefällst uns! Ein echter Schubert! Erfüllt das Herz mit heiterem
Glück bis in alle Winkel! Scheucht alles Dunkle auf, jagt alle
Nachtgespenster von dannen .... erquickt die Seele mit neuem
Lebensmut, reißt den Himmel auf über ihr, daß sie hineinschaue in
wogendes Weiß und Blau und Ströme von Glückseligkeit niederstürzen
fühlt aus leuchtenden Höhen ...«
Das ist schon wahr, was die Freunde in ihrer überschäumenden
Begeisterung sagen.
»Aber diese schauerlichen Lieder der ›Winterreise‹, die wollen mir noch
nicht ein ...« meint Spaun.
Sie vermögen es alle nicht zu erkennen, daß in diesen »schauerlichen
Liedern« Franz am meisten er selbst ist. Seine tiefsten persönlichen
Ahnungen sprechen sich darin aus, in die dunkelsten Abgründe seiner
Seele lassen die Lieder hineinblicken. Ihre ergreifende Größe und
Schmerzensgewalt läßt sie dem Buch Hiob vergleichbar erscheinen. Ein
solcher Leidensmann ist der nun Dreißigjährige, der sich zugleich zu
dieser kindlich jubelnden Höhe seines Trios aufzuschwingen versteht.
In diesen jähen Gefühlslinien bewegt sich sein Lebenslied: eine heitere
Liedweise als Grundton, dann ein jähes Abbrechen, ein qualvoller
Aufschrei der gemarterten Seele: e -- fis -- g -- h -- ais .....
Es fehlt nicht an Anlässen, die tief in sein empfindliches Seelenleben
hineingreifen und diesen erschreckenden Umschlag bewirken. Er hat
die verhängnisvolle Gabe, den Anstoß wie eine rollende Kugel in der
gleichen Richtung weiterzutreiben, bis alle Seelentiefen aufgepeitscht
sind .... In dieser Widerstandslosigkeit seiner Seele gegen die Schläge
des Schicksals ist er Empfangender; er gleicht den Stoß in seinem
Innern aus, indem er sich durch sein Schaffen befreit, insofern ist er
ein Gebender. Was er dafür hingibt, ist ein Stück Leben. Der Erlös
dafür? Dieser Schandlohn von sechs Gulden, wenn es nur der einzige Fall
wäre! Ein Werkelmann verdient mehr!
Aber das ist es nicht, was ihn um und um stürzt. Das Leben ist auch
sonst gespickt mit tragischen Ansätzen, die die Neigung haben,
auszuwachsen und die Seele zu erschüttern.
Daß Jenger aus Graz nach Wien zurückgekehrt, das wäre ja ein freudiger
Anlaß. Aber was alles drum und dran hängt! Sein erster Weg ist in das
Frühwirtsche Haus auf der Wieden nächst der Karlskirche, wo Franz noch
immer wohnt. In Schwindien also. In aller Frühe kommt er angestiefelt,
Franz liegt noch im Bett. Die gestrige Nachtschwärmerei -- es ist
wieder hoch hergegangen im »grünen Anker« -- vielleicht geniert er sich
auch ein bißchen: »Du mußt wissen, ich bin nicht so ganz auf der Höhe
-- es wird nimmer so recht mit der Gesundheit -- Leib und Seele wollen
nicht mehr zusammenhalten -- außer bei einem Glas Wein, da hat man ja
einen so täuschenden Schein von Kraft und Courage, aber sonst -- man
gibt zuviel her bei der Arbeit ...« Ist ja auch was Wahres dran.
Franz läßt sich das Schalerl Kaffee mit den zwei Kipferln, die die
Quartiergeberin bringt, schmecken, indessen Jenger bei ihm am Bettrand
sitzt und erzählt und erzählt. Alle Grazer Neuigkeiten schüttet er aus,
einen ganzen Sack voll.
»Also du mußt nach Graz kommen! Du hast Freunde dort, nicht zum sagen!
Das Ehepaar Pachler ist geradezu vernarrt in deine Musik, na, wie
überhaupt alle. Sind recht liebe Leute, die Pachlers. Wohnen großartig
im Hallerschlössel ganz nahe bei der Stadt, das ist was für dich.
Grazer Patrizier, mußt du wissen, du sollst ein paar Wochen bei ihnen
wohnen, sie laden dich ein, ich möchte ihnen nur gleich schreiben, daß
du wirklich kommst ....«
Vom Hundertsten kommt er ins Tausendste, auf einmal sieht er auf die
Uhr und springt auf.
Warum er es denn so eilig hat? Er möchte noch vormittags hinaus in die
Schwarzspanierstraße -- Apropos, es ist wahrscheinlich, daß auch der
Anselm Hüttenbrenner her muß. »Gebe Gott, daß es nicht so schlimm wird.«
»Was ist denn los? Schwarzspanierstraße? In die Beethovensche Gegend?«
»Ja, weißt du denn nicht --? Man fürchtet, es geht zu Ende mit ihm ....
seit acht Tagen ringt er mit dem Tod. Schindler, sein Vertrauter, hat's
geschrieben.«
Mit einem Satz ist Franz aus dem Bett.
»Beethoven am Sterben? O Gott!« Das große Licht, zu dem er anbetend
aufblickt, am Erlöschen?
Jenger ist schon bei der Türe hinaus.
Hastig kleidet sich Franz an. Die Gefühle wirbeln durcheinander. Er
kann keinen klaren Gedanken fassen. Der Tag vergeht, heute kann er
keine Note schreiben. Er versucht dies und das und legt es wieder
hin. So voll Unruhe ist er. Er fühlt es ganz genau: es kommt etwas
daher, das ihn trifft wie einen persönlichen Verlust. Wie hat er sich
hingesehnt nach dem Gewaltigen, der ihm wie ein Wegweiser erscheint
nach den höchsten Zielen ... Aber er hat es nicht gewagt, er hat Angst
vor dem ganz Großen, seine Erfahrungen mit Goethe haben ihn ganz
eingeschüchtert. Wie oft hat er dem Olympier nach Weimar geschrieben,
er hat ihm Stöße von Liedern geschickt -- mit keiner Zeile hat er
geantwortet, Franz existiert für ihn nicht, die Hekatombe hat nicht
Gnade gefunden in den Augen des Göttlichen.
Aber das war noch zu ertragen. Beethoven steht ihm näher als Vorbild
auf seinem ureigensten Felde. Er fürchtet, es könnte ihm mit dem
Schöpfer der »Eroika« und der unsterblichen »Neunten« ähnlich ergehen.
Es wäre ein Verdammungsurteil für das zaghafte Meisterlein -- nein, er
versucht's lieber nicht ....
Und jetzt krampft sich ihm das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß er
etwas versäumt hatte und daß es etwa zu spät sein könnte .... Da lebt
man in derselben Stadt, begegnet einander zuweilen in den Straßen oder
in den einsamen Feldwegen, weiß sich im Geist so nahe und kehrt lieber
um auf halbem Wege aus begreiflicher Scheu ..... und erfährt erst durch
Leute, die von fern kommen, daß der Tod an sein Haus pocht. So groß ist
die Einsamkeit um den Titanen, daß keiner den Weg zu ihm findet, bis
auf einen .... es greift Franz kalt an die Brust: auch seine Einsamkeit
wird keiner durchdringen, bis auf einen .....
»Wann ist es denn gewesen, daß ich Beethoven zuletzt gesehen habe?«
Franz denkt nach. »Bei seinem letzten großen Konzert war es, wo er
selbst die ›Neunte‹ dirigierte, diese Sinfonie der Menschheit ....«
Ganz richtig, es ist das letztemal gewesen, da man Beethoven am
Dirigentenpult gesehen hat. Er ist damals schon entrückt gewesen,
menschenentrückt durch seine Taubheit und Unnahbarkeit, weltentrückt
durch seinen Genius .... Das waren keine irdischen Klänge mehr, deren
Glanz er vor den Hörern ausbreitet, die kamen aus höheren Welten, über
den Schrei der verzweifelten Menschheit rauschten die Stimmen der
Seligen auf. Er hörte sie nicht mit dem leiblichen Ohr, aber mit dem
geistigen vernimmt er sie um so gewisser.
Der letzte Ton verklingt, die Zuschauer wagen es nicht, sich zu
rühren vor Andacht und Ehrfurcht, der Meister steht noch oben mit dem
Taktstock, blickt starr auf das Pult vor sich hin und dirigiert weiter
aus dem Gedächtnis. Die geschriebene Sinfonie ist zu Ende, der letzte
Ton verhallt, ein Musiker nach dem andern verläßt still das Podium,
nur der Tragiker steht noch oben und gibt den Takt. Seine Taubheit ist
so groß, daß er sein eigenes Werk nicht mit dem leiblichen Ohr gehört
hat, aber die Hellhörigkeit seiner Seele ist so unendlich, daß er
den Weltgesang weiter hört und fort und fort den Takt dazu gibt. Die
Sinfonie ist nicht zu Ende für ihn .....
Die Leute sitzen unten und wagen es nicht, sich zu rühren, sie sind
erschüttert von dem tragischen Anblick, viele weinen vor Rührung. Da
wagt es einer der Musiker, der hinter ihm in den Saal geschlichen ist,
den Lauschenden, von ewigen Harmonien Umfluteten leise am Rock zu
zupfen. Beethoven wendet sich um, wie aus allen Himmeln gestürzt, mit
einem Blick des Entsetzens schaut er sich um und flieht.
Der Vorgang schneidet ins Herz, diesen entsetzten Blick vergißt
keiner, der ihn gesehen. Franz sieht alles klar wieder vor Augen. Die
bloße Erinnerung ergreift ihn mit der gleichen Heftigkeit wie jener
Augenblick. War es nicht so, daß der Geist des großen Meisters damals
schon entrückt war über die Menschen hinweg in lichte Seligkeiten und
dem himmlischen Wegweiser in seiner Einsamkeit folgte eine Straße
entlang, »die noch keiner ging zurück«?
Das Zerren an dem Rock riß ihn zurück in die Wirklichkeit, vor der sich
sein Blick entsetzte. Er floh, er vergrub sich vor den Menschen, und
jetzt rüstete seine Seele zum letzten Male zur großen Heimreise. »Wird
ihn noch einer zurückrufen können, soll er gehen, ohne daß ich ihn
gegrüßt und ihm gedankt habe?«
Einige Tage verstrichen. Das große Sterben drüben in der
Schwarzspanierstraße machte endlich von sich reden. Die Trauer breitete
ihren Flor aus. Das Herz der Stadt zitterte, man hörte den Tod, wie er
durch die Gassen ging.
Jenger ließ sich nicht blicken. Endlich, endlich kam er zurück. Anselm
mit ihm. Schwarze Röcke, Zylinder, Flöre an dem Arm. Ihre Mienen
verkündeten schon von weitem: Beethoven tot!
In der Tiefe wühlte und bohrte der Schmerzensquell, aber er brach nicht
hervor unter dem Schutt und Geröll. Das Phlegma, sagen die Leute.
Mit diesem anscheinenden Phlegma ging Franz in der Mitte zwischen
Jenger und Anselm Hüttenbrenner.
»Wenn schon nicht im Leben, so will ich im Tod bei ihm gewesen sein!«
sagte Franz mitten unter dem Schweigen.
Sie gingen hinüber ins Trauerhaus.
»Schindler erzählt, daß oft von dir die Rede war bei Beethoven!« weiß
Jenger. »Er hat viel Gutes von dir gesagt, es war ihm aber aufgefallen,
daß du dich immer versteckst ... ›Der kommt nach mir,‹ soll der Meister
einmal gesagt haben.«
Franz ging stumm zwischen den beiden, das Herz schlug ihm gewaltig,
je näher sie dem Schwarzspanierhause kamen. Beim Tor wurde ihm ganz
schwach, er mußte ein wenig verschnaufen. Keine Macht hätte ihn die
Stiege hinaufgebracht, wenn er allein gewesen wäre. Diese zwei nahmen
ihn unterm Arm und stiegen hinauf. Im Vorzimmer oben empfing sie ein
grauhaariger Mensch, der nur flüsterte und den dreien durch Zeichen mit
der Hand bedeutete, einzutreten. Sie durchschritten ein Zimmer; der
Flügel stand darin, Stöße von Noten lagen darauf und am Boden umher,
eine schreckliche Verwahrlosung und Verödung grinste aus allen Winkeln,
Leichengeruch schlug ihnen entgegen ...
Im nächsten Zimmer lag der große Tote. Franz starrte in das zerklüftete
Antlitz, in diese Züge, die nach innen gewendet waren und entrückt von
dem Hinaushorchen und Lauschen unendlicher Harmonien .... jetzt war
es ein zertrümmertes Steingebirge mit den gewaltsamen Spuren eines
beendeten Götterkampfes. Einer schreckensvollen Ruine glich dieser
irdische Rest, nachdem der Geist entflohen war.
Es war zu qualvoll, in diese Walstatt zu sehen, Franz riß sich los und
stürmte fort. Am nächsten Tag ging er im Trauerzug als Kerzenträger. An
dem Zyklopentor des Währinger Friedhofs hielt Anschütz eine gewaltige
Rede von Grillparzer, der Sarg schwankte wie ein schwarzes Schiff in
diesen Hafen, Franz hatte zuweilen das Gefühl, als ging' es mit ihm
selber zu Grab. Gottes Finger rührte an sein Herz, aus der dunkelsten
Tiefe der Seele antwortete eine Stimme diesem Pochen, und was sie
antwortete, sollte später im Hiobsbuch seiner »Winterreise« stehen:
»Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht. Allhier will ich
einkehren, hab' ich bei mir gedacht. Ihr grünen Totenkränze könnt
wohl die Zeichen sein, die müde Wanderer laden ins kühle Wirtshaus
ein. Sind denn in diesem Hause die Kammern all besetzt, bin matt zum
Niedersinken, bin tödlich schwer verletzt. O unbarmherzige Schenke,
doch weisest du mich ab? Nun weiter denn, nur weiter, mein treuer
Wanderstab, nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab!«
Besonders in diesem letzten Wirtshaus winkt Gottes Finger fast wie beim
Heurigen.
Zwei Freunde begleiten Franz am Heimweg. Unterwegs kehren sie noch ein
und sitzen in der Weinstube auf der »Mehlgrube«. Franz ist ganz in sich
gekehrt. Er schenkt das erste Glas voll, erhebt es und leert es in
einem Zug auf das Andenken des Heroen, den sie eben zu Grabe geleitet
haben. Er schenkt ein zweites Glas ein, er sieht die beiden anderen
ernst an und sagt: »Und jetzt trink' ich das zweite Glas auf den, der
ihm von uns als Erster nachfolgt ....«
Damit hat's noch seine guten Wege. So viele Wirtshäuser man schon
gesehen und darin zur kühlen Rast geweilt hat, man wird noch durch
manches Wirtshäuslein kommen, ehe man zu dem letzten anlangt. Und der
sich matt zum Niedersinken fühlt und tödlich schwer verletzt, der muß
sich nun schon weiter helfen, weiter, nur weiter, an seinem treuen
Wanderstab.
Unter den vielen Wirtshäuslein, die Franz auf seiner Lebensfahrt als
erquickliche Stationen befunden hat, gilt das »Blumenstöckel« im
Ballgassel als keines der schlechtesten. Es ist ein gemütliches Beisel,
wie er es gern hat, mit einem Glassalon nach der Hofseite, wo ein paar
Bäume stehen. In dem weißen Glassalon ist es gut zu sitzen in den
linden Sommernächten, wenn der herbe Geruch des Götterbaumes durch die
geöffneten Fensterflügel hereinstreicht.
Anna Milder ist wieder zum Gastspiel in Wien, ihre Augen, ihr Lächeln,
ihre Stimme riegelt alle bittersüßen Erinnerungen auf, ganz traumselig
geht Franz mit Spaun und Mayrhofer, dem wieder einmal Umgänglichen,
nach dem Opernabend ins »Blumenstöckel«.
Mayrhofer und Spaun schimpfen über die Wiener, die um die warme
Jahreszeit nicht mehr ins Theater zu bringen sind. Die »Iphigenie«
wurde vor einem fast leeren Hause gesungen. Um so voller war es dafür
beim »Blumenstöckel«. Mit Mühe und Not erobert man einen leeren Tisch
im weißen Glassalon.
Beim Essen und Trinken vergeht leicht die Zeit, es ist bald an
Mitternacht; die Leibesstärkung hat die Seelenkraft erhöht, die
Begeisterung über die Eindrücke des Abends strömt in lauten Worten aus.
Es geht ziemlich ungeniert her, der Glassalon ist um die späte Stunde
fast leer geworden, nur am Nebentisch sitzen einige Gäste, die jedes
Wort aufschnappen. Die Augen, das Lächeln, die Stimme der Anna Milder,
in allen Tönen der Bewunderung wird sie gepriesen. Vor allem diese
Stimme!
Franz schwärmt irgend was von dem Ideal der dramatischen Gesangskunst.
Da fängt einer am Nebentisch laut zu höhnen an, Spaun kennt ihn, es ist
ein Universitätsprofessor; er hat vielleicht schon zu tief ins Glas
geguckt, jedenfalls scheint er zur Stänkerei aufgelegt. Und legt auch
schon los, so halb und halb zum Freundestisch herüber.
»Das nennt man Stimme? Gekräht hat sie wie ein Hahn; die kann ja
überhaupt nicht singen, weder Läufer noch Triller versteht sie zu
machen, ist doch eine Schande, die als Primadonna herzubringen -- das
soll man sich vorsetzen lassen für sein gutes Geld ....?!«
»So ein unverschämter Kerl!« Fast zugleich springen Mayrhofer und
Schubert auf; Franz schmeißt sein gefülltes Glas hin, so kochend vor
Wut hat man ihn noch nie gesehen. Er könnte dem Kerl am Nebentisch an
die Gurgel springen, mit Mühe wird er zurückgehalten. Es ist nicht
das erstemal, daß er ganz aus dem Häuschen gerät, wenn sich einer an
dem versündigt, was ihm heilig ist. Ein Schimpfduett hebt an, daß es
schauerlich anzuhören ist.
Aber der andere drüben ist auch nicht maulfaul, und ein Dickschädel ist
er obendrein, von Nachgeben ist keine Rede. Es gibt einen richtigen
Wirtshausskandal. Franz ist kaum mehr zu halten, eine blutige Keilerei
scheint unvermeidlich, die Begleiter des ungebärdigen Professors
sind besonnen genug, den Halbbetrunkenen unterm Arm zu fassen und
hinauszuexpedieren.
Die drei Freunde bleiben allein im Glassalon zurück. Sie haben wohl das
Feld behauptet, aber die wüste Wirtshausstreiterei ist gerade auch kein
erquickliches Erlebnis. Man fragt sich, wo nimmt denn so ein gemeiner
Kerl das Recht her, in den Seelengarten des anderen einzubrechen und
die schönsten Blumen zu zerstampfen? Wenn man auch seinen Mann gestellt
und den Kerl zu Paaren getrieben hat, so bleibt doch ein widerwärtiges
Gefühl zurück.
Man ist in seinen zartesten und reinsten Empfindungen gedemütigt,
mißhandelt, besudelt worden, und dazu hat man das niederdrückende
Gefühl, daß man der Dummheit und Gemeinheit wehrlos ausgeliefert ist.
Da soll doch ein Himmeldonnerwetter dreinfahren! Die ganze erbärmliche
Welt könnte man zerschmeißen. Es kocht in Franz, kreideweiß sitzt er
vor dem Tisch, eine Zeit vergeht, er redet kein Wort.
Da packt er plötzlich ein Glas und schmeißt es in die Ecke. Klirr! ist
es in tausend Scherben. Das wirkt wie eine Entspannung. Ein zweites
Glas fliegt nach. Klirr! ist das eine Freude, wenn alles in Scherben
geht! Die Wasserflasche, ein Schock Teller, die Karaffe mit Essig und
Öl, die Salzfässer, der Senftiegel -- klirr, klirr, tschin! Jetzt sind
auch ein paar Fensterscheiben des Glassalons durch. Es hagelt Glas.
Die Kellner stürzen herbei, stehen an der Tür, reißen Maul und
Augen auf und lassen es gewähren. Sie denken schon mit heimlicher
Schadenfreude an die fabelhafte Rechnung, die sie hernach schreiben
werden.
Mayrhofer und Spaun sind nicht imstande, Franz zu bändigen, der außer
sich ist. Riesenkräfte sind in dem kleinen, etwas aufgeschwemmten
Körper lebendig geworden. Elektrische Schläge gehen von den plötzlich
straff gespannten und steinhart gewordenen Muskeln aus, die Freunde,
die ihm in die Arme fallen wollen, fliegen unter der heftigen Abstoßung
weg, als wären sie Spielbälle.
Und nun packt Franz mit seinen zarten Händen den großen Wirtshaustisch,
hebt ihn hoch in die Luft und bum! fliegt der schwere Tisch in die Ecke
zu den Scherben, daß das Glas aufspritzt wie Wasser. Dann der nächste
Tisch, Bum und Krach! die Stühle nach, und nicht eher ist Ruhe, als bis
der ganze Glassalon einem Trümmerhaufen gleicht.
Alles Elend, aller Ärger, alle Demütigung und Zurücksetzung, alles Leid
und aller Hohn, die ihm in diesem Leben zuteil geworden sind, drängen
herauf aus der Seele, die sich befreien will. Und mit jedem Stück, das
hinfliegt und in Scherben geht, löst sich ein Stück Unrecht, das man
erdulden hat müssen; es ist wie ein Erbrechen aus Ekel über den ganzen
Unrat dieser erbärmlichen Welt, den man hinunterwürgen hat müssen. Nur
daß er selber am Schluß auf diesem höllischen Misthaufen liegt, ein
armer, schmerzverkrümmter Hiob.
So schaut der Franz mit seinem Phlegma aus?! Wer soll sich da
auskennen? Man weiß nicht, was in diesem sonderbaren verschlossenen
Gemüt steckt!
Kopfschüttelnd lesen die Freunde das unselige Meisterlein auf, das
jetzt einem hilflosen Kinde mitten im zerschmetterten Spielzeug
gleicht. Er ist kaum seiner Sinne mächtig und kann sich nicht allein
erheben. Wie gelähmt ist er am ganzen Körper. Er wird in einen Wagen
gehoben, die Freunde bringen ihn heim. Dann liegt er tagelang zu Bett
und ist krank. Das Übel, das ihn vor Jahren befallen und ihn nie mehr
ganz verlassen hat, ist schlimmer als je geworden. Die Krähe, die Krähe
-- stärker vernimmt die Seele das Fittichschlagen dieses Todesboten.
»Eine Krähe ... ist bis heute für und für um mein Haupt geflogen ...«
Er summt das Lied aus der »Winterreise« vor sich hin, als ob er
Zwiesprach' halten würde mit dem Symbol.
»Nun, es wird nicht mehr weit geh'n an dem Wanderstabe, Krähe, laß mich
endlich sehn, Treue bis zum Grabe ....«
Der Skandal beim »Blumenstöckel« hatte flinke Beine wie jeder Skandal
und lief besonders hurtig um in einer Stadt wie Wien, die seit jeher
ein empfängliches Ohr für solche Chronik hat und mit ihrer angeborenen
Göttergabe der Phantasie die Geschichte auszuschmücken versteht, bis
sie so klingt, wie es die Leute am liebsten hören. Weil die Menschen
sich am größten vorkommen, wenn sie die Schadenfreude in Mitleid hüllen
können, so hören sie es am liebsten, daß einer ganz herunter ist, bis
auf den Grund; es gewährt ihnen das Gefühl der Erhebung, den leidenden
Mitbruder so in Staub zu sehen wie den armen Zöllner -- »Herr, ich
danke dir, daß ich nicht bin wie jener ...« es ist das fadenscheinige
Mäntelchen der Nächstenliebe, aus deren Löchern allzuoft die
scheinheilige Selbstgerechtigkeit der sittlichen Entrüstung wie ein
schmutziger Hemdzipfel hervorguckt ....
»Haben Sie schon das Neueste gehört? Im Rausch hat er alles krumm und
klein geschlagen -- der Bsuff!
Schad' um den talentierten Menschen -- es geht bergab mit ihm -- ein
rechter Bruder Saufaus ist er geworden --«
In dieser Form gelangt die Legende den Schwestern Fröhlich zu Ohren.
Sie sind von aufrichtigem Mitgefühl bewegt -- daß Franz sich vom
gesellschaftlichen Verkehr immer mehr zurückzieht und nur mehr im Kreis
seiner Wein-, Punsch- und Kaffeebrüderln gesehen wird, wenn er nicht
allein herumschwärmt, ist freilich eine bedauerliche Bestätigung der
bösen Mär.
Die Schwestern veranstalteten ein Ständchen zu Ehren der Gosmar,
ihrer einstigen Schülerin und besseren Freundin, Franz hat für dieses
Fest einen Chor nach Grillparzers Versen »Zögernd leise ...« für
Mädchenstimmen komponiert -- er soll es selbst dirigieren, das war die
Verabredung.
Die Schülerinnen der Fröhlich, ein weißer Mädchenflor, werden in drei
Stellwagen am Hof gestopft, die gelben Wagen holpern mit Singsang
hinaus zum Langschen Haus in Döbling, wo die Gosmar wohnt, ein Klavier
wird heimlich unter ihre Gartenfenster geschoben -- alles klappt, nur
der Musikus ist nicht da. Kathi nimmt sich vor, ihm gehörig den Kopf zu
waschen.
Schon am nächsten Tag hat sie ihn aufgestöbert, er lächelt: »Ach ja,
ich hab' ganz vergessen darauf!«
Es bleibt ihm aber nicht geschenkt. In einigen Tagen bringen die
Schwestern das Ständchen im Musikvereinssaal in der Tuchlauben zur
Aufführung, man sollte schon beginnen -- wer wieder nicht kommt, das
ist der Franz.
Der Kathi ist gar zu leid. »Schade, daß er es auch heute nicht hören
sollte!« sagt sie zu Jenger. Ein Hofrat Walcher ist da, der weiß
Bescheid, »Musikanten trinken gern -- wahrscheinlich sitzt er wieder
bei Wanner ›zur Eiche‹ auf der Brandstätte, dort gibt's gutes Bier, die
Musiker kommen dort gern zusammen --«
»Natürlich schon wieder im Wirtshaus!« ruft Kathi ärgerlich aus,
Jenger muß sich sofort auf die Strümpfe machen und Franz herbeiholen.
Richtig sitzt er dort in aller Gemütlichkeit, aber er hat sich sofort
aufgemacht und ist mit Jenger gerade noch zur rechten Zeit ins Konzert
gekommen.
»Nun?!« Kathi hat Haare auf den Zähnen, was sie einmal anfaßt, läßt
sie nicht mehr locker. »Nun?!« ihre erwartungsvolle Frage nach der
Aufführung. Franz ist ganz verklärt: »Wahrhaftig, ich hab' nicht
gedacht, daß es so schön wär' ....« Die Stimmung ist so versöhnlich,
sie hat wirklich nicht das Herz, jetzt mit der Moralpauke loszulegen --
aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nächstens also, in der eigenen
Wohnung, dann wird sie es ihm gründlich besorgen.
Da kann sie aber lang warten. Mit keinem Auge ist Franz zu erblicken.
Argwöhnisch, wie Kathi ist, meint sie, er gehe ihr geflissentlich aus
dem Weg. Ein Zufall führt sie mit ihm auf der Straße zusammen, sie
nimmt ihn gleich ordentlich ins Gebet, die handfest Zupackende.
Ob er nicht wüßte, wie ihre Adresse laute -- und ob er nicht immer
offene Türen in ihrem Hause gefunden habe?! Was das also jetzt für
eine Art sei?! Und das mit dem Trinken -- ein Wirtshausbrüderl, ein
Liederlich, ein Nachtschwärmer, ein Trunkenbold -- o pfui!
Sie meint es so gut und aufrichtig und möchte ihn auf den rechten Weg
zurückbringen, es ist ihr heilig damit. Er spürt die edle Absicht und
ist darum gar nicht böse. Er lächelt nur ein bißchen zu ihren Worten
und lenkt ganz sachte ab: »Schönen Dank für die gute Meinung, aber
soviel als mir die Leute andichten, könnt' ich ja gar nicht vertragen
-- jetzt schon gar nicht, bei meiner wackeligen Gesundheit -- nur grad'
soviel, als sich gehört, um ein bißchen bei Stimmung zu bleiben, oder
das bißchen Schlaf zu finden -- also nur grad' soviel, als der liebe
Gott erlaubt hat, keinen Tropfen drüber, ist doch eine heikle Sache wie
mit jeder Medizin --«
Er lächelt so weh dazu, daß ihr gleich die Strafpredigt vergeht und
daß sie in liebreichen, tröstenden Worten auf ihn einredet, die gütig
Verstehende, er möge sich nur nichts abgehen lassen, immer auch kräftig
essen dazu und sich's wohl schmecken lassen, die Medizin -- --
Das sieht sie jetzt klar; die Leute haben gelogen, ein Bsuff ist er
nicht, o nein! Ein ganzer, wirklicher, tiefer und darum leidender
Mensch ist er -- -- sie weiß nicht warum, aber auf einmal stehen ihr
die Augen voll Tränen ......
Der September läßt sich wunderschön an, Wetter- und Geldverhältnisse
sind gleich gut wie selten im Jahr, die Sorgen, die Krankheit scheinen
entrückt -- die Krähe schwebt hoch und fern -- ein kleines schwarzes
Pünktchen, nicht größer wie eine Schwalbe im Himmelblau.
Mit dem Grazer Ehepaar hat ein gar freundlicher Briefwechsel
stattgefunden -- Jenger ist mit Franz über alle Berge zu Besuch im
Hallerschlössel. Vier Wochen sind sie aus -- dem Franz hat's wohlgetan.
Sein gewitterbanges Herz hat einen Sonnenstrahl empfangen, der trotz
der Wolken nicht mehr vergeht -- in diesem Sonnenfleck des Herzens
taucht das Hallerschlössel mit seinen vier Ecktürmen auf, der Grazer
Schloßberg, die Stadt mit ihren Kirchen, das lachende Antlitz der
steirischen Landschaft mit grünschwellenden Hügeln, Obstgefilden
und Weingärten, das gastfreundlich eifrige Ehepaar Pachler, die
Gesangsvereine, die Mädchen und Frauen, das liebevolle Drängen und
Feiern um ihn und er mitten drinnen, hochgeehrt und gepriesen -- von
diesem Sonnenblick kann er auch in den trüben Tagen Freude und Trost
schöpfen wie aus einem unerschöpflichen Brunnen von Licht.
»Wien will mir noch nicht recht in den Kopf,« lautete sein Dankbrief
an die Pachlerin, »'s ist freilich ein wenig groß, dafür aber leer
an Herzlichkeit, Offenheit, an wirklichen Gedanken, an vernünftigen
Worten und besonders an geistvollen Taten. Man weiß nicht recht, ist
man gescheit oder dumm, soviel wird hier durcheinander geplaudert, und
zu einer innigen Fröhlichkeit gelangt man selten oder nie. 's ist zwar
möglich, daß ich selbst viel schuld daran bin mit meiner langsamen Art,
zu erwärmen. In Graz erkannte ich bald die ungekünstelte und offene
Weise, mit- und nebeneinander zu sein ...«
Er tut sich bei seiner Rückkehr diesmal schwerer mit der Heimat als je
früher. Ein bedrückendes Gefühl beschleicht ihn jetzt, wenn er durch
die Gassen geht, an Wohnungen vorüber, wo einst das Glück gehaust hat.
Und kommt er am nächtlichen Heimweg dort einsam vorüber, dann starrt er
wohl in die Höh', als müßt' er ein Gesicht erkennen, das er so innig
geliebt hat, wie er diese Stadt selber liebt, mit der er in den Stunden
des Haders oft bitter und schier ungerecht streng ist. Die einzige,
unsterbliche Geliebte, die ihm soviel und noch mehr war wie alle
zusammen, die er liebend gekannt hat, sie hat ihn schier vergessen,
aber sein Herz will's nicht fassen und geht eigensinnig die alten Wege
seiner Qual.
»Still ist die Nacht -- es ruhen die Gassen, in diesem Hause wohnte
mein Schatz; sie hat schon längst die Stadt verlassen, doch steht noch
das Haus auf demselben Platz. Da steht auch ein Mensch und starrt in
die Höhe, und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt; -- mir graust es,
wenn ich sein Antlitz sehe, der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt. Du
Doppelgänger, du bleicher Geselle! Was äffst du nach mein Liebesleid,
das mich gequält auf dieser Stelle -- so manche Nacht in alter Zeit --?«
Das Herz schreit es auf -- nach der »Winterreise« der schmerzlichste
Akzent seines »Schwanengesangs«, die Seelenbeichte in Tönen -- nicht
dem liebsten Freund würde er sein tiefstes Geheimnis in dürren Worten
preisgeben, so schwer hat er es mit sich -- bei seinem Phlegma --
bei seiner langsamen Art, zu erwärmen -- niemand weiß, was in dem
verschlossenen, oft rauh und kurz angebundenen Menschlein steckt --
nur wenn er in seiner Sprache redet, in Musik, dann ist alles tief
Verborgene klar -- -- Immer ist es der Schmerz, der der Seele hilft,
fruchtbar zu werden. Der Tod Beethovens wirkt tief nach, in einem
höheren Leben steht er dem Vollendeten näher als früher im niederen
Alltag. Er geht immer weiter seine einsame Straße, den inneren
Wegweisern entlang aufwärts zur Höhe, wo er den Verewigten wandern
sieht. Aufs äußerste angespannt ist sein inneres Lauschen, gewaltig
strömt es auf ihn ein. Ein ganz Großes entsteht, die C-Dur-Sinfonie,
gleichsam mit einem Ruck ist er oben, ganz dicht bei Beethoven.
Aber auch in anderer Weise fühlt er die Meisterhand, die ihn führt. Das
große Konzert Beethovens war ihm ein Wink gewesen. Damals sagte er den
Freunden: »Wenn Gott will, so bin ich auch gesonnen, künftiges Jahr ein
ähnliches Konzert zu geben.«
Gott will es; es sind zwar viele Hemmungen zu überwinden, innere und
äußere, nach mancher Verzögerung verwirklicht es sich doch, was einmal
innerlich so fest beschlossen erscheint. Es ist eine der wenigen
Erfüllungen, die ihm von seinen vielen Hoffnungen beschert wird.
Franz wohnt nicht mehr in Schwindien, er hat sein Heim wieder in der
Tuchlauben aufgeschlagen, der weite Weg von der Karlskirche her wird
ihm zu mühsam, er will wieder im Kern der Stadt sein. Es hat sein Gutes
jetzt, wo es soviel zu tun gibt, die Vorbereitungen zum Konzert, der
fieberhafte Arbeitsdrang, das Schaffen, das so recht eigentlich ein
wehevolles Gebären ist. Vielleicht wäre es mit dem Konzert noch immer
nicht soweit gediehen, wenn nicht ein äußerer Hebel mithilft.
Franz ist ja ein schweres Fuhrwerk und kann sich schwer zu dem bringen,
was mit der Öffentlichkeit zu tun hat. Die Wünsche eilen voraus, aber
das Fuhrwerk geht langsam und bleibt oft stecken. Mutter Not greift
jetzt in die Speichen; der Geldmangel ist empfindlich, es muß endlich
einmal wieder etwas Entscheidendes geschehen. Man hat so viele Nöte
mit gutem Humor ausgehalten, daß man glauben könnte, er sei es schon
so gewöhnt. Denn schließlich bekommt auch die Seele Schwielen und wird
abgestumpft gegen die Härten des Daseins.
Aber es zeigt sich jetzt, daß Franz immer empfindlicher wird, seine
Seele kann keine Schwielen kriegen. Diese Empfindlichkeit peitscht ihn
auf und spornt ihn an, sonst wäre es auch diesmal kaum soweit gekommen.
Freilich hat er in Schindler, der so viele Jahre der treue Diener
Beethovens war, einen erfahrenen Helfer gefunden. Der läßt nicht locker
und treibt immer wieder an, wenn Franz kopfscheu wird. Das ist ein Mann
der Praxis. »Nur nicht verzagen, hübsch gescheit handeln und vor allem
nicht widerspenstig sein!«
So kutschiert man unter dem Hütt! und Hott! Schindlers allgemach um
alle Ecken herum und ist fast schon am Ziel. Das Konzert ist für einen
Tag im März angesagt, muß aber verschoben werden und fällt wie durch
eine Fügung gerade auf den Tag, an dem ein Jahr vorher Beethoven
gestorben ist. Der Erfolg ist ungeheuer, es zeigt sich, daß der Ruhm
des jungen Genius auch in diesen scheinbar stillen Jahren gewachsen
ist. Ein schönes Stück Geld fließt in die Tasche des kleinen Meisters,
die Not hat für ein Zeitlein wieder ein Ende.
Als der Sommer herankommt, sitzt Franz leider schon wieder ganz auf dem
Trockenen. So dringend eine Erholungsreise war, in diesem Sommer ist
nicht daran zu denken. Aus Graz kommen süße Locktöne, das Herz möchte
ja, aber der Geldbeutel erlaubt's nicht. Wenn man mit der Sehnsucht
fliegen könnte, wäre man ja schon über Berg und Tal, indessen sitzt
man bangen Herzens in der heißen Stadt und kann höchstens im Geist den
hochbeschwingten Flug unternehmen. Das ist ein strenges Glück, die
Arbeit -- wenn man so recht darein versenkt ist und all ihre Gnaden
spürt, geht man Gotteswege; das Irdische, das oft allzu schwere Bürde
wird, fällt ab, halb schwebt man schon im Paradies.
Wie ein Rausch kommt es über Franz. Er singt sich von der Erde
empor in den Himmel hinein. »Domine Deus«, mit lauter Stimme ruft
der Chor den Namen des Herrn -- es ist die berühmte Es-Dur-Messe --
die Leiden erscheinen im Verklärungslicht, im Agnus Dei klingt --
ein Geheimzeichen für den Wissenden! -- der Schmerzensakzent des
»Doppelgängers« auf: »... da steht auch ein Mensch und starrt in die
Höh' und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt; mir graust es, wenn ich
sein Antlitz sehe -- der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt ...«
In veränderter Gestalt klagt das Liebesleid des Meisterleins zum Himmel
empor -- im Unendlichen will er Erlösung finden.
Nebenher entsteht das schöne Streichquartett in C-Moll, außerdem
vollendet sich der Zyklus seines »Schwanengesangs«. Es ist eine schöne
Lebensreise im eigenen Schaffensbezirk, wo Himmel und Erde ineinander
ruhen. Es ist das Land, das er als »Wanderer« gesucht und geahnt, »das
Land, das Land so hoffnungsgrün, so hoffnungsgrün, das Land, wo meine
Rosen blühn, wo meine Freunde wandelnd gehn, wo meine Toten auferstehn,
das Land, das meine Sprache spricht ....«
Das sind die Stunden der gesegneten Arbeit mit ihren tröstlichen
Augenblicken. Aber diese leuchtenden Höhenwege werden steiler,
seltener, kürzer. Der Alltag umklammert ihn mehr denn je mit seinen
Leiden und Bedrängnissen. »Die Sonne dünkt mich hier so kalt, die Blüte
welk, das Leben alt, und was sie reden, leerer Schall, ich bin ein
Fremdling überall ...«
Im Sommer wird sein Zustand so bedenklich, daß sein Arzt ihm dringend
nahelegt, außerhalb der Stadt zu wohnen, in einer Gegend, wo er rasch
das Grüne erreicht. Franz gibt seine Stadtwohnung auf und mietet sich
bei seinem Bruder Ferdinand ein, der jetzt in der Kettenbrückengasse
wohnt. Der Wienfluß mit seinen Auen ist in der Nähe; nur ein paar
Schritte vom Haus, und er ist im Freien.
Er ist nun aus der Stadt gezogen, die alten Schmerzen hat er gern
zurückgelassen, aber das unerträgliche Kopfweh will nicht vergehen.
Das Lied von der Krähe kommt ihm immer wieder in den Sinn. »Krähe,
wunderliches Tier, willst mich nicht verlassen? Meinst wohl bald als
Beute hier meinen Leib zu fassen? Nun es wird nicht weit mehr gehn an
dem Wanderstabe ....«
Franz schleppt sich hin von Woche zu Woche, bald liegt er zu Bett, dann
rafft er sich auf und sucht Zerstreuung im Freundeskreis, aber es ist
nicht mehr das Rechte. Schwind nimmt Abschied, er geht nach München,
mit einer trüben Ahnung im Herzen sieht Franz den Freund scheiden, als
ob er es für immer wäre. Eine dreitägige Pilgerfahrt mit dem Bruder
Ferdinand zu Haydns Grab in Eisenstadt hält er noch mit Mühe und Not
aus.
Einige Tage später läßt er im Gasthaus einen Fisch stehen, ein
plötzlicher Ekel erfaßt ihn, er muß wieder zu Bett.
Nach einiger Zeit empfängt Schober einen Brief von ihm: »Ich bin krank,
ich habe schon elf Tage nichts gegessen und nichts getrunken und wandle
matt und schwankend vom Sessel zum Bett und zurück ....« Er bittet
ihn um Lektüre -- Indianergeschichten, Abenteurerphantasien in fernen
Landen; er sucht die Fernen. Die Freunde, Spaun, Lachner, Bauernfeld,
Mayrhofer, Hüttenbrenner besuchen ihn, als sie eintreten, wendet er
sich im Bett um, deutet mit der Hand an die Wand: »Hier ist mein Ende!«
Am Abend stellen sich Delirien ein, mit Mühe wird er im Bett
zurückgehalten. Zwei Tage darauf empfangen die Freunde und alle, die
ihn geliebt haben, die erschütternde Nachricht: Franz Schubert am
Nervenfieber gestorben!
Bauernfeld rennt klagend von einem zum anderen: »Die ehrlichste Seele,
der treueste Freund! Ich wollt', ich läge statt seiner!«
Im Gewand des Einsiedlers, um die Schläfen den Lorbeer, so wird er zu
Grab getragen. Er kehrt ein ins letzte Wirtshaus, nach dem er sich
so heftig gesehnt. Grüne Totenkränze sind ausgesteckt, fast ähnlich
wie beim Heurigen, wo der Herrgott mit dem Finger winkt. »Ihr grünen
Totenkränze könnt wohl die Zeichen sein, die müde Wanderer laden ins
kühle Wirtshaus ein. Sind denn in diesem Hause die Kammern all besetzt?
...«
Diesmal hat sich für ihn eine kühle Kammer aufgetan zur ewigen Rast in
der Nähe Beethovens.
Auf dem Heimweg vom Friedhof versammeln sich die Freunde, die ihm am
nächsten gestanden waren. Sie möchten so gern sagen, wie ihnen um Franz
ist, und bringen es nicht zuwege; jeder möchte es sagen, aber alles
Sagen war nur ein Stammeln.
Einer steht plötzlich auf und macht es allen klar, die es wissen
möchten: unser großer Freund ist gestorben, aber seine Seele klingt
fort, sie ist die tönende Seele dieser Stadt ....... Sage mir keiner,
der brave Schulmeistersohn war trunken und darum sei er so früh
verdorben, denn das ist falsch. Er war trunken von Seligkeit und
Leid, und wenn es die allzu Braven sein »Verderben« nennen, gut, dann
war es ein göttliches Verderbnis, daraus seine schmerzlich süßen,
unsterblichen Lieder quollen, darin nicht nur der Wein singt, nicht
nur die Lerche jubiliert, nicht nur das Bächlein weint und die stummen
Forellen mitsingen in dem seligen Quintett, sondern vor allem das
eigene Herz, das Herz dieser Stadt, dieser gottgesegneten, verruchten,
alten, ewig jungen geliebten Heimat, die er in Not und Tränen zu
preisen nicht müde wurde, singend zu preisen wie einer der Jünglinge
im Feuerofen, im Weinbergsfeuerofen und so laut, daß seine Stimme über
Länder und Meere reichen und in der Wüste gehört werden muß, überall
wo ein Mensch ringt in Lust und Qual, mit sich allein, und das Herz
aufschreit, dieses gemarterte von sieben Schwertern durchbohrte,
aus allen Wunden blutende und in Tränen lächelnde, über allen Jammer
dieser Erde triumphierende, über allen Horizonten leuchtende Herz der
Welt .......... Darum haben alle den gottseligen Schulmeisterssohn vom
Himmelpfortgrund so sehr geliebt, die Namen, die er singt, die Freunde,
die mit ihm zechen, der Wirt, der ihm aufkreidet, der Forellenbach,
der ihm die Geheimnisse von der Mühle und von der schönen Müllerin
zuflüstert, und am meisten liebt ihn der Wein Gottes, der all sein
Elend, all seine Tränen, all seinen Schuldenbettel, all sein Herzeleid
in Gold verwandelt. Und darum ist er so reich gestorben, daß wir
alle seine Schuldner geworden sind, der Freund, der ihm borgte, die
Mietfrau, die den Zins nicht gleich bekam, der Wirt, der die Kreide
verschrieb, die Mädchen, die mit seinem Herzen spielten, und die ganze
große unbekannte Menschheit .......... Wenn er sang, dann stand die
Lerche still, dann hielt der Bach den Atem an, dann hoben die munteren
Forellen ihre Köpfe aus den Wellen, dann sangen sie leise mit, und ihr,
ihr alle sanget leise mit. Und die Welt des Haders, der Zwietracht
sang mit und der große Chor schallte aus allen Tiefen, von allen Höhen
....... Immer noch hören wir den Bach glucksen und schluchzen, wir
hören die stummen Forellen, die mitsingen, wir hören den Chor der selig
Leidenden, wir hören die Weinbergsfreudenstimmen von allen Höhen, wir
hören den Sang der Liebe durch die ungezählten süßen Namen rauschen,
die ihn als ebenso viele hold weibliche Verkörperungen umgaukeln --
er will sie fassen, sie zerfließen, immer wieder fließen sie in eine
zusammen, in diese eine große unsterbliche Geliebte; die Heimatstadt,
die der Sänger in scheuer Minne wahrhaft geliebt hat ........ Und diese
launische, undankbare, vergeßliche, eitle, oberflächliche, einfältige,
kindliche, herzensfrohe, tiefe, beglückende und zugleich so betrübende,
geschmähte, verfluchte, vor allem aber geliebte Stadt, sie hat uns --
sie hat ihm alle Wunden geschlagen, sie hat ihn mit Schmerzen gesegnet,
damit er von ihr zu singen und zu sagen wisse und wir mit ihm, diese
einzige, große unsterbliche Geliebte -- -- -- -- -- -- -- Diese Heimat
-- kennt ihr sie? Dort sind die Hügel belaubt und schlafen unter Reben,
des Gottes voll; dort ist der Wind ein Kuß und der Sturm ein Lied. Dort
plaudern die Bäche eine vertraute Sprache wie nirgend auf der Welt;
dort fließt in den Brunnen das Wasser des Lebens und in den Gärten
blüht die Liebe. Dort grüßen tausend Hände den Verstoßenen, wie sie
ihn verstoßen und gegrüßt haben, den Sänger der Heimat, dem sie es so
schwer gemacht haben, wie jedem, der Edles und Großes wollte -- dem
sie es so schwer gemacht haben und von dem sie schließlich ein Lied
wie einen Denkstein im Herzen tragen ....... Laßt uns daran denken --
immer wieder muß ich daran denken, wenn ich die alten Wege gehe, den
Forellenbach entlang, an dem auch er so oft gestanden war, sinnend und
lauschend, den Sang der leisen Wellen und der munteren Forellen zu
erhorchen und das Summen der Freude, die noch in allen Reben schläft,
den ganzen Berg hinan. Laßt mich daran denken, wenn ich sehe, was sie
aus der geheiligten alten Heimat gemacht haben ....... Wie sieht
es zuweilen wirklich aus, das äußere Bruchstück der Heimat, die wir
inwendig im Licht der Verklärung sehen als wesentliches Stück unserer
Seele? In der ersten grünen Schenke gibt's Streit, ich gehe vorüber;
in der zweiten werden wüste Gassenhauer gesungen, ich gehe wieder
vorüber; über duftende Hausgärten her kommt eine keifende Stimme; ein
geschminktes Frauenzimmer vertritt mir den Weg. Ach, es ist nicht immer
die Liebe, die in den Gärten blüht; es ist nicht immer die Freude, die
aus dem Weinglas getrunken wird; es ist nicht immer die unsterbliche
Geliebte, die uns begegnet. Und selbst mein unvergeßlicher, klaräugiger
Forellenbach ist eine dicke, schmutzige, übelriechende Gosse geworden
und es sind längst keine Forellen mehr darin ....... Vielleicht sind
niemals Forellen darin gewesen -- aber was tut's? Wenn ich über alle
diese Ärgernisse und Wirrungen des äußeren Lebens genau hinaushorche,
wenn ich genau in mich hineinhorche, dann werden die geliebten Stimmen
wieder lebendig, mit tausend unsichtbaren Händen grüßt der Genius loci
den Verstoßenen und hält ihn liebevoll geschäftig fest; ich fühle
es, daß wir alle, was uns auch trennt, irgendwie zusammengehören
in dem großen Seelenkonzert, darin der brave Schulmeisterssohn vom
Himmelpfortgrund den Taktstock führt ....... wir sind Brüder und
Freunde geworden durch ihn, das Herz der Stadt hat eine Stimme bekommen
und diese Stimme ist er, unser Schubert. Er gehört zu jenen, um
derentwillen unsere Stadt immer geehrt und geliebt werden wird, trotz
-- trotz allem ..............
Also sprach der eine und schloß mit den Worten: Brüder und Freunde in
Ewigkeit -- sind wir mit ihm auch vorläufig zu Ende -- so ist es darum
noch lange nicht zu Ende. Oh, noch lange nicht zu Ende! Hört es doch
-- die Seele klingt fort, das Herz singt in seinem Lebenslied, der
heimliche Sang der tiefen Brunnen, es singt von ihm und dieser Stadt,
der großen unsterblichen Geliebten ................
-- Ende --