E -- fis -- g -- h -- ais -- --

Der Verzweiflungsakkord kommt nicht mehr zur Ruhe.

Das Leben geht fort, es macht sich von selbst. Franz wundert sich jeden

Morgen, daß immer wieder ein neuer Tag anbricht, trotzdem er oft meint,

es müßte aus sein. Mit seiner Bewerbung um die Kapellmeisterstellen ist

er durchgesaust. Ihm ist es einerlei. Ganz Wurst! Er erzählt es mit

einer Art Galgenhumor den Freunden.

»Ist doch allen hier so gegangen, die etwas Großes und Ernstes gewollt

haben, warum soll's denn mir anders gehen?! Sie haben den Mozart nicht

wollen, wie man sieht, wollen sie auch den Grillparzer nicht und setzen

ihm einen Dämpfer nach dem anderen auf, daß er sich ganz menschenscheu

verkriecht, und Beethoven -- für den soll im Ausland gesammelt werden,

wie man hört; im Vergleich mit diesen Großen bin ich ja herrlich daran

-- ich dürfte mich ja eigentlich gar nicht beklagen, wenn ich auf die

anderen hinsehe ....«

»Freunde, auswandern! Ich gehe nach München, dort lebt die Kunst!«

Bauernfeld haut fürchterlich auf. Er schimpft über diese Zustände wie

ein Rohrspatz. Aber auswandern? »Nein, Freunde --« Er ist durchaus

dagegen.

»Wohin soll denn der Österreicher auswandern? Gibt es doch keinen

Fleck auf der Erde mehr, der so schön ist als gerade seine Heimat.

Hier wurzelt seine Gefühls- und Denkweise, er muß so singen, reden,

schreiben, malen können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Die Stimme

des Genius loci will erklingen -- sie redet nirgends so laut als hier.

Die Welt hat ihr Herz entdeckt -- und dieses Herz der Welt ist Wien und

Österreich. Was dieses Herz ist, haben wir der Menschheit zu verkünden,

Schubert, Schwind, Grillparzer und wir alle zusammen. Wo können wir es

besser als hier, wo unsere inneren Quellen springen, wo unsere Kraft

wurzelt? Und von hier sollen wir fortgehen? Das wäre eine Viecherei;

unser Bestes schöpfen wir hier, vergiß das nicht, lieber Bruder

Schwind! Hier sind wir glücklich, obschon wir leiden; und wir leiden,

obschon wir glücklich sind ...«

Franz horcht aufmerksam zu, er nickt stumm mit dem Kopf, es ist etwas

Wahres daran an dem, was der beredsame Bauernfeld sagt.

Schober ist auch seiner Meinung, obschon aus einem Grund, der weniger

tief liegt. »Man findet es nirgends besser auf der Welt, meistens weit

schlechter,« läßt er sich vernehmen; »diesen Tabak, diesen Kaffee,

diesen Wein und diese Weiber -- so herrlich wachsen sie nicht einmal in

Sachsen!«

»Schäker!«

Aber der Schwind wird ernstlich bös über den liebenswürdig eitlen,

tändelnden Schober.

»Du hast dir noch nicht ein Stückel Brot selber verdient, also weißt du

einen Schmarrn vom Leben! Ein Kerl, der den ganzen Tag nichts tut als

vor dem Spiegel stehen und Weiberkitteln nachrennen, der hat hier nicht

mitzureden. Um schaffen zu können, muß der Mensch leben, er muß essen,

das Nötige verdienen -- hier kann der Mensch, wenn er sonst nichts hat

als sein Talent, verhungern. Und darum bleibt nichts anderes übrig als

zu gehen.«

Mayrhofer, der Lodernde, am inneren Feuer Verglühende, hat Anfälle von

Reue; in solchen lichten Augenblicken kommt er aus seiner freiwilligen

Verbannung und Einsamkeit hervor, sitzt in dem geselligen Kreis der

Jungen, um dann wieder um so menschenscheuer und grollender in seine

mönchische Weltflucht zurückzukehren.

Was da geredet wurde, ist Wasser auf seine Mühle. Er hat das Zeug

zum Freiheitsapostel und Demokraten und hält jetzt eine wilde Rede

gegen Bevormundung, Unterdrückung und Polizeigewalt. »Denkfreiheit,

Redefreiheit, Aktionsfreiheit,« das sind seine Schlagworte.

Das wäre alles sehr schön, meint Bauernfeld, wenn es nicht bloß die

Faust in der Tasche wäre. Wie es denn käme, daß Mayrhofer trotzdem als

Zensurbeamter weiter helfe, den Geist der Freiheit zu knebeln anstatt

zu befreien -- eine Einwendung, die den zwiespältigen Mayrhofer wieder

gehörig verschnupft.

»Daß die lieben Zeitgenossen doch immer nur dazu da sind, sich dem

Bedeutenden hemmend in den Weg zu stellen!« eifert Bauernfeld. »Drum,

Freund, müssen wir dableiben und gegen diese erbärmliche Welt so

lange protestieren, bis sie sich zu schämen anfängt, daß sie es so

ausgezeichneten Kerlen, wie wir sind, so sauer hat werden lassen.«

Die Stimmung wird immer lauter und gemütlicher; die Seelenverfassung

der Freunde ist dem Gedeihen des Galgenhumors recht günstig. Äußerlich

geht es oft bei unbändiger Lustigkeit her; aber das ist äußerlich. Wie

es bei Franz innerlich aussieht, das weiß keiner so recht; allerdings,

die Lieder sind Verräter. Seine »Winterreise« erscheint, die Freunde

schütteln den Kopf, zunächst mehr befremdet als ergriffen.

»Hie und da ist an den Bäumen manches bunte Blatt zu sehn, und ich

bleibe vor den Bäumen oftmals in Gedanken stehn; schaue nach dem einen

Blatte, hänge meine Hoffnung dran; spielt der Wind mit meinem Blatte,

zittr' ich, was ich zittern kann. Ach, und fällt das Blatt zu Boden,

fällt mit ihm die Hoffnung ab. Fall' ich selber mit zu Boden, wein' --

wein' auf meiner Hoffnung Grab, wein' -- wein' auf meiner Hoffnung Grab

...«

Mit heimlichem Grauen starrten die Freunde in dieses Tal der Tränen.

Düstere Nachtgemälde rollten sich in den Liedern auf, der Schmerz

wühlte darin, und das Licht der Hoffnung schien erloschen.

»Gar so melancholisch ...«, meinte der eine wie der andere. »Mehr

Heiterkeit, mehr Lebensfreude -- Kopf in die Höhe, Franz!«

Sie haben leicht reden, diese anderen; aber die Melancholie kommt eben

daher, daß die Seele den grausamen Nüchternheiten des Lebens allzusehr

unbewehrt und verwundbar gegenübersteht; sie leidet, aber dieses Leiden

ist zugleich der Zoll, den sie bezahlen muß dafür, daß ihr gegeben ist,

soviel auszusagen. So wendet sich alles Leid wieder zum Segen, es wird

ein neuer Schatz für die Menschheit -- das Herz, das die Welt hier

entdeckt hat in der Wiener Heimat, in diesen Liedern zuckt und blutet

es.

»Wißt ihr denn auch, wie die Ausgabe der Liederserie ›Winterreise‹

zustande gekommen ist? Fragt den Freund Lachner!«

Lachner ist aus München nach Wien gekommen, ein junger Musiker, der

als Feldherrnstab den Dirigentenstock im Tornister trägt. Einstweilen

muß der Feldherr des Orchesters buchstäblich das Kalbfell schlagen, er

ist aushilfsweise Paukenschläger in der Oper, und das ist auch keine

Kleinigkeit. Aber seine Sehnsucht ist zurück auf die Münchener Heimat

gerichtet, er wartet nur auf den günstigen Wind, um mit vollen Segeln

zurückzusteuern geradewegs zum Dirigentenpult als Ziel. Daß er Schwind

mitnimmt, das scheint schon ziemlich abgemacht. Auch Schubert hat er

sich dick angefreundet, sie stecken immer beisammen.

Franz ist wie gewöhnlich in Geldnot und will rasch etwas verklopfen.

Eine Liederserie liegt bereit, Lachner soll sie zum Verleger Haßlinger

tragen und trachten, soviel als möglich herauszuschinden. Von

Geschäftssachen versteht er auch soviel wie der Esel vom Zitherspiel,

allerdings hat er den guten Willen. Er soll keineswegs ohne Geld

kommen, verkitscht muß werden um jeden Preis -- also gut.

Mit den Noten unterm Arm macht sich Lachner auf den Weg. Was er da

trägt, ist ein Vermögen -- in Geld umgesetzt, es kann ein hübsches

Sümmchen geben. Siegesbewußt ist er ausgegangen -- gedeftet kommt er

heim; der Erlös, den er Schubert auf den Tisch legt, beträgt bare --

sechs Gulden.

»Ist das alles?« fragt Schubert. »Für alle Lieder?!«

Kleinlaut erwiderte Lachner: »Schmählich, nicht wahr? Das hab' ich

schlecht gemacht -- ich hätte die Noten nicht dort lassen sollen --

weißt du was, ich trag's Geld wieder zurück!«

Kaltblütig steckt Franz das Geld ein. »Zurückgeben?! Was fang' ich denn

an? Der Verleger ist zwar schäbig -- aber was dich betrifft, du hast es

ausgezeichnet gemacht!«

Sechs Gulden -- das ist in Anbetracht des hingegebenen Wertes ein

Bettelpfennig. Damit macht man keine weiten Sprünge. Und was dann?

Morgen, übermorgen, nächste Woche? Man läßt den lieben Gott sorgen

dafür. Der schafft Rat. Summt dem Franz schon wieder ein Lied im Kopf

-- wirklich, der liebe Gott schafft Rat, alle Tag' und alle Stund'.

»Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann, und mit starren Fingern

dreht er, was er kann. Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her, und

sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer. Und er läßt es gehen,

alles wie es will, dreht, und seine Leier steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen? Willst zu meinen Liedern

deine Leier drehen?«

Die »Winterreise« setzt sich fort, dafür ist gesorgt. Er und der

Leiermann -- die sind schier eins.

»Ist's euch zu melancholisch, Freunde?!« Wollen sie es nicht begreifen,

daß seine Schöpfungen nicht nur aus seinem musikalischen Gefühl

entspringen, sondern daß sie auch aus seinen Schmerzen entstanden sind

und darin am tiefsten greifen? Sie möchten ihn lustig sehen.

»Nun denn, bin ich nicht auch lustig unter euch?«

Ja, das ist er, fröhlich unter den Fröhlichen. Bauernfeld sagt's ja

immer: »Franz, der hat die rechte Mischung von Idealem und Realem --

die Erde ist ihm schön ....«

Das Rechte aber weiß eigentlich keiner.

Für die Aufheiterung ist in der Tat auch reichlich gesorgt. Es scheint,

daß ein stillschweigender Pakt unter den Freunden besteht. Im Gasthaus

zum »grünen Anker« sind sie fast täglich abends zu fröhlicher Runde

vereinigt. Spaun ist nach Wien übersiedelt und führt ein großes Haus.

Glänzende Schubertiaden finden hier statt, aber nachher geht's immer

noch zum »grünen Anker«; die Stimme des Herzens klingt immer erst

voll aus, wenn man so gemütlich und zwanglos beieinander sitzt. Man

kann sich schwer trennen in solchen befeuerten Stunden, wo der Wein

die Zungen löst, und so sitzt man hübsch lange beieinander, das ist

begreiflich. Vor Mitternacht denkt keiner ans Heimgehen, meistens wird

es geraume Zeit nach Mitternacht.

»Wirtshaus, wir schämen uns -- hat uns ergötzt; Faulheit, wir grämen

uns -- hat uns geletzt!« so jubiliert Bauernfeld.

Zugleich aber schwärmt man fleißig aus ins Grüne, wenn es die

Jahreszeit und der Geldbeutel erlauben; Fahrten nach Atzenbrugg

werden unternommen, in größerer Gesellschaft oder zuweilen

auch im engsten Vereine, Franz, Schwind und Bauernfeld, die in

innigster Schicksalsverwandtschaft zueinander stehen und darum ein

unzertrennliches Kleeblatt bilden. Der bischöfliche Schloßherr auf

Ochsenburg würde das Kleeblatt allzu liederlich finden, man begnügt

sich mit der Unterkunft bei der Aumüllerin in Atzenbrugg und nimmt

aus Sparsamkeit nur ein Zimmer, sie müssen zu dritt in einem breiten

Ehebett schlafen.

Diese äußerlich dürftigen Umstände kitzeln wieder die humoristische

Ader, und die Lustigkeit wächst; die Atzenbrugger Tage sind immer eine

Festzeit. Man lacht und ist guter Dinge, aber die Seele weint; es

ist zwar keine Wetterfahne auf dem Dach, aber man spürt das Knarren

inwendig, und die alten Wunden bluten. »Was fragen sie nach meinen

Schmerzen?«

Dem Schwind ergeht es ähnlich. Doch einer verbirgt den Schmerz vor dem

anderen, jeder tut auf seine Weise rauh und unverwundbar. Sind beide

im Herzen große Kinder.

Den einen wie den anderen überkommt gelegentlich das Verlangen, aus

der inneren Einsamkeit vollends hervorzugehen, die Seelenkammern weit

aufzuschließen und sie dem Auge der Freundschaft und der Liebe zu

zeigen. Jeder macht immer wieder einmal einen Anlauf dazu und redet so

um die Dinge herum.

Franz, zuweilen philosophisch aufgelegt, macht einen Vorstoß. »Keiner,

der den Schmerz des andern, und keiner, der die Freude des andern

versteht! Man glaubt zueinander zu gehen, und man geht immer nur

nebeneinander. O Qual für den, der dies erkennt!«

Schwind versteht, was er sagen will, er leidet unter derselben Qual.

Sie machen beide die Erfahrung, daß die Einsamkeit der innere Schutz

der Seele, zugleich aber auch der Kerker dieser Seele ist. Sie rütteln

beide an den verschlossenen Türen und reiben sich wund an den ehernen

Mauern. Ihr Tiefstes und Bestes möchten sie voreinander aussagen und

können es nicht.

»Wir alle gleichen Gefangenen in unterirdischen Burgverließen,«

erklärt sich Schwind, »jeder ist verurteilt, mit einem bestimmten Teil

seines Wesens allein zu sein in der Kammer seiner Einsamkeit, und wir

können uns höchstens durch ein sinnreiches Klopfsystem untereinander

verständigen. Die Poesie und Kunst sind in den Verließen der Einsamkeit

geboren, sie sind das Klopfsystem, die Gleichnisse, durch die wir

einander erraten können ...«

Wie groß auch die Hingabe der Freundschaft ist, wie rein auch das

Herz ist von Trug, wie unverbrüchlich auch die Treue ist und die

Aufrichtigkeit, sie kommen oft über das Nächste und Einfachste

nicht hinaus. In dieser Not suchen sie die Sterne, suchen sie Gott,

der sie ihre Kunst gelehrt, suchen sie das Schweigen, denn in dem

Schweigen erraten sich die getrennten und doch so verwandten Seelen

am leichtesten. Es ist der tiefste Punkt des Verstehens -- eine

Gemeinsamkeit von Einsamkeit.

In dieser Kunst des beredten Schweigens sind beide Meister. Sie können

stundenlang im Grünen sitzen beim Wein und den schweigenden Gedanken

zuhören, die durchs Gemüt sinken. Höchstens daß der eine oder andere

einmal seufzend unterbricht: »Ja, ja!« oder daß es dem einen oder

anderen zu dumm wird und daß er ungeduldig auffährt: »So, jetzt aber

schweigen wir von was anderem!«

Nicht weniger eifrig als früher lenkt Franz seine Wanderschritte hinaus

nach Heiligenstadt oder Grinzing, wo der liebe Gott mit dem Finger

winkt, das heimliche große Licht ist draußen verborgen, Ludwig van

Beethoven, um so lieber wandelt man die Wege nach diesem klassischen

Wiener Boden.

Sitzt Schwind am Zeichentisch und mag sich nicht trennen von seinen

Gesichten, die er mit dem Stift verewigt, dann weiß Franz eine

Zauberformel: »Horch, horch, die Lerch' im Ätherblau ...« Dieser

Lockung kann Schwind nicht widerstehen. Ein paar Stunden Ätherblau

im Grünen ist reicher an künstlerischer Eingebung als viele Tage am

Zeichentisch. Also auf und hinaus! Aber sie bleiben nicht allein, der

Schober ist mit von der Partie, der Bauernfeld, zuweilen der Spaun oder

an seiner Stelle der Lachner. Bald sind sie ihrer fünf und freuen sich

im Grünen.

Ein gottseliges Leben ist in den Heiligenstädter, Grinzinger oder

Sieveringer Hausgärten, wo der Heurige ausgeschenkt wird. Unter ein

paar Bäumen sind rohgezimmerte Bänke und Tische in die Erde gerammt,

hier sieht die Welt friedvoll und heiter aus. Der Salamucci geht um mit

ungarischer Salami, mit echter Veroneser und Mortadella, mit Emmentaler

Käs' und Butter, und wer nicht sein Geselchtes im Papierl mitgebracht

hat -- es gibt auch Schlemmer, die nicht ohne Brathendel in der

Rocktasche auf den Plan treten --, der kann sich für billiges Geld vom

Salamucci Wurst und Käse aufschneiden lassen. Es langt fürs leibliche

Wohlsein und paßt gut zum Wein. Unaufhörlich kräht der Brotschani

mit hellem Sopran: »Schani Brot! Schani Brot!« Es geht zu wie im

Himmelreich, alle Mühsal und Pein ist von der Seele genommen.

Franz hebt das Glas, der rauschselige, trostbringende, grüngoldene Wein

ist der Hüter seiner Muse, die Vergangenheit wird lebendig, der Traum

von Glück verklärt das Herz.

Man ist Gottes voll. Und was tut man, wenn man Gottes voll ist? Man

hebt zu singen an, als säße man auf einer lichten Wolkenbank, so ein

rechter Himmelsmusikant, und schaut gemütlich auf diese bucklige Welt

herab. So gesehen, schaut sie recht schön aus, man könnte schier seine

Freude daran haben. Da ist die Stadt, hier der liebe Wienerwald und

dann über Berg und Tal noch manches andere, wohlbekannte Städtlein,

und wachsen viele schöne Mädchennamen da und dort. Man hat sie alle

gekannt, sie sind dem Herzen nahe, eine wie die andere, und jetzt,

wo man tief ins Weinglas hineinschaut, sieht man manch holdes Bild

aufsteigen.

So sitzen die fünf im Grünen, sie sind augenblicklich ein gar

fröhliches Quintett und singen aus Leibeskräften, als säßen sie neben

geflügelten Engelsköpfen hoch oben auf einem Kirchenchor. Und ist es

auch nichts Heiliges, was sie singen, so ist es darum just auch nichts

Schlechtes, denn was sie singen, das sind diese süßen Mädchennamen,

die dem Herzen, ach! allzu nahe stehen. Fanny, Therese, Anna, Rosa,

Karoline, Josephine, Netty, Melusine!

Am besten von allen singt Franz, der arme Schulmeisterssohn; darum

lieben sie ihn auch alle so sehr, die Freunde, die mit ihm zechen,

der Forellenbach, der ihm die Geheimnisse von der Mühle und von der

schönen Müllerin zuflüstert, und am meisten liebt ihn der Wein, der

all sein Elend, all seine Tränen, all seinen Schuldenbettel, all sein

Herzeleid in Gold verwandelt. Die süßen Mädchennamen fließen in dem

Gesang der Liebe zusammen in eins, es ist die unsterbliche Geliebte,

die er besingt, die bald so und so hieß und eigentlich aber nur einen

Namen hatte. Es ist die Heimatstadt Wien selbst, die er in Melusine, in

Fanny, in Karoline, in Rosa, in Josephine, in Therese so unglücklich

liebte, diese unsterbliche Geliebte, die ihm die tiefen Herzenswunden

geschlagen, und die ihn mit Schmerz gesegnet, auf daß er seine Freude

singen möge.

Die süßen Namen der Liebe, das Herz der Menschheit, die

schmerzverklärte Freude, dies alles und noch viel mehr ist in Franz

Schuberts Lebenslied.

Die Welt des Haders und der Zwietracht horcht auf, die fünf singen im

Grünen wie die Jünglinge im Feuerofen, im Weinbergsfeuerofen -- der

finster blickende Herr Ludwig van Beethoven, der große Tragiker, der

sich in den bäuerlichen Weinbergshäusern versteckt und in seiner großen

Menschheitssinfonie das Lied der Freude singt, der hätte ein Vergnügen

an dem Quintett gehabt.

Die Seele hat soviel Kraft und Gesundheit, um auch in diesen trüben

Zeiten Augenblicke zu finden, wo der Himmel offen steht.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 26 / 42 题