Diddel dum, diddel dum, diddel dum -- diddel dei, diddel dei, diddel
dei -- diddel dum, diddel dei! Die Klarinette girrt und gellt vor
Lachen, von der brummbärigen Baßgeige in die Höhe geschwenkt beim Tanz,
ehrbarlich zappelt das Klavizimbel mit, getreulich geführt von dem
behaglichen wohlgesetzten Cello -- diddel dei, diddel dei, hei, hei,
hei, hei -- diddel dum, diddel bum, dum, dum, bum, bum!
Franz schabt das Cello, dunkeltönig jubeln die Saiten, als wären sie
vom lieben Gott selber gestrichen, Franz spürte es inwendig, bis in
die Gedärme hinein. Er spielt mit einigen Freunden zur Hochzeit auf,
Johanna Lutz und Kupel, der endlich aus klassischem Land Heimgekehrte,
sind nun ein Paar. Diddel dei, diddel dum!
Das Blondhaar glänzt wie Goldgeschmeide auf dem sinnenden Haupt der
zarten Lutz. Sie sieht heute gar elfenhaft aus neben dem großen,
gebräunten Kupel, der wie ein junger, iliadischer Krieger anzuschauen
ist. Er hat den Arm leicht um die Lutz gelegt: »Vivat Kupel, du hast
den Preis gewonnen!« So denkt Franz, der vom Podium herab die Tafel
überschaut: Ein schönes Paar die zwei -- diddel dum, diddel dum!
Neben Johanna sitzt Schwind, der ist heute so seltsam, er dreht
Brotkügelchen, spielt mit den Fingern, preßt dann fest die Hände
ineinander, schaut öfters stier in die Luft -- was hat er denn? Er hat
was, Franz bemerkt es von oben, wie fleißig er auch fiedelt. Netty
Hönig sitzt neben ihm unten, die sind beide so einsilbig, Schwind und
die Netty. Da geht was vor. Diddel dum!
Weiter an der Tafel sitzt groß und stattlich wie eine Märchenfee die
rätselhaft schöne Melusine. Ein magisches Band ist gewoben von ihm zu
ihr, und seine Blicke schweifen immer herunter auf sie. »Ja, ja, weil
unsere Lieb' ist immer grün, weil grün der Hoffnung Fernen blühn --«
diddel dum, diddel dum! Ob sie noch das grüne Lautenband besitzt? Warum
sie es nicht in den Locken trägt -- wie damals? Sie hat ja 's Grün
so gern?! Diddel dum! Sie hat es wohl tief versenkt in die Nähe des
Herzens .... Diddel dum! »Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt, dann
weiß ich, wo die Liebe thront ...« Diddel dei, diddel dei, diddel dum,
dum, bum!
Ist der Schober aber redselig, spielt wieder den verfluchten Kerl --
alle Weibsen um ihn herum verzückt wie vor einem Halbgott -- und dieses
verliebte Geschau -- hält er sie alle zum besten oder ist es ihm ernst
damit? Halb Don Juan, halb Don Quichote -- daß er nur wieder da ist!
Diddel dum! Musik und Gedanken geraten dem Franz wie italienischer
Salat durcheinander, während er das Cello schabt.
Diddel dum! Der Hönig, dieses ausgewässerte Gesicht, gar nicht genugtun
kann er sich mit übertriebener Aufmerksamkeit für Melusine. Will sie
nach einer Pomeranze greifen, schwupp hat er schon den Fruchtaufsatz
in der Hand, die Serviette fällt ihr herunter, wie ein Käsperl ist er
in der Versenkung verschwunden. Sie greift nach der Fingerschale, die
ohnehin ganz bei ihr steht, aber nein, der zudringliche Kerl greift
ihr wieder zuvor, er muß die Schale halten, indessen sie ihre rosigen
Fingerspitzen eintaucht -- und dieser ekelhaft lüsterne Blick von ihm,
hat er nicht etwas Affenartiges? Ja, das ist's, ein kompletter Affe!
Merkt er denn noch immer nicht, daß sie, die Wald- und Quellenfee, ihm
kaum einmal dankend zunickt, Luft ist er für sie, vollständig Luft, o
die Holdselige!
Jetzt schaut sie wieder herüber, Franz senkt sich tiefer auf das Cello,
es schluchzt und jubelt. Diddel dum, diddel dum, diddel dum!
In dem Geschrei, Gelächter und Gefiedel schwingt sich eine Stimme
empor, die Ruhe gebietet. Das ist einer von den Freunden Hönigs. Franz
denkt nicht gut von diesen Freunden. »Was soll mir diese Reihe von ganz
gewöhnlichen Studenten und Beamten? Was gehen die mich an? Ist es nicht
der Mohn? Oder ist es der Bruchmann? -- Nein, der Mohn ist es!« Er
bittet um Ruhe.
Alles schweigt, Musik, Gelächter und Geträtsche, mäuschenstill ist
alles. »Was sagt der Mohn? Hör' ich recht? Lauter, lauter, oder ich
schmeiß' dir meinen Fiedelbogen in das verlogene Maul ...«
Die Stimme Mohns ist klar und vernehmlich: »... das alles möchte ich
euch zu wissen geben, ihr lieben Freunde, daß neben dem geliebten und
verehrten Hochzeitspaar soeben eine Verlobung stattgefunden hat:
Fräulein Therese Puffer und der liebe Freund Hönig, sie leben hoch!
Dreimal hoch! Musik! Einen Tusch! Ha, faules Musikantenvolk!« Der
Dirigent am Cello rührt sich nicht.
»Dreimal hoch!« Der ganze Chor brüllt es, die Gläser fahren zusammen,
die Klarinette, die Baßgeige, das Klavizimbel, sie fallen mit ein,
unordentlich, kopflos, es klingt ein klein wenig wie Katzenmusik. Das
Cello rührt sich nicht. Schier die Darmsaiten sind ihm abgerissen,
heftig und schmerzlich, als ob sie Franz im Leib hätte.
Knarr, knarr! Die Wetterfahne hat sich umgedreht. Knarr, knarr! Als
ob der rostige Stab mitten durch die Brust ginge, das Herz ward dabei
schier entzweigedrückt. »So hätt' er nimmer suchen wollen, im Haus ein
treues Frauenbild! Der Wind spielt drinnen mit dem Herzen wie auf dem
Dach, nur nicht so laut, was fragen sie nach meinen Schmerzen? -- Sie
ist ja eine reiche Braut!«
Das längst gesungene Lied wacht auf mit allen Schmerzen, jetzt ist es
Begebenheit geworden.
Er nimmt sein Cello zwischen die Knie und streicht ganz zärtlich und
sacht über die Saiten. Es weint und schluchzt jetzt für ihn, indessen
er den anderen zum Tanz aufspielt, die unten mit heißem Atem Brust an
Brust herumschwenken. Was im Innern vorgeht, man merkt es ihm nicht
an, was kümmert's auch die andern! Er hat sein phlegmatisches Gesicht
aufgesetzt. Nur daß der Kopf einige Zoll tiefer und schwerer über dem
schluchzenden Cello hängt. Diddel dum!
Melusine, die Nixenkühle, tanzt in des andern Arm. Nicht des Besten
Braut ist sie geworden, sondern des Reichsten! Der hat sie ihm vor der
Nase weggeschnappt. So geht's im Leben. Diddel dum!
Einer hat sich zu ihm geflüchtet, der Frack ist ihm hinten zerrissen,
wie ein Häufchen Elend hockt er am Podium dicht bei Franz.
»Was ist mit dir, Schwind? Geh', schau', du bist ja ganz zerrissen!«
Der hebt ein zuckendes Gesicht zu ihm empor.
»Zerrissen? Ja, das bin ich. Zerrissen -- inwendig -- ganz in Fetzen
zerrissen!«
»So, so!« Franz sagt nicht mehr. Er weiß schon, was los ist. Die
Aufregung Schwinds vorhin, der hat einen schwerwiegenden Entschluß
gefaßt -- mein Gott, wo alles liebt .... »und jetzt bist du ....«
Der Zerknirschte nickt traurig und ergänzt den Gedanken: »--
abgeblitzt!«
Fiedelbum!
»Hab' ich's nicht immer gesagt -- diese Hönigs!« raunt es vom Cello
herab.
Der unten am Podium hockt, möchte vergehen vor Weh und Ach. Traurige
Hochzeitsgäste, diese zwei, der Musikant und sein Leidensbruder.
»Du tust, als ob dir nichts geschehen wäre ...« gibt der unten zurück.
»Sei still, sonst ....« klingt's hinter dem Cello hervor.
Fiedelbum!
Nachts am Heimweg gehen die zwei stumm nebeneinander her.
»Mich leidet es nimmer daheim,« fängt endlich der Cherubim an. »Ich
muß fort, hier kommt man auf keinen grünen Zweig ... Ich gehe mit
meiner Kunst ...«
»Und das Herz? Kannst du das auch mitnehmen? Das ist verwachsen mit
dieser Luft, aber auch die Kunst ist verwachsen mit diesem Herzen, mit
dieser Luft, mit diesem Boden, mit dieser Stadt, dieser verruchten,
miserablen, in Grund und Boden verwünschten, treulosen, undankbaren,
launenhaften und leider viel zu sehr geliebten ... Eine Buhlin ist sie,
die sich wegwirft an den, der das meiste Geld hat .... man hat zu viel
Herz, daran geht unsereiner zugrunde ...«
»Herz?!« Der Cherubim tut, als ob das Herz für ihn keinen Sinn hätte.
»Herz? Man hat es in den Staub getreten, zertrampelt, ich fühle nichts
mehr da drin als wie eine namenlose Abscheu ....«