VIII.

Johanna Lutz, die Feine, Liebliche, geht an dem Haus auf der

Stubenbastei vorbei, wo jetzt Franz wohnt. Sie hat von Schwind gehört,

daß er sich auf Anraten seines Arztes vierzehn Tage einschließen

und fasten will. Im Vorbeigehen schaut sie hinauf und ist zu Tod

erschrocken.

»Mein Gott, da sind ja alle Fenster offen! Da muß etwas geschehen sein!

Das ist rein so, als ob jemand herausgestorben wäre!«

Sie weiß, daß Franz nie ein Fenster öffnet. Solange er zu Hause ist,

bleibt alles bumfest zu, so luftscheu ist er.

Sie traut sich gar nicht zur Hausmeisterin hinein, um zu fragen, was

denn geschehen ist.

»Dumm von mir!« schilt sie sich, als sie zu Hause ist. Es läßt ihr

keine Ruhe. Eilends ein paar Zeilen an Schwind, er soll doch nachsehen,

was los ist. Es käme ihr alles so sonderbar vor.

Am Nachmittag kommt Schwind zu ihr, bringt ihr einige neue Schubertsche

Lieder und Deutsche und die Nachricht dazu: »Ja, ja, Franz ist

ausgeflogen und wird sobald nicht wieder zu sehen sein. Darüber kann

ein halbes Jahr vergehen. Tief im Ungarland sitzt er -- in Zelez!«

Die zarte Lutz atmet auf. »Gott sei Dank, mir ist ein Stein vom

Herzen!« Sie hat soviel mütterliche Sorge um die Freunde Kupels,

besonders um Franz, über den sie fleißig ihrem Verlobten nach Rom

berichtet, der im Café Greco sitzt und mit den Gedanken in der Heimat

weilt -- er will genau wissen, was vorgeht; Franz macht ihm Sorge.

Der Cherubim wettert und flucht über das saure Leben.

»Der Kupel ist fort, der Schober flaniert in Breslau herum, und nun

hat auch Franz die Schnapsidee und ist zu den Schnauzbartlern gegangen

.... Himmel! Teufel! Da sitzt man mutterseelenallein -- ohne Geld, ohne

Freund. Uff! Rein zum Verrecken! Die andern Freunderln? Hol' sie der

Kuckuck -- einer ist pflichtig, der andere zweifelhaft, der dritte fad

und der ganze Haufen gar nichts! Franz, Franz, Schober, Kupel -- warum

habt ihr mir das angetan? Wenn ich jetzt nicht Sie hätte, Johanna, und

die Netty Hönig, ach, die liebe Netty, wissen Sie -- die Netty -- ach,

ich kann Ihnen gar nicht sagen -- wenn ich nicht wüßte, daß die Netty

-- -- Ich weiß oft gar nicht, bin ich es oder bin ich es nicht -- o

Franz, Franz, Franz!«

Er ist ganz komisch in seiner Mischung von Ärger und Liebe,

Verzweiflung und Seligkeit. Er greint und raunzt über Franz, aber er

meint es nicht bös damit, er hat ihm selbst zugeredet, den Antrag des

Grafen Esterhazy anzunehmen und wieder nach Zelez zu gehen.

Franz hätte es vielleicht nicht mehr getan. Der erste Aufenthalt war

schon nicht sehr ersprießlich gewesen, es war damals eine kleine Zeit

des Stillstandes für ihn. Zwar hat er ja manche liebe Erinnerungen

mitgenommen und bewahrt -- zweimal dasselbe birgt die Gefahr der

Ernüchterung. Aber die Zeiten waren jetzt anders, er mußte leben wie

eine Pflanze, und der Stillstand war ihm ein Schutz. Er brauchte

ein Asyl, regelmäßiges, einfaches Leben unter einem gemessenen

sanften Zwang, vor allem keine Sorgen. Er fühlte sich innerlich als

Menschenruine; das Lebenshaus war halb eingesunken, der Regen fiel ihm

durchs Dach, die Türen und Fenster klapperten, die Dielen ächzten, der

Tod ging um, und draußen, ja draußen flog die Krähe um und um.

Das Wankende mußte gestützt werden, Zeit und Ruhe waren nötig, die

Schäden auszuflicken, dafür war Zelez der rechte Ort. Ein Asyl, ein

Asyl!

Der Bruder Ferdinand, Schulleiter in der Rossau, hat in der schweren

Zeit ein wachsames Auge auf Franz. Nun aber waren schon drei Wochen

vergangen, die Brüder hatten sich nicht gesehen. Franz kam doch sonst

alle Wochen einmal zu ihm hinaus, seit er nicht mehr im Schulhause

wohnte; er brachte den Nachmittag und Abend bei Ferdinand zu, und nach

dem gemeinsamen Essen ging er beizeiten heim, um noch vor Torschluß

sein Quartier auf der Stubenbastei zu erreichen. Allerdings, Franz

hatte eine Fastenkur vor, die vierzehn Tage dauern sollte; er wollte

einsiedlerisch leben und so wenig als möglich vor die Türe gehen. Nun

aber sind es drei Wochen her, das macht den Ferdinand unruhig. An einem

schulfreien Tag macht er sich auf, selbst einmal nachzusehen, was denn

auf der Stubenbastei los sei.

»Seit acht Tagen ist er fort, nach Ungarn -- wie heißt es denn

gleich?« sagt die Hausmeisterin, die zugleich bei Franz Bedienerin ist.

»Zelez -- ja, so hat's geheißen!«

»Daß er mir gar nichts geschrieben hat!« verwundert sich Ferdinand.

»Ja, es war halt ein bisserl geschwind!« erklärt die Hausmeisterin.

»Am Tage vorher hat er mir noch gesagt, daß er nach Ungarn gehen soll,

er hätte aber wenig Lust dazu; nun, und am anderen Tage war schon der

Reisewagen des Herrn Grafen vorm Haus.«

Es ging dem Bruder Ferdinand so wie den andern Freunden; die Stadt war

mit einemmal leer und stumm für sie, seit Franz dahin war.

Mit stiller Trauer bog Ferdinand in die Wollzeile ein, dann in die

nahe Schulerstraße, die weniger lärmend war, und blieb vor dem Gasthof

»König von Ungarn« stehen. Es war knapp vor Zwölf, also beschloß er,

hier zu Mittag zu essen. Im Hof drin war es schön zu sitzen unter

den Efeuwänden und den Oleanderbäumen. Er zerschnitt ein saftiges

Stück Rindfleisch, tunkte es in Semmelkrenn, die Küche war gut, es

waren nur wenige Gäste da, und in dem schönen Hofraum herrschte eine

patrizierhafte Ruhe und Ordnung. Die Mittagsglocken von dem nahen St.

Stephan tönten herüber in hallenden, zitternden Wellenkreisen, es war

schön anzuhören, aber Ferdinand war in Gedanken bei seinem Rindfleisch

und zugleich bei Franz, und die Stadt hatte schier keinen Klang mehr,

weil dieser Genius fort war. Die Glocken schwiegen; in der momentanen

Stille fiel es Ferdinand auf, daß feierlich geläutet worden war. Er

sah auf, in dem dreieckigen Giebel des weißgetünchten Hofes war eine

Uhr zu sehen, die eben jetzt die Mittagsstunde anschlug. Sie begann

zu schlagen, und als die zwölf Schläge vorüber waren, spielte sie mit

einer feinen, metallenen Stimme ein Musikstück. Einen Walzer.

»O Gott! Was ist denn das? Das ist ja -- ein Walzer von Franz? Ein

Schubertscher Walzer!« Der Bissen blieb ihm im Munde stecken, dem

Ferdinand -- unwillkürlich stürzten Tränen aus seinen Augen und fielen

salzig auf den Teller vor ihm.

Es war ja gerade so, als ob Franz ihn riefe mit Geisterstimme, die dort

oben in der Uhr aufklang!

Das Uhrwerk schwieg, Ferdinand saß noch eine Weile da, ganz ergriffen

und wehmutsvoll, dann ging er eilends heim, er mußte schreiben, sofort

nach Zelez schreiben, was ihm begegnet war.

Aber die Scheu, sein Innerstes vor dem Bruder zu zeigen, läßt es nicht

zu, den Satz zu vollenden; er deutet mit halben Worten an, was er sagen

will. Brüder sind oft so zueinander, bei aller Liebe und Freundschaft.

Franz hat in Zelez sein altes Zimmer bezogen; er sieht durch das

grünumlaubte Fenster hinaus auf den Ententeich und auf die Straße

jenseits der Linden, wo die Post vorüberfährt. Er hört das Horn in der

Ferne erklingen -- »was hat es, daß es so hoch aufspringt, mein Herz?«

Alles scheint unverändert wie vor so vielen Jahren, dieselben Leute

sind noch da, dieselben Gewohnheiten, dieselbe Tageseinteilung, nur

statt Rosa, die nicht Nein sagen konnte, bedient ihn eine alte Magd,

die mürrisch und halb taub ist. Um so besser -- so gibt es keinen

Plausch, kein Augenverdrehen, nichts -- er ist nicht aufgelegt zu

solchen Dingen. Der Kammerdiener behandelt ihn mit wohlwollender

Herablassung als guten Bekannten, und im Inspektorflügel ist er ein

gern gesehener Gast.

Im Herrenhaus ist regeres Leben als früher, in einem fort gibt's

Besuch, Kavaliere und Damen, zu Pferd und zu Wagen, Ausflüge und Jagden

werden veranstaltet, sonst aber geht die einfache Lebensweise fort.

Die beiden Komtessen Marie und Karoline sind stattlich herangeblüht,

aber sie sind noch immer so schlicht und herzgewinnend wie früher,

besonders die Karoline. Freilich, mit dem kindischen Herumtollen, Arm

in Arm mit Franz, mit dem großen Übermut und Glück der ersten Jugend

ist es vorbei. Wenn sie es nicht selbst gesagt hätte, Franz wußte es

gleich am ersten Tage durch den mitteilungsbedürftigen Kammerdiener,

daß der schlanke, dunkeläugige Kavalier, Graf Folliot von Creeneville,

Karolinens Verlobter ist, und daß der junge Graf Breuner, das blonde,

schmächtige Gegenstück zu Folliot, für die dunkeläugige Komtesse

Marie ausersehen ist, die sich zu einer recht kapriziösen Schönheit

herausgemaust hat.

Franz ist ganz steif vor Verlegenheit und Verwirrung, als er sich

der Komtesse Karoline wieder gegenübersieht, aber ihre anmutige

Unbefangenheit hilft ihm, daß er sich nach und nach wieder erfängt. Im

Herbst ist Hochzeit, und Karoline freut sich, daß Franz hier ist; er

muß es ihr versprechen, bei der Tafel zu sein, sie möchte ihn in ihrer

Nähe wissen.

Er zappelt von einem Bein aufs andere und stammelt so eine Art

Glückwunsch daher. Natürlich fängt er es dabei wieder drollig

ungeschickt an: »Jessas, Komtesse, wie mich das freut -- nun, ich

gratuliere herzlich dazu; der Herr Graf, ein so feiner Kavalier --

aber daß ich bei der Tafel bin, das wird doch nicht recht gehen -- ich

schau' ja gar nichts gleich!«

Neben dem eleganten Edelmann schaut er freilich gar nichts gleich, ein

ziemlich ruppiges Singerlein, aber die Komtesse hat ein unbändiges

Vergnügen an seiner drolligen Unbeholfenheit, und die frühere

Herzlichkeit ist im Nu wieder hergestellt.

Daß ihn die Verlobung Karolinens gar so freut, das war doch ein

bißchen dick aufgetragen; er hat einen verwunderten Blick Karolinens

aufgefangen -- ob sie es wohl nicht übelnimmt? Es war das einzige

Zeichen, daß die Liebesstunde nicht vergessen ist, ein kleines

Geheimnis, von Vertrauen und Freundschaft behütet.

Mit den beiden jungen Edelleuten weiß sich Franz so gut wie nichts

anzufangen. Die reden meistenteils von Jagen und Reiten und Pferden

und Hunden; davon versteht er nichts; und von der Musik verstehen die

anderen nichts.

Unter den Dauergästen befindet sich auch Karl von Schönstein, der

einzige, der mit der Schubertschen Musik wirklich vertraut ist und bei

der Schicksalsfügung, die Franz wieder nach Zelez gebracht hat, den

Drahtzieher gespielt hat; er ist mit dem väterlichen Grafen Esterhazy

intim befreundet, die beiden unterhalten sich gern auf eigene Faust;

um was es dabei geht, hat Franz an dem zufällig aufgeschnappten Wort

erkannt, als der eine von den beiden von seiner herzigen Rozier sprach,

die Franz dem Namen nach kannte -- eine vom Ballett; die unter

Geflüster und Gelächter geführte Unterhaltung war also nichts für

fremde Ohren.

Zuweilen kamen Zigeuner und spielten unter der Linde; Franz saß in

seinem Zimmer, rauchte sein Meerschaumpfeiflein, dachte vergangener

Zeiten und vergaß in diesem wehmütigen Glück die Gegenwart. Oder er

komponierte, er hatte Zeit und Ruhe; oft vergingen Tage, ohne daß man

ihn begehrte, es sei denn, daß Schönstein singen wollte, oder die

Komtesse Karoline eine vierhändige Übung versuchte, aber auch dies nur

selten, oder daß er eine seiner Sachen vorspielte, für die indessen

außer den beiden Komtessen und Schönstein kaum jemand im Herrenhaus ein

besonderes Verständnis aufbrachte.

Verträumt, verraucht, vergeigt, so fließen die Tage gleichförmig hin,

einer wie der andere.

Nur wenn die Post vorüberfährt, springt das Herz auf.

Der Vater hat geschrieben, er gibt ihm gute Lehren. Er ist ja

Jugendlehrer, der immer gern moralisiert, aber aus dem Tadler ist ein

Tröster geworden. »Wir dürfen, ja wir wollen sogar die unschuldigen

Lebensfreuden froh und mit dankbarem Gemüte zu Gott mäßig genießen,«

ermuntert er den Franz, »wir müssen aber auch in trüben Umständen den

Mut nicht sinken lassen; denn auch Leiden sind eine Wohltat Gottes und

führen den, der standhaft ausharrt, zum erhabensten Ziel. Wo ist auch

ein großer Mann in der Geschichte zu finden, der nicht durch Leiden und

standhaftes Ausharren den Triumph errungen hätte. Darum möchte ich auch

jene, die ich vorzüglich liebe, zu solchen Gesinnungen stimmen!«

Daß er soviel Liebe in ein paar Briefseiten legen kann, mehr als man

je im Leben aus seinem Munde erfahren hat, das hätte man doch nicht

erwartet. Dem Franz gehen fast die Augen über vor Rührung.

Und nun gar der Bruder Ferdinand mit seinen Tränen, als er beim »König

von Ungarn« Schuberts Walzer in der Uhr spielen hörte, und sich fast

schämt, es hineinzuschreiben, daß ihm richtige Tränen entrollt waren

beim Rindfleisch mit Semmelkrenn .....

»Warum getraust du dich nicht, mir das zu schreiben?« erwidert Franz in

seinem Brief.

»Es werden die Tränen gewesen sein, die ich so oft geweint habe, und

die in meinen Liedern und Walzern klingen, darum ist es so über dich

gekommen, als du beim »König von Ungarn« die kleine lustige Sache von

mir in der Uhr spielen hörtest .... oder kamen dir alle die Tränen, die

du mich schon weinen sahst, ins Gedächtnis? ... Damit dich diese Zeilen

nicht vielleicht verführen, zu glauben, ich sei nicht wohl oder nicht

heiteren Gemüts, so beeile ich mich, dich des Gegenteils zu versichern.

Freilich ist es nicht mehr jene glückliche Zeit, in der uns jeder

Gegenstand mit einer jugendlichen Glorie umgeben scheint, sondern jenes

fatale Erkennen einer miserablen Wirklichkeit, die ich mir durch meine

Phantasie (Gott sei es gedankt!) soviel als möglich zu verschönern

suche ..«

Er schreibt sich alles von der Seele herunter, in Briefen und in Musik,

und wenn die miserable Wirklichkeit Macht gewinnt, zündet er sein

Pfeiflein an und sieht in den blauen Wölkchen die Menschen und Dinge

neuerdings von jugendlicher Glorie umgeben. Dann steht die Sehnsucht

auf, er muß seiner Bedrängnis Luft machen, nochmals Papier und Feder

her, niemals fühlt er die Freunde so nahe als jetzt, da er mit ihnen

von Seele zu Seele redet.

»Wären wir nur beisammen, du, Schwind, Kupel und ich,« schreibt er

dem Schober, »dann sollte mir jedes Mißgeschick nur leichte Ware

sein, so aber sind wir getrennt, jeder in einem anderen Winkel, und

das ist eigentlich mein Unglück. Ich möchte mit Goethe ausrufen: Wer

bringt mir eine Stunde jener goldenen Zeit zurück! Jener Zeit, wo wir

traulich beieinander saßen und jeder seine Kunstkinder den andern mit

mütterlicher Scheu aufdeckte, das Urteil, welches Liebe und Wahrheit

aussprechen würden, nicht ohne einige Sorgen erwartend; jener Zeit, wo

einer den anderen begeisterte und so ein vereintes Bestreben nach dem

Schönsten alle beseelte. Nun sitz' ich allein hier im tiefen Ungarland,

in das ich mich leider zum zweiten Male locken ließ, ohne auch nur

einen Menschen zu haben, mit dem ich ein gescheites Wort reden könnte

...«

Und dem lieben Schwind gelten folgende Worte: »... ich würde mich hier

recht wohl befinden, hätte ich dich, Schober und Kupelwieser bei mir,

so aber verspüre ich, trotz des bewußten anziehenden Sternes, manchmal

eine verfluchte Sehnsucht nach Wien ....«

Vielleicht ist es ein Zeichen der wiederkehrenden Gesundheit, daß er

sich heftig fort sehnt. Oder ist es der anziehende bewußte Stern,

der still und klar über seinen Träumen steht und nun zitternd zu

entschwinden droht?

Eine heftige Unruhe ergreift ihn -- die Hochzeitsvorbereitungen nehmen

im Herrenhaus ein schnelles Tempo an.

»Ich alter Esel,« schlägt er sich vor die Stirn, »was kümmert's mich?«

Der Herbst ist schön wie damals, das stimmt traurig.

Morgen ist Polterabend, da muß Franz spielen, Schönstein singt und dann

wird getanzt. Und übermorgen?

»Aber Sie versprechen mir, bei der Tafel zu sein?!« drängt Karoline.

»Ich möchte schon jetzt alles Glück und Wohlergehen fürs Leben

wünschen, aber ich bitt' tausendmal um Verzeihung -- nicht wahr, bei

der Tafel muß ich nicht sein?! Ich pass' ja gar nicht hin -- ich wüßt'

nicht einmal, was ich reden sollt'! Die hohen Herrschaften -- ja

wirklich, da bin ich immer ganz dumm im Kopf!«

Also nein, um keinen Preis wäre er dazu zu bringen.

Karoline gibt ihm die Hand. Er beugt sich nieder, die Hand zu küssen.

»Bleiben wir gute Kameraden!« sagt sie, und ihre Stimme zittert leicht;

sie will noch etwas sagen, aber sie hält inne und drückt und schüttelt

seine Hand wie ein richtiger lieber Kamerad, der von dannen geht.

Franz rennt weg, um nicht aufzuheulen. Es waren die letzten Worte mit

Komtesse Karoline. Ein Abschied für immer.

Am Hochzeitstag geht er nicht aus seiner Kammer. Während sie

drüben tafeln im Herrenhaus, sitzt er hinten und hat seine eigene,

schmerzlich-selige Feier für sich. Er zündet seine Pfeife an, der

Opferrauch steigt, der anziehende bewußte Stern tritt aus dem

bläulichen Gewölk hervor, die schlanke Komtesse Karoline, wie sie im

herbstlichen Park vor so und so vielen Jahren ihre edel geformten Arme

um seinen Hals geworfen hat .... er pafft und pafft, das zarte Bild

entschwindet -- in den dicken Nebeln, die ihm Herz und Hirn umwallen,

steht eine andere Erscheinung auf und erfüllt ihn mit brennender

Sehnsucht: Melusine ....

Er wischt sich über die Wangen, sie sind trocken, und trocken ist sein

Auge. In seiner Brust tönt ein weher Klang, er weiß es nicht, daß seine

Tränen nach innen fallen. Aber drinnen sind sie, in seinen Liedern und

Gesängen, und die Verse, die er sucht und vertont, die kommen ihm nicht

von ungefähr zu; sie sind wie Spiegel, darinnen er seine eigenen Züge

erblickt.

»Gefrorene Tropfen fallen von meinen Wangen ab; ob es mir denn

entgangen, daß ich geweinet hab'? Ei, Tränen, meine Tränen, und seid

ihr gar so lau, daß ihr erstarrt zu Eise wie kühler Morgentau, und

dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß, als wolltet ihr

zerschmelzen des ganzen Winters Eis ....«

Aber das Eis zerschmilzt nicht, es bleibt alles hübsch drinnen in der

Brust und in den Gesängen, und nicht jeder spürt's, wie es Bruder

Ferdinand einmal, nur einmal gespürt hat, als der Walzer aus der Uhr

hervortanzte und plötzlich Tränen niederfielen.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 19 / 42 题