Johanna Lutz, die Feine, Liebliche, geht an dem Haus auf der
Stubenbastei vorbei, wo jetzt Franz wohnt. Sie hat von Schwind gehört,
daß er sich auf Anraten seines Arztes vierzehn Tage einschließen
und fasten will. Im Vorbeigehen schaut sie hinauf und ist zu Tod
erschrocken.
»Mein Gott, da sind ja alle Fenster offen! Da muß etwas geschehen sein!
Das ist rein so, als ob jemand herausgestorben wäre!«
Sie weiß, daß Franz nie ein Fenster öffnet. Solange er zu Hause ist,
bleibt alles bumfest zu, so luftscheu ist er.
Sie traut sich gar nicht zur Hausmeisterin hinein, um zu fragen, was
denn geschehen ist.
»Dumm von mir!« schilt sie sich, als sie zu Hause ist. Es läßt ihr
keine Ruhe. Eilends ein paar Zeilen an Schwind, er soll doch nachsehen,
was los ist. Es käme ihr alles so sonderbar vor.
Am Nachmittag kommt Schwind zu ihr, bringt ihr einige neue Schubertsche
Lieder und Deutsche und die Nachricht dazu: »Ja, ja, Franz ist
ausgeflogen und wird sobald nicht wieder zu sehen sein. Darüber kann
ein halbes Jahr vergehen. Tief im Ungarland sitzt er -- in Zelez!«
Die zarte Lutz atmet auf. »Gott sei Dank, mir ist ein Stein vom
Herzen!« Sie hat soviel mütterliche Sorge um die Freunde Kupels,
besonders um Franz, über den sie fleißig ihrem Verlobten nach Rom
berichtet, der im Café Greco sitzt und mit den Gedanken in der Heimat
weilt -- er will genau wissen, was vorgeht; Franz macht ihm Sorge.
Der Cherubim wettert und flucht über das saure Leben.
»Der Kupel ist fort, der Schober flaniert in Breslau herum, und nun
hat auch Franz die Schnapsidee und ist zu den Schnauzbartlern gegangen
.... Himmel! Teufel! Da sitzt man mutterseelenallein -- ohne Geld, ohne
Freund. Uff! Rein zum Verrecken! Die andern Freunderln? Hol' sie der
Kuckuck -- einer ist pflichtig, der andere zweifelhaft, der dritte fad
und der ganze Haufen gar nichts! Franz, Franz, Schober, Kupel -- warum
habt ihr mir das angetan? Wenn ich jetzt nicht Sie hätte, Johanna, und
die Netty Hönig, ach, die liebe Netty, wissen Sie -- die Netty -- ach,
ich kann Ihnen gar nicht sagen -- wenn ich nicht wüßte, daß die Netty
-- -- Ich weiß oft gar nicht, bin ich es oder bin ich es nicht -- o
Franz, Franz, Franz!«
Er ist ganz komisch in seiner Mischung von Ärger und Liebe,
Verzweiflung und Seligkeit. Er greint und raunzt über Franz, aber er
meint es nicht bös damit, er hat ihm selbst zugeredet, den Antrag des
Grafen Esterhazy anzunehmen und wieder nach Zelez zu gehen.
Franz hätte es vielleicht nicht mehr getan. Der erste Aufenthalt war
schon nicht sehr ersprießlich gewesen, es war damals eine kleine Zeit
des Stillstandes für ihn. Zwar hat er ja manche liebe Erinnerungen
mitgenommen und bewahrt -- zweimal dasselbe birgt die Gefahr der
Ernüchterung. Aber die Zeiten waren jetzt anders, er mußte leben wie
eine Pflanze, und der Stillstand war ihm ein Schutz. Er brauchte
ein Asyl, regelmäßiges, einfaches Leben unter einem gemessenen
sanften Zwang, vor allem keine Sorgen. Er fühlte sich innerlich als
Menschenruine; das Lebenshaus war halb eingesunken, der Regen fiel ihm
durchs Dach, die Türen und Fenster klapperten, die Dielen ächzten, der
Tod ging um, und draußen, ja draußen flog die Krähe um und um.
Das Wankende mußte gestützt werden, Zeit und Ruhe waren nötig, die
Schäden auszuflicken, dafür war Zelez der rechte Ort. Ein Asyl, ein
Asyl!
Der Bruder Ferdinand, Schulleiter in der Rossau, hat in der schweren
Zeit ein wachsames Auge auf Franz. Nun aber waren schon drei Wochen
vergangen, die Brüder hatten sich nicht gesehen. Franz kam doch sonst
alle Wochen einmal zu ihm hinaus, seit er nicht mehr im Schulhause
wohnte; er brachte den Nachmittag und Abend bei Ferdinand zu, und nach
dem gemeinsamen Essen ging er beizeiten heim, um noch vor Torschluß
sein Quartier auf der Stubenbastei zu erreichen. Allerdings, Franz
hatte eine Fastenkur vor, die vierzehn Tage dauern sollte; er wollte
einsiedlerisch leben und so wenig als möglich vor die Türe gehen. Nun
aber sind es drei Wochen her, das macht den Ferdinand unruhig. An einem
schulfreien Tag macht er sich auf, selbst einmal nachzusehen, was denn
auf der Stubenbastei los sei.
»Seit acht Tagen ist er fort, nach Ungarn -- wie heißt es denn
gleich?« sagt die Hausmeisterin, die zugleich bei Franz Bedienerin ist.
»Zelez -- ja, so hat's geheißen!«
»Daß er mir gar nichts geschrieben hat!« verwundert sich Ferdinand.
»Ja, es war halt ein bisserl geschwind!« erklärt die Hausmeisterin.
»Am Tage vorher hat er mir noch gesagt, daß er nach Ungarn gehen soll,
er hätte aber wenig Lust dazu; nun, und am anderen Tage war schon der
Reisewagen des Herrn Grafen vorm Haus.«
Es ging dem Bruder Ferdinand so wie den andern Freunden; die Stadt war
mit einemmal leer und stumm für sie, seit Franz dahin war.
Mit stiller Trauer bog Ferdinand in die Wollzeile ein, dann in die
nahe Schulerstraße, die weniger lärmend war, und blieb vor dem Gasthof
»König von Ungarn« stehen. Es war knapp vor Zwölf, also beschloß er,
hier zu Mittag zu essen. Im Hof drin war es schön zu sitzen unter
den Efeuwänden und den Oleanderbäumen. Er zerschnitt ein saftiges
Stück Rindfleisch, tunkte es in Semmelkrenn, die Küche war gut, es
waren nur wenige Gäste da, und in dem schönen Hofraum herrschte eine
patrizierhafte Ruhe und Ordnung. Die Mittagsglocken von dem nahen St.
Stephan tönten herüber in hallenden, zitternden Wellenkreisen, es war
schön anzuhören, aber Ferdinand war in Gedanken bei seinem Rindfleisch
und zugleich bei Franz, und die Stadt hatte schier keinen Klang mehr,
weil dieser Genius fort war. Die Glocken schwiegen; in der momentanen
Stille fiel es Ferdinand auf, daß feierlich geläutet worden war. Er
sah auf, in dem dreieckigen Giebel des weißgetünchten Hofes war eine
Uhr zu sehen, die eben jetzt die Mittagsstunde anschlug. Sie begann
zu schlagen, und als die zwölf Schläge vorüber waren, spielte sie mit
einer feinen, metallenen Stimme ein Musikstück. Einen Walzer.
»O Gott! Was ist denn das? Das ist ja -- ein Walzer von Franz? Ein
Schubertscher Walzer!« Der Bissen blieb ihm im Munde stecken, dem
Ferdinand -- unwillkürlich stürzten Tränen aus seinen Augen und fielen
salzig auf den Teller vor ihm.
Es war ja gerade so, als ob Franz ihn riefe mit Geisterstimme, die dort
oben in der Uhr aufklang!
Das Uhrwerk schwieg, Ferdinand saß noch eine Weile da, ganz ergriffen
und wehmutsvoll, dann ging er eilends heim, er mußte schreiben, sofort
nach Zelez schreiben, was ihm begegnet war.
Aber die Scheu, sein Innerstes vor dem Bruder zu zeigen, läßt es nicht
zu, den Satz zu vollenden; er deutet mit halben Worten an, was er sagen
will. Brüder sind oft so zueinander, bei aller Liebe und Freundschaft.
Franz hat in Zelez sein altes Zimmer bezogen; er sieht durch das
grünumlaubte Fenster hinaus auf den Ententeich und auf die Straße
jenseits der Linden, wo die Post vorüberfährt. Er hört das Horn in der
Ferne erklingen -- »was hat es, daß es so hoch aufspringt, mein Herz?«
Alles scheint unverändert wie vor so vielen Jahren, dieselben Leute
sind noch da, dieselben Gewohnheiten, dieselbe Tageseinteilung, nur
statt Rosa, die nicht Nein sagen konnte, bedient ihn eine alte Magd,
die mürrisch und halb taub ist. Um so besser -- so gibt es keinen
Plausch, kein Augenverdrehen, nichts -- er ist nicht aufgelegt zu
solchen Dingen. Der Kammerdiener behandelt ihn mit wohlwollender
Herablassung als guten Bekannten, und im Inspektorflügel ist er ein
gern gesehener Gast.
Im Herrenhaus ist regeres Leben als früher, in einem fort gibt's
Besuch, Kavaliere und Damen, zu Pferd und zu Wagen, Ausflüge und Jagden
werden veranstaltet, sonst aber geht die einfache Lebensweise fort.
Die beiden Komtessen Marie und Karoline sind stattlich herangeblüht,
aber sie sind noch immer so schlicht und herzgewinnend wie früher,
besonders die Karoline. Freilich, mit dem kindischen Herumtollen, Arm
in Arm mit Franz, mit dem großen Übermut und Glück der ersten Jugend
ist es vorbei. Wenn sie es nicht selbst gesagt hätte, Franz wußte es
gleich am ersten Tage durch den mitteilungsbedürftigen Kammerdiener,
daß der schlanke, dunkeläugige Kavalier, Graf Folliot von Creeneville,
Karolinens Verlobter ist, und daß der junge Graf Breuner, das blonde,
schmächtige Gegenstück zu Folliot, für die dunkeläugige Komtesse
Marie ausersehen ist, die sich zu einer recht kapriziösen Schönheit
herausgemaust hat.
Franz ist ganz steif vor Verlegenheit und Verwirrung, als er sich
der Komtesse Karoline wieder gegenübersieht, aber ihre anmutige
Unbefangenheit hilft ihm, daß er sich nach und nach wieder erfängt. Im
Herbst ist Hochzeit, und Karoline freut sich, daß Franz hier ist; er
muß es ihr versprechen, bei der Tafel zu sein, sie möchte ihn in ihrer
Nähe wissen.
Er zappelt von einem Bein aufs andere und stammelt so eine Art
Glückwunsch daher. Natürlich fängt er es dabei wieder drollig
ungeschickt an: »Jessas, Komtesse, wie mich das freut -- nun, ich
gratuliere herzlich dazu; der Herr Graf, ein so feiner Kavalier --
aber daß ich bei der Tafel bin, das wird doch nicht recht gehen -- ich
schau' ja gar nichts gleich!«
Neben dem eleganten Edelmann schaut er freilich gar nichts gleich, ein
ziemlich ruppiges Singerlein, aber die Komtesse hat ein unbändiges
Vergnügen an seiner drolligen Unbeholfenheit, und die frühere
Herzlichkeit ist im Nu wieder hergestellt.
Daß ihn die Verlobung Karolinens gar so freut, das war doch ein
bißchen dick aufgetragen; er hat einen verwunderten Blick Karolinens
aufgefangen -- ob sie es wohl nicht übelnimmt? Es war das einzige
Zeichen, daß die Liebesstunde nicht vergessen ist, ein kleines
Geheimnis, von Vertrauen und Freundschaft behütet.
Mit den beiden jungen Edelleuten weiß sich Franz so gut wie nichts
anzufangen. Die reden meistenteils von Jagen und Reiten und Pferden
und Hunden; davon versteht er nichts; und von der Musik verstehen die
anderen nichts.
Unter den Dauergästen befindet sich auch Karl von Schönstein, der
einzige, der mit der Schubertschen Musik wirklich vertraut ist und bei
der Schicksalsfügung, die Franz wieder nach Zelez gebracht hat, den
Drahtzieher gespielt hat; er ist mit dem väterlichen Grafen Esterhazy
intim befreundet, die beiden unterhalten sich gern auf eigene Faust;
um was es dabei geht, hat Franz an dem zufällig aufgeschnappten Wort
erkannt, als der eine von den beiden von seiner herzigen Rozier sprach,
die Franz dem Namen nach kannte -- eine vom Ballett; die unter
Geflüster und Gelächter geführte Unterhaltung war also nichts für
fremde Ohren.
Zuweilen kamen Zigeuner und spielten unter der Linde; Franz saß in
seinem Zimmer, rauchte sein Meerschaumpfeiflein, dachte vergangener
Zeiten und vergaß in diesem wehmütigen Glück die Gegenwart. Oder er
komponierte, er hatte Zeit und Ruhe; oft vergingen Tage, ohne daß man
ihn begehrte, es sei denn, daß Schönstein singen wollte, oder die
Komtesse Karoline eine vierhändige Übung versuchte, aber auch dies nur
selten, oder daß er eine seiner Sachen vorspielte, für die indessen
außer den beiden Komtessen und Schönstein kaum jemand im Herrenhaus ein
besonderes Verständnis aufbrachte.
Verträumt, verraucht, vergeigt, so fließen die Tage gleichförmig hin,
einer wie der andere.
Nur wenn die Post vorüberfährt, springt das Herz auf.
Der Vater hat geschrieben, er gibt ihm gute Lehren. Er ist ja
Jugendlehrer, der immer gern moralisiert, aber aus dem Tadler ist ein
Tröster geworden. »Wir dürfen, ja wir wollen sogar die unschuldigen
Lebensfreuden froh und mit dankbarem Gemüte zu Gott mäßig genießen,«
ermuntert er den Franz, »wir müssen aber auch in trüben Umständen den
Mut nicht sinken lassen; denn auch Leiden sind eine Wohltat Gottes und
führen den, der standhaft ausharrt, zum erhabensten Ziel. Wo ist auch
ein großer Mann in der Geschichte zu finden, der nicht durch Leiden und
standhaftes Ausharren den Triumph errungen hätte. Darum möchte ich auch
jene, die ich vorzüglich liebe, zu solchen Gesinnungen stimmen!«
Daß er soviel Liebe in ein paar Briefseiten legen kann, mehr als man
je im Leben aus seinem Munde erfahren hat, das hätte man doch nicht
erwartet. Dem Franz gehen fast die Augen über vor Rührung.
Und nun gar der Bruder Ferdinand mit seinen Tränen, als er beim »König
von Ungarn« Schuberts Walzer in der Uhr spielen hörte, und sich fast
schämt, es hineinzuschreiben, daß ihm richtige Tränen entrollt waren
beim Rindfleisch mit Semmelkrenn .....
»Warum getraust du dich nicht, mir das zu schreiben?« erwidert Franz in
seinem Brief.
»Es werden die Tränen gewesen sein, die ich so oft geweint habe, und
die in meinen Liedern und Walzern klingen, darum ist es so über dich
gekommen, als du beim »König von Ungarn« die kleine lustige Sache von
mir in der Uhr spielen hörtest .... oder kamen dir alle die Tränen, die
du mich schon weinen sahst, ins Gedächtnis? ... Damit dich diese Zeilen
nicht vielleicht verführen, zu glauben, ich sei nicht wohl oder nicht
heiteren Gemüts, so beeile ich mich, dich des Gegenteils zu versichern.
Freilich ist es nicht mehr jene glückliche Zeit, in der uns jeder
Gegenstand mit einer jugendlichen Glorie umgeben scheint, sondern jenes
fatale Erkennen einer miserablen Wirklichkeit, die ich mir durch meine
Phantasie (Gott sei es gedankt!) soviel als möglich zu verschönern
suche ..«
Er schreibt sich alles von der Seele herunter, in Briefen und in Musik,
und wenn die miserable Wirklichkeit Macht gewinnt, zündet er sein
Pfeiflein an und sieht in den blauen Wölkchen die Menschen und Dinge
neuerdings von jugendlicher Glorie umgeben. Dann steht die Sehnsucht
auf, er muß seiner Bedrängnis Luft machen, nochmals Papier und Feder
her, niemals fühlt er die Freunde so nahe als jetzt, da er mit ihnen
von Seele zu Seele redet.
»Wären wir nur beisammen, du, Schwind, Kupel und ich,« schreibt er
dem Schober, »dann sollte mir jedes Mißgeschick nur leichte Ware
sein, so aber sind wir getrennt, jeder in einem anderen Winkel, und
das ist eigentlich mein Unglück. Ich möchte mit Goethe ausrufen: Wer
bringt mir eine Stunde jener goldenen Zeit zurück! Jener Zeit, wo wir
traulich beieinander saßen und jeder seine Kunstkinder den andern mit
mütterlicher Scheu aufdeckte, das Urteil, welches Liebe und Wahrheit
aussprechen würden, nicht ohne einige Sorgen erwartend; jener Zeit, wo
einer den anderen begeisterte und so ein vereintes Bestreben nach dem
Schönsten alle beseelte. Nun sitz' ich allein hier im tiefen Ungarland,
in das ich mich leider zum zweiten Male locken ließ, ohne auch nur
einen Menschen zu haben, mit dem ich ein gescheites Wort reden könnte
...«
Und dem lieben Schwind gelten folgende Worte: »... ich würde mich hier
recht wohl befinden, hätte ich dich, Schober und Kupelwieser bei mir,
so aber verspüre ich, trotz des bewußten anziehenden Sternes, manchmal
eine verfluchte Sehnsucht nach Wien ....«
Vielleicht ist es ein Zeichen der wiederkehrenden Gesundheit, daß er
sich heftig fort sehnt. Oder ist es der anziehende bewußte Stern,
der still und klar über seinen Träumen steht und nun zitternd zu
entschwinden droht?
Eine heftige Unruhe ergreift ihn -- die Hochzeitsvorbereitungen nehmen
im Herrenhaus ein schnelles Tempo an.
»Ich alter Esel,« schlägt er sich vor die Stirn, »was kümmert's mich?«
Der Herbst ist schön wie damals, das stimmt traurig.
Morgen ist Polterabend, da muß Franz spielen, Schönstein singt und dann
wird getanzt. Und übermorgen?
»Aber Sie versprechen mir, bei der Tafel zu sein?!« drängt Karoline.
»Ich möchte schon jetzt alles Glück und Wohlergehen fürs Leben
wünschen, aber ich bitt' tausendmal um Verzeihung -- nicht wahr, bei
der Tafel muß ich nicht sein?! Ich pass' ja gar nicht hin -- ich wüßt'
nicht einmal, was ich reden sollt'! Die hohen Herrschaften -- ja
wirklich, da bin ich immer ganz dumm im Kopf!«
Also nein, um keinen Preis wäre er dazu zu bringen.
Karoline gibt ihm die Hand. Er beugt sich nieder, die Hand zu küssen.
»Bleiben wir gute Kameraden!« sagt sie, und ihre Stimme zittert leicht;
sie will noch etwas sagen, aber sie hält inne und drückt und schüttelt
seine Hand wie ein richtiger lieber Kamerad, der von dannen geht.
Franz rennt weg, um nicht aufzuheulen. Es waren die letzten Worte mit
Komtesse Karoline. Ein Abschied für immer.
Am Hochzeitstag geht er nicht aus seiner Kammer. Während sie
drüben tafeln im Herrenhaus, sitzt er hinten und hat seine eigene,
schmerzlich-selige Feier für sich. Er zündet seine Pfeife an, der
Opferrauch steigt, der anziehende bewußte Stern tritt aus dem
bläulichen Gewölk hervor, die schlanke Komtesse Karoline, wie sie im
herbstlichen Park vor so und so vielen Jahren ihre edel geformten Arme
um seinen Hals geworfen hat .... er pafft und pafft, das zarte Bild
entschwindet -- in den dicken Nebeln, die ihm Herz und Hirn umwallen,
steht eine andere Erscheinung auf und erfüllt ihn mit brennender
Sehnsucht: Melusine ....
Er wischt sich über die Wangen, sie sind trocken, und trocken ist sein
Auge. In seiner Brust tönt ein weher Klang, er weiß es nicht, daß seine
Tränen nach innen fallen. Aber drinnen sind sie, in seinen Liedern und
Gesängen, und die Verse, die er sucht und vertont, die kommen ihm nicht
von ungefähr zu; sie sind wie Spiegel, darinnen er seine eigenen Züge
erblickt.
»Gefrorene Tropfen fallen von meinen Wangen ab; ob es mir denn
entgangen, daß ich geweinet hab'? Ei, Tränen, meine Tränen, und seid
ihr gar so lau, daß ihr erstarrt zu Eise wie kühler Morgentau, und
dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß, als wolltet ihr
zerschmelzen des ganzen Winters Eis ....«
Aber das Eis zerschmilzt nicht, es bleibt alles hübsch drinnen in der
Brust und in den Gesängen, und nicht jeder spürt's, wie es Bruder
Ferdinand einmal, nur einmal gespürt hat, als der Walzer aus der Uhr
hervortanzte und plötzlich Tränen niederfielen.