Vorwort

Das bringt die Zeit mit sich:

Wir wollen uns auf unser eigenes Wesen besinnen, um unser Selbst uns

und den andern zu erklären.

Österreichisches Wesen.

Das will dieser Schubert-Roman. Denn Schubert, das ist das

Allerösterreichischste.

Also will das Buch die innerste Natur des Österreichertums erschließen

und den durch äußere Verhältnisse und Veranlagung geschaffenen

eigentümlichen Seelenzustand des österreichischen Genius darstellen,

der treffend als österreichische Seelenwundheit bezeichnet wurde.

Zugleich aber will es der bisher noch fehlende wirkliche Wiener

Schubert-Roman sein, der den Genius frei von der ihm mit Unrecht oft

angedichteten krankhaften Sentimentalität zeigt. Schubert war kein

Sentimentalist und noch weniger war er ein Trunkenbold, wenngleich der

von seinen Duzfreunden gelegentlich aufgebrachte neuerdings allzusehr

betonte Spottname »Schwammerl« zu diesem Irrtum verführt, der doch

einmal aus der Welt geschafft werden sollte.

Als Leitgedanke dient mir, was Bauernfeld im Jahre 1857 schrieb: »Das

äußere Leben Schuberts war übrigens äußerst einfach und trieb sich

anfangs in den ärmlichen Verhältnissen eines Schullehrers, später

eines österreichischen Genies herum, eines +exemplar unicum+

hierzulande, welches, wenn sonst überall, besonders hier gegen Not

und Dummheit anzukämpfen hatte. Sein inneres Leben mit Freunden und

Gleichgesinnten bietet aber so wenig biographische Züge dar und ließe

sich ~etwa nur in einer poetischen Schilderung darstellen~.

Schubert war gewissermaßen eine Doppelnatur, die Wiener Heiterkeit mit

einem Zug tiefer Melancholie verwebt und veredelt. Nach innen Poet war

er und von außen eine Art Genußmensch, dem, persönlich nach der äußeren

Erscheinung beurteilt, überdies der herkömmliche Geselligkeitsschliff

fehlte, so daß mancher gebildete Alltagsgesell sich etwas weit Besseres

dünken mochte als der ungehobelte Sänger der »Müllerlieder« und der

»Winterreise««.

Der biographischen Züge sind nicht so wenige, als Bauernfeld meint;

aber sie sind nur äußerliche tote Bruchstücke, wenn sie nicht die Seele

lebendig macht, die das wesentliche Stück ist, sowohl im Leben wie in

der Dichtung.

Bauernfeld gebraucht noch nicht das Wort »Seelenwundheit«, aber dem

Sinn nach steckt es drinnen in der Mischung von Wiener Heiterkeit

und der veredelnden Melancholie, daraus so tiefe und seelenvolle

Schöpfungen entstanden sind.

Die österreichische Seele und besonders meine Wiener Heimat zu

erklären, habe ich schon früher in zahlreichen Werken unternommen,

ich verweise auf meinen halb autobiographischen Jugendroman: »Der

Narr vom Kahlenberg« (Amsel Gabesam) oder auf Grillparzers Liebesroman

»Die Schwestern Fröhlich«; -- vielleicht darf im ferneren Zusammenhang

auch meine Legendendichtung: »Chevalier Blaubarts Liebesgarten« hier

noch mitgenannt werden. Doch tragen auch meine anderen Schriften

diese eingeborene Tendenz, unser österreichisches Wesen recht

verständlich zu machen. Schließlich ist alles in einem gewissen Sinne

Selbstdarstellung, auch in scheinbar historischer Form.

Das seelische Fluidum des alten Wien ist ja immer noch heimlich da, die

Stimme des Genius loci, die fortklingt in den stillen Vorstadtgassen

und ländlichen Orten am Fuß des Kahlenberges, in denselben Worten und

Redewendungen, wie sie aus den überlieferten persönlichen Dokumenten

der Schubertzeit hervortönen.

Da draußen am Rande der Stadt, wo sich der traumhäuptige Wienerwald,

das sonnige Weinland und die blaublickende Donau zu einem

unausgesungenen Dreiklang vermählen, zu einer ~echt Schubertschen

Weise~, liegt auf den Stirnen der schlicht vornehmen Häuser des

schwindenden Alt-Wien manche kostbare Erinnerung.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 4 / 42 题