Diese Hoffnung ich, 10
Dass ich endlich sie bewege,
Und sie noch beglücket mich.
Dieser Hoffnung bin ich froh.
Gebe Gott, dass sich’s vollende,
Sie mir diesen Wahn nicht wende, 15
Der mich jetzt erfreut schon so.
Du viel Süsse, Wohlgetane,
Frei von Truge, treu und stet,
Lasse mich in liebem Wahne,
Wenn es jetzt nicht anders geht, 20
Dass die Freude lange währ’,
Ich vor Weinen nicht erwache,
Nein, dem Trost entgegenlache,
Der von ihrer Huld kommt her.
Lieber Wunsch und froh Gedenken 25
Ist die grösste Freude mein.
Nichts soll mir den Trost beschränken,
Lässt sie mich nur immer sein
Ihr mit beidem nahe bei
Und vergönnt mir, ihretwegen 30
Süsse Lust daran zu hegen,
Wie beglückend sie stets sei.
Süsser Mai, auch du alleine
Tröstest sonst die Welt fürwahr;
Doch du freust selbst im Vereine 35
Mit der Welt mich kaum ein Haar.
Brächtet ihr wohl Freude mir
Ausser der Viellieben, Guten?
Trost will ich von ihr vermuten;
Ich leb’ nur des Trosts von ihr. 40
+5+
+Ulrich von Lichtenstein: Treue Liebe.+
In dem duftigsüssen Maien,
Wenn erprangt des Waldes Trieb,
Sieht man lieblich auch zu zweien,
Was nur irgend hat ein Lieb.
Eins ist mit dem andern froh, 5
Und mit Recht, die Zeit will’s so.
Wo ein Lieb zum Lieb sich reihet,
Gibt die Liebe frohe Lust,
Und mit hohen Freuden maiet
Es fortan in jeder Brust. 10
Liebe will, dass Trauern flieht,
Wo man Lieb bei Liebe sieht.
Wo zwei Lieb’ einander meinen
Treulich sich von Herzensgrund,
Und sich beide so vereinen, 15
Dass nie schwankt ihr Liebesbund:
Für ein Leben wonniglich
Schenkte Gott die beiden sich.
Treue Liebe nennt man Minne:
Eins ist Lieb’ und Minne dann, 20
Dass ich sie in meinem Sinne
Nimmermehr drum scheiden kann.
Liebe muss im Herzen mein
Immer mir auch Minne sein.
Kann ein treues Herze finden 25
Treue Liebe, treuen Mut,
Muss ihm alle Trauer schwinden.
Treue Liebe ist so gut,
Dass sie stete Freude leiht
Treuem Herzen allezeit. 30
Möcht’ ich treue Liebe finden,
Wollt’ ich so getreu ihr sein,
Dass ich damit überwinden
Wollte alle Sorg’ und Pein.
Treue Liebe hab’ ich gern, 35
Ungetreue bleib’ mir fern.
+6+
+Neidhart von Reuental: Die tanzlustige Junge.+
“Der Mai, der ist so mächtig,
Drum führt er auch so prächtig
Den Wald an seinen Händen,
Der ist jetzt voll von neuem Laub,
der Winter muss sich enden.
Ich freu’ mich an der Heide 5
Der hellen Augenweide,
Die uns jetzt aufgegangen;”
So sprach ein schmuckes Mägdelein,
“die will ich schön empfangen.
Lasst, Mutter, ohne Weilen
Mich hin zum Felde eilen 10
Und dort im Reihen springen.
Ich hörte wahrlich lange
nicht die Kinder Neues singen.”
“Ach nein doch, Tochter, nein doch!
Dich hab’ ich ganz allein doch
Genährt an meinen Brüsten; 15
Drum folg’ mir nur und lass dich
ja nach Männern nicht gelüsten.”
“Den ich Euch will nennen,
Den werdet Ihr ja kennen.
Zu dem ich voll Verlangen
Jetzt will, ist der von Reuental,
ihn will ich jetzt umfangen. 20
Es grünt ja an den Zweigen,
Dass berstend fast sich neigen
Die Bäume tief zur Erden.
Nun wisst nur, liebe Mutter mein,
der Knabe muss mir werden!
Mutter, ach schon lange 25
Verlangt er nach mir bange;
Soll ich dafür nicht danken?
Er sagt, dass ich die schönste sei
von Bayern bis nach Franken.”
+7+
+Neidhart von Reuental: Die tanzlustige Alte.+
Eine Alte fing zu springen
Munter wie ein Zicklein an, sie wollte Blumen bringen.
“Tochter, gib mir mein Gewand,
Ich muss an des Knappen Hand,
Er ist von Reuental genannt.”
Trara nuretum, trara nuri runtundeie!
“Mutter, bleibt doch nur bei Sinne!
Dieser Knappe denkt ja nicht je an treue Minne.”
“Tochter, lass mich ohne Not;
Ich weiss ja, was er mir entbot,
Nach seiner Minne bin ich tot.”
Trara nuretum, trara nuri runtundeie!
+8+
+Neidhart von Reuental: Die zwei Gespielen.+
Nun ist ganz vergangen
Der Winter kalt.
Mit Laube steht behangen
Der grüne Wald.
Wonniglich 5
Mit Stimmen, süss und freudiglich,
So singen jetzt die Vöglein Lob dem Maien.
Gehn auch wir zum Reihen!
Allen im Vereine
Kam froher Sinn. 10
Blumen in dem Haine
Hab’ nun weithin
Ich gesehn;
Aber ich kann nicht gestehn,
Dass mir mein langer Liebesgram verschwinde, 15
Er, mein treu Gesinde.
Zwei Gespielen fragten,
Wie’s jedem geh’.
Stille sie sich klagten
Ihr Herzensweh. 20
Eine sprach:
“Trauer, Leid und Ungemach,
Das zehret mir am Leib und allen Sinnen,
Freud’ ist nicht mehr drinnen.
Es lässt mich im Gemüte 25
Leid nicht in Ruh’.
Ein Freund voll hoher Güte
Zwingt mich dazu.
Bleibt der Mann
Fern doch, der mir’s angetan, 30
Dass langes Liebesleid sich bei mir mehret
Und mein Herz verzehret.”
“Sag’s nur frei von Herzen,
Was fehlt denn dir?
Macht dir die Liebe Schmerzen, 35
Dann folge mir:
Hab’ Geduld!
Ist ein lieber Mann dran schuld,
So trag es still im Herzen als dein eigen.
Ich will gern auch schweigen.” 40
“Nun, du wirst ihn kennen,
Denn manches Mal
Hört’st du wohl schon nennen
Den Reuental.
Sein Gesang 45
Mein Gemüte ganz bezwang.
Der da weiss den Himmel zu verwalten,
Mag ihn mir erhalten!”
+9+
+Tannhäuser: Gute Aussicht.+
Hört, lohnen will die Herrin mir,
Der ich gedienet ohne Wank!
Das ist gar schön getan von ihr,
Drum sagt ihr alle euern Dank!
Abwenden soll ich nur den Rhein, 5
Dass er nicht mehr bei Koblenz geh’,
Dann will sie mir willfährig sein.
Und bring’ ich Sand erst aus der See,
Da wo zur Ruh’ die Sonne geht,
Erhört sie mich; doch einen Stern, 10
Der grade in der Nähe steht,
Den wünscht sie auch von mir recht gern.
Doch denkt mein Mut: was sie mir tut,
Es soll mich alles dünken gut.
Sie nahm vor mir sich gute Hut, die Reine; 15
Ausser Gott alleine
Kennt niemand ja die Liebste, die ich meine.
Nähm’ ich der Elbe ihren Fall,
Sagt sie, so tu’ sie mir noch wohl,
Dazu der Donau ihren Schall. 20
Ei ja, sie ist gar tugendvoll!
Den Salamander muss ich ihr
Erst bringen aus dem Feuer her,
Dann lohnet auch die Liebste mir
Und tut dann ganz mir nach Begehr. 25
Kann ich den Regen und den Schnee
Wegwenden, das versprach sie mir,
Dazu den Sommer, samt dem Klee,
So wird auch wohl viel Liebes mir.
Doch denkt mein Mut: was sie mir tut, 30
Es soll mich alles dünken gut.
Sie nahm vor mir sich gute Hut, die Reine;
Ausser Gott alleine
Kennt niemand ja die Liebste, die ich meine.
+10+
+Gottfried von Neifen: Die Flachsschwingerin.+
Ei ja, uns jungen Männern mag
Bei Fraun es leicht mislingen.
Es war mal mitten um den Tag,
Da hört’ ich eine schwingen:
Sie schwang Flachs,
Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs.
Guten Morgen bot ich ihr
Und sprach: “Gott mög’ Euch ehren!”
Die schöne Jungfer dankte mir,
Ich wollte ein schon kehren.
Sie schwang Flachs,
Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs.
Da sprach sie: “Weiber gibt’s hier nicht,
Ihr seid wohl fehlgegangen.
Eh’ Euer Will’ an mir geschicht,
Säh’ ich Euch lieber hangen!”
Sie schwang Flachs,
Sie schwang Flachs, ja Flachs, ja Flachs.
+11+
+Steinmar: Die hübsche Bäuerin.+
Sommerzeit, wie froh ich bin,
Dass ich nun kann schauen
Eine hübsche Häuslerin,
Krone aller Frauen!
Denn ein Dirnlein, das nach Kraute 5
Geht, die ist es, die als Traute
Ich ersah.
Ihr zum Dienst nur bin ich da!
Schau’ rings um dich!
Wer verstohlen minnt, der hüte sich! 10
War vor mir sie winterlang
Leider eingeschlossen,
Geht zur Heide jetzt ihr Gang,
Wo die Blüten sprossen;
Wo sie Blumen sich zum Kranze 15
Pflücket, den sie bei dem Tanze
Trägt zur Zier.
Viel noch kos’ ich da mit ihr.
Ja, mich freut die Stunde schon,
Wenn sie geht zum Garten, 20
Und ihr ros’ger Mund zum Lohn
Mich heisst auf sie warten.
Fröhlich wird dann mein Gemüte;
Dass die Mutter sie nicht hüte
Fernerhin, 25
Vor der ich behutsam bin.
Da ich mich nun hüten muss
Vor der Mutter Tücke,
Liebchen, wag’ zum guten Schluss
Bald mit mir dein Glücke! 30
Brich den Trotz, der dich will hüten,
Denn ich will’s dir ja vergüten;
Allezeit
Sei dir Leib und Gut geweiht!
Steinmar, hab’ denn frohen Mut! 35
Wird dir noch die Hehre,
Die so hübsch ist und so gut,
Hast du an ihr Ehre.
Denn vom allerbesten Teile
Dessen, was zum Erdenheile 40
Dienen kann,
Wird dir reich beschert ja dann!
Schau’ rings um dich!
Wer verhohlen minnt, der hüte sich!
+XXVIII. POEMS OF THE DIETRICH-SAGA+
More than a dozen late-medieval epics, mostly anonymous and not
precisely datable, have to do with the exploits of heroes who are the
same as those that appear in the Nibelungen Lay or in some way related
to them. Some of the poems are written in the Nibelungen meter, or a
close approximation to it, others in short rimed couplets, still others
in a peculiar stanza of twelve lines. The most of them relate to
Dietrich of Bern, the doughtiest and most eminent of all the
saga-heroes. Of the selections below No. 3 is given in Simrock’s
translation, _Das kleine Heldenbuch_, 3rd edition, 1874.
1
_From ‘Laurin’: Dietrich and his men encounter the dwarf-king._[1]
Sie ritten auf einander los
Und trafen sich mit hartem Stoss,
Der eine hoch, der andre klein,
Denn Laurin hatte kurze Bein’.
Fehl ging des Herrn Witeges Schuss, 5
Doch traf der Zwerg, ihm zum Verdruss,
Und stach ihn nieder in den Klee.
Kein Unglück tat ihm je so weh.
Laurin, der kühne,
Sprang nieder auf das Grüne; 10
Er wollte nehmen schweres Pfand,
Den rechten Fuss, die linke Hand,
Und wäre Dietrich nicht gekommen,
Er hätte solches Pfand genommen.
Erzürnt sprang Dieterich heran, 15
Und sprach, beschirmend seinen Mann:
“He da, du kleiner Wicht,
Behellige ihn nicht!
Er ist mir zugesellt,
Das wisse ja die Welt, 20
Und mit mir hergekommen.
Würd’ ihm solch Pfand genommen,
Des hätt’ ich immer Schande,
Wenn man es mir im Lande
Nachsagte, mir dem Berner; nicht 25
So leicht ertrüg’ ich solch Gerücht.”
Da sprach Laurin, der kleine Mann:
“Was geht mich wohl dein Name an?
Die Märe von dem Berner
Will ich nicht hören ferner; 30
Davon hab’ ich genug vernommen.
Mich freut, dass du hierher gekommen:
Du musst mir geben schweres Pfand,
Den rechten Fuss, die linke Hand.
Du sollst mich kennen lernen, traun! 35
Den Garten hast du mir verhaun,
Zertreten unter Füssen.
Das sollst du mir nun büssen.
Ich dünk’ euch wohl nicht gross,
Doch wäre euer Tross 40
Dreitausend stark und mehr,
Ich schlüg’ das ganze Heer.”
Herr Dietrich hatte gnug gehört;
Er sah sich um nach seinem Pferd,
Erreichte es in schnellem Lauf, 45
Sprang ohne Stegereif hinauf,
Ergriff den Ger mit starker Hand--
Da kam sein Meister Hildebrand,
Und dieser vielerfahrne Mann
Rief also seinen Herren an: 50
“Mein lieber Dieterich,
Sei klug und höre mich!
Verwirfst du meine Lehre,
Verlierst du wohl die Ehre.
Verkennst du doch den Wicht! 55
Dein Reiten taugt hier nicht.
Hättst du die ganze Welt im Bann,
Er sticht dich nieder auf den Plan;
So verlierst du deine Ehr’
Und darfst dann nimmermehr 60
Als Fürst mit Fürsten gehen.
Zu Fusse sollst du ihn bestehen,
Steig’ ab vom Rosse auf das Feld;
Das rat’ ich dir, du kühner Held.
Und höre einen weitern Rat: 65
Durch Schmiedewerk, wie er es hat,
Kommst du dem Zwerg, wie auch es sei,
Mit Schneidewaffen niemals bei.
Hau’ mit dem Knopf[2] ihm um die Ohren
Und mache ihn also zum Toren. 70
So trägst du, dir und uns zum Lohn,
Mit Gottes Hilf’ den Sieg davon.”
Des Meisters Rat war nicht verlorn,
Er sprang von seinem Ross in Zorn:
“Laurin, ich widersage dir; 75
Nun, räche deinen Grimm an mir.”
“Ja wohl,” so sprach der Kleine,
“Das tu’ ich ganz alleine.”
Den Schild zu fassen er begann
Und lief den Berner hastig an. 80
Er schlug ihm einen grimmen Schlag,
So dass sein Schild auf Erden lag.
Des Berners Zorn war gross;
Er stürtzte auf das Männlein los
Und schlug auf seinen Schildesrand, 85
So dass er fiel ihm aus der Hand.
Herr Dieterich von Bern
Hätt’ ihn betäubet gern;
Er rannt’ ihn an und mit dem Knopf
Schlug er ihn grimmig auf den Kopf, 90
Dass weit und breit erklang der Ton
Des Helmes und der goldnen Kron’.
Es schwindelte dem Zwerg sogar,
Er wusste nicht, wie’s mit ihm war.
Er griff in seine Tasche klein 95
Und holte sich sein Tarnkäpplein,
Worin er gleich unsichtbar ward.
Jetzt ging’s dem Berner erst recht hart.
Der Kleine schlug ihm hier und dort
Furchtbare Wunden fort und fort, 100
So dass dem schwergeprüften Mann
Dass Blut nun durch die Brünne rann.
Da sprach der Held von Bern:
“Ich schlüge dich ja gern,
Doch weiss ich nicht zur Frist, 105
Wo du zu treffen bist.
Wohin bist du gekommen?
Wer hat dich mir entnommen?”
Der Berner holte aus und schlug
In grimmem Zorn ob dem Betrug; 110
Und ellenweit die Waffe sein
Biss in die Felsenwand hinein.
All unverletzt der kleine Mann
Lief abermals den Berner an,
Der, hart bedrängt, den Streichen 115
Nicht wusste zu entweichen.
Er kam in furchtbare Gefahr,
Wiewohl er stark und weise war
Und sich aufs Waffenwerk verstand.
Da sprach der weise Hildebrand: 120
“Wirst du von einem Zwerg erschlagen,
Kann ich dich nicht so sehr beklagen.
Dir könnt’ es bass gelingen,
Wollt’ er nur mit dir ringen.
Ergreif’ und halte fest den Butzen, 125
So ist sein Käpplein ohne Nutzen.”
Der Berner sprach: “Ja, käm’s zum Ringen,
Es könnte mir doch bass gelingen.”
Er trug dem Zwerge grimmig Hass.
Als dieser nun bemerkte, was 130
Der Held von ihm begehrte,
Wie bald er’s ihm gewährte!
Er schleuderte sein Schwert von sich
Und stürtzte auf Herrn Dieterich.
Kraftvoll ergriff der Kleine 135
Des Riesen starke Beine,
Und beide fielen in den Klee;
Die Schande tat dem Berner weh.
Da sprach--er war ja gleich zur Hand--
Der weise Meister Hildebrand: 140
“Dietrich, lieber Herre mein,
Zerreiss’ ihm doch das Gürtelein,
Davon er hat Zwölfmännerkraft;
So magst du werden siegehaft.”
Nun ging es an ein starkes Ringen, 145
Noch wollt’s dem Berner nicht gelingen.
Gross war Herrn Dieterichs Bemühn:
Man sah’s ihm aus dem Munde sprühn,
Wie Feuer aus der Esse tut;
Nicht mehr verträglich war sein Mut. 150
Zuletzt griff er ins Gürtlein zäh
Und hob das Zwerglein in die Höh’
Mit rasender Gebärde
Und schmiss es auf die Erde.
Ums Gürtlein war es jetzt getan, 155
Dem Laurin war es übel dran;
Denn als der Kleine fiel zu Hauf,
Griff Hildebrand das Gürtlein auf,
Das jenem Riesenkraft verlieh.
Jetzt kam der Zwerg in Not; er schrie 160
Und heulte, dass der Schall
Ertönte über Berg und Tal.
Demütig rief er Dietrich an:
“Warst du je ein guter Mann,
So friste mir das Leben. 165
Ich will mich dir ergeben,
Ich will dir werden untertan
Mit meinem Gut von heute an.”
[Notes:
1: The locus is the mountains of Tirol. Laurin, the diminutive
dwarf-king, has a rose-garden the trespasser upon which must lose
a hand and foot. The arrogant Witege, Dietrich’s man, wantonly
tramples down the roses; whereupon Laurin assails him, in knightly
fashion, on horseback.
2: The ‘pommel’ of his sword.]
2
_From the ‘Lay of Ecke’: Ecke’s death and Dietrich’s remorse._[3]
Die Schwerter warfen sie von sich
Und rangen nun gewältiglich
Auf freier Stätt’ im Walde.
Einander taten sie so weh,
Dass Blut begoss den grünen Klee 5
Hinab die Bergeshalde.
Gen einen Baum der Berner zwang
Den riesenhaften Ecke;
Das Blut ihm aus den Wunden drang,
Betäubet ward der Recke. 10
Der Berner drückte ihn aufs Gras
Mit solcher fürchterlichen Kraft, dass er kaum noch genas.
Der mächt’ge Ecke war gefällt,
Und auf ihm lag der edle Held,
Herr Dieterich von Berne: 15
“Dein Leben steht in meiner Hand,
Gib mir sofort dein Schwert zum Pfand,
Du, der du kämpfst so gerne.
Tust du es nicht, musst du den Tod
Von meiner Hand erdulden. 20
Drum hilf dir selber aus der Not
Und komme mir zu Hulden.
Du wirst geführt an meiner Hand
Gefangen vor die Frauen drei; so werd ich dort bekannt.”
Der Riese sprach, ein Recke wert: 25
“Dir geb’ ich nicht mein gutes Schwert,
Du lobenswerter Degen.
Drei Königinnen wohlgestalt
Schickten mich her in diesen Wald,
Wo ich dir jetzt erlegen. 30
Doch eher als gefangen gehn
Mit dir nun nach Jochgrimme
Vor jene Königinnen schön,”
Rief er mit lauter Stimme,
“Und deren Spott in Angst und Not 35
Aushalten zu Jochgrimme dort, erkür’ ich hier den Tod.”
Der lobenswerte Held von Bern
Vernahm des Feigen[4] Wort nicht gern,
Er sprach: “Es reut mich, Ecke.
Kann es also nicht anders sein, 40
Verlierst du bald das Leben dein,
Du ausgewählter Recke.
Also erweiche deinen Sinn
Im Namen aller Frauen;
Sonst hast du grossen Ungewinn, 45
Wie du sogleich wirst schauen.
Mit wildem Hass blickst du mich an,
Und stündst du einmal auf, müsst’ ich den Tod empfahn.”
Er riss den Helm ihm zornig ab,
Doch war der Schwertstich, den er gab, 50
Ein nutzloses Beginnen,
Denn zähes Gold schirmt’ ihm den Kopf.
Er schlug ihn grimmig mit dem Knopf,
Das Blut begann zu rinnen
Ihm allenthalben durch das Gold, 55
Es schwanden ihm die Sinne;
Der rechte Lohn war ihm gezollt.
Er öffnet’ ihm die Brünne,
Die herrliche von Golde rot,
Und stach ihn mit dem Schwerte durch;
dazu zwang ihn die Not. 60
Als er den Sieg ihm abgewann,
Da stand er ob dem kühnen Mann
Und sprach die Trauerworte:
“Mein Sieg und auch dein junger Tod,
Sie machen mich nun reuerot; 65
Ich muss an jedem Orte
Erscheinen als der Ehre bar,
Das klag’ ich dir dem Feigen.
Wohin ich auch im Lande fahr’,
Wird jeder auf mich zeigen 70
Mit starker Abscheu im Gesicht
Und sagen: Seht den Berner da, der Könige ersticht.
Da diese Tat einmal getan,
Bleib’ ich nun ohne Lob fortan
Und ohne Fürstenehre. 75
Wohlan denn, Tod, nimm du mich hin,
Da ich der Ungetreue bin;
Wer gab mir diese Lehre?
Dass ich dich, junger Held, erstach,
Es muss mich ewig dauern. 80
Zu Gott klag’ ich mein Ungemach
Mit wehmutsvollem Trauern.
Ich kann’s verhehlen vor der Welt,
Doch denk’ ich selbst daran, ist all mein Glück vergällt.”
[Notes:
3: Ecke is a redoutable young giant whose conceit leads him to
seek an encounter with Dietrich of Bern. Three queens promise him
the choice among them if he brings the famous man to them, so that
they can see him. At first Dietrich refuses to fight, but Ecke
finally goads him to it with insults. After a fierce battle Ecke
is killed.
4: In the archaic sense of ‘mortally wounded,’ ‘doomed to death.’]
3
_From the ‘Rose-garden,’ Adventure 11: The battle between Dietrich and
Siegfried._[5]
Vermessentlich die Helden zwei scharfe Schwerter zogen,
Dass spannenlange Scherben von ihren Schilden flogen.
Um die Späne von den Schilden weinte manches Weib:
“Sollen zwei Fürsten milde verlieren Leben und Leib,”
Sprachen sie, “der Königin zu lieb, das ist zu viel!” 5
“Lasst sie fechten,” sprach Kriemhild,
“es ist mir nur ein Spiel.”
Da fochten mit einander die beiden kühnen Degen
Mit ungefügen Sprüngen, dazu mit grossen Schlägen.
Der Küsse dachte Siegfried, die er bei Kriemhild empfing;
Da kam zu neuen Kräften der kühne Jüngling, 10
Man sah ihn mordlich fechten, das will ich euch sagen.
Da begann er im Kreise Dietrichen umzujagen.
Da sprach die schöne Kriemhild: “Nun schaut, ihr Frauen mein,
Das ist der kühne Siegfried, der Held vom Niederrhein.
Wie treibt er den Berner umher auf grünem Feld! 15
Noch trägt mein lieber Siegfried das Lob vor aller Welt.”
Siegfried der edle war ein starker Mann,
Jetzt lief er gewaltig Dietrichen an;
Er schlug ihm eine Wunde durch seinen Eisenhut,
Dass man hernieder rinnen ihm sah das rote Blut. 20
“Wie hält sich unser Herre?” frug heimlich Hildebrand.
“Er ficht leider übel,” sprach Wolfhart allzuhand;
“Eine tiefe Wunde hat er durch seinen Eisenhelm,
Er ist mit Blut beronnen, er ficht recht wie ein Schelm.”
“Er ist noch nicht im Zorne,” sprach da Hildebrand. 25
“Nun ruf’ in den Garten, du kühner Weigand,
Und sag’ ich sei gestorben, er habe mich erschlagen;[6]
Wenn das ihn nicht erzürnet, dann mögen wir wohl klagen.”
Wolfhart rief in den Garten, dass weit die Luft erscholl:
“O weh mir meines Leides, das ist so gross und voll! 30
Hildbrand ist erstorben, wir müssen ihn begraben.
O weh, du Vogt von Berne, was hast du ihn erschlagen!”
“Ist Hildebrand gestorben,” rief der Held von Bern,
“So findet man an Treue ihm keinen gleich von fern.
Nun hüte deines Lebens, Siegfried, kühner Mann, 35
Es ist mein Scherz gewesen, was ich noch stritt bis heran.
Wehr’ dich aus allen Kräften, es tut dir wahrlich not.
Uns beide scheidet niemand als des einen Tod.
Ich hab’ um deinetwillen verloren einen Mann,
Den ich bis an mein Ende nimmer verwinden kann.” 40
Wie ein Haus, das dampfet, wenn man es zündet an,
So musste Dietrich rauchen, der zornige Mann.
Eine rote Flamme sah man gehen aus seinem Mund.
Siegfried’s Horn erweichte; da ward ihm Dietrich erst kund.
Er brannte wie ein Drache, Siegfrieden ward so heiss, 45
Dass ihm vom Leibe nieder durch die Ringe floss der Schweiss.
Den edeln Vogt von Berne ergriff sein grimmer Zorn:
Er schlug dem kühnen Siegfried durch Harnisch und durch Horn,
Dass ihm das Blut, das rote, herabsprang in den Sand;
Siegfried musste weichen, wie kühn er eben stand. 50
Er hatt’ ihn hin getrieben, jetzt trieb ihn Dietrich her;
Das sah die schöne Kriemhild, die begann zu trauern sehr.
Der Berner schnitt die Ringe, als wär’ es faules Stroh;
Zum erstenmal im Leben sah man, dass Siegfried floh.
Da jagt’ ihn durch die Rosen der Berner unverzagt; 55
Nun säumte sich nicht länger die kaiserliche Magd.
Sie sprang von ihrem Sitze, ein Kleid sie von sich schwang,
Kriemhild in grosser Eile hin durch die Rosen drang.
Da rief mit lauter Stimme die Königstochter hehr:
“Nun lasst von Eurem Streite, Dietrich, ich fleh’ Euch sehr. 60
Steht ab um meinetwillen, und lasst das Kämpfen sein;
Euch ist der Sieg geworden zu Worms an dem Rhein.”
Da tat der Vogt von Berne, als hätt’ er’s nicht gehört,
Er schlug mit seinem Schwerte, schier hätt’ er ihn betört.
Er hörte nichts von allem, was die Königstochter sprach, 65
Bis er dem kühnen Siegfried vollends den Helm zerbrach.
Wie viel man der Stühle zwischen die Streiter warf,
Die zerhieb der Berner mit seinem Schwert so scharf.
Da warf sie ihren Schleier über den kühnen Degen;
So dachte sie dem Gatten zu fristen Leib und Leben. 70
Da sprach die Königstochter: “Bist du ein Biedermann,
So lass ihn des geniessen, dass er meine Huld gewann.”
Da sprach der Held von Berne: “Die Rede lasset sein;
Wessen Ihr mich bittet, zu allem sag’ ich nein.
Euch Ritter und euch Frauen, ich bring’ euch all’ in Not; 75
Ihr müsst vor mir ersterben, da Hildebrand ist tot.”
Alles, was im Garten war, wollt’ er erschlagen,
Dietrich in seinem Zorne, wie wir hören sagen.
Hildebrand der alte tat als ein Biedermann,
Er sprang in den Garten und rief seinen Herren an. 80
Er sprach: “Lieber Herre, lasst ab von Eurem Zorn;
Ihr habt den Sieg gewonnen, nun bin ich neu geborn.”
Dietrich der kühne sah Hildebranden an,
Da erweicht’ ihm sein Gemüte, da er stehen sah den Mann.
Der Berner liess sein Toben, er küsst’ ihn auf den Mund; 85
“Gott will ich heute loben, dass du noch bist gesund;
Sonst hätte nicht verfangen ihr Flehen insgemein;
Um Siegfried war’s ergangen: das schuf das Sterben dein.
Nun lass’ ich von dem Harme, da Hildbrand ist gesund.”
Da schlug die Königstochter sich selber auf den Mund. 90
Da sprach Frau Kriemhild: “Ihr seid ein biedrer Mann,
Dem man seinesgleichen in der Welt nicht finden kann.”
Auf setzte sie dem Berner ein Rosenkränzelein,
Ein Halsen und ein Küssen gab ihm das Mägdelein.
Sie sprachen einhellig: “Das mag man Euch gestehn, 95
Es ward in allen Reichen kein Mann wie Ihr gesehn.”
Siegfried dem kühnen man zu Hilfe kam,
Sie führten ins Gestühle den Degen lobesam.
Man zog ihm ab den Harnisch, dem kühnen Weigand;
Da verbanden ihm die Wunden die Frauen allzuhand. 100
[Notes:
5: Kriemhild has at Worms a rose-garden which is guarded by twelve
famous champions. She challenges Dietrich and his Amelungs to
invade her garden if they dare, promising to each victor a kiss
and a wreath. Eleven duels, in which Kriemhild’s man is either
slain or barely holds his own, precede the encounter between the
two invincibles.
6: In the preceding adventure we hear that Dietrich was at first
unwilling to face Siegfried on account of his horny skin, his
magic sword and his impenetrable armor. To provoke his master’s
wrath--Dietrich can only fight when enraged--the faithful
Hildebrand takes him aside and calls him a coward; whereat
Dietrich knocks him down--to the old man’s private satisfaction.]
+XXIX. MEYER HELMBRECHT+
A metrical novelette written about 1250 by a man who calls himself
Wernher the Gardner. The locus of the story, which is interesting as a
picture of the times, is the region about the junction of the Inn and
the Salzach. Its hero is a depraved young peasant, who gets the idea
that the life of a robber knight would be preferable to hard work upon
his father’s farm. So he dresses himself in fine clothes to ape the
gentry, becomes a robber and commits all manner of outrages until one
day he is caught and hanged by a party of his victims. In the course of
his career he revisits his former home and compares notes with his
father. The selection is from Bötticher’s translation in Part II of
Bötticher and Kinzel’s _Denkmäler_.
_Lines 844-986: The old knighthood and the new._
Als sie in Freuden assen,
Da konnt’s nicht länger lassen 845
Der Vater, ihn zu fragen
Nach höfischem Betragen,
Wie er’s bei Hof gelernt jetzund.
“Mein Sohn, die Sitten tu mir kund,
So bin ich auch dazu bereit, 850
Zu sagen, wie vor langer Zeit
In meinen jungen Jahren
Die Leut’ ich sah gebaren.”
“Ach Vater, das erzähle jetzt,
Ich geb’ auch Antwort dir zuletzt 855
Auf alle deine Fragen
Nach höfischem Betragen.”
“Vor Zeiten, da ich Knecht noch war
Bei meinem Vater manches Jahr,
--Den du Grossvater hast genannt-- 860
Hat der mich oft zu Hof gesandt
Mit Käse und mit Eiern,
Wie’s heut noch Brauch bei Meiern.
Da hab’ die Ritter ich betrachtet
Und alles ganz genau beachtet. 865
Sie waren edel, kühn und treu,
Von Trug und niederm Sinne frei,
Wie’s leider heut nicht oft zu schaun
Bei Rittern und bei Edelfraun.
Die Ritter wussten manches Spiel, 870
Das edlen Frauen wohlgefiel.
Eins wurde Buhurdier’n[1] genannt,
Das tat ein Hofmann mir bekannt,
Als ich ihn nach dem Namen fragte
Des Spiels, das da so wohl behagte. 875
Sie rasten dort umher wie toll
--Drob war man ganz des Lobes voll,--
Die einen hin, die andern her.
Jetzt sprengte dieser an und der,
Als wollt’ er jenen niederstossen. 880
Bei meinen Dorfgenossen
Ist selten solcherlei geschehn,
Wie dort bei Hof ich’s hab’ gesehn.
Als sie vollendet nun das Reiten,
Da sah ich sie im Tanze schreiten 885
Mit hochgemutem Singen;
Das lässt Kurzweil gelingen;
Bald kam ein muntrer Spielmann auch,
Der hub zu geigen an, wie’s Brauch.
Da standen auf die Frauen, 890
Holdselig anzuschauen.
Die Ritter traten jetzt heran
Und fassten bei der Hand sie an;
Da war nun eitel Wonne gar
Bei Frauen und der Ritterschar 895
Ob süsser Augenweide.
Die Junker und die Maide,
Sie tanzten fröhlich allzugleich
Und fragten nicht, ob arm, ob reich.
Als auch der Tanz zu Ende war, 900
Trat einer aus der edlen Schar
Und las von einem, Ernst[2] genannt;
Und was von Kurzweil allerhand
Am liebsten jeder mochte treiben,
Das fand er dort: Nach Scheiben 905
Mit Pfeil und Bogen schoss man viel;
Die andern trieben andres Spiel,
Sie freuten sich am Jagen.
O weh, in unsern Tagen
Wär’ nun der Beste, das ist wahr, 910
Wer dort der Allerschlecht’ste war.
Da wusst’ ich wohl, was Ehr’ erwarb,
Eh’ leid’ge Falschheit es verdarb.
Die falschen, losen Gesellen,
Die boshaft sich verstellen, 915
Nicht Recht und Sitte kennen,--
Niemand wollt’s ihnen gönnen,
Zu essen von des Hofes Speise.
Heut ist bei Hofe weise,
Wer schlemmen und betrügen kann; 920
Der ist bei Hof der rechte Mann
Und hat an Geld und Gut und Ehr’
Ach, leider immer noch viel mehr
Als einer, der rechtschaffen lebt
Und fromm sich Gottes Huld erstrebt. 925
So viel weiss ich von alter Sitte;
Nun, Sohn, tu mir die Ehr’, ich bitte,
Erzähle von der neuen nun.”
“Das, Vater, will ich treulich tun.
Jetzt heisst’s bei Hof nur: Immer drauf, 930
Trink, Bruder, trink, und sauf und sauf!
Trink dies, so sauf’ ich das: juchhe!
Wie könnt’ uns wohler werden je?
Nun höre, was ich sagen will:
Einst fand man edle Ritter viel 935
Bei schönen, werten Frauen.
Heut kann man sie nur schauen,
Wo unerschöpflich fliesst der Wein.
Und nichts macht ihnen Müh’ und Pein
Vom Abend bis zum Morgen, 940
Als nur das eine Sorgen,
Wenn nun der Wein zur Neige geht,
Ob sie der Wirt auch wohl berät
Und neuen schafft von gleicher Güte.
Da suchen Kraft sie dem Gemüte. 945
Ihr Minnesang heisst ungefähr:
Reich, Schenkin, schnell den Becher her!
Komm, süsses Mädchen, füll’ den Krug,
‘s gibt Narr’n und Affen noch genug.
Die, statt zu trinken, ihren Leib 950
Elend verhärmen um ein Weib.
Wer lügen kann, der ist ein Held,
Betrug ist, was bei Hof gefällt,
Und wer nur brav verleumden kann,
Der gilt als rechter höf’scher Mann. 955
Der Tüchtigste ist allerorten,
Wer schimpft mit den gemeinsten Worten.
Wer so altmodisch lebt wie ihr,
Der wird bei uns, das glaubet mir,
In Acht und schweren Bann getan. 960
Und jedes Weib und jeder Mann
Liebt ihn nicht mehr noch minder
Als Henkersknecht und Schinder.
Und Acht und Bann ist Kinderspott.”[3]
Der Alte sprach: “Erbarm’ sich Gott! 965
Ihm klag’ ich täglich neu das Leid,
Dass sich das Unrecht macht so breit.
Dahin ist der Turniere Pracht,
Dafür hat Neues man erdacht.
Einst rief man kampfesfreudig so: 970
Frisch auf, Herr Ritter, frisch und froh!
Jetzt aber schallt’s an allen Tagen:
Hussa, Herr Ritter, auf zum Jagen,
Stich hier und schlag’ zu Tode den,
Und blende, wer zu gut kann sehn. 975
Dem dort hau’ frisch nur ab das Bein,
Den lass der Hände ledig sein.
Lass den am nächsten Baume hangen,
Doch jenen Reichen nimm gefangen,
Er zahlt uns gerne hundert Pfund.” 980
“Mir sind die Sitten alle kund,
Mein Vater, und ich könnte eben
Von diesem neuen Brauch und Leben
Noch viel erzählen, doch heut nicht mehr;
Ich ritt den ganzen Tag umher, 985
Und mich verlangt nach Ruhe nun.”
[Notes:
1: A sham battle between two troops of mounted knights.
2: That is, Duke Ernst; see above, No. xvii.
3: That is: We pay no attention to the decrees of the courts.]
_Lines 1700-1790: Helmbrecht’s sad end._
Wohin er kam bei seinem Wandern, 1700
Da zeigt’ ein Bauer ihn dem andern
Und schrie ihn an und seinen Knecht:
“Haha! Du dieb’scher Schuft, Helmbrecht,
Wärst du ein Bauer noch wie ich,
Man führte nicht als Blinden[4] dich.” 1705
Ein Jahr lang litt er solche Not,
Bis durch den Strang er fand den Tod.
Ich sag’ euch nun, wie das geschah.
Ein Bauer ihn von weitem sah,
Als eines Tags er durch den Wald 1710
Hinstrich um seinen Unterhalt.
Der Bauer spaltete mit andern
Sich Holz; da sah er Helmbrecht wandern,
Der eine Kuh ihm einst genommen,
Die sieben Bänder[5] schon bekommen. 1715
Gleich sprach er zu den lieben Freunden,
Dass sie zur Rachetat sich einten.
“Wahrhaftig,” fiel gleich einer ein,
“In Stücke reiss’ ich ihn so klein,
Wie Stäubchen in dem Sonnenlicht, 1720
Nimmt ihn vorweg ein andrer nicht.
Denn mir und meinem Weibe
Zog er hinweg vom Leibe
Das letzte Kleid, das unser war;
Drum ist er mein mit Haut und Haar.” 1725
Ein dritter, der dabei stand sagte:
“Und wenn er aus sich drei auch machte,
Ich wollt’ ihn töten doch allein.
Der Schuft schlug Schloss und Türen ein
Und nahm aus Küch’ und Keller frech 1730
Mir auch den letzten Vorrat weg.”
Dem vierten, der das Holz zerhieb,
Vor Wut kaum noch die Sprache blieb:
“Ich reisse gleich den Kopf ihm ab
Und denke, dass ich Ursach’ hab’. 1735
Mein Kind in einen Sack er stiess,
Dieweil’s noch schlummerte so süss.
Mitsamt den Betten stopft’ er’s ein,
In dunkler Nacht blieb ich allein.
Und als es schrie vor Schmerz und Weh, 1740
Da schleudert’ er’s in kalten Schnee.
Da wär’ es elend umgekommen,
Hätt’ ich’s nicht schnell ins Haus genommen.”
Der fünfte sprach: “Ja, meiner Treu,’
Wie ich mich seines Hierseins freu’! 1745
Wie soll mein Herz sich heute weiden
An seinen Qualen, seinen Leiden!
Er tat Gewalt an meinem Kind;
Und wär’ er dreimal noch so blind,
Ich hängt’ ihn an den nächsten Baum. 1750
Ich selber rettete mich kaum
Aus seinen Händen, nackt und bloss.
Ja, wär’ er wie ein Haus so gross,
Es wird an ihm noch heut gerochen,
Nun er sich hierher hat verkrochen 1755
In diesen tiefen, dichten Wald.”
“Nur näher, kommt doch näher bald!”
So riefen sie, und bald ergoss
Sich auf Helmbrecht der ganze Tross.
Indes die Schläge auf ihn sausten, 1760
Hohnworte ihm im Ohre brausten:
“Helmbrecht, die Haube[6] nimm in Acht!”
Was Henkershand noch nicht vollbracht
An diesem Werk voll Schmuck und Zier,
Das war gar bald getan allhier. 1765
Ein grauses Bild: auch nicht ein Stück,
Breit wie ein Pfennig, blieb zurück.
Die Sittiche und Lerchen schön,
Wie lebende fast anzusehn,
Die Sperber und die Turteltauben, 1770
Und was genäht sonst auf die Hauben,
Das lag zerstreut nun allerorten.
Hier trieben Lockenbüschel, dorten
Das Seidenzeug und blondes Haar.
Wär’ sonst keins meiner Worte wahr, 1775
Ihr könntet mir doch glauben,
Was ich erzähle von der Hauben.
Wie jämmerlich sie ward zerrissen!
Wollt ihr von einem Kahlkopf wissen?
Kein kahlerer ward je gesehn. 1780
Sein Lockenhaar, so blond und schön,
Das lag verachtet und zerstreut
Rings auf der Erde weit und breit.
Das kümmerte die Bauern nicht,
Sie liessen noch den armen Wicht 1785
Die Beichte sprechen; gleich zur Stund
Schob einer Helmbrecht in den Mund
Ein Bröckchen Erd’[7] zu Schutz und Hut
Vor Höllenfeuers heisser Glut.
Dann hängten sie ihn an den Baum. 1790
[Notes:
4: Helmbrecht has had his eyes put out by a magistrate.
5: Of the ‘bands’ or ‘rings’ on the cow’s horns. She was seven
years old.
6: At the beginning of the poem Helmbrecht’s elaborately
embroidered hood is described at length.
7: This is not to be understood as a mockery of religion. A dying
person might be shrived by a layman if no priest was at hand,
a bit of earth or grass being substituted for the holy host.]
+XXX. THOMASIN OF ZIRCLAERE+
A North-Italian cleric--Zirclaere was a village in the old duchy of
Friuli--who wrote a rimed treatise on manners, morals, education, etc.
He wrote first in _Wälsch_, _i.e._ Italian, or more probably French, and
then in German. His German title, _Der wälsche Gast_, was a bid for the
hospitable reception of the foreigner’s book in Germany. And it was well
received, there being evidence that it was widely read for two
centuries. The poem consists of 14,752 verses in ten books and was
written in 1215. There is no poetry in it, but it is interesting as a
specimen of medieval didacticism.
_From the ‘French Guest,’ Book 3: Life’s compensations; riches and
poverty._
Der Bauer möchte werden Knecht,
Dünkt ihm einmal das Leben schlecht;
Der Knecht, der wäre gern ein Bauer,
Dünkt ihm einmal das Leben sauer.
Der Pfaffe möchte Ritter wesen, 5
Langweilt es ihm, sein Buch zu lesen;
Sehr gern der Ritter Pfaffe wär’,
Wenn er den Sattel räumt dem Speer.
Der Kaufmann, kommt er in die Not,
Sagt: “Weh und ach, o wär’ ich tot! 10
Mir ist ein elend Los gegeben.
Der Werkmann hat ein gutes Leben;
Er bleibt zu Hause, sel’ger Mann,
Da ich, der ich nicht werken kann,
Muss fahren immer hin und her 15
Und leiden Mühsal hart und schwer.”
Der Werkmann sagt: “Wie wonniglich
Lebt doch der Kaufmann! Während ich
Mich nachts mit harter Arbeit plag’,
Schläft ja der Kaufmann, wenn er mag.” 20
Was diesem lieb, ist jenem leid;
Das macht die Unbeständigkeit.
Wollte ziehen der Hund am Wagen,
Und der Ochse Hasen jagen,
Es deuchte uns doch wunderlich. 25
Noch schlimmer aber reimt es sich,
Bei diesem oder jenem Leiden
Den Stand des andern zu beneiden,
Der Knecht den Bauer und umgekehrt;
Das ist ja beiderseits verkehrt. 30
Wird Pfaffe Ritter, Ritter Pfaffe,
So handelt jeder wie der Affe,
Der, sorglos ob es ihm sei recht,
Ein jedes Amt bekleiden möcht’.
Die Sach’ ist trüglich ganz und gar; 35
Ich sage euch, und es ist wahr:
Das seine würde keiner geben,
Kannt’ er nur des andern Leben.
Des Armen Mühen und des Reichen,
Die beiden sich vollständig gleichen. 40
Wer hat Verstand, der deutlich sieht,
Dass Armut nicht den kürzern zieht.
Dem Armen weh die Armut tut,
Der Reiche quält sich um sein Gut.
Ist man mir schuldig, tut’s mir leid, 45
Dass keine Barschaft steht bereit;
Bin ich der Schuldige, leid’ ich Qualen,
Weil ich nichts habe zu bezahlen.
Man sieht ja, zwischen arm und reich
Ist alles abgewogen gleich. 50
Der arme Mann sehnt sich nach Gut,
Der reiche Mann bedarf der Hut.
Gut wünschen ist des Armen Plage,
Und wer es hat, kommt in die Lage,
Dass er um Hilfe bitten muss; 55
Auf gleicher Stufe geht ihr Fuss.
Der Arme plagt sich nach dem Gute,
Dem Reichen ist es schlecht zu Mute,
Weil er noch ungesättigt bleibt;
Besitz die Sorgen nie vertreibt. 60
Wer hat genug und mehr noch will,
Dem hilft sein Gut genau so viel,
Als Rauch den Augen nützlich ist;
Das ist nun wahr zu jeder Frist.
Der ist sehr arm bei grossem Gut, 65
Der mehr begehrt in seinem Mut.
Der hat an kleinen Dingen viel,
Der hat genug und nichts mehr will.
Hat jemand einen reichen Mut,
Er ist nicht arm bei kleinem Gut. 70
Wem nicht genüget, was er hat,
Für dessen Armut ist kein Rat:
Des bösen Mannes kargem Mut
Genügt ja nicht das grösste Gut.
Der Geiz’ge hätte stets die Fülle, 75
Wäre nur nicht sein böser Wille.
Wer nicht mit wenigem kann leben,
Muss seinen Leib zu eigen geben.
Der brave Mann weiss stets Bescheid
In Reichtum und in Dürftigkeit. 80
Wir wenden mehr der Müh’ und List
An das, was uns nicht nötig ist,
Als an das Nötige sogar:
Ist doch die Art sehr wunderbar.
Man lässt zu Hause Kind und Weib 85
Und plagt mit Arbeit seinen Leib,
Und der Gewinn ist manchmal klein;
Es würd’ also viel besser sein,
Wenn man mit nur geringer Müh’
Nach Tugend würbe; so gedieh’ 90
Uns Reichtum und ein grosses Gut
(Ich meine in dem reichen Mut).
Man gibt sehr oft den eignen Leib,
Freiheit, Seele, Kind und Weib
Um weniges, und wenn zur Stund’ 95
Wir’s kaufen sollten für ein Pfund,
Wir liessen es ganz unberührt.
Der tör’chte Mensch zu Markte führt
Sein eignes Selbst und weiss nicht wie,
Um lauter Sorge, Reu’ und Müh’, 100
Mit seinem Selbst kauft er was ein,
Und meint, das Ding nun wäre sein;
Doch mit der Zeit wird er belehrt,
Dass er vielmehr dem Ding gehört.
Er wäre sein, wär’ nicht sein Gut; 105
Dermassen hat er seinen Mut,
Und seinen Sinn dem Gut gegeben
Und muss als ein Leibeigner leben.
Der, der verkauft den freien Mut,
Erhält niemals ein gleiches Gut. 110
Wem sein Reichtum läufet vor,
Der folget nach ihm wie ein Tor.
Wer mit dem Gute unrecht tut,
Der unterwirft ihm seinen Mut,
Und wer es nicht beherrschen kann, 115
Der ist des Pfennigs Dienstemann.
Jetzt von der Unbeständigkeit:
Von grosser Lieb’ kommt grosses Leid.
Was man erwirbt mit grosser Not,
Man lässt es doch zurück im Tod. 120
Der Reichtum macht niemand gesund,
Der ruft ihn in der Krankheit Stund’.
Wer da ihn liebt mit grossem Neid,
Verlässt ihn auch mit grossem Leid;
Und wie er sich mag wenden, 125
Es muss mit ihm doch enden.
Und Leid von Lieb’ entstehen mag,
Sogar auch vor dem Todestag:
Feind, Feuer, Spiel und Tod und Diebe,
Die können machen Leid aus Liebe. 130
Drum mein’ ich, dass der Reiche tut
Das beste, wenn er gibt sein Gut
Um ein viel besseres, das heisst,
Um Gottes Huld, die allermeist
Einträglich ist und ihm gewährt 135
Den Reichtum, der sich ewig mehrt,
Den kauft des Armen reiner Mut;
Drum haben sie ein gleiches Gut.
Der Arme kommt zu seinem Ziel
Geschwinder, wenn er es nur will. 140
Der Reiche fährt in seiner Würde,
Der Arme mit geringer Bürde
Und ohne Sorge, wie’s ihm passt;
Der Reiche mit des Reichtums Last,
Dazu mit Angst und argem Wahn. 145
Hört er nur etwas, hält er an.
Rührt sich irgendwo ’ne Maus,
Er meint, es wäre in sein Haus
Ein Dieb gekommen, und schreit “Diebe!”
Das macht doch nur des Geldes Liebe. 150
Indessen dringt der Arme vor
Dem Reichen zu des Herren Tor.
Wer stets behalten will sein Gut,
Der geb’ es in des Armen Hut;
Denn dieser bringt es an den Ort, 155
Wo es ihm bleibt als ew’ger Hort.
Wer seine Kammer hier will machen,
Er mag sie, wie er will, bewachen,
Verliert den Schatz, das Wort ist wahr,
So hier wie dort auf immerdar. 160
Der Karge bleibt ein Nimmersatt:
Solch Wesen auch die Hölle hat;
Drum sollten beide, meine ich
Zusammenhalten ewiglich.
Wer sich erweist der Hölle gleich, 165
Gehört nicht hin in Gottes Reich.
+XXXI. DER STRICKER+
The assumed name of a thirteenth century writer whose real name is
unknown. _Der Stricker_ probably means ‘the composer,’ ‘the poet.’ He
wrote a long epic, _Karl the Great_, an Arthurian romance, _Daniel of
the Blooming Vale_, and several short tales of which the best is _Pfaffe
Ameis_. The hero is a peripatetic rogue and practical joker who plays
tricks on people and makes much money. The selection is from the
translation by Karl Pannier in the Reclam library.
_From ‘Pfaffe Ameis’, lines 805 ff: Ameis as doctor._
Als nun Ameis durch diesen Schlich 805
Gar vieles Gut erworben sich
Dort an dem Hof zu Karolingen,[1]
Ritt er hin nach Lotharingen
Und fragete da unverwandt,
Bis er des Landes Herzog fand. 810
Dem meldete er eine Märe,
Dass nach dem Herrgott keiner wäre,
Der besser heilen könnt’ als er.
“So hat Euch Gott gesendet her,”
Hat da das Wort der Herzog nommen; 815
“So bin ich froh, dass Ihr gekommen.
Ich hab’ Verwandt’ und Dienstleut’ hier,
Von deren Leiden Kummer mir
Ersteht; siech ist ein grosser Teil
Verleiht Euch Gott ein solches Heil, 820
Dass Ihr sie machen könnt gesund,
Ihr werdet reich zur selb’gen Stund’.”
Ameis zu sprechen da begann:
“Ich bin ein Arzt, der solches kann.
Die von dem Aussatz sind befreit 825
Und nicht durch Wunden haben Leid,
Die haben Krankheit nicht so schwer--
Und wären’s tausend oder mehr,--
Dass ich sie nicht gesunden macht’,
Bevor der Tag entweicht der Nacht; 830
Geschieht dies nicht, nehmt mir das Leben.
Drum bitt’ ich Euch, mir nicht zu geben
Geschenke oder Lohn, bevor
Ihr nicht gehört mit eignem Ohr,
Dass sie gesagt, sie sei’n gesund. 835
Dann tut mir Eure Gnade kund.”
Des freute sich der Herzog sehr:
“Ihr redet wohl,” erwidert’ er
Und rief die Kranken unverweilt.
An zwanzig kamen da geeilt; 840
Die führt’ der Pfaff’ in ein Gemach.
“Bald hab’ ich,” er zu ihnen sprach
“Von eurer Krankheit euch befreit,
Wenn ihr mir schwöret einen Eid,
Erst nach Verlauf von sieben Tagen 845
Von meiner Red’ etwas zu sagen.
Nicht anders ich euch heilen kann.”
Als er mit solcher Red’ begann,
Da liessen sie sich bald besiegen.
Sie schworen, dass sie es verschwiegen, 850
Und er zu ihnen nun begann:
“Nun gehet ohne mich hindann
Und wollt besprechen euch dabei,
Wer unter euch der kränkste sei.
Ist er gefunden, tut’s mir kund-- 855
Bald sollt ihr werden dann gesund.
Den kränksten will ich nämlich töten,
Um euch zu helfen aus den Nöten
Mit seinem Blute allsogleich.
Mein Leben sei zum Pfande euch.” 860
Darob erschraken alle Siechen,
Und wer da kaum vermocht’ zu kriechen
Vor seiner Krankheit grimmer Not,
Der fürchtete, es sei sein Tod,
Wenn seine Not gemerkt man hab’, 865
Und ging dahin gar ohne Stab,
Wo sie die Unterredung hatten.
Vernehmet jetzo, wie sie taten.
Es dachte da ein jeder Mann:
“Wie klein ich auch behaupten kann, 870
Dass meiner Krankheit Leiden sei,
So redet einer doch dabei,
Das seine sei noch kleiner;
Dann redet wieder einer,
Das seine sei zweimal so klein. 875
Dann sprechen alle insgemein,
Ich sei der allerkränkste hie.
So sterbe ich, geheilt sind sie.
Drum will ich mich behüten eh’r
Und sagen, dass gesund ich wär’.” 880
So dachte er bei sich allein,
So dachten alle insgemein.
Und alle gaben zu verstehn,
Dass ihnen Gnade wär’ geschehn;
Sie wären munter und gesund. 885
Das taten sie dem Meister kund.
Er sprach: “Ihr wollt betrügen mich.”
Da schwor ein jeder feierlich
Bei seiner Treu’, es wäre wahr,
Nichts tät’ ihm weh, auch nicht ein Haar. 890
Da ward der Meister hoch erfreut.
“Geht hin nun,” sprach er, “liebe Leut’,
Und saget es dem Herzog an.”
Das wurde unverweilt getan:
Sie gingen hin und sagten an, 895
Sobald sie ihren Herren sahn,
Es wär’ ein heil’ger Mann gekommen;
Der Krankheit wären sie benommen.
Darob zu staunen er begann
Und fragte alle Mann für Mann, 900
Ob sie durch Lug ihn täuschten nicht.
Da zwang sie ihres Eides Pflicht,
Den sie Ameis, dem Pfaffen, taten,
Dass keine andre Red’ sie hatten,
Als die: “sie wären ganz gesund.” 905
Da liess an Silber zu der Stund’
Dem Pfaffen hundert Mark er geben.
Und dieser kannt’ kein Widerstreben,
Liess ab sich schnell das Silber wägen
Und forderte den Reisesegen; 910
Dann eilt’ hinweg er unverwandt.
[Notes:
1: Paris.]
+XXXII. FREIDANK.+
The assumed name of a popular gnomic poet who lived in the first half of
the 13th century. His fame rests on his _Bescheidenheit_, which means
the ‘wisdom’ or ‘sagacity’ that comes of experience. The book is a
miscellaneous collection of proverbial and aphoristic sayings. The
titles of those given below were supplied by the translator.
+1+
+Geheimnis der Seele.+
Wie die Seele geschaffen sei,
Des Wunders werd’ ich hier nicht frei.
Woher sie komme, wohin sie fahr’,
Die Strass’ ist mir verborgen gar.
Hier weiss ich selbst nicht, wer ich bin;
Gott gibt die Seel’, er nehme sie hin:
Gleichwie ein Hauch verlässt sie mich,
Und wie ein Aas da liege ich.
+2+
+Unentbehrlichkeit der Toren.+
Der Weisen und der Toren Streit
Hat schon gewähret lange Zeit
Und muss auch noch viel länger währen;
Man kann sie beide nicht entbehren.
+3+
+Borniertheit der Toren.+
Der Tor, wenn er ’ne Suppe hat,
Kümmert sich gar nicht um den Staat.
+4+
+Nachahmungssucht der Toren.+
Findet ein Tor eine neue Sitt’,
Dem folgen’ alle Toren mit.
+5+
+Selbstgefälligkeit.+
Uns selbst gefallen wir alle wohl;
Drum ist das Land der Toren voll.
+6+
+Selbstüberschätzung.+
Wer wähnt, dass er ein Weiser sei,
Dem wohnt ein Tor sehr nahe bei.
+7+
+Alter und Jugend.+
Haben alte Leute jungen Mut,
Und junge alten, das ist nicht gut;
Singen, springen soll die Jugend,
Die Alten wahren alte Tugend.
+8+
+Grenzen der Fürstenmacht.+
Und sollte es der Kaiser schwören,
Der Mücken kann er sich nicht wehren;
Was hilft ihm Herrschaft oder List,
Wenn doch ein Floh sein Meister ist.
+9+
+Der unbedeutende Feind.+
Dem Löwen wollt’ ich Friede geben,
Liessen mich die Flöhe leben.
+10+
+Der kühnste Vogel.+
Die Flieg’ ist, wird der Sommer heiss,
Der kühnste Vogel, den ich weiss.
+11+
+Rom und der Papst.+
Zu Rom ist manche falsche List,
Daran der Papst unschuldig ist.
+12+
+Weisheit und Reichtum.+
Ich nähme Eines Weisen Mut
Für zweier reicher Toren Gut.
+13+
+Scheinheiligkeit.+
Von manchem hört’ ich schon mit Neid,
Er pflege grosser Heiligkeit;
Und sah ich ihn, da dünkt’ es mich,
Er wäre nur ein Mensch wie ich.
+14+
+Der freie Gedanke.+
Deshalb sind Gedanken frei,
Dass die Welt unmüssig sei.
+15+
+Lebensregel.+
Man soll nach Gut und Ehre jagen
Und Gott dennoch im Herzen tragen.
+16+
+Minneglück.+
Wer minnet, was er minnen soll,
Dem ist mit Einem Weibe wohl;
Ist sie gut, so ist ihm gewährt,
Was man von allen Weibern gehrt.
+XXXIII. PLAY OF THE TEN VIRGINS+
One of the earliest attempts at dramatic composition in German. There is
a tradition that it was played in 1322 before the Landgrave of Thüringen
and that he was so overwhelmed by its picture of Christ as stern judge
that he fell into a moody despair which endured five days and ended with
an apoplectic stroke from which he died three years later.
_Die erste Törichte spricht also_:
Herr Vater, himmelischer Gott,
Tu’ es bei deinem bittern Tod,
Den du am Kreuze hast erduldet:
Verzeih’ uns armen Jungfraun, was wir verschuldet.
Verleitet hat uns leider unsre Torheit; 5
Lass uns geniessen deiner grossen Barmherzigkeit,
Und Mariens, der lieben Mutter dein,
Und lass uns zu dem Gastmahl hier herein.
_Jesus spricht also_:
Wer die Zeit der Reue versäumet hat
Und auch nicht büsste seine Missetat 10
Und kommt zu stehn vor meiner Tür,
Der findet keinen Eintritt hier.
_Die zweite Törichte spricht_:
Tu’ auf, o Herr, dein Tor!
Die gnadenlosen Jungfraun stehen davor
Lieber Herr, wir bitten dich sehr, 15
Dass deine Gnade sich uns zukehr’.
_Jesus spricht also_:
Ich weiss nicht, wer ihr seid.
Da ihr zu keiner Zeit
Mich selber habt erkannt
Noch die Taten meiner Hand, 20
So bleibt euch Gnadenlosen
Das Himmelstor verschlossen.
_Die dritte Törichte spricht also_:
Da Gott uns Heil versagt,
Beten wir zu der reinen Magd,
Mutter aller Barmherzigkeit, 25
Dass sie uns huld sei in unsrem grossen Herzeleid
Und zu ihrem Sohn flehe für uns Armen,
Dass er sich unser woll’ erbarmen.
_Die vierte Törichte spricht_:
Maria, Mutter und Magd,
Uns ward gar oft gesagt, 30
Du seiest aller Gnade voll;
Nun bedürfen wir der Gnade wohl.
Dies bitten wir dich sehr
Bei aller Jungfrauen Ehr’,
Dass du zu deinem Sohn flehest für uns Armen, 35
Er möge sich unser gnädig erbarmen.
_Maria spricht also_:
Tatet ihr je mir oder meinem Kinde etwas zu Frommen,
Es müsste euch jetzt zu statten kommen.
Das tatet ihr aber leider mit nichten,
Drum wird unser beider Bitte wenig ausrichten. 40
Doch will ich’s versuchen bei meinem Kinde,
Ob ich vielleicht Gnade finde.
_Maria fällt auf die Kniee vor unsern Herrn und spricht_:
Ach, liebes Kind mein,
Gedenke der armen Mutter dein,
Gedenke der mannigfaltigen Not, 45
Die ich erlitt durch deinen Tod.
Herr Sohn, da ich dein genas,
Hatt’ ich weder Haus noch Palas,
Ganz arm war ich;
Das hab’ ich erlitten für dich. 50
Ich hatte mit dir Mühe, es ist wahr,
Mehr als dreiunddreissig Jahr;
Sieh, liebes Kind, das lohne mir
Und erbarme dich dieser Armen hier.
_Jesus spricht zu Maria_:
Mutter, denkt an das Wort, 55
Das sie finden geschrieben dort:
Wolken und Erde sollen vergehn,
Meine Worte sollen immer stehn.
Du errettest den Sünder nimmermehr,
Weder du noch das ganze himmlische Heer. 60
_Die erste Törichte spricht also_:
Ach Herr, bei deiner Güte
Erweiche dein Gemüte
Und erzürne dich nicht so sehr.
Bei aller Jungfrauen Ehr’
Schau’ heute unser Elend an; 65
Es reut uns, was wir dir zu Leid je haben getan.
Nicht wieder wollen wir uns vergehen;
Erhöre deiner Mutter Flehen
Und lass uns arme Jungfrauen
Die Festlichkeit beschauen. 70
Maria, aller Sünder Trösterin,
Hilf uns zum Freudensaal darin!
_Maria spricht also_:
Eure Fürsprecherin will ich gerne sein.
Wäret ihr nur von Sünde frei,
Ihr kämet desto leichter herein. 75
Ich will aber für euch mein Kind Jesum bitten.
Liebes Kind, lass dich meiner Bitte nicht verdriessen!
Lass heute unsre Tränen vor deinen Augen fliessen,
Und denke an das Ungemach,
Das ich erlitt an deinem Todestag, 80
Da ein Schwert durch meine Seele ging.
Also für jene Pein, die ich um dich empfing,
Belohne mich zu gunsten dieser Armen
Und ihrer lass dich nun erbarmen.
Du bist ihr Vater, eine jede ist dein Kind; 85
Denke, wie lästig sie dir auch geworden sind
In manchem Ungemache,
Und in was für einer Sache
Der Sünder dich auch geplagt,
Er ist dennoch die Schöpfung deiner Macht. 90
Mein Sohn, du trauter, guter,
Erhöre deine Mutter.
Hab’ ich dir je einen Dienst getan,
So nimm dich dieser Armen an,
Damit die jammervolle Schar 95
Zu Himmel ohne Urteil fahr’.
_Jesus spricht also:_
Nun schweiget, Frau Mutter mein;
Solche Rede mag nicht sein.
Da sie auf der Erde waren,
Gute Werke sie nicht gebaren, 115
Ihnen gemäss war alle Schlechtigkeit;
Drum versag’ ich ihnen meine Barmherzigkeit,
Nach der sie dort nie suchten,
Und schicke sie zu den Verfluchten;
Ihre späte Reue soll nichts nützen. 105
Zu Gericht will ich jetzt sitzen:
Geht, ihr Verfluchten an Seel’ und Leibe,
Wie ich euch von mir jetzt vertreibe.
Geht in das Feuer unter die Hut
Des übeln Teufels und seiner Brut! 110
Sünder, geh von mir!
Trost und Gnade versag’ ich dir.
Kehre von den Augen mein,
Fern bleibe dir meines Antlitz’ Schein!
Scheide von meinem Reich, 115
Das du, dem Toren gleich
Durch deine Sünden verloren hast;
Trage mit dir der Sünden Last!
Gehe hin und schrei’ und heul’!
Keine Hilfe wird dir je zu teil. 120
+XXXIV. EASTER PLAYS+
The Easter plays grew out of a brief and solemn church function, which
followed a Latin ritual. In time German superseded the Latin, but
without replacing it entirely; the performances increased greatly in
scope, took in elements of fun, buffoonery and _diablerie_, outgrew the
churches and became great popular festivals, which were usually held in
the market-place. The performance of an Easter play together with a
preceding passion play might occupy several hundred actors for a number
of days. The texts as known to us are hardly ‘literature’ in the
narrower sense. They were written by men of small poetic talent, who
rimed carelessly, used the rough-and-ready language of the people, did
not shrink from indecency and aimed at dramatic rather than poetic
effects.
1
_From the Redentin play: Christ’s descent into hell._[1]
LUCIFER
Nun seht, ist das nicht ein wunderlich Getue,
Dass wir nicht mehr sollen leben in Ruhe?
Wir wohnen hier schon über fünftausend Jahr
Und wurden solches Unfugs noch nie gewahr,
Wie man ihn jetzt gegen uns will treiben; 5
Dennoch wollen wir hier verbleiben,
So lange wir stehen noch kampfbereit,
Ob es euch allen sei lieb oder leid.
LUCIFER (_ad David_)
David, wer ist dieser König der Ehren?
DAVID
Das kann ich dir wohl leicht erklären: 10
Er ist der starke Herr,
Mächtig im Kampf und in aller Ehr’;
Er ist’s, der alle Dinge hat erschaffen.
LUCIFER
O weh, so sind unnütz all unsre Waffen
Und all unsre Wehr, 15
Kommt der gewaltige König hierher.
JESUS
Ich fordre, Riegel an dieser Hölle,
Dass du dich auftuest in der Schnelle.
Ich will zerbrechen das Höllentor
Und die Meinen führen hervor. 20
(_et cantat: Ego sum Alpha et Omega, etc._)
Ich bin ein A und auch ein O;
Das sollt ihr wissen alle, so
Hier seid in dieser Höllenfeste.
Ich bin der Erste und auch der Letzte.
Der Schlüssel Davids bin ich gekommen, 25
Um zu erlösen meine Frommen.
SATANAS
Wer ist dieser Mann mit dem roten Kleide,
Der uns so vieles tut zu Leide?
Eine Unanständigkeit ist das
Und beleidigt uns in hohem Mass. 30
JESUS
Schweig’, Satan, und sei bange!
Schweige, verdammte Schlange!
Spring auf, du Höllentor!
Die Seelen sollen hervor,
Die darin sind gefangen. 35
Ich habe am Galgen gehangen
Für die, die taten den Willen mein.
Ich habe gelitten grosse Pein
In meines Leibs fünf Wunden.
Damit soll Lucifer sein gebunden 40
Bis an den jüngsten Tag:
Ihm ewige Pein und ein grosser Schlag.
(_Tunc cum vehemencia confringit infernum_)
Weichet von hier geschwinde,
All ihr Höllengesinde!
(_et arripit Luciferum_)
Lucifer, du böser Gast, 45
Du trägst fortan dieser Ketten Last,
Nicht mehr treibst du dein schändlich Wesen;
Meine Lieben sollen vor dir genesen.
(_Chorus cantat: Sanctorum populus --Anime cantant: Advenisti --Jesus
cantat: Venite benedicti --cum ricmo:_)
Kommt her, meine Benedeiten!
Not sollt ihr nicht mehr leiden. 50
In meines Vaters Reich begleitet ihr mich,
Um dort euch zu freuen ewiglich
Im lauteren Glanz der Seligkeit,
Die euch ohn’ Ende stehet bereit.
(_et arripit Adam manu dextra_)
Adam, gib mir deine rechte Hand! 55
Heil und Glück sei dir bekannt!
Ich vergebe dir,
Was du verbracht zu Leide mir.
ADAM
Lob sei dir und Ehr’,
Du Weltgebieter hehr! 60
Ich und all mein Geschlecht
Waren verdammt mit Recht.
Doch wolltest du in deiner Barmherzigkeit
Uns erlösen aus solcher Jämmerlichkeit.
Eva! Eva! 65
Selig Weib, komm mal her ja!
(_et cantat: Te nostra vocabant suspiria--_)
JESUS
Du warst an deinen Sünden gestorben;
Nun hab’ ich sterbend dich wieder erworben
Und will dich führen zu des Vaters Thron.
EVA
O Herr Jesus, Gottes Sohn, 70
Ich habe gesündigt gegen dich,
Indem ich liess betrügen mich
Und Trotz bot deinem Worte.
Drum wohn’ ich hinter der Höllenpforte
Wohl fünftausend Jahr! 75
Nun bin ich erlöset offenbar.
[Notes:
1: The original, in the Middle Low German of Mecklenburg (Redentin
is a village near Wismar) is printed in Kürschner’s _Deutsche
Nationalliteratur_, Vol. 14. --Upon coming to life in the tomb and
escaping the guards stationed by Pilate, Christ descends into hell
to release the ‘fathers.’ Lucifer’s first speech--he is the
over-lord of hell and Satan his first lieutenant--is addressed to
the devils in view of the rumored approach of the King of Glory.]
2
_From the Vienna play: The quacksalver scene._[2]
(_Nun kommen die Personen und singen._)
Allmächtiger Gott, Vater der höchste,
Der Engel Trost, der aus der Not
Uns rettete und Trost uns bot--
DIE ZWEITE PERSON
Vater, allmächtiger Gott,
Dem die Engel stehn zu Gebot, 5
Was soll uns Armen nun geschehen,
Da wir dich nicht mehr sollen sehen?
Wir haben den verloren,
Der uns zum Troste ward geboren,
Jesus Christus, 10
Der reinen Jungfrau Sohn,
Der der Welt Hoffnung war.
O, wie gross ist unser Schmerz!
Wir haben verloren Jesus Christ,
Der aller Welt ein Tröster ist, 15
Mariens Sohn, den reinen;
Drum müssen wir beweinen
Bitterlich seinen Tod,
Da er uns half aus grosser Not.
DIE DRITTE PERSON
Wir wollen dahin, wo er im Grabe liegt, 20
Und ihn betrauern, der den Tod besiegt
Für uns, und salben ihm die Wunden sein;
O weh, wie gross ist unsre Herzenspein!
Geliebte Schwestern beide,
Wie sollen wir leben in unserm Leide, 25
Wenn wir entbehren müssen
Jesus den süssen?
Drum gehen wir und kaufen Salben,
Damit wir ihm allenthalben
Bestreichen seine Wunden 30
In diesen frühen Stunden.
(_Der Kaufmann ruft dem Knechte_)
Rubein! Rubein! Rubein!
(_Rubinus kommt gelaufen_)
Was wollt Ihr denn, Herr Meister mein?
MERCATOR
Rubein, wo hast du so lange gesteckt?
Du tust deinen Dienst nicht recht. 35
Du solltest hier kaufen und verkaufen
Und die Leute schinden und täuschen.
RUBINUS
Herr, ich besuchte jene alten Weiber;
Ich wollte auftreten als Harnsteinschneider.
MERCATOR
Rubein, es wird wohl nächstens tagen. 40
Ich hör’ ein jämmerlich Klagen
Von drei Frauen, die singen;
Uns mag jetzt wohl gelingen,
Ein gut Geschäft zu machen mit Ehr’;
Geh und rufe sie hierher. 45
RUBINUS
Herr, welche meinest du?
Soll ich sie alle rufen herzu?
MERCATOR
Doch nicht! Rufe nur die allein,
Die am Wege klagen und schrein.
(_Rubinus geht zu den Schwestern_)
Gott grüss’ euch, Frauen, zu jeder Zeit. 50
Ich sehe wohl, dass ihr betrübet seid.
Was euch mag immer schmerzen,
Ihr seufzt mit schwerem Herzen.
Es tut mir leid, das glaubet mir,
Dass so betrübt ihr stehet hier. 55
_Die Personen sagen:_
Gut Kind, Gott lohn’ es dir!
Wir haben ein schwer Gemüt allhier.
RUBINUS
Das bessere Gott in seiner Güte
Und euch vor allem Leid behüte!
Ausser Trost hättet ihr was gern, 60
So geht und fragt bei meinem Herrn.
DIE ZWEITE PERSON
Gott segne dich, du guter Knabe,
Und lass gedeihen deine Habe!
Unser Leid ist verborgen.
Wir wollen dir gerne folgen; 65
Nicht länger wollen wir hier stehn,
Wir wollen gerne mit dir gehn.
_Mercator canit:_
Ihr Frauen, seid mir höchst willkommen!
Ich hoffe zu fördern euer Frommen.
Ist etwas hier, was ihr begehrt, 70
Es wird euch gern von mir gewährt.
Ich habe die besten Salben,
Die da allenthalben
Im Lande werden zu finden sein,
In Ysmodia und in Neptaleim. 75
So wahr ich mir den Korb und Stab
Mitgebracht habe aus Arab;
So wahr mein schönes Weib Antonie
Mit mir kam von Babylonie,
So muss euch diese recht gedeihen, 80
Denn ich brachte sie von Alexandreien.
DIE DRITTE PERSON
Guter Mann, ich hab’ in der Hand
Drei schöne Gulden von Byzant.
Gib uns dafür reichlichermassen,
Und möge Gott dich leben lassen! 85
MERCATOR
Da ihr beim Kauf nicht feilschen wollt,
Will ich verdienen euer Gold.
Nehmt also erstens diese Büchse,
Die besser ist als andre fünfe.
Und nehmet diese auch dabei, 90
Die besser ist als andre zwei.
Und diese Büchse nehmet, so
Noch besser ist als andre zwo.
TERTIA PERSONA
Nun sage uns, du guter Mann,
Sollen wir mit dieser Salbe gahn? 95
MERCATOR
Ja, Frau, und wär’ ich rotes Gold,
Ihr sollt sie tragen, wohin ihr wollt.
_Die Ärztin spricht zornig:_
Ihr Frauen, lasst die Büchsen stehn!
Ihr sollt damit von hier nicht gehn,
Sie kosteten mir allzuteuer; 100
Die macht’ ich neulich überm Feuer.
Geht schnell von meinem Krame ab,
Sonst schlag’ ich euch mit einem Stab.
_Der Krämer spricht zu ihr:_
Wie doch, Ihr böse Haut!
Wie dürft Ihr immer werden laut? 105
Wollt Ihr tadeln mein Verkaufen,
Ich will Euch schlagen, will Euch raufen.
MERCATRIX
Wie ist der Flachsbart doch so dreist!
Du bist ein rechter Plagegeist.
Der Geier soll dich schänden 110
Hier unter meinen Händen!
MERCATOR
Frau, lasst ab von Eurem Schwatzen,
Sonst fühlt Ihr nächstens meine Tatzen.
MERCATRIX
Ich schweige nicht, das sag’ ich dir!
Wenn du kommst von deinem Bier, 115
Bist du betrunken wie ein Schwein.
Mög’ es dir nimmermehr gedeihn!
MERCATOR
Schweigt, Frau, sonst rollt Ihr bald zu Hauf.
MERCATRIX
Da drüben geht der Vollmond auf.
MERCATOR
Schweigt, oder ich geb’ Euch einen Schlag. 120
MERCATRIX
Klotz, da er hier besoffen lag!
MERCATOR
O du altes Redefass!
Ich trug dir doch niemals Hass.
Nun geb’ ich dir eins auf den Kopf,
Dass es summt dir unterm Schopf. 125
Und eins noch kriegst du auf den Rücken,
Das weh tun soll in allen Stücken.
MERCATRIX
Ach, ach, ach und leider!
Sind das doch die neuen Kleider,
Die du zu Ostern mir gesandt. 130
Wärst du nur ins Feuer gerannt!
Gott gebe dir Geschwür’ im Magen,
Dass du krepierst in wenig Tagen!
Wärst du nicht zu Wien entgangen,
Man hätte dich schon längst gehangen. 135
Du hast auch einen roten Bart
Und bist ein Kobold schlimmster Art.
MERCATOR
Fraue, liebe Fraue mein,
Möget Ihr immer selig sein!
Vergib mir, dass ich dich geschlagen, 140
Aber du hast so viel zu sagen.
Die Klage machst du mannigfalt,
Und daran tust du mir Gewalt.
Du hast ein wunderlich Gebärde,
Und willst mich bringen unter die Erde. 145
MERCATRIX
Ja, ich vergebe dir die Schläge
Am Tag, wo ich dich ins Grab hinlege.
MERCATOR (_zu Rubin_)
Hinweg mit den Pulvern!
Hier kann ich nicht mehr bleiben.
Hebe auf Korb und Stab, 150
Und laufen wir nach Arab
Weithin von diesem Lande:
Sonst kämen wir vielleicht zu Schande.
RUBINUS (_dicit_)
Herr, ich packe ein recht gerne
Und laufe mit in weite Ferne. 155
[Notes:
2: The original is printed in the _Fundgruben_ of Hoffmann von
Fallersleben, 1837. The ‘Personen’ are the three Marys, who go at
break of day to anoint the body of the buried Christ. On the way
they are taken in by a peripatetic quacksalver who has a
cantankerous wife and a scapegrace clerk named Rubin.]
+XXXV. REYNARD THE FOX+
A humorous poem, with incidental satire, which enjoyed the favor of all
medieval Europe. The earliest German attempt to weave a continuous
narrative out of the animal-stories that had previously been current in
Latin, and to some extent in French, was that of an Alsatian poet,
Heinrich der Glichezare, who wrote about 1180 and drew upon French
sources. With the exception of a badly preserved fragment this poem is
lost. It was called _Isengrines Not_ and described the pranks played by
the cunning fox on the stupid wolf. Half a century later it was worked
over by an unknown rimester who changed the title to _Reinhart Fuchs_.
This is the High German version from which the first of the selections
below is translated. More important in a literary way is the Low German
version, of which the earliest print dates from 1498. A specimen of this
is given in Simrock’s translation.
1
_From the High German ‘Reinhart Fuchs,’ lines 663 ff: Reynard initiates
the wolf as a monk and teaches him to catch fish._
“Gevatter,” sprach Herr Isengrin,
“Gedenkst du stets als Mönch hierin
Zu wohnen bis zu deinem Tod?” 665
“Ja wohl,” sprach er, “es tut mir not:
Du wolltest ohne meine Schuld
Mir versagen deine Huld
Und nehmen wolltest du mein Leben.”
Sprach Isengrin: “Ich will’s vergeben, 670
Hast du mir je ein Leid getan,
Wenn ich nun mit dir wohnen kann.”
“Vergeben? Mir?” sprach da Reinhart,
“Mein Leben sei nicht mehr bewahrt,
Tat ich je was zu Leide dir. 675
Wüsstest du mir Dank dafür,
Ich gäbe dir zwei Stücke Aal,
Den Rest von meinem letzten Mahl.”
Herr Isengrin war hoch erfreut.
Er öffnete das Maul sehr weit. 680
Und Reinhart warf sie ihm in Mund.
“Ich bliebe immermehr gesund,”
Sprach Isengrin mit blödem Sinne,
“Wär’ ich nur einmal Koch da drinne.”
Reinhart sprach: “Ist bald getan. 685
Willst du hier Brüderschaft empfahn,
So wirst du Meister über die Braten.”
Dem war es recht, wie ihm geraten.
“Das tu’ ich,” sagte Isengrein.
“Also steck deinen Kopf herein,” 690
Sprach Reinhart. Jener war bereit,
Und eilig nahte sich sein Leid.
Er tat hinein die Schnauze gross,
Und Bruder Reinhart ihn begoss
Mit heissem Wasser, das ist wahr, 695
Und brachte ihn um Haut und Haar.
Isengrin sprach: “Weh tut das mir.”
Reinhart sagte: “Wähnet Ihr
Den Himmel mühlos zu gewinnen?
Ihr seid doch nicht so ganz von Sinnen? 700
Gern mögt Ihr leiden diese Not,
Gevatter, wenn Ihr läget tot:
Die Brüderschaft habt Ihr empfahn,
Und alle Tage von nun an
Habt Ihr an tausend Messen teil, 705
Was sicherlich Euch bringt zum Heil.”
Isengrin meint’, es wäre wahr;
Er klagte nicht um Haut und Haar,
Die er nun nicht mehr nannte sein.
Er sprach: “Jetzt, Bruder, sind gemein 710
Die Äle, die noch drinne sind,
Da ich wie du ein Gotteskind.
Wer mir ein Stück davon versagt,
Wird vor dem Abte angeklagt.”
Reinhart sprach: “Nie tät’ es not; 715
Euch steht das Unsrige zu Gebot
In brüderlicher Minn’ und Ehr’,
Doch hier sind keine Fische mehr.
Ich will Euch aber führen gleich
Zu unserm klösterlichen Teich, 720
In dem so viele Fische gehen,
Dass niemand mag sie übersehen.
Die Brüder taten sie hinein.”
“Lasst uns nur hin,” sprach Isengrein;
Da gingen sie; gleich ohne Zorn, 725
Der Teich war aber überfrorn.
Sie begannen nachzuschauen;
Es war ein Loch im Eis gehauen,
Wo man sich Wasser herausnahm,
Was Isengrin zu Schaden kam. 730
Sein Bruder trug ihm grossen Hass
Und einen Eimer nicht vergass;
Reinhart war froh, als er ihn fand
Und an den Schwanz dem Bruder band.
Da sprach Herr Isengrein: 735
“In nomine patris! Was soll das sein?”
“Senkt hier den Eimer,” Reinhart sprach,
“Und wartet ruhig und gemach
Indem ich treibe sie hierher;
Nicht lange bleibt Ihr magenleer, 740
Weil ich sie sehen kann durchs Eis.”
Herr Isengrin war nicht sehr weis’.
Er sprach: “Sagt mir in Bruderminne,
Gibt es denn wirklich Fisch’ hierinne?”
“Ja Tausende hab’ ich gesehn.” 745
“Wohl denn, es kann uns Glück geschehn.”
Isengrin hatte dummen Sinn;
Bald fror der Schwanz ihm fest darin.
Die Nacht ward schrecklich kalt am Ort,
Doch Reinhart schwieg nur immerfort. 750
Herr Isengrin fror mehr und mehr;
Er sprach: “Der Eimer wird mir schwer.”
“Ich zähle drin, bei meiner Ehr’,
Der Äle dreissig,” sprach Reinhart;
“Dies wird uns eine nütze Fahrt. 755
Steht nur noch wenig Zeit in Ruh’,
Es kommen hundert noch dazu.”
Nachher, als es begann zu tagen,
Sprach Reinhart: “Leider muss ich sagen,
Mir bangt des grossen Reichtums wegen. 760
Ich bin in hohem Grad verlegen,
Weil so viel Fische uns gegönnt,
Dass Ihr sie gar nicht heben könnt.
Versucht’s doch, ob es Euch gelingt,
Dass Ihr heraus den Eimer bringt.” 765
Herr Isengrin fing an zu ziehen,
Doch all umsonst war sein Bemühen;
Den Eimer musst’ er lassen stehen.
Reinhart sprach: “Ich will jetzt gehen
Zu den Brüdern, dass sie kommen; 770
Es soll der Fang uns allen frommen.”
Bald kam herauf die helle Sonn’,
Und Reinhart machte sich davon.
2
_From the Low German ‘Reinke de Vos,’ Book 2: Reinke under the Pope’s
ban; Martin the Ape offers to assist him._
Als Martin der Affe das vernommen,
Reinke wolle zu Hofe kommen,
Zu reisen gedacht’ er just nach Rom.
Er ging ihm entgegen und sprach: “Lieber Ohm,
Fasst Euch ein Herz und frischen Mut.” 5
Den Stand seiner Sache kannt’ er gut,
Doch frug er nach ein und anderm Stück.
Reineke sprach: “Mir ist das Glück
In diesen Tagen sehr zuwider.
Gegen mich klagen und zeugen wieder 10
Etliche Diebe, wer es auch sei,
Das Kaninchen ist und die Krähe dabei.
Der eine hat sein Weib verloren,
Der andre die Hälfte von seinen Ohren.
Könnt’ ich selber vor den König kommen, 15
So sollt’ es beiden wenig frommen.
Was mir am meisten schaden kann,
Ist dies: Ich bin in des Papstes Bann.
Der Probst hat in der Sache Macht,
Aus dem der König selber viel macht. 20
Warum man in den Bann mich tat,
Ist, weil ich Isegrim gab den Rat,
Da er ein Klausner war geworden,
Dass er weglief’ aus dem Orden,
In den er bei Clemar sich begeben. 25
Er schwur, er könne nicht mehr leben
In solch hartem, strengem Wesen,
So lang zu fasten, so viel zu lesen.
Ich half ihm weg; das reut mich jetzt,
Zumal er mich zum Dank verschwätzt: 30
Er feindet mich beim König an
Und tut mir Schaden, wo er kann.
Geh’ ich nach Rom, so setz’ ich fürwahr
Weib und Kinder in grosse Gefahr,
Denn Isegrim wird es nicht lassen, 35
Ihnen nachzustellen und aufzupassen
Mit andern, die mir zu schaden trachten
Und schon manches wider mich erdachten.
Würd’ ich nur aus dem Bann gelöst,
So wär’ mir Mut ins Herz geflösst; 40
Ich könnte getrost mit besserm Gemache
Sprechen für meine eigne Sache.”
Martin sprach: “Reineke, lieber Ohm,
Ich bin eben auf dem Weg nach Rom;
Da will ich Euch helfen mit schönen Stücken, 45
Ich leide nicht, dass sie Euch unterdrücken.
Als Schreiber des Bischofs, könnt Ihr denken,
Versteh’ ich was von solchen Ränken.
Ich will den Probst nach Rom citieren
Und will so gegen ihn plädiren; 50
Seht, Ohm, ich schaff’ Euch Excusation
Und bring’ Euch endlich Absolution,
Und wenn der Probst sich vor Ärger hinge.
Ich kenn’ in Rom den Lauf der Dinge,
Und was zu tun ist, weiss ich schon. 55
Da ist auch mein Oheim Simon,
Der sehr mächtig ist und hochgestellt
Und jedem gerne hilft fürs Geld.
Herr Schalkefund steht auch da hoch,
Dr. Greifzu und andre noch, 60
Herr Wendemantel und Herr Losefund,
Die sind da all mit uns im Bund.
Ich habe Geld voraus gesandt,
Mit Geld wird man am besten bekannt.
Ja, Quark, man spricht wohl von Citieren; 65
Sie wollen nur, man soll spendieren.
Wär’ eine Sache noch so krumm,
Man biegt mit Geld sie um und um.
Wer Geld bringt, mag sich Gnade kaufen;
Wer das nicht hat, den lässt man laufen. 70
Seht, Ohm, seid ruhig um den Bann,
Ich nehme mich der Sachen an
Und bring’ Euch frei, Ihr habt mein Wort.
Geht dreist zu Hof, Ihr findet dort
Frau Riechgenau, mein Ehgemahl. 75
Der König liebt sie, und zumal
Auch unsre Frau, die Königin,
Denn sie hat klugen, behenden Sinn.
Sprecht sie an, sie liebt die Herrn
Und verwendet sich für Freunde gern. 80
Sie ist Euch zu jedem Dienst erbötig.
Das Recht hat manchmal Hilfe nötig.
Bei ihr sind ihrer Schwestern zwei,
Dazu auch meiner Kinder drei
Und viel andre noch von Euerm Geschlecht, 85
Die gern Euch helfen zu Euerm Recht.
Kann Euch denn sonst kein Recht geschehn,
So lass’ ich meine Macht Euch sehn.
Macht es mir nur gleich bekannt.
Alle, die wohnen im ganzen Land, 90
Den König und alle, Weib und Mann,
Die bring’ ich in des Papstes Bann
Und schick’ ein Interdict so schwer,
Man soll nicht begraben noch taufen mehr,
Und keine Messe lesen noch singen. 95
Drum, lieber Ohm, seid guter Dingen!
Der Papst ist ein alter, schwacher Mann,
Er nimmt sich keiner Sache mehr an;
Drum hat man sein auch wenig acht.
Am Hofe übt die ganze Macht 100
Der Kardinal von Ohnegenügen,
Ein rüstiger Mann, der weiss es zu fügen.
Ich kenn’ ein Weib, die hat er lief,
Die soll ihm bringen einen Brief.
Mit der bin ich sehr wohl bekannt, 105
Und, was sie will, geschieht im Land.
Sein Schreiber heisst Johann Partei,
Der kennt wohl Münze alt und neu.
Horchgenau ist sein Kumpan,
Der ist des Hofes Kurtisan. 110
Wendundschleich ist Notarius,
Beider Rechte Baccalaureus;
Übt der ein Jahr noch seine Tücken,
So wird er Meister in Praktiken,
Moneta und Donarius halten jetzt 115
Die Richterstühle dort besetzt;
Wem sie das Recht erst abgesprochen,
Dem ist und bleibt der Stab gebrochen.
So gilt in Rom jetzt manche List,
Daran der Papst unschuldig ist. 120
Die muss ich alle zu Freunden halten:
Sie haben über die Sünden zu schalten
Und lösen das Volk all aus dem Bann.
Oheim, vertraut Euch mir nur an!
Der König hat es schon vernommen, 125
Dass ich Euch will zu Hilfe kommen.
Er weiss auch, dass ich der Mann dazu bin;
Drum kommt Ihr nicht zu Ungewinn.
Bedenkt alsdann der König recht,
Wie viele vom Affen- und Fuchsgeschlecht, 130
In seinem geheimsten Rate sitzen.
Geh’s wie es will, das muss Euch nützen.”
Reineke sprach: “Ich bin getröstet;
Ich dank’ Euch’s gern, wenn Ihr mich löstet.”
+XXXVI. PETER SUCHENWIRT+
The most gifted verse-writer of the poetically barren 14th century. He
was a ‘wandering singer’ who depended for his livelihood upon the
patronage of princes and spent the most of his life in Austria. He died
about 1400. The selection is a translation of his _Red’ von der Minne_.
+A Discourse of Love.+
Ich wanderte an einem Tag
In einen wonniglichen Hag,
Darin die Vögel sungen;
Da kam ich unbezwungen
Auf einem wonniglichen Raume 5
Zu einem dichtbelaubten Baume,
An deren Wurzeln wundervoll
Hervor ein kaltes Brünnlein quoll.
Da fand ich sitzen hart anbei
Drei Frauen alle mangelfrei, 10
Minne, Stæt’ und Gerechtigkeit.
Die erste klagt’ ihr Herzensleid,
Bezwungen von des Schmerzes Not;
Sie sprach: “Ich bin beinahe tot
An Ehren und an Sinnen: 15
Die mich sollten minnen,
Sie sind ein ehrloses Geschlecht.
Da ich nun, Minne, mit Unrecht
Auf Erden kam zu solchem Leben,
Sollt ihr getreuen Rat mir geben. 20
Gerechtigkeit, in Gottes Namen,
Von dem die zehn Gebote kamen,
Macht, dass mein Recht mir werd’ erteilt:
Wer Minne lasterhaft vergeilt
Und reiner Frauen Würdigkeit, 25
Der büss’ es! Das ist nun mein Leid.”
Gerechtigkeit sprach zu der Stæte:
“Wir hätten nötig gute Räte,
Um recht zu richten die Geschicht’.”
Frau Stæte sprach mit Worten schlicht: 30
“Nun hört und merkt, was ich will sagen:
Wem Minne Hass mag tragen,
Den wollen wir in aller Schnelle
Sogleich verhören auf der Stelle.”
Gerechtigkeit tat auf den Mund: 35
“Macht uns allhier mit Worten kund,
Durch wen Ihr leidet solche Pein.”
Frau Minne sprach: “Der Jammer mein
Ist leider hart und schauderhaft,
Weil mancher Prahler lügenhaft 40
Von reinen Frauen faselt. Ach,
Dass Gott ihn nicht mit seinem Schlag
Getroffen aller Welt zur Lehr’!
Das würde mich erfreuen sehr,
Wie ich bekenne öffentlich. 45
Die schnöden Dinge liebt er sich
Und schwatzt von dem, was er nie sah.
Drum sollt’ er in die Höll’ und da
Die heisse Loh ihn sengen,
Der Teufel hart bedrängen, 50
Zur Ahndung seiner falschen List,
Weil er ein loser Schwätzer ist.
Darüber sollt ihr richten mir.”
Gerechtigkeit erwidert’ ihr:
“So sei’s! Ein Urteil soll geschehn: 55
Ihn soll kein lieblich Aug’ ansehn,
Von einer reinen Frauen zart;
Ihr Mund sei gegen ihn verspart,
Dass ihm kein Gruss mag werden kund
Von einem rosenroten Mund. 60
Das ist der strenge Wille mein.”
Frau Stæte sprach: “Ich leid’ auch Pein
In meinem Herzen mannigfalt:
Ich habe Diener, jung und alt,
Die sagen, dass sie stätig sein 65
Und tun das öffentlich zum Schein
Bei reinen Frauen manchmal kund;
Doch tief in ihres Herzens Grund
Liegt falscher List ein grosser Hort:
Das ist der Seele arger Mord 70
Und reiner Frauen Ungewinn.
Ich wollt’, wer hätt’ so falschen Sinn,
Dass dem doch aus dem Munde sein
Die Zähne wüchsen, wie dem Schwein;
Daran erkenntlich wären die Leut’, 75
Und reine Frauen leicht befreit
Von jener Schälkchen loser Schar
Mit Worten sanft und doch nicht wahr,
Mit Zungen, die wie Messer schneiden;
Ach, was muss man davon leiden! 80
Und noch eins mich mit Schmerz bewegt:
Dass mancher Blau am Leibe trägt
Und wähnt davon stätig zu sein,
Weil er in blauer Farbe Schein
Erzeiget sich den Frauen gut. 85
Mich dünkt nun so in meinem Mut:
Wäre die Farbe, wie man hört,
Die Elle hätte wohl den Wert
Von hundert Gulden sicherlich;
Doch Stæte wiegt im Herzen sich, 90
Sie tut nicht von der Farbe kommen,
Drum kann es manchem wenig frommen,
Wenn er der Unstæt’ huldigt
Und wird von Fraun beschuldigt.”
Ich hört’ ihr Plaudern mannigfalt, 95
Und was zu tun, entschied ich bald.
Ich ging hinzu und sprach kein Wort.
Frau Minn’ erblickte mich sofort,
Die war gar wundersam geziert:
“Sag’ mir, mein lieber Suchenwirt,” 100
Sprach sie, “was tust du hie?”
Geschwinde fiel ich auf ein Knie.
“Gnade, Frau,” darauf sprach ich;
“Der Mai hat Blumen wonniglich
Im ganzen Land herumgestreut, 105
Dass manches Herze wird erfreut,
So wie die kleinen Vögelein.
Ich kam verlockt vorn Augenschein
Auf diesen Anger wunderbar;
Da wurde Euer ich gewahr 110
Und hörte Eure Klage gross.”
Sie sprach: “Ich bin der Freuden bloss
Und weiss, was ich beginnen soll.
Die Welt ist schlechter Kniffe voll:
Hast du gehört des Jammers Pein, 115
So handle nach dem Willen mein
Und tu’ es offenherzig kund
Den Edlen hier zu mancher Stund’,
Dass sie vor Schande hüten sich.”
“Das tu’ ich gerne, Frau,” sprach ich. 120
So schied ich von der Minne dann
Beglückt und ohne argen Wahn.
+XXXVII. BRANT’S SHIP OF FOOLS+
A famous satire published at Basel in 1494, with numerous excellent
woodcuts. Its author, Sebastian Brant, was born at Strassburg in 1457,
took his degree in law, became city clerk of his native place and died
in 1521. The _Ship of Fools_, which consists of disconnected sections
describing the various kinds of fools--over a hundred of them--who have
embarked in the ship for Fool-land, was translated into Latin, into
French three times and into English twice. It was Germany’s first
important contribution to world literature. The selections are from the
modernization by Simrock, Berlin, 1872.
+1+
+Von Geiznarren.+
Wer sich verlässt auf zeitig Gut,
Drin Freude sucht und guten Mut,
Der ist ein Narr mit Leib und Blut.[1]
Der ist ein Narr, der sammelt Gut
Und hat nicht Freud’, und guten Mut 5
Und weiss auch nicht, wem er’s wird sparen,
Wenn er muss zum düstern Keller fahren.
Noch törichter ist, wer vertut
In Üppigkeit und Frevelmut
Was Gott ins Haus ihm hat gegeben. 10
Er nur verwalten soll sein Leben
Und Rechenschaft drum geben muss
Wohl schwerer als mit Hand und Fuss.
Ein Narr häuft den Verwandten viel;
Die Seel’ er nicht bedenken will, 15
Sorgt, ihm gebrech’ es in der Zeit,
Und fragt nicht nach der Ewigkeit.
O armer Narr, wie bist du blind!
Du scheust den Ausschlag, kriegst den Grind.
Erwirbt mit Sünden mancher Gut 20
Und brennt dann in der Hölle Glut,
Des achten seine Erben klein:
Sie hülfen ihm nicht mit einem Stein,
Lösten ihn kaum mit einem Pfund,
Wie tief er läg’ im Höllenschlund. 25
Gib weil du lebst, ist Gottes Wort:
Ein andrer schaltet, bist du fort.
Kein weiser Mann trug je Verlangen
Mit Reichtum auf der Welt zu prangen.
Er trachtet nur sich selbst zu kennen; 30
Den Weisen mag man steinreich nennen.
Das Geld am Ende Crassus trank;
Danach gedürstet hatt’ ihn lang.
Crates sein Geld warf in das Meer,
So stört’s im Lernen ihn nicht mehr. 35
Wer sammelt, was vergänglich ist,
Begräbt die Seel’ in Kot und Mist.
[Notes:
1: These three lines, which are a sort of motto, precede a picture
representing a rich man seated at a table which is loaded with
money and plate. Two poor travelers approach and look covetously
upon the wealth. All three men wear the fool’s cap.]
+2+
+Selbstgefälligkeit.+
Den Narrenbrei ich nie vergass,
Seit mir gefiel das Spiegelglas:
Hans Eselsohr mein Herz besass.[2]
Der rührt sich wohl den Narrenbrei,
Der wähnt, dass er sehr witzig sei, 5
Und gefällt sich selber gar so wohl,
Dass er in den Spiegel guckt wie toll
Und doch nicht mag gewahren, dass
Er einen Narren sieht im Glas.
Und sollt’ er schwören einen Eid, 10
Spricht man von Zucht und Artigkeit,
Meint er, die hätt’ er ganz allein,
Seinsgleichen könnt’ auch nirgends sein,
Der aller Fehler ledig wär’.
Sein Tun und Ruhn gefällt ihm sehr. 15
Des Spiegels er drum nicht enträt,
Wo er sitzt und reitet, geht und steht,
Wie es Kaiser Otho hat gemacht,
Der den Spiegel mitnahm in die Schlacht
Und schor die Backen zwier am Tag, 20
Mit Eselsmilch sie wusch hernach.
Dem Spiegel sind die Fraun ergeben;
Ohne Spiegel könnte keine leben.
Eh’ sie sich recht davor geschleiert
Und geputzt, wird Neujahr wohl gefeiert. 25
Wem so gefällt Gestalt und Werk,
Ist dem Affen gleich zu Heidelberg.[3]
Dem Pygmalion gefiel sein Bild,
Vor Narrheit ward er toll und wild.
Sah in den Spiegel nicht Narciss, 30
Lebt’ er noch manches Jahr gewiss.
Mancher sieht stets den Spiegel an,
Der ihm doch nichts Schönes zeigen kann.
Wo du solch närrisch Schaf siehst weiden,
Das mag auch keinen Tadel leiden, 35
Es geht in seinem Taumel hin,
Und kein Verstand will ihm zu Sinn.
[Notes:
2: The picture shows a fool stirring porridge and looking into a
mirror.
3: A note by Simrock states that upon the old bridge at Heidelberg
was formerly to be seen an emblematic ape, with the verses:
Was hast du mich hier anzugaffen?
Sahst du noch nie den alten Affen?
Zu Heidelberg sieh hin und her;
Du findest meinesgleichen mehr.]
+XXXVIII. FOLK-SONGS OF THE FIFTEENTH CENTURY+
A large number of folk-songs originated in the 15th and still more in
the 16th century. From the nature of the type they can seldom be exactly
dated unless they relate to a known historical occurrence. The following
selections are taken from Erk and Böhme’s admirable _Deutscher
Liederhort_, 3 volumes quarto, Leipzig, 1893-4. As any translation into
smooth modern verse would destroy a part of the characteristic flavor of
the songs, they are printed as in Erk and Böhme, but with occasional
modernizations of spelling and grammar.
+1+
+Reigen um das erste Veilchen.+[1]
Der Maie, der Maie
Bringt uns der Blümlein viel;
Ich trag’ ein frei’s Gemüte,
Gott weiss wohl, wem ich’s will.
Ich will’s ei’m freien Gesellen,
Derselb’ der wirbt um mich,
Er trägt ein seiden Hemd an,
Darein so preist[2] er sich.
Er meint, es säng’ ein’ Nachtigall,
Da war’s ein’ Jungfrau fein:
Und kann er mein nicht werden,
Trauret das Herze sein.
[Notes:
1: A song for the ring-dance about the earliest spring violet; Erk
and Böhme, II, 713.
2: M.H.G. _brîsen_, equivalent to modern _schnüren_.]
+2+
+Burschenleben.+[3]
Ich weiss ein frisch Geschlechte,
Das sind die Burschenknechte,
Ihr Orden steht also:
Sie leben ohne Sorgen
Den Abend und den Morgen, 5
Sie sind gar stätiglich froh.
Du freies Burschenleben!
Ich lob’ dich für den Gral;[4]
Gott hat dir Macht gegeben
Trauren zu widerstreben, 10
Frisch wesen überall.
Sie können auch nit hauen
Des Morgens in dem Taue
Die schönen Wiesen breit;
Sonder[5] die schönen Frauen 15
Die können sie wohl schauen
Die Nacht bis an den Tag.
Das macht ihr frei’s Gemüte
Der schönen Frauen klar;
Gott selber sie behüte 20
Durch seine milde Güte,
Die minnigliche Schar!
Wie selten sie auch messen
Das Koren,[6] das sie essen,
Und was der Metzen[7] gilt! 25
Die Bauern müssen schneiden
Und dazu Gerwel reiden[8]
Viel gar ohn’ ihren Dank.[9]
Du feines Burschenleben!
Ich lob’ dich für den Gral; 30
Gott hat dir Macht gegeben
Trauren zu widerstreben,
Frisch wesen überall.
[Notes:
3: An old student song, found in a manuscript of the year 1454;
Erk and Böhme, III, 484.
4: The holy Grail as symbol of something very precious.
5: In the sense of modern _aber_.
6: For _Korn_, _i.e._ ‘grain.’
7: The miller’s ‘toll’ (part of the grist taken in payment for
grinding).
8: _Gerwel reiden_, ‘turn the hand-mill.’
9: _Ohne Dank_, ‘reluctantly.’]
+3+
+Mädchenkunde eines fahrenden Sängers.+[10]
Ich spring’ an diesem Ringe
Des besten, so ich’s kann,[11]
Von hübschen Fräulein singen,[12]
Als ich’s gelernet han.[13]
Ich ritt durch fremde Lande, 5
Da sah ich mancherhande,
Da ich die Fräulein fand.
Die Fräuelein von Franken
Die seh’ ich allzeit gern;
Nach ihn’ stehn mein’ Gedanken, 10
Sie geben süssen Kern.
Sie sind die feinsten Dirnen,
Wollt’ Gott, ich sollt’ ihn’ zwirnen,
Spinnen wollt’ ich lern.[14]
Die Fräuelein von Schwaben 15
Die haben golden Haar,
Sie dürfen’s frischlich wagen,
Sie spinnen über Lahr;[15]
Wer ihn’ den Flachs will schwingen,
Der muss sein nit geringe,[16] 20
Das sag’ ich euch fürwahr.
Die Fräuelein vom Rheine
Die lob’ ich oft und dick:[17]
Sie sind hübsch und feine
Und geben freundlich Blick. 25
Sie können Seide spinnen,
Die neuen Liedlein singen,
Sie sind der Lieb’ ein Strick.
Die Fräuelein von Sachsen
Die haben Scheuern weit; 30
Darin da posst[18] man Flachse,
Der in der Scheuern leit.[19]
Wer ihn’ den Flachs will possen,
Muss haben ein’ Flegel grosse,
Dreschend zu aller Zeit. 35
Die Fräuelein von Baiern
Die können kochen wohl,
Mit Käsen und mit Eiern
Ihr’ Küchen die sind voll.
Sie haben schöne Pfannen 40
Weiter denn die Wannen,
Heisser denn ein’ Kohl’.
Den Fräuelein soll man hofieren[20]
Allzeit und weil man mag,
Die Zeit die kommet schiere,[21] 45
Es wird sich alle Tag’;[22]
Nun bin ich worden alte,
Zum Wein muss ich mich halten
Alldieweil ich mag.
[Notes:
10: An elderly minstrel joins in the dance and sings the praise of
girls that he has seen in different German lands; Erk and Böhme,
II, 712.
11: _Des besten ... kann_, equivalent to _so gut ich kann_.
12: ‘To sing,’ or perhaps ‘singing.’
13: _Habe_.
14: _Lernen_.
15: _Über die Lehre_, ‘surpassing their instruction,’ ‘outdoing
their teachers.’
16: _Nit geringe_, ‘smart.’
17: _Sehr_.
18: Equivalent to _klopft_, ‘beats.’
19: _Liegt_.
20: ‘Court.’
21: ‘Soon.’
22: _Es wird ... Tag_, equivalent to _Tag reiht sich an Tag_. The
sense is: The time comes fast when one must turn from girls to
wine, as I am even now doing.]
+4+
+Anweisung zum Raubritterberuf.+[23]
Der Wald hat sich belaubet,
Des freuet sich mein Mut.
Nun hüt’ sich mancher Bauer,
Der wähnt, er sei behut![24]
Das schafft des argen Winters Zorn, 5
Der hat mich beraubet,
Das klag’ ich heut und morn.
Willst du dich ernähren,
Du junger Edelmann,
Folg’ du meiner Lehre, 10
Sitz’ auf und trab’ zum Bann![25]
Halt’ dich zu dem grünen Wald,
Wenn der Bauer ins Holz fährt,
So renn’ ihn frischlich an!
Erwisch’ ihn bei dem Kragen, 15
Erfreu’ das Herze dein,
Nimm ihm, was er habe,
Spann’ aus die Pferdlein sein!
Sei frisch und dazu unverzagt,
Wann er nummen[26] Pfennig hat, 20
So russ ihm d’ Gurgel ab.[27]
Heb’ dich bald von dannen,
Bewahr’ dein’ Leib, dein Gut!
Dass du nit werdest zu Schannen,[28]
Halt’ dich in stäter Hut! 25
Der Bauern Hass ist also gross;
Wenn der Bauer zum Tanze geht,
So dünkt er sich Fürstengenoss.
Er nimmt die Metze[29] bei der Hand,
Die gibt ihm einen Kranz; 30
Er ist der Metze eben
Derselbe Ferkelschwanz.[30]
Die Tölpel trippeln hinten nach,
Das ist der Metze eben[31]
Und dem Conzen[32] auch. 35
Ich weiss ein’ reichen Bauern,
Auf den hab’ ich’s gericht’;
Ich will ein’ Weile lauern,
Wie mir darum geschicht.[33]
Er hilft mir wohl aus aller Not, 40
Gott grüss’ dich, schönes Jungfräulein,
Gott grüss dich, Mündlein rot!
[Notes:
23: A robber knight greets the spring-time as good for his
business, and expresses his lordly contempt of the peasantry;
Erk and Böhme, II, 23.
24: ‘Secure.’
25: _Bann_ here means the robber’s lurking-place.
26: _Keinen mehr_.
27: _So russ ... ab_, ‘cut his throat.’
28: _Schanden_.
29: ‘Wench.’
30: ‘Pig’s tail,’ figuratively for ‘dirty clown.’
31: ‘Agreeable.’
32: _Conz_, or _Kunz_, contemptuously for a country lubber.
33: _Geschicht_, for _geschieht_. The sense is: I’ll lurk for him
and see what comes of it.]
+5+
+Ritter und Schildknecht.+[34]
Es ritt ein Herr und auch sein Knecht
Wohl über eine Heide, die war schlecht, ja schlecht,
Und alles, was sie red’ten da,
War alles von einer wunderschönen Frauen,
Ja Frauen. 5
“Ach, Schildknecht, lieber Schildknecht mein,
Was redest du von meiner Frauen, ja Frauen?
Und fürchtest nicht mein’ braunen Schild,
Zu Stücken will ich dich hauen,
Vor meinen Augen!” 10
“Euern braunen Schild, den fürcht’ ich klein,[35]
Der lieb’ Gott wird Euch wohl behüten, behüten.”
Da schlug der Knecht sein’ Herrn zu Tod,
Das geschah um des Fräuleins[36] Güte,
Ja Güte. 15
“Nun will ich heimgehn landwärts ein,
Zu einer wunderschönen Frauen, ja Frauen.”
“Ach Fräulein, gebt mir’s Botenbrot,
Eu’r edler Herr und der[37] ist tot,
So fern auf breiter Heide, 20
Ja Heide.”
“Und ist mein edler Herre tot,
Darum will ich nicht weinen, ja weinen;
Der schönste Buhle, den ich hab’,
Der sitzt bei mir daheime, 25
Mutteralleine.
Nun sattle mir mein graues Ross!
Ich will von hinnen reiten, ja reiten.”
Und da sie auf die Heide kam,
Die Lilien täten sich neigen,[38] 30
Auf breiter Heide.
Auf band sie ihm sein’ blanken Helm
Und sah ihm unter die Augen, ja Augen;
“Nun muss es Christ geklaget sein,
Wie bist du so zerhauen 35
Unter dein’ Augen.
Nun will ich in ein Kloster ziehn,
Will den lieben Gott bitten, ja bitten,
Dass er dich ins Himmelreich woll’ lan,[39]
Das gescheh’ durch meinen Willen![40] 40
Schweig stille!”[41]
[Notes:
34: Erk and Böhme, I, 374. Imagine the story thus: A faithless
wife instigates her husband’s squire to kill him. When the murder
is reported to her she is at first pleased, then touched with
remorse. She rides forth to find the body of her husband, and the
lilies--symbols of purity--bow in shame as she passes. At sight of
her dead husband’s face, she resolves to enter a convent.
35: _Wenig_.
36: _Fräulein_ here in the sense of ‘young wife’; _um des
Fräuleins Güte_, ‘to gain the young wife’s favor.’
37: _Und der_ is pleonastic.
38: _Täten sich neigen_, ‘did bow’; _täten_ being indicative.
39: _Lan_, for _lassen_.
40: _Durch meinen Willen_, ‘for my sake.’
41: Addressed to the husband; he is not to accuse her before God.]
+6+
+Tannhäuser.+[42]
Nun will ich aber heben an
Von dem Tannhäuser singen,
Und was er Wunders hat getan
Mit Venus, der edlen Minne.
Tannhäuser war ein Ritter gut, 5
Wann er wollt’ Wunder schauen,
Er wollt’ in Frau Venus Berg,
Zu andern schönen Frauen.
“Herr Tannhäuser, Ihr seid mir lieb,
Daran sollt Ihr gedenken! 10
Ihr habt mir einen Eid geschworn,
Ihr wollt von mir nit wenken.”
“Frau Venus, das en[43] hab ich nit,
Ich will das widersprechen;
Und red’t das jemands mehr denn Ihr,[44] 15
Gott helf’ mir’s an ihm rächen!”
“Herr Tannhäuser, wie red’t Ihr nun?
Ihr sollt bei mir beleiben;[45]
Ich will Euch mein’ Gespielin geben
Zu einem stäten Weibe.” 20
“Und nähm’ ich nun ein ander Weib,
Ich hab’ in meinem Sinne:
So müsst’ ich in der Hölle Glut
Auch ewiglich verbrinnen.”
“Ihr sagt mir viel von der Hölle Glut, 25
Habt es doch nie empfunden;
Gedenkt an meinen roten Mund,
Der lacht zu allen Stunden.”
“Was hilft mich Euer roter Mund?
Er ist mir gar unmäre;[46] 30
Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart,
Durch aller Frauen Ehre!”
“Herr Tannhäuser, wollt Ihr Urlaub han,
Ich will Euch keinen geben;
Nun bleibt hie, edler Tannhäuser, 35
Und fristet Euer Leben.”
“Mein Leben das ist worden krank,
Ich mag nit länger bleiben;
Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart,
Von Eurem stolzen Leibe!” 40
“Herr Tannhäuser, nit reden also,
Ihr tut Euch nit wohl besinnen;
So gehn wir in ein Kämmerlein
Und spielen der edlen Minne.”
“Eu’r Minne ist mir worden leid, 45
Ich hab’ in meinem Sinne:
Frau Venus, edle Fraue zart,
Ihr seid ein’ Teufelinne.”
“Herr Tannhäuser, was red’t Ihr nun,
Und dass Ihr mich tut schelten? 50
Nun, sollt Ihr länger hierinnen sein,
Ihr müsst’ es sehr entgelten.”
“Frau Venus, das en will ich nit,
Ich mag nit länger bleiben.
Maria Mutter, reine Maid, 55
Nun hilf mir von dem Weibe!”
“Herr Tannhäuser, Ihr sollt Urlaub han,
Mein Lob das sollt Ihr preisen,
Wo Ihr in dem Land umfahrt;
Nehmt Urlaub von dem Greisen!”[47] 60
Da schied er wieder aus dem Berg,
In Jammer und in Reuen:
“Ich will gen Rom wohl in die Stadt
Auf eines Papstes Treuen.
Nun fahr’ ich fröhlich auf die Bahn, 65
Gott müss’ sein immer walten!
Zu einem Papst, der heisst Urban,
Ob er mich möcht’ behalten.”
“Ach Papste, lieber Herre mein,
Ich klag’ Euch hie mein’ Sünde, 70
Die ich mein’ Tag’ begangen hab’,
Als ich Euch’s will verkünden.
Ich bin gewesen auch ein Jahr
Bei Venus, einer Frauen.
So wollt’ ich Buss’ und Beicht’ empfahn, 75
Ob ich möcht’ Gott anschauen.”
Der Papst hat ein Stäblein in seiner Hand,
Das war sich also dürre:
“Als wenig das Stäblein grünen mag,
Kommst du zu Gottes Hulde!” 80
“Und sollt’ ich leben nur ein Jahr,
Ein Jahr auf dieser Erden,
So wollt’ ich Beicht’ und Buss’ empfahn
Und Gottes Trost erwerben.”
Da zog er wied’rum aus der Stadt 85
In Jammer und in Leiden:
“Maria Mutter, reine Magd,
Muss ich mich von dir scheiden!”
Er zog nun wied’rum in den Berg
Und ewiglich ohn’ Ende: 90
“Ich will zu meiner Frauen zart,
Wo mich Gott will hin senden.”
“Seid gottwillkommen, Tannhäuser!
Ich hab’ Eu’r lang entboren;[48]
Seid gottwillkommen, mein lieber Herr, 95
Zu einem Buhlen auserkoren.”
Das währet an den dritten Tag,
Der Stab hub an zu grünen.
Der Papst schickt’ aus in alle Land:
Wo der Tannhäuser wär’ hinkommen? 100
Da war er wieder in den Berg
Und hatt’ sein Lieb erkoren;
Des muss der vierte Papst Urban
Auf ewig sein verloren!
[Notes:
42: Erk and Böhme, I, 40. The Venus of the folk-song represents
the German Frau Holde, a love-goddess who holds her court in a
mountain and infatuates men to the peril of their souls. Just how
and when the saga attached itself to the historical minnesinger
Tannhäuser is not known. Urban IV, referred to in the last stanza,
was pope from 1261 to 1265.
43: A form of the old negative particle; _en nit_ = _nicht_.
44: _Jemands ... Ihr_, ‘any one but you.’
45: _Bleiben_.
46: Equivalent to _gleichgültig_.
47: The legendary old man, faithful Eckart, who warns of danger
and rebukes sinners.
48: For _entbehrt_.]
+XXXIX. LATE MEDIEVAL RELIGIOUS PROSE+
Prior to Luther the most noteworthy prose is found in the sermons of
Berthold von Regensburg, the great 13th century preacher, and in the
somewhat later writings, largely sermons, of the mystics Eckhart, Seuse,
Tauler and Meerschwein. Their interest is rather more religious than
literary. The earliest example of imaginative prose is the so-called
_Farmer of Bohemia_, written in 1399, in which a bereaved husband
discourses of his lost wife with Death. The 15th century shows a
considerable body of prose literature in the form of sermons,
chronicles, translations, paraphrases, but nothing of great artistic
distinction.
1
_From a Sermon of Berthold von Regensburg ‘On the Angels.’_[1]
Wir begehen heute das Fest der grossen Fürsten, der heiligen Engel, die
der ganzen Welt ein überaus grosses Wunder sind, und an denen der
allmächtige Gott viele Wunder und grosse Wunder geschaffen hat. Und
wollte ein Mensch nicht aus anderm Grunde in den Himmel kommen, so
könnte er doch gerne darum in den Himmel kommen, nur damit er sähe, was
für Wunder und Wunder da sind. Und des Wunders kann niemand zu Ende
kommen, das Gott in den heiligen Engeln an den Tag gelegt hat. Und sie
sind unseres Herrn Boten, denn Engel heisst auf Griechisch ein Bote.
Unser Herr hatte grosse Freude, da er ohne Anfang war, wie er auch auf
immer ohne Ende ist. Ich rede von der Gottheit, von der Krone; ehe er
etwas erschuf, wie wir jetzt sind, da hatte er gar grosse Freude in sich
selbst und mit sich selbst. Da gedachte er zu machen, er wollte zwei
Kreaturen machen, zweierlei Kreaturen, damit diese seiner Freude
teilhaftig würden, er selbst aber darum nicht weniger Freude hätte. Und
wie grosse Freude er auch ihnen gab, hatte er doch selbst darum nicht
mindre Freude, recht wie der Sonnenschein. Wie viel die Sonne uns auch
alle Tage ihres Lichtes gibt, hat sie selbst um nichts weniger. Und also
machte Gott zwei Kreaturen: das waren der Mensch und der Engel. Da
machte Gott ein Ding,[2] und das war das allerbeste Ding unter allen
Dingen, die Gott je gemacht hat. Und nie machte er ein Ding so gut unter
allen Dingen, die Gott gemacht hat, [wie dieses, das er machte,] damit
Mensch und Engel seiner Freude teilhaftig würden, da es so nütze und so
gut war. Und also machte es Gott, dass Menschen und Engel davon
immermehr Freude haben sollten. Und wie ausserordentlich nütze das Ding
auch war, und wie viel Ehre und Seligkeit auch daran liegt, so waren
doch etliche Engel im Himmel, die das Ding nicht behalten wollten, und
diese wurden verstossen aus den ewigen Freuden und wurden in die ewige
Marter geworfen. Und alle, die das Ding behielten, die blieben bei dem
allmächtigen Gott in den ewigen Freuden, weil sie das Ding behielten,
das so gut ist, unter allen Dingen das beste....
Und also begeht man heute das Fest der Engel, die bei Gott blieben und
aushielten, dass sie nicht fielen. Und also begeht man heute das Fest
Sankt Michaels und der heiligen Engel. Und dass man das Fest der
heiligen Engel nicht oft im Jahre begeht, daran tat unser Herr gar
weislich und wohl; wie billig es auch wäre, dass man ihr Fest dreimal im
Jahre beginge, so tat unser Herr gar weislich und wohl daran, und es ist
besser, dass man es nicht oft begeht. Warum? Seht, aus diesem Grunde.
Wenn man ihr Fest mit Singen und Lesen beginge, müsste man auch von
ihnen predigen. Und wenn wir also oft von den Engeln predigen müssten,
so käme vielleicht ein Frevler und würde vielleicht so frevelhaft sein,
dass er von den heiligen Engeln Ketzerei predigen könnte. Denn unser
Herr hat so viel Wunders an den Engeln gemacht, dass wir es nicht alles
sicherlich wissen. Er hat etliche Wunder an den Engeln gemacht, wovon
wir nicht genau wissen sondern nur vermuten. Und wer ein Ding vermutet,
der weiss es nicht sicherlich. So hat auch unser Herr manches Ding an
ihnen gemacht, das wir wohl wissen. Wer daher die Dinge predigen wollte,
die wir vermuten, der könnte vielleicht Ketzerei predigen. Also soll
niemand etwas predigen als das, was man sicherlich weiss.
[Notes:
1: Pfeiffer’s edition of Berthold von Regensburg, Vienna, 1862,
vol. ii, page 174.
2: The ‘thing,’ as explained further on, is _die Tugend_.]
2
_From Eckhart’s tractate ‘On the Nature and Dignity of the Soul.’_[3]
Die Seele hat zwei Füsse, das Verständnis und die Minne; und je mehr sie
versteht, desto mehr minnet sie. Und wer kann sie fällen, da der sie
erhält, der alle Kreaturen erhält? Denn die Gnade reizet die Begierde
und ziehet die Seele aus sich selber heraus, so dass sie mit der Gnade
und in der Gnade in Gnade kommt, und über die Gnade in Gott, ihren
ersten Ursprung kommt, wo es ihr wohler als je wird in wonnesamer
Einigung. Denn da verstummen alle Sinne, und der Seele Wille und der
Wille Gottes fliessen ineinander, so dass die zwei Willen sich minnesam
umfangen in rechter Einigung. Und da kann die Seele weder mehr noch
minder denn göttliche Werke hervorbringen, und zwar deshalb, weil an ihr
nichts mehr als Gott lebet. Darum spricht die Seele in dem Buch der
Minne: Ich habe den Kreis der Welt umlaufen und konnte nicht zu dessen
Ende kommen; deshalb habe ich mich in den einzigen Punkt meines einzigen
Gottes versenkt, weil er mich verwundet hat mit seinem Anblicke. Und wen
dieser Anblick nicht verwundet hat, dessen Seele ist von der Minne
Gottes nie verwundet worden. Darum sagt Sankt Bernhard: Welcher Geist
den Anblick empfunden hat, der vermag ihn nicht zu beschreiben, und wer
ihn nicht empfunden hat, der vermag nicht daran zu glauben. Denn da wird
ein Pfeil ohne Zorn geschossen, und man empfindet es ohne Schmerzen;
denn da wird der lautere und klare Brunnen der Arzenei der Gnade
aufgetan, der die inneren Augen erleuchtet, so dass die Seele mit einem
wonnesamen Anschauen den Wollust der göttlichen Heimsuchung empfindet,
in dem man unerhörte Dinge geistlichen Gutes gewahrt, die nie gehört
noch gepredigt wurden und in keinem Buche geschrieben stehen.
[Notes:
3: Pfeiffer’s edition of Meister Eckhart, Leipzig, 1857, page 401.]
3
_From Seuse (Suso): The Prelude to the Silent Mass._[4]
Er ward gefragt, was er damit meinte, als er Messe sang und vor der
stillen Messe das Präludium anhub: _Sursum corda_. (Denn nach ihrer
gewöhnlichen Bedeutung meinen die Worte auf Deutsch: Saust auf in die
Höhe, alle Herzen, zu Gott!). Die Worte kamen recht begehrlich aus
seinem Munde, so dass die Menschen, die sie hörten, auf einen
sonderbaren Andacht haben daraus schliessen können. Auf diese Frage
antwortete er mit einem minniglichen Seufzer und sprach also:
“Wenn ich diese lobreichen Worte _sursum corda_ in der Messe sang,
geschah es gewöhnlich, dass mein Herz und meine Seele zusammenflossen
von göttlicher Qual und Begierde, die mein Herz sofort aus sich selbst
entrückten; denn es erhoben sich gewöhnlich drei hochentzückende
Vorstellungen, in denen ich zu Gott aufgeschwungen ward, und durch mich
alle Kreaturen. Die erste einleuchtende Vorstellung war also: Mich
selbst nach allem, was ich bin, nahm ich vor meine inneren Augen mit
Leib und Seele und allen meinen Kräften und stellte um mich herum alle
Kreaturen, die Gott je erschuf im Himmel und auf Erden und in den vier
Elementen, waren es Vögel der Luft, Tiere des Waldes, Fische des
Wassers, Laub und Gras des Erdreiches, oder der unzählige Sand am Meer,
und dazu all das kleine Gestäube, das im Glanz der Sonne schimmert, und
alle die Wassertröpflein, die vom Tau oder vom Schnee oder vom Regen je
gefallen sind oder fallen werden, und wünschte, es hätte deren jegliches
ein süsses, aufdringendes Saitenspiel, wohlgenährt vom Safte meines
innigsten Herzens, und dass also ein neues, hochherziges Lob dem
geminnten, zarten Gott aufklänge von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und dann
zertrennten und zerteilten sich auf eine fröhliche Weise die
minnereichen Arme der Seele gegen die unsägliche Zahl aller Kreaturen,
und es war ihr Gedanke, sie alle darin eifrig zu machen, recht wie ein
freier, wohlgemuter Vorsänger die singenden Gesellen anspornt, fröhlich
zu singen und ihre Herzen zu Gott aufzubieten: _Sursum corda!_”
“Die zweite Vorstellung,” sprach er, “war also: Ich nahm in meine
Gedanken mein Herz und aller Menschen Herzen und überlegte, welche Lust
und Freude, was für Glück und Frieden die geniessen, die ihr Herz Gott
allein geben, und dagegen was für Schaden und Leiden, was für Qual und
Unruhe vergängliche Minne ihren Untertanen einträgt, und ich rief dann
mit grosser Sehnsucht zu meinem Herzen und den andern Herzen, wo sie
auch sein möchten in allen Enden dieser Welt: Wohlauf, ihr gefangenen
Herzen, aus den engen Banden vergänglicher Minne! Wohlauf, ihr
schlafenden Herzen, aus dem Tode der Sünde! Wohlauf, ihr üppigen Herzen,
aus der Lauheit eures trägen, lässigen Lebens! Hebt euch auf mit einer
gänzlichen ledigen Umkehr zu dem minniglichen Gott: _Sursum corda!_”
[Notes:
4: Kürschners Deutsche National-Litteratur, Vol. 12{2}, page 210.]
4
_From the ‘Farmer of Bohemia,’ Chapter 3: A bereaved husband
expostulates with Death for taking away his wife._[5]
Ich bin genannt ein Ackermann; von Vogelweid’ ist mein Pflug.[6] Ich
wohne im Böhmer Land. Gehässig, widerwärtig und widerstrebend soll ich
Euch [o Tod] immer mehr sein, denn Ihr habt mir den zwölften
Buchstaben,[7] meiner Freuden Hort, gar grausam aus dem Alphabet
entrückt. Ihr habt meiner Wonne lichte Sommerblume mir aus des Herzens
Anger auf ewig ausgerodet. Ihr habt meines Glückes Inbegriff, meine
auserwählte Turteltaube, arglistig entfremdet; Ihr habt
unwiederbringlichen Raub an mir getan. Erwägt es selber, ob ich nicht
billig zürne, wüte und klage; bin ich doch von Euch freudenreichen
Wesens beraubt, täglicher guter Lebtage verlustig gemacht, und aller
wonnebringenden Freuden benommen. Froh und freudig war ich ehemals zu
jeder Stunde; kurz und lustig war all meine Zeit Tag und Nacht in
gleichem Mass, beide freudenreich, überschwenglich reich. Jedes Jahr war
für mich ein gnadenreiches Jahr. Nun wird zu mir gesagt: Vorbei! bei
trübem Getränk, bei dürrem Ast, betrübt, schwarz und zerstört, bleib’
und heul’ ohne Unterlass! Also treibt mich der Wind; ich schwimme durch
des wilden Meeres Flut; die Wogen haben überhand genommen, mein Anker
haftet nirgends. Darum will ich schreien ohne Ende: Tod, seid verflucht!
[Notes:
5: Kürschners Deutsche National-Litteratur, Vol. 12{2}, page 145,
with comparison of Knieschek’s edition, Prag, 1877. The work
consists of thirty-two chapters in which, alternately, the
widower complains and Death replies. Then God, as judge, decides
in favor of Death: the body must die that the soul may live. The
whole ends with a fervid and eloquent prayer for the repose of the
dead wife’s soul.
6: It is conjectured that the author was a schoolmaster who chose
to call himself symbolically an _Ackermann_, that is, a ‘sower of
seed.’ Hence he says that his ‘plow’ comes from the birds; in
other words, it is a pen.
7: The letter M with which the dead wife’s name (Margareta) began.]
_From the same, Chapter 12, in which Death makes reply._
Könntest du richtig messen, wägen, zählen oder aus dem Kopfe dichten,
hieltest du nicht solche Rede. Du fluchst und bittest unvernünftig und
ohne alle Notdurft. Was taugt solcher Unsinn? Wir haben früher gesagt:
kunstreich, edel, ehrhaft, fruchtreich, artig,--alles, was lebet, muss
von unsern Händen zu Ende kommen. Doch schwatzest du und klagst, all
dein Glück sei an deinem frommen Weib gelegen. Soll nach deiner Meinung
Glück an Weibern liegen, wollen wir dir wohl raten, dass du immer bei
Glück bleibest. Warte nur, ob es dir nicht in Unglück gerät! Sage uns:
Da du zuerst dein löblich Weib nahmst, fandst du sie fromm oder machtest
du sie fromm? Hast du sie fromm gefunden, so suche vernünftiglich: du
findest noch viele fromme Frauen auf Erden; von denen eine dir zur
Ehefrau werden mag. Hast du sie aber fromm gemacht, so freue dich: du
bist der lebendige Meister, der noch ein frommes Weib und eine Frau
auferziehen kann. Ich sage dir noch mehr: je mehr dir Liebes wird, desto
mehr Leides widerfährt dir. Hättest du dich des Lieben enthalten,
würdest du jetzt des Leiden entbehren. Je mehr Liebes zu erfahren, desto
mehr Leides in Entbehrung des Lieben. Lieb’, Weib, Kind, Schatz und
alles irdisch Gut muss am Anfang etwas Freude und am Ende mehr Leides
bringen. Alles irdische Lieb muss zu Leide werden: Leid ist Liebes Ende;
der Freude End’ ist Trauer; nach Lust muss Unlust kommen; Willens Ende
ist Unwillen. Zu solchem Ende laufen alle lebendigen Dinge. Lern’ es
besser, willst du von Klugheit prahlen.
5
_From a sermon of Johann Geiler von Kaiserberg._[8]
Der Mensch, der Gott lieb hat und ihm anhängt allein darum, dass er ihm
das Himmelreich gebe, der hat Gott nicht recht lieb. Warum? Darum: sein
Gedanke an Gott ist nicht lauter; er denkt an sich selbst; er sucht
seinen eignen Nutzen. Ich sage nicht, dass du das Himmelreich nicht
begehren solltest, oder dass du Gott nicht darum bitten, ihm nicht darum
dienen solltest. Nein, ich verwerfe das nicht; die Schrift ist voll
davon, dass man Gott um das Himmelreich bitten sollte. Du sollst das
Himmelreich begehren, sollst Gott darum bitten; aber du sollst nicht da
stehen bleiben, dass du Gott allein darum dienest, und ihn allein darum
liebhabest, damit er dir das Himmelreich gebe, und anders nicht. Das
heisst nicht rechte Liebe; das ist Freundschaft um Freundschaft, wobei
einer dem andern eine Freundlichkeit tut, damit er es ihm
wiedervergelte; wie wenn du einem andern eine Wurst schenktest, damit er
dir dagegen eine Seite Speck schenke. Du tust ihm eine Freundlichkeit;
erwartetest du aber keine Freundlichkeit dagegen, du tätest ihm auch
keine. Das heisst nicht rechte Liebe: es ist Freundschaft um
Freundschaft. Aber das heisst rechte Liebe, dass einer einen lieb hat
nicht um der Gabe willen, oder weil er etwas von ihm erwartet; sondern
er hat ihn eben lieb; er gönnet ihm Gutes; er fördert seinen Nutzen; er
wendet Schaden von ihm ab, wo er kann und mag, ohne dass er
Wiedervergeltung erwartet. Der hat den andern recht lieb. Also tut der
Mensch, der Gott recht lieb hat, allein um dessentwillen, weil er solch
ein grosser Herr ist, dass er es würdig wäre; weil er der Höchste und
das beste Gut ist.
[Notes:
8: Kürschners Deutsche National-Litteratur, Vol. 12{2}, page 265.]
END OF PART FIRST