Da neigte sich Gunter hernieder zu der Flut.
Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann;
Also hätt’ auch gerne der kühne Siegfried getan.
Da entgalt er seiner höf’schen Zucht; den Bogen und das Schwert
Trug beiseite Hagen von dem Degen wert, 10
Dann sprang er zurücke, wo er den Wurfspiess fand,
Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand.
Als der edle Siegfried aus dem Brunnen trank,
Er schoss ihm durch das Kreuze,[9] dass aus der Wunde sprang
Das Blut von seinem Herzen hoch an Hagens Gewand; 15
Kein Held begeht wohl wieder solche Untat nach der Hand.
Den Gerschaft im Herzen liess er ihm stecken tief.
Wie im Fliehen Hagen da so grimmig lief,
So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann!
Als da Siegfried Kunde der schweren Wunde gewann, 20
Der Degen mit Toben von dem Brunnen sprang;
Ihm ragte von der Achsel eine Gerstange lang.
Nun wähnt’ er da zu finden Bogen oder Schwert,
Gewiss, so hätt’ er Hagnen den verdienten Lohn gewährt.
Als der Todwunde da sein Schwert nicht fand, 25
Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand,
Den rafft’ er von dem Brunnen und rannte Hagen an;
Da konnt’ ihm nicht entrinnen König Gunters Untertan.
Wie wund er war zum Tode, so kräftig doch er schlug,
Dass von dem Schilde nieder wirbelte genug 30
Des edeln Gesteines; der Schild zerbrach auch fast,
So gern gerochen hätte sich der herrliche Gast.
Da musste Hagen fallen von seiner Hand zu Tal,
Der Anger von den Schlägen erscholl im Wiederhall.
Hätt’ er sein Schwert in Händen, so wär’ es Hagens Tod. 35
Sehr zürnte der Wunde, es zwang ihn wahrhafte Not.
Seine Farbe war erblichen, er konnte nicht mehr stehn,
Seines Leibes Stärke musste ganz zergehn,
Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug;
Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug. 40
Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann,
Das Blut von seiner Wunde stromweis nieder rann;
Da begann er die zu schelten, ihn zwang die grosse Not,
Die da geraten hatten mit Untreue seinen Tod.
Da sprach der Todwunde: “Weh, ihr bösen Zagen, 45
Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen?
Ich war euch stets gewogen, und sterbe nun daran;
Ihr habt an euren Freunden leider übel getan.
Die sind davon bescholten, so viele noch geborn
Werden nach diesem Tage. Ihr habt euern Zorn 50
Allzusehr gerochen an dem Leben mein;
Mit Schanden geschieden sollt ihr von guten Recken sein.”
Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag,
Es war ihrer vielen ein freudeloser Tag.
Wer Treue kannt’ und Ehre, der hat ihn beklagt; 55
Das verdient’ auch wohl um alle dieser Degen unverzagt.
Der König der Burgunden klagt’ auch seinen Tod.
Da sprach der Todwunde: “Das tut nimmer Not,
Dass der um Schaden weine, von dem man ihn gewann;
Er verdient gross Schelten, er hätt’ es besser nicht getan.” 60
Da sprach der grimme Hagen: “Ich weiss nicht, was euch reut;
Nun hat doch gar ein Ende, was uns je gedräut.
Es gibt nun nicht manchen, der uns darf bestehn;
Wohl mir, dass seiner Herrschaft durch mich ein End’ ist geschehn.”
“Ihr mögt Euch leichtlich rühmen,” sprach der von Niederland; 65
“Hätt’ ich die mörderische Weis’ an Euch erkannt,
Vor Euch behütet hätt’ ich Leben wohl und Leib.
Mich dauert nichts auf Erden als Frau Kriemhild, mein Weib.
Nun mög’ es Gott erbarmen, dass ich gewann den Sohn,
Der jetzt auf alle Zeiten den Vorwurf hat davon, 70
Dass seine Freunde jemand meuchlerisch erschlagen;
Hätt’ ich Zeit und Weile, das müsst’ ich billig beklagen.”
“Wohl nimmer hat begangen so grossen Mord ein Mann,”
Sprach er zu dem König, “als Ihr an mir getan;
Ich erhielt Euch unbescholten in grosser Angst und Not; 75
Ihr habt mir schlimm vergolten, dass ich so wohl es Euch bot.”
Da sprach in Jammer weiter der todwunde Held:
“Wollt ihr, edler König, noch auf dieser Welt
An jemand Treue pflegen, so lasst befohlen sein
Doch auf Eure Gnade Euch die liebe Traute mein. 80
Es komm’ ihr zu Gute, dass sie Eure Schwester ist;
Bei aller Fürsten Tugend helft ihr zu jeder Frist.
Mein mögen lange harren mein Vater und mein Lehn;
Nie ist an liebem Freunde einem Weib so leid geschehn.”
Er krümmte sich in Schmerzen, wie ihm die Not gebot, 85
Und sprach aus jammerndem Herzen: “Mein mordlicher Tod
Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen;
Glaubt mir in rechten Treuen, ihr euch selber habt erschlagen.”
Die Blumen allenthalben waren vom Blute nass.
Da rang er mit dem Tode, nicht lange tat er das, 90
Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr.
Da konnte nicht mehr reden dieser Degen kühn und hehr.
[Notes:
8: The two queens have quarreled, and Hagen, as the faithful
liegeman of Brunhild, seeks the life of Siegfried, who is
invulnerable except in one spot on his back. At the end of a
day’s hunt in the Odenwald (across the Rhine from Worms) the
thirsty Siegfried races with Gunter and Hagen to a spring.
9: The silken cross which the unsuspecting Kriemhild has sewn
upon her husband’s corselet, in order that Hagen may protect him
from the spears of the enemy.]
_From Adventure 39: The end of the Nibelungs._[10]
Den Schild liess er fallen, seine Stärke, die war gross;
Hagnen von Tronje mit den Armen er umschloss.
So ward von ihm bezwungen dieser kühne Mann;
Gunter der edle darob zu trauern begann.
Hagnen band da Dietrich und führt’ ihn, wo er fand 5
Kriemhild die edle, und gab in ihre Hand
Den allerkühnsten Recken, der je Gewaffen trug;
Nach ihrem starken Leide ward sie da fröhlich genug.
Da neigte sich dem Degen vor Freuden Etzels Weib:
“Nun sei dir immer selig das Herz und auch der Leib; 10
Du hast mich wohl entschädigt aller meiner Not,
Ich will dir’s immer danken, es verwehr’ es denn der Tod.”
Da sprach der edle Dietrich: “Nun lasst ihn am Leben,
Edle Königstochter; es mag sich wohl begeben,
Dass Euch sein Dienst vergütet das Leid, das er Euch tat. 15
Er soll es nicht entgelten, dass Ihr ihn gebunden saht.”
Da liess sie Hagnen führen in ein Haftgemach,
Wo niemand ihn erschaute, und er verschlossen lag.
Gunter der edle hub da zu rufen an:
“Wo blieb der Held von Berne? Er hat mir Leides getan.” 20
Da ging ihm hin entgegen von Bern Herr Dieterich.
Gunters Kräfte waren stark und ritterlich;
Da säumt’ er sich nicht länger, er rannte vor den Saal.
Von ihrer beider Schwertern erhob sich mächtiger Schall.
So grossen Ruhm erstritten Dietrich seit alter Zeit, 25
In seinem Zorne tobte Gunter so im Streit,
Er war nach seinem Leide von Herzen feind dem Mann;
Ein Wunder musst’ es heissen, dass da Herr Dietrich entrann.
Sie waren alle beide so stark und mutesvoll,
Dass von ihren Schlägen Palast und Turm erscholl, 30
Als sie mit Schwertern hieben auf die Helme gut.
Da zeigte König Gunter einen herrlichen Mut.
Doch zwang ihn der von Berne, wie Hagnen war geschehn,
Man mochte durch den Panzer das Blut ihm fliessen sehn
Von einem scharfen Schwerte, das trug Herr Dieterich; 35
Doch hatte sich Herr Gunter gewehrt, der müde, ritterlich.
Der König ward gebunden von Dietrichens Hand,
Wie nimmer Kön’ge sollten leiden solch ein Band.
Er dachte, liess er ledig Guntern und seinen Mann,
Wem sie begegnen möchten, die müssten all den Tod empfahn. 40
Dietrich von Berne nahm ihn bei der Hand,
Er führt’ ihn hin gebunden, wo er Kriemhilden fand.
Ihr war mit seinem Leide des Kummers viel benommen.
Sie sprach: “König Gunter, nun seid mir höchlich willkommen.”
Er sprach: “Ich müsst’ Euch danken, vieledle Schwester mein, 45
Wenn Euer Gruss in Gnaden geschehen könnte sein;
Ich weiss Euch aber, Königin, so zornig von Mut,
Dass Ihr mir und Hagen solchen Gruss im Spotte tut.”
Da sprach der Held von Berne: “Königstochter hehr,
So gute Helden sah man als Geisel nimmermehr, 50
Als ich, edle Königin, bracht’ in Eure Hut;
Nun komme meine Freundschaft den Heimatlosen zu Gut.”
Sie sprach, sie tät’ es gerne. Da ging Herr Dieterich
Mit weinenden Augen von den Helden tugendlich.
Da rächte sich entsetzlich König Etzels Weib: 55
Den auserwählten Degen nahm sie Leben und Leib.
Sie liess sie gesondert in Gefängnis legen,
Dass sich nie im Leben wiedersahn die Degen,
Bis sie ihres Bruders Haupt hin vor Hagen trug.
Kriemhildens Rache ward an beiden grimm genug. 60
Hin ging die Königstochter, wo sie Hagen sah.
Wie feindselig sprach sie zu dem Recken da:
“Wollt Ihr mir wiedergeben was Ihr mir habt genommen,
So mögt Ihr wohl noch lebend heim zu den Burgunden kommen.”
Da sprach der grimme Hagen: “Die Red’ ist gar verloren, 65
Vieledle Königstochter. Den Eid hab’ ich geschworen,
Dass ich den Hort nicht zeige; so lange noch am Leben
Blieb’ einer meiner Herren, wird er niemand gegeben.”
“Ich bring’ es zu Ende,” sprach das edle Weib.
Dem Bruder nehmen liess sie Leben da und Leib. 70
Man schlug das Haupt ihm nieder, bei den Haaren sie es trug
Vor den Held von Tronje; da gewann er Leids genug.
Als der Unmutvolle seines Herrn Haupt ersah,
Wider Kriemhilden sprach der Recke da:
“Du hast’s nach deinem Willen zu Ende nun gebracht, 75
Es ist auch so ergangen, wie ich mir hatte gedacht.
Nun ist von Burgunden der edle König tot,
Geiselher der junge, dazu Herr Gernot.
Den Hort weiss nun niemand als Gott und ich allein;
Der soll dir Teufelsweibe immer wohl verhohlen sein.” 80
Sie sprach: “So habt Ihr üble Vergeltung mir gewährt;
So will ich doch behalten Siegfriedens Schwert.
Das trug mein holder Friedel, als ich zuletzt ihn sah,
An dem mir Herzensjammer vor allem Leide geschah.”
Sie zog es aus der Scheide, er konnt’ es nicht wehren, 85
Da dachte sie dem Recken, das Leben zu versehren.
Sie schwang es mit den Händen, das Haupt schlug sie ihm ab;
Das sah der König Etzel, dem es grossen Kummer gab.
“Weh!” rief der König: “wie ist hier gefällt
Von eines Weibes Händen der allerbeste Held, 90
Der je im Kampf gefochten und seinen Schildrand trug!
So feind ich ihm gewesen bin, mir ist leid um ihn genug.”
Da sprach Meister Hildebrand: “Es kommt ihr nicht zu Gut,
Dass sie ihn schlagen durfte; was man halt mir tut,
Ob er mich selber brachte in Angst und grosse Not, 95
Jedennoch will ich rächen dieses kühnen Tronjers Tod.”
Hildebrand im Zorne zu Kriemhilden sprang,
Er schlug der Königstochter einen Schwertesschwang.
Wohl schmerzten solche Dienste von dem Degen sie;
Was konnt’ es aber helfen, dass sie so ängstlich schrie? 100
Die da sterben sollten, die lagen all umher,
Zu Stücken lag verhauen die Königstochter hehr.
Dietrich und Etzel huben zu weinen an
Und jämmerlich zu klagen manchen Freund und Untertan.
Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod; 105
Die Leute hatten alle Jammer und Not.
Mit Leid war beendet des Königs Lustbarkeit,
Wie immer Leid die Freude am letzten Ende verleiht.
Ich kann euch nicht bescheiden, was seither geschah,
Als dass man immer weinen Christen und Heiden sah, 110
Die Ritter und die Frauen und manche schöne Maid;
Sie hatten um die Freunde das allergrösseste Leid.
Ich sag’ euch nicht weiter von der grossen Not.
Die da erschlagen waren, die lasst liegen tot.
Wie es auch im Heunland hernach dem Volk geriet, 115
Hier hat die Mär’ ein Ende. Das ist DAS NIBELUNGENLIED.
[Notes:
10: The widowed Kriemhild has married Etzel and lived several
years at the Hunnish court, always nursing plans of vengeance
against Hagen, who has not only killed her husband but robbed her
of her Nibelungen hoard. At last she invites her brothers to visit
her. In the fierce fights that take place at Kriemhild’s
instigation all the Burgundians have fallen except Gunter and
Hagen. The death of his liegemen at the hands of the Burgundians
constrains the mighty Dietrich of Bern to interfere.]
+XIX. GUDRUN+
A ballad epic of the Lowlands, in which ancient viking tales of
bride-stealing and sea-fighting have been worked over under the
influence of Christianity and chivalry. Although the only extant
manuscript dates from the early years of the 16th century, the poem
was probably composed about 1200,--not long after the Nibelungenlied,
the style of which it to some extent imitates. There are in all 1705
four-line strophes. The strophe is like that of the Nibelungenlied save
that the rimes _bb_ are feminine, and the final half-line has five
accents. This last feature gives to the verse a dragging effect which is
unpleasant to the modern ear.
The locus of the poem is the coast of the North Sea from Jutland to
Normandy. The story consists of a Hilde-saga and a Gudrun-saga, the
whole being preceded by an introductory account of Hilde’s lineage. She
is the daughter of ‘wild Hagen,’ King of Ireland, and is abducted, not
much against her will, by envoys of Hetel, King of the Hegelings. Gudrun
is the daughter of Hetel and Hilde. She betroths herself to Herwig of
Seeland, but is violently abducted, during the absence of her father’s
fighting men, by Hartmut of Normandy. The Hegelings pursue, and a great
fight takes place on the Wülpensand (near the mouth of the Scheldt).
King Hetel and many of his men are killed, and the Normans sneak away in
the night with the captured women. For fourteen years (while a new
generation of Hegelings is growing up) Gudrun lives as exile in
Normandy, faithful to her absent lover Herwig, and cruelly treated by
the fiendish mother of Hartmut because she refuses to take the Norman
for a husband. Then come rescue and revenge.
There are several translations, the most popular being, again, that of
Simrock. To illustrate the meter the first of the selections below is
given in Simrock’s rendering; the others are in the smoother translation
of Löschhorn, who ruthlessly amputates the two extra feet in the last
half-line.
_From Adventure 6: Horand the Dane, one of Hetel’s envoys, does some
wonderful singing, which captivates the princess Hilde._
Als die Nacht ein Ende nahm und es begann zu tagen,
Horand hub an zu singen, dass ringsum in den Hagen
Alle Vögel schwiegen vor seinem süssen Sange.
Die Leute, die da schliefen,
lagen in den Betten nicht mehr lange.
Sein Lied erklang ihm schöner und lauter immerdar, 5
Herr Hagen hört’ es selber, der bei Frau Hilde war.
Aus der Kemenate mussten sie zur Zinne,
Der Gast war wohl beraten;
die junge Königin ward des Sanges inne.
Des wilden Hagen Tochter und ihre Mägdelein
Sassen da und lauschten, wie selbst die Vögelein 10
Auf dem Königshofe vergassen ihr Getöne;
Wohl hörten auch die Helden,
wie der von Dänenlanden sang so schöne.
Als er schon das dritte Lied zu Ende sang,
Allen, die es hörten, währt’ es nicht zu lang.
Es däuchte sie in Wahrheit nur spannenlange Weile, 15
Wenn er immer sänge, während einer ritte tausend Meilen.
Als er gesungen hatte und von der Stelle ging,
Die Königstochter morgens wohl nie so froh empfing,
Die ihr die Kleider brachten, die sie sollte tragen.
Das edle Mägdlein schickte sie alsbald nach ihrem Vater Hagen. 20
Der König ging zur Stelle, wo er die Tochter fand.
In traulicher Weise war da des Mägdleins Hand
An ihres Vaters Kinne; sie wusst’ in ihn zu dringen.
Sie sprach: “Liebes Väterlein,
heiss ihn uns noch neue Lieder singen.”
Er sprach: “Liebe Tochter, wenn er zur Abendstund’ 25
Dir immer singen wollte, ich gäb’ ihm tausend Pfund.
Doch sind so hochfährtig des fremden Landes Söhne,
Dass uns hier am Hofe nicht so leicht erklingen seine Töne.”
Was sie bitten mochte, der König blieb nicht mehr.
Nun fliss sich wieder Horand, dass er nie vorher 30
So wundersam gesungen; die Siechen und Gesunden
Konnten nicht vom Platze, wo sie da wie angewurzelt stunden.
Die Tier’ im Walde liessen ihre Weide stehn;
Die Würme, die da sollten in dem Grase gehn,
Die Fische, die da sollten in dem Wasser fliessen, 35
Verliessen ihre Fährte;
wohl durft’ ihn seiner Künste nicht verdriessen.
Was er da singen mochte, das däuchte niemand lang,
Verleidet in den Chören war aller Pfaffen Sang.
Auch die Glocken klangen nicht mehr so wohl als eh’;
Allen, die ihn hörten, war nach Horanden weh. 40
Da liess ihn zu sich bringen das schöne Mägdelein;
Ohn’ ihres Vaters Wissen, gar heimlich sollt’ es sein.
So blieb es ihrer Mutter, Frau Hilden, auch verhohlen,
Dass der Held so heimlich sich zu ihrem Kämmerlein gestohlen.
_From Adventure 15: The abduction of Gudrun by the Normans._
Ludwig und Hartmut drangen in das hohe Tor,
Viel todeswunde Streiter liessen sie davor.
Eine edle Jungfrau zu weinen drob begann;
Viel Schaden ward von Feinden in Hetels Burg getan.
Von Ormanie der König gewann da frohen Mut.
Seine Zeichen trugen er und die Helden gut 5
Bis an den Saal der Feste. Da liess man von den Zinnen
Die lichten Fahnen flattern; Weh traf die Königinnen.
Hartmut, der schnelle Degen, zur schönen Kudrun geht.
Er spricht: “Edle Jungfrau, Ihr habt mich stets verschmäht; 10
Drum werden wir’s verschmähen, ich und die Freunde mein,
Dass wir Gefangene machen. Man hängt sie, gross und klein.”
Nichts mehr gab sie zur Antwort als: “Wehe, Vater mein!
Könntest du es wissen, dass man die Tochter dein
Gewaltsam wagt zu führen hinweg aus deinem Lande, 15
Du spartest der Verlass’nen den Schaden und die Schande.”
Gern wüsst’ ich, was wäre den Fremden wohl geschehn,
Wenn der grimme Wate hätte zugesehn,
Wie Hartmut der kühne durch den Saal geschritten kam,
Und mit ihm König Ludwig Kudrun gefangen nahm. 20
Wate und auch Hetel hätten es ihm verwehrt
Und manchen Helm zerhauen mit ihrem guten Schwert,
Wär’s ihnen nur verraten! Man sähe nimmermehr
Geführt die schöne Kudrun gefangen übers Meer.
Es standen alle Leute in trübem Sinn und Mut; 25
Nicht anders wär’ es heute. Man nahm da Hab’ und Gut
Mit Raub den armen Bürgern und trug es fort zugleich.
Glaubt mir, es wurde jeder von Hartmuts Recken reich.
Als sie genommen hatten Schätze und Gewand,
Führte man Frau Hilde hinaus an ihrer Hand. 30
Gern hätte auf die Zinnen man roten Brand gesetzt;
Dass einst die Rache folgte, wer dachte daran jetzt?
Hartmut befahl, es bleibe die Feste unversehrt.
Schnell das Land zu räumen hat der Fürst begehrt,
Eh’ man die üble Kunde hätt’ Hetel überbracht, 35
Der noch in Waleis kämpfte mit stolzer Heeresmacht.
“Auch sollt ihr Raub nicht nehmen,” sprach der Held Hartmut,
“Sind wir daheim, so zahl’ ich mit meines Vaters Gut.
Auch fahren wir um so leichter über die weite See.”
Ludwigs grimmes Wüten tat Kudruns Herzen weh. 40
Die Burg, die war gebrochen; die Stadt, die war verbrannt.
Da hatte man gefangen die besten, die man fand;
Zweiundzwanzig Frauen, minnigliche Maide,
Führten sie von dannen zu Hildes Herzeleide.
Wie traurig stand im Saale die edle Königin! 45
Sie schritt betrübten Herzens zu einem Fenster hin,
Zu grüssen die Gefangenen mit einem letzten Blick;
Es blieb manch edle Fraue klagend bei ihr zurück.
_From Adventure 17: The battle on the Wülpensand._
Es war ein breiter Werder, der Wülpensand genannt,
Da hatten Ludwigs Recken aus Normannenland
Für sich und ihre Rosse geschafft willkommne Rast.
Wie bald bedrängt’ die Frohen der grimmen Sorge Last!
Man führte aus den Schiffen auf den öden Strand 5
Die minniglichen Mädchen aus Hegelingenland.
Wie sie das Herz es lehrte, so klagten da die Frauen
Und liessen ihre Tränen die Feinde reichlich schauen.
Da sah der Schiffer einer auf den Wogen nahn
Ein Schiff mit vollen Segeln; dem König sagt’ er’s an. 10
Und als sie es erblickten, rief Hartmut und die Seinen:
“Pilger sind es. Sehet das Kreuz im Segel scheinen!”
Bald erschaute jeder drei Kiele fest und gut,
Dabei neun volle Kocken; die führten durch die Flut
Manchen, der noch nimmer zu Gottes Ruhm und Ehr’ 15
Ein Kreuz getragen hatte![1] Der Normann griff zur Wehr.
Bald waren sie so nahe, dass man die Helme sah
Auf dem Verdecke glänzen. Viel Not erhob sich da
Und mancher arge Schaden für Ludwig und sein Heer.
“Auf!” rief Hartmut, “uns suchen die Feinde über Meer.” 20
Nicht träge waren die Fremden, nah kamen sie dem Land,
Dass man schon knarren hörte die Ruder an dem Strand.
Dort standen zum Empfange in hellem Waffenkleid
Die Alten und die Jungen am Ufer schon bereit.
Laut rief der König Ludwig, den Seinen zugewandt: 25
“Ein Kinderspiel nur war es, was je im Kampf ich fand!
Heut gilt’s zum ersten Male mit guten Helden Streit.
Wer meiner Fahne folget, dem lohn’ ich’s alle Zeit.”
Hartmuts Feldzeichen trug man auf den Sand.
So nah schon waren die Schiffe, dass man mit der Hand 30
Die Speere konnte stossen zum Bord vom Ufer wild;
Nur wenig Musse gönnte Herr Wate seinem Schild.
So grimmig ward verteidigt niemals zuvor ein Land.
Die Hegelingenrecken drangen an den Strand,
Sie schwangen ohn’ Ermüden die Speere und das Schwert, 35
Sie tauschten scharfe Hiebe,-- die keiner doch begehrt.
Da galt es Speere werfen! Es dauerte gar lang,
Bis sie das Land gewannen. Der alte Wate sprang
Voll Ingrimm auf die Feinde und griff sie hurtig an;
Was er im Sinne hatte, bald ward es kund getan. 40
Es drang der König Ludwig auf Waten ein voll Wut.
Mit einem scharfen Speere traf er den Recken gut,
So dass die Stücke sprangen hoch auf in alle Winde.
Stark war der König Ludwig. Da kam das Ingesinde.
Auf den Helm des Königs das Schwert Herr Wate schwang, 45
Dass die scharfe Schneide bis auf das Haupt ihm drang.
Trüg’ er nicht unter der Brünne ein dichtes Hemd, geschnitten
Aus Abalier Seide, den Tod hätt’ er erlitten.
Wider den Degen Irolt der kühne Hartmut sprang.
Ihrer beider Waffe auf dem Helm erklang, 50
Es hallte das Schwertgetöse weit über die Schar dahin.
Wacker hielt sich Irolt, Hartmut war stark und kühn.
Herwig von Sewen, ein Held berühmt und gut,
Verfehlt’ im Sprung’ das Ufer; so sprang er in die Flut,
Dass er bis an die Achsel tief in dem Wasser stand, 55
Ein harter Dienst um Minne ward Herwig da bekannt.
Den edlen Recken wollten ertränken in der Flut
Seine grimmen Feinde. Viele Schäfte gut
Mussten an ihm splittern, er eilte auf den Sand
Entgegen seinen Feinden; nicht ruhte seine Hand. 60
Grössere Kampfesmühe ward niemals Helden kund.
Nie hat man so viel Recken gedrängt zum tiefen Grund.
Die ohne Wunden starben, versenkt ins wilde Meer,
Ihrer war von beiden Seiten ein ganzes Kriegesheer.
Als sie den Strand gewannen, sah man die Wasserflut 65
Aus tiefen Todeswunden gefärbt ringsum wie Blut.
Aus Freunden und aus Feinden ein purpurroter Fluss,
So breit--sein End’ erreichte nicht eines Speeres Schuss.
[Notes:
1: Hetel and his men have taken possession of some ships belonging
to a party of pilgrims. A _Kocke_ was a wide, blunt-pointed convoy.]
_From Adventure 21: The hard fate of Gudrun in Normandy._
Da bot man Hetels Tochter Burgen an und Land.
Weil keines sie begehrte, musste sie Gewand
Alle Tage waschen vom Morgen bis zur Nacht.
Drum sah man später Ludwig sieglos vor Herwigs Macht.
Es ging der Degen Hartmut, wo er die Seinen fand, 5
Er befahl in ihre Obhut die Leute und das Land,
Dann zog er in die Ferne. Er dacht’ in Sorgen schwer:
“Mich drängen viele Feinde; drum setz’ ich mich zur Wehr.”
Da sprach mit Wolfessinne die böse Frau Gerlind:
“Nun will ich, dass mir diene der stolzen Hilde Kind. 10
Weil sie in ihrer Bosheit sich dünkt so gut und treu,
Soll sie als Magd mir dienen; leicht wär’ vom Schmach sie frei.”
Darauf die edle Jungfrau: “Was ich leisten kann,
Das sei mit diesen Händen früh und spät getan;
Mit Fleiss und gutem Willen tu’ ich es immerdar, 15
Da mich mein herbes Schicksal schuf aller Freude bar.”
Da sprach die böse Gerlind: “Du sollst mein Gewand
Jeden Morgen tragen nieder an den Strand;
Du sollst die Kleider waschen mir und dem Ingesinde.
Und hüte dich, du Stolze, dass man dich müssig finde.” 20
Darauf die edle Jungfrau: “Fraue, hört mich an!
Nun lasst mich unterweisen, dass ich lernen kann,
Wie ich die Kleider wasche unten an dem Meer.
Ich mag nicht Freude haben, ja, quält mich nur noch mehr!”
Da hiess sie eine Wäscherin nieder an den Strand, 25
Dass sie es Kudrun lehrte, tragen das Gewand.
Die Fürstentochter diente in harter Pein und Not;
Niemand konnt’ es wehren; es war Gerlinds Gebot.
_From Adventure 28: The Hegelings take revenge; King Ludwig’s end._
Laut rief der edle Herwig: “Wer ist der Alte da?
Von seinen starken Händen schon vieles Leid geschah.
Er schlägt so tiefe Wunden mit seiner grossen Kraft,
Dass er daheim den Frauen viel Not und Wehe schafft.”
Das hörte König Ludwig, der Held von Normandie. 5
“Wer ist’s, der im Getümmel dort so gewaltig schrie?
Ich heisse König Ludwig und Normandie mein Reich.
Wer mich zum Kampfe fordert, dem achte ich mich gleich.”
Er sprach: “Ich heisse Herwig, und du stahlst mir mein Weib.
Das sollst du wieder geben, oder tot liegt hier ein Leib-- 10
Der meine oder deine-- und dazu mancher Held.”
Herr Ludwig drauf: “Mit Drohen hast du dich mir gestellt.
Doch sprachst du deine Beichte wahrhaftig ohne Not.
Ich schlug schon manchem andern die Anverwandten tot
Und nahm ihm seine Habe. Du, prahle nicht so sehr; 15
Die Gattin, die du forderst, küssest du nimmermehr.”
Kaum war das Wort gesprochen, da sprengten sie heran,
Beide aneinander. Mancher kühne Mann
Sprang an des Herren Seite aus des Getümmels Drang;
Es musste heiss sich mühen, wer da den Sieg errang. 20
Wohl war Herr Herwig wacker und seiner Stärke froh,
Doch schlug Herrn Hartmuts Vater den jungen König so,
Dass er begann zu sinken vor Ludwigs rauher Hand;
Gern hätt’ er ihn auf ewig getrennt vom Vaterland.
Wäre nicht so nah gewesen Herrn Herwigs gutes Heer, 25
Das vor dem Feind ihn schützte, er wäre nimmermehr
Von Ludwig geschieden anders als im Tod;
Den jungen Herren brachte der Held in grosse Not.
Sie halfen, dass das Fechten kein böses Ende nahm.
Als er von seinem Falle nun wieder zu sich kam, 30
Da hat nach einer Zinne[2] er schnell emporgeschaut,
Ob er darin erblickte wohl seines Herzens Traut.
Er dacht’ in seinem Herzen: “Ach, wie ist mir geschehn!
Wenn meine Herrin Kudrun hat meinen Fall gesehn,
Und wenn ich einst zum Weibe die Königin gewinne, 35
So wird sie mich drum schelten und weigern mir die Minne.
Dass mich der greise Recke hier hat zu Fall gebracht,
Muss billig mich beschämen.” Da hiess zu neuer Schlacht
Er seine Zeichen tragen dahin, wo Ludwig stand;
Nach drängten seine Helden mit Speer und Schildesrand. 40
In Ludwigs Rücken tobte der Hegelinge Heer;
Er kehrte sich zum Feinde und setzte sich zur Wehr.
Da rasselten die Hiebe, da krachte mancher Schaft;
Die in der Nähe standen, erprobten Ludwigs Kraft.
Es traf Kudruns Geliebter unterm Helm und überm Rand 45
Den alten König Ludwig mit heldenstarker Hand.
Er schlug ihm eine Wunde, dass man nicht länger stritt;
Da war’s, wo König Ludwig den grimmen Tod erlitt.
[Notes:
2: The fight takes place before the Norman castle.]
_From Adventure 29: The fate of Queen Gerlinde._
Da trat dahin auch eilend die böse Frau Gerlind;
Demütig fiel zu Füssen sie Hildes schönem Kind.
“Nun schütze uns, o Herrin, vor Wate,” war ihr Flehn;
“Denn du nur kannst es wenden, sonst ist’s um uns geschehn.”
“Dass Ihr um Gnade bittet, erhabene Königin, 5
Das höre ich nicht ungern; doch steht nicht so mein Sinn.
Wann durfte ich Euch bitten? Wann winktet Ihr Gewähr?
Ihr waret mir nie gnädig. Drum trifft mein Zorn Euch schwer.”
Als nun der alte Wate Herrn Ludwigs Königin sah,
Wie knirscht’ er mit den Zähnen! Näher trat er da, 10
Ihm funkelten die Augen, sein Bart war ellenbreit,
Vor dem von Stürmen bebte im Saale Mann und Maid.
Er fasste ihre Hände und zog zur Tür sie hin,
Da hub sie an zu jammern, die arge Königin.
Er sprach in blindem Zorne: “Fürstin stolz und hehr! 15
Für Euch wäscht meine Herrin die Kleider nimmermehr.”
Als er hinaus die Fürstin zog aus dem Gemach,
Da schaute manches Auge ihm voller Neugier nach.
Er fasste ihre Haare, wer hatt’ ihm das erlaubt?
Sein Zürnen war gewaltig, er schlug ihr ab das Haupt. 20
+XX. THE EARLIER MINNESINGERS+
‘Early’ means, roughly, from 1150 to 1190. The lyric poets of this
period were for the most part Austrian and Bavarian knights who lived
remote from the French border and were little influenced by the now
well-developed art of the troubadours and trouvères. They got their
impulse rather from the simple love-messages and dance-songs which had
long been current in Latin, probably also in artless German verses.
These trifles were now translated, so to speak, into the terms of
chivalrous sentiment. The art of the minnesingers culminated in the
fascinating songs of Walter von der Vogelweide, and then, as their
numbers increased, it gradually degenerated toward conventional inanity.
Of the selections below, the first five are by unknown authors. No. 1 is
preserved in a girl’s Latin letter to her lover; see _Des Minnesangs
Frühling_, by Lachmann and Haupt, page 221. No. 2 is found at the end of
a Latin poem; see Vogt and Koch’s _Geschichte der deutschen Literatur_,
2nd edition, page 87. The translations of Nos. 6, 8, and 9 are also from
Vogt and Koch; the others are those of Kinzel as found in Bötticher and
Kinzel’s _Denkmäler_.
+1+
+Mein.+
Du bist mein, ich bin dein:
Des sollst du gewiss sein.
Du bist beschlossen
In meinem Herzen.
Verloren ist das Schlüsselein,
Du sollst immer drinnen sein.
+2+
+Tanzlust des Mädchens.+
Alles Trauern werf’ ich hin,
Auf die Heide steht mein Sinn;
Kommt, ihr Trautgespielen mein,
Dort zu sehn der Blumen Schein.
Ich sage dir, ich sage dir,
Meine Freundin, komm mit mir.
Minne süss, Minne rein,
Mache mir ein Kränzelein:
Tragen soll’s ein stolzer Mann,
Der wohl Frauen dienen kann.
Ich sage dir, ich sage dir,
Meine Freundin, komm mit mir.
+3+
+Frühlingswonne.+
Noch keinen Sommer sah ich je,
Der so lieblich deuchte mich.
Mit wie viel schönen Blumen hat
Die Heide heut gezieret sich!
Der Wald ist eitel Sanges voll,
Die Zeit, die tut den kleinen Vögeln wohl.
+4+
+Gruss.+
Der aller Welten Meister ist,
Der geb’ der Lieben guten Tag,
Von der ich wohl getröstet bin.
Sie hat mir all mein Ungemach
Durch ihre Freundlichkeit genommen,
Hat mich vor Untreu wohl bewahrt:
In ihre Gunst bin ich gekommen.
+5+
+Zum Reihen!+
Lasst springen den Reihen
Uns, Fraue mein,
Uns freuen des Maien,
Uns kommet sein Schein.
Der vordem der Heide
Bracht’ schmerzliche Not,
Der Schnee ist zergangen,
Und sie ist umfangen
Von Blumen so rot.
+6+
+Herr von Kürenberg: Der Falke.+
Ich zog mir einen Falken länger denn ein Jahr.
Da er nach meinem Wunsche nun gezähmet war,
Und ich ihm sein Gefieder mit Golde schön umwand,
Hoch stieg er in die Lüfte und flog dahin in fremdes Land.
Und nun hab’ ich ihn wieder in stolzem Flug erblickt,
Es hält die seidne Fessel ihm noch den Fuss umstrickt,
Ganz rot ihm das Gefieder vom goldnen Schmucke scheint:
Gott sende die zusammen, die in Liebe wären gern vereint!
+7+
+Dietmar von Eist: Erinnerung.+
Oben auf der Linde
Ein kleiner Vogel lieblich sang,
Vor dem Wald es hell erklang.
Da flog mein Herz geschwinde
An einen wohlbekannten Ort;
Viel Rosenblumen sah ich stehn.
Die mahnen die Gedanken mein
Dass sie zu einer Jungfrau gehn.
+8+
+Dietmar von Eist: Der Falke.+
Es stand eine Frau alleine
Und blickte über die Heide,
Blickt’ aus nach ihrem Lieben.
Einen Falken sah sie fliegen:
“Wie glücklich, Falke, du doch bist!
Du fliegst, wohin dir’s lieb ist.
Du erwählest in dem Walde
Einen Baum dir nach Gefallen.
Also hab’ auch ich getan:
Ich selbst erwählte mir den Mann,
Der wohlgefiel den Augen;
Das neiden andre Frauen.
Ach, liessen sie mir doch mein Lieb,
Da mich zu ihren Trauten nie Verlangen trieb!”
+9+
+Dietmar von Eist: Tagelied.+
“Schläfst du, holder Liebling du?
Man weckt uns, ach, nach kurzer Ruh’:
Schon hört’ ich, wie mit schönem Sang
Ein Vöglein auf der Linde Zweig sich schwang.”
“Von Schlafes Hülle sanft bedeckt,
Werd’ ich durch dein ‘Wach auf!’ geschreckt:
So folgt auf Liebes stets das Leid;
Doch, was du auch befiehlst, ich bin bereit.”
Aus ihrem Äug’ die Träne rann:
“Du gehst, verlassen bin ich dann.
Wann kehrst du wieder her zu mir?
Ach, meine Freude führst du fort mit dir.”
+10+
+Heinrich von Veldeke: Vogelsang.+
So in den Aprillen
Die Blumen entspringen,
Sich lauben die Linden
Und grünen die Buchen,
So mögen nach Willen
Die Vögelein singen.
Denn Minne sie finden,
Allda sie sie suchen,
Bei ihrem Genoss. Ihr Frohsinn ist gross;
Des nie mich verdross.
Denn sie schwiegen all den Winter stille.
Da sie an dem Reise
Die Blumen sahn prangen
Und Blätter entspringen,
Da hörte man schöne
Oft wechselnde Weise,
Wie vordem sie sangen.
Sie hoben ihr Singen
Mit lautem Getöne
Niedrig und hoch. Mein Sinn steht also:
Bin heiter und froh.
Recht ist’s, dass ich laut mein Glück preise.
+11+
+Reinmar der Alte: Glücksverkündigung.+
Froh bin ich der Märe,
Die ich hab’ vernommen,
Dass des Winters Schwere
Will zu Ende kommen.
Kaum erwart’ ich noch die Zeit,
Denn ich hatte nichts als Leid,
Seit die Welt rings war verschneit.
Hassen wird mich keiner,
Wenn ich fröhlich bin;
Weiss Gott! tät’ es einer,
Wär’s verkehrter Sinn.
Niemand ich ja schaden kann.
Wenn _sie_ Gutes mir tut an,
Was geht’s einen andern an?
Sollt’ ich meine Liebe
Bergen und verhehln,
Müsst’ ich ja zum Diebe
Werden und gar stehln.
Nein, das kommt mir nicht zu Sinn,
Weil ich gar zu fröhlich bin,
Geh’ ich hier, geh’ dort ich hin.
Spielt sie mit dem Balle,
In der Mägdlein Chor:
Dass sie nur nicht falle,
Da sei Gott davor!
Mädchen, lasst eu’r Drängen sein!
Stosset ihr mein Mägdelein,
Halb dann ist der Schade mein.
+12+
+Friedrich von Hausen: Zwiespalt.+
Es will mein Herze und mein Leib sich scheiden;
So lange waren innig sie gesellt!
Mein Leib will einzig kämpfen mit den Heiden,
Doch hat mein Herz ein andres sich erwählt
Vor aller Welt. Wie quält es mich so sehr,
Dass Herz und Leib sich nicht mehr folgen beide!
Viel taten meine Augen mir zu Leide.
Entscheiden kann den Streit allein der Herr.
Von solchen Nöten glaubt’ ich mich errettet,
Da ich das Kreuz annahm zur Ehr’ des Herrn,
Mein Herze enger nur mit mir verkettet;
Doch bleibt beständig es in weiter Fern.
Welch reiches Leben sollte mir erstehn,
Liess fahren nur mein Herz sein töricht Streben.
Doch fragt es, merk’ ich, nichts nach meinem Leben,
Und wie es mir am Ende soll ergehn.
Doch, da ich, Herz, es nimmermehr kann wenden,
Dass du mich traurig lässt und einsam hier,
So bitt’ ich Gott, dass er dich wolle senden,
Dahin, wo man sich freundlich neiget dir.
O weh! Wie wird sich enden doch dein Wahn!
Wie durftest du entfliehen meinen Händen?
Wer soll dir deinen Kummer helfen enden
So treulich, wie ich sonst es hab’ getan?
+13+
+Spervogel: Weibes Tugend.+
Ob auch ein reines Weib nicht reiche Kleidung trägt,
Doch kleidet ihre Tugend sie, wer’s recht erwägt,
Dass sie so schön geblümet geht,
So wie die lichte Sonne steht
An einem Tag mit vollem Glanz,
Erstrahlend hell und reine.--
So viel die Falsche sich mit Kleidern schmückt,
Ihre Ehre bleibt doch kleine.
+14+
+Spervogel: Priamel.+[1]
Wer einen Freund will suchen,
Wo er niemand traut,
Und spürt des Wildes Fährte,
Wenn der Schnee schon taut,
Kauft ungesehn der Ware viel,
Und hält noch aufgegebenes Spiel,
Und dient nur bei geringem Mann,
Wo ohne Lohn er bleibet:
Den wird es einmal noch gereun,
Wenn er’s zu lange treibet. 10
[Notes:
1: From Latin _praeambulum_; a gleeman’s ‘prelude.’]
+XXI. WALTER VON DER VOGELWEIDE+
The greatest of medieval lyrists. He was an Austrian, of knightly rank
but poor, and was born about 1170. He led a wandering life, visiting
many courts, taking a deep interest in public affairs and distinguishing
himself by his matchless songs and _Sprüche_. In 1215 Emperor Friedrich
II gave him a small estate near Würzburg. He died about 1230.
There are many translations of Walter, the best being by Simrock (1832),
Panier (1878), Kleber (1894), and Eigenbrodt (1898). The translations
below are from the sumptuous work of J. Nickol, Düsseldorf, 1904, which
is itself eclectic and aims to give, for each poem, the best translation
that could be found. No. 1 is by Pfaff, No. 2 by Simrock, 3 by
Eigenbrodt, 4, 5, 6, 10 by Nickol, 7, 9, 11 by Panier, 8, 12 by Kleber.
+1+
+Maienlust.+
Wollt ihr schauen, was dem Maien
Wunders ist beschert?
Seht die Pfaffen, seht die Laien,
Wie das alles fährt!
Gross ist sein’ Gewalt: 5
Hat er Zauber sich ersonnen?
Wo er kommt mit seinen Wonnen,
Da ist niemand alt.
Uns soll alles wohl gelingen,
Fröhlich woll’n wir sein. 10
Lasst uns tanzen, lachen, singen,
Doch in Züchten fein.
Weh! Wer wär’ nicht froh,
Seit die Vöglein also schöne
Singen ihre besten Töne? 15
Tun wir auch also!
Wohl dir, Maie, dass du leidest
Weder Hass noch Streit!
Wie du schön die Bäume kleidest
Und die Heide weit! 20
Die hat Farben viel.
“Du bist kurzer, ich bin langer:”
Also streiten auf dem Anger
Blumen sich im Spiel.
Roter Mund, sollst dich bezähmen, 25
Lass dein Lachen sein!
Ach, es kann dich nur beschämen,
So zu spotten mein.
Ist das wohl getan?
Wehe der verlornen Stunde, 30
Soll von minniglichem Munde
Unminn’ ich empfahn!
Was mir alle Freude störet,
Seid Ihr, Frau, allein.
Ihr nur habt mich ja betöret, 35
So erbarmt Euch mein.
Wie steht Euch der Mut?
Wollt Ihr mir zu allen Tagen
Eure Gnade ganz versagen,
So seid Ihr nicht gut. 40
Lasst die Sorgen von mir scheiden,
Macht mir lieb die Zeit!
Sonst muss ich die Freude meiden,
Dass Ihr selig seid.
Wollt Ihr um Euch sehn? 45
Alles freut sich im Vereine,
Lasst von Euch auch eine kleine
Freude mir geschehn!
+2+
+Frühling und Frauen.+
Wenn die Blumen aus dem Grase dringen,
Gleich als lachten sie hinauf zur Sonne,
Des Morgens früh an einem Maientag,
Und die kleinen Vöglein lieblich singen
Ihre schönsten Weisen: welche Wonne 5
Hat wohl die Welt, die so erfreuen mag?
Man glaubt sich halb im Himmelreiche.
Wollt ihr hören, was sich dem vergleiche,
So sage ich, was wohler doch
Schon öfter an den Augen tat 10
und immer tut, erschau’ ich’s noch.
Denkt, ein edles, schönes Fräulein schreite
Wohlbekleidet, wohlbekränzt hernieder,
Sich unter Leuten fröhlich zu ergehn,
Hochgemut im fürstlichen Geleite,
Etwas um sich blickend hin und wieder, 15
Wie Sonne neben Sternen anzusehn:
Der Mai mit allen Wundergaben
Kann doch nichts so Wonnigliches haben
Als ihr viel minniglicher Leib;
Wir lassen alle Blumen stehn 20
und blicken nach dem werten Weib.
Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen:
Gehn wir zu des Maien Lustbereiche,
Der ist mit seinem ganzen Heere da.
Schauet ihn und schauet edle Frauen,
Was dem andern wohl an Schönheit weiche. 25
Ob ich mir nicht das bessre Teil ersah.
Ja, wenn mich einer wählen hiesse,
Dass ich eines für das andre liesse,
Ach, wie so bald entschied’ ich mich:
Herr Mai, ihr müsstet Jänner sein, 30
eh’ ich von meiner Herrin wich’.
+3+
+Schönheit und Tugend.+
Heil sei der Stunde, da sie mir erschienen,
Die mir den Leib und die Seele bezwungen!
Alle Gedanken ihr einziglich dienen;
Das ist mit Güte der Guten gelungen.
Dass ich nicht lassen und meiden sie kann,
Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht
Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
Seele und Sinne, die hab’ ich gewendet
Auf die Vielreine, die Liebe, die Gute.
Werde uns beiden noch lieblich vollendet,
Was zu gewähren sie hold mir geruhte!
Was ich an Freude auf Erden gewann,
Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht
Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
+4+
+Das Tröstelein+
In einem zweifelvollen Wahn
War ich gesessen und gedachte
Zu lassen ihren Dienst fortan,
Als mich ein Trost ihr wiederbrachte.
Trost mag es wohl nicht heissen, denn zur Stund’
Ist es ja kaum ein kleines Tröstelein,
So klein, wenn ich’s euch sag’, ihr spottet mein.
Doch Freude ist erlaubt auch aus geringem Grund.
Mich hat ein Halm gemachet froh,
Der sagt, ich solle Gnade finden.
Ich mass dasselbe kleine Stroh,
Wie ich zuvor es sah bei Kinden.
Nun höret denn und merket wohl, ob sie es tu’:
“Sie tut, tut’s nicht, sie tut, tut’s nicht, sie tut.”
Wie oft ich mass, so war noch je das Ende gut.
Das tröstet mich, doch da gehöret Glaube zu.
Wie lieb sie mir von Herzen sei,
So kann ich es gar wohl noch leiden,
Zählt sie mich nur den Besten bei;
Ich darf ihr Werben ihr nicht neiden.
Wie ich es kann erkennen, glaub’ ich nicht,
Dass sie ein andrer wankend machen möge;
Ich wollte, die Getäuschten sähn, dass Wahn sie tröge,
Denn allzulange schon hört sie auf jeden Wicht.
+5+
+Wert der Minne.+
Was soll ein Mann, der nicht begehrt
Zu werben um ein reines Weib?
Bleibt er von ihr auch unerhört,
Es hebt ihm Seele doch und Leib.
Er tu’ um Einer willen so, 5
Dass er den andern wohlbehagt,
Dann macht ihn wohl die Eine froh,
Wenn sich die Andre ihm versagt.
Des achte, wenn er liebt, der Mann,
Viel Glück und Ehre liegt daran. 10
Wer guten Weibes Minne hat,
Der schämt sich keiner Missetat.
+6+
+Doppelzüngigkeit.+[1]
Gott gibt zum König, wen er will;
Darüber wundr’ ich mich nicht viel:
Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre,
Was sie gelehrt vor wenig Tagen,
Dass woll’n sie heut schon anders sagen.
Nun denn, bei Gott und eurer eignen Ehre,
So sagt uns denn in Treue,
Mit welcher Red’ ihr uns betrogen.
Erkläret uns die eine recht von Grunde,
Die alte oder neue.
Uns dünket, eines sei gelogen;
Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.
[Notes:
1: Pope Innocent III was at first a partisan of Otto the Saxon and
consecrated him as emperor. But when Otto invaded Italy in 1210
the Pope turned against him and excommunicated him.]
+7+
+Glückes Ungunst.+
Frau Glück verteilet rings um mich
Und kehret mir den Rücken zu.
Sie will nicht mein erbarmen sich;
Ich weiss nicht, was ich dazu tu’.
Sie zeigt nicht gern ihr Antlitz mir,
Lauf ich um sie herum, bin ich doch hinter ihr
Denn ihr beliebt’s nicht mich zu sehn;
Ich möcht’, dass ihr die Augen an den Nacken ständen,
dann müsst’s ohn’ ihren Wunsch geschehn.
+8+
+Das Lehen.+
Ich hab’ ein Lehen, alle Welt, ich hab’ ein Lehen!
Jetzt fürcht’ ich weder mehr den Hornung an den Zehen,
Noch will die bösen Herrn um ihre Gunst ich flehen.
Der edle Herr, der milde Herr hat mich beraten,
Dass ich im Sommer Luft, im Winter Wärme haben kann.
Die Nachbarn sehn mich jetzt mit andern Augen an,
Sie sehn nicht mehr den Butzemann in mir, wie sie es taten.
Zu lange war ich arm, das weiss ich keinem Dank;
Ich war so voll des Scheltens, dass mein Atem stank.
Den hat der König rein gemacht, dazu auch meinen Sang.
+9+
+Morgengebet.+
Mit Segen lass mich heut erstehn,
Herr Gott, in deiner Obhut gehn
Und reiten, wo hinaus mein Fuss sich kehre.
Herr Christ, lass sichtbar an mir sein
Die grosse Kraft der Güte dein 5
Und schütze mich um deiner Mutter Ehre.
Wie ihrer Gottes Engel pflag
Und dein, der in der Krippe lag,
Jung als Mensch und alt als Gott,
Demütig vor dem Esel und dem Rinde, 10
Und dennoch schon in fester Hut
Hielt Joseph sie und dich so gut
Wohl mit Treuen sonder Spott:
So schütz’ auch mich, dass man gehorsam finde
Mich deinem göttlichen Gebot. 15
+10+
+Die drei Dinge.+
Ich sass auf einem Steine
Und deckte Bein mit Beine.
Darauf setzt’ ich den Ellenbogen;
Ich hatt’ in meine Hand gezogen
Das Kinn und eine Wange. 5
Da dachte ich gar bange,
Wie man auf Erden sollte leben;
Doch keinen Rat konnt’ ich mir geben,
Wie man drei Ding’ erwürbe,
Dass keins davon verdürbe. 10
Die zwei sind Ehr’ und fahrend Gut,
Das oft einander Schaden tut;
Das dritt’ ist Gottes Segen,
Daran ist mehr gelegen.
Die wünscht’ ich gern in einen Schrein. 15
Ja, leider mag das nimmer sein,
Dass Gut und weltlich’ Ehre
Und Gottes Huld, die hehre,
Je wieder in Ein Herze kommen.
Ihnen ist Weg und Steg benommen: 20
Untreue liegt im Hinterhalt,
Und auf der Strasse fährt Gewalt;
Friede und Recht sind beide wund,
Die dreie finden kein Geleit,
die zwei denn werden erst gesund.
+11+
+Abschied von der Welt.+
Frau Welt, Ihr sollt dem Wirte sagen,
Dass ich ihn ganz bezahlet habe;
All meine Schuld sei abgetragen,
Dass er mich aus dem Schuldbrief schabe.
Wer ihm was soll, der mag wohl sorgen;
Eh’ ich ihm lange schuldig blieb,
eh’r wollt’ ich bei den Juden borgen.
Er schweiget bis auf einen Tag,
Dann aber nimmt er sich ein Pfand,
wenn jener nicht bezahlen mag.
+12+
+Elegie.+
O weh, wohin entschwunden sind alle meine Jahr!
Ist mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr?
Was ich je wirklich wähnte, war’s nur ein Traumgesicht?
So hab’ ich denn geschlafen, und ich weiss es nicht!
Jetzt bin ich erwacht, und ist mir unbekannt, 5
Was mir vordem war kundig, wie meine rechte Hand.
Leut’ und Land, da ich von Kindheit an erzogen,
Die sind mir fremd geworden, als ob es sei erlogen;
Die mir Gespielen waren, die sind träg’ und alt,
Geackert ist das Feld, gehauen ist der Wald. 10
Wenn nicht das Wasser flösse, wie es weiland floss,
Fürwahr, ich wähnte, mein Unglück es wär’ gross.
So kalt grüsst jetzt mich mancher,
der einst mich wohl gekannt;
Voll Not und Trübsal ist die Welt in Stadt und Land.
So ich gedenk’ an manchen wonniglichen Tag, 15
Die sind mir entfallen, recht wie ins Meer ein Schlag.
Immermehr o weh!
O weh, wie jämmerlich doch junges Volk jetzt tut,
Dem ehmals nie verzagte in der Brust der Mut!
Die tragen sich mit Sorgen, weh, was tun sie so! 20
Wohin ich immer blicke, keinen seh’ ich froh.
Tanzen, Lachen, Singen, vergeht vor Sorgen gar;
Nie sah man unter Christen so jämmerliche Schar.
Seht nur der Frauen Schmuck, der einst so zierlich stand;
Die stolzen Ritter tragen bäurisches Gewand. 25
Uns sind ungnädige Briefe[2] her von Rom gekommen;
Uns ist erlaubt zu trauern, und Freude gar benommen.
Das schmerzt mich tief im Herzen--wir lebten einst so wohl--
Dass ich nun für mein Lachen Weinen tauschen soll.
Die Vöglein in dem Walde betrübet unsre Klage, 30
Was Wunder, wenn auch ich darüber schier verzage?
Doch, ach, was sprech’ ich Tor in meinem sündigen Zorn?
Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn.
Immermehr o weh!
O weh, wie ward uns Gift mit Süssigkeit gegeben! 35
Die Galle seh’ ich mitten in dem Honig schweben.
Die Welt ist aussen lieblich, weiss und grün und rot,
Doch innen schwarzer Farbe, finster wie der Tod.
Wen sie verleitet habe, der suche Trost bei Zeit;
Er wird mit leichter Busse von schwerer Schuld befreit. 40
Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding!
Ihr tragt die lichten Helme und manchen harten Ring,
Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwert;
Wollte Gott, ich wäre für ihn zu streiten wert!
So wollt’ ich armer Mann verdienen reichen Sold; 45
Nicht mein’ ich Hufen Landes, noch der Herren Gold.
Ich möchte jene ewigliche Krone tragen,
Ein Söldner könnte sie wohl mit seinem Speer erjagen.
Könnt’ ich die teure Reise fahren über See,
So wollt’ ich wieder singen “wohl” und nimmermehr “o weh,” 50
Nimmermehr o weh!
[Notes:
2: The pope’s excommunication of Emperor Friedrich II, in
September, 1228.]
+XXII. HEINRICH VON VELDEKE’S ENEID+
A Low German poem of 13,528 verses, completed between 1184 and 1190. Its
author was a Netherlander of knightly rank who finished his poem in
Thuringia and was regarded by his successors as the father of the riming
love-romance. His chief source was an Old French _Roman d’Enéas_, but he
dealt very freely with his French text, omitting much, adding much and
making some use, possibly, of the Latin original.
_Lines 1450-1534: The love-smitten Dido confides in her sister Anna._
Sie ging in ihre Kemenate, 1450
Wo ihre Frauen lagen.
Als die sie kommen sahen,
Waren sie all’ in Sorgen:
Es war doch früh am Morgen.
Sie hatte grosses Ungemach; 1455
Bedeutungsvoll sie sprach
Zu ihrer Schwester Annen;
Die führte sie von dannen
In ihre Kemenate wieder.
Sie fiel am Bette nieder 1460
Und klagte ihr ihr Ungemach,
Wie sie die ganze Nacht
Schlaflos geblieben war.
Sie seufzte tief fürwahr,
Gar traurig war ihr Sinn, 1465
Sie sprach: “Mein’ Ehr’ ist hin.”
“Fraue Schwester Dido,”
Sprach Anna, “wie denn so?
Sagt, was ist Eure Not?”
“Schwester, ich bin fast tot.” 1470
“Erkranktet Ihr? Zu welcher Stund’?”
“Schwester, ich bin ganz gesund,
Doch kann ich nicht genesen.”
“Schwester, wie mag das wesen?
Ich meine, Frau, ‘s ist Minne.” 1475
“Ja, Schwester, zum Wahnsinne.”
“Warum betragt Ihr Euch also,
Liebe Fraue Dido?
Was wollt Ihr so verderben?
Ihr dürft nicht an Minne sterben. 1480
Ihr mögt sehr wohl genesen
Und nachher glücklich wesen.
Es ist kein Mann auf Erden,
Der nicht Euer könnte werden,
Der nicht froh wär’ Eurer Minnen; 1485
Ihr sollt Euch bass besinnen.”
Da versetzte Frau Dido:
“Es steht mir nicht also.
Wahr ist es in der Tat,
Ich sollte finden andern Rat; 1490
Ich tät’ es, wär’s in meiner Wahl.
Ihr wisset, dass ich dem Gemahl
Sicheus gelobte und verhiess,
Der mir ein gross Gut hinterliess
Und auch grosse Ehr’, 1495
Dass ich nun nimmermehr
Einen Mann würde nehmen,
Was für Freier immer kämen.”
Da sprach aber Anna:
“Ihr redet von dem Manne 1500
Allzuviel und ohne Not.
Er ist seit vielen Tagen tot.
Wo steht denn Euer Sinn?
Wie hätte er Gewinn,
Wenn Ihr jetzt verdürbet 1505
Und törichterweise stürbet?
Ihr braucht nicht Euer Leben
Seinetwegen zu vergeben.
Er könnt’ es Euch nicht lohnen.
Ihr sollt Euch selber schonen. 1510
Die Rede, die Ihr tut,
Sie ist ja gar nicht gut.
Lasst solche Rede sein
Und folgt dem Rate mein;
Das ist grössere Weisheit. 1515
Sagt mir nur die Wahrheit:
Wer ist der selige Mann,
Dem Gott es gönnen kann,
Dass Ihr ihn wollt minnen?
Das gebt mir zu besinnen. 1520
Ich will Euch raten dann
So gut, wie ich es kann,
Weil ich Euch Gutes gönne.
Ob ich so raten könne,
Dass Ihr damit gedienet seid? 1525
Nun sagt es mir, es ist ja Zeit.”
Sie sprach: “Ich will’s nicht hehlen.
Ich will Euch jetzt befehlen
Ehre so wohl als Leben.
Ihr sollt mir Rat drauf geben. 1530
Es ist,” sprach sie, “ein Mann,
Dem keiner gleichen kann.
Ich muss verraten seinen Nam’
Trotz meiner grossen Scham;
Das Nennen tut mir weh. 1535
Er heisset,” sprach sie, “E”--
Und nach dem NE ward es gar lang,
So sehr die Minne sie bezwang,
Bevor sie deutlich sagte AS;--
Dann wusste Anna, wer er was. 1540
_Lines 9735-9820: Pending the fight between Eneas and Turnus, Lavinia
hears of Minne from her mother._
Da nun zwischen beiden 9735
Der Zweikampf sollt’ entscheiden,
Recht war es ihrer Tapferkeit.
Sie machten sich bereit
Mit mannlichem Sinn.
Da ging die Königin 9740
Eines Abends spat
In ihre Kemenat
Und rief die Tochter zu sich,
Eine Jungfrau minniglich.
Zu reden sie begonnte, 9745
Wie sie es wohl konnte,
Mit sehr klugem Sinn.
Es sprach die Königin:
“Lavine, schönes Mägdelein,
Du liebe Tochter mein, 9750
Vielleicht es nun so endet,
Dass der Vater dir entwendet
Grosses Gut und grosse Ehr’:
Turnus, der edle Herr,
Der deine Minne stark begehrt, 9755
Ist deiner durchaus wert;
Des hab’ ich sichere Kunde.
Und wärest du zur Stunde
Tausendmal so schön und gut,
Du könntest billig deinen Mut 9760
Dem tapfern Mann zukehren;
Ich gönne dir die Ehren.
Ich will, dass du ihn minnest,
Und dabei auch erkennest,
Dass er ein edler Herr. 9765
Drum lob’ ich dir so sehr
Den Helden wonnesam.
Sei doch Eneas gram,
Jenem Trojaner schlecht,
Der ihn erschlagen möcht’, 9770
Der dich im Herzen trägt
Dir ist’s ja auferlegt,
Ihm Ungunst zu erzeigen
Und stetiges Abneigen,
Ihm keine Ehr’ zu zollen, 9775
Ihm Gutes nicht zu wollen.
Du sollst ihm bleiben kalt,
Weil er dich mit Gewalt
Nun wähnet zu gewinnen.
Er strebt nach deiner Minnen 9780
Nur wegen deines Gutes:
Was er bestrebt, er tut es,
Damit er dich erwerbe
Und mit dir nun als Erbe
Gewinne auch zugleich 9785
Deines Vaters Reich.
Du tätest, wie ich wollt’,
Würdest du Turnus hold.”
“Womit soll ich ihn minnen?”
“Mit Herzen und mit Sinnen.” 9790
“Soll ihm mein Herze geben?
Wie könnte ich dann leben?”
“Unwissend bist du, wie man sieht.”
“Was, wenn es nicht geschieht?”
“Was, wenn’s geschehen tut?” 9795
“Wie kann ich meinen Mut
Einem Manne zukehren?”
“Die Minne wird’s dich lehren.”
“Um Gotteswillen, was ist Minne?”
“Sie ist vom Urbeginne 9800
Der Erde Herrscherin
Und bleibt’s auch fernerhin
Bis zu dem jüngsten Tag.
In keiner Weise mag
Ein Mensch ihr widerstehen, 9805
Denn sie kann niemand sehen
Noch betasten mit der Hand.”
“Die hab’ ich, Fraue, nie gekannt.”
“Du sollst sie kennen lernen noch.”
“Wann erwartet Ihr es doch?” 9810
“Ich erwart’ es, wie ich mag.
Vielleicht erleb’ ich noch den Tag,
Da du ungebeten minnest.
Und wenn du es beginnest,
Wirst du empfinden Lust dazu.” 9815
“Ich weiss, dass ich’s nicht tu’.”
“Es kommt, so sicher du auch bist.”
“Dann sagt mir, was die Minne ist.”
“Ich kann sie nicht beschreiben.”
“Dann lasst es doch noch bleiben.” 9820
_Lines 10031-79: Lavinia’s first glimpse of Eneas._
Als der Held dahin kam,
Und die Jungfrau wonnesam
Ihre Augen kehrte dar
Und sein da unten ward gewahr
Von ihrer hohen Zinne, 10035
Durchschoss sie nun Frau Minne
Mit einem scharfen Pfeil;
Drum ward ihr Qual zuteil
Auf manche lange Stunde.
Sie empfing eine Wunde, 10040
In ihrem Herzen drinnen,
So dass sie musste minnen
Und konnte nichts dafür.
Gram ward die Mutter ihr,
Deren Huld sie ganz verlor, 10045
Denn sie brannte und sie fror
Fast in derselben Stunde.
Die Art und Weis’ der Wunde,
Das Übel war ihr unbekannt.
Sehr bald sie nun verstand 10050
Ihrer Mutter Geheiss.
Sie ward unmässig heiss
Und danach wieder kalt,
Sie kam in Ungewalt,
Unangenehm sie lebte, 10055
Sie schwitzte und sie bebte,
Wurde bleich und wurde rot;
Sehr gross war ihre Not
Und ihres Leibes Ungemach,
Da fand sie Kraft und sprach. 10060
Als das Herz ihr wiederkam,
Sprach die Jungfrau wonnesam
Jämmerlich sich selber zu:
“Ich weiss nicht leider, was ich tu’;
Ich weiss nicht, was mich schiert, 10065
Dass ich bin so verwirrt.
Nie ward mir solches kund;
Ich war bisher gesund
Und bin nun jetzt fast tot.
Wer hat in kurzen Stunden 10070
Das Herz mir festgebunden,
Das früher ledig war und frei?
Mir ahnt, es sei das Ungemach,
Von dem vorher die Mutter sprach.
Zu früh hat’s mir passiert! 10075
Wär’ ich doch ungeniert
Von--Minne, wie ich sie verstand,
Ja, Minne hat sie es genannt!”
+XXIII. HARTMANN VON AUE+
The first in order of the three great romancers who interpreted the
French tales of chivalry for medieval Germany. They were adapters rather
than translators, just as were the French poets themselves in relation
to their Keltic sources. Hartmann was born in Swabia about 1165, took
part in a crusade, probably that of 1197, and died before 1220. His
chief works are the two Arthurian romances _Erec_ and _Iwein_, and the
two pious ‘legends’ _Gregorius_ and _Der arme Heinrich_. The selection
from _Der arme Heinrich_ is given in Bötticher’s translation, as found
in Bötticher and Kinzel’s _Denkmäler_, II, 2.
I
_From ‘Iwein’, lines 2073-2338: The enterprising maid Lunete persuades
her mistress to marry Iwein, who has just slain her husband._
Dass sie der Magd je Hartes sprach,
Davon litt sie solch Ungemach,
Dass sie es sehr bereute. 2075
Als sich der Tag erneute,
War jene noch einmal gekommen
Und wurde besser aufgenommen
Als sie entlassen ward vorher.
Die Frau ermunterte sie sehr 2080
Mit gütigem Empfange.
Es dauerte nicht lange,
Bevor sie nun also begann:
“Du lieber Gott, wer ist der Mann,
Den du mir gestern lobtest? 2085
Ich glaube nicht, du tobtest,
Denn der war nicht von Herzen matt,
Der meinen Herrn erschlagen hat.
Hat er Geburt und Jugend
Und sonst etwa ‘ne Tugend, 2090
So dass er mir zum Herren ziemt,
Und dass die Welt, wenn sie’s vernimmt,
Mir’s nicht zu sehr verdenken kann,
Dass ich genommen hab’ den Mann,
Der mir den Herrn erschlagen? 2095
Kannst du mir von ihm sagen,
Was mir in seiner Tugend Licht
Dem üblen Ruf die Spitze bricht?
Und rätst du mir sodann,
Ich nähme ihn zum Mann?” 2100
Sie sprach: “Es dünkt mich gut.
Mich freut, dass Ihr den Mut
So schnell habt umgekehret.
In ihm seid Ihr geehret;
Zu fürchten wäre keine Scham.” 2105
Sie sprach: “Was ist also sein Nam’?”
“Er nennt sich Herr Iwein.”
Gleich stimmten sie nun überein.
Sie sprach: “Der Nam’ ist mir doch kund
Seit mancher langen Stund’. 2110
Er ist gewiss vom hohen Stamm
Des Königs Vriën lobesam.
Nun ist die Sache klar zum Teil,
Und krieg’ ich ihn, so hab’ ich Heil.
Aber, Gesellin, weisst du recht, 2115
Ob er mich auch haben möcht’?”
“Es wär’ ihm lieb, wär’s schon geschehn.”
“Und sage mir, wie bald wird’s gehn?”
“In ungefähr vier Tagen.”
“Ach Gott, was willst du sagen! 2120
Zu lang machst du die Frist.
Bedenke dich, ob’s möglich ist,
Dass ich ihn morgen--heute--sehe.”
“Wie wollt Ihr, Frau, dass das geschähe?
Zu denken wäre nicht daran: 2125
Es lebt auf Erden nicht der Mann,
Er habe denn Gefieder,
Der käme hin und wieder
In solcher kurzen Frist;
Ihr wisst, wie fern es ist.” 2130
“So überlass es meinem Witz.
Mein Garçon läuft ja wie der Blitz;
Zwei Tag’ ein andrer reiten muss,
Er macht’s in einem Tag zu Fuss.
Der Mondschein ihm auch helfen mag: 2135
Er mache ja die Nacht zum Tag.
Auch sind die Tag’ unmässig lang;
Sag’ ihm, es lohnt sich hoch sein Gang,
Und dass es ihm recht lange frommt,
Wenn er schon morgen wiederkommt. 2140
Er rühre tüchtig nur die Bein’
Und mache die vier Tag’ zu zwein.
Er soll sich sputen sehr
Und ausruhen nachher,
So lang er eben ruhen möcht’. 2145
Nun, Trautgesellin, mach’s ihm recht!”
Sie sagte: “Frau, es soll geschehn;
Doch eines sei nicht übersehn:
Befragt doch Eure Leute
Gleich morgen oder heute; 2150
Denn paart Ihr Euch ohn’ ihren Rat,
Es wäre eine üble Tat.
Wer sich berät in diesen Dingen,
Dem kann es nimmermehr mislingen.
Was man alleine tut, 2155
Wird es nachher nicht gut,
Bringt böses Leid in Doppelmass:
Den Schaden und der Freunde Hass.”
Sie sprach: “O weh Gesellin traut,
Wie mir vor diesem Schritte graut! 2160
Man wird vielleicht dagegen sein.”
“Nur nichts vom Bangen, Fraue mein!
Es ist gewiss kein andrer Held,
Und sucht Ihr durch die ganze Welt,
Der wahrte Euch wie er den Bronn; 2165
So wird die Meinung sein davon.
Mit Freude, zweifelt nicht daran,
Wird jederman in Eurem Bann
Solch Landeshut begrüssen;
Man wirft sich Euch zu Füssen 2170
Und bittet Euch, hat man’s erfahren,
Geschwinde Euch mit ihm zu paaren.”
Sie sprach: “Nun lass den Garçon ziehn!
Indessen will ich mich bemühn,
Botschaften auszusenden; 2175
Wir wollen die Rede enden.”
Leicht hätte sie ihn fortgesandt,
Denn er befand sich gleich zur Hand.
Der Garçon auf den Wink der Maid
Verbarg sich mit Geschwindigkeit; 2180
Schnell fasste ja der flinke Knapp,
Was man ihm auszuführen gab.
Er konnt ihr helfen bei dem Lügen
Und ohne jede Bosheit trügen.
Eh’ ihre Herrin hatte Zeit, 2185
Zu träumen von der Möglichkeit,
Der Knabe sei schon auf dem Wege,
Nahm sie den Ritter in die Pflege,[1]
Wie Gott allein sie lohnen kann.
Mit schönster Bitte ging sie dran. 2190
Es lagen Kleider da bereit
In dreifacher Vortrefflichkeit,
Grau, hermelin und bunt;
Ging doch der Wirt zu jeder Stund’
Gekleidet wie ein Hofgalan, 2195
Der viel auf Leibespflege sann
Und nie am Prunk es fehlen liess.
Das schönste sie ihn wählen hiess
Und kleidete ihn damit an.
Am nächsten Abend ging sie dann, 2200
Wo sie die Frau alleine fand,
Und machte sie gleich vor der Hand
Von Freude bleich und rot.
Sie sprach: “Gebt mir das Botenbrot!
Der Garçon ist gekommen.” 2205
“Hast schon etwas vernommen?
Ist’s gute Märe? Sprich doch! Wie?
Also ist Herr Iwein hie?
Wie ist es ihm so früh geglückt?”
“Die Liebe hat ihn hergeschickt.” 2210
“Ach Gott! Doch sprich! Wer weiss davon?”
“Es weiss bisher kein Muttersohn
Als Euer Knab’ und wir.”
“Wann führst du ihn zu mir?
Geh stracks zu ihm, ich bitte dich.” 2215
Die flinke Magd entfernte sich
Und machte mit verstellter Mien’,
Als vor dem Ritter sie erschien,
Als ob mit böser Märe
Sie ihm gesendet wäre. 2220
Sie hing den Kopf und sah ihn an
Und trauriglich also begann:
“Ach, lieber Gott, mit mir ist’s aus!
Die Herrin weiss, dass Ihr im Haus.
Für mich hat sie nun nichts als Zorn; 2225
Ich habe ihre Huld verlorn,
Weil ich Euch barg im Schlosse hier.
Doch sagt sie, es beliebe ihr
Euch einmal näher anzusehen.”
“Und sollte das nun nicht geschehen, 2230
Ich liess ihr eher meinen Leib.”
“Sie sollt’ Euch töten? Sie, ein Weib?”
“Sie hat ja doch ein starkes Heer.”
“Oh, Ihr genest wohl ohne Wehr.
Ich hab’s von ihr mit Sicherheit, 2235
Dass Euch in keiner Weise leid
Von ihren Händen soll geschehen;
Sie wünscht Euch nur allein zu sehen.
Ihr müsst Euch nur gefangen geben;
Es geht Euch anders nicht ans Leben.” 2240
Er sagte: “Sie holdseliges Weib!
Ich will es gern, dass dieser Leib
Auf immer ihr Gefangener sei,
Und dass mein Herz sei auch dabei.”
Jetzt stand er auf und ging dahin, 2245
Ein seliger Mann mit frohem Sinn,
Und ward kühl aufgenommen.
Als er vor sie gekommen,
Begrüsst’ ihn weder Wort noch Neigen.
Ihr langes, langes Stilleschweigen 2250
Begann ihm endlich sauer zu werden;
Er wusste nicht sich zu gebärden.
Er blieb in weiter Fern’ zurück
Und sah sie an mit scheuem Blick.
Da beide schwiegen, sprach die Magd: 2255
“Herr Iwein, warum so verzagt?
Lebt Ihr und habt Ihr einen Mund?
Ihr redetet vor kurzer Stund’;
Jetzt werdet Ihr ganz stumm.
In Gottes Namen, sagt warum 2260
Ihr meidet ein so schönes Weib.
Weh dessen unglücksel’gem Leib,
Der ohne Dank je einen Mann,
Der doch geläufig sprechen kann,
Zu einer schönen Frau geleitet, 2265
Die er dann anzureden meidet!
Rückt ihr nur näher ohne Scheu!
Ich sage Euch bei meiner Treu,
Sie wird Euch doch nicht beissen! Traun!
Fügt man dem andern solches Graun, 2270
Wie ihr von Euch geschehen,
Und will man Gnade sich versehen,
Dazu gehört ein besserer Lohn.
Ihr habt den König Askalon,
Den ihr so lieben Herrn erschlagen: 2275
Könnt Ihr auf Gunst zu hoffen wagen?
Ihr steht in grosser Schuld;
Nun werbt um ihre Huld!
Wir wollen sie beide bitten,
Dass sie, was sie erlitten, 2280
Geruhe zu vergessen.”
Jetzt ward nicht mehr gesessen.
Er warf sich ihr zu Füssen
Und bat um holdes Grüssen
Als schuldbelad’ner Mann. 2285
Er sprach: “Ich mag und kann
Euch Besseres nicht bezeigen
An Ehr’ und treuem Neigen
Als wenn ich sage: Richtet mich!
Was Ihr mögt wollen, das will ich.” 2290
“Wollt Ihr denn alles, was ich will?”
“Ja wohl; es dünkt mich nicht zu viel.”
“So nehm’ ich Euch vielleicht den Leib.”
“Wie Ihr gebietet, holdes Weib.”
“Nun ja, was soll ich reden lang? 2295
Da Ihr Euch ohne jeden Zwang
In meine Macht ergeben,
Nähm’ ich nun Euch das Leben,
Es ziemte nicht dem Weibe.
Glaubt aber nicht bei Leibe, 2300
Dass es aus Wankelmut geschehe,
Wenn ich Euch jetzt, wie ich gestehe,
Nur allzu früh empfang’ in Gnade.
Von Euch entstand mir solcher Schade,
Dass, stünd’ es mir um Ehr’ und Gut, 2305
Wie es den meisten Frauen tut,
Ich sicherlich nicht wollte,
Wie ich es auch nicht sollte,
So jäh Euch Gnad’ erteilen.
Nun gilt es aber eilen; 2310
Denn da es zu erwarten steht,
Dass mir mein Land verloren geht
Gleich heute oder morgen,
Muss ich mich schnell versorgen
Mit einem Mann zur Landeswehr. 2315
Ihn find’ ich nicht in meinem Heer,
Seit mein Gemahl erschlagen ist;
Drum muss ich nun in kurzer Frist
Mir einen Mann erküren
Oder mein Land verlieren. 2320
Nun sollt Ihr mir aufrichtig sagen:
Da Ihr den Herrn mir habt erschlagen,
So seid Ihr wohl ein tüchtiger Mann;
Und wenn ich Euch gewinnen kann,
Bin ich mit Euch doch wohl bewahrt 2325
Vor fremdem Hochmut jeder Art.
Und glaubt, was ich Euch nun erkläre:
Eher als dass ich Euch entbehre,
Gält’ ich sogar als ungesittet;
Obwohl das Weib den Mann nicht bittet, 2330
Bitt’ ich zuerst und bitte sehr.
Bedrängen will ich Euch nicht mehr,
Ich will Euch gerne. Wollt Ihr mich?”
Er sagte: “Frau, verneinte ich,
So wär’ es um mein Glück geschehen. 2335
Der liebste Tag, den ich gesehen,
Der ist mir heute widerfahren,
Und möge Gott mein Heil bewahren!”
[Notes:
1: Iwein is in the castle, Lunete having saved him from the
vassals of the slain Askalon by giving him a ring that made him
invisible.]
II
_From ‘Der arme Heinrich’, lines 1004-1247: Poor Henry at Salerno with
the maid who is eager to give her heart’s blood that he may be cured of
his leprosy._
So fuhr denn nach der Stadt Salern
Die treue Magd mit ihrem Herrn. 1005
Es trübt des Herzens Fröhlichkeit
Nichts mehr, als dass der Weg so weit,
Dass ihr so lang das Licht noch schien.
Und als er sie gebracht dahin,
Wo er den Meister wohlbekannt, 1010
Wie er gedachte, wiederfand,
Ward’s dem gar fröhlich angesagt,
Gefunden wäre jetzt die Magd,
Die einst er ihn gewinnen hiess.
Zugleich er ihn sie sehen liess. 1015
Den däuchte das unglaublich schier.
Er sprach: “Mein Kind, und hast du dir
Solch Willen wohl auch klar gemacht?
Wie? Hat zu dem Entschluss gebracht
Dich Wunsch und Drohung deines Herrn?” 1020
Die Jungfrau sprach, sie tu’ es gern
Aus ihrem eignen Herzen sei
Der Wunsch gekommen, frank und frei.
Gross Wunder däucht’ ihn das, und fern
Nahm er besonders sie vom Herrn 1025
Und fragt’ sie auf die Seligkeit,
Ob nicht ihr Herr in seinem Leid
Solch Reden hätt’ ihr aufgedroht.
Dann sprach er: “Kind, es ist dir not,
Dass du dich mehr noch kümmerst drum, 1030
Was dir bevorsteht--hör’, warum.
Wenn du den Tod nun leiden musst
Und nicht von Herzen gern es tust,
So ist dein junges Leben hin
Und bringt doch keinen Deut Gewinn. 1035
Verschliess’ vor mir nicht deinen Mund.
Was dir geschieht, tu’ ich dir kund.
Ich muss dich ausziehn, nackt und bloss;
Da wird die Pein der Scham dir gross.
Ich binde dich an Bein- und Armen; 1040
Fülst du mit deinem Leib Erbarmen,
Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!
Ich schneide dich bis tief zum Herzen
Und reiss’ es lebend noch aus dir.
Nun, Mädchen, sprich und sage mir, 1045
Wie es mit deinem Mute steh’;
Geschah noch keinem Kind so weh,
Als dir von mir nun muss geschehen.
Dass ich es tun muss und es sehen,
Das macht mir Angst und Not genug. 1050
Bedenk’ nun selber bei dir klug:
Gereut dich’s auch nur um ein Haar,
So hab’ ich meine Arbeit gar
Und du den jungen Leib verloren.”
So ward um alles sie beschworen, 1055
Dass fern sie bleibe solcher Pflicht,
Wär’ felsenfest ihr Wille nicht.
Die Jungfrau aber lachend sprach,
Da sie erfuhr, dass an dem Tag
Ihr helfen sollte noch der Tod 1060
Aus aller Welt- und Erdennot:
“Gott lohn’ Euch, lieber Herr, dass Ihr
So ganz und gar und treulich mir
Die volle Wahrheit habt gesagt.
Nun bin ich wahrlich doch verzagt: 1065
Ein Zweifel mir das Herz erregt;
Euch sei’s geklagt, was mich bewegt.
Mir bangt jetzt, unser Unternehmen
Möcht’ Euer zager Mut noch lähmen,
Dass es vielleicht gar unterbleibe! 1070
Eu’r Reden ziemte einem Weibe.
Ihr seid des Hasen Spielgenoss,
Und Eure Angst ist viel zu gross
Um mich, dass ich nun sterben soll.
Wahrhaftig, Herr, Ihr tut nicht wohl 1075
Bei Eurer grossen Meisterschaft.
Ich bin ein Weib, doch hab’ ich Kraft.
Wagt Ihr nur mich zu schneiden,
Ich wag’ es wohl zu leiden.
Die Angst und bittre Todesqual, 1080
Davon Ihr mir erzählt zumal,
Die hab’ ich wohl von Euch vernommen;
Doch wär’ ich wahrlich nicht gekommen,
Wüsst’ ich so fest nicht meinen Mut,
Dass ich vergiessen könnt’ mein Blut 1085
Und alle Leiden gern erdulden.
Mir ist von Euren Hulden
Die bleiche Farbe ganz genommen
Und also fester Mut gekommen,
Dass ich nicht ängstlicher hier steh’, 1090
Als wenn ich froh zum Tanze geh’;
Die Not kann doch so gross nicht sein,
Die einen Tag nur währt; ich mein’,
Dass ich fürs ewige Leben
Den einen Tag wohl könnte geben. 1095
Euch kann an meinem festen Willen
Kein Zweifel mehr das Herz erfüllen.
Könnt’ Ihr dem Herrn Gesundheit geben
Und mir zugleich das ew’ge Leben,
Um Gotteswillen, tut’s beizeit. 1100
Lasst sehn, ob Ihr ein Meister seid.
Ihr sollt noch reizen mich dazu.
Ich weiss es wohl, um wen ich’s tu’.
In dessen Namen es geschieht,
Der unsre guten Dienste sieht 1105
Und lässt sie ungelohnet nicht.
Ich weiss wohl, dass er selber spricht,
Wer grosse Dienste leiste,
Des Lohn sei auch der meiste.
Drum halt’ ich diesen grimmen Tod 1110
Auch nur für eine süsse Not
Um solch gewissen Himmelslohn.
Liess’ ich die reiche Himmelskron’,
So wär’ zu töricht doch mein Sinn,
Da ich so arm geboren bin.” 1115
Nun sah er, dass unwandelbar
Und ohne Reu’ ihr Wille war.
Noch einmal führt’ er sie sodann
Hin zu dem armen, siechen Mann
Und sprach zu ihrem Herren: 1120
“Dem Zweifel lasst uns wehren,
Zum Werke sei die Magd nicht gut!
Nun habt Vertraun und guten Mut,
Ich mache bald Euch ganz gesund.”
Hin führt’ der Meister sie zur Stund 1125
In sein geheimes Arbeitszimmer,
Damit ihr Herr es sehe nimmer,
Verschloss vor ihm sogleich die Tür
Und warf noch einen Riegel für:
Er wollte nicht, dass er es seh’, 1130
Wie’s nun mit ihr zu Ende geh’.
In einer Kemenaten,
Die er gar wohl beraten
Mit Arzenein für jung und alt,
Hiess er die Jungfrau alsobald 1135
Vom Leibe ziehn der Kleider Zier.
Drob ward sie froh und fröhlich schier.
Sie riss die Näte gleich entzwei
Und war bald ihrer Kleider frei.
Als sie der Meister nun ansah, 1140
In seinem Herzen fühlt’ er da,
Wie sehr ihn dauerte die Maid,
Dass Herz und Mut vor Traurigkeit
Ihm beinah wären noch verzagt.
Da sah die gute, reine Magd 1145
Gar einen hohen Tisch da stehn,
Auf den hiess sie der Meister gehn.
Alsbald er fest darauf sie band
Und nahm ein Messer in die Hand,
Das nahe lag, gar lang und scharf, 1150
Des man für solches Werk bedarf.
So guten Stahl das Messer trug,
Dem Meister war’s nicht scharf genug.
Ihn jammerte die grosse Not,
Er wollt’ ihr lindern noch den Tod. 1155
Nun lag ein guter Wetzstein auch
Ganz nahe bei, wie noch der Brauch.
Auf dem hub jetzt zu streichen an
Gar langsam der bedrückte Mann.
Das Wetzen aber hörte, 1160
Der ihre Freude störte,
Der arme Heinrich vor der Tür.
Und als das Wetzen drang herfür,
Da klagt’ und trauert’ er gar sehr,
Dass er das Mägdlein nimmermehr 1165
Lebendig sollte sehen.
Er hub zu suchen an und spähen,
Bis endlich in der dünnen Wand
Sein Aug’ ein kleines Löchlein fand.
Da sah er durch den schmalen Spalt 1170
Sie auf dem Tisch gebunden bald.
Sie war so hold, so jung und schön,
Da musst’ er reuig sich ansehn,
Und anders ward ihm da zu Mut.
Ihn deucht’, es sei wohl nimmer gut, 1175
Wie ihm bisher das Herz gesinnt.
Und so verwandelt’ er geschwind
Den alten eigensücht’gen Sinn
Und gab sich neuem Fühlen hin.
Er sprach: “Das war unklug Beginnen, 1180
Dass wider den in trotz’gen Sinnen
Du leben wolltest einen Tag,
Dem niemand doch entrinnen mag.
Du weisst fürwahr nicht, was du tust,
Da du doch einmal sterben musst, 1185
Dass du dies jammervolle Leben,
Das Gott allein dir hat gegeben,
Nicht willig willst zu Ende tragen,
Zumal du sicher nicht kannst sagen,
Ob dich erlöst des Kindes Tod. 1190
Was dir beschert der liebe Gott,
Das lass dir alles auch geschehn.
Ich will des Kindes Tod nicht sehn.”
Sogleich war der Entschluss gefasst.
Er pochte an die Wand mit Hast 1195
Und bat: “Lasst mich sogleich hinein!”
Der Meister sprach: “Das kann nicht sein,
Mir fehlt die Musse jetzt dazu,
Dass ich Euch auf die Türe tu’.”
“Nein, Meister, höret nur ein Wort!” 1200
“Wie kann ich, wartet ruhig dort,
Bis es geschehn.” “Ach Meister, nein,
Hört mich, es muss vor dem noch sein!”
“Nun sagt mir’s denn durch diese Wand!”
“Ach, nein, so ist es nicht bewandt” 1205
Da öffnet endlich er die Tür.
Der arme Heinrich trat herfür,
Wo sein Gemahl[2] gebunden lag.
Zum Meister alsobald er sprach:
“Dies Mägdlein ist so wonniglich, 1210
Wahrhaftig, nimmermehr kann ich
Ihr jämmerliches Ende sehn.
Des Ewigen Wille soll geschehn.
Heisst sie vom Tische sich erheben;
Das Silber will ich gern Euch geben, 1215
Das ich Euch bot für Eure Müh’.
Nur lasst, ich bitt’, am Leben sie!”
[Notes:
2: Heinrich had playfully called her his ‘wife.’ The girl is but
eight years old when the story begins.]
+XXIV. WOLFRAM VON ESCHENBACH+
The deepest of the three chief romancers and the most strongly marked in
his individuality. His date is approximately 1170-1220. He was a
Bavarian knight of humble estate, who spent some time at the court of
Landgrave Hermann in Thuringia. He speaks of himself as ‘ignorant of
what the books contain,’ which is usually taken to mean that he could
not read or write. His great work is _Parzival_, a blend of Arthurian
and Grail romance, which he says he got from a French poet Kyot. Nothing
is known of any such poet, and some think him an invention. Certain it
is, however, that Wolfram had some other source than Chrestien de
Troyes’ _Conte del Graal_, though he was acquainted with that, and that
he invented freely. Two other narrative poems, _Titurel_ and
_Willehalm_, were left unfinished. The selections from _Parzival_ below
are from the translation by W. Hertz, Stuttgart, 1898.
[Transcriber’s Note:
In each excerpt, line numbering starts at the number given in the
heading. Correspondence with the origina text or a line-for-line
translation will only be approximate.]
_From ‘Parzival,’ Book 3, lines 293-500[1]: Parzival takes leave of his
mother, who has tried in vain to prevent his hearing of knighthood; the
young ‘fool’ follows her directions all too literally._
Heut mocht’ ein andrer birschen,
Sein Sinn stand nicht nach Hirschen.
Er rennt nach Haus zur Mutter wieder, 295
Erzählt--und sprachlos sinkt sie nieder.
Doch als sie wieder kam zu Sinn,
Sprach die entsetzte Königin:
“Wer sagte dir von Rittertum?
O sprich, mein Sohn! Du weisst darum?” 300
“Vier Männer sah ich, Mutter mein,
Gott selbst hat nicht so lichten Schein;
Die sagten mir von Ritterschaft.
Artus in seiner Königskraft
Verleiht die Rittersehren, 305
Soll sie auch mir gewähren.”
Da ging ein neuer Jammer an.
Sie wusste keinen Rat und sann:
Was sollte sie erdenken,
Sein Trachten abzulenken? 310
Das einzige, was er begehrt
Und immer wieder, ist ein Pferd.
Sie dacht’ in Herzensklagen:
Ich will’s ihm nicht versagen;
Doch soll es ein gar schlechtes sein, 315
Da doch die Menschen insgemein
Schnell bereit zum Spotte sind,
Und Narrenkleider soll mein Kind
An seinem lichten Leibe tragen.
Wird er gerauft dann und geschlagen, 320
So kehrt er mir wohl bald zurück.
Aus Sacktuch schnitt in einem Stück
Sie Hos’ und Hemd; das hüllt ihn ein
Bis mitten auf sein blankes Bein,
Mit einer Gugel obendran. 325
Zwei Bauernstiefel wurden dann
Aus rauher Kalbshaut ihm gemacht.
Sie bat ihn: “Bleib noch diese Nacht.
Du sollst dich nicht von hinnen kehren,
Eh’ du vernahmst der Mutter Lehren: 330
Ziehst pfadlos du durch Wald und Heiden,
Sollst du die dunkeln Furten meiden;
Sind sie aber seicht und rein.
So reite nur getrost hinein.
Du musst mit Anstand dich betragen 335
Und niemand deinen Gruss versagen.
Wenn dich ein grauer weiser Mann
Zucht will lehren, wie er’s kann,
So folg’ ihm allerwegen
Und murre nicht dagegen. 340
Eins achte ferner nicht gering:
Wo eines guten Weibes Ring
Du kannst erwerben und ihr Grüssen,
So nimm’s; es wird dir Leid versüssen.
Küsse keck das holde Weib 345
Und drück’ es fest an deinen Leib;
Denn das gibt Glück und hohen Mut,
Sofern sie züchtig ist und gut.
Und endlich, Sohn, sollst du noch wissen:
Zwei Lande wurden dir entrissen 350
Von Lähelins, des stolzen, Hand,
Der deine Fürsten überrannt.
Ein Fürst von ihm den Tod empfing,
Indes dein Volk er schlug und fing.”
“Das soll er wahrlich nicht geniessen; 355
Ich werd’ ihn mit dem Pfeile spiessen.”
Dann in der frühsten Morgenzeit
War schon der Knabe fahrtbereit,
Der mir vom König Artus sprach.
Sie küsst ihn noch und lief ihm nach. 360
O Welt von Leid, was da geschah!
Als’ ihren Sohn sie nicht mehr sah’--
Dort ritt er hin, wann kehrt er wieder?--
Fiel Herzeloyd zur Erde nieder.
Ihr schnitt ins Herz der Trennung Schlag, 365
Dass ihrem Jammer sie erlag.
Doch seht, ihr vielgetreuer Tod,
Er wehrt von ihr der Hölle Not.
O wohl ihr, dass sie Mutter ward!
Sie fuhr zum Lohn des Heiles Fahrt, 370
Sie, eine Wurzel aller Güte,
Ein Stamm, auf dem die Demut blühte.
Ach, dass die Welt uns nicht beschied
Ihr Blut auch nur zum elften Glied!
Drum ist so wenigen zu traun. 375
Doch sollen nun getreue Fraun
Mit Segenswünschen ihn geleiten,
Den wir dort sehn von dannen reiten.
Es wandte sich der junge Fant
Hin nach dem Wald von Breceliand.[2] 380
Er kam an einen Bach geritten,
Den hätt’ ein Hahn wohl überschritten,
Doch weil da Gras mit Blumen spross,
So dass der Bach im Schatten floss,
Gedacht’ er an der Mutter Wort 385
Und trabte diesseits an ihm fort
Unverdrossen bis zur Nacht;
Die ward, wie’s eben ging, verbracht.
Am Morgen traf er eine Stelle,
Da rann das Wasser seicht und helle; 390
Hier ritt er durch und sah ein Feld,
Das schmückt’ ein grosses Prachtgezelt
Aus reichem Samt dreifarbig bunt,
Und alle Näte in der Rund’
Deckt feiner Borten Stickerei. 395
Die Lederhülse hing dabei,
Die, wenn es regnen wollte,
Man drüber ziehen sollte.
Des stolzen Herzogs von Lalander
Minnige Gemahlin fand er 400
Im Zelte, Frau Jeschute,
Die noch im Schlafe ruhte,
Zum Ritterslieb erschaffen:
Sie trug der Minne Waffen,
Einen Mund durchleuchtig rot, 405
Sehnenden Ritters Herzensnot.
Wie wonnig sie entschlummert war!
Halb offen stand ihr Lippenpaar,
Das glüht von heissem Minnefeuer;
So lag das holde Abenteuer. 410
Schneeweiss erglänzt’ in dichten Reihn
Der kleinen Zähne Elfenbein.
Leicht lernt’ ich küssen solchen Mund,
Doch wurde mir das selten kund.
Auf weichem Lager hingestreckt 415
Hat sie den Zobel, der sie deckt,
Zurückgestreift bis an die Hüften,
Im schwülen Sommer sich zu lüften,
Seit einsam lag das schöne Weib.
Gott selbst hat an den süssen Leib 420
Seine Meisterkunst gewandt.
Lang war ihr Arm und blank die Hand.
Doch als der wilde Knabe da
An ihrer Hand ein Ringlein sah,
Sprang er ans Bett, den Reif zu holen, 425
Wie’s ihm die Mutter anbefohlen.
Das reine Weib in Scham erschrak,
Als ihr der Knab’ im Arme lag.
Sie, die man keusche Zucht gelehrt,
Sprach: “Wer hat mein Gemach entehrt? 430
Jungherr, Ihr waget allzuviel.
Geht, suchet Euch ein andres Ziel!”
Doch er, wie laut die Schöne klagt,
Ihn kümmert’s nicht, was sie auch sagt.
Er drückt’ an sich die Herzogin, 435
Zwang ihren Mund an seinen hin
Und nahm den Ring. Auch brach der Range
Von ihrem Hemd die goldne Spange.
Sie wehrt sich, doch mit Weibes Wehr;
Ihr war sein Arm ein ganzes Heer. 440
“Mich hungert,” klagt er, “gib mir Essen!”
Sie sprach: “Ihr wollt doch mich nicht fressen?
Wärt Ihr zu Nutzen weise,
Ihr nähmt Euch andre Speise.
Seht, dort beiseit steht Brot und Wein 445
Und zwei Rebhühnchen obendrein.
Das hat ein Mägdlein hergebracht,
Die’s Euch doch wenig zugedacht.”
Er liess von ihr, indem er sass
Und einen guten Kropf sich ass, 450
Wonach er schwere Trünke schlang.
Ihr währt sein Wesen hier zu lang;
Sie deucht: dem Jungen fehlt’s im Hirne;
Der Angstschweiss stand ihr auf der Stirne.
Drum sprach sie: “Jungherr, lasset mir 455
Das Ringlein und die Spange hier
Und hebt Euch fort! Denn kommt mein Mann,
Und trifft Euch hier im Zelte an,
So müsst Ihr Zorn erleiden,
Den Ihr gern möchtet meiden.” 460
Er sprach mit trotzigem Gesicht:
“Er komme nur! Ich fürcht’ ihn nicht.
Doch schadet’s dir an Ehren,
Will ich von hinnen kehren.”
Aufs neu’ kam er ans Bett gegangen, 465
Die Schöne küssend zu umfangen;
Ungerne litt’s die Herzogin.
Dann ohne Abschied ritt er hin;
Doch sprach er noch: “Gott hüte dein!
So lehrte mich’s die Mutter mein.” 470
[Notes:
1: The numbers refer to the original text, Bartsch’s edition; the
translation is not a line-for-line version.
2: A famous wood in Bretagne--la forêt de Bréchéliant. Wolfram’s
spelling is Prizljan, Hartmann’s Brezilian.]
_From Book 5, lines 345-490: Parzival in the castle of the Grail._[3]
Dann kam die Königin herein; 345
Ihr Antlitz gab so lichten Schein,
Sie meinten all’, es wolle tagen.
Als Kleid sah man die Jungfrau tragen
Arabiens schönste Weberei.
Auf einem grünen Achmardei[4] 350
Trug sie des Paradieses Preis,
Des Heiles Wurzel, Stamm und Reis.
Das war ein Ding, das hiess der Gral,
Ein Hort von Wundern ohne Zahl.
Repanse de Schoye sie hiess, 355
Durch die der Gral sich tragen liess.
Die hehre Art des Grales wollte,
Dass, die sein würdig pflegen sollte,
Die musste keuschen Herzens sein,
Vor aller Falschheit frei und rein. 360
Die Jungfraun tragen vor dem Gral
Sechs Glasgefässe lang und schmal,
Aus denen Balsamfeuer flammt.
Sie wandeln züchtig insgesamt
Mit abgemess’nem Schritte 365
Bis in des Saales Mitte.
Die Königin verneigte sich
Mit ihren Jungfraun feierlich
Und setzte vor den Herrn den Gral.
Gedankenvoll sass Parzival 370
Und blickte nach ihr unverwandt,
Die ihren Mantel ihm gesandt.
Drauf teilt sich all das Gralgeleite;
Zwölf Jungfraun stehn auf jeder Seite,
Und in der Mitte steht allein 375
Die Magd in ihrer Krone Schein.
Nun traten vor des Mahls Beginn
Die Kämm’rer zu den Rittern hin,
Ein jeder ihrer vier zu dienen
Mit lauem Wasser, das er ihnen 380
In schwerem goldnem Becken bot,
Dabei ein Jungherr wangenrot,
Das weisse Handtuch darzureichen.
Da sah man Reichtum ohnegleichen.
Der Tafeln mussten’s hundert sein, 385
Die man zur Türe trug herein,
Vor je vier Ritter eine;
Darauf von edlem Leine
Deckten sie mit Fleisse
Tischtücher blendend weisse. 390
Der Wirt in seiner stummen Qual
Nahm selber Wasser; Parzival
Wusch sich mit ihm zugleich die Hände.
Drauf bracht’ ein Grafensohn behende
Ein seidnes Handtuch farbenklar 395
Und bot es ihnen knieend dar.
Ein jeder Tisch, so viel da stehn,
Ist von vier Knappen zu versehn:
Die einen knien, um vorzuschneiden,
Aufwärter sind die andern beiden. 400
Nun rollen durch den Saal vier Wagen,
Die Goldgeschirr in Fülle tragen;
Das wird von Rittern unverweilt
An all die Tafeln ausgeteilt.
Man zog im Ring sie Schritt für Schritt, 405
Und jedem ging ein Schaffner mit,
Dem dieser Hort zur Hut befohlen,
Ihn nach dem Mahl zurückzuholen.
Hundert Knappen traten dann
Mit Tüchern auf der Hand heran; 410
Voll Ehrfurcht kamen sie gegangen,
Das Brot vom Grale zu empfangen.
Denn wie ich selber sie vernommen,
Soll auch zu euch die Märe kommen:
Was einer je vom Gral begehrt, 415
Das ward ihm in die Hand gewährt,
Speise warm und Speise kalt,
Ob sie frisch sei oder alt,
Ob sie wild sei oder zahm.
Wer meint, dass dies zu wundersam 420
Und ohne Beispiel wäre,
Der schelte nicht die Märe.
Dem Gral entquoll ein Strom von Segen,
Vom Glück der Welt ein vollster Regen.
Er galt fast all dem Höchsten gleich, 425
Wie man’s erzählt vom Himmelreich.
In kleinen goldnen Schalen kam,
Was man zu jeder Speise nahm:
Gewürze, Pfeffer, leckre Brühn.
Ass einer zaghaft oder kühn, 430
Sie fanden insgesamt genug,
Wie man’s mit Anstand vor sie trug.
Wein, Maulbeertrank, Siropel rot,
Wonach den Becher jeder bot,
Und welchen Trank er mochte nennen, 435
Den konnt’ er gleich darin erkennen,
Alles durch des Grales Kraft.
Die ganze werte Ritterschaft
War so zu Gaste bei dem Gral.
Wohl sah mit Staunen Parzival 440
Die Pracht der Wunder sich bezeigen;
Jedoch aus Anstand wollt’ er schweigen.
Er dachte: der getreue Mann,
Gurnemanz, befahl mir an,
Vieles Fragen zu vermeiden. 445
Drum will ich höflich mich bescheiden
Und warten, bis man ungefragt,
Von diesem Haus mir alles sagt,
Wie man bei Gurnemanz getan
Drauf sah er einen Knappen nahn 450
Mit einem Schwerte schön und stark;
Die Scheide galt wohl tausend Mark,
Der Griff ein einziger Rubin.
Das ward vom Wirt dem Gast verliehn:
“Ich hab’ es oft im Kampf getragen, 455
Bis Gott am Leibe mich geschlagen.
Herr, nehmt es als Ersatz entgegen,
Sollt’ man Euch hier nicht wohl verpflegen.”
Ach dass auch jetzt er nicht gefragt!
Um seinetwillen sei’s geklagt, 460
Da mit dem Schwert, das er empfing,
Die Mahnung doch an ihn erging.
Auch jammert mich sein Wirt zumal;
Denn von der ungenannten Qual
Würd’ er durch seine Frage frei. 465
Damit war nun das Mahl vorbei.
[Notes:
3: The blundering Parzival has now been instructed in the ways of
knighthood by the gray-haired Prince Gurnemanz, who has told him
to avoid asking questions about what he sees. With this caution in
mind Parzival fails to inquire into the malady of the mysterious
sick man in the Grail castle--a fateful error which involves him
in long wanderings during which he despairs of God. The sick man
is his uncle Anfortas, whom he is destined after a lapse of years,
to heal by a simple question and to succeed as king of the Grail.
4: Green silk from Arabia.]
_From Book 16, lines 332-458: Parzival, as purified king of the Grail
and unswervingly faithful husband, is reunited to his wife Kondwiramur._
“Geheimnisreich ist Gottes Tat,”
Sprach er,[5] “wer sass in seinem Rat?
Wer kennt die Grenzen seiner Macht?
Kein Engel hat sie ausgedacht, 335
Ja, Gott ist Mensch,” so fuhr er fort,
“Ist seines Vaters ew’ges Wort,
Ist Vater und ist Sohn zugleich,
Sein Geist an Hilfe gross und reich.
Ein Wunder seltsam rätselvoll 340
Ist hier geschehn; durch Euren Groll
Rangt Ihr ab dem höchsten Willen,
Eures Herzens Wunsch zu stillen.
Mir tat einst Eure Mühsal leid;
Denn unerhört zu aller Zeit 345
War’s, mit Gewalt der Waffen
Den Gral sich zu erraffen.
Ich hätt’ Euch gern den Wunsch benommen.
Doch anders ist’s mit Euch gekommen:
Euch ward der herrlichste Gewinn. 350
Nun kehrt an Demut Euren Sinn!”
Drauf Parzival: “Mein Weib ist nah.
Ich will sie sehn, die ich nicht sah
Nun seit fünf langen Jahren.
Da wir beisammen waren, 355
War sie mir lieb und ist es noch.
Drum lass mich ziehn! Dein Rat jedoch
Soll mir verbleiben bis zum Tod.
Du rietest mir in grosser Not.”
So schied er von dem heil’gen Mann, 360
Die Nacht durch ritt er fort im Tann;
Der Weg war seinen Degen kund.
Am Morgen fand er lieben Fund:
Manch Zelt geschlagen auf dem Plane,
Vom Lande Brobarz manche Fahne, 365
Der mancher Schild gefolgt von fern.
Da lagen seines Landes Herrn.
Er fragte nach der Fürstin Zelt;
Das stand für sich abseits im Feld,
Von kleinen Zelten rings umfangen. 370
Ihr Ohm, schon früh auf, kam gegangen;
Noch war der Blick des Tages grau.
Da sah er halten auf der Au
Ein Volk’ von Rittern und von Knappen,
Erkannte gleich des Grales Wappen 375
Und eilte Herrn und Degen
Mit Willkommsgruss entgegen,
Befahl auch, dass ein Jungherr lief
Und rasch der Herrin Marschall rief,
Die Gäste für den Morgen 380
Behaglich zu versorgen.
Den König führt’ er an der Hand
Hin, da die Kleiderkammer stand,
Ein klein Gezelt von Buckeram,
Wo man den Harnisch von ihm nahm. 385
Noch war der Herrin nichts bewusst.
Da fand er seiner Augen Lust:
Im weiten Zelte schlief die Schöne
Und bei ihr seine kleinen Söhne,
Loherangrin und Kardeis, 390
Und hier und dort umher im Kreis
Lagen lichter Fraun genug.
Der Oheim auf die Decke schlug
Und rief: “Willst du erwachen,
So wirst du fröhlich lachen!” 395
Aufblickend sah sie ihren Mann.
Ihr Hemd nur hat die Herrin an,
Die nun die Decke um sich schwang,
Vom Bette auf den Teppich sprang,
Und Parzival, er drückte 400
Ans Herz die Holdbeglückte.
Man sagte mir, sie küssten sich.
Sie sprach: “So hat das Glück mir dich
Gesendet, Herzensfreude mein!
Sollst Gott und mir willkommen sein! 405
Nun sollt’ ich zürnen, kann es nicht.
Heil sei dem Tag und seinem Licht,
Der dies Umfangen mir gebracht,
Das all mein Leid zunichte macht!
Des Herzens Wunsch, ich halt ihn hier, 410
Und Sorge hat kein Teil an mir.”
Nun wachten auch die Kinderlein.
Er beugt sich zärtlich zu den zwein
Und küsste sie, die nackend lagen.
Der Ohm hiess sie von dannen tragen, 415
Und auch die Frauen sandt’ er fort.
Die grüssten erst mit freud’gem Wort
Den Herren nach der langen Reise;
Dann führt sie aus dem Zelte leise
Der gute Ohm, der Parzival 420
Seinem holden Weib befahl.
Noch war es früh; drum liessen wieder
Die Kämm’rer rings die Zeltwand nieder.
Hat ihn einst Blut und Schnee[6] verzückt,
Im Liebesweh sich selbst entrückt, 425
Dafür--es war auf dieser Flur--
Gab ihm Ersatz Kondwiramur,
Die rot wie Blut und weiss wie Schnee.
An keinem Ort sonst nahm er je
Minnetrost für Minnenot, 430
Den manches Weib ihm liebend bot.
[Notes:
5: The speaker is the wise old hermit Trevrizent, who has cleared
up for Parzival the mystery of the Grail and led him to inward
peace.
6: In Book 6 it is related that Parzival, riding away from the
castle of the Grail, comes upon three drops of blood in the
snow--the blood of a wild goose that had been attacked by a
falcon. The red and white remind him of Kondwiramur and he sinks
into a moody trance.]
+XXV. GOTTFRIED VON STRASSBURG+
Pre-eminent as a graceful and cunning psychologist of sensual passion.
His great work--all that we have from him except some lyric poems--is
the love-intoxicated romance of Tristan and Isold, which he began early
in the 13th century and did not live to complete. For this his principal
source was the French trouvère, Thomas of Brittany, who composed his
_Tristan_ in England about 1180. Of this French poem only a few
fragments are extant. The original Tristan-saga contained elements of
revolting savagery, but in Gottfried’s poem, as in the fragments of
Thomas, it is transformed into a courtly romance of love--an illicit
love that defies conscience and the world and remains faithful unto
death. The selections are from the translation by W. Hertz, 4th edition,
Stuttgart, 1904.
_From ‘Tristan,’ Book I, lines 119-242: The goodness of love and
love-stories._
Ich weiss es sicher wie den Tod
Und hab’s erkannt in eigner Not: 120
Wer minnt mit edlem Sinne,
Liebt Mären von der Minne.
Drum wer nach solchen trägt Begier,
Der hat nicht weiter als zu mir.
Ich künd’ ihm süsse Schmerzen 125
Von zweien edlen Herzen,
Die Liebe trugen echt und wahr,
Ein sehnend junges Menschenpaar,
Ein Mann, ein Weib, ein Weib, ein Mann,
Tristan Isold, Isold Tristan. 130
Treu, wie ich las die Kunde
Von ihrem Liebesbunde,
So leg’ ich sie mit willigem Sinn
Allen edlen Herzen hin,
Dass sie durch Kurzweil dran genesen; 135
Das ist sehr gut für sie zu lesen.
Gut? fraget ihr. Ja, innig gut,
Macht lieb die Liebe, rein den Mut,
Stählt die Treue, ziert das Leben;
Wohl kann’s dem Leben Zierden geben. 140
Denn wo man höret oder liest,
Wie Herz sich treu zum Herzen schliesst,
Da lernen die Getreuen
Sich recht der Treue freuen.
Liebe, Treue, steter Mut, 145
Ehre und manch andres Gut
Stehn nirgends so dem Herzen nah,
Sind nirgends ihm so lieb wie da,
Wo man von Herzeliebe sagt
Und Herzeleid von Liebe klagt. 150
Lieb’ ist selig allezeit,
Ein Ringen so voll Seligkeit,
Dass ohne ihre Lehre
Nicht Tugend ist noch Ehre.
Da Liebe so das Leben weiht, 155
Da so viel Tugend sie verleiht,
Ach, dass nicht alles, was da lebt,
Nach rechter Herzensliebe strebt;
Dass ich so wenig finde deren,
Die lautres herzliches Begehren 160
Um Freundes willen mögen leiden,
Nur um den armen Schmerz zu meiden,
Der bei der Lieb’ zu mancher Stund’
Verborgen liegt im Herzensgrund.
Wie litte nicht ein edler Mut 165
_Ein_ Weh für tausendfaches Gut,
Für grosse Freude kleinen Gram?
Wem niemals Leid von Liebe kam,
Dem kam auch Lust von Liebe nie:
Lust und Leid, wann liessen die 170
Im Lieben je sich scheiden?
Man muss mit diesen beiden
Lob und Ehre sich erwerben
Oder ohne sie verderben.
Von denen diese Märe kündet, 175
Hätten sie nicht treu verbündet
Um Herzenswonne sehnend Klagen
In einem Herzen einst getragen,
Es war’ ihr Name im Gedicht
So manchem edlen Herzen nicht 180
Zum Heil und lieben Trost gekommen.
Nun wird noch heute gern vernommen
Und rührt noch immer süss aufs neue
Ihre innigliche Treue,
Ihr Glück und Jammer, Wonn’ und Not. 185
Und liegen sie auch lange tot,
Ihr süsser Name lebt uns doch;
Auch soll der Welt zu gute noch
Lang ihr Tod und ewig leben,
Den Treubegier’gen Treue geben, 190
Den Ehrbegier’gen Ehre.
Die ewig neue Märe
Von ihrer Treue Lauterkeit,
Von ihrer Herzen Lust und Leid,
Ist aller edlen Herzen Brot: 195
So lebt in uns ihr beider Tod.
Wer nun begehrt, dass man ihm sage
Ihr Leben, Sterben, Freud’ und Klage,
Der neige Herz und Ohren her:
Er findet alles sein Begehr. 200
_From ‘Tristan,’ Book 16, lines 11711-11844: The fateful
love-potion._[1]
Doch als die Jungfrau und der Mann,
Als nun Isolde und Tristan
Den Trank getrunken, was geschah?
Gleich war der Welt Unruhe da,
Minne, die Herzensjägerin, 11715
Und schlich zu ihren Herzen hin.
Sie liess, eh’ beide sich’s versehn,
Ihr Siegspanier darüber wehn
Und unterwarf sie mit Gewalt.
Eins und einig wurden bald, 11720
Die zwei gewesen und entzweit.
Nun hatten sie nach langem Streit
In raschem Frieden sich gefunden.
Der Hass[2] Isoldens war entschwunden:
Minne, die Versöhnerin, 11725
Die hatte ihrer beider Sinn
Von Hasse so gereinigt,
In Liebe so vereinigt,
Dass eins dem andern hell und klar
Und lauter wie ein Spiegel war. 11730
Sie hatten nur ein einz’ges Herz:
Isoldens Leid war Tristans Schmerz,
Und Tristans Schmerz Isoldens Leid.
Sie einten sich für alle Zeit
In Freude und in Leide 11735
Und hehlten sich’s doch beide.
Das tat die Scham, dass sie nichts sagten,
Der Zweifel tat’s, dass sie verzagten,
Sie an ihm und er an ihr.
Und riss auch ihre Herzensgier 11740
Nach Einem Ziel sie blindlings fort,
Sie bangten vor dem ersten Wort.
Drum blieb in Scheu’ und Sorgen
Ihr Sehnen noch verborgen.
Als Tristan fühlt der Minne Bann, 11745
Da rief er Treu’ und Ehre an,
Und diese beiden mahnten ihn,
Vor ihrer Lockung zu entfliehn.
Nein, dacht’ er fort und fort bei sich,
Sei standhaft, Tristan, hüte dich! 11750
Lass ab und schlag dir’s aus dem Sinn.
Doch drängte stets sein Herz dahin.
Mit seinem Willen kämpft’ er schwer,
Begehrte wider sein Begehr:
Es zog ihn ab, es zog ihn an. 11755
So wand sich der gefang’ne Mann
Und suchte, aus den Schlingen
Sich mühsam loszuringen,
Und hielt sich tapfer lange Zeit.
Es ging dabei ein zwiefach Leid 11760
Seinem treuen Herzen nah:
Wenn er in ihre Augen sah,
Und ihm die süsse Minne
Verzehrte Herz und Sinne
Mit ihrem holden Angesicht, 11765
So dacht’ er an der Ehre Pflicht,
Und die entriss ihn ihrem Bann.
Gleich griff ihn Minne wieder an,
Seine Erbekönigin,
Und trieb ihn wieder zu ihr hin. 11770
Bedrängt ihn Ehr’ und Treue schwer,
Minne bedrängt ihn doch noch mehr;
Sie tat ihm mehr zu leide
Als Treu’ und Ehre beide.
Schaute sein Herz sie lachend an, 11775
So blickte weg der treue Mann;
Doch sollt’ er sie nicht sehen,
Wollt’ ihm das Herz vergehen.
Oft, wie Gefang’ne sinnen,
Oft sann er zu entrinnen, 11780
Und dachte: Sieh nach andern,
Lass dein Begehren wandern
Und liebe, was sich lieben lässt!
Da hielt ihn stets die Schlinge fest.
Oft prüft’ er sorgsam Herz und Sinn, 11785
Als spürt’ er eine Wandlung drin;
Doch fand er nur darinne
Isolden und die Minne.
Nicht anders war es mit Isot.
Sie kämpfte mit derselben Not, 11790
Auch ihr war angst und weh zu Mut.
Kaum fühlt sie in der weichen Flut
Der zauberischen Minne
Versinken ihre Sinne,
Da--in jähem Schreck und Graus 11795
Spähte sie nach Rettung aus
Und wollte schnell auf und davon;
Jedoch verloren war sie schon
Und haltlos sank sie nieder.
Sie sträubte sich dawider, 11800
Suchte nach allen Enden
Mit Füssen und mit Händen
Und wandte sich bald hin, bald her;
Doch so versenkte sie nur mehr
Die Hände und die Füsse 11805
Tief in die blinde Süsse
Des Mannes und der Minne.
Wie die gefang’nen Sinne
Sich mochten drehn und regen,
Auf allen ihren Wegen, 11810
Auf jedem Schritt, auf jedem Tritt,
Ging Minne, ihre Herrin mit,
Und alles, was sie dacht’ und sann,
War Minne nur und nur Tristan.
Doch all das blieb verschwiegen; 11815
Entzweit in stetem Kriegen
War hier das Herz, die Augen dort,
Scham trieb die Augen von ihm fort;
Doch Minne bracht’ ihr Herz ihm dar.
Und diese widerspenst’ge Schar, 11820
Scham und Minne, Mann und Magd,
Die war teils mutig, teils verzagt:
Die Magd begehrte nach dem Mann
Und sah ihn nicht mit Augen an;
Die Scham, die wollte Minne, 11825
Doch ward es niemand inne.
Was mocht’ es helfen? Scham und Magd
Kommt leicht zu Falle, wie man sagt;
Sie haben gar ein kurzes Leben
Und können nicht lang widerstreben. 11830
Isot auch unterwarf sich bald,
Und sieglos weichend der Gewalt
Ergab sie Leib und Sinne
Dem Manne und der Minne.
[Notes:
1: Tristan, a young embodiment of all knightly virtues, has been
sent to Ireland to win the hand of the peerless Isold for his old
uncle Marke, King of Cornwall. He succeeds in his mission. On the
voyage to Cornwall, however, it befalls by accident that he
partakes with Isold of a philter prepared by her mother and
intended for her and King Marke.
2: Tristan had slain Morold, a kinsman of Isold’s, wherefore she
had tried, with small success, to ‘hate’ him.]
_From ‘Tristan,’ Book 24, lines 15522-15748: The ordeal of God._[3]
Der König sprach: “Frau Königin,
Ich lass’ es dabei gern beruhn.
Wollt Ihr uns so Genüge tun,
Wie’s Eure Rede zugestand, 15525
So gebt uns sich’res Unterpfand:
Kommt her, gelobt mit Wort und Eid
Zum Gottesurteil Euch bereit
Mit dem glühenden Eisen,
Wie wir’s Euch werden weisen.” 15530
Die Herrin weigerte sich nicht;
Sie schwur, die Probe vor Gericht
Zu leisten nach sechs Wochen,
Wie’s ihr ward zugesprochen,
In der Stadt zu Karliun. 15535
Der Herr entliess die Fürsten nun;
Sie kehrten heimwärts insgemein.
Isolde aber blieb allein
Mit Ängsten und mit Leide,
Und es bedrückten beide 15540
Ihr Herz mit gleicher Schwere:
Angst um ihre Ehre
Und heimlich Leid, nicht minder schwer,
Dass ihre Lüge sie nunmehr
Zur Wahrheit sollte bringen, 15545
In diesem heissen Ringen
Wusste sie nicht aus noch ein,
Und darum beides, Angst und Pein,
Vertraute sie dem gnäd’gen Christ,
Der hilfreich in den Nöten ist; 15550
Der möchte sie entlasten.
Ihm mit Gebet und Fasten
Befahl sie all die Angst und Not,
Und eine List erfand Isot:
Im stillen Herzen hoffte sie 15555
Getrost auf Gottes Courtoisie
Und schrieb an Tristan einen Brief,
Der ihn nach Karliun berief,
Wie er’s auch möglich mache,
Dass, wenn der Tag erwache, 15560
An dem das Schiff dort lande,
Er frühe sei am Strande
Und da im Hafen ihrer warte.
Nun, so geschah’s: er kam und harrte
Im Pilgermantel arm und schlicht; 15565
Er hatte sich das Angesicht
Überschminkt und aufgeschwellt
Und Leib und Kleidung ganz entstellt.
Als dann Isot und Marke
Anhielten mit der Barke, 15570
Ersah ihn gleich die Herrin dort,
Und sie erkannt’ ihn auch sofort.
Und als das Schiff zu Strande stiess,
Isot den Waller bitten liess,
Wenn er nicht fürchte zu erlahmen, 15575
So möcht’ er doch in Gottes Namen
Sie tragen von des Schiffes Rand
Hinüber auf das trockne Land;
Sie wollte sich in diesen Tagen
Von keinem Ritter lassen tragen. 15580
Da riefen sie den Pilger an:
“He, kommet näher, guter Mann,
Und tragt die Herrin ans Gestad!”
Der Pilger tat, wie man ihn bat:
Er ging zu seiner Herrin hin 15585
Und trug Isot, die Königin,
Auf seinen Armen nach dem Port.
Sie raunt ihm zu mit raschem Wort,
Dass, was ihm auch draus würde,
Er unter seiner Bürde 15590
Mit ihr am nahen Ziele
Zur Erde niederfiele.
So tat er: kaum dass am Gestad
Der Waller aus dem Wasser trat
Aufs trockne Land, so strauchelt’ er 15595
Und fiel, als wär’s von ungefähr,
Und bracht’ im Fallen es dahin,
Dass er der schönen Königin
Im Arme lag an ihrer Seite.
Da ward ein Aufruhr im Geleite: 15600
Sie kamen gleich in Haufen
Mit Stecken hergelaufen,
Um ihm mit blauen Malen
Den Trägerlohn zu zahlen.
“Nein, nein, lasst ab!” so rief Isot, 15605
“Denn es geschah ihm nur aus Not.
Der Pilger ist so matt und krank,
Dass er vor Schwäche niedersank.”
Dafür erscholl ihr in der Runde
Ehr’ und Dank aus jedem Munde. 15610
Sie lobten’s im Gemüte,
Dass sie mit solcher Güte
Verteidigte den armen Wicht.
Sie sprach mit lächelndem Gesicht:
“Welch Wunder wäre nun daran, 15615
Wenn dieser fremde Pilgersmann
Mit mir zur Kurzweil wollte scherzen?”
So gewann sie alle Herzen,
Da sie so milde sich erwiesen,
Und Frau Isolde ward gepriesen 15620
Und hochgerühmt von manchem Mann.
Doch Marke sah das alles an
Und hörte schweigend jedes Wort.
Sie aber fuhr zu scherzen fort:
“Nun weiss ich nicht, was draus entsteht, 15625
Dass ich doch, wie ihr selber seht,
Von heut an nicht mehr schwören kann,
Dass ausser Marke nie ein Mann
Mir in den Arm gekommen,
Noch einer je genommen 15630
Sein Lager mir zur Seiten.”
So scherzten sie im Reiten,
Und war der arme Waller
Fortan im Munde aller,
Bis sie zum Stadttor zogen ein. 15635
Da waren Pfaffen viel und Lai’n,
Barone, Ritterschaft in Menge,
Gemeinen Volks ein gross Gedränge,
Bischöfe und Prälaten auch,
Die hielten da nach heil’gem Brauch 15640
Das Amt und weihten das Gericht.
Gewärtig ihrer strengen Pflicht
Harrten schon die Weisen;
Im Feuer lag das Eisen.
Die gute Königin Isold, 15645
Die hatt’ ihr Silber und ihr Gold
Und was vom Schmuck ihr war zuhanden,
Samt ihren Rossen und Gewanden
Dahingeschenkt um Gottes Huld,
Dass Gott an ihre wahre Schuld 15650
Zur Stunde nicht gedächte
Und, sie zu Ehren brächte.
So war zum Münster sie gekommen
Und hatte Messe da vernommen
Mit inniglichem Mute. 15655
Andächtig sah die Gute
Zu Gott auf, dem sie sich vertraut.
Sie hatte auf der blossen Haut
Ein rauhes härnes Hemd und dann
Ein wollnes Röcklein drüber an, 15660
Das ihr, wenn’s an ihr niederhing,
Nicht auf die zarten Knöchel ging.
Die Ärmel waren aufgezogen
Bis nahe an den Ellenbogen,
Arm’ und Füsse waren bloss. 15665
Da rührt ihr Anblick und ihr Los
Manch Herz und Auge mit Erbarmen;
Wie dürftig war das Kleid der Armen,
Wie bleich, wie trübe sah sie drein!
Hiemit kam auch der Heiligenschrein, 15670
Darauf den Schwur, sie sollte tun,
Und man gebot Isolden nun,
Ihre Schuld an diesen Sünden
Vor Gott und vor der Welt zu künden.
Sie hatte Ehr’ und Leben 15675
An Gottes Huld ergeben
Und bot ihr Herz und ihre Hand
Furchtsam, wie es um sie stand,
Dem Schreine und dem Eide.
Hand und Herz im Leide 15680
Befahl sie Gottes Segen
Zu hüten und zu pflegen.
Doch war auch mancher in der Schar,
Der hätte, alles Hochsinns bar,
Der Königin den Eidschwur gern 15685
Vorgesagt im Kreis der Herrn
Ihr zu Schaden und zu Falle.
Ihr alter Feind voll Gift und Galle,
Des Königs Truchsess Marjodo,
Versuchte es bald so, bald so, 15690
Und trug es ihr zum Schaden an.
Doch war auch wieder mancher Mann,
Der sich selbst an ihr ehrte
Und ihr’s zu Gute kehrte.
So stritten sie sich her und hin 15695
Um den Eid der Königin;
Der war ihr gut, der bös gesinnt,
Wie’s immer geht, wo Menschen sind.
“Herr König,” fiel die Herrin ein,
“Was sie auch reden insgemein, 15700
Der Eid muss doch vor allen
Euch und nur Euch gefallen;
Und darum seht nun selber zu,
Was ich hier spreche oder tu’.
Ob ich den Eid Euch sage, 15705
So dass er Euch behage.
Der wirre Hader schweige still;
Vernehmt, was ich Euch schwören will:
Dass ausser Euch kein andrer Mann
Kunde meines Leibs gewann, 15710
Und dass wahrhaftig, wenn nicht Ihr,
Kein Lebender auf Erden mir
Im Arm und an der Seite lag
Als der, den ich nicht leugnen mag--
Was würd’ es mir auch taugen, 15715
Da Ihr mit eignen Augen
Ihn saht in meinem Arme--
Der Pilgersmann, der arme:
So helfe mir denn, red’ ich wahr,
Mein Gott und aller Heiligen Schar, 15720
So dass ich ohne Wehe
Das Urteil hier bestehe.
Herr, wollt Ihr mehr, gebietet nur,
Und ich verbess’re Euch den Schwur
In jeder Weise, wie Ihr wollt.” 15725
“Nein,” sprach der König, “Frau Isold,
Soweit ich das erwägen kann,
Bedünkt es mich genug hieran.
Nun nehmt das Eisen auf die Hand,
Und wie die Wahrheit Ihr bekannt, 15730
So helf’ Euch Gott in dieser Not!”
“Amen,” sprach die Frau Isot.
Sie griff es an auf Gottes Gnaden--
Und trug das Eisen ohne Schaden.
Da wurde deutlich wohl und klar 15735
Vor aller Augen offenbar,
Dass unsern lieben Herrgott man
Wie einen Ärmel wenden kann:
Er schmiegt sich an und fügt sich glatt,
Wie man es nur im Sinne hat, 15740
So weich, so handsam und bequem,
Wie’s artig ist und angenehm,
Ist allen Herzen gleich bereit
Zum Trug wie zur Wahrhaftigkeit,
Zum Ernste wie zur Spielerei, 15745
Wie man’s begehrt, er ist dabei.
[Notes:
3: Having become justly suspicious of his wife’s fidelity, King
Marke requires her to prove her innocence by the ordeal of the hot
iron. She complies--in a way.]
+XXVI. KONRAD VON WÜRZBURG+
The most gifted of the romancers after the famous trio. He was born at
Würzburg about 1230, wrote some of his earliest poems there, lived
afterwards at Basel, then at Strassburg, and died at Basel in 1287. He
loved the good old times of knighthood and wrote of them in facile verse
whose popularity is attested by several notices. His works are rather
numerous. The most important of the longer romances is _Engelhart_; of
the shorter tales, _The World’s Reward_, _Otto with the Beard_,
_Silvester_, and the _Story of a Heart_. This last is given below in
condensed form.
+Story of a Heart.+
Ein Ritter und ein gutes Weib,
Die hatten einmal Seel’ und Leib
So fest verwebt in Minneglut,
Dass beider Leben, beider Mut
War eins geworden ganz und gar. 5
Was je der Frau zuwider war,
Das war es auch dem Ritter.
Davon zuletzt ward bitter
Ihr Lebensende, leider.
Es war die Minne beider 10
Nun worden so gewaltig,
Dass sie sehr mannigfaltig
Die Herzen machte schmerzen.
Gross Schmerz ward ihren Herzen
Von süsser Minne kund. 15
Die hatte sie bis auf den Grund
Mit ihrer Flamm’ entzündet
Und dergestalt ergründet
In heisser Leidenschaft,
Dass Worte machtlos bleiben 20
Dieselbe zu beschreiben.
Doch konnten sie nun leider nicht
Zusammenkommen, um die Pflicht
Der Minne nach Begehr zu üben.
Denn jenes Weib, gemacht zum Lieben, 25
Hatt’ einen werten Ehgemal,
Der brachte beiden grosse Qual,
Weil dieser, immer auf der Hut,
Bewachte jenen Ritter gut,
So dass er niemals konnte stillen 30
An ihr des wunden Herzens Willen,
Das blutete im Busen sein.
Deswegen litt er eine Pein,
Die grausam war und fürchterlich.
Nach ihrem Leibe minniglich 35
Begann er sich gar sehr zu quälen
Und konnte seine Not verhehlen
Nicht mehr vor ihrem Mann.
Zur Frau begab er sich sodann
Bei günstiger Gelegenheit 40
Und klagte ihr sein Herzensleid.
Daraus entstand erst lang danach
Für ihn ein schweres Ungemach.
Der Gatte, in verdächt’gem Mut,
Bewachte sie mit strenger Hut 45
So lange, bis ihm leider klar
An ihrem Tun geworden war,
Dass süsse Minne beider Glück
Umwickelt hielt in ihrem Strick.
Das tat dem guten Herrn leid; 50
Er dachte bei sich sehr gescheit:
Lass ich mein Weib also gebaren,
Werd’ ich an ihr nun bald erfahren,
Was all mein Glück vergiftet,
Wenn sie mir Schaden stiftet 55
Mit diesem werten Mann.
Also, wenn ich es fügen kann,
Entrück’ ich sie seinem Begehr:
Über das grosse wilde Meer
Will ich nun mit ihr fahren 60
Und sie auf solche Art bewahren
Vor ihm, bis er dann ganz von ihr
Wegwendet seines Herzens Gier.
Und bald denkt sie an ihn nicht mehr:
Dem, hört’ ich sagen von je her, 65
Wird nach und nach sein Lieb zu Leid,
Der lebt beständig lange Zeit
Von ihm getrennt. So steht mein Sinn:
Ich fahre bald mit ihr dahin
Und bleibe in der heil’gen Stadt, 70
Bis meine Frau vergessen hat
Die Liebe, die sie überkam
Von diesem Ritter lobesam.
Als es dem ward bekannt,
Der nach der Dame war entbrannt, 75
Beschloss der Liebende bei sich,
Ihr nachzufolgen schleuniglich.
Die strenge Kraft der Minne
Bezwang so seine Sinne,
Dass er ja um das schöne Weib 80
Hätte willig seinen Leib
In den grimmen Tod gebracht.
Drum wollt’ er, wie er’s ausgedacht,
Nicht lang verziehen mit der Fahrt.
Als nun die Dame inne ward 85
Der Absicht, die er hegte,
Rief heimlich ihn, so wie sie pflegte,
Zu sich das kaiserliche Weib
Und sagte: “Freund und lieber Leib,
Mein Mann ist auf den Plan gekommen, 90
Wie du wohl selber hast vernommen,
Mich zu entfernen weit von dir.
Nun, Trautgesell, gehorche mir
In deiner hochholdseligen Art
Und mach’ zunichte diese Fahrt, 95
Die er ersann zu meinem Weh.
Fahr’ du alleine über See;
Und hat er dann davon vernommen,
Dass du vor ihm dahin gekommen,
So bleibt er hier wohl stehen, 100
Und jener Argwohn wird vergehen,
Den er auf mich gelenkt.
Wenn er nun bei sich denkt:
‘Wär’ etwas Wahres an der Sünde,
Der ich mein Weib für schuldig finde, 105
Hätte der Ritter solchermassen
Das Land gewiss niemals verlassen.’
So wird der Argwohn bald entkräftet,
Den er bisher auf mich geheftet;
Auch soll es dir kein Leid bereiten, 110
Dich aufzuhalten dort im weiten,
Bis das Geschwätz wird einmal stumm,
Das hier zu Lande läuft herum.
Und bringt der süsse reine Christ
Dich wieder heim nach kurzer Frist, 115
So hast du’s besser künftiglich
Mit deiner Minne, wie auch ich,
Denn das Geplapper von uns zwein
Wird, hoff’ ich, ausgestorben sein.
Gott sei’s geklagt, dass du allhier 120
Nicht immer bleiben kannst bei mir,
Und ich bei dir, wie ich begehr’.
Nun komm zu mir, mein lieber Herr,
Und steck’ dir dieses Ringlein an:
Dich soll’s erinnern dann und wann, 125
Wie ich hier weil’ mit schwerem Sinn,
Weil ich von dir geschieden bin.
Jetzt küsse mich nur noch einmal
Und tue, wie ich dir befahl.”
Der werte Ritter trennte sich 130
Von ihr und ging wehmütiglich
Ans Ufer, wo ein Schiff sich fand,
Und fuhr nach dem gelobten Land.
Doch schwerer wurde mit der Zeit
Des Liebekranken Weh und Leid, 135
Es drang bis auf der Seele Grund,
Er ward von tiefer Sorge wund
Und klagte öfters von der Pein,
Die wütete im Herzen sein.
So lebt’ er jammervolle Tage 140
Und trieb so lange seine Klage,
Bis er am Ende kam so weit
In seinem grenzenlosen Leid,
Dass er nicht mehr mochte leben.
Solch elend Los war ihm gegeben, 145
Dass auch sein Äussres deutlich sprach
Von seinem inneren Ungemach.
Und als der Ritter wusste,
Dass er bald sterben musste,
Sprach er also zu seinem Knecht: 150
“Mein Trautgesell, vernimm mich recht!
Ich sehe leider wohl,
Dass ich bald sterben soll,
Weil die, die ich so sehr geliebt,
Grausam zu Tode mich getrübt. 155
Das ist nun meine Lage,
Drum höre, was ich sage:
Wenn meine allerletzte Not
Vorbei ist, und ich liege tot
Durch das holdselige Weib, 160
So lass aufschneiden meinen Leib
Und nimm mein Herz heraus,
All blutig und von Farbe graus.
Sodann sollst du es salben
Mit Balsam allenthalben; 165
So bleibt es frisch auf Jahr und Tag.
Und höre, was ich weiter sag’.
Schaff’ dir ein goldnes Büchselein,
Verziert mit edelem Gestein;
Darein mein totes Herze tu’ 170
Lege das Ringlein auch hinzu
Und bring’ es meiner Frauen,
Damit sie möge schauen,
Was ich von ihr erlitten,
Und wie mein Herz verschnitten 175
Um ihretwillen. Gott beglücke
Meine arme Seel’ und schicke,
Dass die weitentfernte Süsse
Glück und Lebensfreud’ geniesse,
Da ich hier nun liege tot.” 180
In solcher schweren Herzensnot
Verschied der Ritter. Mit dem Toten
Verfuhr der Knecht, wie ihm geboten:
Er kehrte heim mit heissem Schmerz
Und trug mit sich das tote Herz. 185
Doch als er durch die Gegend eilte,
Wo jene hohe Frau verweilte,
Kam ihm--es war sehr ungelegen--
Ihr werter Ehgemahl entgegen,
Bedrohte ihn mit scharfem Wort 190
Und nahm das Herze mit sich fort.
Dem Koche liess er’s überreichen,
Der eine Speise sondergleichen
Für seine Herrin machen sollte.
Der Koch tat, wie der Schlossherr wollte, 195
Und ganz unwissentlicher Weise
Genoss die Frau die ekle Speise.
Es deucht’ ihr gut, sie ass es gern
Und sprach also zu ihrem Herrn:
“Ist dieses Essen lobesam 200
Wild gewesen oder zahm?”
Der Herr erwiderte gemessen:
“Du hast des Ritters Herz gegessen,
Der mit so liebevollem Sinne
Stets trachtete nach deiner Minne. 205
Von sehnsuchtsvoller Herzensnot
Liegt er in weiter Ferne tot
Und hat sein Herz in dieses Land
Durch seinen Knecht zu dir gesandt.”
Entsetzen traf das holde Weib, 210
Das Herz erkaltet’ ihr im Leib,
Die Hände fielen ihr zum Schoss,
Das Blut ihr aus dem Munde goss;
Zuletzt sprach sie in tiefem Schmerz:
“Ass ich also des Freundes Herz, 215
Der stetig mich geliebt so sehr,
So sag’ ich Euch bei meiner Ehr’,
Dass keine andre Speise mir
Von diesem Tage für und für
Den Mund berührt. Ich folge nach 220
Dem Freunde, der nie Treue brach;
Ich weiss, ich komme bald ans Ende.”
Sie faltete die weissen Hände,
Es brach das Herz in ihrem Leib,
Sie sank dahin ein totes Weib. 225
+XXVII. LATER MINNESINGERS+
During the 13th century the making of amatory verses in honor of a liege
lady became a part of the ordinary fashion of knighthood. In time the
‘nightingales’ could be counted by the hundred. Many of them were very
clever metricians, but not many found anything to express that had not
been better expressed before. A few of the more noteworthy among
Walter’s successors are represented in the following selections, which
are taken from Obermann’s _Deutscher Minnesang_. The most original is
Neidhart von Reuental, who eschewed the conventional _hohe Minne_ and
sang lustily of the plebeian maid and the rustic dance.
+1+
+Reinmar von Zweter: Gebot an den Unendlichen.+
Gott, Ursprung aller guten Ding’,
Gott, alle Weit’ und Breite rings umschliessend wie ein Ring,
Gott, aller Höh’ Bedeckung, aller Tiefe endeloser Grund,
O sieh aus deiner Göttlichkeit
Herab auf deine teuer dir erkaufte Christenheit,
Um die dein eingeborener Sohn
ward an dem heil’gen Kreuze wund.
Er hat sich uns vermählt mit seinem Blute:
Die Liebe komm’ uns auch von dir zugute
Um dessen will’n, durch den wir kamen
Von Hölle los und Teufelsmacht.
Ihm sei mit dir, Herr, Lob gebracht
Als Einem Gotte mit dreifachem Namen.
+2+
+Reinmar von Zweter: Kurze Lust und langes Leid.+
Du süsses Weib! Im Herzen mein
Sieh dich doch um,
und find’st du dort noch wen als dich allein,
So lass mich nur vergehn
und ohne Trost bis an mein Ende leben.
Doch herrschest du darin, o dann,
Vielsüsses Weib, so nimm in Huld dich meiner mehr auch an.
Mehr kann ich nicht:
durch meine Augen bist du mir ins Herz gegeben.
Ganz bist du, Süsse, mir hineingegangen,
Ich hab’ dich oftmals heimlich drin empfangen.
Wenn ich so lieb dann an dich dachte,
Ein wenig wohler mir geschah;
Doch dann sass ich gar traurig da,
Und kurze Lust mir langes Leid stets brachte.
+3+
+Reinmar von Zweter: Der tapfere Hahn.+
Preis muss ich, Hahn, Euch zugestehn!
Ihr seid in Wahrheit tapfer, wie gar oft ich hab’ gesehn,
Denn Eure Meisterschaft ist gross
bei Euern Fraun, sind’s noch so viel.
Nun ist nur Eine mir beschert,
Die doch mir alle Freude nimmt und meinen Sinn beschwert,
Sie trägt das grössre Messer,
und sie zürnt, wenn froh ich werden will.
Hätt’ ich so zwei, dann wagt’ ich nie zu lachen,
Hätt’ ich so vier, könnt’ nichts mehr froh mich machen,
Hätt’ acht ich, würd’ ich nicht mehr leben können,
Sie brächten mir den Tod vor Leid.
O Hahn, dass Ihr so tüchtig seid,
Ist Euer Glück,--Ihr meistert selbst zwölf Hennen.
+4+
+Ulrich von Lichtenstein: Glück der Hoffnung.+
In dem Walde süsse Töne
Singen kleine Vögelein.
Auf der Heide blühen schöne
Blumen zu des Maien Schein.
Also blüht auch froh mein Mut, 5
Wenn er denkt an ihre Güte,
Die mir reich macht mein Gemüte,
Wie der Traum dem Armen tut.