»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«
»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in der Osternacht da
stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«
Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.
»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, denke ich, gehen
wir doch!«
Tiefe Stille.
Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen miteinander, und
die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es durchrieselte sie selbst bei
ihren Worten.
»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so fürchterliche Dinge! Am
Tage denkt man nicht daran, aber nachts, da sieht alles so wie in einer
alten, schrecklichen Geschichte aus. Weißt du von dem Fährmann, der die
Toten über ein großes schwarzes Wasser setzte? -- so wie wir vorhin,
fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie lieb haben. -- So
hat es gewiß gerauscht -- und so kalt wird's gewesen sein, und die Taue
haben so geklappt, und die Räder geschnurrt; und alles pechschwarz,
Sturm, nie wieder Sonnenschein! -- Und da haben sie auch so auf der
Bank gesessen und sich gefürchtet, -- und sind auf Nimmerwiedersehen
fortgefahren! -- Budang, wie mir die Göchhausen leid tut! -- Glaubst du
denn wirklich, daß sie kommt? -- Und wie ist's denn nur, daß sie gerade
kommt, und die andern nicht? -- -- Ach, Budang, wer so was wissen
könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«
Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie aus einer Flasche
spricht -- so fiept -- das ist gräßlich!«
Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, alle Hand in
Hand.
Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden Blätterknospen
aneinander; es klappte und sauste, und über die kahlen Felder kam es
unheimlich angebraust.
Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und die Blätter werden
erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie sich an Budang fest vor
Grauen. Und Marie flüsterte bebend: »Pfui Röse!«
»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten die sich!«
Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; ganz geheuer
war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.
»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn sie wirklich kommen
sollte! Was machen wir denn da mit Röse und Marie --?« meinte Ernst
Schiller.
Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne Sorge, wenn es
darauf ankommt, fürchte ich mich gar nicht! -- Ich rede sie an!«
»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen sollt!«
»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so darfst du uns
nicht behandeln! -- Weißt du, wir sind so gut wie verlobte Mädchen!«
»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, »laß die
dummen Witze!«
Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -- Haben wir je
gelogen?«
Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen alle
zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind schnob um sie her und
trieb sie noch näher zu einander.
»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand sogleich wußte,
wem sie angehörte. Sie klang so fremd, so unterdrückt, als wenn der
Frühlingssturm selbst mit einem Male eine leise, ängstliche Frage getan
hätte.
Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare Veränderung in
dem Gesichte seines Freundes Ernst Schiller.
Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen Götzendienst
getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts Lieblicheres als
diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen Herzens geblieben, sein ganzes
erstes Jugendfeuer gehörte seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn
auch seines Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«
»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja noch nicht sagen!«
»Nun -- weshalb sagst du dann: beide?«
»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten sie sie doch auf
einer Lüge ertappt, die Bengel!
Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas gehabt hatte,
was die andre nicht auch besaß. Es mochte ihr neu sein, daß sie
Einzelwesen waren. Es verdutzte sie völlig. Beide gehörten so eng
zusammen. Sie waren sogar merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre
geboren, als gute Kameraden so ganz nah auf einander gefolgt; das
wissen wir ja.
Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche durcheinander.
Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten und Zweige, wie durch ein
Riesensieb.
Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein andres schwatzend
und klagend, frühlingshaft spitz und grell vor sich hin. Auch ein
Liebespärchen, das sich lockte und schalt, koste und sich beklagte!
Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da und dort:
unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!
»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure Fasanen gekommen
-- vielleicht ein Fuchs.«
»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses Verlobungsgeschichte
nicht glauben wollte und sich doch nicht recht zu fragen getraute.
»Gut,« sagte Böse. »Sie hatten auch silberne Köpfe und silberne Füße
aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll aus.«
Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt ganz still.
Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.
»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, »ist denn
deine Verlobung wirklich wahr?«
»Ja, Budang.«
»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«
»Ja.«
»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine vernünftige Person
bist? Tust du's denn freiwillig? Verlobst du dich denn gern? Ich
begreif's nicht. Wieviel jünger bist du denn als ich?«
»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.
»Stell' dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in anderthalb Jahren
verheiraten wollte. -- Lächerlich!«
»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.
»Und du weißt's, daß du verlobt bist -- seit heute erst -- und bist
doch mitgerannt! -- -- Du bist aber gedankenlos! Da muß man doch,
dächt' ich, ganz erschüttert sein?«
»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht ganz verlobt!
-- Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer dran? -- Immer! -- --
Nein, weißt du, mir ist's auch viel lieber, daß ich mit euch hier
renne; zu Haus war mir's manchmal ganz angst und bange vor Glück.«
»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«
»Nein.«
»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts nach! Wie bist du
nur!«
»Ach geh'!« wehrte Röse ab.
Der Sturm hatte nachgelassen.
Sie bogen jetzt ins Dorf ein.
Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!
»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.
Marie tat einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, geh' ich
wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.
»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber nicht naß!‹« rief
Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse und Marie denken nicht; sie
tun's nur!«
»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«
Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der Ilm vorüberführt.
Und die Ilm gluckste und rauschte auch hier geheimnisvoll nächtlich,
und der Wind pfiff noch gespenstischer durch die riesig hohen Ulmen.
»Wenn sie hier käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch
nirgends ausweichen, -- so zwischen der Mauer und der Ilm. -- -- -- Ich
stürb' auf der Stelle, wenn sie mich anfaßte!«
»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie darauf kommen,
dich anzufassen? Schließlich war sie doch eine vornehme Dame, und die
wird sich doch nicht im Grabe solche Handgreiflichkeiten angewöhnt
haben!«
»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht hören!«
Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; das nächtliche
Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, daß sie doch etwas Unrechtes
täten, das schauerliche Ziel, die vermutliche Nähe des Entsetzlichen --
all das hatte sie überwältigt, und sie brach in Tränen aus.
Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; Röses Hals
umklammernd, weinte sie bitterlich.
»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«
Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und wußten nicht, was
beginnen.
»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten ihre blonden
Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen Körper schmiegten sich fest
einer an den andern.
Der Mond schien hell über sie hin.
»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr, du, wir verlassen uns doch
nicht?«
»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«
»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie muß der zu Mute
sein! -- Und wie schrecklich, daß sich die Leute so vor ihr fürchten!«
»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen sie fragen.
Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«
Die guten Herzen der Beiden überwanden das Grauen.
Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während Röse leicht
beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun gehen wir weiter,«
sagten sie dann, und sie hingen sich wieder ein in die Arme ihrer
Freunde.
»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie bedenklich.
In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch gestört war, nur
die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr durch die Baumkronen, da hörten
sie etwas! -- Was war das?
Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. -- Von fern ein Scharren
-- ein Laufen -- ein Huschen -- Schritte -- aber merkwürdige
Schritte -- in Sätzen -- etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges,
Menschenunwürdiges!
Sie standen alle bewegungslos, lautlos.
Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges Hupfen und
Huschen!
Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher -- grad' auf dem
Wege kam es auf sie zu -- näher -- immer näher, auf dürren Blättern
gehend, dann hopsend! Ja, wenn sie das wirklich wäre, dann überstiegen
diese Laute alle Phantasie! Der entsetzlichste Kobold hätte nicht
widersinniger rennen, hüpfen und stehen bleiben können, als es das tat,
was da ankam! -- Und zu denken, daß diese arme Seele eine vornehme,
geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem etwas boshaften Mundwerk
gesegnet und mit einem Buckel! -- Ein Mensch! Eine Hofdame!! -- so
heruntergekommen, so urweltlich sich aufführend -- so ungeheuerlich!
Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde mächtig
bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer angedrückt
-- totenstill. Wie mußte erst das Aussehen des Spukes sein, nach
solchen Lauten! -- Sie hatten sich alle eine unbestimmte Vorstellung
von der Begegnung mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes --
Nebelhaftes -- Huschendes -- Fiependes -- und daß sie wie aus einer
Flasche sprechen würde; aber nicht so -- um Gottes willen nicht so!
Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, deren Ränder
versilbernd.
Da sahen sie sich etwas bewegen -- etwas Ungestaltes, Niederes
-- es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel -- und zwei
unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich und hoben sich
gespenstisch vom dunklen Hintergrund ab! Diese wackelnden Hörner, was
sollten die? Was wollten die?
Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.
Da mit einem Male ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen,
und wie aus einer Trompete ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und --
ein Gelächter! Budang war's, der lachte.
Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete
-- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen
Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin
streckte und horchte.
»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.
Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend
und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die
Nacht und in den Park hinein.
»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem
Pächter entwischt!«
Sie blieben alle still und betreten, als müsse noch was kommen; zu
einem wirklichen, herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag
etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes -- so etwas Banges,
Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste
schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an
die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber -- denn es war
heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen!
Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen -- Käuzchen -- verliebtes
Nachtgetier.
Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren
unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg
auf.
Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.
»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus
alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt
hat? -- Glaubt ihr das?«
Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der
stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.
Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen;
die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen
ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie
sie gekehrt hat -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele
und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie
ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt,
wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder
gekommen, und das Kehren war aus!«
Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt
ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern
gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen
gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich
ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt -- so wie ein Kätzchen
-- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben
ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm
gesehen, der sich über seine Brust spannte -- nur einen Arm und eine
Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll
etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch
andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand
unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern
hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so
übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen
sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen
hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!«
Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle
unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas
zu erzählen.
Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder
nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute,
die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf
Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste
Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es
keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas
nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem
es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht
gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß.
Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer als auf das
Familiensilber zu rechnen.
Und so strichen unsere Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen
Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen
die dunkelsten, geheimnisvollstem, überwachsenen, feuchten Wege an der
Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade
dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken.
Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben
herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig
und weniger erregt, als unsere Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die
Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen
Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen
Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen
geschlichen -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene
Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen -- da
standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt!
Nahe -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie
hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte, so
recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt« gezischt
hatte. »Verdammt!« deutlich: »verdammt!« -- nichts weiter, und dann
wieder tiefe, tiefe Stille auf beiden Seiten.
»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.
Alle hielten den Atem an und horchten.
Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen
auch zu horchen.
Totenstille!
Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde -- denn
da war etwas -- das war sicher!
Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die
Bildsäulen so starr -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen
auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in
Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch
kommen gehört hatte, geworden sei.
Jetzt aber -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches, sonderbares
Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein Wägelchen, oder
auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen Umständen!
Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht
unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine
Flasche rede, hatten sie ja gewußt!
Das war das Entsetzliche!
Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch
steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.
Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse:
»So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte,
ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten.
So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit
klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln
im dichten Gebüsch -- ein furchtbarer Schrei -- ein Springen -- ein
heiserer Laut -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem
großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! --
Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!
Marie schrie verzweifelt auf.
»Ruhig -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier?
Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?«
Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und
war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt -- ein
zarter, zarter Frühlingslaut -- so süß, so wunderlich -- ein Laut wie
ein Kuß!
»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf
der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im
Schreck und in der Überraschung gebildet.
Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Ärger und in der Erregung
über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs
verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die
Höhe.
»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert, doch
auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt euch
denn ein?«
»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir
ausgerissen sind.«
»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit
_uns_ -- und wenn _wir_ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat
es ihnen ein für allemal erlaubt.«
Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen
hatten, lächeln.
In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende
Vortrefflichkeit -- so eine unantastbare Treuherzigkeit -- daß jedes
weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der
Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern,
währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.
»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also
doch noch Raum?«
»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des
Fuchses wegen?«
»Ja, mein Herz -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was
denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«
»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«
Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen
Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse.
Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden -- wie gut
sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie von ihnen gelernt
hätte, besonders von Budang.
Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und
Freundschaft war, voller Anhänglichkeit -- und erzählte alle möglichen
dummen und lustigen Streiche.
Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre
Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht
wieder!« rief sie.
Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.
Das war Frühlingsreinheit -- Frühlingszartheit -- Frühlingswonne!
Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.
* * * * *
Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen
Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden.
Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr
längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle
Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich
geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich
wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter
und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die
schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch -- sonst nirgends!
Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die
sie nichts angehen.
Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft -- aber da
ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht.
Geduldig werden -- geduldig werden -- geduldig werden! darauf läuft's
hinaus.
Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre
Enkelin sitzt bei ihr am Bette.
Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit
durch die Straßen fährt.
Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.
Da -- was ist das?
Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu
ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie
beim Fasanenessen saßen.
»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer
Enkelin -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das
Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch.
»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte;
so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei,
und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!«
Da tut sich die Tür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein,
in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß es
sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit
lebendigen, geistvollen Augen -- und seine silberweißen, dichten Locken
liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine Art
geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.
»Wie geht's der Röse?« fragt er.
Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.
»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Tränen im Auge, »du kannst ja
noch deinen Pfiff!«
»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten,
»das freut dich?«
Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten
miteinander einen weiten -- weiten Ausflug in die gute, alte Zeit.
Und das war die beste Medizin.
Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in
Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr
wohl tat.
»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch -- du treuer Mensch!«
Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen -- treu in großer,
wahrer, seltener, starker Freundschaft.
[Illustration]