zu ihm natürlich gestattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle,
hielt sich aber sehr gefaßt und ruhig und sprach ihm sogar Muth ein --
Gott werde ihn schon nicht in dem fremden Lande verlassen -- er solle
nur auf ihn bauen. Mac Ferson verlangte dann nach dem Priester; es war
aber in der ganzen Ansiedelung kein katholischer Geistlicher, und der
Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptisten zu senden, da er sich
nach dem Trost der Religion sehne, wenn dieser auch aus einem nicht
katholischen Munde käme.
Das freute die Baptisten ungemein und machte ihm ihre Herzen sehr
geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit
einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, sehr eingefallenen Wangen
und etwas stieren gläsernen Augen, auf der scharfgebogenen Nase eine
gewaltige Brille, säumte denn auch nicht lange, und versicherte ihm
nach kurzer Unterredung, daß er, sei er nun des angeklagten Verbrechens
schuldig oder nicht, in wenigen Stunden am Throne des Höchsten
Verzeihung für seine Sünden und Gnade in den Augen des Allerbarmers
finden würde.
Mac Ferson betete wohl bis zwölf Uhr in dieser Nacht mit dem frommen
Manne, beichtete ihm alle seine Sünden, gestand auch, wie er schon,
seit er das freie Land Amerika betreten, gewünscht habe dem katholischen
Glauben zu entsagen und sich den Baptisten anzuschließen, deren einfache
Formen ihm stets am meisten zugesagt, und bewies sich so zerknirscht, so
weich und religiös, daß der Prediger diesen Augenblick nicht ungenützt
vorüber lassen zu dürfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal
dringend an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen, damit
er vor Gott Nichts habe, was noch einen schwarzen Schatten auf seine
Seele werfen könne. Hier blieb der Unglückliche aber verstockt und
behauptete nur, der liebe Gott wollte ihn durch diesen unverschuldeten
Tod für all' seine früheren Sünden und Laster strafen, an dem
vergossenen Blute sei er jedoch unschuldig und der Kentuckier müsse von
einem Anderen erschlagen sein.
»Ich habe einen Verdacht,« sagte er dann wie überlegend nach kurzer
Pause, »aber er ist zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich, als daß
ich es gewagt hätte, ihn vor den Geschworenen zu äußern; es würde meine
Sache vielleicht noch verschlimmert haben.«
»Aber _mir_ könnt Ihr ihn entdecken, armer Mann,« sagte der Prediger --
»meinem Herzen könnt Ihr ihn vertrauen; wer weiß, ob nicht vielleicht
dadurch noch Rettung für Euch möglich ist.«
»Ach nein, ehrwürdiger Herr,« erwiederte der Ire -- »der Verdacht ist
zu wild, zu oberflächlich, doch _Ihr_ sollt ihn hören. Erst vorgestern
äußerte der Kentuckier -- wie auch allenfalls meine Frau bezeugen
könnte, denn wir saßen zusammen am Tisch -- daß er glaube einen Menschen
hier in der Gegend gesehen zu haben, der seinen Wohnort umschliche, und
dessen Anwesenheit er eigentlich fürchten solle, da er ihn früher einmal
tödtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht sonderlich auf die
Worte, jetzt aber, da der Unglückliche erschlagen ist, kann ich kaum
umhin zu glauben, daß jener Fremde die That verübt hat.«
»Aber weshalb erwähntet Ihr diesen so wichtigen Umstand nicht bei Euerem
ersten Verhör?« rief der Prediger aus. »Man hätte in der benachbarten
Gegend nachforschen und den Mörder, wenn es wirklich jener Fremde war,
vielleicht auffinden können.«
»Ich wußte nicht gewiß, ob Jener der Thäter sei,« sagte der Ire mit
frommen zum Himmel gerichteten Blicken, »und wollte keinen Unschuldigen
in's Verderben bringen.«
So lange blieben die beiden Männer nun noch im Gespräch und Gebet
zusammen, bis der Diener des Herrn fast wirklich von der Unschuld des
armen Irländers überzeugt war; das einmal gesprochene Urtheil ließ sich
aber einer solchen oberflächlichen Vermuthung nach nicht abändern, und
die Stunde rückte heran, in welcher der zum Tode Verdammte die Strafe
für ein Verbrechen erleiden sollte, das er, wie jetzt ein großer Theil
der Bewohner von Seneka zu glauben anfing, gar nicht begangen. Der
Baptist hatte nämlich seiner ganzen Gemeinde am nächsten Morgen das
in der Nacht erhaltene Geständniß des armen Iren mitgetheilt, wobei
er nicht zu erwähnen vergaß, mit welch frommem Herzen er sich ihrer
Religion zugeneigt und dem Papstthum entsagt habe, und wer weiß, ob
nicht schon aus diesem Grunde eine Art Gnadenakt zu seinen Gunsten
ausgeübt wäre, hätten sich die Presbyterianer dabei nicht in's Mittel
geschlagen, die schon das mit neidischen Augen betrachtet hatten, daß
der Katholik die Religion der Baptisten der ihren vorgezogen.
Der Baptistenprediger suchte etwa zwei Stunden vor der Execution den
Verurtheilten wieder auf und frug ihn, ob er vielleicht noch wünsche,
seine Frau vor seinem Tode zum letzten Mal zu sehen; Mac Ferson
verneinte das aber, indem er sagte, er habe schon Abschied von ihr
genommen, und wolle sich das Sterben nicht durch eine zweite solche
Scene erschweren. Sein ganzes Benehmen war aber an diesem Morgen so
sonderbar, so eigenthümlich, daß es nicht umhin konnte, dem frommen
Manne aufzufallen, der dann natürlich gar eifrig in ihn drang, ihm das
zu entdecken, was seine Seele noch belaste, damit er rein und sündenfrei
vor den Thron des Höchsten treten könne. Der Baptist glaubte nicht
anders, als Mac Ferson fange an, durch die Nähe seiner letzten Stunde
geängstigt, sein bisheriges verstocktes Leugnen zu bereuen, und wolle
nun bekennen, daß er das Verbrechen doch begangen habe.
Mac Fersons ganzes Benehmen schien ihn auch darin zu bestärken, denn
erst war er unruhig, ging mit etwas verstörten Blicken in dem engen
Raume auf und ab, und beantwortete fast alle an ihn gerichteten Fragen
zerstreut und wie mit ganz andern Dingen beschäftigt. Der Mann Gottes
bat ihn zwar mehrere Male, seine Blicke nun der Ewigkeit zuzuwenden, an
deren Pforten er in wenigen Minuten stehen würde; der Ire schien jedoch
das Alles nicht zu beachten, preßte aber oft die Hände gegen die Stirn,
als ob ihn ein wilder Traum schrecke oder irgend ein, vor seiner Seele
ansteigendes Bild ängstige, bis endlich die Stunde schlug, die zu seiner
Hinrichtung bestimmt war, und erst als er den nahenden Sheriff hörte, da
warf er sich auf die Kniee nieder, betete mit leiser flüsternder Stimme
ein kurzes Gebet, und gestand nun dem Prediger, er habe einen Traum
gehabt, von dem er nicht wisse, ob er ihm von Gott, oder von dem
Erzfeind, dem Teufel, gesandt sei.
Der Prediger drang jetzt in ihn, ihm den Traum mitzutheilen, der
Gefangene wies aber auf den eben eintretenden Sheriff, der mit zwei
Constablen in der Thür erschien, und flüsterte leise:
»Es ist zu spät!«
»Nein Mann -- nein -- es ist _nicht_ zu spät,« rief der fromme
Geistliche entsetzt, »das wolle Gott verhüten, daß Ihr in Euerem letzten
Augenblick daran verhindert werden solltet mir mitzutheilen, was Euere
Seele peinigt -- nein -- der Sheriff ist ein braver Christ und wird
sicherlich nicht solche Verantwortung vor Gott auf sich nehmen wollen.«
Dieser versicherte auch dem Geistlichen augenblicklich, daß er gern
bereit sei, noch eine Viertelstunde zu warten, die Zuschauer wären
aber versammelt, und länger dürfe er den Ausspruch des Gesetzes nicht
verzögern. Er zog sich dann nebst seinen Begleitern zurück und mehre
Sekunden sah ihm Mac Ferson sinnend und ernst nach; dann aber wandte er
sich an den frommen Mann und sagte mit fester, ruhiger Stimme:
»Ich sehe, ich darf nicht länger zögern; der Augenblick, der mich mit
meinem Gott vereinen soll, ist gekommen. Vorher, ehrwürdiger Herr,
erfahren Sie aber noch einen Traum, den ich in letzter Nacht geträumt
und der mir in diesem Moment fast mehr als Traum scheint -- ich habe den
Mörder des Kentuckiers gesehen!«
»Großer Gott -- wär' es möglich!« rief der Prediger, überrascht von
seinem Stuhle aufspringend, »hätte Euch Gott in seiner unendlichen Güte
den wahren Mörder gezeigt und wäret Ihr wirklich unschuldig? Wer war
es?«
»Ich kenne ihn nicht.«
»Keiner aus dieser Stadt?«
»Nein!«
»Und Ihr habt ihn früher nie gesehen?«
»Nie!«
»Aber was, um des Heilandes willen, soll Euch das nützen? wer wird Euch
glauben? wie wollt Ihr den Mann zur Stelle schaffen?«
»Ich kenne seinen Aufenthalt« --
»Ihr? aber woher?«
»Ich sah ihn im Traum -- doch hört mich und sagt mir nachher, was ich
thun, ob ich schweigen oder dem Volk den Traum bekannt machen soll.
Mir war, als ob ich langsam, mit meiner Axt auf der Schulter, durch
den Wald, und zwar auf demselben Fahrweg, auf dem der Mord geschehen,
hinschlenderte, als ich plötzlich um eine Ecke bog, die hier durch
dichtes Gestrüpp und einige umgestürzte Fichten gebildet wurde. Was ich
dort wollte, weiß ich nicht mehr, denn ich bin nie so weit mit der Axt
in dem Walde gewesen, aber mir war wunderbar leicht zu Muthe und ich
hätte von der Erde auffliegen und über die Baumwipfel dahinstreichen
mögen. Es kommt Einem ja manchmal im Traum ein ähnliches Gefühl. Da, wie
gesagt, bog ich um jenes Dickicht herum und sah ein Schauspiel vor mir,
das mir das Blut in den Adern zu Eis erstarren machte. Mitten im
Fahrweg lag die große, kräftige Gestalt des Kentuckiers, und über
sie hingebeugt, eben wieder zu erneutem Schlage ausholend, stand ein
schlanker, schmächtig gebauter Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
breiten Binde um das linke Auge, die sein halbes Gesicht verdeckte, und
einem gelben, breiträndigen Strohhut auf dem Kopfe. Er trug ebenfalls
einen hellen Rock, und wenn ich nicht irre, blaue Beinkleider und
Schuhe.«
»Sie erstaunen vielleicht, daß ich das Alles so deutlich und genau
behalten konnte, aber als ich den Mörder gewahr wurde, stand er, wie aus
Stein gehauen, mit der gehobenen Waffe über seinem Opfer, und mehrere
Minuten lang verharrten wir Beide so, starr und regungslos, wie die uns
umgebenden Riesenstämme des Waldes.«
»Da fand _ich_ zuerst Leben und Bewegung wieder und stieß einen lauten,
durchdringenden Hülferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit
Blitzesschnelle der Gedanke: _dort_ steht der wirkliche Mörder und
_Dich_ wird man dafür bestrafen, wenn _Du_ ihn nicht ergreifst und
festhältst. In demselben Augenblick aber begann auch der finstere Fremde
sich zu regen; der schwere, keulenartige Stock fiel noch einmal mit
dumpfem Schall auf den schon zerschmetterten Schädel des unglücklichen
jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mörder
in das Dickicht. Mir aber ward es in diesem Augenblicke klar. »_Er oder
Du!_« rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals selber
nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flüchtling in das wildeste
Dickicht der Niederung.«
»Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei über meine eigene Kenntniß der
Waldpfade erstaunte, ich, der ich sonst kaum zwanzig Schritte weit den
gebahnten Weg zu verlassen wagen durfte, aus Furcht, mich zu verirren.
So folgte ich dem Mörder, dessen leichte Gestalt immer in gleicher
Entfernung vor mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis
es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langsam, aber doch sicher,
näher und näher rücke.«
»Eine Stunde waren wir auf diese Art, wie mir träumte, gerannt, als wir
eine Gegend erreichten, die mir bekannt schien, und ich sah bald, daß
wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht
weit von der großen Straße nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden
tiefen Höhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mußte wohl in
einer derselben Schutz suchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf
den Fersen und hatte schon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen
und nieder zu werfen -- -- als Sie, ehrwürdiger Herr, an die Thüre
klopften. Ich fuhr erschreckt empor und -- erwachte. Der Traum war
verschwunden und anstatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen
Thäters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur
Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.«
Mac Ferson warf sich stöhnend auf sein Lager zurück und der Prediger
stand tief erschüttert neben dem Unglücklichen, den er nicht einmal zu
trösten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an
die ihres Opfers harrende Gerechtigkeit und er schritt schnell zur Thür,
diese zu öffnen. Rasch hatte er aber auch seinen Entschluß gefaßt, und
dem eintretenden Beamten den Gefangenen überlassend, rief er diesem nur
mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch,
und eilte dann flüchtigen Schrittes dem Executionsplatz zu, wo schon die
ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, daß man die
versprochene Hinrichtung so lange -- verschiebe. -- Dieselben Männer,
die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten überzeugt
waren, murrten, daß sie eine Viertelstunde länger seinen _Tod_ erwarten
sollten.
Da kam schnellen Schrittes der Prediger herbei -- er bestieg das
Schaffot, mit kurzgefaßten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten
rief er von dem todmahnenden Gerüst seine Überzeugung herab, daß der
Angeschuldigte das Verbrechen _nicht_ begangen, Gott selbst aber ihm
durch einen wunderbaren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der
schuldig und zum Tode reif sei.
Mit wenigen Worten erzählte er nun den ganzen Traum Mac Fersons, und
wenn auch zwei gerade anwesende presbyterianische Geistliche sehr
mitleidig darüber mit den Köpfen schüttelten, so war doch das Volk
selbst nur zu gern bereit, einer so geheimnißvollen Enthüllung eines
Verbrechens Glauben zu schenken und mit Jubelruf wurde der jetzt
herbeigeführte Gefangene empfangen. Zwar hielten die Constabel die Masse
zurück und ließen sich den ihnen Überlieferten nicht entreißen, aber dem
ganzen Andrang der Menge konnten sie nicht widerstehen. Alles tobte und
schrie:
»Nach den Höhlen! -- nach dem Schlupfwinkel des Mörders! Gott selber
hat seinen Versteck dem rächenden Arme des Gerichts verrathen! nach den
Höhlen -- fort nach den Höhlen!«
Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptistenprediger angeführt,
wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an
dessen Fuß sich jene, in der Ansiedlung genugsam bekannten Höhlen
befanden, in die, wie der Traum gesagt, der Verbrecher geflohen war. Die
breitausgehauene Countystraße führte auch in kaum fünfhundert Schritten
daran vorüber und auf dieser hin wälzte sich der Zug in unaufhaltsamer
Eile. Dort aber angelangt, wo die Männer die befahrene Straße
verlassen und die pfadlose Wildniß betreten mußten, hielt sie ein alter
Backwoodsman, ein Freund des erschlagenen Kentuckiers, auf und erklärte,
daß sie, wenn sie auf solche Art noch weiter vorrückten, den Flüchtling
im Leben nicht einholen würden, der ja schon eine halbe Stunde vor ihrer
Ankunft den Lärm hören mußte, den sie machten, und dann natürlich nicht
warten werde, bis sie herankämen und ihn einfingen. Er schlage daher
vor, daß man sechs oder acht Jäger voranschicke, die sich anschleichen
und das Terrain vorher recognosciren sollten; bemerkten diese dann vor
den Höhlen und in der Nachbarschaft derselben nichts Verdächtiges, dann
war es ja noch Zeit, die ganze Masse herbeizurufen.
»Haben wir nachher den Raum umzingelt,« fuhr der rauhe Backwoodsman
in seiner Rede fort, »so kann uns nichts Lebendes, was in den Höhlen
steckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug
geben; und finden wir ein solches Subject, wie unser Gefangener hier im
Traum gesehen haben will, nun gut, so mag der seine Stelle einnehmen,
denn wenn er ein gutes Gewissen hätte, triebe er sich nicht in den
Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber _Nichts_, wie es mir
fast am wahrscheinlichsten vorkommt, so schlag' ich vor, daß wir dann
mit dem Wunder sehenden Mosje keine weiteren Umstände machen, sondern
ihn an die erste beste Eiche aufhängen, denn umsonst soll er uns doch,
beim Teufel, nicht in den April geschickt haben.«
Dieser Plan schien allgemein anzusprechen, schnell und geräuschlos
wurden die Männer ausgewählt, die den Grund und Boden vorher
recognosciren sollten, und der Sprecher, zum Führer ernannt, ordnete
systematisch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen.
Nach einigen, mit dem Gefangenen gewechselten Worten, hielt aber der
Baptist die eben aufbrechenden Männer noch zurück, und schärfte ihnen
besonders ein, den, den sie da treffen würden, lebendig einzufangen,
da sie sich ja sonst gar nicht von der Unschuld des Verurtheilten
überzeugen könnten; das sahen denn die einfachen Hinterwäldler auch
recht gut ein und versprachen, ihr Blei zurückzuhalten, so lange es
ginge. »Will er aber =in spite= auskratzen,« rief Einer, indem er seine
Büchse schulterte, »nun dann will ich von Grashüpfern zu Tode getreten
werden, wenn ich ihm nicht eins mit meiner langen Betsy auf den Pelz
brenne; fort kommt er nicht, wenn er Knochen genug zeigt, um darnach
zielen zu können.«
Im nächsten Augenblick waren die Männer im Walde verschwunden und Mac
Ferson warf sich auf die Kniee nieder, preßte das Angesicht gegen die
Wurzel einer alten hochstämmigen Eiche und betete inbrünstig. Sein
Antlitz hatte eine wirklich unheimliche Leichenfarbe angenommen und
seine blutunterlaufenen Augen starrten, ehe er sich zum Gebet niederbog,
wild von einem der Zurückbleibenden zum andern.
Doch wir wollen indessen den Kundschaftern folgen, die, ihre Büchsen
vorher untersuchend und die Messer in den Scheiden lockernd, langsam
vorrückten, um sich nicht vor der Zeit zu verrathen. Leslie, der Führer
der Schaar, gab endlich, an einer kleinen Waldblöße angelangt, das
Zeichen zum Halten, um seine Leute zu vertheilen, und versammelte diese
nun leise um sich, während er, erst nach allen Seiten einen scheuen
Blick hinüber werfend, flüsternd sagte:
»Hört, Ihr Burschen, mir wird's ganz unheimlich und schauerlich zu
Muthe. -- Hol' mich Dieser und Jener, 's ist doch curios, einem Menschen
nachzujagen, den ein anderer im Traum gesehen hat -- es wird Einem ganz
grauslich dabei.«
»Der Prediger hat aber doch auch gesagt, daß wir gehen sollten,«
bemerkte ein Anderer.
»O der Prediger mag zu -- Grase gehn!« rief Leslie, »deshalb thu'
ich's beim Teufel nicht -- ich will nur sehen, ob so ein Schuft noch
da herumkriecht, der heimtückischer Weise einen Mann wie Hills zu
erschlagen gewagt. -- Oder ich will mich wenigstens selber überzeugen,
daß _Keiner_ da ist,« fuhr er, ärgerlich mit dem Fuße stampfend, fort,
»denn -- Tod und gelbes Fieber -- verdammt will ich sein, wenn ich ein
Wort von dem ganzen Unsinn glaube.«
Der alte ehrliche Backwoodsman suchte durch halbunterdrücktes Fluchen
das unheimliche Gefühl zu ertödten, das sich ihm unwillkürlich aufdrang;
er selbst aber zweifelte keinen Augenblick, daß hier irgend ein böser
Geist, vielleicht gar der Teufel, sein Spiel treibe, und begriff nur
nicht recht, was die Prediger dabei zu thun hätten.
So beschränkt aber auch seine Ideen in geistiger Hinsicht sein mochten,
so ganz war er am Platz, wo es galt, einen Feind zu beschleichen oder
irgend einen vermutheten Lagerplatz, wie es hier der Fall war, zu
umzingeln. Schnell und umsichtig traf er seine Maßregeln. Er kannte auch
das Terrain genau und wußte, nach welcher Richtung hin ein Mensch, der
sich hier wirklich verborgen halten wolle, entfliehen könne, sobald er
Gefahr ahne, und nur Einen deshalb auf einem Umwege dem steilen Bergkamm
zusendend, in dessen Fuß die Höhlen hineinliefen, postirte er die
Übrigen in einen weiten Halbkreis und gab, durch täuschend nachgemachten
Eulenruf, das Zeichen zum gemeinschaftlichen Vorrücken.
Er selbst aber glitt, von einem jungen Hinterwäldler allein gefolgt, auf
einem schmalen Fußpfade, der gerade zu den Höhlen hinführte, weiter,
und eine kleine Anhöhe übersteigend, sah er plötzlich Rauch von dorther
durch die hohen Kiefernwipfel emporwirbeln.
Ein zweiter Eulenruf fesselte Jeden an die Stelle, auf der er sich
befand, und Leslie kroch nun auf beiden Knieen und auf den linken
Ellbogen gestützt, während er die treue Büchse mit der Rechten fest auf
der rechten Schulter hielt, jenem Orte zu, von woher der Rauch zu kommen
schien.
Der Wald bestand hier größtenteils aus Nadelholz, mit sehr wenig
Unterholz vermischt, der Boden war deshalb auch fast einzig und
allein mit Fichtennadeln bedeckt, und geräuschlos -- hier und da die
niedergebrochenen, trockenen kleinen Äste und Zweige vermeidend, um sich
nicht durch das Knacken derselben zu verrathen -- schlich der geübte
Jäger dem Eingang der ersten Höhle näher und immer näher. Gerade auf dem
Kamm der ziemlich flachen Anhöhe lag jedoch eine umgestürzte Fichte, mit
der Wurzel der verdächtigen Stelle zu, und sich vorsichtig um den Wipfel
herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand sich nun hinter dem
Erdwall, der in den durch den Sturz der Riesin mit ausgerissenen Wurzeln
hängen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Sekunden lang laut-
und regungslos nieder -- das Herz schlug ihm schwer und ängstlich in der
Brust, und er getraute sich kaum den Kopf zu heben, um über das niedere
Bollwerk hinwegzuschauen. Dort sollte er ja das Wesen sehen, das er, er
wußte selbst nicht weshalb, zu den Überirdischen rechnete, weil seine
Existenz einem Sterblichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen
war, und lange konnte er sich nicht entschließen, das mit eigenen Augen
zu erblicken, was zu glauben sein Verstand sich sträubte. Endlich faßte
er ein Herz, hob leise den Kopf empor und -- hätte vor Überraschung fast
laut aufgeschrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung --
das Gesicht ihm zugewandt -- saß -- Zug um Zug -- die von dem Gefangenen
beschriebene Gestalt.
Ein schmächtiger, bleicher junger Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Gesicht verdeckte, und
mit einem gelben, breitrandigen Strohhut auf den dunkeln Locken --
dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider -- es war der im Traum
gesehene Mörder, bis auf das Kleinste, Unbedeutendste der Beschreibung
herab. Selbst seine Stellung verrieth die That, die er begangen, denn
ängstlich, halb vorgebeugt saß er, wie zum Sprunge bereit, neben dem
Feuer, und schien die Gegend, in welcher sich Leslie gerade befand, mit
seinem Blick zu überfliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder
zu sehen fürchte.
»Weshalb, um aller guten Geister Willen, lagert das Menschenkind
hier?« frug sich Leslie unwillkürlich -- »und ist es überhaupt ein
Menschenkind?« fuhr er dann leise schaudernd fort. »Doch Alles eins --
Mensch oder Teufel -- Du bist der, welcher meinen Freund erschlagen hat,
und fort kommst Du nicht mehr.«
Mit dem Adlerblick des Jägers überflog er die ganze Gegend und sah bald,
daß der Flüchtling, nach dem wie er seine eigenen Leute postirt hatte,
ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite starrte steil
und kahl der nackte Felsenkamm empor, in dessen Fuß sich die
Höhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwasser
angeschwellte Strom; und hätte er diesen auch durchschwimmen wollen,
so erwarteten ihn doch drüben die wackeren Männer von Seneka, die bei
solchen Gelegenheiten gerade nicht mit sich spaßen ließen. Alle andern
Schluchten und Anhöhen waren ebenfalls von den Jägern und Backwoodsmen
besetzt, und Leslie, darüber beruhigt, schlich nun eben so leise zurück
als er gekommen, ließ den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die
Übrigen von seinem Plane in Kenntniß setzen, und auf sein gegebenes
Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirschleder
gekleideten Gestalten aus dem Dickicht hervor und sprangen, flüchtigen
Panthern gleich, mit vorgehaltenen Büchsen auf den Fremden ein. Dieser
aber, durch das Plötzliche des Überfalls betäubt, stieß einen gellenden
Angstschrei aus und warf sich dann, ohne weiter einen Versuch zur Flucht
oder zum Widerstand zu machen, mit dem Antlitz auf die Erde nieder. Er
schien jeder Hoffnung auf Rettung entsagt zu haben und die Männer,
die ihn zuerst erfaßten und vom Boden emporrissen, fühlten, wie seine
Glieder zitterten und seine ganze Gestalt erbebte.
»Hund!« schrie der kräftige Leslie aber jetzt, und hob die eiserne Faust
zum Schlage auf -- »Hund -- feiger -- nichtswürdiger Hund, der Du bist
-- Du also hast es gewagt, die Hand an den kräftigsten Burschen zu
legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du -- Gedanke von einem Manne,
den man erst _träumen_ muß, um seiner habhaft zu werden.«