»Ja!« ist die Antwort -- »in diesem Bette hier, mit einem Amerikaner --

es ist ein ganz ordentlicher Mann!«

»Und kann ich kein Bett für mich allein bekommen?«

»Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unsere Gäste -- alle

Boardinghäuser sind überfüllt.«

Noch steht der Fremde unschlüssig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er

auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhältnisse ziemlich

gleich bleiben, wirft sein Päckchen auf das ihm angewiesene Bett und --

ist eingezogen.

»Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben

könnte?« fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist

die steile Treppe wieder hinunter zu klettern.

»Unten im Zimmer, wo die Übrigen sind!« sagt dieser, »das ist der

einzige Platz im ganzen Haus.« In jenes Zimmer führt er jetzt seinen

Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein

freundlicher Oldenburger emsig beschäftigt ist, zu dem morgenden Sonntag

seine Stiefeln zu wichsen.

»Du mußt damit hinausgehen!« fährt er diesen an, »das gehört sich nicht

in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe!« Schweigend räumt der

also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens

nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch

abwischen könne!

»Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,« sagt der Barkeeper und geht

in das Schenkzimmer zurück; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit

den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet.

Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeisernen Gestell in

der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint,

denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck

des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Röhren, sondern gleich

durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben

sich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gäste

des »Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill« versammelt, und befinden

sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen

einen Lärm, daß die Gläser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die

im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die später

Eintreffenden schon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich,

die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen müssen, und die letzten

konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher

Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend

eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Häuser

schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer

der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstände den kaum

verlassenen Stuhl entführte und an seinen Tisch trug. Diesen mußte

er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen

Taschentuche abstäuben.

Jetzt klingelt es plötzlich im nächsten Zimmer, und der lang ersehnte

Ruf »=supper, supper!=« (Abendessen) übertönt und erstickt bald den

frühern Lärm; alles strömt in das Speisezimmer und der Barkeeper trägt

den Davondrängenden die zurückgelassenen Stühle nach, da an der Table

d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt,

an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten,

Kartoffeln, Eiern, Butter und Käse besetzt ist. Jeder Gast findet neben

seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, bloß

empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen

Mädchen, das die Aufwartung besorgt, gefüllt zu bekommen; doch sieht es

der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geschieht.

Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit,

von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort

oder Blick um seinen Nebenmann zu bekümmern, versammeln sich die Gäste

wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten

Plätze einnehmen, die am schnellsten essen konnten.

Die Gesellschaft ist übrigens keineswegs uninteressant, denn nicht

allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stände treffen

sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten,

Ärzte, Theologen, Kaufleute etc., die größtentheils wenigstens für den

Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beschäftigungen

gerade nicht entsprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und

ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen

und verplaudert die langen Abende.

Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da schleichen

einzelne mit abgebrannten Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf,

denen die übrigen ebenfalls bald folgen und ermüdet das harte Lager

suchen, welches nur aus einer Seegras-Matratze und zwei oder drei

wollenenen Decken besteht. Die Lichter verlöschen nach und nach, und

sobald sich die einzelnen Paare und Bettgenossenschaften verständigt

haben, ob sie »doppelt-Adler« oder »löffel-artig« liegen wollen,

herrscht für wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von

allen Seiten hertönenden Schnarchen weicht, bei dem sich der daran nicht

Gewöhnte oft stundenlang unruhig auf seinem Lager umherwälzt.

Es existiren übrigens auch mehrere amerikanische Boarding-Houses in

Cincinnati, wo der Gast für 5 Dollars per Woche eine reinlichere und

freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zusammenschlafens mit

Mehrern findet sich in den meisten.

Money-Brokers.

Die Geldwechsler spielen in allen Städten Amerika's eine bedeutende

Rolle, denn wo solch' unzählige Banken und Tausende von verschiedenen

Banknoten und Münzsorten circuliren, ist es unbedingt nöthig, Leute

zu haben, welche nicht allein die ächten von den nachgemachten

unterscheiden können, sondern auch den Reisenden mit den für ihn

brauchbarsten Münzsorten oder Tresorscheinen versehen.

Hunderte von Banken streuen jährlich ihre Noten unter die Bevölkerung

der Vereinigten Staaten aus; viele bestehen fort und lösen später das

ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meisten aber machen

bankerott oder thun wenigstens was gleichbedeutend ist: sie nehmen nicht

einmal mehr ihr eigenes Geld für den vollen Werth an, so daß es 20, 30,

ja bei dem Mississippi-, Arkansas-, Atchafalaya- und Texas-Geld schon

bis zu 70 und 80 Procent gefallen ist. Am schlimmsten stehen sich bei

diesem fortwährenden Schwanken des Geldcurses die armen Leute, die

Arbeiter und Tagelöhner, welche am Ende des Monats ihre paar Thaler in

irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker

sagt, »gut« ist -- und wofür sie auch ihre Bedürfnisse an Kleidern und

Schuhwerk kaufen können; morgen aber vielleicht schon heißt es -- »die

und die Bank hat ihre Zahlungen eingestellt.« Niemand nimmt die Noten

mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welcher sich schwer und hart für

die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran,

während die Bank von ihren eigenen Noten, so viel sie bekommen kann,

schnell zu dem gefallenen Preis aufkauft und nach ein paar Monaten,

nach deren Verlauf sie sich wieder für zahlungsfähig erklärt, Tausende

verdient hat.

Ein fürchterlicher Mißbrauch wird mit diesem Papierwesen getrieben,

und daneben existirt fast keine Bank, von der nicht Verfälschungen

circuliren, zu deren Entdeckung wöchentlich Broschüren ausgegeben

werden, welche die Namen der sogenannten »=counterfeits=« und den

Werth der verfälschten Noten angeben. Auch hier ist es wieder der Arme,

welcher durch diese den meisten Schaden leidet, da er die ächten selten

von den unächten zu unterscheiden vermag.

Das wenige Silber und Gold hat übrigens durch die ganze Union denselben

Werth und dasselbe Gepräge, wenn auch hie und da andere Namen, nur

ist Cincinnati die westlichste Stadt, in welcher Kupfergeld circulirt

(Cente, hundert auf einen Dollar); schon in Louisville, 150 Meilen

westlich, kennt man als kleinste Münzsorte nur Picayunes oder =half

dimes= (6¼ und 5 Centstücke), die von dort an einen andern Werth

haben, und mit denen gegen die aus den östlichen Staaten ein bedeutender

Handel getrieben wird, indem die =half dimes= dort, selbst noch

theilweise in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio

hinunter und am ganzen Mississippi für 6¼ angenommen werden.

Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausgeputzten Locale gewöhnlich

an Straßenecken, um recht in die Augen zu fallen, und suchen etwas

darin, durch in den Fenstern ausgelegte Packete Banknoten und kleine

Haufen von Goldstücken die Augen der Vorübergehenden auf sich zu ziehen.

Auctionen.

In einem Lande, wo so viel und so großartig speculirt wird, wie in

Amerika, ist es eine sehr natürliche Folge, daß sich auch Tausende in

ihren Erwartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und

Waare dann den Weg in die zahlreichen, durch die ganze Stadt zerstreuten

Auctionslocale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem

Werth verschleudert wird.

Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür aufgesteckt, zeigt am Tage

den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf

beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander

ablösend, fortwährend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend

vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender

Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge übersehen werden könnte,

stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr häufig ein besonders hierzu

gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und

läutet pausenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung

von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, daß die Versteigerung bald

beginnen werde. Es sind wohl zwölf bis funfzehn verschiedene Auctionen

an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krämer

ihre Waaren ein, mit denen sie später die Farmer im Innern des Landes

beglücken.

Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer

einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle

zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden

Gegenstände werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von

dem Mittelpunkt dieser Bühne aus läuft ein schmaler, langer Tisch

bis fast zur Thür hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren

aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst

sind übrigens sehr gemischter Art -- Tuche und Steingut, Bijouterien

und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiserne Geräthschaften und Porzellan,

Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Austern, alles

wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch

eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das

ausbietende und aufmunternde =going, going, going, going=, ruft, daß das

Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes »=gone!=«

den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut.

Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren

zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr

gefährlich, denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte

angeführt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen,

eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher

nicht gebrauchen kann.

Kleiderladen

sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen

sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich -- wie hätte der

Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen.

Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewöhnlich als einziges

Gepäck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere

reine Vorhemdchen und Kragen führt, das ist das einzige, was er

waschen läßt, alles übrige wird, sobald getragen oder zerrissen,

neu angeschafft. Kleiderläden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige

antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an

den Dampfboot-Landungen in großer Anzahl, die fast alle, sei es nun im

Norden oder Süden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati,

Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie

die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so

verhält es sich mit den Israeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt

aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaßen den Mittelpunkt bildet,

von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um

als wandernde Krämer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren

feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in

den Hauptstraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern.

Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schäbigen Kleidern und einem

sehnsüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber

geht, er ist unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteste

angezogener Jüngling, der nie deutsch spricht, außer da, wo er sieht,

daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht,

stürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den

zärtlichsten Vorwürfen, daß »so ein hübscher Mensch solch abgerissenes

Zeug trage,« in den Laden; hat dieser dann noch hinlänglich baares Geld,

und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt

er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort.

Freilich laufen diese Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten

Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre

Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja für die heilige Sache,

und der nächste Vorüberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch

nicht.

Durch die in den Zuchthäusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstücke,

wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme

Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstücke, was

nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so daß man jetzt

selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und

Kragen für Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe

und Beinkleider, Jacken und Westen für Einen Dollar das Stück. Wie

nachlässig übrigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken;

es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit

kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäscherin (Mulattin) vor

mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushängeschild

an, daß sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstück »in _einer_ Stunde

wasche und trockne;« auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde,

läßt sich denken.

Der wunderbare Traum.

Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fuß der Alleghanies,

liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man

es gründete, von Ansiedlern fast überschwemmt ward; denn jeder Einzelne

hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und

Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller

Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden müsse.

Jetzt sind freilich diese schönen Träume größtentheils in ihr

ursprüngliches Element _Luft_ zurückverschwommen, und ein allein

und einsam stehendes Farmhaus kündet die Wohnung des »_Letzten der

Senekaner_,« der hier, allen früheren Plänen und Hoffnungen von

gepflasterten Straßen und Gaßbeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau

und Viehzucht treibt.

Noch vor zwölf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier

erzählen will, befand sich Alles in seiner Blüthe; mehre Wirthshäuser

waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß standen fertig

aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das

Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen

der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun,

wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeschirr etc. etc. etc.,

kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebäude, das eine den

Presbyterianern, das andere den Baptisten gehörig, standen zum frommen

Dienst bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig

benutzt.

Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegründeten Städtchen

geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft

recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen

sind, da bleibt es fast nie aus, daß sich auch ein parr rauhe, wilde

und nichtsnutzige Gesellen mit einschwärzen, die dann so lange mit der

übrigen Bevölkerung auf einem Fuß stehen und mit ihr gleiche Achtung

und gleiche Rechte genießen, bis sie entweder selbst sehen, daß die Zeit

naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hält und sie ihr

Wesen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch fest und

entschlossen auftritt und sie ausstößt.

Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu

gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang

auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun

einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer »in der

Stadt« zu etwas bringen könne.

Er lebte oder »boardete« wie man dort sagt, im Hause eines Irländers,

eines braven fleißigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst kürzlich

aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der sogenannten

Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in

Seneka, der künftigen Königin aller westlichen Städte anzukaufen und

niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch

auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und suchte

sich ihr, wenn ihr fleißiger Mann sein kleines Grundstück bearbeitete,

zu nähern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und

strenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren

Mann von dem nichtswürdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntniß zu

setzen.

Eine Zeit lang schüchterte das den Kentuckier ein, denn der Irländer

war ein kräftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte

betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde

begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin

besucht hatte, und nun zu Hause zurückkehren wollte, schloß er sich ihr

an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und

zudringlich, daß sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen,

wenn er sich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorngerötheten

Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den

benachbarten Büschen sprang und im nächsten Augenblick neben dem

erbleichenden Kentuckier stand.

Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren,

am nächsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerksam

gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schädel im Gebüsch liegen.

Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu spät. Noch

an demselben Abend wurde er begraben.

Wüthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine

Ansiedlung und forschten nach dem Mörder; ja selbst der stillere Theil

der Bevölkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrüstet, daß

in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch

einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt,

denn dieser hatte ihn noch spät Abends mit seiner Frau zu Hause kommen

gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag

und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irländer sei

blutig im Gesicht gewesen.

Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand --

sorgfältig hinter einer großen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke,

an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar

behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem

Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit

mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen ließ sich aber dabei

eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen

»er sei unschuldig,« noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er

wurde gebunden und in das Gefängniß -- ebenfalls ein aus starken Stämmen

errichtetes Blockhaus -- abgeführt.

Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen überlassen, und

wurde am nächsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor

seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider

Zeugniß auf Zeugniß _gegen_ den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn

außer dem blutigen Kleidungsstück hatte man noch ganz nahe bei seiner

Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden,

und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male

gegen sie geäußert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er

wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fühlen lasse, was

es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferson

leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem

Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges

Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine

Unschuld.

Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac

Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch

einen Advokaten außer Fassung bringen ließ -- er blieb dabei, das an der

Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen,

ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzuführen, wo er den Hirsch

geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit

kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht

recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung

er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bäumen sei,

den Ort also auch nicht wiederfinden könne, wo er das Wild erlegt und

aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum

mehrere Männer zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier

erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelassene

Beute läge.

Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so

gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so daß die Männer,

die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen

vorliegenden und fast unumstoßbaren Beweisen, an seine so fest

betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen

willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler

schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als

man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der

Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nächsten

kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden,

glaubte man hinlängliche Beweise (=circumstantial proofs=) zu besitzen,

ihn auch ohne sein Eingeständniß zum _Tode durch den Strang_ zu

verurtheilen.

Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm

sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und er

sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die

Geschworenen wendend, »daß er sie nicht tadeln könne, sie haben ihre

Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die

Menschen müßten ihn wohl für schuldig halten, Gott aber wisse, wie

er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlüssen

übereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine

Unschuld dazuthun wissen.«

Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band. · 第 5 / 11 段