es ist ein ganz ordentlicher Mann!«
»Und kann ich kein Bett für mich allein bekommen?«
»Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unsere Gäste -- alle
Boardinghäuser sind überfüllt.«
Noch steht der Fremde unschlüssig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er
auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhältnisse ziemlich
gleich bleiben, wirft sein Päckchen auf das ihm angewiesene Bett und --
ist eingezogen.
»Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben
könnte?« fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist
die steile Treppe wieder hinunter zu klettern.
»Unten im Zimmer, wo die Übrigen sind!« sagt dieser, »das ist der
einzige Platz im ganzen Haus.« In jenes Zimmer führt er jetzt seinen
Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein
freundlicher Oldenburger emsig beschäftigt ist, zu dem morgenden Sonntag
seine Stiefeln zu wichsen.
»Du mußt damit hinausgehen!« fährt er diesen an, »das gehört sich nicht
in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe!« Schweigend räumt der
also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens
nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch
abwischen könne!
»Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,« sagt der Barkeeper und geht
in das Schenkzimmer zurück; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit
den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet.
Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeisernen Gestell in
der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint,
denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck
des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Röhren, sondern gleich
durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben
sich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gäste
des »Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill« versammelt, und befinden
sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen
einen Lärm, daß die Gläser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die
im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die später
Eintreffenden schon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich,
die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen müssen, und die letzten
konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher
Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend
eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Häuser
schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer
der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstände den kaum
verlassenen Stuhl entführte und an seinen Tisch trug. Diesen mußte
er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen
Taschentuche abstäuben.
Jetzt klingelt es plötzlich im nächsten Zimmer, und der lang ersehnte
Ruf »=supper, supper!=« (Abendessen) übertönt und erstickt bald den
frühern Lärm; alles strömt in das Speisezimmer und der Barkeeper trägt
den Davondrängenden die zurückgelassenen Stühle nach, da an der Table
d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt,
an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten,
Kartoffeln, Eiern, Butter und Käse besetzt ist. Jeder Gast findet neben
seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, bloß
empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen
Mädchen, das die Aufwartung besorgt, gefüllt zu bekommen; doch sieht es
der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geschieht.
Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit,
von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort
oder Blick um seinen Nebenmann zu bekümmern, versammeln sich die Gäste
wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten
Plätze einnehmen, die am schnellsten essen konnten.
Die Gesellschaft ist übrigens keineswegs uninteressant, denn nicht
allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stände treffen
sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten,
Ärzte, Theologen, Kaufleute etc., die größtentheils wenigstens für den
Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beschäftigungen
gerade nicht entsprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und
ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen
und verplaudert die langen Abende.
Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da schleichen
einzelne mit abgebrannten Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf,
denen die übrigen ebenfalls bald folgen und ermüdet das harte Lager
suchen, welches nur aus einer Seegras-Matratze und zwei oder drei
wollenenen Decken besteht. Die Lichter verlöschen nach und nach, und
sobald sich die einzelnen Paare und Bettgenossenschaften verständigt
haben, ob sie »doppelt-Adler« oder »löffel-artig« liegen wollen,
herrscht für wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von
allen Seiten hertönenden Schnarchen weicht, bei dem sich der daran nicht
Gewöhnte oft stundenlang unruhig auf seinem Lager umherwälzt.
Es existiren übrigens auch mehrere amerikanische Boarding-Houses in
Cincinnati, wo der Gast für 5 Dollars per Woche eine reinlichere und
freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zusammenschlafens mit
Mehrern findet sich in den meisten.
Money-Brokers.
Die Geldwechsler spielen in allen Städten Amerika's eine bedeutende
Rolle, denn wo solch' unzählige Banken und Tausende von verschiedenen
Banknoten und Münzsorten circuliren, ist es unbedingt nöthig, Leute
zu haben, welche nicht allein die ächten von den nachgemachten
unterscheiden können, sondern auch den Reisenden mit den für ihn
brauchbarsten Münzsorten oder Tresorscheinen versehen.
Hunderte von Banken streuen jährlich ihre Noten unter die Bevölkerung
der Vereinigten Staaten aus; viele bestehen fort und lösen später das
ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meisten aber machen
bankerott oder thun wenigstens was gleichbedeutend ist: sie nehmen nicht
einmal mehr ihr eigenes Geld für den vollen Werth an, so daß es 20, 30,
ja bei dem Mississippi-, Arkansas-, Atchafalaya- und Texas-Geld schon
bis zu 70 und 80 Procent gefallen ist. Am schlimmsten stehen sich bei
diesem fortwährenden Schwanken des Geldcurses die armen Leute, die
Arbeiter und Tagelöhner, welche am Ende des Monats ihre paar Thaler in
irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker
sagt, »gut« ist -- und wofür sie auch ihre Bedürfnisse an Kleidern und
Schuhwerk kaufen können; morgen aber vielleicht schon heißt es -- »die
und die Bank hat ihre Zahlungen eingestellt.« Niemand nimmt die Noten
mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welcher sich schwer und hart für
die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran,
während die Bank von ihren eigenen Noten, so viel sie bekommen kann,
schnell zu dem gefallenen Preis aufkauft und nach ein paar Monaten,
nach deren Verlauf sie sich wieder für zahlungsfähig erklärt, Tausende
verdient hat.
Ein fürchterlicher Mißbrauch wird mit diesem Papierwesen getrieben,
und daneben existirt fast keine Bank, von der nicht Verfälschungen
circuliren, zu deren Entdeckung wöchentlich Broschüren ausgegeben
werden, welche die Namen der sogenannten »=counterfeits=« und den
Werth der verfälschten Noten angeben. Auch hier ist es wieder der Arme,
welcher durch diese den meisten Schaden leidet, da er die ächten selten
von den unächten zu unterscheiden vermag.
Das wenige Silber und Gold hat übrigens durch die ganze Union denselben
Werth und dasselbe Gepräge, wenn auch hie und da andere Namen, nur
ist Cincinnati die westlichste Stadt, in welcher Kupfergeld circulirt
(Cente, hundert auf einen Dollar); schon in Louisville, 150 Meilen
westlich, kennt man als kleinste Münzsorte nur Picayunes oder =half
dimes= (6¼ und 5 Centstücke), die von dort an einen andern Werth
haben, und mit denen gegen die aus den östlichen Staaten ein bedeutender
Handel getrieben wird, indem die =half dimes= dort, selbst noch
theilweise in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio
hinunter und am ganzen Mississippi für 6¼ angenommen werden.
Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausgeputzten Locale gewöhnlich
an Straßenecken, um recht in die Augen zu fallen, und suchen etwas
darin, durch in den Fenstern ausgelegte Packete Banknoten und kleine
Haufen von Goldstücken die Augen der Vorübergehenden auf sich zu ziehen.
Auctionen.
In einem Lande, wo so viel und so großartig speculirt wird, wie in
Amerika, ist es eine sehr natürliche Folge, daß sich auch Tausende in
ihren Erwartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und
Waare dann den Weg in die zahlreichen, durch die ganze Stadt zerstreuten
Auctionslocale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem
Werth verschleudert wird.
Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür aufgesteckt, zeigt am Tage
den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf
beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander
ablösend, fortwährend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend
vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender
Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge übersehen werden könnte,
stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr häufig ein besonders hierzu
gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und
läutet pausenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung
von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, daß die Versteigerung bald
beginnen werde. Es sind wohl zwölf bis funfzehn verschiedene Auctionen
an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krämer
ihre Waaren ein, mit denen sie später die Farmer im Innern des Landes
beglücken.
Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer
einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle
zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden
Gegenstände werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von
dem Mittelpunkt dieser Bühne aus läuft ein schmaler, langer Tisch
bis fast zur Thür hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren
aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst
sind übrigens sehr gemischter Art -- Tuche und Steingut, Bijouterien
und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiserne Geräthschaften und Porzellan,
Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Austern, alles
wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch
eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das
ausbietende und aufmunternde =going, going, going, going=, ruft, daß das
Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes »=gone!=«
den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut.
Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren
zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr
gefährlich, denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte
angeführt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen,
eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher
nicht gebrauchen kann.
Kleiderladen
sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen
sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich -- wie hätte der
Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen.
Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewöhnlich als einziges
Gepäck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere
reine Vorhemdchen und Kragen führt, das ist das einzige, was er
waschen läßt, alles übrige wird, sobald getragen oder zerrissen,
neu angeschafft. Kleiderläden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige
antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an
den Dampfboot-Landungen in großer Anzahl, die fast alle, sei es nun im
Norden oder Süden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati,
Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie
die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so
verhält es sich mit den Israeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt
aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaßen den Mittelpunkt bildet,
von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um
als wandernde Krämer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren
feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in
den Hauptstraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern.
Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schäbigen Kleidern und einem
sehnsüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber
geht, er ist unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteste
angezogener Jüngling, der nie deutsch spricht, außer da, wo er sieht,
daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht,
stürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den
zärtlichsten Vorwürfen, daß »so ein hübscher Mensch solch abgerissenes
Zeug trage,« in den Laden; hat dieser dann noch hinlänglich baares Geld,
und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt
er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort.
Freilich laufen diese Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten
Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre
Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja für die heilige Sache,
und der nächste Vorüberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch
nicht.
Durch die in den Zuchthäusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstücke,
wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme
Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstücke, was
nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so daß man jetzt
selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und
Kragen für Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe
und Beinkleider, Jacken und Westen für Einen Dollar das Stück. Wie
nachlässig übrigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken;
es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit
kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäscherin (Mulattin) vor
mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushängeschild
an, daß sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstück »in _einer_ Stunde
wasche und trockne;« auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde,
läßt sich denken.
Der wunderbare Traum.
Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fuß der Alleghanies,
liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man
es gründete, von Ansiedlern fast überschwemmt ward; denn jeder Einzelne
hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und
Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller
Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden müsse.
Jetzt sind freilich diese schönen Träume größtentheils in ihr
ursprüngliches Element _Luft_ zurückverschwommen, und ein allein
und einsam stehendes Farmhaus kündet die Wohnung des »_Letzten der
Senekaner_,« der hier, allen früheren Plänen und Hoffnungen von
gepflasterten Straßen und Gaßbeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau
und Viehzucht treibt.
Noch vor zwölf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier
erzählen will, befand sich Alles in seiner Blüthe; mehre Wirthshäuser
waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß standen fertig
aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das
Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen
der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun,
wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeschirr etc. etc. etc.,
kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebäude, das eine den
Presbyterianern, das andere den Baptisten gehörig, standen zum frommen
Dienst bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig
benutzt.
Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegründeten Städtchen
geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft
recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen
sind, da bleibt es fast nie aus, daß sich auch ein parr rauhe, wilde
und nichtsnutzige Gesellen mit einschwärzen, die dann so lange mit der
übrigen Bevölkerung auf einem Fuß stehen und mit ihr gleiche Achtung
und gleiche Rechte genießen, bis sie entweder selbst sehen, daß die Zeit
naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hält und sie ihr
Wesen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch fest und
entschlossen auftritt und sie ausstößt.
Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu
gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang
auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun
einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer »in der
Stadt« zu etwas bringen könne.
Er lebte oder »boardete« wie man dort sagt, im Hause eines Irländers,
eines braven fleißigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst kürzlich
aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der sogenannten
Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in
Seneka, der künftigen Königin aller westlichen Städte anzukaufen und
niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch
auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und suchte
sich ihr, wenn ihr fleißiger Mann sein kleines Grundstück bearbeitete,
zu nähern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und
strenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren
Mann von dem nichtswürdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntniß zu
setzen.
Eine Zeit lang schüchterte das den Kentuckier ein, denn der Irländer
war ein kräftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte
betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde
begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin
besucht hatte, und nun zu Hause zurückkehren wollte, schloß er sich ihr
an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und
zudringlich, daß sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen,
wenn er sich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorngerötheten
Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den
benachbarten Büschen sprang und im nächsten Augenblick neben dem
erbleichenden Kentuckier stand.
Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren,
am nächsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerksam
gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schädel im Gebüsch liegen.
Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu spät. Noch
an demselben Abend wurde er begraben.
Wüthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine
Ansiedlung und forschten nach dem Mörder; ja selbst der stillere Theil
der Bevölkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrüstet, daß
in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch
einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt,
denn dieser hatte ihn noch spät Abends mit seiner Frau zu Hause kommen
gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag
und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irländer sei
blutig im Gesicht gewesen.
Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand --
sorgfältig hinter einer großen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke,
an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar
behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem
Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit
mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen ließ sich aber dabei
eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen
»er sei unschuldig,« noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er
wurde gebunden und in das Gefängniß -- ebenfalls ein aus starken Stämmen
errichtetes Blockhaus -- abgeführt.
Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen überlassen, und
wurde am nächsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor
seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider
Zeugniß auf Zeugniß _gegen_ den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn
außer dem blutigen Kleidungsstück hatte man noch ganz nahe bei seiner
Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden,
und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male
gegen sie geäußert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er
wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fühlen lasse, was
es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferson
leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem
Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges
Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine
Unschuld.
Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac
Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch
einen Advokaten außer Fassung bringen ließ -- er blieb dabei, das an der
Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen,
ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzuführen, wo er den Hirsch
geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit
kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht
recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung
er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bäumen sei,
den Ort also auch nicht wiederfinden könne, wo er das Wild erlegt und
aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum
mehrere Männer zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier
erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelassene
Beute läge.
Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so
gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so daß die Männer,
die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen
vorliegenden und fast unumstoßbaren Beweisen, an seine so fest
betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen
willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler
schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als
man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der
Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nächsten
kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden,
glaubte man hinlängliche Beweise (=circumstantial proofs=) zu besitzen,
ihn auch ohne sein Eingeständniß zum _Tode durch den Strang_ zu
verurtheilen.
Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm
sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und er
sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die
Geschworenen wendend, »daß er sie nicht tadeln könne, sie haben ihre
Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die
Menschen müßten ihn wohl für schuldig halten, Gott aber wisse, wie
er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlüssen
übereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine
Unschuld dazuthun wissen.«