Am Strande

Ich hatte lange schlaflos auf einem Kissen gelegen, an einem Plane

sinnend, wie ich Lore mit Hilfe meiner Mutter einen andern

Zufluchtsort eröffnen möchte und, was vielleicht das schwierigste

sei, wie ich sie überreden könne, einen solchen anzunehmen.

Als ich am andern Morgen spät erwachte, stand Fritz Bürgermeister,

wie wir ihn als Knaben zu nennen pflegten, vor meinem Bett und

lachte mich mit seinen treuen Augen an.--Bald saßen wir

nebeneinander im Sofa, und Fritz hatte vollauf von

gemeinschaftlichen Freunden zu erzählen, die er in Heidelberg

zurückgelassen. Aber ich hörte nur mit halbem Ohr; meine Gedanken

waren bei dem Erlebnis der vergangenen Nacht.

Einige Zeit nachher, als wir auf meinen Vorschlag das Haus

verlassen und am Strande entlang in der schattigen Ulmenallee

nebeneinander gingen, entlastete ich mein Herz und berichtete ihm

alles, was ich über Lore und mit ihr selbst erfahren hatte. Fritz

hörte schweigend zu, nur mitunter murmelte er halblaut einen derben

Fluch, indem er die im Wege liegenden Steine mit dem Fuße fortstieß,

oder er führte einen Hieb in die Luft, als hätte er einen Schläger

in der Faust.

Es blieb auch nicht bei diesem Zeichen; acht Tage später stand er

dem Raugrafen auf der Mensur gegenüber. Aber der Raugraf schlug

eine gefährliche Terz, und Fritz erhielt einen "Schmiß", dessen

Narbe noch jetzt, wenn der Zorn ihm aufsteigt, wie ein roter Blitz

über seine Stirn flammt.--

Als wir aus der Allee in den Wald gekommen waren und fast die

Stelle erreicht hatten, wo der Fußweg die Anhöhe nach dem Tanzhause

hinaufgeht, sahen wir auf der andern Seite jenseits der Bäume

mehrere Menschen auf dem Strande. Sie standen dicht am Wasser und

schienen damit beschäftigt, etwas, das man nicht unterscheiden

konnte, auf den Boden niederzulegen. In demselben Augenblick kam

auch ein Mann in Fischerkleidung in den Weg hinauf. "Was gibt's da

unten?" fragte ich im Vorübergehen.

"Nichts Gutes, Herr!" war die Antwort. "Ein junges Frauenzimmer

ist verunglückt."

"Lore!" rief ich und ergriff unwillkürlich die Hand meines Freundes.

Er stieß einen Laut des Schreckens aus. "Was redst du nur!" sagte

er abwehrend.

Gleichwohl stiegen wir in stummem Einverständnis durch die Bäume an

den Strand hinab. Ich hörte währenddes die Leute drunten

miteinander reden. "Was der gefehlt haben mag?" sagte eine rauhe

Stimme. "Es muß doch eine von den vornehmen Fräuleins sein!--Und

in vollem Staat ins Wasser gegangen." Dann wurde es wieder still;

nur die Wellen rauschten in der Morgenluft.

Als wir zwischen den Bäumen heraustraten, wurde ich fast vom

Sonnenschein geblendet, der in vollstem Glanze vor uns über die

weite Meeresbucht gebreitet war.--Und in diesem Sonnenglanze lag

auch sie; die Fischer traten bei unsrer Annäherung zur Seite, und

wir konnten sie ungestört betrachten. Es war kein Zweifel mehr.

Das bleiche Gesichtchen ruhte auf dem Ufersande; die kleinen

tanzenden Füße ragten jetzt regungslos unter dem Kleide hervor;

Seetang und Muscheln hingen in den schwarzen triefenden Haaren.

Die weiße Rose war fort; sie mochte ins Meer hinausgeschwommen sein.

Viele Jahre sind seit jenem Morgen vergangen.--Auf dem Kirchhofe

der Universitätsstadt, abseits im hohen Grase, liegt eine

weiße Marmortafel: "Lenore Beauregard" steht darauf.--Drei

Heimatsgenossen, in verschiedenen Teilen des deutschen Landes

lebend, haben sie gestiftet.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Auf der Universität Lore, von

Theodor Storm.

Auf der Universität Lore · 第 5 / 5 题