Sie entriß sie mir. "Wo ist Barthel?"

"Er ist zurückgeblieben; ich habe dich gefahren."

Sie richtete sich auf. "Laß mich hinaus!" rief sie, indem ihr die

Tränen aus den Augen sprangen.

Ich hörte nicht auf sie; ich wandte nur den Schlitten nach der

Stadt zurück. "Lore", sagte ich, "was habe ich dir getan?"

Aber sie stieß mich mit der kleinen geballten Faust vor die Brust.

"Geh doch zu deinen feinen Damen! Ich will nichts mit euch zu tun

haben; mit dir nicht, mit keinem von euch!"

Es war wie Wut, was mich überfiel. Ich faßte sie mit beiden Armen

und drückte sie hart auf den Sitz nieder.

"Du bist ruhig, Lore", sagte ich, und die Stimme bebte mir, "oder

ich wende noch einmal den Schlitten und ich fahre dich in die Nacht

hinaus, unter der Brücke durch, so weit der Strom ins Land

hinausreicht; mir gleich, ob es hält oder bricht!"

Sie hatte währenddessen, fast als beachte sie meine Worte nicht,

seitwärts über den See geblickt; aber sie blieb sitzen und ließ

sich ruhig von mir fahren. Nur fiel es mir auf, daß sie bald

darauf wiederholt und wie verstohlen nach derselben Seite

blickte. Als auch ich den Kopf dahin wandte, sah ich einen

Schlittschuhläufer in nicht gar weiter Ferne auf uns zustreben. Er

mußte bemerkt haben, was soeben vorgefallen; denn er strengte sich

augenscheinlich an, uns zu erreichen.

Und schon hatte ich ihn erkannt; es war Christoph, mein alter

Spielkamerad, der große Feind der Lateiner. Ich wußte auch wohl,

was jetzt bevorstand; es galt nur noch, wer von uns der schnellste

sei.

"Nur zu!" sagte Lore, indem sie ihr Pelzkäppchen zurückschob, daß

ihr schwarzes Haar sichtbar wurde. "Er kriegt dich doch!"

Ich konnte nicht antworten; schneller als je zuvor trieb ich den

Schlitten vorwärts; aber ich keuchte, und meine Kräfte, von der

langen Fahrt geschwächt, begannen nachzulassen. Immer näher hörte

ich den Verfolger hinter mir; rastlos und schweigend war er uns auf

den Fersen; dann plötzlich hörte ich dich an meiner Seite seine

Schlittschuhe scharf im Eise hemmen, und eine schwere Hand fiel

neben der meinen auf die Lehne des Schlittens. "Halbpart, Philipp!"

rief er, indem er mit der andern an meine Brust griff.

Ich riß seine Hand los und stieß den Schlitten fort, daß er weit

vor uns hinflog. Aber in demselben Augenblick erhielt ich einen

Faustschlag und stürzte rücklings mit dem Hinterkopf auf das Eis.

Nur undeutlich hörte ich noch das Fortschurren des Schlittens; dann

verlor ich die Besinnung.

Ich blieb indes nicht lange in dieser Lage. Wie ich später von ihm

hörte, hatte Christoph bald darauf sich nach mir umgesehen und war,

da er mich nicht nachkommen sah, auf den Platz unsers Kampfes

zurückgekehrt. Nicht ohne große Bestürzung hatten dann beide,

nachdem Lore ausgestiegen, mich in den Schlitten gehoben.--Mir

selbst kam nur ein dunkles Gefühl von alledem; es war wie

Traumwachen. Mitunter verstand ich einzelne Worte ihres Gesprächs.

"Behalte doch deinen Mantel, Lore!" hörte ich Christoph sagen.--

"O nein; ich brauch ihn nicht; ich laufe ja."--Und zugleich fühlte

ich, daß etwas Warmes auf mich niedersank. Der Schlitten bewegte

sich langsam vorwärts. Dann kam es wieder wie Dämmerung über mich;

immer aber war es mir, als ginge ein leises Weinen neben mir her.

Zum völligen Bewußtsein erwachte ich erst in der Wohnstube und auf

dem Sofa des Wassermüllers, der hart am Ufer des Mühlenteichs

wohnte. Lore hatte mit ihrer Mutter, die mittlerweile auch

herausgekommen war, nach Hause gehen müssen; Christoph aber war

zurückgeblieben und hatte sich auf den Rat der Müllersfrau damit

beschäftigt, mir nasse Umschläge auf den Kopf zu legen. Als ich

die Augen aufschlug, saß er neben mir auf dem Stuhl, eine irdene

Schüssel mit Wasser zwischen den Knien. Er wollte eben das

Leintuch erneuern, aber er zog jetzt die Hand zurück und fragte

schüchtern: "Darf ich dir helfen, Philipp?"

Ich setzte mich aufrecht und suchte meine Gedanken zu sammeln; der

Kopf schmerzte mich. "Nein", sagte ich dann, "ich brauche deine

Hilfe nicht."

"Soll ich jemanden für dich aus der Stadt holen?"

"Geh nur; ich werde schon allein nach Hause kommen."

Christoph stand zögernd auf und setzte die Schüssel auf den Tisch.

Bald darauf knarrte die Stubentür; er hatte die Klinke in der Hand;

aber er ging nicht fort. Als ich mich umwandte, sah ich die Augen

meines alten Kameraden mit dem Ausdruck der ehrlichsten Traurigkeit

auf mich gerichtet.

Nur eine Sekunde noch war ich unschlüssig. "Christoph", sagte ich,

indem ich aufstand und ihm die Hand entgegenstreckte, "wenn du Zeit

hast, so bleibe noch ein wenig bei mir; du kannst mir deinen Arm

geben; wir gehen dann zusammen in die Stadt."

Wie ein Blitz der Freude fuhr es über sein Gesicht. Er ergriff

meine Hand und schüttelte sie. "Es war ein schändlicher Stoß,

Philipp!" sagte er.

Eine halbe Stunde später, da es schon völlig finster war, wanderten

wir langsam nach der Stadt zurück.

Aber die Sache ging nicht so leicht vorüber. Ich konnte am

folgenden Morgen das Bett nicht verlassen und mußte meinen Eltern

gestehen, daß ich einen schweren Fall auf dem Eise getan habe.

Am Abend des folgenden Tages, da ich schon fast wiederhergestellt

war, setzte meine Mutter ein Federkästchen von poliertem

Zuckerkistenholz vor mir auf den Tisch. "Der Christoph Werner hat

es gebracht", sagte sie; "er habe es selbst für dich gearbeitet."

Ich nahm das Kästchen in die Hand. Es war zierlich gemacht, sogar

auf dem Deckel mit einer kleinen Bildschnitzerei versehen.

"Er hat sich nach deinem Befinden erkundigt", fuhr meine Mutter

fort; "habt ihr denn draußen eure alte Freundschaft wieder neu

besiegelt?"

"Besiegelt, Mutter?--Wie man's nehmen will", sagte ich lächelnd.

Und nun ließ die gute Frau nicht nach, bis ich, von manchen Fragen

und zärtlichen Vorwürfen unterbrochen, ihr mein ganzes kleines

Abenteuer gebeichtet hatte.--Aber es wurde, wie sie gesagt; der

Lateiner und der Tischlerlehrling erneuerten ihre Kameradschaft,

und zweimal wöchentlich zur bestimmten Stunde ging ich von nun an

regelmäßig in die Werkstatt des alten Tischlers Werner, um unter

der Anleitung des geschickten Mannes wenigstens die Anfangsgründe

seines Handwerks zu erlernen.

Das ist die Drossel, die da schlägt,

Der Frühling, der mein Herz bewegt,

Ich fühle, die sich hold bezeigen,

Die Geister aus der Erde steigen;

Das Leben fließet wie ein Traum.

Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

Es war Frühling geworden. Die Nachtigall zwar verkündigte ihn

nicht; denn, wenn auch mitunter eine sich zu uns verflog, die

Nordwestwinde unsrer Küste hatte sie bald wieder hinweggeweht; aber

die Drossel schlug in den Baumgängen des alten Schloßgartens, der

im Schutze der Stadt, in dem Winkel zweier Straßen lag. Dem

Haupteingange gegenüber, auf einem Rasenplatz hinter den Gärten der

großen Marktstraße, war seit gestern ein Karussell aufgeschlagen;

denn es war nicht nur Frühling, es war auch Jahrmarkt, eine ganze

Woche lang. Die Leierkastenmänner waren eingezogen und vor allem

die Harfenmädchen; die Schüler mit ihren roten Mützen streiften Arm

in Arm zwischen den aufgeschlagenen Marktbuden umher, um womöglich

einen Blick aus jungen asiatischen Augen zu erhaschen, die zu

gewöhnlichen Zeiten bei uns nicht zu finden waren.--Daß während

des Jahrmarktes die Gelehrtenschule, wie alle andern, Ferien machte,

verstand sich von selbst.--Ich hatte das vollste Gefühl dieser

Feiertage, zumal ich seit kurzem Primaner war und infolgedessen

neben meiner roten Mütze einen schwarzen Schnürenrock nach eigner

Erfindung trug. Brauchte ich nun doch auch nicht mehr wie sonst

abends an dem Treppeneingang des erleuchteten Ratskellers

stehenzubleiben, wo sich allzeit das schönste lustigste Gesindel

bei Musik und Tanz zusammenfand; ich konnte, wenn ich ja wollte,

nun selbst einmal hinabgehen und mich mit einem jener fremdartigen

Mädchen im Tanze wiegen, ohne daß irgend jemand groß danach gefragt

hätte.--Aber grade zu solchen Zeiten liebte ich es mitunter,

allein ins Feld hinauszustreifen und in dem sichern Gefühl, daß sie

da seien und daß ich sie zu jeder Stunde wieder erreichen könne,

alle diese Herrlichkeiten für eine Zeitlang hinter mir zu lassen.

So geschah es auch heute. Unter der Beihilfe meines Vaters, der

ein leidenschaftlicher Entomologe war, hatte ich vor einigen Jahren

eine Schmetterlingssammlung angelegt und bisher mit Eifer

fortgeführt. Ich war nach Tische auf mein Zimmer gegangen und

stand vor dem einen Glaskasten, deren schon drei dort an der Wand

hingen. Die Nachmittagssonne schimmerte so verlockend auf den

blauen Flügeln der Argusfalter, auf dem Samtbraun des Trauermantels;

mich überkam die Lust, einmal wieder einen Streifzug nach dem noch

immer vergebens von mir gesuchten Brombeerfalter zu unternehmen.

Denn dieses schöne olivenbraune Sommervögelchen, welches die

stillen Waldwiesen liebt und gern auf sonnigen Gesträuchen ruht,

war in unsrer baumlosen Gegend eine Seltenheit.--Ich nahm meinen

Kescher vom Nagel; dann ging ich hinab und ließ mir von meiner

Mutter ein Weißbrötchen in die Tasche stecken und meine Feldflasche

mit Wein und Wasser füllen. So ausgerüstet, schritt ich bald über

den Karussellplatz nach dem Schloßgarten, dessen Baumgänge schon

von jungem Laube beschattet waren, und von dort weiter durch die

dem Haupteingange gegenüberliegende Pforte ins freie Feld hinaus.

Es hatte die Nacht zuvor geregnet, die Luft war lau und klar; ich

sah drüben am Rande des Horizonts auf der hohen Geest die Mühle

ihre Flügel drehen.

Eine kurze Strecke führte noch der Weg an der Außenseite des

Schloßgartens entlang; dann wanderte ich aufs Geratewohl auf

Feldwegen oder Fußsteigen, welche quer über die Äcker führen, in

die sonnige schattenlose Landschaft hinaus. Nur selten, so weit

das Auge reichte, stand auf den Sand- und Steinwällen, womit die

Grundstücke umgeben sind, ein wilder Rosenstrauch oder ein andres

dürftiges Gebüsch; aber hier, wo in der Morgenfrühe die rauhen

Seewinde ungehindert überhin fahren, waren nur kaum die ersten

Blätter noch entfaltet. Ich schlenderte behaglich weiter; mehr die

Augen in die Ferne als nach dem gerichtet, was etwa neben mir am

Wege zwischen Gräsern und rot blühenden Nesseln gaukeln mochte.

So war, ohne daß ich es merkte, der halbe Nachmittag dahin. Ich

hörte es von der Stadt her vier schlagen, als ich mich an dem Ufer

des Mühlenteichs ins Gras warf und mein bescheidenes Vesperbrot

verzehrte. Eine angenehme Kühlung wehte von dem Wasserspiegel auf

mich zu, der groß und dunkel zu meinen Füßen lag. Dort in der

Mitte, wo jetzt über der Tiefe die kleinen Wellen trieben, mußte

der Schlitten gestanden haben, als Lore ihren Mantel über mich

legte. Ich blickte eine ganze Weile nach dem jetzt unerreichbaren

Punkte, den meine Augen in dem Fluten des Wassers nur mit Mühe

festzuhalten vermochten.--

Aber ich wollte ja den Brombeerfalter fangen! Hier, wo es

weitumher kein Gebüsch, kein stilles vor dem Winde geschütztes

Fleckchen gab, war er nicht zu finden. Ich entsann mich eines

andern Ortes, an dem ich vor Jahren unter der Anführung eines

ältern Jungen einmal Vogeleier gesucht hatte. Dort waren Koppel an

Koppel die Wälle mit Hagedorn und Nußgebüsch bewachsen gewesen; an

den Dornen hatten wir hie und da eine Hummel aufgespießt gefunden,

wie dies nach der Naturgeschichte von den Neuntötern geschehen

sollte; bald hatten wir auch die Vögel selbst aus den Zäunen

fliehen sehen und ihre Nester mit den braun gesprenkelten Eiern

zwischen dem dichten Laub entdeckt. Dort, in dem heimlichen Schutz

dieser Hecken, war vielleicht auch das Reich des kleinen seltenen

Sommervogels! Das "Sietland" hatte der Junge jene Gegend genannt,

was wohl soviel wie Niederung bedeuten mochte. Aber wo war das

Sietland?--Ich wußte nur, daß wir in derselben Richtung, wie ich

heute, zur Stadt hinausgegangen waren und daß es unweit der großen

Heide gelegen, welche etwa eine Meile weit von der Stadt beginnt.

Nach einigem Besinnen nahm ich mein Fanggerät vom Boden und machte

mich wieder auf die Wanderung. Durch einen Hohlweg, in den sich

das Ufer hier zusammendrängt, gelangte ich auf eine Höhe, von der

ich die vor mir liegende Ebene weit übersehen konnte; aber ich sah

nichts als Feld an Feld die kahlen ebenmäßigen Sandwälle, auf denen

die herbe Frühlingssonne flimmerte. Endlich, dort in der Richtung

nach einem Häuschen, wie sie am Rande der Heide zu stehen pflegen,

glaubte ich etwas wie Gebüsch zu entdecken.--Es war mindestens

noch eine halbe Stunde bis dahin, aber ich hatte heute Lust zum

Wandern und schritt rüstig drauflos. Hie und da flog ein gelber

Zitronenfalter oder ein Kreßweißling über meinen Weg, oder eine

graue Leineule kletterte an einem Grasstengel; von einem

Brombeerfalter aber war keine Spur.

Doch ich mußte schon mehr in einer Niederung sein; denn die Luft

wurde immer stiller; auch ging ich schon eine Zeitlang zwischen

dichten Hagedornhecken. Ein paar Male, wenn sich ein Lufthauch

regte, hatte ich einen starken lieblichen Geruch verspürt, ohne daß

ich den Grund davon zu entdecken vermocht hätte; denn das Gebüsch

an meiner Seite verwehrte mir die Aussicht. Da plötzlich sprang

zur Rechten der Wall zurück, und vor mir lag ein Fleckchen

hügeligen Heidelandes. Brombeerranken und Bickbeerengesträuch

bedeckten hie und da den Boden; in der Mitte aber an einem

schwarzen Wässerchen stand vereinzelt im hellsten Sonnenglanz ein

schlanker Baum. Aus den blendend grünen Blättern, durch die er

ganz belaubt war, sprang überall eine Fülle von zarten weißen

Blütentrauben hervor; unendliches Bienengesumm klang wie Harfenton

aus seinem Wipfel. Weder in der Gärten der Stadt noch in den

entfernteren Wäldern hatte ich jemals seinesgleichen gesehen. Ich

staunte ihn an; wie ein Wunder stand er da in dieser Einsamkeit.

Eine Strecke weiter, nur durch ein paar dürftige Ackerfelder von

mir getrennt, dehnte sich unabsehbar der braune Steppenzug der

Heide; die äußersten Linien des Horizonts zitterten in der Luft.

Kein Mensch, kein Tier war zu sehen, so weit das Auge reichte.--

Ich legte mich neben dem Wässerchen im Schatten des schönen Baumes

in das Kraut. Ein Gefühl von süßer Heimlichkeit beschlich mich;

aus der Ferne hörte ich das sanfte träumerische Singen der

Heidelerche; über mir in den Blüten summte das Bienengetön;

zuweilen regte sich die Luft und trieb eine Wolke von Duft um mich

her; sonst war es still bis in die tiefste Ferne. Am Rande des

Wassers sah ich Schmetterlinge fliegen; aber ich achtete nicht

darauf, mein Kescher lag müßig neben mir.--Ich gedachte eines

Bildes, das ich vor kurzem gesehen hatte. In einer Gegend, weit

und unbegrenzt wie diese, stand auf seinen Stab gelehnt ein junger

Hirte, wie wir uns die Menschen nach den ersten Tagen der

Weltschöpfung zu denken gewohnt sind, ein rauhes Ziegenfell als

Schurz um seine Hüften; zu seinen Füßen saß--er sah auf sie herab--

eine schöne Mädchengestalt; ihre großen dunkeln Augen blickten in

seliger Gelassenheit in die morgenhelle Einsamkeit hinaus.--

"Allein auf der Welt" stand darunter.--Ich schloß die Augen; mir

war, als müsse aus dem leeren Raum dies zweite Wesen zu mir treten,

mit dem selbander jedes Bedürfnis aufhöre, alle keimende Sehnsucht

gestillt sein. "Lore!" flüsterte ich und streckte meine Arme in

die laue Luft.

Indessen war die Sonne hinabgesunken, und vor mir leuchtete das

Abendrot über die Heide. Der Baum war stumm geworden, die Bienen

hatten ihn verlassen; es war Zeit zur Heimkehr. Meine Hand

faßte nach dem Kescher.--Aber was kümmerte mich jetzt dies

Knabenspielzeug. Ich sprang auf und hängte ihn hoch, so hoch, wie

ich vermochte, zwischen den dichtbelaubten Zweigen des Baumes auf.

Dann, das Bild der schönen Schneidertochter vor meinen trunknen

Augen, machte ich mich langsam auf den Rückweg.

Die Dämmerung war stark hereingebrochen, als ich aus dem Portal des

Schloßgartens trat. Drüben am Karussell waren schon die Lampen

angezündet; Leierkastenmusik, Lachen und Stimmengewirr schollen zu

mir herüber; dazwischen das Klirren der Florette an den eisernen

Ringhaltern. Ich blieb stehen und blickte durch die Linden, welche

den Platz umgaben, in das bewegte Bild hinein. Das Karussell war

in vollem Gange; Sitzplätze und Pferde, alles schien besetzt, und

ringsumher drängte sich eine schaulustige Menge jedes Alters und

Geschlechts. Jetzt aber wurde die Bewegung des Karussells

langsamer, so daß ich unter den grünen Zweigen durch die einzelnen

Gestalten ziemlich bestimmt erkennen konnte.

Unwillkürlich war ich indessen näher getreten und hatte mich bis an

den Eisendraht gedrängt, der ringsum gezogen war.--Das Mädchen

dort auf dem braunen Pferd war die Schwester meines Freundes

Christoph. Aber es kam noch eine Reiterin, eine feinere Gestalt;

sie saß seitwärts, ein wenig lässig, auf ihrem hölzernen Gaule.

Und jetzt, während sie langsam näher getragen wurde, wandte sie den

Kopf und blickte lächelnd in die Runde. Es war Lore; fast wie ein

Schrecken schlug es mir durch die Glieder. Auch sie hatte mich

erkannt; a nur eine Sekunde lang hafteten ihre Augen wie betroffen

in den meinen; dann bückte sie sich zur Seite und machte sich an

ihrem Kleide zu schaffen. Das schwere eiserne Florett, das sie in

der kleinen Faust hielt, schien nicht umsonst von ihr geführt zu

sein; denn es war fast bis an den Knopf mit Ringen angefüllt.

Mittlerweile war der Eigentümer des Karussells herangetreten, um

für die neue Runde einzusammeln. Sie richtete sich auf und hielt

ihm ihr Florett entgegen. "Freigeritten!" sagte sie, indem sie es

umstürzte und die Ringe in die Hand des Mannes gleiten ließ.

Er nickte und ging an den nächsten Stuhl, wo eine Anzahl Kinder

sich um die besten Plätze zankten.--Als ich von dort wieder zu

Lore hinübersah, stand Christophs Schwester neben ihr; aber sie

wandte mir den Rücken und schien mich nicht bemerkt zu haben.

"Gehst du mit, Lore?" hörte ich sie fragen; "ich muß nach Hause."

Lore antwortete nicht sogleich; ihre Augen streiften mit einem

unsichern Blick zu mir hinüber. Ich wagte mich nicht zu rühren;

aber meine Augen antworteten den ihren, und mir selber kaum

vernehmlich flüsterten meine Lippen: "Bleib!"

"So sprich doch!" drängte die andre. "Es hat schon acht geschlagen.

" Lore steckte ihre Füßchen wieder in den Steigbügel, den sie hatte

fahren lassen, und die Augen auf mich gerichtet, erwiderte sie:

"Ich bleibe noch, ich hab' mich freigeritten!" Und leise setzte sie

hinzu: "Meine Mutter wollte vielleicht noch hier vorüberkommen!"

Ich fühlte, daß das gelogen sei. Das Blut schoß mir siedend heiß

ins Gesicht, es brauste mir vor den Ohren; die kleine Lügnerin

hatte plötzlich den Schleier des Geheimnisses über uns geworfen.

Es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich eine so berauschende

Zusage erhielt; bisher hatte ich nur manchmal darüber nachgesonnen,

wie in der Welt so etwas möglich sei.

Christophs Schwester hatte sich entfernt. Der Leierkasten begann

wieder seine Musik, die Peitsche klatschte über dem alten Gaul, und

unter dem Zuruf der Bauernburschen und--mädchen, die inzwischen die

meisten Plätze eingenommen hatten, setzte das Karussell sich wieder

in Bewegung. Lore sah nach mir zurück, sie hatte ihr Florett in

den Sattelknopf gestoßen und saß wie in sich versunken, die Hände

vor sich auf dem Schoß gefaltet. Das rote Tüchelchen an ihrem

Halse wehte in der Luft, und in immer rascherem Kreisen wurde

die leichte Gestalt an mir vorübergetragen; kaum fühlte ich

den Blitz ihres Auges in den meinen, so war sie schon fort,

und nur der Schimmer ihres hellen Kleides tauchte in der trüben

Lampenbeleuchtung noch ein paarmal flüchtig aus den immer tiefer

fallenden Schatten auf.--Plötzlich krachte etwas; die in den

Stühlen sitzenden Mädchen kreischten, und das Karussell stand.

"Bleiben Sie sitzen, meine Herrschaften", rief der Eigentümer,

indem er mit seinem Gehilfen über die Querbalken stieg, um den

Schaden zu untersuchen. Eine Laterne wurde heruntergenommen, es

wurde geklopft und gehämmert; aber es schien sich so bald nicht

wieder fügen zu wollen. Mir wurde die Zeit lang; meine Augen

suchten vergebens nach der kleinen Reiterin. Ich drängte mich aus

der Menschenmasse heraus, in die ich eingekeilt war, und ging von

außen nach der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Als ich mich

hier mit Bitten und Gewalt bis an die Barriere durchgearbeitet

hatte, stand ich dich neben ihr. Sie war von dem Holzgaul

herabgestiegen und blickte wie suchend um sich her.

Nach einer Weile steckte sie das Florett, das sie spielend in der

Hand gehalten, wieder in den Sattelknopf und machte Miene,

herabzuspringen. Aber während sie ihre Kleider zusammennahm, war

ich in den Kreis geschlüpft.

"Guten Abend, Lore!"

"Guten Abend!" sagte sie leise.

Dann, während die Bauernburschen immer lauter ihr Eintrittsgeld

zurückforderten, faßte ich ihre Hand und zog sie mit mir hinaus ins

Freie. Aber hier war meine Verwegenheit zu Ende. Lore hatte mir

ihre Hand entzogen, und wir gingen wortlos und befangen

nebeneinander der Straße zu, an deren äußerstem Ende sich das Haus

ihrer Eltern befand.--Als wir den zur Seite liegenden Eingang des

Schloßgartens erreicht hatten, kam uns von der Straße her ein Trupp

von Menschen entgegen, an deren lauten Stimmen ich einzelne meiner

ausgelassensten Kommilitonen erkannte. Unwillkürlich blieben wir

stehen.

"Wir wollen durch den Schloßgarten!" sagte ich.

"Es ist so weit!"

"Oh, es ist nicht so viel weiter!"

Und wir gingen durch das Portal in den breiten Steig hinab,

welcher zwischen niedrigen Dornhecken zu einem Laubgange von

dichtverwachsenen Hagebuchen führte. Da hier vorne auch hinter den

Zäunen nur bebautes harmloses Gartenland lag, so verhinderte mich

die einbrechende Dunkelheit nicht, die neben mir wandelnde

Mädchengestalt zu betrachten. Mich schauerte, daß sie jetzt

wirklich in solcher Einsamkeit mir nahe war.

Kein Mensch außer uns schien in dem alten Park zu sein; es war so

still, daß wir jeden unsrer Tritte auf dem Sande hörten.

"Willst du mich nicht anfassen?" fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

"Warum nicht?"

"Nein--wenn jemand käme!"

Wir hatten den gewölbten Buchengang erreicht. Es war sehr dunkel

hier; denn in geringer Entfernung zu beiden Seiten waren ähnliche

Laubengänge, und auf den dazwischen befindlichen Rasenflecken

lagerten undurchdringliche Schatten. Ich wußte nur noch, daß Lore

neben mit ging; denn ich hörte ihren Atem und ihren leichten

Schritt; zu sehen vermochte ich sie nicht. Wie neckend schoß es

mir durch den Kopf, daß ich am Nachmittag auf einen Sommervogel

ausgegangen war. "Nun bist doch gefangen!" sagte ich, und durch

die Dunkelheit ermutigt, ergriff ich ihre herabhängende Hand und

hielt sie fest. Sie duldete es; aber ich fühlte, wie sie zitterte,

und auch mir schlug mein Knabenherz bis in den Hals hinauf.

So gingen wir langsam weiter. Von der Stadt her kam der gedämpfte

Ton der Drehorgeln und das noch immer fortdauernde Getöse des

Jahrmarkttreibens; vor uns am Ende der Allee in unerreichbarer

Ferne stand noch ein Stückchen goldenen Abendhimmels. Ich legte

ihre Hand in meinen Arm und faßte sie dann wieder. In diesem

Augenblick trollte vor uns etwas über den Weg; es mag ein Igel

gewesen sein, der auf die Mäusejagd ging.--Sie schrak ein wenig

zusammen und drängte sich zu mir hin, und als ich, unabsichtlich

fast, den Arm um sie legte, fühlte ich, wie ihr Köpfchen auf meine

Schulter glitt.

Als aber dann, nur eine flüchtige Sekunde lang, ein junger Mund den

andern berührt hatte, da trieb es uns wie töricht aus den

schützenden Baumschatten ins Freie. So hatten wir bald, während

ich nur noch ihre Hand gefaßt hielt, das Ende der Allee erreicht

und traten durch eine Pforte auf einen Feldweg hinaus, der

seitwärts auf die letzten Häuser der Stadt zuführte. Wir gingen

eilig nebeneinander her, als könnten wir das Ende unsers

Beisammenseins nicht rasch genug herbeiführen.

"Mein Vater wird mich suchen; es ist gewiß schon spät!" sagte Lore,

ohne aufzusehen.

"Ich glaube wohl!" erwiderte ich. Und wir gingen noch eiliger als

zuvor.

Schon standen wir am Ausgang des Weges, den letzten Häusern der

Stadt gegenüber. In dem Lichtschein, der unter der Linde aus dem

Fenster des Schneiderhäuschens fiel, sah ich unweit davon ein

Mädchen an einem Brunnen stehen. Ich durfte nicht weiter mit. Als

aber Lore den Fuß auf das Straßenpflaster hinaussetzte, war mir,

als dürfe ich sie so nicht von mir gehen lassen.

"Lore", sagte ich beklommen, "ich wollte dir noch etwas sagen."

Sie trat einen Schritt zurück. "Was denn?" fragte sie.

"Warte noch eine Weile!"

Sie wandte sich um und blieb ruhig vor mir stehen. Ich hörte, wie

sie mit den Händen über ihr Haar strich, wie sie ihr Tüchelchen

fester um den Hals knüpfte; aber ich suchte lange vergebens des

Gedankens habhaft zu werden, der wie ein dunkler Nebel vor meinen

Augen schwamm. "Lore", sagte ich endlich, "bist du noch bös mit

mir?"

Sie blickte zu Boden und schüttelte den Kopf.

"Willst du morgen wieder hier sein?"

Sie zögerte einen Augenblick. "Ich darf des Abends sonst nicht

ausgehen", sagte sie dann.

"Lore, du lügst; das ist es nicht, sag mir die Wahrheit!"

Ich hatte ihre Hand gefaßt; aber sie entzog sie mir wieder.

"So sprich doch, Lore!--Willst du nicht sprechen?"

Noch eine Weile stand sie schweigend vor mir; dann schlug sie die

Augen auf und sah mich an. "Ich weiß es wohl", sagte sie leise,

"du heiratest doch einmal nur eine von den feinen Damen."

Ich verstummte. Auf diesen Einwurf war ich nicht gefaßt; an so

ungeheure Dinge hatte ich nie gedacht und wußte nichts darauf zu

antworten.

Und ehe ich mich dessen versah, hörte ich ein leises "Gute Nacht"

des Mädchens; und bald sah ich sie drüben in dem Schatten der

Häuser verschwinden. Ich vernahm noch das vorsichtige Aufdrücken

einer Haustür, das leise Anschlagen der Türschelle; dann wandte ich

mich und ging langsam durch den Schloßgarten zurück.

Ohne erst zum Abendessen in die Wohnstube meiner Eltern zu gehen,

schlich ich die Treppe hinauf in meine Kammer. Wie trunken warf

ich mich in die Kissen. Nach einer Viertelstunde hörte ich die

Stubentür gehen, und durch die halb geöffneten Augenlider sah ich

meine Mutter mit einer Lampe an mein Bett treten. Sie beugte sich

über mich; aber ich schloß die Augen und träumte weiter. Trotz des

wenig verheißenden Abschieds war mir doch, als hätte meine Hand

eine volle Rosengirlande gefaßt, an welcher nun in alle Zukunft

hinein der Lebensweg entlang gehen müsse.

So sehr ich aber an diesem Abend den Drang, allein zu sein,

empfunden, ebensosehr trieb es mich am andern Morgen unter

Menschen. Ich hatte ein neues Gefühl der Freiheit und Überlegenheit

in mir, das ich nun auch andern gegenüber empfinden wollte.

Sobald ich gefrühstückt und den etwas unbequemen Fragen meiner

Mutter notdürftig genuggetan hatte, ging ich in die Werkstatt

meines Freundes Christoph. Er war eifrig beschäftigt, kleine

Mahagonifurniere auszuwählen und zu schneiden. "Was machst denn du

da für Schönes?" fragte ich.

"Ein Nähkästchen", sagte er, ohne aufzublicken.

"Für Lenore Beauregard; meine Schwester will's ihr zum Geburtstag

schenken."

Ich sah ihn von der Seite an; ein übermütiges Lächeln stieg in mir

auf. "Die Lore ist wohl dein Schatz, Christoph?"

Der eckige Kopf des guten Jungen wurde bis unter die Stirnhaare wie

mit Blut übergossen bei dieser treulosen Frage. Er schien selbst

über seine Verlegenheit in Zorn zu geraten. "Ihr hättet sie nur

aus eurer lateinischen Tanzschule fortlassen sollen!" sagte er,

indem er mit seinem Messer grimmig in die Furnierblättchen

hineinfuhr.

"Du bist wohl eifersüchtig, Christoph?" fragte ich.

Aber er antwortete nicht; er brummte nur halb für sich: "Das hätte

meine Schwester sein sollen!"--

Dieser Triumph sollte indessen mein einzigster bleiben; denn ich

mühte mich vergebens, wieder allein mit Lore zusammenzutreffen.

Ein paarmal zwar im Laufe des Sommers begegnete sie mir an

Sonntagnachmittagen hinter den Gärten auf dem Bürgersteige; aber

Christoph und seine Schwester begleiteten sie, und der gute Junge

ging so trotzig neben ihr, als wenn er sie einer ganzen Welt von

Lateinern hätte streitig machen wollen; auch suchte sie selbst,

wenn ich ein Gespräch mit ihnen begann, augenscheinlich die andern

zum Weitergehen zu veranlassen.

Als späterhin bei Beginn des Michaelismarktes das Karussell wieder

aufgeschlagen wurde, wagte ich noch einmal zu hoffen. Einen Abend

nach dem andern, sobald die Dämmerung anbrach, fand ich mich auf

dem Platze ein; zum großen Verdrusse meines Freundes Fritz, von dem

ich mich unter immer neuen Vorwänden loszumachen suchte. Aber

ebenso oft spähte ich vergebens unter den jungen Reiterinnen, die

sich zuweilen einfanden, die schlanke Braune zu entdecken, um

derentwillen ich allein gekommen war. Einsam wanderte ich durch

die dunklen Gänge des Schloßgartens und zehrte trübselig von der

Erinnerung eines entflohenen Glückes.

Dies alles nahm ein plötzliches Ende, als ich zu Anfang des

Winters nach dem Willen meines Vaters die Gelehrtenschule

unsrer Heimat verließ und zu meiner weitern Ausbildung auf ein

Gymnasium des mittleren Deutschlands geschickt wurde.--Ob mein

Schmetterlingskescher noch in dem blühenden Baum am Rande der Heide

hängt?--Ich weiß es nicht; ich bin nicht wieder dort gewesen;

auch den Brombeerfalter habe ich bis auf heute noch nicht gefangen.

Jahre waren seitdem vergangen.

Als ich den Zwang der klösterlichen Schulanstalt hinter mir hatte,

brachte ich zum erstenmal wieder einige Herbstwochen im elterlichen

Hause zu. Von allen meinen Kameraden fand ich nur noch Christoph

im heimatlichen Neste; die übrigen, auch Fritz, waren alle schon

ausgeflogen; ins lustige Studentenleben, aufs weite Meer hinaus, in

die dunkle Schreibstube eines Kaufmanns, oder wohin sonst Wahl und

Verhältnisse sie geführt hatten. Auch Christoph, der zum

stattlichen, etwas untersetzten jungen Mann herangewachsen war,

rüstete sich zum Abzug; er war Gesell geworden und wollte wandern.

Aber zuvor arbeiteten wir noch einmal gemeinschaftlich in der

Werkstatt seines Vaters, und ein ungeheurer Tabakskasten, der mit

mir die Universität beziehen sollte, war das Resultat unsrer

Bemühungen.--Von meiner Mutter erfuhr ich, daß die rüstige Frau

Beauregard vor Jahresfrist eines plötzlichen Todes verblichen und

ihre Tochter bald darauf nach der kleinen Landesuniversitätsstadt

zu einer alten unverheirateten Tante gezogen sei, die sie

testamentarisch zur Universalerbin ihres kleinen Vermögens

eingesetzt hatte. Das schmale Häuschen mit der Linde war nach dem

Tode der Mutter schuldenhalber verkauft worden, und der

französische Schneider hatte froh sein müssen, bei einem der andern

Meister als Gesell ein Unterkommen gefunden zu haben. Ich traf ihn

am Sonntagnachmittage in einer Ecke des Kirchhofs auf der Bank

sitzend. Seine Haut über den scharfen Backenknochen war noch

gelber geworden, und sein schwarzes Haar war stark ergraut; er

hustete, aber die Sonne schien ihm wohlzutun. "Ah, Monsieur

Philipp!" rief er, da er mich erkannte, und streckte mir zwei

Finger seiner langen knöchernen Hand entgegen, während die andern

die alte wohlbekannte Porzellandose umklammert hielten. "Damals--

das waren andre Zeiten, Monsieur Philipp!" fuhr er seufzend fort.

"Meine Alte, sie hat sich mit ihrer Menage unter die schwarzen

Kreuze dort begeben; und das Kind, die Lore"--er schluckte ein

paarmal und nahm eine starke Prise--, "Sie werden es ja gehört

haben!--Sie wollte nicht, sie wollte ihren armen Vater nicht

allein lassen, ich mußte mit Gewalt ihre kleinen Hände von mir

losreißen; aber was hilft es denn! Das Kind mußte doch sein Glück

machen!" Er ließ den Kopf sinken und legte schlaff seine Hände auf

die Knie. "Ich werde Ihnen ihre Briefe zeigen!" begann er dann

wieder. "Sie werden sehen, Monsieur Philipp, Sie sind ja ein

Gelehrter! Die allerliebsten Buchstaben, und all die lieben guten

Worte; eine Marquise könnte es nicht besser."--

--So sprach er noch eine Weile fort, bis ich ihn verließ.

Ich habe den französischen Schneider nicht wiedergesehen; denn

einige Tage darauf reiste ich ab, um zunächst auf einer

ausländischen Universität meine juristischen Studien zu beginnen,

und schon nach einem halben Jahre schrieb mir meine Mutter, der ich

diese Begegnung erzählt hatte, daß auch Monsieur Beauregard, der

Enkel des Ofenheizers vom Hofe Ludwigs des Sechzehnten, unter den

schwarzen Kreuzen eine Stelle gefunden habe.

Drei Jahre später befand ich mich auf der Landesuniversität, um vor

dem Examen noch das gesetzlich vorgeschriebene Jahr hier zu

absolvieren. Fritz, mit dem ich das letzte Semester in Heidelberg

zusammen gewohnt, wollte erst im nächsten Herbst zurückkehren.

Aber mein Freund Christoph hatte die Universität bezogen; er war

erster Arbeiter in einem großen Möbelmagazin. Ich trag ihn eines

Nachmittags in einem öffentlichen Garten, wo er allein vor seinem

Seidel Lagerbier saß und, scheinbar in Sinnen verloren, den Rauch

seiner Zigarre vor sich hinblies. Sein starker blonder Backenbart

und seine feine bürgerliche Kleidung ließen mich ihn erst in

nächster Nähe erkennen. Als ich schweigend meine Hand auf seine

Schulter legte, warf er den Kopf rasch und trotzig nach mir herum;

denn, wenn ich jetzt auch keine farbige Mütze trug, so gehörte ich

doch unverkennbar genug zu den mutmaßlich noch immer nicht von ihm

geliebten Lateinern. Allein kaum hatte er mich angesehen, als auch

sogleich die freudigste Überraschung aus seinen Augen leuchtete.

"Philipp, du bist es?" sagte er, indem er mit einer fast

mädchenhaften Bescheidenheit meine dargebotene Hand nahm und sie

dann desto kräftiger drückte.--Wir sprachen lange zusammen; über

unsre Heimat, über Eltern und Altersgenossen; als ich mich dann der

verhängnisvollen Eisfahrt erinnerte, fragte ich auch nach unsrer

gemeinschaftlichen Knabenliebe.

Lenore lebte noch im Hause ihrer Verwandten, einer alten

Schneiderin, mit der sie zum Nähen in die Häuser der vornehmen

Einwohner ging. Aber Christoph wurde bei den Antworten auf diese

Fragen immer wortkarger und suchte endlich mit einer gewissen Hast

das Gespräch auf andre Dinge zu bringen. Er schien in seinem

treuen Gemüte noch immer die Fesseln des schönen Mädchens zu

tragen, die ich mit dem Staub der Heimat schon längst von mir

abgeschüttelt zu haben glaubte.

Ich mochte mich darin indessen irren.--Einige Zeit darauf hatte

ich mit befreundeten Damen jenseits der Meeresbucht, an welcher die

Stadt liegt, einen damals beliebten Vergnügungsort besucht. Der

Nachmittag war zu Ende, und wir gingen an den Strand hinab, um nach

einem Fahrzeug für die Heimkehr auszuschauen.--Zwei Boote, beide

schon fast besetzt, lagen zur Abfahrt bereit. Neben dem einen, das

etwa dreißig Schritte von uns entfernt sein mochte, stand an der

Seite einer ältlichen lahmen Nähterin, die ich mitunter im

Wohnzimmer meines Hauswirts gesehen hatte, eine auffallend schöne

Mädchengestalt. Sie hatte schon den Fuß auf den Rand des Bootes

gesetzt und schien im Begriff, hineinzusteigen; aber sie zögerte

plötzlich, da sie den Kopf nach uns zurückwandte. Zwei schwarze

fremdartige Augen, wie ich sie lange nicht, aber wie sich sie einst

gesehen, trafen in die meinen; ich wußte jetzt, daß es Lenore

Beauregard sei. Sie war größer geworden, und unter den braunen

Wangen schimmerte das Rot der vollsten Jungfräulichkeit; aber noch

immer war ihr in der Haltung jene graziöse Lässigkeit eigen, die

mir unbewußt, schon einst mein Knabenherz entführt hatte. Es

wallte heiß in mir auf, und ich hatte der Damen neben mir fast ganz

vergessen. Denn jene dunkeln Augen schienen mich bittend

anzublicken; ich hörte, wie die alte Nähterin ihr zusprach, wie der

Schiffer sie nicht eben in den höflichsten Worten zum Einsteigen

drängte; aber noch immer stand die schlanke Mädchengestalt

unbeweglich, wie im Traum, die Augen nach mir hingewandt.

Schon hatte ich, wie von dunkler Naturgewalt getrieben, ein paar

Schritte nach dem Boote zu getan; aber ich bezwang mich; ich dachte

an Christoph; seine ehrlichen Augen schienen mich plötzlich

anzusehen. "Es wird nicht Platz dort für uns alle sein", sagte ich

zu den Damen. Dann gingen wir seitwärts nach dem andern Fahrzeug

am Wasser entlang.--Doch noch einmal mußte ich nach Lore

zurückblicken. Sie hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen und

stieg eben langsam über den Bord in das Innere des Bootes, das im

Gold der Abendsonne auf dem regungslosen Wasser lag.

Bei der Heimfahrt saß ich am Steuer, wortkarg und innerlich erregt;

meine Augen mochten wohl mitunter auf dem andern in ziemlicher

Entfernung vor uns rudernden Boote ruhen, während die jungen Damen

mich vergebens in ihre Plaudereien zu ziehen suchten.

"Aber Sie sind heute nicht zu gebrauchen!" sagte die eine; "unsre

schöne Nähterin scheint Sie stumm gemacht zu haben!"

"Ist Lore Ihre Nähterin?" fragte ich noch halb in Gedanken.

"Lore! Woher wissen Sie, daß sie Lore heißt?"

"Wir sind aus einer Stadt; ich habe in der Tanzschule meine erste

Mazurka mit ihr getanzt."

"So!--Sie soll auch jetzt noch gern mit Studenten tanzen."

Unser Gespräch über Lore war zu Ende; aber ich wußte jetzt, weshalb

Christoph nicht hatte reden mögen.

Dennoch sah ich ihn später im Laufe des Winters mehrmals an

öffentlichen Orten mit Lore zusammen, meistens in Gesellschaft der

lahmen Marie oder einer älteren Person, welche niemand anders als

die Erbtante sein konnte, die dem armen Schneider noch so kurz vor

seinem Ende das Kleinod seines Herzens entführt hatte.

Eines Abends, es mochte einige Wochen nach Neujahr sein, hörte ich

von meinem Zimmer aus einen Tumult auf der Straße. Als ich das

Fenster öffnete, bemerkte ich unter dem vorbeiziehenden Haufen hie

und da rote Studentenmützen; endlich erkannte ich beim Schein der

Straßenlaterne auch einen unsrer Pedelle.

"Was gibt's, Dose?" rief ich hinunter.

"Holz hat's gegeben, Herr Doktor."--Dose nannte mich aus einem nur

uns beiden bekannten Grunde allezeit Herr Doktor.

"So? Und wohl wieder auf dem Ballhaus?" fragte ich.

"Nun, wo denn anders?"

Das Ballhaus war ein öffentliches Tanzlokal, wo die altherkömmliche

Feindschaft zwischen Studenten und Handwerksgesellen sich zuzeiten

Luft zu machen pflegte. Es schien diesmal indessen arg geworden zu

sein; denn Dose machte andeutungsweise eine höchst kräftige

Bewegung mit der Faust.

"Wer hat's denn gekriegt?" fragte ich noch.

Der Alte hielt die Hand vor den Mund und flüsterte mir zu: "Es ist

auf die rechte Stelle gekommen, Herr Doktor." Ein Bekannter, der

unser Gespräch hörte, rief im Vorübergehen: "Es ist der Raugraf;

die Knoten haben ihm auf Abschlag gezahlt."

Der sogenannte "Raugraf" war ein ebenso schöner als wüster junger

Mann, der in den Hörsälen der Professoren selten, dagegen häufig

auf der Mensur und regelmäßig auf der Kneipe zu finden war; einer

von denen, die auf Universitäten eine Rolle spielen, um dann im

späteren Leben spurlos zu verschwinden. Von den jungen Handwerkern,

denen er ihre Mädchen abspenstig machte, wurde er ebensosehr

gehaßt, wie er für die größere Anzahl der jüngern Studenten der

Gegenstand einer scheuen Bewunderung war. Nachdem er eine Reihe

andrer Universitäten besucht und, teilweise durch Relegation

gezwungen, wieder verlassen hatte, fand er für gut, auch die

unsrige zu versuchen, und bald gingen von seinem großen Wechsel und

dann von seinen noch größeren Schulden die mannigfaltigsten

Gerüchte im Schwange. Der Titel "Raugraf", den er mitbrachte,

paßte insofern für ihn, als er an die Zeiten des Faustrechts

erinnert und allerdings die Weise der alten Junker, die ja die

Schwächeren rücksichtslos für ihre Leidenschaften zu verbrauchen

pflegten, sich vollständig auf ihn vererbt zu haben schien.

Da ich den Raugrafen weder genau kannte noch ein Interesse an

seiner Person nahm, so schloß ich das Fenster und begab mich zur

Ruhe, ohne des Vorfalles weiter zu gedenken.

Am Nachmittage darauf sollte ich indessen aufs neue daran erinnert

werden.--Ich hatte eben meinen Kaffee getrunken und saß im Sofa

über einer Pandektenkontroverse, als an die Stubentür gepocht wurde.

Auf mein "Herein!" trat die stattliche Gestalt meines Freundes

Christoph vorsichtig und etwas zögernd in das Zimmer.

"Bist du allein?" fragte er.

"Wie du siehst, Christoph."

Er schwieg einen Augenblick. "Ich muß fort von hier, Philipp",

sagte er dann, "Noch heute abend; weit fort, an den Rhein zu meinem

Mutterbruder; er ist schwächlich und braucht einen Gesellen, der

nach dem Rechten sehen kann. Aber ich fürchte, meine Barschaft

reicht nicht für die Reise, und Fechten, das ist nicht meine Sache."

Ich war schon an mein Pult gegangen und hatte eine kleine Geldsumme

auf den Tisch gezählt. "Reicht das, Christoph?"

"Ich danke dir, Philipp." Und er steckte das Geld sorgsam in seine

Börse, die schon einen kleinen Schatz am Gold- und Silbermünzen

enthielt. Erst jetzt sah ich, daß er in seiner schwarzen

Sonntagskleidung vor mir stand.

"Aber du bist ja in vollem Wichs", fragte ich; "wo bist du denn

gewesen?"

"Nun", sagte er und rieb sich nachdenklich mit der Hand seine

breite Stirn, "ich komme eben von der Polizei!"

"Du hast schon deinen Paß geholt?"

"Jawohl; meinen Laufpaß."

Ich sah ihn fragend an.

"Es ist wegen der dummen Geschichte auf dem Ballhaus."

Mir ging ein Licht auf. "So! Also du bist es gewesen?" sagte ich.

Daß mir das nicht sogleich eingefallen ist!"

"Freilich bin ich dort gewesen, Philipp."

"Lenore war wohl mit dir?"

Er nickte.

"Und da hast du den Raugrafen durchgeprügelt?"

Ein Lächeln befriedigten Hasses legte sich um seinen Mund. "Sie

sagen ja, daß ich's gewesen sei", erwiderte er.

Der alte Feind der Gymnasiasten sprach dies in solchem Tone der

Genugtuung, daß ich über den Sachverhalt nicht mehr zweifelhaft

sein konnte.

Ich mußte laut auflachen. "So erzähl mir doch! Wie kam denn die

Geschichte?"

"Nun, Philipp--du weißt doch, da ich mit der Lore gehe?"

"Seid ihr denn einig miteinander?"

"Es ist wohl so was", erwiderte er.--"Sie ist eine anstellige

Person; und nach dem Tode der alten Tante bekommt sie auch noch

eine Kleinigkeit."

Ich sah ihn lächelnd an. "Nun, Christoph, sie ist auch sonst so

übel nicht; du hättest so überzeugend sonst auch schwerlich

zugeschlagen!"

Er blickte einen Augenblick vor sich hin. "Ich weiß es kaum",

sagte er, "wir standen in der Reihe, Lore und ich--es geschah nur

ihr zu Gefallen, daß ich hingegangen war--, da kam der lange

blasse Kerl, der schon immer auf sie gemustert und dabei mit einem

andern getuschelt hatte, und wollte extra mit ihr tanzen."

"War er denn unverschämt gegen deine Dame?"

"Unverschämt?--Sein Gesicht ist unverschämt genug!"

"Und Lore?" sagte ich, meinen Freund scharf fixierend. "Sie hätte

wohl gern mit dem schmucken Kavalier getanzt?"

Er zog die Stirnfalten zusammen, und ich sah, wie sich eine trübe

Wolke über seinen Augen lagerte.

"Ich weiß es nicht", sagte er leise.--"Es war nicht gut, daß ihr

das Mädchen damals in eurer Lateinischen Tanzschule den Notknecht

spielen ließet."

Er reichte mir die Hand. "Leb wohl, Philipp", sagte er, "das Geld

schicke ich dir; sonst wirst du wohl nicht viel von mir zu hören

bekommen; aber um Jahresfrist, so Gott will, bin ich wieder hier,

oder bei uns daheim."

Er ging.--Ich suchte vergebens mich wieder in meine

unterbrochenen Arbeiten zu vertiefen; eine unbestimmte Sorge um die

Zukunft des Jugendgespielen hatte mein Herz beschlichen. Ich wußte

nur zu wohl, was seine Worte nicht verraten sollten, daß seine

Phantasie von jenem Mädchen ganz erfüllt war und daß alle Kräfte

dieses tüchtigen Kopfes darauf hinarbeiteten, sein Leben mit dem

ihren zu vereinigen.

Bald darauf ging ich in die Wohnung meiner Hauswirte hinab, bei

denen ich damals meinen Mittagstisch hatte. Es mochte etwas

frühzeitig sein; denn von den Hausgenossen hatte sich niemand

eingestellt; aber in der Nebenstube traf ich die kleine Nähterin,

die "lahme Marie", welche stumm und einsam inmitten einer Wolke

weißer Stoffe mit der Nadel hantierte.--Da ich sie oft in

Gesellschaft der beiden Menschen gesehen hatte, deren Geschick mich

jetzt beschäftigte, so erzählte ich ihr den gestrigen Vorfall, in

der Hoffnung, über die Ursache desselben Näheres zu erfahren.

"Ich hab' es kommen sehen!" sagte sie, die dünnen Lippen

zusammenkneifend; "der Tischler ist wohl sonst ein ganzer Kerl;

aber gegen das Mädchen ist er zu gutwillig; was wollte er mit ihr

auf dem Ballhaus!"

Ich fragte näher nach.

Sie räumte eine Partie Zeuge von einem Stuhl, damit ich mich

setzen könne.--"Sie kennen vielleicht das kleine Haus in der

Pfaffengasse", begann sie dann, als ich ihrem Wink gefolgt war;

"die alte Schmieden, die Tante von der Lore, hat es vor Jahren von

dem Pferdeverleiher nebenan gekauft; aber den Hof dahinter, weil er

zu seinem Geschäft doch großen Raum braucht, hat der Verkäufer sich

vorbehalten, so daß er mit seinem nun in eins zusammengeht; nur in

der Mitte auf einem Stückchen Rasen darf die Alte ihre Waschsachen

trocknen und bleichen, soweit es damit reichen will. Sie ist

Geschwisterkind mit meiner seligen Mutter, und seit ich konfirmiert

war, bin ich oft mit ihr zum Nähen ausgegangen.

"Ich denk, es war kurz vor Martini vorigen Jahrs; ich machte mich

gleich nach Mittag zu der Schmieden; denn wir hatten eine große

Seidenwäsche zusammen. Unterwegs begegne ich dem Tischler, der

damals schon mit der Lore ging. Wir sprechen ein Wort zusammen,

und im Weggehen ruft er mir noch lachend zu: 'Bei Feierabend

komm ich und helf euch die Klammern aufsetzen!' Ich sagt's

auch der Lore; aber sie schien nicht groß darauf zu achten.

"Spätnachmittags, da wir drinnen fertig waren, gingen wir hinaus, um

die Leine zwischen den Pfählen aufzuscheren, die draußen auf dem

Grasrondell stehen. Lore, das Kleid über ihren Halbstiefelchen

aufgeschürzt, ging mit dem kleinen hölzernen Tritt von einem zum

andern. Die Alte hatte sich drinnen in ihren Lehnstuhl schlafen

gesetzt; ich--ich bin die Größte nicht und konnte ihr eben nicht

viel dabei helfen."

Und die Erzählerin suchte ihren dürftigen Körper möglichst

gradezurichten.

"Ich hatte mich neben dem Waschkorb auf einen Prellstein gesetzt

und sah mir's an, wie vor dem Stall der Knecht des Nachbars einen

Goldfuchs striegelte.--Ich hab' die Pferde gern, wissen Sie, denn

mein Vater ist auch ein Fuhrmann gewesen.--Es war gar ein schönes

Tier; und wenn es so den Kopf aus dem Schatten in die Sonne

hinauswarf, glänzten die Haare wie Metall; aber an dem feinen

Beinwerk merkte ich wohl, daß es keines von des Nachbars

Mietgäulen sei.--'Wem gehört das Pferd?' fragte ich Lore, die

eben ihr Holztreppchen hart neben mir an den letzten Pfahl

gerückt hatte.--'Das Pferd?' sagte sie, indem sie sich auf

den Fußspitzen hebt und die Leine um das Querholz schlingt; 'das

gehört dem fremden Studenten; ich weiß nicht, wie er heißt.'

--Ich sah zu ihr hinauf; aber sie wandte nicht den Kopf und

wickelte noch immer fort mit der Leine. Als ich eben ungeduldig

werden wollte, sagte hinter mir eine Stimme: 'Es ist genug,

Fräulein Lorchen!'

"Ich sehe noch, wie sie die Arme sinken läßt und hastig das

aufgeschürzte Kleid herunterzupft, und da ich den Kopf wende, steht

der blasse vornehme Student vor mir, und Lore, ohne ein Wort zu

sagen, springt von ihrem Tritt herunter und stellt sich neben mich.

--Der junge Herr steht auch nur und macht scharfe Augen auf die

Lore, als wenn er das Anschauen ganz umsonst hätte. Daß dich!

dachte ich und fing aufs Geratewohl einen lauten Diskurs über

den Goldfuchs an, und red'te so lang, bis ich Antwort hatte,

und ehe ich mich's versehen, waren wir alle drei auf den Hof

hinübergetreten. Das Pferd scharrte mit den Hufen und sah seinen

Herrn mit den klugen Augen an; Lore stand daneben, und recht, als

trüge sie Verlangen nach dem Tier, ließ sie ihre flache Hand

an dem spiegelblanken Hals herabgleiten. 'Er ist lammfromm',

sagte der junge Herr; 'was meinen Sie, Fräulein Lore, drinnen

im Stall hängt noch ein Damensattel!'--Sie schüttelte den

Kopf; aber ich hörte, wie ihr der Atem versetzte, und ihre Augen

blitzten ordentlich vor Lust. Der Herr Graf hatte das wohl auch

verstanden; denn auf seinen Wink wurde der Sattel aufgeschnallt und

ein leichter Zaum angelegt. Lore sah darauf hin, als wenn ihr die

Augen verhext wären. Als aber der Knecht ihr das Holztreppchen zum

Aufstieg hinstellte, warf es der junge Herr beiseite. 'Pfui

doch, Johann!' rief er; und als wenn sich's nur von selbst

verstände, faßte er das junge Mädchen unterm Arm. 'Treten

Sie fest!' sagte er und hielt die andre Hand vor sie hin,

indem er mit seinen durchdringenden Augen zu ihr aufsah. Und Lore,

als müsse sie nur immer tun, wie der es wollte, setzte ihr Füßchen

in seine Hand. Ich merkte wohl, er zögerte; aber es war nur ein

Augenblick; dann hob er sie mit einem raschen Schwung hinauf.

"Sie sah ganz verwirrt aus und schlug die Augen nieder, als sie

droben saß, und ließ sich geduldig den Zaum zwischen den Fingern

von ihm zurechtlegen. Der Fuchs schüttelte den Kopf und stieß ein

lautes Wiehern aus. Sein Herr strich ihm ein paarmal liebkosend

über das seidene Fell; dann legte er die Hand hinter Lore auf den

Sattel; mit der andern faßte er den Zaum und führte das Pferd

langsam um das Rondell herum.

"Ich muß es selbst sagen, sie machten ein stolzes Paar zusammen, und

es hätte wohl keiner gedacht, der sie so gesehen, daß die feine

Person nur eine arme Nähterin und eines Schneiders Tochter sei.

"Bald ging es ihr schon nicht rasch genug. Sie warf die Hand empor,

das Pferd fing an zu traben, und der junge Herr trat auf das

Rondell zurück. Aber er ließ kein Auge von ihr; wie das Pferd lief,

so ging er, die Reitpeitsche in der Hand, im Kreise mit umher; als

sei es ihm angetan, so flogen seine Blicke an dem Mädchen hin und

wider, von ihren schwarzen wehenden Haaren bis zu dem Füßchen, das

oben an dem Sattel unter dem Kleide hervorsah. Bald rief er ihr,

bald seinem Fuchs ein kurzes Wort hinüber. Das Tier lief immer

schneller; es schob und peitschte mit dem Schweife in die Luft.

Lenore sah gar nicht darauf hin. Sie saß nur wie angeflogen und

lächelte und sah auf den jungen Herrn, grad als wären's seine Augen,

die sie auf dem Sattel festhielten.

"So ging es eine Weile. Wenn die Alte herauskäme, dachte ich. Es

gäbe ein böses Wetter! Aber sie kam nicht. Da plötzlich schwenkte

eine Flucht Tauben mit großem Geklapper über den Hof, und der Fuchs

stutzt und macht einen Satz. Ich denk, die Lore stürzt herunter;

aber nein, sie hing noch an dem Hals des Pferdes; nur blaß war

sie geworden wie der Tod. 'Oho, Virginie!' ruft der Herr,

und gleich ist er auch drüben, hat die Lore auf seinen Armen, sieht

sie einen Augenblick mit den scharfen Augen an und läßt sie dann

sanft zu Boden gleiten.--Ehe ich mich noch besinne, höre ich die

Hoftür gehen. Da ist die Alte! denk ich; aber als ich mich

umkehre, steht der Tischler vor mir.--Wär's nur die Alte gewesen,

ich hätte mich nicht so alteriert; denn ganz wie versteinert sah

der Mensch aus. 'Ist denn schon Feierabend, Herr Werner?' ruf

ich. Aber er achtet gar nicht darauf. 'Guten Abend, Marie!' sagt

er mit ganz heiserer Stimme, und er würgt ordentlich daran, als

wenn ihm das Wort im Halse steckenbleiben müßte.--'Wollen wir nicht

ins Haus gehen?' sag ich wieder. 'Ich danke', antwortet er;

'ihr habt da schon Gesellschaft.'--Und ohne das Mädchen anzusehen

oder eine Silbe an sie zu verlieren, kehrt er sich um und geht

durch den großen Torweg der Straße zu.

"Lore stand, ohne sich zu rühren, neben dem schnaubenden Pferde.

'Was wollte der Mensch?' fragte der Graf. 'Es ist ein Landsmann

von mir', erwiderte sie leise. 'Es ist Herr Werner', sagte ich,

'der erste Arbeiter in dem großen Möbelmagazin'; denn mich

ärgerte das spöttische Gesicht, womit der Herr dem Tischler

nachgesehen hatte."

Die Erzählerin hatte eine Arbeit vollendet; sie stand auf und legte

die Stoffe zusammen. Nebenan im Wohnzimmer fanden sich die

Hausgenossen zum Mittagstisch zusammen.

"Was ist denn daraus geworden?" fragte ich noch.

"Was ist daraus geworden?" wiederholte sie. "Ich habe eine

Zeitlang hin und wider geredet; am Ende--der Tischler kann ja doch

nicht von ihr lassen, und sie, wenn ihr nicht just der Kopf

verrückt ist, weiß auch wohl, was sie an ihm hat. Die schönen

vornehmen jungen Herren sind ja nun doch einmal doch für sie

gewachsen."

Wir gingen zu Tische. Aber die Geschichte der lahmen Marie lag mir

schwer auf dem Herzen.--Lore und Christoph! Ich konnte mir die

beiden Menschen nicht zusammen denken.

Bald nach Ostern hatte eine plötzliche Erkrankung meiner Mutter

mich nach Hause gerufen. Erst im August, da ich die völlig

Genesende mit Ruhe der Sorge meines Vaters und der Heilkraft der

milden Lüfte überlassen konnte, kehrte ich auf die Universität

zurück. Als ich fortreiste, war auf der weiten Seebucht neben der

Stadt noch kaum das Eis verschwunden; nun rauschte über allen Wegen

das volle Laub des Sommers.

Es war am Vormittage nach meiner Ankunft; von meinen Bekannten

hatte ich noch keinen gesprochen. Ich stand nachdenklich in der

Mitte meines einsamen Studentenstübchens; das ausgetrocknete

Tintenfaß auf dem Schreibtisch und die bestaubten Bücher sahen mich

unbehaglich an; der halb ausgepackte Koffer auf dem Fußboden machte

es nicht besser. Aber die Sonne schien durch die Fensterscheiben

und lockte mich hinaus, und bald ging ich, wie ich es schon als

Knabe liebte, nur mit mir allein, im Schatten der breiten

Ulmenallee, welche eine Strecke oberhalb des Wassers am Seestrande

entlang führt.

Wie ein düsteres Gewölbe standen die ungeheuern Bäume über mir,

während zu beiden Seiten auf Laub und Gräsern und in den Fenstern

der hier überall im Grün versteckten Gartenhäuser die helle

Morgensonne funkelte; mitunter, wo er durch die Büsche sichtbar

wurde, traf auch ein Blitz des Meeresspiegels meine Augen.--Ich

ging langsam weiter, die frische Luft mit vollen Zügen atmend; nur

einzelne unbekannte Menschen begegneten mir, denn die Stunde des

Spazierengehens hatte noch nicht geschlagen.

Allmählich aber hörten die Gärten auf; statt der Ulmen waren es

hier schlanke aufstrebende Buchen, die zur Seite standen. Noch

eine kurze Strecke, und ich ging in einem kühlen Walde, der zur

Linken, eine Anhöhe hinansteigt, während ich nach der andern Seite

durch die Bäume auf die See hinabblicken konnte. Vor mir aus dem

Dickicht klang der Silberschlag des Buchfinken und der Lockruf der

Schwarzamsel; dazwischen wie Musik hörte ich fortwährend das

Lispeln der Blätter und drunten zu meinen Füßen das Anrauschen des

Wassers. Mir kam plötzlich die Erinnerung an ein halb verfallenes

Haus, das hier im Walde liegen mußte. Vor Jahren als Sekundaner

war ich einmal mit einem mir verwandten Studenten dort gewesen, den

ich von der Schule aus besucht hatte. Es war, so erfuhr ich damals,

von einem spekulierenden Schenkwirt gebaut worden; aber die

Spekulation mißglückte; es war ihm nicht gelungen, den großen Zug

der Gäste in seine Einsamkeit hinauszulocken. Er hatte verkaufen

müssen, und der neue Eigentümer ließ derzeit die spärliche

Wirtschaft durch einen Kellner verwalten.

Ich entsann mich des langen blassen Menschen sehr wohl, und auch

das einstöckige Gebäude, welches zwischen den hohen Buchen etwa auf

der Hälfte der Anhöhe lag, stand jetzt mit Deutlichkeit vor meinen

Augen. Unter der kleinen Säulenhalle, welche die Mitte der Front

einnahm, hatte ich damals mein erstes Glas Grog getrunken; von hier

aus waren wir durch eine große Flügeltür in einen hohen düstern

Saal getreten, dessen Fenster nach hinten in den Wald hinaussahen.

Mich überkam ein Verlangen, den einsamen Ort wieder aufzusuchen;

zugleich eine Besorgnis, er möge jetzt verschwunden oder für mich

nicht mehr zu finden sein.

Während ich so meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich aufblickend

einen schmalen Fußweg, der sich links vom Wege zwischen den Bäumen

hinaufschlang. Ich stand einen Augenblick; so war es damals auch

gewesen; dann stieg ich langsam den Berg hinauf. Nach einiger Zeit

sah ich vor mir zwischen den Stämmen ein graues Schieferdach

auftauchen, allmählich wurden auch die Kapitäle einer kleinen

Säulenhalle und zu jeder Seite derselben der obere Teil eines

Fensters sichtbar. Noch ein paar Schritte, und eine breite

Steintreppe führt aus dem Baumschatten auf einen kleinen ebenen

Platz hinaus.

Da lag es vor mir; mitten im Walde, im stillsten Sonnenschein. Die

Zeit schien hier kaum etwas verändert zu haben; wie damals war der

ursprünglich rötliche Anwurf der Mauern, wo er nicht abgeblättert

an der Erde lag, überall mit grünem Moos bezogen, und aus den

Spalten der hölzernen Säulen drängte sich braunes wucherndes

Schwammgewächs; auch jetzt noch stand unter der kleinen Halle eine

dunkelgrüne Bank zu jeder Seite der halb geöffneten Flügeltür.--

Ich setzte mich auf eine derselben und blickte durch die Lücke des

Gehölzes auf die See hinab, wo eben ein Fischerboot im Sonnenschein

vorüberglitt.--Menschen schienen hier oben nicht zu hausen, es

rührte sich nichts; auch hinter mir aus dem Hause vernahm ich

keinen Laut; nur eine Waldbiene summte in raschem Fluge vorüber,

und an den Grasrändern der Steintreppe gaukelten zwei dunkle

Schmetterlinge.

Nach einer Weile stand ich auf und ging in den Saal. Er schien mir

noch düsterer fast, als ich ihn mir gedacht hatte; die dicht vor

dem Fenster stehenden Bäume schienen ihre Zweige bis über das Dach

zu breiten. Ich schlug mit meinem Stock auf einen Tisch, daß es an

der hohen Decke widerhallte; aber es kam niemand.--Zur Linken in

einem Nebenzimmer, in das ich hineinblickte, stand ein einsames

Billard. Aber gegenüber an der andern Seite des Saals war noch

eine Tür; ich öffnete sie und gelangte in einen schmalen Gang und

durch diesen wiederum ins Freie.--Neben einer Kegelbahn, die

dicht am Hause lag, fand ich einen schon älteren Menschen, mit

einer grünen Schürze angetan, auf dem Rasen eingeschlafen. In der

Tat, es schien auch derselbe Kellner noch von damals!--Als ich

ihn mit dem Stock berührte, riß er die Augen auf und sprang empor.

"Ich bitte, mein Herr", sagte er, "ich habe wenig Ruhe gehabt die

Nacht."

Ich sah ihn verwundert an.

"Sie wissen das nicht?" fuhr er fort, indem er mich von Kopf zu

Füßen musterte. "Die Herren Korpsburschen haben ja seit Ostern

ihren Kneipabend hierher verlegt."

Ich wußte das in der Tat nicht, obgleich die meisten meiner

Bekannten zu dieser Verbindung gehörten.

Während ich einen Krug Bier und eine Schnitte Brot bestellte, waren

wir in den Saal zurückgegangen.--Als der Tagesschein durch die

geöffnete Tür fiel, wurden auf der Mitte des Fußbodens ein paar

dunkle Flecke sichtbar, die mir keinen Zweifel ließen, daß nicht

nur die Kneipabende, sondern auch die dazugehörigen "Paukereien" in

diese Einsamkeit verlegt waren.--"Weshalb schafft ihr denn das

Blut nicht fort?" fragte ich.

"Um Entschuldigung, mein Herr", erwiderte der blasse Kellner, "aber

der Fleck kommt immer wieder; es ist von damals, als das Unglück

hier passierte.--Es sah sich übel an, als der hitzige junge Herr

auf einmal so still und weiß wurde."

Ich entsann mich sogleich jenes Vorfalls, der einer dürftigen

Offizierswitwe ihren einzigen Sohn gekostet hatte. Es war bald

nach meiner Abreise geschehen und hatte auf kurze Zeit die

Teilnahme des ganzen kleinen Landes in Anspruch genommen.

Ich ging in die Halle hinaus und setzte mich auf eine der grünen

Bänke, des armen heißblütigen Jungen gedenkend, dessen Leben hier

die letzte Spur zurückgelassen hatte.

Nach einer Weile brachte der Kellner das bestellte Frühstück.

"Heut abend könnte Sie was Besseres haben", sagte er, indem er Krug

und Teller vor mir auf den Tisch stellte. "Wir haben Ball; da

schickt der Prinzipal allemal seine Köchin heraus."

"Ball?" fragte ich erstaunt. "Wer tanzt denn hier mitten im Walde?"

"Nun", erwiderte er und blickte fast ein wenig despektierlich auf

meine nicht allzu moderne Kleidung, "die vornehmsten Herren

Studenten haben das so eingerichtet."

Mir fiel plötzlich eine Stelle aus dem Briefe eines Freundes ein,

den ich während meines Aufenthaltes in der Heimat erhalten hatte.

"Zum Hexensabbat nennen wir es; und es geht toll genug her!" So

lauteten die Worte. Ich wußte jetzt, wovon die Rede war; ich hatte

nur den Ort vergessen.

Der Kellner schien übrigens jenen Namen nicht eben gern zu hören.

Während ich ihn aber noch damit zu schrauben suchte, waren zwei

junge, mir wenig bekannte Studenten den Berg heraufgekommen. Sie

warfen sich, ohne von mir Notiz zu nehmen, an der andern Seite der

Tür auf die Bank, während sie in scharf akzentuierten Worten und

mit einem grimmigen Gesichtsausdruck jeder ein Seidel Bier

bestellten. Dann, während der Kellner sich entfernte, kam

in abgebrochenen Sätzen, mitunter durch Pfeifen oder lautes

Gähnen unterbrochen, eine Unterhaltung über die bevorstehende

Tanzfestlichkeit in Gang, die der eine, offenbar ein "Fuchs"

von neuestem Datum, erst durch seinen etwas älteren Genossen

kennenlernen sollte. Eine nach der andern wurden die Tänzerinnen

in knapper, nicht eben zartester Porträtierung vorgeführt; voran

die Töchter eines Winkeltanzmeisters und eines trunkanfälligen

Polizisten, mit deren Hilfe das Institut begründet war; in ihrem

Gefolge eine ganze Reihe freund- und elternloser Mädchen, die

während des Tages mit ihrer Hände Arbeit sich ein kärgliches Brot

verdienten.

Ich verzehrte indessen schweigend mein Frühstück und fütterte

mitunter einen Buchfinken, der furchtlos neben mir auf den Fliesen

umherlief und die ihm hingeworfenen Brotkrumen aufpickte.

"Die Gräfin sollst du erste sehen!" begann der ältere meiner beiden

Nachbarn wieder, indem er seinen kleinen Schnurrbart drehte.

Der andere tat eine verwunderte Frage.

Sein Freund lachte: "Es ist nur eine Nähterin, Ludwig; aber wenn

sie dich so kalt mit ihren schwarzen Augen ansieht!--Sie ist

verdammt von oben herab."

"Aber warum nennt ihr sie denn die Gräfin?"

"Nun, siehst du--der Raugraf hat sie."

Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesen Worten erschrak. Schon

wollte ich nähere Erkundigungen bei dem jungen Renommisten

einziehen, als mir einfiel, daß ich bei meinem Fortgehen die lahme

Marie in der Hinterstube meiner Hauswirtin gesehen hatte.

Ich machte mich sofort auf den Rückweg; und eine halbe Stunde

später stand ich neben ihr und hatte ein Gespräch mit ihr

angeknüpft.

"Und Sie haben Lenore seit lange nicht gesehen?" fragte ich.

Sie schwieg einen Augenblick. "Ich gehe nicht mehr mit ihr", sagte

sie, indem sie auf ihre Arbeit blickte.

"Sie schienen doch sonst so gute Freunde!"

"Sonst, ja!"--Sie strich ein paarmal mit dem Nagel über die eben

angefertigte Naht. "Aber seitdem sie draußen bei den Studenten

tanzt--sie wird die längste Zeit bei der alten Tante gewesen sein;

und mit dem Testament mag es nun auch wohl anders werden."

Also doch! dachte ich.--Christoph hatte mir das entlehnte Geld

schon einige Zeit nach seiner Abreise mit der kurzen Bemerkung

zurückgesandt, daß er im Hause seines Oheims eine freundliche

Aufnahme, bei den beiden Alten nicht weniger als bei deren schon

etwas ältlicher Tochter, und außerdem Arbeit vollauf gefunden habe.

Seitdem hatte ich Näheres weder von ihm noch von Lenore gehört.

"Aber wie ist denn das gekommen?" fragte ich nach einer Weile,

während die Nähterin emsig gearbeitet hatte.

"Nun!" sagte sie und steckte für einen Augenblick die Nähnadel in

das Zeug. "Es war vierzehn Tage vor Pfingsten; die Lore war schon

lange unwirsch gewesen; ich dachte erst, weil der Tischler ihr noch

immer nicht geschrieben hatte; mitunter aber kam's mir vor, als sei

das ganze Verlöbnis ihr leid geworden, und als könne sie in sich

selber darüber nicht zurechte kommen. Sie scherte sich auch keinen

Deut darum, ob sie mich oder eine von ihren vornehmen Herrschaften

mit den kurzen Worten vor den Kopf stieß; am schlimmsten war es

aber, wenn sie gegenüber die Musik vom Ballhaus hörte; denn sie

hatte dem Tischler doch versprechen müssen, nicht zu Tanze zu gehen.

--Eines Abends nun, da wir vor meiner Tür auf der Bank sitzen,

kommt mein Schwestersohn, der Schneider, der erst gestern aus der

Fremde heim war, mit ein paar andern Gesellen zu uns. Er war den

Rhein herabgekommen, hatte auch dort in zwei oder drei Städten, die

er namhaft machte, gearbeitet. Die andern fragen; er erzählt.--

'So hast du den Christoph Werner auch gesehen?' sagt der eine.--

'Den Tischler, freilich hab' ich ihn gesehen; der hat sein Glück

gemacht.'--'Wie denn?' fragt der andre.--'Wie denn? Er heiratet

die Meisterstochter; und sie hat--du verstehst mich!' Er machte

wie Geldzählen mit den Fingern. Mir wurde himmelangst bei diesen

Reden. 'Du bist nicht gescheit, Junge', sag ich, 'was schwatzest

du da ins Gelag hinein!'--'Oho, Tante, gescheit genug!' ruft er,

'bin ich doch dabeigestanden, daß er die Bretter zu seinem

Hochzeitsbett gehobelt hat!'--Lore, auf dieses Wort, ohne einen

Laut zu geben, steht sie von der Bank auf, nimmt ihren Hut und

geht, ohne sich umzusehen, die Straße hinab. 'Was fehlt der?'

fragt mein Schwestersohn noch.--'Ich weiß nicht, Dietrich.'--

Und ich wußte es auch wirklich nicht. Es war nicht gar so heiß

gewesen zwischen ihr und dem Tischler; denn er war ihr lange

nachgegangen, und sie hatte sich zweimal bedacht, bevor sie

ja gesagt; und wenn ich's auch schon wußte mit dem vornehmen

jungen Herrn, dem Studenten, so dachte ich doch nicht, daß

er ihr so ganz ihren eigensinnigen Kopf verrückt hatte.

"Noch eine Weile saß ich bei den andern und hörte, was der Junge,

der Schneider, zu erzählen wußte; aber ich hörte nur halbwegs, und

bald litt es mich nicht länger; denn ich sorgte doch um sie.

"So ging ich denn hinterher und traf sie, wie ich es mir auch

gedacht hatte, drunten im Haus der Tante, wo sie in einem

Hinterkämmerchen ihre Menage hatte. Da stand sie mitten im Zimmer

kreideweiß und nagte sich auf den Lippen, daß ihr das Blut übers

Kinn lief; alle ihre Schubfächer und Schachteln hatte sie

aufgerissen, und Tüll und Bänder lagen um sie her gestreut

auf dem Fußboden. 'Lore', rief ich, 'was machst du, Lore?'

Aber sie schien nicht auf mich zu hören.--'Ist Sonntag Tanz

im Ballhaus?' fragte sie.--'Im Ballhaus? Was geht das dich

an?'--'Ich will mittanzen!'--'Du? Was würde dein Schatz wohl dazu

sagen?'--'Was geht mich mein Schatz an!'--Sie hatte währenddes ihren

Hut aufgesetzt und ihr Umschlagetuch von der Kommode genommen; dann

schloß sie ein Kästchen auf, worin sie ihr Erspartes hineinzulegen

pflegte--denn wenn sie auch manchen Schilling für Putz vertat, so

war sie doch stolz und hatte immer nicht so nackt und bloß zu

ihrem Bräutigam kommen wollen. Nun riß sie das Papier, worin

es eingewickelt war, herunter und ließ das lose Geld in ihre

Tasche fallen. 'Willst du mit?' fragte sie. 'Ich muß Einkäufe

machen.'--Ich wußte nicht, was sie wollte; aber sie dauerte

mich, und so ging ich mit ihr; denn ich hoffte noch, das mit

dem Tanzen ihr wieder auszureden. Aber es waren leere Worte;

denn sie ging hastig neben mir die Straße hinab und antwortete

nicht und sah nicht nach mir hin.

"Als wir bei dem Schnittwarenhändler am Markte vor dem Ladentisch

standen, ließ sie sich die dicksten seidenen Bänder und die

modernsten Jakonetts vorlegen, wie sie deren sonst wohl nur

zuzeiten für die Vornehmsten in der Stadt verarbeitet hatte. Sie

suchte dazwischen umher und warf es durcheinander. Der Ladendiener

legte noch eine Ware vor. 'Wenn es der Dame, die das Kleid

bestellt hat, auf den Preis nicht ankommt!' sagte er und

streckte die Hand unter den klaren, durchsichtigen Stoff. 'Nein',

sagte Lore, 'es kommt ihr auf den Preis nicht an.'--Ich stieß sie

heimlich an; denn ich verstand es nun wohl, daß sie die kostbaren

Zeuge für sich selber wollte. 'Lore', sagte ich leise, 'ich bitte

dich, besinne dich doch, was willst du mit den feinen Sachen?'

--Aber sie kehrte sich nicht daran, sie ließ den Ladendiener

abschneiden und zählte das schöne harte Geld auf den Tisch, als

wenn sie nicht mehr wüßte, wie viele Tage sie sich sauer darum

hatte tun müssen. 'So laß doch', sagte sie, als ich ihren Arm

zurückhielt; 'ich will auch einmal fein sein; ich bin nicht

häßlicher als die Schönste hier!'--

"Dann ist sie nach Haus gegangen und hat die ganze Nacht und den

folgenden Tag gesessen und mit der heißen Nadel genäht, bis das

teure Kleid fertig gewesen ist.

"Am Sonntag darauf," fuhr die Erzählerin fort, nachdem sie zuvor

einen neuen Faden durch die Nadel gezogen hatte, "abends, da es

schon spät gewesen ist, hat sie sich von den weißen Maililien in

ihr schwarzes Haar gesteckt und ist dann aufs Ballhaus gegangen.

"Ich hab' das alles nur von meinem Schwestersohn," setzte sie hinzu,

"das ist auch einer, der keinen Tanz verpassen kann.--Sie hat

erst lange gesessen; denn die jungen Handwerksleute haben sich gar

nicht an sie getraut, und die Studenten hat sie selber einen nach

dem andern abgewiesen; es hätte nahezu wieder einen Aufruhr um sie

gegeben. Der blasse Student, wie heißen sie ihn gleich?"--

"Der Raugraf!" sagte ich.

"Freilich, der ist auch da gewesen, aber er hat sich wie gar nicht

um sie gekümmert. Zuletzt hat er doch kommen müssen; denn zu schön

hat sie ausgesehen; als wenn sie aus dem Morgenland gekommen wäre,

haben sie gesagt. Sie ist blutrot geworden, als er zu ihrem Platz

getreten ist, und hat am ganzen Leibe gezittert. Aber nun ist sie

aufgestanden und hat ihm die Hand gegeben, und er hat sie angesehen,

sagt mein Schwestersohn, als wenn er sie hat verzehren sollen.

Sie hat auch mit keinem sonst getanzt; denn bis die Musikanten ihre

Geigen eingepackt haben, sind die beiden miteinander nicht wieder

von der Diele gekommen."

Die lahme Marie schwieg; nur "Ja, ja!" sagte sie noch einmal, wie

in Gedanken die Moral aus ihrer Erzählung ziehend; dann setzte sie

eifriger als zuvor ihre Arbeit fort.

Ich wußte genug und beschloß, um nun auch mit eignen Augen zu sehen,

mich heute abend selbst auf den "Hexensabbat" zu begeben.

Auf der Universität Lore · 第 3 / 5 题