Erstes Buch.
+Erstes Kapitel.+
[Sidenote: 100a 18]
Unsere Arbeit verfolgt die Aufgabe, eine Methode zu finden, nach
der wir über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen
Schlüsse bilden können und, wenn wir selbst Rede stehen sollen, in
keine Widersprüche geraten[1].
Demnach müssen wir zuerst erklären, was ein Schluß ist und welches
seine verschiedenen Arten sind, damit wir den dialektischen Schluß
erhalten. Denn dieser ist es, den wir in der vorliegenden Arbeit suchen.
Ein Schluß ist also eine Rede, in der bei bestimmten Annahmen etwas
anderes als das Vorausgesetzte auf Grund des Vorausgesetzten mit
Notwendigkeit folgt[2].
Es ist nun eine Demonstration (Apodeixis), wenn der Schluß aus wahren
und ersten Sätzen gewonnen wird oder aus solchen, deren Erkenntnis aus
wahren und ersten Sätzen entspringt. Dagegen ist ein dialektischer
Schluß ein solcher, der aus wahrscheinlichen Sätzen gezogen wird[3].
[Sidenote: 100b 18]
Wahre und erste Sätze sind solche, die nicht erst durch anderes,
sondern durch sich selbst glaubhaft sind. Denn bei den obersten
Grundsätzen der Wissenschaften darf man nicht erst nach dem Warum
fragen, sondern jeder dieser Sätze muß durch sich selbst glaubhaft
sein. Wahrscheinliche Sätze aber sind diejenigen, die Allen oder den
Meisten oder den Weisen wahr scheinen, und auch von den Weisen wieder
entweder Allen oder den Meisten oder den Bekanntesten und Angesehensten.
Ein eristischer Schluß (Streitschluß) aber ist ein solcher, der auf
nur scheinbar, nicht wirklich wahrscheinlichen Sätzen fußt, und ein
solcher, der auf wahrscheinlichen oder scheinbar wahrscheinlichen
Sätzen zu fußen scheint[4]. Denn nicht alles, was wahrscheinlich
scheint, ist es auch. Kein Satz, den man als wahrscheinlich bezeichnet,
sieht nur ganz an der Oberfläche so aus, wie es bei den Prinzipien der
eristischen Begründungen der Fall zu sein pflegt. Denn der Charakter
der Falschheit verrät sich bei ihnen sofort und in den meisten Fällen
für solche, die auch nur wenig Überblick haben.
[Sidenote: 101a 1]
Der erste der genannten eristischen Schlüsse möge auch Schluß heißen,
der andere immerhin eristischer Schluß, aber nicht Schluß, da er zwar
dem Scheine nach schließt, aber nicht wirklich.
Außer den verschiedenen jetzt angeführten Schlüssen gibt es
noch Fehlschlüsse auf Grund der eigentümlichen Sätze bestimmter
Wissenschaften, wie sie in der Geometrie und den ihr verwandten
Disziplinen vorzukommen pflegen. Diese Art scheint sich von den
genannten Schlüssen zu unterscheiden. Der Pseudograph (Zeichner
falscher geometrischer Figuren) schließt weder aus wahren und ersten,
noch aus wahrscheinlichen Sätzen. Denn die von ihm verwandten Prämissen
fallen nicht unter die Begriffsbestimmung des Wahrscheinlichen: er
nimmt zu Vordersätzen weder was Allen, noch was den Meisten, noch was
den Weisen, und von den Weisen weder was ihnen Allen, noch was den
Meisten, noch was den Berühmtesten wahr scheint, sondern er folgert
aus Annahmen, die zwar seiner Wissenschaft eigentümlich, die aber
nicht wahr sind. Denn er gewinnt den Fehlschluß, indem er entweder die
Halbkreise nicht beschreibt, wie es sein müßte, oder bestimmte Linien
nicht so zieht, wie sie gezogen werden müßten[5].
Dieses mögen denn, im allgemeinen Umriß beschrieben, die verschiedenen
Arten der Schlüsse sein. Wir wollen aber überhaupt, wie alles
Angeführte, so auch das noch weiter Auszuführende nur so weit, also
nur im allgemeinen, behandeln. Denn es ist nicht unser Vorhaben, über
irgend eines dieser Dinge genaue Rechenschaft zu geben, sondern wir
wollen alles nur im Umriß darstellen, indem es uns für die vorliegende
Disziplin vollkommen zu genügen scheint, wenn man sich mit allem
Einzelnen in ihr auch nur annähernd bekannt machen kann.
+Zweites Kapitel.+
Auf das Gesagte mag passend eine Andeutung darüber folgen, für wie
viele und was für Dinge diese Kunst nützlich ist.
Sie ist für dreierlei Dinge nützlich: für die Übung, für den
Gedankenaustausch und für die philosophischen Wissenschaften.
Daß sie für die Übung nützlich ist, versteht sich von selbst: wenn wir
im Besitz einer festen Methode sind, so werden wir einen vorgelegten
Gegenstand leichter in Angriff nehmen können.
Und auch für den Gedankenaustausch muß sie nützlich sein. Denn wir
werden, wenn wir mit ihr vertraut sind, im Verkehr mit anderen die
Meinungen der Menge aufzählen und alles, was uns von der Gegenseite
nicht recht gesagt scheint, nicht auf fremde Ansichten, sondern auf die
eigene gestützt, widerlegen können.
Endlich ist sie für die philosophischen Wissenschaften nützlich. Denn
wenn wir imstande sind, nach beiden Seiten Bedenken zu erheben, werden
wir leichter erkennen, was hier und was dort wahr oder falsch ist.
[Sidenote: 101b 1]
Sie kann uns aber auch für die Erkenntnis dessen nützlich sein,
was bei den Prinzipien der Einzelwissenschaften das Erste ist[6].
Hierüber läßt sich auf Grund der besonderen Prinzipien einer gegebenen
Wissenschaft unmöglich etwas ausmachen, weil die Prinzipien das erste
von allem sind; man muß hier vielmehr mit Hilfe der wahrscheinlichen
Sätze über den jeweiligen Gegenstand der Sache beikommen. Das ist aber
die eigentümliche oder doch ihr besonders zukommende Leistung der
Dialektik. Sie ist eine Kunst der Erfindung, und darum beherrscht sie
den Weg zu den Prinzipien aller Wissenschaften.
+Drittes Kapitel.+
Wir werden diese Disziplin vollkommen inne haben, wenn wir sie in
der gleichen Weise inne haben, wie man es von der Beredsamkeit, der
Heilkunde und ähnlichen Künsten fordert.
Diese Vollkommenheit besteht darin, daß wir unser Vorhaben so weit zur
Ausführung bringen, als es möglich ist. Der Rhetor wird nicht in allen
Fällen überzeugen und der Arzt nicht die Heilung herbeiführen; wenn er
nur nichts von dem, was möglich ist, unterläßt, werden wir schon sagen,
daß er seine Wissenschaft gehörig inne hat[7].
+Viertes Kapitel.+
Wir müssen nun zuerst sehen, woraus diese Disziplin erwächst. Wir
dürften diese Frage genügend beantwortet haben, wenn wir ermitteln,
auf wie viele und was für Dinge sich die Disputationen beziehen, mit
welchen Gründen sie beweisen und wie wir diese Gründe finden.
Es sind der Zahl nach die gleichen und es sind dieselben Dinge, aus
denen die Disputationen erwachsen und um die sich die Schlüsse drehen.
Die Disputationen erwachsen aus den Sätzen und das, worum sich die
Schlüsse drehen, sind die Probleme. Jeder Satz und jedes Problem
bezeichnet aber entweder eine Gattung oder eine Eigentümlichkeit oder
ein Akzidenz. Die spezifische Differenz muß man hier, als mit der
Gattung verwandt, mit ihr zusammenstellen. Da die eine Eigentümlichkeit
das Wesen bezeichnet, die andere nicht, so werde die Eigentümlichkeit
überhaupt nach den beiden jetzt genannten Teilen unterschieden, und
es heiße der das Wesen bezeichnende Teil Definition, der andere soll
dann nach der gemeinsamen Benennung, die wir ihnen gegeben haben,
als Eigentümliches, Proprium, bezeichnet werden. So erhellt denn aus
dem Gesagten, daß auf Grund dieser jetzt gemachten Unterscheidung im
ganzen vier Stücke herauskommen müssen: Proprium, Definition, Genus und
Akzidenz.
Es möge aber niemand uns so verstehen, als wäre schon jedes von diesen
Stücken, für sich allein genommen, ein Satz oder ein Problem, sondern
wir wollen nur sagen, daß die Probleme und Sätze von ihnen kommen und
durch sie veranlaßt werden.
Problem und Satz unterscheiden sich durch die Form. Sagt man: Ist auf
Füßen gehendes zweibeiniges Sinnenwesen die Definition von Mensch? und:
Ist Sinnenwesen Gattung von Mensch? so gibt es einen Satz. Sagt man
dagegen: Ist auf Füßen gehendes zweibeiniges Sinnenwesen die Definition
von Mensch oder ist sie es nicht? und: Ist Sinnenwesen Gattung von
Mensch (oder nicht)? so gibt es ein Problem. Und so auch im übrigen.
Man versteht hiernach, daß Probleme und Sätze sich an Zahl gleich sind.
Aus jedem Satz kann man mit Änderung der Form ein Problem machen.
+Fünftes Kapitel.+
Wir müssen jetzt angeben, was Definition, was Proprium, was Gattung und
was Akzidenz ist.
[Sidenote: 102a]
Definition ist eine Rede, die das Wesen anzeigt. Man setzt hier
entweder eine Rede an die Stelle eines Wortes oder eine Rede an die
Stelle einer Rede. Denn man kann auch manches definieren, was durch
eine Rede ausgedrückt ist.
Wer etwas wie immer durch ein Wort erklärt, gibt offenbar keine
Definition des Dinges, da jede Definition eine Rede ist. Doch muß man
zugeben, daß es sich der Definition nähert, wenn man z. B. sagt: Das
sittlich Gute ist das Geziemende. Gleiches gilt für den Fall, daß man
erklärt, ob Sinneserkenntnis und Wissenschaft dasselbe oder verschieden
ist; denn auch bei den Definitionen besteht die größte Schwierigkeit
darin, zu entscheiden, ob Identität oder Verschiedenheit gegeben ist.
Wir wollen darum überhaupt alles, was mit den Definitionen unter
dasselbe Verfahren fällt, definitiv[8] nennen. Daß das jetzt Angeführte
ausnahmslos diesen Charakter hat, versteht sich von selbst. Können wir
schulgerecht darüber disputieren, ob etwas dasselbe wie ein anderes
oder von ihm verschieden ist, so können wir es auf dieselbe Weise auch
mit den Definitionen angehen. Denn wenn wir gezeigt haben, daß es nicht
dasselbe ist, haben wir die Definition widerlegt. Freilich kann man das
eben Gesagte nicht umkehren. Zur Aufstellung einer Definition genügt
der Nachweis der Identität gewiß nicht; wohl aber genügt es vollständig
zu ihrer Widerlegung, wenn man zeigt, daß die Identität nicht vorhanden
ist.
Eigentümlich, proprium, ist was zwar nicht das Wesen eines Dinges
bezeichnet, aber nur ihm zukommt und in der Aussage mit ihm
vertauscht wird. So ist es eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß
er der Grammatik[9] fähig ist; denn wenn er ein Mensch ist, ist er
der Grammatik fähig, und wenn er der Grammatik fähig ist, ist er
ein Mensch. Niemand nennt eigentümlich, was einem anderen zukommen
kann, nennt z. B. den Schlaf eine Eigentümlichkeit des Menschen,
auch nicht, wenn der Schlaf zufällig vorübergehend nur ihm zukommen
sollte. Würde mithin etwas Derartiges auch eigentümlich genannt, so
gälte diese Bezeichnung doch nicht schlechthin, sondern nur zeitweilig
und beziehungsweise. Rechtsstehen ist für ein Subjekt zeitweilig
eigentümlich, und zweibeinig sein mag ihm beziehungsweise als
Eigentümlichkeit beigelegt werden, dem Menschen z. B. mit Beziehung auf
Pferd und Hund[10]. Aber es ist klar, daß nichts von dem, was einem
anderen zukommen kann, in der Aussage mit seinem Subjekte vertauscht
wird. Wenn etwas schläft, braucht es deshalb kein Mensch zu sein.
[Sidenote: 102b]
Gattung ist, was von mehreren und der Art nach verschiedenen Dingen bei
der Angabe ihres Was oder Wesens prädiziert wird. Bei Angabe des Wesens
prädiziert werden werde von solchem verstanden, was man auf die Frage
antworten muß, was das vorliegende Ding ist. So muß man z. B. beim
Menschen auf die Frage, was er ist, sagen, er sei ein Sinnenwesen[11].
Zur Frage nach der Gattung gehört auch die Frage, ob etwas mit einem
anderen in derselben oder in einer verschiedenen Gattung steht. Eine
solche Frage fällt unter dieselbe wissenschaftliche Behandlung wie die
Frage nach der Gattung. Haben wir dargetan, daß Sinnenwesen gleichmäßig
Gattung von Mensch und Ochs ist, so haben wir dargetan, daß sie in
derselben Gattung stehen. Haben wir dagegen gezeigt, daß etwas Gattung
des einen ist, aber nicht des anderen, so haben wir dargetan, daß die
beiden nicht in derselben Gattung stehen.
Akzidenz ist was keines von diesen ist, nicht Definition, nicht
Proprium, nicht Gattung, aber dem Dinge zukommt, und was einem und
demselben, sei es was immer, zukommen und nicht zukommen kann, wie es
z. B. einem und demselben zukommen und nicht zukommen kann, daß es
sitzt. Gleiches gilt von dem Weißen. Nichts hindert ja, daß dasselbe
Ding bald weiß, bald nicht weiß ist.
Von den Begriffsbestimmungen des Akzidenz ist die zweite besser. Um die
zuerst aufgestellte zu verstehen, muß man zuvor wissen, was Definition,
Gattung und Proprium ist, dagegen genügt die zweite für sich, um uns
erkennen zu lassen, was das Akzidentelle an sich ist.
Zum Akzidenz wollen wir auch die Vergleichungen von Dingen ziehen,
die in irgendeiner Weise von ihm den Namen haben, Vergleichungen,
wie sie z. B. in der Frage vorkommen, ob das sittlich Gute oder das
Vorteilhafte den Vorzug verdient, ob das Leben nach der Tugend oder
ein Leben nach den Eingebungen der Sinnlichkeit genußreicher ist, und
dergleichen. Denn bei allen solchen Fragen will man wissen, wem von
beiden das betreffende Prädikat eher akzidentell mitfolgt.
Diese Fragen zeigen aber, daß ein Akzidenz stellenweise auch ohne
Anstand mit bezug auf bestimmte Subjekte zum Proprium werden kann. So
wird das Sitzen, das ein Akzidenz ist, wenn man der einzige Sitzende
ist, zum Proprium, und wenn man nicht der einzige ist, wird es
gegenüber den nicht Sitzenden den Charakter des Proprium annehmen. Und
so kann dann das Akzidenz relativ und stellenweise zum Proprium werden,
schlechthin aber wird es kein Proprium sein.
+Sechstes Kapitel.+
Man bemerke wohl, daß alles über Proprium, Gattung und Akzidenz
Gesagte füglich auch von der Definition gelten kann. Wenn man zeigt,
daß etwas dem Gegenstande der Definition nicht allein zukommt, und
dasselbe ist von dem Proprium zu sagen, oder daß die in der Definition
angegebene Gattung nicht die rechte ist, oder daß ein in die Definition
aufgenommenes Merkmal nicht zutrifft, und das gelte auch vom Akzidenz,
so hat man damit die Definition selbst aufgehoben. So hat denn nach
dem eben vorgetragenen Grunde alles, was wir aufgezählt haben,
gewissermaßen definitiven Charakter.
Darum darf man jedoch nicht eine gemeinsame Methode für alle Probleme
ohne Unterschied fordern.
[Sidenote: 103a]
Einmal wäre eine solche Methode nicht leicht ausfindig zu machen,
und dann wäre sie, wenn auch gefunden, ganz unbestimmt und für die
vorliegende Aufgabe unverwendbar. Wird dagegen für eine jede der von
uns unterschiedenen Gattungen eine eigene Methode angegeben, so läßt
sich der jeweilige Gegenstand aus den ihm angemessenen Gesichtspunkten
leichter behandeln. So muß man denn, wie vorhin gesagt, unsere
Einteilung bloß allgemein verstehen und von dem Übrigen dasjenige in
die eine oder in die andere Gattung einbeziehen, was ihr am nächsten
verwandt ist. Man bezeichne dieses dann als zur Definition gehörig,
zur Gattung gehörig und so fort. So haben wir ja auch das, was wir
bereits angeführt haben, so ziemlich an seinem Orte untergebracht[12].
+Siebentes Kapitel.+
Zu allererst müssen wir von dem Identischen handeln, und angeben, in
wie vielfacher Bedeutung man von ihm spricht[13].
Das Identische, um es nur in einem allgemeinen Umriß zu beschreiben,
scheint drei verschiedene Bedeutungen zu haben. Wir nennen etwas
identisch der Zahl oder der Art oder der Gattung nach: der Zahl nach
identisch das, was mehr als einen Namen hat, aber nur ein Ding ist, wie
Gewand und Kleid; der Art nach, was mehr als eines ist, aber keinen
Unterschied in der Art aufweist, wie z. B. Mensch mit Mensch und Pferd
mit Pferd identisch ist; denn man nennt solches der Art nach identisch,
was unter dieselbe Art fällt. Ebenso nennt man der Gattung nach
identisch, was unter dieselbe Gattung fällt, wie Pferd, verglichen mit
Mensch.
Wasser aus derselben Quelle scheint sich, wenn es identisch genannt
wird, von den genannten Weisen zu unterscheiden. Gleichwohl möge auch
solches Wasser mit denjenigen Dingen in einer Reihe stehen, die wie
immer identisch genannt werden, weil sie zu einer Art gehören. Alles
solches scheint sich verwandt und ähnlich zu sein. Alles Wasser wird
allem Wasser der Art nach identisch genannt, weil es eine gewisse
Ähnlichkeit hat, und Wasser aus derselben Quelle unterscheidet sich nur
dadurch, daß hier die Ähnlichkeit besonders stark hervortritt. Daher
wollen wir es nicht von den Dingen trennen, die wie immer identisch
genannt werden, weil sie zu einer Art gehören.
Es versteht sich wohl von selbst, daß man allgemein mit identisch
besonders das der Zahl nach meint. Aber auch dieses pflegt den
Dingen in mehrfachem Sinne zugesprochen zu werden: im eigentlichsten
und ersten Sinne, wenn die Identität dem Worte oder der Definition
beigelegt wird, wie wenn Kleid mit Gewand, und gehendes[14],
zweibeiniges Sinnenwesen mit Mensch identisch ist; zweitens, wenn sie
dem Proprium beigelegt wird, wie das der Wissenschaft Fähige mit Mensch
und das von Natur nach oben Steigende mit Feuer identisch ist, und
drittens, wenn sie einem Objekte auf Grund seines Akzidenz beigelegt
wird, in der Weise z. B., wie sitzend oder gebildet mit Sokrates sich
deckt. Alles dieses will das der Zahl nach Eine anzeigen.
Daß dem wirklich so ist, erkennt man am besten an dem Verfahren derer,
die die Bezeichnungen der Dinge miteinander vertauschen. Wenn wir aus
einer Zahl sitzender Personen eine rufen lassen wollen, ändern wir
wohl die Bezeichnung, wenn uns der Beauftragte nicht versteht, in der
Erwartung, daß er uns auf Grund eines Akzidenz eher verstehen wird, und
befehlen, den Sitzenden oder Plaudernden zu uns zu rufen, natürlich in
der Annahme, daß wir Identisches bezeichnen, ob wir nun den Namen oder
das Akzidenz nennen.
+Achtes Kapitel.+
[Sidenote: 103b]
Das Identische werde also, wie gesagt, dreifach unterschieden. Was dann
aber die Begründungen angeht, so kann ein erster Beweis dafür, daß die
vorhin genannten Gattungen es sind, woraus und wodurch und mit Bezug
worauf man sie gewinnt, durch Induktion geführt werden[15].
Wenn man nämlich die Prämissen und Probleme betrachtet, so zeigt sich,
daß jede und jedes entweder aus der Definition oder aus dem Proprium
oder aus der Gattung oder aus dem Akzidenz genommen ist.
Ein zweiter Beweis wird durch den Syllogismus geführt. Alles, was
von etwas prädiziert wird, läßt notwendig entweder die Umkehrung
von Subjekt und Prädikat zu oder nicht. Läßt es sie zu, so ist das
Prädizierte entweder Definition oder Proprium: gibt es das Wesen des
Subjekts an, so ist es Definition, wo nicht, Proprium. Das galt uns ja
als Proprium, was zwar mit dem Subjekt vertauscht wird, aber sein Wesen
nicht angibt. Läßt es aber die Umkehrung von Subjekt und Prädikat nicht
zu, so ist es entweder ein Bestandteil der Definition des Subjekts,
oder nicht. Und ist es ein Bestandteil von ihr, so muß es Gattung oder
Differenz sein, da die Definition aus Gattung und Differenz besteht;
ist es aber kein Bestandteil von ihr, so ist es offenbar ein Akzidenz;
denn als Akzidenz bezeichneten wir was weder Definition, noch Gattung,
noch Proprium ist, aber dem Ding, von dem man spricht, zukommt[16].
+Neuntes Kapitel.+
Nach diesem nun sind die Gattungen der Kategorien zu denen die
genannten vier Stücke gehören, anzugeben. Ihrer sind zehn an der Zahl:
Was (Quiddität, Wesen), Quantität, Qualität, Relation, Wo, Wann,
Liegen, Haben, Wirken, Leiden. Zu einer von diesen Kategorien müssen
das Akzidenz, die Gattung, das Proprium und die Definition immer
gehören. Denn alle durch sie zustande kommenden Prämissen enthalten
entweder eine Aussage über ein Was, oder über eine Qualität oder eine
Quantität oder über sonst eine Kategorie.
Es ist aber selbstverständlich, daß der, der das Was angibt, bald die
Substanz angibt, bald die Qualität, bald sonst eine Kategorie. Denn
wenn er, wo es sich um einen Menschen fragt, erklärt, das Fragliche sei
ein Mensch oder ein Sinnenwesen, so sagt er, was es ist, und gibt die
Substanz an; und erklärt er, wo es sich um die weiße Farbe handelt, das
Fragliche sei weiß oder Farbe, so sagt er, was es ist, und gibt die
Qualität an. Und wenn er, wo es sich um die Größe einer Elle handelt,
erklärt, das Fragliche sei eine Größe von einer Elle, so wird er in
gleicher Weise sagen, was es ist, und gibt die Quantität an. Und mit
den anderen Kategorien verhält es sich ebenso: von einem jeden unter
sie fallenden Ding gibt man, mag es von sich selbst oder mag die
Gattung von ihm ausgesagt werden, an, was es ist. Wenn es dagegen von
einem anderen ausgesagt wird, gibt man nicht an, was es ist, sondern
man gibt die Quantität oder die Qualität oder sonst eine Kategorie
an[17].
[Sidenote: 104a]
So sind es denn diese und so viele Dinge, um die sich die Disputationen
drehen und durch die sie veranlaßt werden. Wie wir diese Dinge aber
erhalten und wodurch wir sie finden, müssen wir nach diesem erklären.
+Zehntes Kapitel.+
Zuerst soll nun bestimmt werden, was ein dialektischer Satz (πρότασις
διαλεκτική) und was ein dialektisches Problem ist. Denn man darf nicht
jeden Satz und jedes Problem für dialektisch halten. Wird doch kein
Verständiger einen Satz aufstellen, den niemand für wahr hält, und ein
Problem aus etwas machen, was allen oder den meisten einleuchtet. Das
eine bietet keine Schwierigkeit und das andere wird niemand behaupten.
Es ist aber ein dialektischer Satz eine Frage[18], die entweder allen
oder den meisten oder den Weisen und von den Weisen entweder allen oder
den meisten oder den Angesehensten glaubwürdig erscheint, ohne (für
die gemeine Meinung) unglaubwürdig zu sein. Denn man wird dasjenige
als wahr verfechten, was die Weisen dafür halten, falls es nicht den
Ansichten der Menge zuwiderläuft.
Zu den dialektischen Sätzen gehört auch was dem Glaubwürdigen Ähnliches
behauptet, was dem glaubwürdig Scheinenden Entgegengesetztes verneint
wird, und alles, was die Meinungen wiedergibt, die den von den
Menschen erfundenen Wissenschaften und Künsten gemäß sind.
Denn wenn es glaubwürdig ist, daß die Wissenschaft des
Entgegengesetzten dieselbe ist, so muß es auch glaubwürdig scheinen,
daß die Wahrnehmung des Entgegengesetzten dieselbe ist, und wenn es
glaubwürdig ist, daß es der Zahl nach nur eine Grammatik gibt, so muß
es auch glaubwürdig scheinen, daß es der Zahl nach nur eine Kunst des
Flötenspiels gibt, und wenn mehrere grammatische Wissenschaften, auch
mehrere Künste des Flötenspiels. Denn alles dieses scheint sich ähnlich
und verwandt.
Ebenso muß glaubwürdig erscheinen, was dem glaubwürdigen
Entgegengesetztes verneint wird. Ist es glaubwürdig, daß man den
Freunden Gutes tun muß, so ist es auch glaubwürdig, daß man ihnen
nichts Böses tun darf. Das konträre Gegenteil hiervon wäre, daß man den
Freunden Böses tun müßte, das bloß verneinende oder kontradiktorische
Gegenteil aber ist, daß man ihnen nichts Böses tun darf. Ebenso
braucht man, wenn man den Freunden Gutes tun muß, es nicht den Feinden
zu tun. Auch dieses entspricht der Verneinung des Gegenteils; das
(eigentliche, konträre) Gegenteil wäre, daß man den Feinden Gutes tun
müßte. Und ebenso ist es in anderen dergleichen Fällen. Es wird auch
bei der Vergleichung so scheinen, als ob das Gegenteil, vom Gegenteil
prädiziert, glaubwürdig oder wahrscheinlich sei, z. B.: wenn man den
Freunden Gutes tun muß, muß man auch den Feinden Böses tun. Auch könnte
es so scheinen, als ob den Freunden Gutes tun das Gegenteil wäre von
den Feinden Böses tun. Ob dem aber wirklich so ist, oder nicht, soll
erklärt werden, wenn wir auf die Lehre vom Konträren zu sprechen kommen
(unten 2. Buch, 7. Kap., 2. Abs.).
Es ist auch klar, daß alle solche Meinungen, die den Wissenschaften
und Künsten gemäß sind, dialektische Sätze abgeben. Man wird
solchen Ansichten das Wort reden, die den Leuten vom Fach annehmbar
erscheinen, in Sachen der Heilkunde dem, was die Ärzte, in Fragen der
Geometrie dem, was die Geometriker darüber glauben, und so fort.
+Elftes Kapitel.+
[Sidenote: 104b]
Ein dialektisches Problem (Vorwurf) ist ein Theorem
(Forschungsgegenstand), das entweder auf Wahl und Flucht oder auf
Wahrheit und Erkenntnis abzielt[19], sei es unmittelbar oder als
Beihilfe zu einem anderen Satz dieser Art, und über das die Menge
und die Weisen entweder keine bestimmte Meinung haben, oder jene
entgegengesetzt denkt wie diese, oder diese wie jene, oder beide unter
sich selbst. Denn die Kenntnis mancher Probleme ist für das Wählen
oder Fliehen nützlich, z. B. ob die Lust begehrenswert ist oder nicht;
bei manchen dagegen liegt der Nutzen nur im Wissen, z. B. ob die Welt
ewig ist oder nicht; und manche haben an und für sich weder für das
eine, noch für das andere einen Nutzen, tragen aber zur Lösung solcher
Probleme bei. Denn manches wollen wir nicht an und für sich wissen,
sondern um eines anderen willen, das wir aus ihm zu erkennen hoffen.
Es gibt auch Probleme, für die man entgegengesetzte Schlüsse hat —
denn es kann zweifelhaft sein, ob etwas sich so verhält, oder nicht,
weil es für beides glaubwürdige Gründe gibt —, und wieder solche, über
die wir, obwohl sie groß und bedeutend sind, nicht Rede stehen können,
da wir es für schwer halten, das Warum anzugeben, z. B. ob die Welt
ewig ist, oder nicht; denn man mag auch wohl nach so etwas fragen[20].
So seien denn die Probleme und Sätze in der Art beschrieben, wie wir
jetzt getan haben. Eine These aber ist eine paradoxe Meinung eines
angesehenen Philosophen, z. B. daß es keinen Widerspruch geben kann,
wie Antisthenes behauptete, oder daß, wie Heraklit will, alles sich
bewegt, oder daß das Seiende eins ist, wie Melissus sagt. Denn sich
um den ersten Besten zu kümmern, der den gewöhnlichen Meinungen
Entgegengesetztes aufgestellt hat, wäre einfältig.
Oder Thesen sind Aufstellungen, bezüglich deren wir einen (scheinbaren)
Grund haben, der den (gewöhnlichen) Meinungen entgegensteht, z. B.
wie die Sophisten sagen, daß nicht alles Seiende entweder geworden
oder ewig ist, da wer ein Musiker sei, ein Grammatiker sei, ohne (es)
geworden und ohne (es) ewig zu sein. Denn wenn man das auch nicht
glaubt, so kann man es doch glauben, weil es einen Grund für sich
hat[21].
[Sidenote: 105a]
Auch die These ist ein Problem; doch ist nicht jedes Problem eine
These, da manche Probleme so beschaffen sind, daß wir nach keiner von
beiden Seiten eine bestimmte Ansicht über sie haben. Daß aber auch
die These ein Problem ist, ist klar. Denn nach dem Gesagten muß über
eine These entweder die Menge mit den Weisen geteilter Ansicht sein,
oder beide unter sich, da ja die These eine paradoxe Meinung ist.
Gegenwärtig aber bezeichnet man durchgängig alle dialektischen Probleme
als Thesen. Es soll auch nichts austragen, wie man sie nennt. Denn
nicht um neue Namen aufzubringen, haben wir beide so unterschieden,
sondern um den Unterschied nicht zu übersehen, der zwischen ihnen
besteht.
Man soll nicht jedes Problem und jede These untersuchen, sondern nur
solche, wo es zur Lösung obwaltender Zweifel der Vernunft bedarf,
nicht der Züchtigung oder der gesunden Sinne. Die etwa zweifeln, ob
man die Götter ehren und die Eltern lieben soll, oder nicht, bedürfen
der Züchtigung, und die zweifeln, ob der Schnee weiß ist, oder nicht,
bedürfen der gesunden Sinne. Auch darf man nicht solches dialektisch
behandeln, wofür der Beweis nahe oder allzu fern liegt: das eine bietet
keine, das andere größere Schwierigkeit, als bloße Übung verträgt.
+Zwölftes Kapitel.+
Nachdem dieses festgestellt ist, müssen wir angeben, wie viele
verschiedene Arten dialektischer Begründungen es gibt. Die eine ist
Induktion, die andere der Syllogismus.
Was ein Syllogismus ist, haben wir oben erklärt (1. K.).
Die Induktion aber ist der Aufstieg vom Besonderen zum Allgemeinen,
z. B.: wenn der beste Steuermann ist, wer seine Sache versteht, und
Gleiches von dem Wagenlenker gilt, so ist auch der Beste überhaupt,
wer seine jeweilige Sache versteht. Die Induktion ist überzeugender,
deutlicher, sinnlich faßbarer und der Menge vertrauter, der Syllogismus
zwingender und für die Widerlegung wirksamer.
+Dreizehntes Kapitel.+
Die Gattungen, um die die von uns gesuchten Begründungen und Sätze
sich drehen und aus denen sie entnommen werden, seien in der Weise
festgestellt, wie vorhin (K. 8) angegeben worden.
Der Mittel (Werkzeuge) aber, die uns Syllogismen und Induktionen finden
helfen, sind vier: das eine ist die Ermittelung der Sätze, das zweite
die geschickte Unterscheidung der mannigfachen Bedeutung der Wörter,
das dritte die Auffindung des Unterschiedes der Dinge und das vierte
die Aufsuchung ihrer Übereinstimmung.
In gewisser Weise sind aber auch die drei zuletzt genannten Hilfsmittel
Sätze. Denn man kann jedes von ihnen so behandeln, daß ein Satz daraus
wird, der Satz z. B., daß das Begehrenswerte entweder das sittlich
Gute oder das Angenehme oder das Nützliche ist, und: daß der Sinn sich
insofern von der Wissenschaft unterscheidet, als man diese nach ihrem
Verluste wieder erlangen kann, jenen aber nicht, und: daß das Gesunde
sich zur Gesundheit verhält wie das Kräftige zur Kraft. Dem ersten
Satz liegt die Mannigfaltigkeit der Bedeutung zugrunde, dem zweiten der
Unterschied der Dinge, dem dritten ihre Übereinstimmung.
+Vierzehntes Kapitel.+
[Sidenote: 105b]
Was nun die Sätze betrifft, so muß man sie in so vielfacher Weise
auswählen, wie wir es oben (K. 10) bezüglich des Satzes festgestellt
haben, muß also entweder die Meinungen nehmen, an denen alle festhalten
oder die Meisten oder die Weisen, und von den Weisen entweder Alle
oder die Meisten oder die Angesehensten, oder muß auch die Meinungen
nehmen, die den geläufigen entgegengesetzt sind, und die, die in den
Künsten und Wissenschaften gelten. Die den geläufigen entgegengesetzten
Meinungen muß man aber in dem vorhin angezeigten Sinne aufstellen,
d. h. verneinend.
Es ist auch nützlich, sie so aufzustellen, daß man nicht nur wirklich
wahrscheinliche auswählt, sondern auch ihnen ähnliche, daß z. B.
die Wahrnehmung des Entgegengesetzten dieselbe ist — ist doch die
Wissenschaft für beide Seiten des Gegensatzes eine —, und daß wir
sehen, indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht etwas aussenden (keinen
Lichtstrahl). Denn es ist auch bei den anderen Sinnen so. Wir hören,
indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht etwas aussenden, und ebenso
schmecken wir, und so fort.
Man muß auch das, was bei allen oder den meisten Dingen zutage tritt,
als Prinzip und geltende These nehmen. Denn diejenigen, die nicht
gewahren, daß es sich in einem bestimmten Falle nicht so verhält, sehen
so etwas für eine These an.
Man muß seine Sätze auch aus geschriebenen Ausführungen nehmen und die
Angaben so machen, daß man sie gesondert über jede Gattung anbringt,
z. B. über das Gute oder über das Lebendige, und zwar über alles Gute,
angefangen mit seinem Was. Auch muß man die Meinungen der jeweiligen
Gewährsmänner als solche bezeichnen, muß z. B. anmerken, daß Empedokles
vier körperliche Elemente gelehrt hat. Denn was ein angesehener Mann
gesagt hat, wird man einem bereitwillig als haltbare These gelten
lassen.
Es gibt, um es nur im Umriß zu sagen, drei Klassen von Sätzen und
Problemen: die einen sind ethische, die andern physikalische und
die dritten logische (erkenntnistheoretische) Sätze[22]. Ethische
sind Sätze, wie, ob man im Falle einer Kollision der Pflichten mehr
den Eltern gehorchen soll als den Gesetzen, logische z. B., ob die
Wissenschaft der Gegensätze dieselbe ist, oder nicht, physikalische,
ob die Welt ewig ist, oder nicht. Ein Gleiches gilt von den Problemen.
Was für Sätze je zu einer dieser Klassen gehören, ist begrifflich nicht
leicht zu erklären, man muß sie einzeln durch fortgesetzte Induktion
kennen zu lernen suchen, indem man sich die obgenannten Beispiele
gegenwärtig hält.
Um über solche Sätze und Probleme ein philosophisches Urteil zu
gewinnen, muß man sie freilich nach dem Maßstabe der Wahrheit
behandeln, um sich aber lediglich eine Meinung über sie zu bilden,
ist das dialektische Verfahren am Platz. Man muß aber alle Sätze
möglichst allgemein fassen, um sodann aus dem einen Satze viele zu
machen, muß z. B. zuerst den Satz nehmen, daß Entgegengesetztes
derselben Wissenschaft unterliegt, dann, daß dieses von dem konträr
Entgegengesetzten und von dem Relativen gilt. Ebenso muß man wieder
diese Sätze teilen, so lange eine Teilung angeht, z. B. daß das Gute
und das Böse, das Weiße und das Schwarze, das Kalte und das Warme Einem
Wissen untersteht usw.
+Fünfzehntes Kapitel.+
[Sidenote: 106a]
Bezüglich des Satzes möge das jetzt Vorgetragene genügen. Was aber
dann die mannigfaltige Bedeutung der Wörter angeht, so muß man nicht
nur darlegen, was alles auf verschiedene Weise ausgesagt wird, sondern
auch die Gründe dafür zu erklären suchen. Man muß z. B. nicht bloß
sagen, daß auf eine andere Weise Gerechtigkeit und Starkmut und auf
eine andere das Kräftige und Gesunde gut genannt wird, sondern auch,
daß man deshalb so verschieden davon spricht, weil das eine selbst eine
bestimmte Beschaffenheit hat, das andere sie bewirkt und nicht selbst
hat, usf.
Ob ein Wort dem Begriffe nach mehrfach oder einfach gebraucht wird, muß
man durch folgende Mittel zu erkennen suchen.
Erstens muß man bei seinem Gegenteil zusehen, ob man verschieden
davon redet, mag es nun eine Verschiedenheit im Begriff, d. h. in der
Bedeutung, oder im Wort sein. Vieles ist auch schon dem Worte nach
verschieden, so ist dem Scharfen (Hohen, Spitzen) in der Stimme das
Schwere (Tiefe), in der Raumgröße das Stumpfe entgegengesetzt. Demnach
ist klar, daß man vom Gegenteil von scharf mehrfach redet. Wenn aber
das, dann auch von scharf (selbst). Denn das Gegenteil wird für jedes
dieser beiden verschieden sein. Denn es ist nicht dasselbe Scharfe das
Gegenteil von stumpf und von schwer, von beiden aber ist scharf das
Gegenteil. Wiederum ist dem Schweren bei der Stimme das Scharfe (Hohe),
bei der Raumgröße oder Masse das Leichte entgegengesetzt, so daß man
von schwer in mehrfachem Sinne spricht, weil auch von seinem Gegenteil.
Ebenso ist dem Schönen an Mensch oder Tier das Häßliche, dagegen dem
Schönen an einem Hause das Schlechte entgegengesetzt und demnach schön
homonym.
Bei vielen Dingen aber tritt zwar im Wort keine Abweichung hervor, wohl
aber zeigt sich bei ihnen sofort ein Unterschied in der Bedeutung,
so z. B. bei weiß und schwarz. Man spricht von einer weißen und
schwarzen (klaren und unklaren) Stimme und ebenso von der Farbe. So
weicht denn beides dem Worte nach gar nicht voneinander ab, aber der
Unterschied der Bedeutung tritt hier sofort zutage. Die Farbe wird
nicht in demselben Sinne klar genannt wie die Stimme. Das verrät
auch die sinnliche Wahrnehmung. Was dem begrifflichen Wesen nach
dasselbe ist, fällt unter denselben Sinn, das Helle in Stimme und
Farbe aber beurteilen wir nicht mit demselben Sinn, sondern dieses mit
dem Gesicht, jenes mit dem Gehör. Ebenso ist es mit dem Scharfen und
Stumpfen bei Geschmäcken und bei Körpern, nur daß man dieses mit dem
Getast, jenes mit dem Geschmack beurteilt. Auch hier zeigt sich keine
Abweichung im Worte, weder bei den genannten Dingen selbst, noch bei
ihrem Gegenteil. Denn auch das Gegenteil von beiden heißt stumpf.
[Sidenote: 106b]
Ferner muß man zusehen, ob das eine ein Gegenteil hat, das andere
dagegen schlechthin keines. So ist z. B. von der Lust des Trinkens
das Gegenteil die Unlust des Dürstens, aber die Lust der Betrachtung,
daß die Diagonale mit der Seite nicht kommensurabel ist, hat kein
Gegenteil, und so folgt, daß man von der Lust mehrdeutig spricht. Und
von der geistigen Liebe ist das Gegenteil der Haß, aber die sinnliche
Liebe, die auf leiblicher Funktion beruht, hat kein Gegenteil, und so
ist klar, daß Liebe homonym ist.
Ferner muß man bei dem in der Mitte Stehenden achtgeben, ob das eine
ein Mittleres hat, das andere keines, oder ob beide ein Mittleres
haben, aber nicht dasselbe. Z. B. zwischen weiß und schwarz (hell und
dunkel oder tief) steht bei Farben das Braune, bei der Stimme dagegen
nichts in der Mitte, und wenn schon etwas, so müßte es die Belegtheit
sein, wie denn einige sagen, daß die belegte Stimme zwischen hell
und tief in der Mitte stehe. Demnach ist weiß homonym und schwarz
desgleichen. Ferner muß man sehen, ob das eine mehrere Mittlere hat,
das andere nur eines, wie bei weiß und schwarz. Bei den Farben gibt es
da vieles Mittlere, bei der Stimme nur eins, die Belegtheit.
Wiederum muß man bei dem kontradiktorischen Gegenteil achtgeben, ob es
mehrdeutig gesagt wird. Denn wenn dieses mehrdeutig gesagt wird, wird
auch sein Gegenteil mehrdeutig gesagt werden. So wird z. B. „nicht
sehen“ mehrdeutig gesagt: einmal, wenn man kein Gesicht hat, und dann,
wenn man nicht aktuell sieht. Wenn aber dieses, so muß auch „sehen“
mehrdeutig gesagt werden; nämlich von „kein Gesicht haben“ ist das
Gegenteil eins haben, und von „nicht aktuell sehen“ ist es aktuell
sehen.
Auch muß man achtgeben auf das, was Beraubung und Haben besagt.
Wird das eine mehrdeutig gesagt, dann auch das andere; wird z. B.
αἰσθάνεσθαι (eigentlich durch die Sinne wahrnehmen, aber auch mit dem
Verstand erkennen, merken) mit bezug auf Seele und Leib gesagt, so
wird auch ἀναίσθητον εἶναι (ohne Empfindung, aber auch ohne geistige
Spürkraft sein) mit bezug auf Seele und Leib gesagt werden. Daß sich
aber das jetzt Angeführte wie Beraubung und Haben gegenübersteht, ist
klar, da ja die Lebewesen von Natur darauf angelegt sind, beide Sinne,
den seelischen und den leiblichen, zu haben[23].
[Sidenote: 107a]
Ferner sind die Umbildungsformen der Wörter (πτώσεις) ins Auge zu
fassen. Wenn gerechter Weise (δικαίως) mehrdeutig gesagt wird, wird
auch das Gerechte mehrdeutig ausgesagt werden. Es ist in verschiedenem
Sinne gerecht, je nachdem man das „gerechter Weise“ verschieden
versteht. Wenn man z. B. mit dem Ausdruck „gerechter Weise“ sowohl
ein Rechtsprechen nach der eigenen Überzeugung, als ein solches, wie
es (nach dem wirklichen Sachverhalt) sein müßte, meint, so meint man
das Gerechte ebenso. Auf die nämliche Weise wird, wenn das Gesunde
mehrdeutig ausgesagt wird, es auch bei dem Adverbium gesund der Fall
sein, wird z. B., wenn bald gesund ist, was die Gesundheit bewirkt,
bald was sie erhält, bald was sie anzeigt, auch das Adverbium gesund
bald im Sinne von Bewirken, bald von Erhalten, bald von Anzeigen
gebraucht werden. Ebenso wird sonst, wenn das Betreffende selbst
mehrdeutig ausgesagt wird, auch die von ihm abgeleitete Flexion
mehrdeutig ausgesagt werden, und wenn die Flexion, dann auch es selbst.
Achten muß man auch auf die Gattungen der Kategorien, denen ein Wort
angehören kann, und sehen, ob sie überall dieselben sind. Denn wenn sie
nicht dieselben sind, so ist der Ausdruck offenbar homonym. So ist das
Gute bei einer Speise das, was die Lust bewirkt, und in der Heilkunde
das, was die Gesundheit bewirkt. Für die Seele dagegen bedeutet es eine
Qualität, wie Mäßigkeit, Starkmut oder Gerechtigkeit, und ebenso für
den Menschen. Hin und wieder aber bedeutet es das Wann, wie es z. B.
das Gute tut, das zur rechten Zeit geschieht. Denn was so geschieht,
heißt gut. Oft auch bedeutet es die Quantität, z. B. bei mäßig. Denn
auch das Mäßige nennt man gut. So folgt denn, daß gut homonym ist.
In derselben Weise ist das Weiße (Helle) bei einem Körper die Farbe
(Qualität), aber beim Ton das leicht Hörbare (wirkend). Ähnlich das
Scharfe: es bedeutet nicht in allen Fällen dasselbe: ein scharfer
(hoher) Ton ist der schnelle (wirkend), wie die mathematische Harmonik
lehrt, ein scharfer (spitzer) Winkel der, der kleiner ist als ein
rechter (relativ), und ein scharfes (spitzes) Messer das, dessen Klinge
in einen spitzen Winkel ausläuft (Kategorie der Qualität).
Achten muß man auch auf die Gattungen dessen, was unter derselben
Benennung steht, und sehen, ob sie verschieden und sich nicht
untergeordnet sind, wie z. B. Esel in der doppelten Bedeutung von Tier
und Zugmaschine. Denn der Begriff des Wortes ist hier verschieden:
das eine wird für ein bestimmtes Tier, das andere für eine bestimmte
Maschine erklärt werden. Sind sich aber die Gattungen untergeordnet, so
brauchen die Begriffe der Wörter nicht verschieden zu sein. So ist für
Rabe Tier und Vogel Gattung. Sagen wir nun, der Rabe sei ein Vogel, so
sagen wir auch, er sei ein Tier von einer bestimmten Beschaffenheit,
so daß beide Gattungen von ihm ausgesagt werden. Ebenso sagen wir,
wenn wir den Raben ein geflügeltes, zweibeiniges Tier nennen, er sei
ein Vogel; und so werden denn beide Gattungen und ihr Begriff von dem
Raben ausgesagt. Das trifft aber bei den sich nicht untergeordneten
Gattungen nicht zu: sagen wir Maschine, so sagen wir nicht Tier, und
sagen wir Tier, so sagen wir nicht Maschine. Man muß aber nicht nur
darauf achten, ob das Vorliegende zu verschiedenen und sich nicht
untergeordneten Gattungen gehört, sondern auch das Gegenteil darauf
ansehen. Wenn das Gegenteil mehrdeutig ausgesagt wird, dann offenbar
auch das Vorliegende.
[Sidenote: 107b]
Es ist auch nützlich, auf die Definition zu achten, die man von dem
Zusammengesetzten, wie weißer Körper, weiße (helle) Stimme, erhält.
Es muß hier, wenn man das Eigentümliche davon nimmt, derselbe Begriff
übrig bleiben. Das ist aber bei Homonymem, z. B. dem jetzt Genannten,
nicht der Fall. Das eine wird ein Körper von der und der Farbe sein,
das andere eine leicht hörbare Stimme. Zieht man Körper und Stimme
ab, so ist das, was bleibt, bei beiden nicht dasselbe. Das müßte aber
sein, wenn das von beiden ausgesagte Weiße synonym wäre (d. h. ebenso
denselben Sinn hätte, wie es denselben Namen hat).
Oft aber wird man es nicht gewahr, daß sich die Homonymie auch in die
Begriffe selbst einschleicht. Man muß daher sein Augenmerk auch auf die
Begriffe richten. Wenn man z. B. sagte, das die Gesundheit Anzeigende
und Bewirkende sei das im richtigen Verhältnis zur Gesundheit Stehende,
so müßte man es damit nicht genug sein lassen, sondern zusehen, was
mit dem Ausdruck „im richtigen Verhältnis“ beidemal gemeint war, ob
z. B. nicht das, daß das eine seiner Beschaffenheit nach die Gesundheit
bewirkt und das andere den Stand des Befindens anzeigt.
Ferner (muß man zusehen), ob etwas nicht nach dem Mehr oder Gleich
vergleichbar ist, wie etwa helle Stimme und helles Kleid, scharfer
Geschmack und scharfe (hohe) Stimme. Hier läßt sich von hell und scharf
je in bezug auf beide Objekte weder sagen, daß es in gleichem, noch daß
es in höherem Grade bei ihnen vorhanden ist. Und so folgt, daß hell und
scharf homonym ist. Denn alles Synonyme ist vergleichbar: es wird den
Dingen entweder in gleichem oder dem einen in höherem Grade beigelegt
werden.
Da die verschiedenen und sich nicht untergeordneten Gattungen auch der
Art nach verschiedene Differenzen haben, wie z. B. Sinnenwesen und
Wissenschaft — denn diese beiden haben verschiedene Differenzen —,
so muß man zusehen, ob die gleichbenannten Eigenschaften Differenzen
verschiedener und sich nicht untergeordneter Gattungen sind, wie scharf
(hell, spitz) bei Stimme und Körper. Denn Stimme unterscheidet sich von
Stimme, wie ebenso auch Körper von Körper, durch die Schärfe. Und so
folgt, daß scharf homonym ist: es bezeichnet Differenzen verschiedener
und sich nicht untergeordneter Gattungen.
Wiederum (muß man zusehen), ob die gleichnamigen Dinge selbst
verschiedene Differenzen haben, wie Farbe bei den Körpern und in
der Musik (χρῶμα, chromatisch). Die Farbe bei den Körpern hat die
Differenz, daß sie das Gesicht zerstreut und sammelt (das Weiße
erscheint dem Auge größer, das Schwarze kleiner), aber die Farbe in der
Musik hat nicht dieselbe Differenz. Und so folgt, daß Farbe homonym
ist: dasselbe hat ja dieselbe Differenz.
Da ferner die Art von nichts (gemeinsam unter sie Fallendem) Differenz
ist (muß man sehen), ob von gleichnamigem das eine Art ist, das andere
Differenz, wie z. B. das Weiße am Körper eine Art der Farbe, dagegen
das Weiße (Helle, Klare) in der Stimme eine Differenz ist. Denn Stimme
unterscheidet sich von Stimme dadurch, daß sie hell ist.
+Sechzehntes Kapitel.+
[Sidenote: 108a]
Was also die Vieldeutigkeit der Wörter angeht, so muß man sie nach
diesen und ähnlichen Gesichtspunkten beurteilen. Der gegenseitige
Unterschied der Dinge sodann muß sowohl innerhalb der Gattungen
selbst betrachtet werden — indem man z. B. fragt, worin sich die
Gerechtigkeit von dem Starkmut und die Klugheit von der Mäßigkeit
unterscheidet, was alles aus derselben Gattung ist —, als auch aus dem
Verhältnisse der nicht allzu weit voneinander entfernten Gattungen,
wie z. B. bei dem Unterschiede von Sinneswahrnehmung und Wissenschaft.
Bei den weit voneinander entfernten Gattungen sind die Unterschiede ja
ganz offenbar.
+Siebenzehntes Kapitel.+
Die Übereinstimmung muß man einmal bei den in verschiedenen Gattungen
stehenden Dingen betrachten, und sich klar werden, daß wie sich
Verschiedenes zu Verschiedenem, so Anderes zu Anderem verhält, z. B.
wie Wissenschaft zu wißbar, so Sinn zu sinnlich, und wie Verschiedenes
in Verschiedenem, so Anderes in Anderem, z. B. wie Gesicht im Auge,
so Verstand in der Seele, und wie Meeresstille im Meer, so Windstille
in der Luft. Und hier muß man sich besonders in den weit voneinander
abstehenden Gattungen üben. Dann wird man die Übereinstimmung auch
sonst leichter herausfinden. Dann muß man auch die in derselben Gattung
stehenden Dinge betrachten, und sich klar werden, ob allen etwas
Identisches zukommt, z. B. dem Menschen, dem Pferde und dem Hunde. Denn
soweit ihnen etwas Identisches zukommt, soweit stimmen sie überein.
+Achtzehntes Kapitel.+
Der Nutzen, den es gewährt, wenn man die Vieldeutigkeit der Wörter
in Betracht zieht, liegt einmal in der Klarheit — man wird sich der
Bedeutung eines Satzes besser bewußt sein, wenn sich zeigt, in wie
vielfachem Sinne etwas gesagt wird —, sodann darin, daß die Schlüsse
der Sache selbst gemäß erfolgen und nicht nur auf Worte gehen. Weiß
man nicht, in wie vielfachem Sinne etwas gesagt wird, so denkt der
Antwortende (Defendent) möglicherweise an etwas anderes als der
Fragende (Opponent). Hat sich aber gezeigt, in wie vielfachem Sinne
etwas gesagt wird und woran man bei seiner Behauptung denkt, so machte
der Fragende sich lächerlich, wenn er nicht hiergegen argumentierte.
Der Nutzen liegt aber auch darin, daß man nicht durch Trugschlüsse
hintergangen wird, selber aber den Gegner durch Trugschlüsse
hintergehen kann. Sind wir mit den verschiedenen Bedeutungen eines
Wortes bekannt, so können wir nicht hintergangen werden, sondern müssen
es merken, wenn der Fragende nicht gegen eben das argumentiert, was
zur Erörterung steht. Sind wir aber selbst der Fragende, so können
wir den Antwortenden hintergehen, wenn er etwa nicht weiß, wie viele
Bedeutungen ein Wort hat. Das ist aber nicht überall möglich, sondern
nur, wenn von den vielen Bedeutungen die eine wahr, die andere falsch
ist. Jedoch gehört diese Weise nicht in die Dialektik[24]. Daher sollen
die Dialektiker es durchaus vermeiden, gegen das Wort zu disputieren,
es sei denn, daß man den Gegenstand sonst gar nicht erörtern könnte.
[Sidenote: 108b]
Die Auffindung des Unterschieds der Dinge ist von Nutzen einmal, um
Schlüsse über Identisches und Verschiedenes zu bilden, und dann, um
zu erkennen, was jedes ist. Daß sie für die Schlüsse über Identisches
und Verschiedenes von Nutzen ist, ist klar. Haben wir in dem, was
zur Erörterung steht, irgendeinen Unterschied aufgefunden, so haben
wir gezeigt, daß keine Identität stattfindet. Für die Erkenntnis
dessen, was jedes ist, ist sie es auch, weil wir den eigentümlichen
Wesensbegriff eines jeden Dinges durch die jeweiligen besonderen
Differenzen zu bestimmen und so von anderen Begriffen zu trennen
pflegen.
Die Betrachtung der Übereinstimmung ist von Nutzen für die induktiven
Begründungen, die hypothetischen Schlüsse und die Angabe der Begriffe.
Für die induktiven Begründungen, weil wir durch Anführung einzelner
übereinstimmender Fälle das Allgemeine zu beweisen glauben. Es ist ja
nicht leicht, induktiv zu schließen, wenn man das Übereinstimmende
nicht kennt. Für die hypothetischen Schlüsse, weil es wahrscheinlich
ist, daß es sich so, wie in einem von mehreren übereinstimmenden
Fällen, auch in den übrigen verhält. Und so werden wir, wo immer wir
über eine Reihe verwandter Dinge reichlichen Stoff zur Verfügung
haben, zuvor übereinkommen, daß es sich, wie mit ihnen, so auch mit
dem Vorliegenden verhält. Haben wir aber dort den Sachverhalt gezeigt,
so werden wir hypothetisch auch das Vorliegende gezeigt haben. Denn
wir haben für die Führung des Beweises die Hypothese gemacht, daß es
sich, wie dort, so auch mit dem Vorliegenden verhält. Für die Angabe
der Begriffe endlich ist sie von Nutzen, weil wir, wenn wir beurteilen
können, was jeweilig identisch ist, nicht in Verlegenheit darüber sein
werden, unter welche Gattung das Vorliegende bei der Begriffsbestimmung
zu bringen ist: Gattung muß sein, was von den gemeinsamen Prädikaten am
meisten das Wesen ausdrückt. Auch für die Bestimmung sehr voneinander
verschiedener Begriffe ist die Betrachtung der Übereinstimmung von
Nutzen, die Betrachtung z. B., daß Meeresstille im Meere dasselbe ist
wie Windstille in der Luft — beides ist ja Stille —, und daß der
Punkt das in der Linie ist, was die Einheit in der Zahl — beides ist
ja Prinzip —. Und so werden wir, indem wir das allem Gemeinsame als
Gattung angeben, gewiß nicht verkehrt definieren. Auf diese Weise
pflegen ja auch wohl tatsächlich die Definierenden die Begriffe zu
bestimmen. Sie sagen, daß die Einheit das Prinzip der Zahl und der
Punkt das Prinzip der Linie ist. Sie setzen also offenbar die Gattung
in das beiden Gemeinsame.
Das wären denn die Hilfsmittel zur Gewinnung von Schlüssen. Die Örter
dagegen, für die das Gesagte von Nutzen ist, sind folgende.
Zweites Buch.
+Erstes Kapitel.+
[Sidenote: 109a]
Einige Probleme sind allgemein, andere partikulär: allgemein ist
z. B. das Problem, daß jede Lust gut ist und daß keine Lust gut ist,
partikulär z. B. das Problem, daß einige Lust gut ist und daß einige
Lust nicht gut ist[25].
Für beide Gattungen von Problemen sind die allgemein begründenden
und umstoßenden Örter gemeinsam: haben wir gezeigt, daß etwas allem
zukommt, so haben wir auch gezeigt, daß es einigem zukommt, und
haben wir ebenso gezeigt, daß es keinem zukommt, so haben wir auch
gezeigt, daß es nicht allem zukommt. Darum müssen wir zuerst von den
allgemein umstoßenden Örtern handeln, einmal, weil solche Örter für
die allgemeinen und die partikulären Probleme gemeinsam sind, und
dann, weil man eher positive als negative Sätze aufstellt und die
Disputierenden es sich zur Aufgabe machen, sie umzustoßen[26].
Es ist sehr schwer, die eigentümliche Benennung nach dem Akzidenz
(mit dem Subjekt des Akzidenz) zu vertauschen. Denn es kommt nur bei
den Akzidenzien vor, daß etwas nur in gewisser Hinsicht und nicht
allgemein und schlechthin gilt. Daß man den Tausch mit der Definition,
dem Proprium und der Gattung vornehmen könne, ist notwendig. Wenn es
z. B. einem Subjekte zukommt, auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen zu
sein, so wird man mit Wahrheit umgekehrt von ihm sagen können, daß es
ein auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen ist. Ebenso ist es, wenn man
von der Gattung ausgeht: wenn es einem Subjekte zukommt, Sinnenwesen
zu sein, so ist es ein Sinnenwesen. Gleiches gilt vom Proprium: kommt
es einem Subjekte zu, der Grammatik fähig zu sein, so wird es der
Grammatik fähig sein. Keine von diesen Bestimmungen kann einem Subjekte
nur in gewisser Hinsicht, sondern nur schlechthin zukommen oder nicht
zukommen. Bei den Akzidenzien dagegen hindert nichts, daß sie dem
Subjekte in gewisser Hinsicht zukommen, z. B. die Weiße oder die
Gerechtigkeit, und so genügt es (beim Disputieren) nicht, zu zeigen,
daß einem Subjekte Weiße oder Gerechtigkeit zukommt, um zu zeigen, daß
es weiß oder gerecht ist. Daher brauchen die Akzidenzien nicht mit dem
Subjekt konvertibel zu sein.
Noch muß man betonen, daß die Fehler bei den Problemen zweifach sind,
indem sie entweder in einer falschen Behauptung oder in der Abweichung
von der üblichen Redeweise bestehen. Es fehlen diejenigen, die Falsches
behaupten und den Dingen zukommen lassen, was ihnen nicht zukommt;
diejenigen aber, die sie mit fremden Namen bezeichnen, wie z. B. die
Platane als einen Menschen, weichen von der üblichen Redeweise ab.
+Zweites Kapitel.+
Ein Ort nun ist, daß man zusieht, ob man das, was einem Dinge in
anderer Weise zukommt, etwa für ein Akzidenz erklärt hat. Dieser Fehler
kommt besonders bei den Gattungen vor, wenn man z. B. behauptet, dem
Weißen sei es akzidentell, Farbe zu sein; denn es ist dem Weißen nicht
akzidentell, Farbe zu sein, sondern die Farbe ist seine Gattung.
[Sidenote: 109b]
Es mag nun der, der einen Satz aufstellt, auch förmlich erklären, daß
es z. B. der Gerechtigkeit mitfolgt (ihr akzidentell ist), eine Tugend
zu sein, aber oft wird man sich, auch ohne einen Begriff aufgestellt
zu haben, sagen müssen, daß man die Gattung wie ein Akzidenz behandelt
hat, wie wenn man z. B. sagte, die Weiße sei gefärbt oder das Gehen
werde bewegt. Denn von keiner Gattung wird ein Wort abgeleitet, um
damit (paronymisch, denominativ) die Art zu bezeichnen, sondern alle
Gattungen werden von den Arten synonymisch ausgesagt, da die Arten so
den Namen wie den Begriff der Gattungen annehmen. Wer also das Weiße
für ein Gefärbtes erklärt, hat damit weder die Gattung angegeben, da
er ja ein von Farbe abgeleitetes Wort dafür gebraucht hat, noch das
Proprium, noch die Definition. Denn Definition und Proprium kommen
keinem anderen zu, aber gefärbt ist auch sonst manches, wie Holz,
Stein, Mensch, Pferd. So erklärt er es denn offenbar für ein Akzidenz.
Ein anderer Ort ist die Betrachtung der Objekte, von denen der Gegner
behauptet hat, daß ein Attribut entweder ihnen allen oder keinem
zukommt. Man muß sie nach Arten, nicht in den Individuen prüfen,
die ja ohne Zahl sind. So verläuft die Untersuchung methodischer
und verliert sich nicht ins Weite. Man muß aber mit der Prüfung der
obersten Klassen anfangen und von da bis zu den nicht weiter teilbaren
Arten fortschreiten. Hat man z. B. gesagt, daß die Wissenschaft des
Entgegengesetzten dieselbe ist, so muß man sehen, ob die Wissenschaft
des Relativen, des Konträren, des Mangels und des Habitus, und des
Kontradiktorischen dieselbe ist. Und ist es hierbei noch nicht klar,
so muß man wieder weiter unterscheiden bis zu den nicht mehr teilbaren
Arten, muß z. B. sehen, ob der Satz gilt für Gerechtes und Ungerechtes,
Doppeltes und Halbes, Blindheit und Gesicht, oder Sein und Nichtsein.
Denn wenn von irgend etwas erwiesen ist, daß sie bei ihm nicht dieselbe
ist, so haben wir das Problem umgestoßen. Ebenso ist es, wenn ein
Attribut keinem zukommen soll. Dieser Ort paßt übrigens gleichmäßig für
Aufhebung und Behauptung von Problemen. Sieht man etwas bei allen oder
vielen Objekten, die man durch Unterscheidung erhält, sich bestätigen,
so kann man verlangen, daß man es auch allgemein behauptet oder im
Falle der Beanstandung sagt, wo es sich nicht bestätigt. Wer keins von
beidem tut, macht sich mit seiner Ablehnung der These lächerlich.
[Sidenote: 110a]
Ein anderer Ort ist, Begriffe für das Mitfolgende (Akzidentelle) und
das, dem es mitfolgt, sei es für beides besonders, oder nur für eines,
aufzustellen, und dann zuzusehen, ob etwas nach den Begriffen nicht
Wahres für wahr genommen worden ist. Ist das Problem z. B., ob man Gott
Unrecht tun kann, so ist zu fragen, was Unrecht tun heißt. Heißt es
freiwillig schaden, so kann Gott offenbar kein Unrecht getan werden.
Denn Gott kann keinen Schaden erleiden. Und ist das Problem, ob der
Tugendhafte neidisch ist, so fragt es sich: was ist neidisch und was
ist Neid? Ist Neid Unlust über anscheinendes Wohlergehen eines guten
Mannes, so ist der Tugendhafte offenbar nicht neidisch. Denn er müßte
ja schlecht sein. Und wenn das Problem ist, ob der Unwille im Sinne
der Nemesis als Neid gelten muß, so ist zu fragen: wie sind diese
beiden Begriffe zu bestimmen? Denn so wird sich herausstellen, ob es
wahr ist, wenn man es bejaht. Besteht z. B. der Neid darin, daß man
Unlust über das Wohlergehen der Guten, dagegen der Unwille im Sinne der
Nemesis darin, daß man Unlust über das Wohlergehen der Bösen empfindet,
so können offenbar der Neid und dieser gerechte Unwille nicht eins
sein. Hierher gehört auch, daß man an die Stelle der in der Definition
vorkommenden Worte eigene Begriffe setzt und damit nicht aufhört,
bis man vom minder Bekannten zum Bekannten kommt. Denn das Gesuchte
ist oft, wenn man nur den ganzen Begriff angibt, noch nicht klar und
wird es erst, wenn man für eines der Worte der Definition den Begriff
einsetzt[27].
Ferner kann man sich aus einem Problem einen Satz machen und dagegen
einen Einwand erheben. Denn der Einwand wird ein Angriff gegen die
These sein. Dieser Ort ist fast derselbe, wie wenn man die Objekte
betrachtet, die alle ein Attribut entweder haben oder nicht haben
sollen. Der Unterschied liegt nur in der Form (vgl. Abs. 3).
Ferner muß man unterscheiden, über was für Dinge man mit der Menge
reden muß, und über was für Dinge nicht. Das ist gleichmäßig für
Begründung und Widerlegung der Probleme von Nutzen. Man muß nämlich
bei der Benennung der Dinge mit der Menge gehen[28]; wenn es sich aber
fragt, was für Dinge einer Benennung unterliegen, und was für Dinge
nicht, hat man sich an die Menge nicht mehr zu kehren. Man muß z. B.
gesund nennen, was die Gesundheit bewirkt, wie die Menge sagt. Ob aber
das Vorliegende die Gesundheit bewirkt, oder nicht, muß nicht nach der
Meinung der Menge, sondern nach dem Urteil des Arztes bestimmt werden.
+Drittes Kapitel.+
Wenn ferner etwas vieldeutig gesagt wird, aber einem Subjekte zukommen
oder nicht zukommen soll, so muß man eines von dem vieldeutig Gesagten
zeigen, wenn man nicht beides kann. Man muß dieses da tun, wo die
Vieldeutigkeit verborgen ist; wo das nicht der Fall ist, wird der
Gegner insistieren und sagen, es sei nicht über das von ihm selbst in
Zweifel Gezogene disputiert worden, sondern über das andere.
[Sidenote: 110b]
Dieser Ort paßt gleichmäßig für Begründung und Widerlegung. Wollen wir
ein Problem begründen, so werden wir zeigen, daß dem Subjekte eines
von beiden zukommt, wenn wir beides nicht zeigen können; bestreiten
wir es, so werden wir zeigen, daß eines ihm nicht zukommt, wenn wir es
von beiden nicht können. Nur braucht der Widerlegende durchaus nicht
auf Grund einer vorausgegangenen Verständigung zu disputieren, sei
es, daß etwas allem oder keinem zukommen soll. Denn wenn wir gezeigt
haben, daß es irgendeinem nicht zukommt, so haben wir die Behauptung
entkräftet, daß es allem zukommt, und ebenso werden wir, wenn wir
zeigen, daß es einem zukommt, die Behauptung entkräften, daß es keinem
zukommt. Diejenigen dagegen, die etwas behaupten, müssen sich zuvor
dahin verständigen, daß wenn ein Attribut irgendeinem zukommt, es
allen zukommt, vorausgesetzt, daß dieses Postulat glaubhaft ist. Denn
um zu zeigen, daß etwas allem zukommt, genügt es nicht, über eines zu
disputieren; wenn z. B. die Seele des Menschen unsterblich ist, genügt
dieses nicht, um zu zeigen, daß jede Seele unsterblich ist, und so muß
man sich zuvor verständigen, daß, wenn irgendeine Seele unsterblich
ist, jede unsterblich ist. Man muß das aber nicht immer tun, sondern
nur dann, wenn wir keinen gemeinsamen Grund für alles anführen können,
wie der Mathematiker für den Satz, daß die Winkelsumme des Dreiecks
zwei Rechte beträgt.
Ist die Vieldeutigkeit nicht verborgen, so muß man angeben, in wie
vielfacher Bedeutung etwas gesagt wird, und hiernach das Problem
widerlegen und begründen. Wenn z. B. das Gebotene das Nützliche oder
das sittlich Gute ist, so muß man für den vorliegenden Fall beides zu
begründen oder zu bestreiten suchen, daß es nämlich sittlich gut und
nützlich, oder daß es weder sittlich gut noch nützlich ist. Kann man
nicht beides, so muß man eines zeigen, und dabei bemerken, daß das
Gebotene das eine sei, das andere nicht. Dieselbe Rede gilt, wenn der
Bedeutungen, die ein Wort hat, mehrere sind.
Wiederum (ist alles das zu beachten), was nicht auf Grund der Homonymie
(Gleichheit des Wortes bei verschiedener Bedeutung), sondern auf andere
Weise mehrdeutig ist, wie z. B. die Wissenschaft mehrerer Dinge eine
ist, entweder als Wissenschaft des Zieles und der Mittel, wie die
Heilkunst auf die Bewirkung der Gesundheit und auf die Diät geht, oder
als Wissenschaft beider Ziele, wie die Wissenschaft der Gegensätze
dieselbe genannt wird — denn der eine Gegensatz ist nicht mehr Ziel
als der andere —, oder endlich als Wissenschaft dessen, worauf sie an
sich und worauf sie mitfolgend (per accidens) geht, wie sie an sich
z. B. von dem Dreieck, mitfolgend aber von dem gleichseitigen Dreieck
weiß, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt; denn weil es dem
gleichseitigen Dreieck mitfolgt (akzidentell ist), Dreieck zu sein, so
erkennen wir daraus, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt.
[Sidenote: 111a]
Wenn nun die Wissenschaft mehrerer Dinge in keiner Weise dieselbe
sein kann, so kann sie es offenbar überhaupt nicht sein, oder kann
sie es irgendwie sein, so kann sie es offenbar sein. Man muß aber nur
so viele Unterscheidungen machen, als ersprießlich ist. Wollen wir
z. B. begründen, so müssen wir lauter solche Fälle vorbringen, wo die
behauptete Sache möglich ist, und nur solche Unterscheidungen machen,
die für die Begründung von Nutzen sind; wollen wir aber widerlegen, so
müssen wir alle Fälle vorbringen, wo das Behauptete nicht möglich ist,
und die anderen übergehen. Man muß das auch bei Mehrdeutigkeiten dieser
Art in dem Falle tun, wo es unbekannt ist, wie viele der Bedeutungen
sind. Und auch daß das auf das geht oder nicht geht, ist auf Grund
derselben Örter zu zeigen, z. B. daß die und die Wissenschaft auf
das und das geht, sei es wie auf ihr Ziel, oder wie auf Mittel zur
Erreichung des Zieles, oder wie auf das, was dem Objekte mitfolgt, oder
wiederum daß etwas nach keiner der genannten Weisen zutrifft. Dasselbe
gilt von dem Begehren und allem, was sonst noch auf mehreres geht. Denn
das Begehren geht auf eine Sache entweder als Ziel, wie die Gesundheit,
oder als Mittel, wie das Arzneinehmen, oder als Mitfolgendes, wie etwa
der Freund von Süßigkeiten nach dem Weine begehrt, nicht weil er Wein,
sondern weil er süß ist. Denn er begehrt nach dem Süßen an und für
sich, nach dem Weine aber mitfolgend; denn wenn er herb ist, begehrt er
ihn nicht mehr. Er begehrt ihn also mitfolgend.
Dieser Ort ist bei den Relativa von Nutzen; denn zu ihnen gehören
gewöhnlich die Dinge, die in der angezeigten Weise vieldeutig sind.
+Viertes Kapitel.+
Auch muß man ein Wort mit einem anderen, bekannteren vertauschen,
muß z. B., wenn es sich um eine Ansicht handelt, statt genau klar
sagen, ebenso statt πολυπραγμοσύνη (Lage dessen, der viel zu tun hat),
φιλοπραγμοσύνη (Art dessen, der sich gern zu tun macht). Denn wenn
man bekanntere Ausdrücke braucht, läßt sich leichter über eine These
disputieren. Auch dieser Ort ist für beides, das Begründen und das
Widerlegen, gemeinsam.
Um zu zeigen, daß die Gegensätze demselben Subjekte zukommen, muß man
die Gattung betrachten. Wenn wir z. B. zeigen wollen, daß es in der
Wahrnehmung Wahrheit und Irrtum gibt, und Wahrnehmen Urteilen ist, man
aber wahr und nicht wahr urteilen kann, so muß es in der Wahrnehmung
Wahrheit und Irrtum geben.
Dieser Beweis war ein Schluß von der Gattung auf die Art. Urteilen
ist Gattungsbegriff von Wahrnehmen. Denn der Wahrnehmende urteilt
gewissermaßen. Man kann aber auch umgekehrt von der Art einen Schluß
für die Gattung machen. Denn was der Art zukommt, kommt auch der
Gattung zu. Wenn es z. B. eine schlimme und eine gute Wissenschaft
gibt, so gibt es auch eine schlimme und eine gute Verfassung. Denn
Verfassung ist Gattungsbegriff von Wissenschaft.
Der erste von diesen beiden Orten ist, für die Begründung verwandt,
falsch, der zweite wahr. Nicht alles, was der Gattung zukommt,
braucht auch der Art zuzukommen. Das Sinnenwesen ist geflügelt und
vierfüßig, der Mensch nicht. Alles aber, was der Art zukommt, muß auch
der Gattung zukommen. Ist der Mensch tugendhaft, so ist es auch das
Sinnenwesen[29]. Dagegen für die Widerlegung verwandt, ist der erste
wahr, der zweite falsch. Alles, was der Gattung nicht zukommt, kommt
auch der Art nicht zu, aber nicht alles, was der Art nicht zukommt,
braucht der Gattung nicht zuzukommen.
[Sidenote: 111b]
Weiterhin muß, wem die Gattung zugeschrieben wird, auch eine der Arten
zugeschrieben werden, und was die Gattung hat oder ein Paronymon[30]
der Gattung ist, auch eine der Arten haben oder ein Paronymon von ihr
sein. Wird einem z. B. die Wissenschaft zugeschrieben, so wird ihm auch
die Grammatik oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft zugeschrieben
werden, und wenn einer eine Wissenschaft inne hat oder mit einem
paronymen Namen bezeichnet wird, wird er auch die Grammatik inne haben
oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft oder mit einem von diesen
Künsten hergenommenen Namen bezeichnet werden, z. B. als Grammatiker
oder Musiker.
Wird nun in einer Behauptung etwas wie immer nach der Gattung
bezeichnet, z. B. gesagt, daß die Seele bewegt wird, so muß man
zusehen, ob die Seele nach einer der Arten der Bewegung bewegt werden
kann, ob sie z. B. wachsen oder vergehen oder entstehen kann, und was
sonst noch für Arten der Bewegung sind. Denn wenn sie es nach keiner
kann, wird sie offenbar nicht bewegt.
Dieser Ort gilt gemeinsam für beides, Widerlegung und Begründung. Was
nach einer der Arten bewegt wird, wird offenbar bewegt, und was nach
keiner der Arten bewegt wird, wird offenbar nicht bewegt.
Wer aber keinen Stoff hat, um über die These zu disputieren, muß die
Sache vom Standpunkte der Definitionen des betreffenden Gegenstandes,
der wirklichen oder wahrscheinlichen, und nicht bloß einer, sondern
mehrerer, in Angriff nehmen. Hat man die Definitionen angeführt, so ist
leichter disputieren. Denn Definitionen bieten mehr Möglichkeit, etwas
zu erörtern[31].
Man muß ferner bei einer Behauptung zusehen, was sein muß, damit das
Behauptete sei, oder was sein muß, wenn das Behauptete ist. Will man
beweisen, so muß man zusehen, was sein muß, damit das Behauptete sei
— denn ist gezeigt, daß es ist, so ist auch das Behauptete gezeigt
—; will man aber widerlegen, so muß man zusehen, was ist, wenn das
Behauptete ist. Denn wenn wir gezeigt haben, daß das, was auf die
Behauptung folgt, nicht ist, haben wir die Behauptung entkräftet.
Auch muß man auf die Zeit sehen, ob sie etwa mit einer Behauptung
disharmoniert, wenn z. B. jemand sagt, daß das, was sich ernährt,
notwendig wächst. Die Tiere ernähren sich immer, wachsen aber nicht
immer. Ebenso ist es mit der Behauptung, Wissen sei Erinnerung. Das
eine geht auf die Vergangenheit, das andere auch auf Gegenwart und
Zukunft. Man sagt, daß man das Gegenwärtige und das Zukünftige weiß,
z. B. den Eintritt einer Finsternis, aber Erinnerung kann es nur an
Vergangenes geben.
+Fünftes Kapitel.+
[Sidenote: 112a]
Ferner (kommt hier) die sophistische Weise (in Betracht), die darin
besteht, daß man die Disputation auf einen Punkt bringt, wo einem viele
Gründe zur Verfügung stehen müssen. Das wird bald wirklich nötig sein,
bald scheinbar, bald weder scheinbar noch wirklich. Wirklich nötig ist
es, wenn der Antwortende etwas leugnet, was für den Beweis der These
von Nutzen ist, und Gründe dagegen geltend macht, das Bestrittene aber
von der Art ist, daß man vieles zu seinen Gunsten anführen kann. Ebenso
wenn er, die aufgestellte Behauptung benutzend, auf irgendeinen Punkt
das induktive Verfahren anwendet mit der Absicht, ihn umzustoßen.
Denn mit diesem Punkte fiele auch die Behauptung. Nur scheinbar nötig
ist das gedachte Verfahren, wenn der Punkt, gegen den sich die Reden
kehren, zwar brauchbar und zur These gehörig scheint, es aber nicht
wirklich ist, mag nun derjenige, der sich für den Einwurf einsetzt, ihn
dadurch umzustoßen suchen, daß er einfach leugnet, oder mag auf Grund
der These eine scheinbare Induktion gegen ihn erbracht werden. Der
noch übrige Fall ist gegeben, wenn das, wogegen die Reden sich kehren,
weder nötig ist noch scheint, aber eine andere falsche Widerlegung
gegen den Antwortenden zur Hand wäre. Vor dieser letzten Weise muß man
sich hüten. Sie gehört gar nicht in die Dialektik und ist ihr gänzlich
fremd. Darum darf auch der Antwortende bei solchen Einreden keine
Schwierigkeit machen, sondern muß alles, was für die These ohne Belang
ist, gelten lassen, indem er es immer beifügt, wenn er etwas nicht
glaubt, aber doch gelten läßt. Denn die Fragenden kommen meistens in
ärgere Verlegenheit, wenn ihnen alles Derartige eingeräumt wird, und
sie gleichwohl nicht zum Ziele gelangen.
Wer ferner irgend etwas gesagt hat, hat gewissermaßen vieles gesagt, da
aus jedem notwendig mehreres folgt. Wer z. B. von etwas gesagt hat, daß
es ein Mensch ist, hat auch gesagt, daß es ein Sinnenwesen, zweibeinig
und der Einsicht und Wissenschaft fähig ist, und so wird, wenn
irgendeine Folge umgestoßen wird, auch die ursprüngliche Behauptung
umgestoßen. Man muß sich aber (bei dem Angriff auf eine Behauptung)
auch hüten, etwas mit dem Schwereren zu vertauschen. Denn es ist bald
leichter die Folgerung, bald den Hauptsatz selbst umzustoßen.
+Sechstes Kapitel.+
Wo dem Subjekt notwendig nur eines von beiden, dem Menschen z. B.
Krankheit oder Gesundheit, zukommt, werden wir, wenn wir von dem einen
leicht darlegen können, daß es ihm zukommt oder nicht zukommt, es auch
von dem anderen können. Das gilt also umgekehrt für beides, Widerlegung
und Behauptung. Haben wir gezeigt, daß einem das eine zukommt, so haben
wir gezeigt, daß ihm das andere nicht zukommt, und wenn wir gezeigt
haben, daß es ihm nicht zukommt, haben wir gezeigt, daß ihm das andere
zukommt. Der Ort ist also offenbar für beides nützlich.
[Sidenote: 112b]
Um einen weiteren Ort zu erhalten, greift man die Sache in der Weise
an, daß man ein Wort auf seinen Begriff zurückführt und betont, daß man
es durchaus diesem gemäß auffassen müsse, statt so, wie es gewöhnlich
genommen wird. So sei εὔψυχος (guten Mutes, tapfer) nicht der Mutige,
wie das Wort jetzt verstanden wird, sondern ein Mann, mit dessen Seele
es wohl bestellt ist, wie εὔελπις ein Mann ist, der gutes hofft, und
sei ebenso εὐδαίμων (glücklich) ein Mann, dessen Dämon tugendhaft ist,
in dem Sinne des Xenokrates, der glücklich nennt, wer eine tugendhafte
Seele hat; denn diese sei des Menschen Dämon (guter Geist).
Da ferner von den Dingen die einen notwendig, die anderen gewöhnlich,
noch andere zufällig sind, so schafft man jedesmal einen Ort für
einen Angriff, wenn man das Notwendige als das Gewöhnliche oder das
Gewöhnliche als das Notwendige setzt, sei es nun das Gewöhnliche selbst
oder sein Gegenteil. Setzt man das Notwendige als das Gewöhnliche, so
sagt man damit offenbar, daß es nicht allem zukommt, da es doch allem
zukommt, muß also fehlen. Und sagt man umgekehrt, daß was gewöhnlich
ist, notwendig ist, so ist es in gleicher Weise gefehlt. Denn man
läßt allem zukommen was doch nicht allem zukommt. Ebenso ist es, wenn
man das Gegenteil des Gewöhnlichen notwendig sein läßt. Das Gegenteil
des Gewöhnlichen ist immer das Seltenere, wie wenn etwa die Menschen
gewöhnlich schlecht sind, sie seltener gut sind. Und so ist es noch
ärger gefehlt, wenn man sie notwendig gut sein läßt. Dasselbe ist der
Fall, wenn man das Zufällige notwendig oder gewöhnlich sein läßt. Denn
das Zufällige ist weder das eine, noch das andere.
Man kann auch, wenn einer nicht unterscheidet, ob etwas gewöhnlich oder
notwendig sein soll, die Sache aber nur gewöhnlich ist, so gegen ihn
disputieren, als sollte es ihm zufolge notwendig sein. Hat er z. B. die
Enterbten unterschiedslos schlecht genannt, so kann man so gegen ihn
disputieren, als sollten sie es ihm zufolge notwendig sein.
Ferner (setzt man sich einem Angriffe aus), wenn man etwas sich selbst
wie ein Verschiedenes mitfolgen läßt, weil das Wort verschieden
ist, wie z. B. Prodikus die Lüste in Freude, Ergötzung und Frohsinn
unterschied. Das sind ja lauter Namen für etwas mit der Lust
Identisches. Läßt man also die Freude dem Frohsinn mitfolgen, so muß
man etwas sich selbst mitfolgen lassen.
+Siebentes Kapitel.+
Da ferner Entgegengesetztes sechsfach miteinander verbunden wird,
aber nur in vier Verbindungen einen Gegensatz bildet, so muß man es
so verwenden, wie es für die Widerlegung und die Begründung nützen
kann. Daß es sechsfach verbunden wird, ist klar. Entweder wird beides
Entgegengesetzte mit beidem (jedes von zwei Prädikaten mit jedem von
zwei Subjekten) verbunden werden, und zwar zweifach, wie den Freunden
Gutes und den Feinden Böses, oder hinwieder den Freunden Böses und
den Feinden Gutes tun, oder man sagt beides von dem einen, und auch
das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Freunden Böses, oder den
Feinden Gutes und den Feinden Böses, oder man sagt das eine von beiden,
und auch das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Feinden Gutes,
oder den Freunden Böses und den Feinden Böses.
[Sidenote: 113a]
Die zwei erstgenannten Verbindungen bilden nun keinen Gegensatz: den
Freunden Gutes und den Feinden Böses tun steht sich nicht entgegen:
beides ist zu tun und ist Sache derselben Gesinnung. Auch den Freunden
Böses und den Feinden Gutes tun steht sich nicht entgegen: beides ist
wieder gleichmäßig zu meiden und Sache derselben Gesinnung. Ein Ding,
das zu meiden ist, steht aber einem anderen Ding, das auch zu meiden
ist, nicht entgegen, es müßte denn das eine ein Zuviel, das andere
ein Zuwenig besagen. Denn das Zuviel gehört zu den Dingen, die zu
meiden sind, ebenso, wie das Zuwenig. Dagegen bilden alle anderen vier
Opposita einen Gegensatz. Den Freunden Gutes tun ist der Gegensatz von
den Freunden Böses tun: es kommt von entgegengesetzter Gesinnung, und
das eine ist zu tun, das andere ist zu meiden. Ebenso ist es mit den
anderen Opposita. Bei jeder Verbindung ist das eine zu tun, das andere
zu meiden und das eine Ausfluß einer guten, das andere Ausfluß einer
schlechten Gesinnung.
Aus dem Gesagten erhellt also, daß es von ein und demselben mehrere
Gegensätze gibt. Den Freunden Gutes tun hat zum Gegensatz sowohl den
Feinden Gutes tun, als auch den Freunden Böses. Ebenso werden sich
hier, wenn man auf dieselbe Weise zusieht, von jedem anderen zwei
Gegensätze ergeben. Man muß also von den beiden Gegensätzen jedesmal
den verwenden, der für die These nützlich ist.
Ferner, wenn das Akzidenz ein Gegenteil hat, muß man sehen, ob es dem
Subjekt zukommt, dem das Akzidenz zukommen soll. Wenn es ihm zukommt,
kann jenes ihm nicht zukommen. Dann demselben Subjekt kann unmöglich
gleichzeitig Entgegengesetztes zukommen.
Oder (man muß zusehen) ob von einem Subjekt etwas Derartiges gesagt
worden ist, daß ihm, wenn es wahr ist, Entgegengesetztes zukommen
muß. Nehmen wir z. B. die Behauptung, daß die Ideen in uns sind. Es
würde da folgen, daß sie gleichzeitig bewegt werden und ruhen, und daß
sie sinnlich und intelligibel sind. Denn denen, die Ideen annehmen,
scheinen die Ideen zu ruhen und intelligibel zu sein. Wenn sie aber in
uns sind, können sie unmöglich unbewegt sein. Denn notwendig muß, wenn
wir bewegt werden, auch alles, was in uns ist, mitbewegt werden. Sie
sind aber offenbar auch, wenn sie in uns sind, sinnlich; denn die Form
an jedem Ding erkennen wir mit dem Gesichtssinn[32].
[Sidenote: 113b]
Wenn wiederum einem Subjekt ein Akzidenz, das ein Gegenteil hat,
zugeschrieben wird, muß man sehen, ob dieses Subjekt ebenso für das
Gegenteil empfänglich ist. Denn dasselbe Ding ist für Entgegengesetztes
empfänglich. So müßte, wenn man behauptet hätte, daß der Haß dem Zorn
folgt, der Haß in dem iraszibeln Teile des Strebevermögens sein, weil
der Zorn in ihm ist. Man muß also sehen, ob auch das Gegenteil, die
Liebe, in dem iraszibeln Teile ist. Denn ist das nicht der Fall, ist
die Liebe vielmehr in dem konkupiszibeln Teile, so kann nicht der Haß
dem Zorne folgen. Ebenso ist es auch, wenn man behauptet hat, daß der
konkupiszible Seelenteil unwissend ist; denn er wäre des Wissens fähig,
da er ja auch des Nichtwissens fähig sein soll, das aber nimmt man
nicht an, daß der konkupiszible Teil des Wissens fähig ist.
Hat man nun die Aufgabe, etwas zu widerlegen, so muß man diesen Ort in
der angegebenen Weise verwenden. Soll man aber etwas begründen, so kann
man ihn nicht verwenden, um zu zeigen, daß das Akzidenz dem Subjekt
zukommt, sondern nur um zu zeigen, daß es ihm zukommen kann. Haben
wir gezeigt, daß es das Gegenteil nicht zuläßt, so haben wir gezeigt,
daß ihm das Akzidenz weder zukommt, noch zukommen kann. Wenn wir aber
gezeigt haben, daß ihm das Gegenteil zukommt oder daß es das Gegenteil
zuläßt, so haben wir noch nicht gezeigt, daß ihm auch das Akzidenz
zukommt: es ist nur so viel gezeigt, daß es ihm zukommen kann.
+Achtes Kapitel.+
Da vier Gegensätze sind (Kateg. 10: Relation, Kontrarietät, Privation
und Habitus, Kontradiktion), so muß man bei (dem einen von ihnen)
der Kontradiktion zusehen, was aus ihr folgt, wenn man (Subjekt und
Prädikat) umkehrt, mag man nun widerlegen oder begründen. Man muß es
aus der Induktion entnehmen. Ist z. B. der Mensch ein Sinnenwesen,
so ist was nicht Sinnenwesen ist, nicht Mensch. Und ebenso ist es
sonst. Hier gilt die Folge bei Umkehrung von Subjekt und Prädikat: dem
Menschen folgt das Sinnenwesen, aber dem Nichtmenschen folgt nicht
das Nichtsinnenwesen, sondern umgekehrt dem Nichtsinnenwesen das
Nichtmensch. So ist dieses denn überall zu postulieren: ist z. B.
das Schöne genußreich, so ist auch das Nichtgenußreiche nicht schön.
Ist es aber dieses nicht, so auch nicht jenes. Ebenso ist, wenn das
Nichtgenußreiche nicht schön ist, das Schöne genußreich. So erhellt
denn, daß die Folgerung nach der Kontradiktion für beides (Subjekt und
Prädikat) gilt, wenn man sie umgekehrt zieht.
Bei der Kontrarietät muß man, ob man nun widerlegt oder begründet,
zusehen, ob auf Konträres Konträres folgt, wenn man Subjekt und
Prädikat auf derselben Stelle läßt, oder wenn man sie umkehrt. Auch
dies muß man aus der Induktion entnehmen, so weit es zweckdienlich ist.
Bleibt Subjekt und Prädikat auf seinem Platz, so gilt die Folge z. B.
für den Mut und die Feigheit: dem einen folgt die Tugend, der anderen
die Schlechtigkeit. Und dem einen folgt das Wählenswerte, der anderen
das Fliehenswerte. So gilt denn auch hier die Folge, wenn beides seinen
Platz behält. Denn Wählenswert ist das Gegenteil von Fliehenswert. Und
ebenso ist es sonst.
[Sidenote: 114a]
Dagegen gilt die Folge bei der Umkehrung, wenn es sich z. B. um gutes
Befinden und Gesundheit handelt: gutem Befinden folgt die Gesundheit,
schlechtem Befinden aber nicht Krankheit[33], sondern der Krankheit
schlechtes Befinden. So gilt denn hier die Folge offenbar bei der
Umkehrung. Doch ist letztere bei der Kontrarietät selten am Platz, und
meistens gilt hier die Folge ohne sie.
Wenn also dem Konträren das Konträre weder ohne noch mit Umkehrung
folgt, so ergibt sich offenbar auch für das in der Disputation
aufgestellte Konträre, daß das eine dem anderen nicht folgt. Folgt
aber eins dem anderen beim Konträren, dann notwendig auch bei dem
Aufgestellten.
In gleicher Weise wie bei dem Konträren muß man da verfahren, wo es
sich um Mangel und Habitus handelt. Nur gibt es bei dem Mangel keine
Umkehrung, sondern die Folgerung muß immer ohne sie gezogen werden,
wie dem Gesichte der Sinn, dagegen der Blindheit die Anästhesie folgen
muß. Sinn und Anästhesie stehen sich wie Habitus und Mangel gegenüber:
hier ist das eine Habitus, das andere Mangel.
Ebenso wie bei Habitus und Mangel ist die Sache bei den Relativis
anzugehen. Auch hier gilt die Folgerung für dieselbe Reihenfolge
der Attribute, d. h. ohne Umkehrung. Ist z. B. das Dreifache
vielfach, so ist auch das dreimal Kleinere vielmal kleiner. Denn
dreifach wird verstanden im Vergleich zu dem dreimal Kleineren und
vielfach im Vergleich zu dem vielmal Kleineren. Und wiederum: ist
Wissen Fürwahrhalten, so ist auch das Objekt des Wissens Objekt des
Fürwahrhaltens, und ist Sehen Wahrnehmung, so ist auch das Sichtbare
wahrnehmbar.
Ein Einwand wäre, daß die Folge bei den Relativis nicht notwendig
so, wie behauptet, Platz greift: das Wahrnehmbare ist wißbar, die
Wahrnehmung aber nicht Wissen. Aber der Einwand scheint nicht auf
Wahrheit zu beruhen: Viele leugnen, daß es vom Wahrnehmbaren ein
Wissen gibt. Ferner läßt sich auf Grund des Gesagten nicht minder das
Gegenteil beweisen, daß nämlich das Wahrnehmbare (formell als solches)
nicht wißbar ist: die Wahrnehmung ist ja auch nicht Wissenschaft.
+Neuntes Kapitel.+
Man muß ferner auf das Begriffsverwandte (σύστοιχα) und auf die
abgeleiteten Wörter (πτώσεις) achten bei der Widerlegung sowohl wie bei
der Behauptung.
Begriffsverwandt ist z. B. das Gerechte und der Gerechte mit der
Gerechtigkeit, und das Mutige und der Mutige mit dem Mute. Ebenso gilt
das, was etwas bewirkt oder erhält, als begriffsverwandt mit dem, was
es bewirkt oder erhält, wie das Gesunde mit der Gesundheit, das, was
zum Wohlbefinden hilft, mit dem Wohlbefinden. Und dieselbe Weise gilt
sonst. Wie nun derartiges begriffsverwandt genannt zu werden pflegt,
so bezeichnet man als abgeleitete Wörter Formen wie δικαίως (gerechter
Weise), ἀνδρείως (mit Mut) und ὑγιεινῶς (zum Besten der Gesundheit)
und alles, was in dieser Weise gesagt wird. Es scheint nun auch das
durch abgeleitete Wörter Bezeichnete[34] begriffsverwandt zu sein, wie
δικαίως mit δικαιοσύνη (Gerechtigkeit), ἀνδρείως mit ἀνδρία (Mut), aber
begriffsverwandt heißt alles, was zu derselben Begriffsreihe gehört,
insgesamt, wie Gerechtigkeit, der Gerechte, das Gerechte, gerecht
(gerechter Weise).
[Sidenote: 114b]
Ist nun irgendeines, was in derselben Begriffsreihe steht, als gut
oder lobenswert erwiesen, so ist offenbar auch alles andere als
solches erwiesen; gehört z. B. die Gerechtigkeit zu dem Lobenswerten,
so gehört auch der Gerechte und das Gerechte und das Gerecht zu dem
Lobenswerten. Wovon man aber sagt gerechterweise, davon wird man auch
sagen lobenswerterweise (ἐπαινετῶς) nach derselben Ableitung von dem
Lobenswerten, wie das Gerecht von Gerechtigkeit abgeleitet ist.
Man muß aber nicht nur aus eben dem folgern, was in der Disputation
angeführt worden ist, sondern auch aus dem Konträren das Konträre
ableiten. So ist z. B. das Gute nicht notwendig genußreich; denn es ist
auch das Schlechte nicht unlusterregend; oder wenn dieses ist, dann
auch jenes. Und wenn die Gerechtigkeit eine Wissenschaft ist, so ist
auch die Ungerechtigkeit eine Unwissenheit. Und ist das Gerecht ein
Wissentlich und ein Erfahren (Kundig, ἐμπείρως), so ist das Ungerecht
ein Unwissentlich und ein Unerfahren. Und wenn dieses nicht ist, dann
auch jenes nicht, wie es bei dem eben Angeführten zutrifft. Denn man
möchte eher sagen, daß was ungerechterweise geschieht, nach Erfahrung
als nach Unerfahrenheit aussieht. Dieser Ort ist schon vorhin bei den
Folgerungen ex contrario angeführt worden; denn wir postulieren jetzt
nichts anderes, als daß Konträrem Konträres folgt.
Ferner kommen Werden und Vergehen, Bewirkendes und Zerstörendes in
Betracht, mag man widerlegen oder behaupten.
Ist das Werden eines Dinges vom Guten, so ist es auch selbst gut, und
ist es selbst gut, so ist es auch sein Werden. Ist aber sein Werden
vom Bösen, so ist es auch selbst vom Bösen. Aber beim Vergehen ist es
umgekehrt: ist das Vergehen vom Guten, so ist es selbst vom Bösen, und
ist das Vergehen vom Bösen, so ist es selbst vom Guten. Gleiches gilt
von dem Bewirkenden und Zerstörenden: ist das, wodurch ein Ding bewirkt
wird, gut, so ist es auch selbst vom Guten, ist aber das, wodurch es
zerstört wird, gut, so ist es selbst vom Bösen.
+Zehntes Kapitel.+
Wiederum muß man bei Ähnlichem zusehen, ob nämlich etwas sich ähnlich
verhält, ob es z. B. wenn Eine Wissenschaft, dann auch Eine Meinung
von Mehrerem gibt, und ob, wenn ein Gesicht haben sehen, dann auch ein
Gehör haben hören ist. Ebenso ist es sonst, sowohl bei dem, was ist,
als bei dem, wovon man meint, daß es ist. Der Ort ist für beides zu
gebrauchen. Denn wenn es sich bei Einem Ähnlichen so verhält, dann auch
bei dem anderen Ähnlichen, und wenn bei Einem nicht, dann auch bei dem
anderen nicht.
Man muß auch zusehen, ob sich etwas bei einem und ob es sich bei vielem
in der gleichen Weise verhält. Denn bisweilen ergibt sich da eine
Unstimmigkeit. Wenn z. B. wissen nachdenken ist, ist auch vieles wissen
über vieles nachdenken. Dem ist aber nun nicht so. Denn man kann vieles
wissen, aber nicht (gleichzeitig) über vieles nachdenken. Ist nun
dieses nicht wahr, dann auch jenes nicht, was bei einem Objekt gelten
soll, daß nämlich wissen nachdenken ist.
Ein weiterer Gesichtspunkt liegt in dem Mehr und Minder. Er liefert
vier Örter.
[Sidenote: 115a]
Der eine beruht darauf, daß dem Mehr das Mehr folgt. Ist z. B. die
Lust ein Gut, so ist auch die größere Lust ein größeres Gut, und ist
Unrechttun ein Übel, so ist auch größeres Unrechttun ein größeres Übel.
So ist denn der Ort für beides brauchbar. Denn wenn, wie gesagt, dem
Zuwachs des Subjekts der Zuwachs des Akzidenz folgt, so ist es offenbar
ein Akzidenz von ihm, und wenn er nicht folgt, ist es keines. Man muß
dies durch Induktion nachweisen.
Ein anderer Ort. Wo eines von zweien gesagt wird, gilt die Regel: kommt
es dem nicht zu, dem es eher, dann auch dem nicht, dem es weniger
zukommen sollte, und kommt es dem zu, dem es weniger, dann auch dem,
dem es eher zukommen sollte.
Wiederum, wo zweierlei von einem gesagt wird, gilt die Regel: wenn ihm
nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch nicht was
weniger, oder wenn ihm zukommt was ihm weniger zuzukommen scheint, dann
auch was eher.
Ferner, wo zweierlei von zweien gesagt wird, gilt die Regel: wenn dem
einen nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch das
andere dem anderen nicht, oder wenn dem einen zukommt was ihm weniger
zuzukommen scheint, dann auch das andere dem anderen.
Ferner kann man daraus, daß einem etwas in gleicher Weise zukommt oder
zuzukommen scheint, dreifach schließen, gerade so, wie es bei dem Mehr
bei den drei zuletzt genannten Örtern angegeben worden ist.
Wo ein Eines zweien in gleicher Weise zukommt oder zuzukommen scheint,
gilt die Regel: kommt es dem einen nicht zu, dann auch nicht dem
anderen, kommt es aber dem einen zu, dann auch dem anderen.
Wo zweierlei demselben in gleicher Weise zukommt, gilt die Regel: kommt
ihm das eine nicht zu, dann auch nicht das andere, kommt ihm aber das
eine zu, dann auch das andere.
Auf dieselbe Weise gilt die Regel, wo zweierlei zweien in gleicher
Weise zukommt: kommt das eine dem einen nicht zu, dann auch nicht das
andere dem anderen, kommt aber das eine dem einen zu, dann auch das
andere dem anderen.
+Elftes Kapitel.+
Auf Grund des Mehr und Minder und des gleich Sehr kann man sich also
an einem Problem auf so vielerlei Weise versuchen. Man kann dies aber
ferner auch auf Grund des Zusatzes.
Wenn eines, zum anderen hinzugesetzt, es gut oder weiß macht, da es
vorher nicht weiß oder gut war, so wird das Hinzugesetzte weiß oder gut
sein, also eben die Eigenschaft haben, die es dem Ganzen mitteilt. Wenn
ferner etwas, zu schon Vorhandenem hinzugesetzt, ein Ding noch mehr zu
einem so beschaffenen macht, als es schon zuvor war, so wird es auch
selbst so beschaffen sein. Und ebenso ist es sonst.
[Sidenote: 115b]
Der Ort ist aber nicht überall brauchbar, sondern nur wo Raum für ein
Mehr ist. Aber dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für
die Widerlegung verwendbar wäre. Macht ein Hinzugesetztes nicht gut, so
ist noch nicht entschieden, daß es selbst nicht gut ist. Denn Gutes,
zum Schlechten hinzugesetzt, macht nicht notwendig das Ganze gut, so
wenig es das Weiße tut, wenn man es zum Schwarzen hinzusetzt.
Wiederum ist etwas, wenn es mehr oder minder vorhanden sein soll, auch
schlechthin vorhanden. Was nicht gut oder nicht weiß ist, wird man
auch nicht als mehr oder minder gut oder weiß bezeichnen. Denn von dem
Schlechten kann man nicht sagen, daß es mehr oder minder gut ist als
ein anderes, sondern nur, daß es mehr oder minder schlecht ist.
Auch dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für die
Widerlegung verwendbar wäre. Denn es gibt vieles, wo man von keinem
Mehr oder Minder spricht. Man ist nicht mehr oder minder Mensch, aber
daraus folgt nicht, daß kein Mensch ist.
Ebenso muß man bei dem zusehen, was beziehungsweise und irgendwann
und irgendwo Geltung hat. Ist es beziehungsweise möglich, dann auch
schlechthin. Ebenso, wenn es irgendwann oder irgendwo gilt. Schlechthin
Unmögliches kann weder beziehungsweise, noch irgendwo, noch irgendwann
gelten.
Ein Einwand (hiergegen liegt darin), daß es Menschen gibt, die von
Natur beziehungsweise tugendhaft, wie freigebig oder anspruchslos, aber
keine, die von Natur schlechthin tugendhaft sind; denn niemand ist
von Natur klug[35]. Ebenso vergeht ein Vergängliches möglicherweise
zeitweilig nicht, aber es ist unmöglich, daß es schlechthin nicht
vergehen sollte. Ebenso ist die Einhaltung einer bestimmten Lebensweise
irgendwo nützlich, z. B. an ungesunden Orten, aber nicht schlechthin.
Auch ist es möglich, daß an einem bestimmten Orte nur Einer ist, aber
es kann nicht überhaupt nur Einer sein. Auf dieselbe Weise ist es
irgendwo recht, den Vater zu opfern, wie bei den Triballern, aber nicht
recht überhaupt. Doch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wo,
sondern um das Wem. Denn es verschlägt nichts, wo sie sind: überall
gilt es ihnen als Triballern für recht. Wiederum ist es zeitweilig
nützlich, Arznei zu nehmen, nämlich wenn man krank ist, aber nicht
überhaupt. Doch auch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wann,
sondern um den Zustand. Denn das Wann verschlägt nichts, wenn nur der
kranke Zustand gegeben ist.
Aber schlechthin ist das, wovon man ohne Zusatz sagen wird, daß es
recht oder das Gegenteil ist. Man wird z. B. nicht sagen, daß es recht
ist, seinen Vater als Opfer zu schlachten, sondern daß es für bestimmte
Leute recht ist; mithin ist es nicht schlechthin recht. Aber man wird
ohne Zusatz sagen, daß es recht ist, die Götter zu ehren; denn es ist
schlechthin recht. Also das, was ohne Zusatz gut oder schlecht und
dergleichen zu sein scheint, wird man schlechthin so nennen[36].
Drittes Buch.
+Erstes Kapitel.+
[Sidenote: 116a]
Was von zwei oder mehr Dingen wünschenswerter oder besser ist, muß man
nach folgenden Gesichtspunkten zu entscheiden suchen. Zuvor aber sei
bemerkt, daß unsere Untersuchung sich auf keine Dinge bezieht, die
weit voneinander abstehen und einen großen Unterschied aufweisen —
denn niemand plagt sich mit der Frage, ob die Glückseligkeit oder der
Reichtum den Vorzug verdient —, sondern auf solches, was sich nahe
steht und wo wir zweifeln, auf welche Seite wir uns schlagen sollen,
weil wir nicht sehen, was das eine vor dem anderen voraus hat. Bei
solchen Dingen wird also offenbar, wenn auf der einen Seite einer oder
mehr Vorzüge nachgewiesen werden, das Denken sich dahin entscheiden,
daß das wünschenswerter ist, was die Vorzüge hat, sei es das eine oder
das andere.
Erstens ist nun das Dauerhaftere oder Festere wünschenswerter als das,
was diese Beschaffenheit weniger hat. Und das, dem der kluge oder der
gute Mann oder das rechte Gesetz den Vorzug gibt, oder was die in der
jeweiligen Sache Tüchtigen als solche zu bevorzugen pflegen, oder die
in einem Fache Kundigen, seien es die meisten oder alle, wie z. B.
in der Arznei- oder Baukunde das, was die meisten oder alle Ärzte
vorziehen, oder was überhaupt die meisten oder alle Menschen oder alle
Tiere verfolgen, wie z. B. das Gute; denn alles strebt nach dem Guten.
Man muß aber seine Aufstellung mit dem Gesichtspunkt in Beziehung
bringen, der gerade tauglich ist. Es ist aber schlechthin besser und
wünschenswerter was zur besseren, aber für den Einzelnen, was zu seiner
eigentümlichen Kunst oder Wissenschaft gehört.
Sodann ist das, was wesenhaft etwas ist, (wünschenswerter) als was
nicht zu der (betreffenden) Gattung gehört, so z. B. die Gerechtigkeit
wünschenswerter als der Gerechte[37]. Denn das eine gehört zur Gattung,
dem Guten, das andere nicht, und das eine ist wesenhaft gut, das andere
nicht. Denn nichts erhält die Gattung als Wesensbezeichnung, was nicht
zu der Gattung gehört; so ist der weiße Mensch nicht wesenhaft Farbe.
Und ebenso ist es sonst.
Und, das wegen seiner selbst Wünschenswerte ist wünschenswerter als das
wegen eines anderen Wünschenswerte, wie gesund sein wünschenswerter ist
als Gymnastik. Denn das eine ist wegen seiner selbst wünschenswert,
das andere wegen eines anderen. Und, was es an sich ist, ist es mehr,
als was es mitfolgend (per accidens) ist, wie es wünschenswerter ist,
daß die Freunde, als daß die Feinde gerecht sind. Denn das eine ist
wünschenswert an sich, das andere mitfolgend. Denn daß die Feinde
gerecht seien und nicht ungerecht, wünschen wir mitfolgend, damit
sie uns nicht schaden. Dieser Fall ist derselbe wie der vorige,
unterscheidet sich aber von ihm durch die Weise. Daß die Freunde
gerecht sind, wünschen wir seiner selbst wegen, wenn es auch +für uns+
keine Folgen hat, auch wenn sie bei den Indern sind; daß es aber die
Feinde sind, wünschen wir eines anderen wegen, damit sie +uns+ nicht
schaden.
[Sidenote: 116b]
Und, was an sich Ursache des Guten ist, ist wünschenswerter, als was
es mitfolgend ist, wie z. B. die Tugend wünschenswerter ist als die
Schickung. Jene ist an sich, diese mitfolgend Ursache des Guten.
Dasselbe gilt von anderen dergleichen Dingen. Ebenso ist es mit dem
Gegenteil. Was an sich Ursache des Schlechten ist, ist mehr zu fliehen,
als was es mitfolgend ist, wie z. B. die Schlechtigkeit und die
Schickung. Jene ist an sich schlecht, diese mitfolgend.
Und, das schlechthin Gute ist wünschenswerter als das für den Einzelnen
Gute, wie Gesundsein mehr als Geschnittenwerden. Jenes ist schlechthin
gut, dieses für einen Einzelnen, für den eine solche Operation nötig
ist. Und das natürlich Gute ist es mehr als das nicht natürlich Gute,
wie z. B. die Gerechtigkeit mehr als der Gerechte[38]. Das eine ist von
Natur gut, das andere ist erworben. Und wünschenswerter ist, was der
Bessere und Würdigere hat, wünschenswerter z. B. was Gott, als was der
Mensch, und was die Seele, als was der Leib hat. Und das Eigentümliche
des Besseren ist besser als das des Schlechteren, besser z. B. das
Eigentümliche Gottes als das des Menschen. Denn nach dem Gemeinsamen in
beiden sind sie nicht voneinander unterschieden, aber der eine muß den
anderen durch seine Eigentümlichkeiten übertreffen. Und was sich an dem
Besseren oder Früheren oder Würdigeren findet, ist besser, besser z. B.
Gesundheit als Stärke und Schönheit. Jene hat ihren Sitz in dem Nassen
und Trockenen, dem Warmen und Kalten, kurz in den ersten Bestandteilen
des Lebewesens, diese haben ihn in den späteren Bestandteilen. Die
Stärke liegt in den Sehnen und Knochen, und die Schönheit scheint ein
gewisses Gleichmaß der Glieder zu sein.
Und, das Ziel scheint wünschenswerter zu sein als die Mittel, und von
zwei Mitteln das, das dem Ziele näher steht. Und überhaupt ist was
sich auf das Ziel des Lebens bezieht, wünschenswerter, als was auf ein
sonstiges Ziel geht, wünschenswerter z. B. was auf Glückseligkeit, als
was auf Klugheit abzielt. Und das (moralisch) Mögliche ist es mehr
als das Unmögliche. Ferner von zwei bewirkenden Faktoren der, dessen
Ziel besser ist. Wenn es sich aber um Bewirkendes und Ziel fragt,
richtet sich die Entscheidung nach dem Verhältnis, darnach, wollen wir
sagen, ob ein Ziel das andere um mehr übertrifft, als dieses die ihm
eigentümliche bewirkende Ursache. Wenn z. B. die Glückseligkeit die
Gesundheit um mehr übertrifft, als die Gesundheit das Gesunde, so ist
die bewirkende Ursache der Glückseligkeit besser als die Gesundheit.
Denn um so viel, als die Glückseligkeit die Gesundheit übertrifft,
übertrifft die bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde. Nun
übertraf uns aber die Gesundheit das Gesunde weniger[39], so daß die
bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde um mehr übertrifft,
als es die Gesundheit tut. Mithin ist die bewirkende Ursache der
Glückseligkeit offenbar wünschenswerter als die Gesundheit. Denn sie
übertrifft das Nämliche um mehr.
[Sidenote: 117a]
Ferner, was an sich schöner (sittlich besser), würdiger und
lobenswerter ist; so Freundschaft mehr als Reichtum, Gerechtigkeit
mehr als Stärke. Denn das eine gehört an sich zu dem Würdigen und
Lobenswerten, das andere nicht an sich, sondern eines anderen wegen.
Niemand schätzt den Reichtum seinet-, sondern eines anderen wegen, aber
die Freundschaft schätzt man an sich, wenn man sich auch sonst keinen
Vorteil von ihr verspricht.
+Zweites Kapitel.+
Wenn sich ferner zwei Dinge sehr ähnlich sind und wir keinen Vorzug
des einen vor dem anderen entdecken können, so muß man sehen, was mit
ihnen verbunden ist (auf sie folgt). Denn das, womit ein größeres Gut
verbunden ist, ist wünschenswerter. Ist aber das mit ihnen Verbundene
schlecht, so ist das wünschenswerter, dem das kleinere Übel folgt.
Denn wenn auch beide gut sind, so hindert doch nichts, daß etwas
Mißliebiges mit ihnen verknüpft ist. Die Beurteilung nach dem, was sich
an die Dinge knüpft, kann aber in zweifacher Weise geschehen. Denn es
kann etwas vorher und nachher mit ihnen verknüpft sein: so ist mit
dem Lernen das Nichtwissen vorher und das Wissen nachher verknüpft.
Meistens ist aber das später Verknüpfte besser. Man muß also beim
Disputieren von dem Verknüpften jedesmal das verwenden, was für den
Fall brauchbar ist.
Ferner sind mehr gute Dinge wünschenswerter als weniger, entweder
schlechthin, oder wenn sich die einen unter den anderen befinden,
die Minderzahl unter der Mehrzahl. Einen Einwand liefert der Fall,
daß das eine des anderen wegen ist; denn da sind die beiden nicht
wünschenswerter als das eine; so ist Gesundung und Gesundheit nicht
wünschenswerter als Gesundheit, da wir die Gesundung der Gesundheit
wegen wünschen. Aber es hindert auch nichts, daß Nichtgutes
wünschenswerter ist als Gutes; so ist die Glückseligkeit und noch etwas
dazu, was nicht gut ist, wünschenswerter als Gerechtigkeit und Mut.
Und, dasselbe mit Lust ist es mehr als ohne Lust. Und dasselbe ohne
Unlust ist es mehr als mit Unlust.
Und, jedes ist zu der Zeit, wo es mehr vermag, auch wünschenswerter,
so die Schmerzlosigkeit im Alter mehr als die in der Jugend, da sie
im Alter mehr vermag. Dementsprechend ist auch die Klugheit im Alter
wünschenswerter. Denn niemand wählt die jungen Leute zu Führern,
weil man nicht glaubt, daß sie klug sind. Mit dem Mute aber ist es
umgekehrt; denn mutvolles Handeln ist nötiger in jungen Jahren. Ebenso
ist es mit der Enthaltsamkeit. Denn die jungen Leute werden mehr als
die alten von den Begierden belästigt.
Und, was zu jeder Zeit oder zu den meisten Zeiten nützlicher ist. So
ist z. B. Gerechtigkeit und Mäßigkeit wünschenswerter als Mut. Jene
sind immer nützlich, dieser ist es nur zu Zeiten.
[Sidenote: 117b]
Und, wünschenswerter ist was, wenn alle es haben, uns des anderen
nicht bedürfen läßt, als was sie haben können, ohne daß wir aufhören,
noch des anderen zu bedürfen, wie es z. B. bei Gerechtigkeit und Mut
zutrifft. Sind alle gerecht, so braucht es keinen Mut. Sind aber alle
mutig, so braucht es Gerechtigkeit.
Ferner kann man den Vorzug der Dinge beurteilen aus ihrem Untergang
und Verlust, Werden und Gewinn und dem Konträren. Wessen Untergang
mehr zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Ebenso ist es
mit dem Verlust und dem Konträren. Wessen Verlust oder Konträres mehr
zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Mit dem Werden und
dem Gewinn aber ist es umgekehrt. Wessen Gewinn und wessen Werden
wünschenswerter ist, das ist auch selbst wünschenswerter.
Ein anderer Ort ist: was dem Guten näher ist, ist besser und
wünschenswerter.
Und, was dem Guten ähnlicher ist; so ist z. B. die Gerechtigkeit
wünschenswerter als der Gerechte.
Und, was dem ähnlicher ist, was besser ist, als es selbst; wie z. B.
Einige sagen, daß Ajax besser sei als Odysseus, weil er dem Achilleus
ähnlicher sei. Ein Einwand hiergegen ist, daß es nicht wahr ist, indem
nichts hindert, daß Ajax dem Achilleus nicht in der Hinsicht ähnlicher
ist, in der er besser ist, während der andere gut ist, ohne ihm ähnlich
zu sein. Man muß hier auch an den Fall denken, wo die Ähnlichkeit ins
Lächerliche ginge, wie z. B. der Affe dem Menschen ähnlicher ist,
während das Pferd es nicht ist. Denn der Affe ist nicht schöner, aber
dem Menschen ähnlicher.
Wiederum, wenn bei zweien das eine dem Besseren, das andere dem
Schlechteren ähnlicher ist, muß besser sein was dem Besseren ähnlich
ist. Aber auch dieses leidet einen Einwand: nichts hindert, daß das
eine dem Besseren wenig, das andere dem Schlechteren (minder Guten)
sehr ähnlich ist, wie wenn z. B. Ajax dem Achilleus wenig und Odysseus
dem Nestor sehr ähnlich wäre. Und wenn das dem Besseren Ähnliche ihm
nach der schlechteren und das dem Schlechteren Ähnliche ihm nach der
besseren Seite ähnlich wäre, wie das Pferd dem Esel und der Affe dem
Menschen.
Ein anderer Ort: das Edlere ist wünschenswerter als das minder Edle;
und ebenso das Schwerere; denn es gilt uns mehr, zu haben was nicht
leicht zu erlangen ist. Und das Eigentümlichere ist es mehr als das
Gemeinere; und ebenso was weniger dem Übel zugänglich ist; denn
wünschenswerter ist wem nichts Mißliebiges folgt, als wem es folgt.
Wenn ferner dieses schlechthin besser ist als dieses, ist auch das
Beste unter diesem besser als das Beste unter dem anderen. Wenn z. B.
Mensch besser ist als Pferd, ist auch der beste Mensch besser als das
beste Pferd. Und wenn das Beste besser ist als das Beste, ist dieses
auch schlechthin besser als dieses. Wenn z. B. der beste Mensch besser
ist als das beste Pferd, ist auch Mensch schlechthin besser als Pferd.
[Sidenote: 118a]
Dasjenige ferner, woran die Freunde teilnehmen können, ist
wünschenswerter als das, woran sie es nicht können. Und was wir
lieber für den Freund tun wollen als für den ersten Besten, das ist
wünschenswerter. So ist es z. B. wünschenswerter, gerecht zu handeln
und Gutes zu tun, als nur so zu scheinen. Denn den Freunden wollen wir
lieber Gutes tun, als nur so scheinen, aber wenn es sich um den ersten
Besten handelt, halten wir es umgekehrt.
Und, was zum Überflusse gehört, ist besser als das Notwendige, zuweilen
auch wünschenswerter. Denn besser als leben ist gut leben, gut leben
aber gehört zum Überflusse, während das Leben selbst notwendig ist.
Zuweilen aber ist das Bessere nicht auch wünschenswerter. Denn wenn
etwas besser ist, ist es nicht notwendig auch wünschenswerter. Ist
doch philosophieren zwar besser als Geld erwerben, aber für den
Dürftigen nicht wünschenswerter als das Notwendige. Wenn aber etwas zum
Überflusse gehört, so besagt das, daß man das Notwendige hat und sich
dazu noch anderes, Schönes erwirbt. In der Regel ist vielleicht das
Notwendige wünschenswerter, aber was zum Überflusse gehört, ist besser.
Und, wünschenswerter ist was durch keinen anderen, als was auch durch
einen anderen ersetzt werden kann, wie es z. B. bei der Gerechtigkeit
im Vergleich zum Mute der Fall ist.
Und, wenn zwar das eine ohne das andere wünschenswert ist, aber
nicht dieses ohne jenes. So ist z. B. Macht ohne Klugheit nicht
wünschenswert, wohl aber Klugheit ohne Macht.
Und, wenn wir von zweien das eine leugnen, damit wir das andere zu
haben scheinen, so ist dasjenige wünschenswerter, was wir zu haben
scheinen wollen. So leugnen wir z. B., daß wir fleißig sind, um begabt
zu scheinen.
Und, wo bei einer Sache kleinerer Tadel angebracht ist, wenn man ihren
Abgang bedauert, da ist sie wünschenswerter; und wo bei einer Sache
größerer Tadel angebracht ist, wenn einer ihren Abgang nicht bedauert,
da ist sie wünschenswerter[40].
+Drittes Kapitel.+
Ferner ist unter Dingen derselben Art das wünschenswerter, was die der
Art eigentümliche Güte hat, als das, was sie nicht hat. Haben beide
sie, so ist es das, was sie in höherem Grade hat[41].
Ferner, wenn das eine seinen Inhaber gut macht, das andere nicht, so
ist das wünschenswerter, was ihn gut macht, wie auch das Wärmende
wärmer ist als das nicht Wärmende[42]. Machen beide ihn gut, so
ist es das, was ihn in höherem Grade gut macht. Oder etwas ist
wünschenswerter, wenn es das Bessere und Herrschendere gut macht, z. B.
wenn das eine die Seele gut macht, das andere den Leib.
Ferner, der Vorzug einer Sache ist nach den abgeleiteten Formen, den
Gebrauchsweisen, den Handlungen und den Werken zu beurteilen, aber
auch umgekehrt diese nach jener. Denn das eine folgt auf das andere.
Ist z. B. das Gerecht (δικαίως, gerechter Weise) wünschenswerter als
das Mutig, so ist auch die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut.
Und ist die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut, so ist auch
das Gerecht wünschenswerter als das Mutig. Und ähnlich ist es in den
anderen Fällen, die wir genannt haben.
[Sidenote: 118b]
Ferner, wenn eines von zweien ein größeres, das andere ein kleineres
Gut ist als ein drittes, oder (anders ausgedrückt), wenn es größer ist
als ein größeres, so ist das größere wünschenswerter.
Aber auch wenn zwei Dinge wünschenswerter sind als ein drittes, so ist
dasjenige es mehr, das in höherem, als dasjenige, das in geringerem
Grade wünschenswert ist.
Ferner, wessen Mehr wünschenswerter ist als das Mehr eines
anderen Dinges, das ist auch selbst wünschenswerter. So ist es
z. B. Freundschaft mehr als Geld, weil ein Mehr an Freundschaft
wünschenswerter ist als ein Mehr an Geld.
Und, wünschenswerter ist was man sich lieber selbst verschafft, als
das, was man lieber einem anderen dankt; so muß man z. B. lieber
Freunde haben wollen als Geld.
Ferner (muß man das Wünschenswertere) nach dem Zusatz (beurteilen),
wenn (nämlich) etwas, zu demselben Ding hinzugesetzt, das Ganze
wünschenswerter macht (als ein anderer Zusatz es tut). Man darf diese
Regel aber nicht auf den Fall ausdehnen, wo das Gemeinsame (dem der
Zusatz zuteil geworden) den einen Zusatz gebraucht oder sonst mit
seiner Hilfe wirkt, während es den anderen nicht gebraucht und nichts
mit ihm tut, wie wenn man z. B. Säge und Sichel mit dem Zimmergewerbe
zusammennimmt. Denn so ist die Säge wohl das Wünschenswertere, aber
(noch) nicht schlechthin.
Wiederum (etwas ist wünschenswerter), wenn es, zu Kleinerem hinzugetan,
das Ganze größer macht.
Ebenso (muß man das Wünschenswertere) nach dem Abzug (beurteilen). Was,
von einem und demselben in Abzug gebracht, das Kleinere übrig läßt, muß
größer sein, da es ja, vom Ganzen abgezogen, den Rest kleiner macht
(als ein anderer Abzug).
Und, wenn das eine wegen seiner selbst, das andere wegen des Ansehens
wünschenswert ist; wie z. B. die Gesundheit es mehr ist als die
Schönheit. Die Definition dessen, was für das Ansehen geschieht, ist
diese: ein Ding, worum man sich nicht bemüht, wenn keiner weiß, daß
man es hat.
Und, wenn das eine wegen seiner selbst und zugleich wegen des
Ansehens, das andere aber nur wegen des einen oder wegen des anderen
wünschenswert ist, (ist es das Erste mehr).
Und, was von zweien seiner selbst wegen Wert hat, das ist auch besser
und wünschenswerter. An sich wertvoller aber muß sein was wir seiner
selbst wegen vorziehen, ohne sonst einen Vorteil von ihm zu erwarten.