Unveränderter Nachdruck 1968
der zweiten Auflage von 1922
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks
und der photomechanischen Wiedergabe, vorbehalten
Herstellung: R. Himmelheber & Co., Hamburg
Printed in Germany
Einleitung.
Die Topik des Aristoteles enthält die Lehre von den einen
Wahrscheinlichkeitsschluß begründenden allgemeinen Sätzen, nach denen
sie auch benannt ist: topica sc. scripta, von Topos, Ort. Das Wort
Topos hat Aristoteles zu einem Kunstausdruck geprägt, den er vorzüglich
in dieser Schrift und in der mit ihr verwandten Rhetorik gebraucht.
In der Rhetorik steht auch eine Erklärung des Wortes. „Wir reden“,
so heißt es da, „von Örtern mit Beziehung auf die dialektischen und
rhetorischen Schlüsse. Die Örter sind es, die sich gleichmäßig auf
rechtliche, physikalische, politische und viele andere der Art nach
verschiedene Gegenstände beziehen, wie es z. B. von dem Orte aus dem
Mehr und Minder gilt: aus ihm kann man, ebensogut wie über Gegenstände
des Rechts, über andere, die der Physik oder jeder beliebigen
Wissenschaft angehören, einen Syllogismus oder ein Enthymema gewinnen,
obwohl diese Disziplinen der Art nach voneinander verschieden sind.
Dagegen sind eigentümliche Prinzipien alle die, die zur Zahl der in
eine einzelne Art und Gattung einschlagenden Sätze gehören, wie es
z. B. in der Physik Sätze gibt, die keinen Schluß und kein Enthymem
in ethischen, und umgekehrt in der Ethik Sätze, die keines von beiden
in physikalischen Fragen gestatten“ a. a. O. I, 2. 1358a 10 ff.
Einen leisen Hinweis auf die Ähnlichkeit zwischen einem allgemein
verwendbaren Vordersatz und einem Ort im gewöhnlichen, räumlichen Sinne
des Wortes, und somit eine Art Rechtfertigung des Ausdrucks, kann man
in einer späteren Stelle der Rhetorik finden: „Mir ist Element dasselbe
wie Ort. Element und Ort sind etwas, worunter viele Enthymeme fallen“
II, 26. 1403a 18. Theophrast bestimmt nach Alexander den Begriff Topos
„als ein Prinzip oder Element, das uns, wenn wir gehörig aufmerken, die
Prinzipien oder Vordersätze zu einem beliebigen Schluß verschafft“,
Scholia in Arist. 252a 12.
Die Topik als Wissenschaft oder Kunst wird von Aristoteles selbst im
ersten Satze der Schrift als „eine Methode“ bezeichnet, „nach der wir
über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse
bilden können“.
Es erhebt sich aber an dieser Stelle sogleich die schwierige Frage,
in welchem Sinne Aristoteles die Vordersätze der Topik wahrscheinlich
nennt.
Silvester Maurus meint in der Paraphrase zur Topik in der Einleitung,
die begründenden Sätze, deren man sich beim Disputieren bedient,
seien darum wahrscheinlich, weil die Dialektik oder Topik die Kunst
sei, sowohl für als wider eine These zu disputieren. Man könne aber
nur in einem der beiden Fälle die Wahrheit für sich haben, weil
Kontradiktorisches nicht gleichzeitig wahr sein kann, und da Falsches
nicht aus Wahrem begründet werden könne, so bleibe hierfür nur
Wahrscheinliches übrig.
Allein das möchte ein Irrtum und ein greifbarer Widerspruch mit der
Lehre des Aristoteles sein.
Nachdem er im Proömium B. 1 K. 1. Absatz 4 gesagt hat, ein
dialektischer Schluß entspringe aus wahrscheinlichen Sätzen, erklärt
er im Absatz 5 ausdrücklich, wahrscheinliche Sätze seien die, die
allen oder den meisten oder den Weisen wahr zu sein schienen. Das sind
aber doch wohl nicht die Sätze, mit denen man alles mögliche beweist.
Wenn der Dialektiker pro und contra disputiert, ist es ja auch nicht
derselbe Satz, bei dem er das tut, sondern je ein anderer: er tritt
eben bald als Defendent, bald als Opponent auf. B. 8, K. 9 wird eigens
gefordert, man solle sich keiner unwahrscheinlichen Sätze annehmen.
Auch scheinen die in der Topik vorkommenden Örter sämtlich nicht von
der Art zu sein, daß man sie als bloß wahrscheinliche oder gar als
Sätze von einiger, aber geringer Wahrscheinlichkeit im mathematischen
Sinne bezeichnen könnte: sie sind so ziemlich alle wahr.
Aber wenn das zutrifft, so entsteht eine neue Schwierigkeit: sind
die Topen des Aristoteles wahre Sätze, warum nennt er sie dann
wahrscheinlich?
Man wird antworten müssen, daß nicht sowohl die fraglichen Sätze an
sich bloß wahrscheinlich sind, sondern vielmehr die Berechtigung, sie
auf die gegebenen Fälle anzuwenden. Das liegt ja auch bereits in der
Stelle der Rhetorik I, 2. Die fraglichen Sätze sind allgemeiner Natur
und darum dem jeweiligen behandelten Gegenstand mehr äußerlich. Es
kann also vorkommen, daß sie auf ihn nicht passen, und dementsprechend
stoßen wir in der Topik selbst nicht selten auf Fälle, für die
Aristoteles dies erklärt.
Dementsprechend läßt er auch öfter, wo er in einer einzelnen Disziplin
einen Satz beweisen will, dialektische oder wahrscheinliche Gründe
vorausgehen, um dann, eben der wissenschaftlichen Gewißheit wegen,
der Sache eigentümliche folgen zu lassen. Als ein Beispiel diene die
Stelle Physik III, 5. 204b ff. Es handelt sich dort um die Frage, ob
ein unendlich großer Körper möglich ist. Für das Nein führt er zuerst
zwei „logische“ Gründe an: 1. den Begriff des Körpers: er ist das durch
Flächen Begrenzte, die Begrenztheit schließt aber die Unendlichkeit
aus; 2. den Begriff der Zahl: sie ist durch die Einheit gemessene
Vielheit, unendlich viele Teile aber, wie sie der unendlich große
Körper haben müßte, lassen sich nicht messen oder zählen; denn das
Unendliche läßt sich nicht durchschreiten.
In diesem Sinne also schließt die Topik aus Wahrscheinlichem und auf
Wahrscheinliches. Darum nimmt sie auch die Mitte ein zwischen der Lehre
vom wissenschaftlichen und vom Trugschlusse: jene ergeben Wahres,
diese Falsches, die dialektischen Schlüsse Wahrscheinliches.
Die Topik wird von Aristoteles Dialektik genannt. Mit diesem
Sprachgebrauch weicht er von Plato ab, der vielfach unter Dialektik
die Metaphysik als Abschluß der Philosophie versteht. Das Wort kommt
von διαλέγεσθαι, disputieren, und zeigt an, daß die Dialektik die
Kunst ist, eine Aufstellung einem Gegner gegenüber zu verteidigen oder
anzugreifen.
Der Nutzen der Dialektik wird von Aristoteles B. 1 K. 2 kurz angegeben.
Sie macht uns geübt, einen vorgelegten Gegenstand logisch und
methodisch zu behandeln; die Vertrautheit mit ihr befähigt uns, die
geltenden Meinungen sachkundig zu beurteilen und selbständig und mit
Erfolg entweder zu vertreten oder anzugreifen. Auch ist sie für die
philosophischen Wissenschaften nützlich, da durch die Vergleichung
des Für und Wider die Wahrheit an den Tag kommt. Eine Beleuchtung
dieses Gedankens sind die Aporien, die im dritten Buche der Metaphysik
aufgestellt und erörtert werden, um dann in den späteren Büchern die
streng wissenschaftliche Untersuchung der Probleme folgen zu lassen.
Endlich klärt sie uns über die Prinzipien der Einzelwissenschaften auf,
die von diesen selbst vorausgesetzt, nicht bewiesen werden. So gewinnt
Aristoteles Metaphysik I, 2 den Begriff der Philosophie, indem er die
Meinungen der Menge über den Weisen zu Rate zieht. Es sind also überall
annehmbare, angesehene, wahrscheinliche Meinungen, ἔνδοξα, an deren
Hand die Wahrheit ermittelt wird.
Der Plan und der Inhalt der acht Bücher der Topik ist folgender.
Das erste Buch ist mehr einleitend und allgemein. Zuerst werden die
Dialektik und ihr Objekt, die dialektischen Schlüsse, ihrem Begriffe
nach bestimmt und wird der Nutzen der Dialektik beschrieben. Dann folgt
gleich im 4. K. eine Einteilung der dialektischen Schlüsse, die für
die ganze nachfolgende Erörterung grundlegend ist: es handelt sich bei
ihnen entweder um ein Akzidenz oder die Gattung oder das Proprium oder
die Definition. Diese vier Genera stehen sich aber nicht so gegenüber,
daß nicht die Topen für das eine vielfach auch für das andere gälten.
Solche Sätze heißen nach der Rhetorik, im Gegensatz zu den Topen im
engeren Sinne, auch εἴδη, Formen. Vom zwölften bis zum achtzehnten,
dem letzten Kapitel dieses Buches werden vier Werkzeuge oder allgemein
verwendbare Mittel zur Gewinnung von probablen Sätzen besprochen. Sie
sind eine Zusammenfassung dessen, was die Topen im einzelnen sind. Das
erste ist die Auswahl der den Schluß begründenden Sätze, das zweite die
Unterscheidung der verschiedenen Bedeutung der Wörter, das dritte die
Auffindung des Unterschiedes der Dinge und das vierte die Auffindung
ihrer Übereinstimmung.
Das zweite und dritte Buch bringt die Topen für das Akzidenz, das
vierte die für die Gattung, das fünfte die für das Proprium und das
sechste und siebente die für die Definition.
Das achte Buch unterweist in der Technik des Disputierens und lehrt die
Ordnung, in der man fragen und wie man überhaupt die ganze Erörterung
gestalten soll, um nicht nur die gewollte Begründung oder Widerlegung
tatsächlich zustande zu bringen, sondern auch den Widerpart klar zu
überzeugen oder doch außer Gefecht zu setzen.
Wir haben diese Schrift wieder nach der großen Bekkerschen Ausgabe
des Aristoteles von 1831 übersetzt. Der Text der Topik ist sehr
gut erhalten. Hier und da haben wir bei der Übertragung ein oder
mehrere Worte in Klammern beigefügt, um die Anmerkungen nicht zu sehr
anschwellen zu lassen. Von diesen haben wir die eine und die andere,
die uns in der Folge nicht mehr haltbar schien und durch spätere
Anmerkungen richtiggestellt wird, gleichwohl in der ursprünglichen
Fassung stehen lassen, um gleichsam vor den Augen des Lesers
schrittweise in das mühevolle Verständnis dieser Schrift einzudringen
und ihm an diesem Beispiel zu zeigen, wie die bessere Auffassung
von der Meinung des Aristoteles oft erst durch die Fortsetzung der
Untersuchung gewonnen wird. Von deutschen Übersetzungen haben wir die
von Zell, Bender und von Kirchmann eingesehen und zu Rate gezogen.
Die vortreffliche lateinische Übertragung von Julius Pacius haben wir
verglichen. Die lateinische Paraphrase von Silvester Maurus S. J.:
Aristotelis opera omnia Paris 1885 Lethielleux hat uns dankenswerte
Dienste geleistet, wenn wir dem Autor auch nicht in allem glaubten
beipflichten zu können.
Köln-Lindenthal, den 9. November 1918.
=Rolfes.=
Inhaltsverzeichnis.
=Erstes Buch=.