Und nun, -- was ist das? --

Mir träumte weiter, die Tür sprang auf und herein stürmte die Schar

meiner Kinder, mit Blütenzweigen in den Händen, und jubelten und

lachten und küßten mich.

Plötzlich wachte ich auf. Der Kapitän hatte mich bei der Schulter

gefaßt und schüttelte mich: »Doktor, wir sind in Hamburg! Liegen

Sie hier bei offener Kabinentür, daß der Schnee Ihnen auf die Koje

weht!« -- Da sprang ich auf. Und wie ich aus der Tür auf Deck trat,

brach durch allen Nebel und winterliches Gewölk mit einem Male in

vollem. Strahlenglanze die Sonne durch, das Schiff, den Hafen, die

Vaterstadt und weiterhin den Fluß, die Deiche, die weiten Heideberge

mit Frühlingszauber überschüttend. Vor mir aber lag hochaufragend, neu

erstanden aus Schutt und Asche, in hellem, goldenen Sonnenlichte die

neuerbaute Kirche und auf hohem Hügel ihr gegenüber übermenschlich,

groß, ernst, hoheitsvoll, gebieterisch, wie der Geist der

Weltgeschichte selbst, das granitene Standbild des größten deutschen

Mannes, des Mannes der Tat.

* * * * *

So war ich denn wieder daheim. Einst war ich niedergebrochen gewesen

durch die Größe des menschlichen Elends und die Lieblosigkeit der

Menschen und hatte gedacht, all diesem zu entfliehen, wenn ich übers

Meer ging. Aber ich fand Elend und Herzeleid, wohin ich ging. Doch

das Elend, das mich erdrücken wollte, das Elend meiner Heimat, meines

Volkes, meines Vaterlandes lernte ich aus der Ferne übersehen, -- ich

gewann neuen Überblick.

Ich übersah aus der Ferne die Scharen der Mitkämpfenden besser, als ich

es vordem in der Heimat gekonnt hatte, sah, daß die Scharen der Freunde

und Gleichgesinnten bereits Legion war, -- gerade da draußen in der

Fremde, da war es mir so recht zum Bewußtsein gekommen, welch gewaltige

Zahl der Besten und Klügsten in der vordersten Schlachtreihe kämpfte.

Gleichzeitig lernte ich fremde Menschen kennen, von denen der eine

dieses, der andere jenes Unglück erlitten -- und überwunden hatte,

fremde Völker, von denen das eine dieses Elend, das andere jenes Elend

aus der Welt geschafft und so unsere menschliche Kultur gefördert

hatte.

Da wurde ich befreit von dem Drucke, der auf mir lastete, und

bereichert und gekräftigt und gesundet kehrte ich heim, -- mit neuer

Kraft, zu neuem Leben, zu neuem Kampfe, zu neuem Lieben.

Denn das war der größte Gewinn dieser Reise, das fühlte ich, -- die

Einsicht, daß wir vor allem dieser einen Kraft mehr bedürfen, als

bisher, um das Unglück und das Böse, um alles Dunkele, um den Tod zu

überwinden, dieser einen Kraft viel, viel mehr bedürfen, als wir je

uns klar gemacht, -- der Liebe: Der Liebe zu unseren Vorfahren, der

Liebe zu unseren Kindern und Kindeskindern, der Liebe zu Kraft und

Gesundheit, der Liebe zu unserem Körper, als dem Gefäße unserer Seele

und dem Samen für unsere Nachkommen, der Liebe zur Schönheit, der

Liebe zur Kunst, der Liebe zur Natur; der Liebe zu unserer Rasse, zu

dem Menschengeschlechte, wie der Liebe zu den Pflanzen und zum Tiere;

der Liebe zu unserer Heimat mit ihren Hecken und Blumen, mit ihren

Flüssen und ihren Wäldern, mit ihren Heiden und ihren Seen, zu unserem

Vaterlande, zum Meere, dem unendlichen Meere, und zu der Ferne dort

drüben über dem Ozean, wo Raum für neue Menschheiten ist.

Wir müssen die Erinnerung mehr lieben; denn sie verlängert unser

Leben ins Unendliche, weil wir aus der Unendlichkeit stammen. Und die

Hoffnung, denn sie ist der Pfad, der uns aus kalten Schattentälern zu

sonnenbeschienenen Höhen führt!

Vor allem aber müssen wir die Gegenwart mehr lieben. Schön soll sie

sein und reich an Liebe und Sonnenschein für uns und die anderen, damit

die Erinnerung aus ihr schöpfen und die Zukunft auf ihr fußen kann!

Und das ist wahr! Das Weib muß den Mann wieder mehr lieben um des

Mannes willen, und der Mann das Weib um des Weibes willen. Denn das

Weib ist für den Mann das, was Gott für die Welt ist, -- das Weib

ist das Symbol für die Seele der Welt. So sei das Weib die Seele

des Mannes: rein, weich, keusch, stark und feurig. Das Weib muß die

Liebe selbst sein und eins mit dem Manne, dem Symbol der kreisenden,

schaffenden Welt.

Und das, was beide zusammen erzeugen, bedarf unserer größten Liebe:

wir müssen das Kind mehr lieben, denn es ist hilflos und bedarf

unserer Stärke! So müssen wir auch die Armen mehr lieben und die

Unterdrückten, denn sie bedürfen unserer Kraft! Unser ganzes Volk

müssen wir mehr lieben, denn aus ihm sind wir entsprossen; und unsere

Fürsten, denn sie sind unser Hort. Und die Fürsten, sie müssen ihre

Völker mehr lieben; denn ohne ihre Völker sind sie wesenlose Schatten!

Wir müssen die Pflicht mehr lieben, denn sie ist das Band, das die

Menschheit zusammenhält; und die Freiheit, damit jeder einzelne das

werden kann, wozu er berufen ist, -- ein Mensch! Wir bedürfen größerer

Liebe für den Ernst des Lebens und für die Fröhlichkeit, einer

größeren, heiligen Liebe zur Einsamkeit und Ruhe nach ernster Arbeit

und frohem Feste, einer größeren, heiligen Liebe für die Wahrheit und

die Gerechtigkeit. Wir müssen den Stolz mehr lieben, wir selbst zu

sein, und müssen Liebe hegen gegen die Ehrfurcht vor dem Größeren. Wir

müssen den Haß wieder lieben lernen, den Haß gegen alles Schlechte und

Gemeine, gegen alles Niedrige und Kleinliche, den Haß gegen alles, was

uns krank und schwach macht. Wir müssen das Wort mehr lieben, auf daß

es schön und groß und gut und friedfertig sei; aber mehr noch als das

Wort müssen wir die Tat lieben. Das ist der Weg, der allein unsere

Kultur zum Ziele führen kann: mehr Liebe!

Wir müssen das Leben mehr lieben lernen und den Tod und vor allem Den,

Der in diesem allen lebt, dieses alles umfaßt und begreift, den Geist

des Alls -- Gott! Denn Gott ist die Liebe, und Leben heißt Lieben. So

laßt uns mehr leben durch mehr Liebe! Denn Liebe ist Sonne, und ohne

Sonne kein Leben. Wie die Sonne der Tropen soll die Liebe unser Leben

durchfluten, erhellend, erwärmend! Mehr Sonne, mehr Liebe! -- -- --

* * * * *

Als ich die Blätter, die mein sterbender Freund mir anvertraut, gelesen

hatte, sah ich in meinem Geiste ein seltsames Bild: ein leuchtendes

Leben hob sich von einem gewaltig großen, dunklen Hintergrunde ab. Aber

am Horizonte lichtete sich das Dunkel. Golden und purpurn stieg da der

junge Tag herauf.

Und während ich noch das Bild mit meinem inneren Auge sah, hörte ich

eine schlichte, aber starke Melodie und ein Brausen, wie mächtige

Orgeltöne einer wunderbar ergreifenden und erhebenden Begleitung.

Und dann schritt ich im Geiste mit traumhaft großen Schritten neben

meinem Freunde über die Heide und sog den ganzen Zauberduft des Nordens

ein. Er aber wies auf eine Reihe roter Ziegeldächer am Waldessaume hin,

von denen leichte Wölkchen Rauch aufstiegen, -- ein Bild des Friedens.

Und höher und immer höher stiegen wir bergan, bis der Wald aufhörte,

-- da, wo der ewige Schnee begann. Und das weite Land mit seinen

qualmenden Städten und seinen duftenden Heiden lag wie Ameisengewimmel

zu unseren Füßen.

Da verstand ich ihn, was er meinte, wenn er so oft sagte, wir

müßten wieder lernen, die großen Probleme unserer Kultur aus der

Vogelperspektive zu sehen.

Seltsam, -- es war mir, als ob er noch lebte, und war doch nun

gestorben, wie wir alle sterben müssen. Und hatten ihn da oben unter

den Schnee gebettet, -- ganz nahe der Sonne.

Und im Frühling, -- mußte ich denken, -- wenn der Schnee kam, dann

löste auch sein Leib sich in seine Atome auf, und die Schneewässer

nahmen sie mit zu Tal und düngten mit den Atomen die Wiesen und Äcker

und verwandelten so seinen Leib in Algen, Halme und Blumen.

Aber das, was Geistiges an ihm war, seine große Liebe zu den Menschen

und den Tieren und den Blumen und zu der Summe aller der Liebe, die das

All durchflutet, die er Gott nannte, dieses Geistige, -- nennen wir es

seine Seele -- das hatte längst Wellenringe der Liebe ausgestrahlt, die

ebensowenig untergehen werden, wie die Atome seines Leibes, die die

Schneewässer zu Tal führen.

Diese lose aneinandergereihten Blätter hatten eigentlich ein Buch

werden sollen, hatte er mir kurz vor seinem Tode einmal anvertraut,

ein großes, starkes Buch, das den Menschen helfen sollte, gesunder

und froher, freier und glücklicher zu werden, ein Buch für Völker und

Könige.

Aber der Tod war ihm zuvorgekommen. So sende ich denn diese Blätter in

die Welt, wie ich sie von ihm empfangen habe. Mögen Wellenringe des

Guten von ihnen ausgehen und, wie der Lebende es wünschend im Geiste

geschaut, sich umwandeln durch Liebe in die Tat zu neuem Leben.

* * * * *

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 26 / 39 题