Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen
Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! -- --
Kaiser, mein geliebter Kaiser, -- oh, ich wußte es ja, du bist groß und
gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest
du den Zeitgeist verstehen!
Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so
schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig
längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du
nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die
Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen,
dich fördern sollten! -- Doch nun weiter, unermüdlich.
Weiter! -- Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher!
Immer mehr im Geiste der Liebe!
* * * * *
Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, -- diese
Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, -- die Reichen und
Großen folgten, -- ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und
seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine
Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte
des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute
so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn.
Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des
greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte
ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen
Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und
unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der
jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie
er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten
zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen,
einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins
Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im
Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten,
das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit
unserer Frauen!
Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale
von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam
Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern und Händen, nur von
dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! -- -- -- --
Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese
alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich
mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du
die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die
Größe liebst, weil du selbst groß bist!
Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von
Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. -- -- --
* * * * *
Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest
drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos
arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! -- Wir eilen heim. -- In mir
flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, -- von Sonnenschein, von
hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! -- --
* * * * *
An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In
Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg
wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen
Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten,
Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun
wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder,
Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der
englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London
gefahren war.
Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der
englischen Großlogensitzung:
»In einer großen, von den Guttemplern und anderen
Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen
Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der
Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das
Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor
J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und
ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen
in Schottland, der zweite über diejenigen in England, und ich war
aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung
zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten
die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders
glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise
gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber
es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von
Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:
›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von
Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der
anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der
ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft
und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu
versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht
der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen
Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen,
sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹
Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales,
Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste
überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen
unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall
wurde sie einstimmig angenommen.
Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und
Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche
Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution
versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen
neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine
Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des
Weltfriedens in hohem Maße beitrage.
Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch
vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und
aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst
mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten
glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als
einmal zu hören!«
Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier
Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung:
»Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt
gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs-
und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition.
Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den
Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und
Mißverständnisse der Politik.
Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar
nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere
Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch
zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit
Deutschland in Fühlung zu treten.
Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie
überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach
dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit
Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die
englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern
Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er,
hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und
streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen,
die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach
Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des
Friedens!« -- -- -- --
Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr-
und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen
Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit
strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine
Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren,
gegen die Deutschen! Versuch es nur, -- aber hüte dich, daß der Sturm
der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt
dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur
Sonne, wie das meinige! -- Ich weiß es wohl, -- es sind nicht nur deine
eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du
willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast,
-- das erste Volk der Erde soll es sein! -- Wohlan, wir sind gerüstet,
wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes
Volk von sechzig Millionen! -- Wir aber werden euch nicht angreifen,
-- wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in
friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den
Wegen der Kultur! --
Ihr Könige, gebt acht! -- Die Völker werden nüchtern und werden durstig
nach Liebe! -- -- -- --
* * * * *
Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck
zusammen.
Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten
aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten
Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der
Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu
eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als
dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele
vorangegangen sei, -- wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter
den Nationen.
Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen
Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die
amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits
viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem
heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur
schuf.
Eine einfache kleine Volksschullehrerin, -- aber mit dem Willen zur
Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi
Geist stammte.
Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem
Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen
Mitglieder im schwedischen Reichstage, -- ein gut Teil davon
Sozialisten, -- die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege
zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine
Kriege. -- --
Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.
»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge,
Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«
»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche
Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch
für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden
zu bewahren.«
»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche
Unterricht eingeführt.«
»Fortschritt überall!«
»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor
allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der
Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder
Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden
der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle
weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne
zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen
Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen
gekommen seien.«
Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind
durch Tausende lebendiger Fäden!
»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer
Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und
Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte
herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« -- und
wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch
hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung
gegeben habe, -- »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der
Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«
»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden
sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im
Freien, im Wald und auf der Heide.« -- -- --
Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu
großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit
meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen
Wellenringe der Nationen.
* * * * *
Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf
meinen stillen Platz hinter der Maschine.
Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und
putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube.
Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von
meinen Träumen abgelenkt wurde.
Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe
bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in
aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?«
-- »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er
mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und
klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse
der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, -- sie ist doch wichtig.
Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich
allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine
würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet
werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, --
und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend
noch so unbedeutend, -- seine Bedeutung hat für das Gedeihen des
Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren
und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«
Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.
Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle.
-- -- -- Und ich, was war ich denn?
Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, --
als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große,
graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?
War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese
kleine Schraube, -- war ich überhaupt so viel?
Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den
Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor
Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem
Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den
Fortschritt der Menschheit bedeutete?
Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!
Und doch, -- und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die
Maschine. --
Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich
lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager
lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet
werden. --
Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner
Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser
Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner
Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.
Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.
Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe,
für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.
Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die
sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie
unaufhaltsam vorwärtstrieb. -- Und dankbar dachte ich seines neuen
Erlasses.
Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt
ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser
Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus
der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den
steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, -- allem, was die
Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, -- gerade wie
die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der
Nacht.
Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein
Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne
Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch
immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so,
wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich
und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« --
Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein
Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus
grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker
überschattend im Geiste der Liebe. -- -- -- --
* * * * *
Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und
ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und
sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen
Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von
Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem
treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte,
Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph
gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit
derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als
Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine
Seelenruhe nie erschüttern.
Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir
je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht
fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue
gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem
man gehört, -- treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören,
-- die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht
von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, -- aber festhalten
heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur
gegenseitigen Förderung.
So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt
haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer
Völker, zum Besten der Menschheit!«
Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über
unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den
Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in
einer Kirche der Heimat Ostern feierten.
* * * * *
Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer
der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!
Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe.
Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst
den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem
Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines, noch
ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß
der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. -- Wunderlich, wie
schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der
akademischen Trinksitten! -- -- -- -- --
»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen
nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven
würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue
Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit
einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. --
Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! -- Der Vater,
Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch
werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen
und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden
geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn
hochgerissen. -- In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege
weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein
gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, --
eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung --
Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, -- aber es sei famos, -- und
die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als
ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« -- -- --
Ein Händedruck. -- »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« -- Der Kollege fährt
wieder an Land.
Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes
weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. -- --
Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt
noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, -- der
»Sonnenscheinsamen« -- der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne.
Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt;
-- er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich
antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht
für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft,
zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht
für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne an
sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch
diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein
einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige,
große Aufgabe hat.
In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme.
-- --
Vor mir lagen meine Lieder.
Sonnenscheinsamen.
Sonnenscheinsamen
Schenktest du mir, Geliebte!
Sonnenscheinsamen!
Ich aber streut' ihn
Mit vollen Händen
In die Herzen der Menschen,
In reich und arm,
In hoch und niedrig,
Ohne zu fragen,
Ob sie ihn wollten.
Und die ihn nicht wollten,
Bedurften seiner am meisten;
Denn sie saßen im Dunkeln
Und hatten vergessen,
Daß es noch Sonnenschein gab auf der Erde.
Und von den Klugen und Weisen
Riefen die meisten:
Halt' ein, du Fürst, du Verschwender,
Weißt du nicht, was du tust?
All deinen Sonnenschein
Entnimmst du dem Herzen
Und streust ihn,
Ohne an dich zu denken,
Über die Erde,
Als ob dein Reichtum
Nimmer enden könnte! --
Toren und Narren!
Zürn' ihnen nicht!
Sie kennen dich nicht, Geliebte,
Noch deinen Samen.
Kennen nicht seine Kraft
Und wissen nicht,
Daß, je mehr ich ihn säe,
Je mehr des wärmenden Lichtes aufgeht,
Und um so mehr von diesem deinen Samen
In mich zurückfällt,
Wuchernd und werbend!
Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe.
Was wißt ihr von Freiheit,
Ihr, die ihr nimmer
Aus dem Gewühl der Städte entranntet,
Eingepfercht zwischen den Mauern der Häuser,
Den Rücken gebeugt vor Fürstenthronen
Und Fürstendienern!
Was wißt ihr von Freiheit!
Ihr, die ihr nimmer das Weltmeer kreuztet,
Ihr, denen nimmer der Sturm ums Haupt gebraust,
Die ihr die Wogen am Bug des Schiffes nicht branden hörtet! --
Jauchzend stehe ich auf sausendem Schiff,
Über mir funkelt des Südens Kreuz
Und das Schwert des Orion. --
Brausend durchschneidet mein Kiel die Flut,
So weit das Auge reicht, kein Land,
Nur unbegrenztes, unendliches Meer.
Ich aber trinke, in langen Zügen
Satt mich trinkend, selige Freiheit,
Eins mich fühlend in meiner Seele
Mit dem Geiste der Welten,
Der über die Meere herrscht und über die Erde
Und alle Gestirne.
Und meine Seele ist bei ihm
Und lebt in ihm
Und fühlt sich eins mit ihm
Als Herrn der Welt! --
Allein der Herr der Welt
Ist die Liebe!
Ihr aber macht euch Gesetze,
Die der Liebe spotten und somit des Herrn!
Wißt ihr, was Tropensonne heißt?
Habt ihr die glühenden Strahlen empfunden?
So ist die Liebe!
Den Tod besiegend und Leben erweckend,
Eis des Nordens in Dampf verwandelnd,
Meere kochend,
Daß sie entströmen
In heißen Wogen ihren Gestaden,
Weithin tragend in grünen Wellen
Die Sonne des Südens,
Daß sie an Nordlands kalten Gestaden
Wonnespendend
Wunder des Frühlings lieblich zaubern.
Mich durchglühte die Tropensonne
Und weckte mir Liebe,
Glühend heiß wie sie selbst,
Nordlandeis in Dampf zu verwandeln!
Und kraft dieser Liebe
Breche ich eure Gesetze,
Die euch in Fesseln halten,
Wie der Nordsturm die Bäche
In unserer Heimat in Eis verwandelt,
Daß sie die Fluren nicht tränken können.
Eure Gesetze und Sitten,
Euren Glauben und eure Dogmen,
Die euch verbieten, euch so zu lieben,
Wie der euch zeigte,
Der die Sonne in euer Leben brachte
In nur einem Gesetz,
Einem einzigen, sonnigen:
Liebet euch untereinander!
Ihr aber tötet euch untereinander
Kraft eurer Gesetze,
Und haßt euch gegenseitig
Und steinigt euch
Kraft eurer Sitten!
Um was?
Um eures Glaubens, eurer Dogmen,
Eurer Sitten willen!
Eure Sonne aber schlugt ihr ans Kreuz! --
Habt ihr das Kreuz des Südens gesehen?
Habt ihr der Tropen Sonne gespürt?
Habt ihr des Sturmes Brausen gehört
Auf wogendem Meer?
Sie lachen eurer und eurer Gesetze
Und erzählen von unendlicher Wärme und Größe,
Die nie versieget,
An die ihr nicht tasten könnt
Mit euren Händen
Und eurem Menschenverstande
Und eurer Kälte, --
Von Wärme und Größe,
Die ewig frei war, und ewig es sein wird!
Und das Meer und die Sonne
Und der brausende Sturm
Und die ewige Schönheit vom Kreuz des Südens,
Sie alle haben es mich gelehrt,
Eure Gesetze erbärmlich und klein zu finden,
-- Würdig euch Menschen, --
Und bar der Liebe!
Und so lache ich euer und eurer Gesetze
Und Sitten und toten Dogmen,
Und habe Mitleid mit euch
Und liebe euch
In all eurer Kleinheit
Und eurer Härte und Kälte,
Und will euch auftauen mit meiner Liebe,
Wie der Golfstrom des Nordlands Gestade auftaut,
Und stürmen wie der Sturm,
Reinigend, stärkend,
Und lieben, wie die Sonne der Tropen,
Heiß, versengend und Leben weckend,
Überreich' Leben!
Und kraft des sonnigsten Gesetzes,
Das der sonnigste Mensch euch gab,
Liebe ich die, die ihr verachtet,
Liebe ich die, die ihr hasset,
Denn sie bedürfen der Liebe! --
Lieb' ich euch alle!
Denn ihr alle bedürft der Liebe!
Und auf dem starken Fittich meiner Liebe
Über Tod und Grauen
Trage ich euch empor zum Herrn der Welten,
Dem Geist der Liebe,
Mit dem ich eins mich weiß
Als Herrn der Welt!
* * * * *
Weißt du, wer ich bin?
Weißt du, wer ich bin?
Ein Stückchen bin ich vom Nagel
Am kleinen Finger der Gerechtigkeit.
Wehe dir, wenn du Arme drückst
Oder Bedrängte!
Hüte dich, daß du die Wahrheit nicht in den Schmutz ziehst,
Daß sie aussieht, wie eine weiße Rose,
Die du im Uferschlamme des Sees zertreten hast!
Hüte dich, daß du nicht Recht in Unrecht
Und Unrecht in Recht verwandelst!
Wisse, die Gerechtigkeit hat ein feines Gefühl
Selbst in dem Nagel ihres kleinen Fingers,
Und ich führe ihrer Hand den Weg,
Um dich zu packen!
Darum hüte dich! --
Weißt du, wer ich bin?
Weißt du, wer ich bin?
Ein Stäubchen bin ich im Weltenall,
Getragen von einem Sonnenstrahl,
Von einem Strahl aus jener Quelle,
Die ewig war und ewig sein wird!
Von einem Strahl aus jener Quelle,
Aus der seit Ewigkeiten
Alle Liebe und alle Wärme fließt.
Und wenn du im Elend bist;
Und wenn du einsam oder in Sorgen bist;
Wenn du arm oder gedrückt bist;
Wenn Krankheit dich quält
Und Schmerz
Und Angst vor dem Ende:
So komm zu mir, dem Sonnenstäubchen,
Und kraft des Strahls, durch den ich lebe,
Will ich dich lieben und dich erwärmen,
Daß deine Sorgen und deine Schmerzen,
Und was dich drückt,
In nichts zerfließt --
Nimm mein Leben, -- nur komm! --
* * * * *
Merkwürdiges erleb' ich!
Ich sehe die Dinge, wie sie sind,
Und sage, was ich sehe!
Und andere sehen die Dinge
Ebenso wie ich,
Und sagen, sie sähen sie anders!
Sie glauben, sie hätten Vorteil dadurch,
Oder es ist ihnen bequemer.
Aber sie merken nicht,
Daß ihre Worte wie Nebel sind,
Die die Wahrheit verdunkeln,
Wie die Nebel im Winter die Sonne verdunkeln!
Und andere glauben, klug zu sein,
Wenn sie das, was sie sind und wollen, verstecken,
Und tun,
Als ob sie anders wären und anderes wollten!
Und sehen nicht,
Daß sie ebenfalls nur Nebel erzeugen!
Und dieser Nebel hüllt unser ganzes Volk ein!
Aber die Wahrheit ist stark und hell,
Wie die Sonne,
Und scheint durch allen Nebel hindurch,
Oft nur in Strahlen,
Oft hellt sie ihn ganz.
Wie ein Licht scheint sie im Dunkeln,
Daß man sie so leicht finden kann,
Wie ein Licht im Dunkeln!
Und je näher wir kommen,
Desto größer und heller scheint uns das Licht;
Und je mehr wir in die Wahrheit eindringen,
Desto heller wird es in uns!
Sie gleicht einem Leuchtturm,
Der fernher über das finstere Meer
Unserem Schiffe den Weg zeigt
Zur fernen Küste! --
Du bist der Leuchtturm
Auf dem finstern Meere meines Lebens, Geliebte!
Einem Licht im Dunkeln gleichst du,
Wie du der Wahrheit gleichst,
So hell und klar.
Das kommt,
Ihr beide habt eine Mutter:
Die Sonne!
* * * * *
Den Tod fürchtest du,
Den Allbezwinger?
Ach, ich versteh' dich!
Toren malten ihn dir mit Sense und Hippe,
Und dich schreckt das Gerippe
Und die Furcht vor dem Nichts,
Dem Unbekannten,
Großen,
Leeren,
Dem Nichts!
Ist es nicht so?
Sei ruhig und ängstige dich nicht
Und laß dir erzählen!
Ich kenne ihn!
Zweimal trat er an mich heran.
Als er zuerst mir nahte,
Da lag ich auf meinem Schmerzenslager,
Fiebernd, röchelnd,
Nach Atem ringend,
Das Herz voll Sorgen wohl um die Meinen.
Da kam er
Mit leisem Schritt
Und sanfter Hand:
Noch fühl' ich sie,
Wie sie sich kühlend legte auf die glühende Stirn,
Sanft, ganz sanft.
Und wie die Augen schwer wurden,
Wurde mein Herz mir leicht,
Oh, so leicht,
Als ob ich Schwingen hätte,
Und alle Sorgen fielen von mir ab,
Alle Schmerzen schwanden, --
So ruhig wurde es drinnen,
So himmlisch ruhig, --
Mir war's,
Als wüchs' ich über mich hinaus,
Und größer, immer größer,
Um in eins zu fließen
Mit dem Geiste der Welt. --
Und ich genas.
Und wieder trat er dann zu mir,
Zum zweitenmal.
Als auf der Meerfahrt sich der Sturm erhob,
Die Wogen berghoch sich zusammentürmten,
Um donnernd auf das schwanke Schiff zu schlagen.
Da trat er wieder zu mir her,
Sanft, ganz sanft,
Und wiegte mich,
Wie mich die Mutter wiegte,
So daß ich mich als Kind noch einmal träumte,
Als glückersehnend Kind.
Und selig trank ich in Erinnerung
Noch einmal all der Zeiten Sonnenschein.
Und heut noch dank' ich ihm die Stunde,
In der er mir dies süße Glück verlieh.
Und nun erwart' ich ihn zum drittenmal.
Er komme, wann er kommt.
Ich weiß es, er ist sanft und mild;
Er löscht nicht aus,
Er lindert nur die Schmerzen
Und zaubert dir dein geistig' Aug'
So groß und weit,
Daß du dein irdisches gar gern entbehrst.
Sieh die Natur:
In weißes, weiches Laken
Hüllt der Schnee sie ein.
Du meinst, sie sei gestorben?
Tor, sie lebt!
Dort unter dem Schnee,
Da lebt es und webt es!
In starrender Rinde
Und rauhem Kern,
Da treibt es und keimt es!
Und kommt der Frühling
Mit seiner Sonne,
Warte nur,
Sing' und freu' dich!
Schau nur,
Welch blühendes, schwellendes, sonniges Leben
Der schwarzen Erde entsprießt,
Alles, was in ihr verborgen lag,
Vermodernd, verwesend,
In neues Leben verwandelnd,
Das zur Sonne drängt,
Weil es von der Sonne stammt!
Und auch du stammst aus der Sonne!
Auch dich decken sie einst
Mit weißem weichen Laken
Und senken dich,
Wie ein Samenkorn von der Wintersaat,
In die Erde,
Damit, wenn dein Frühling kommt,
Was von dir aus der Sonne stammt,
Zur Sonne emporwächst.
Aber gib acht!
Was du an Sonne und Liebe erhaschen kannst,
Trink es in dich hinein,
Wie die Blume die Sonne in sich hineinsaugt.
Trink Sonne und Liebe,
Soviel du nur kannst,
Und strahle sie wieder von dir,
Erhellend, erwärmend,
Als ob du selbst ein Stückchen Sonne seist!
So mehre den Sonnenkern in dir,
Jenes wunderbare Teil in dir,
Das du von ihm empfingst,
Dem Allewigen,
Aus dem alle Sonne und Liebe stammt.
Und fürchte dich nicht vor dem Tod:
Denn er ist sanft
Und zeigt dir nur den Weg,
Der dich vom Nebeltal der Erde
Wieder dorthin führt,
Woher du stammst.
Sei froh und fürchte dich nicht!
* * * * *
Ich lag im Grase und unter Blumen,
Bunt und blühend, vertraulich nickend,
Am Busen der Erde, der Mutter aller.
Am fernen Waldessaum entstieg dem dunklen Tann
Des Meilers grauer Qualm,
Mich mahnend an der andern Menschen Treiben.
Und wie es kam -- ich weiß es selber kaum:
Ich fühlte mich so jung, war wieder Kind,
Und mit den Schwestern, all den Blumen,
Da spielte ich und neckte mich; --
Ihr seid doch meine Schwestern, nicht?
Und du? Du Mutter Erde,
Bist du nicht unsre Mutter?
Oder etwa nur, weil wir dich so nennen,
Nicht, weil du es bist?
Aber wurzelt nicht in deinem Schoße
Der gewaltige Eichbaum,
Die Blume am Wege
Und in des Meeres unendlicher Tiefe
Weit um sich greifender Algen bunte Pracht,
Wie in der Mutter Schoße das Kind,
Angeheftet mit feinen Fäden,
Nahrungssaugenden,
Wachstumspendenden? --
Oh, daß ich dich halten könnte,
Wie ich die Mutter umfing,
Da ich als Kind noch selig am Busen ihr ruhte.
Und ich? -- aber hier ruhe ich ja!
Wer will's mir denn wehren,
Wer mich reißen von deinem Busen?
Wurzeln wir denn nicht alle in dir?
Saugen wir all nicht aus deinem Boden
Nahrung und Kraft?
Sind denn nicht alle deine Geschöpfe
Unsre Geschwister?
Atmest du nicht für uns, deine Kinder,
Stärkende Himmelsluft ein?
Hauchst du nicht aus, des wir nicht bedürfen,
Was uns nur schadet,
Daß es zurzeit als himmlischer Segen
Umgewandelt herniederträufle,
Wenn du, die durstigen Kinder zu tränken,
Wasser des Himmels begierig schlürfest?
Ist nicht das Feuer, das wir gebrauchen,
Dein Feuer, Deine Glut,
An der wir uns wärmen?
Und empfängt nicht das Kind
Vom Geiste der Mutter seinen Geist?
Ist es nicht ebenso dein Geist,
Derselbe Geist, der uns alle beseelt,
Der uns alle umfaßt?
Der deinige nicht wiederum ein Teil des Weltgeists,
Abgesplittert und zugehörend? --
Weh' über die Brüder, die glauben,
Daß sie allein etwas sind!
Wären sie es, sie wären ein Nichts in dem Weltall!
Wenn sie es könnten! --
Nicht rollet der Donner, damit wir uns schrecken;
Aber wohl tut ihr dran,
Wenn ihr erschrecket und merket,
Daß vor dem Blitz auch ihr euch ducken müßt,
Gleich euren Brüdern im Walde -- ob all eures Wissens!
An meine Feinde.
Ich kenne euch, meine Feinde!
Euch, die ihr euren Brüdern den Fuß auf den Nacken setzt
Und sie zertretet,
Als ob sie Gras wären!
Euch, die ihr, Kreuzspinnen gleich,
In euren Netzen sitzet,
Tagediebe,
In euren Spelunken,
Lauernd, daß ihr vom Laster der Brüder,
Von ihren Schwächen
Eure schmutzigen Groschen zusammenkratzet!
Euch,
Die ihr sie in Häusermassen zusammenpferchet,
Damit sie euch zinsen!
Euch, die ihr in Palästen wohnt
Und in getäfelten Häusern,
Bei Braten und Wein schwelgt,
Zu Pferde und in Karossen dahinjagt
Und über die schlechten Zeiten jammert
Und die begehrliche Masse des Volks!
Ich kenne euch alle!
Ihr ewig Gerechten,
Ihr Stolzen und Harten,
Die ihr euch scheut, im Kirchengedränge
Den Ellbogen euch an einem der Sünder zu reiben,
Dem nicht so feines Tuch, wie euch,
Die sehnigen Arme und Beine umkleidet.
Und euch, ihr Tugendhaften,
Die ihr so sicher euren Weg geht,
Weil ihr die Kraft zum Sündigen nicht habt!
Und euch, ihr Männer,
Die ihr die Kraft nicht habt,
Eure Frauen mit Liebe zu sättigen,
Geschweige denn,
Daß ihr die Seele eines Weibes versteht,
Ihr, die ihr kaum ahnt,
Was Seele heißt!
Erbärmlich Volk!
Otterngezücht! --
Durch einen Wald schritt ich
Und fand ein Nest von jener Sorte,
Die die Natur
Mit dem Zickzackstreifen im Rücken gezeichnet.
Zischend bäumten sie hoch
Und wollten mich beißen.
Ich aber sprang mit beiden Füßen
Mitten in sie hinein
Und zertrat die Brut.
Oh, könnt' ich auch euch,
Ihr Krämer und Wucherer,
Ihr Brenner und Brauer,
Die ihr als Kirchenälteste so fromm tut
Und das Volk vergiftet,
Euch scheinheilige Pharisäer,
Die ihr angebt,
Das Christentum gepachtet zu haben,
Und deren Herzen
Das einzige Gesetz,
Das Gott uns gab:
»Liebet euch untereinander!«
So fremd ist,
Wie Erbarmen der Otter, --
Könnt' ich auch euch
Wie dieses Otterngezücht zertreten!
Mir träumte als Knabe,
Auf weißem Rosse ritt ich durchs Land,
In blinkender Rüstung,
Ein Ritter des Herrn,
Schwingend in meiner Hand
Ein flammendes Schwert.
Krämer, die Branntwein verkauften,
Hatten den Krieg entfesselt;
Weithin verwüstet lag schon das Land.
Mordend und brennend zogen sie aus,
Lachten und logen,
Sie brächten Kultur.
Glückliche Völker sanken dahin
In Elend und Schmach.
Ich aber schwang in erhobener Linken
Die Fackel der Wahrheit,
Den Arm gegürtet mit blinkendem Schild,
Der war die Liebe zu meinen Brüdern.
Todwund kamen sie an
Und heischten Hilfe!
Ich aber nahm sie unter den Schild!
Und mit der Rechten schwang ich mein Schwert,
Das hieß Gerechtigkeit. --
Oh, daß meine Kraft zehntausendfach wäre
Und mein Leben tausendfach,
Um euch, ihr Otterngezüchte, zu vernichten!
Aber solange ich atme,
Will ich mit euch kämpfen!
Zittert vor mir!
Denn ich bin zähe und stark,
Und meine Freunde sind wie Sand am Meere!
So fürchte ich euch nicht!
Ich kenne euch, meine Feinde,
Und danke euch,
Daß ihr euch so nennt!
Ich bin stolz auf euch!
Und habe Mitleid mit euch, --
Denn reihenweise sehe ich euch sterben
In der Blüte der Jahre,
Weil ihr auf meinen Rat nicht hörtet
Und auf die Klugheit meiner Freunde!
So habe ich Mitleid mit euch
Und eurem Ende! --
* * * * *
An meiner Seite schreitet ein Weib,
Ernst und still,
Und doch heiter und fröhlich.
Ich liebe sie,
Denn sie ist gütig gegen mich
Und überschüttet mich mit Reichtum.
Sie verleiht mir Kraft
Und meinem Leben Würze.
Nachts ruht sie an meiner Seite
Und sorgt, daß kein Gram
In mein Herz dringen kann.
Sie richtet meine Blicke auf den Weg,
Den ich zu gehen habe,
Und räumt die Hindernisse mir aus dem Weg.
Wenn ich müde werde,
So küßt sie meine Stirne
Und haucht mir neue Kräfte ein.
Meine Ohren hält sie mir zu
Mit weicher Hand,
Wenn die Spötter zischeln,
Und zeigt meinen Augen
Den Pfad,
Wenn die Feinde dräuen. --
So gehe ich geradeaus,
Und finde mein Ziel. --
Toren sagen,
Sie sei hart und unerbittlich.
Sie kennen sie nicht,
Weil sie sie nicht lieben,
Nicht lieben, wie ich,
Für den sie Leben ist!
Kaum kennen sie ihren Namen!
Du, meine Geliebte,
Meine Pflicht!
* * * * *
Du hast Furcht?
Fürchte dich nicht!
Du bist traurig?
Traure nicht!
Siehe, ich war niedergebrochen
Unter Furcht und Trauer,
Und meine Seele lag am Boden,
Wie mein Leib.
Da dachte ich an die,
Die meine Sonne ist,
Und erhob mich
Und genas
Und übte meine Kraft.
Schlangengleich
Umwanden Furcht und Trauer
Meine Seele
Und bissen nach meinem Leben.
Ich aber faßte sie
Und erwürgte sie
Und befreite mich aus ihren Ringen.
Und nun,
Siehe,
Stehe ich vor dir,
Stolz und frei
Und stark
Und reiche dir meine Hand
Und hebe dich zu mir empor.
Hab' Mut und hoffe,
So hast du Kraft!
Versuch' es nur!
Schau' nur, es geht. --
Schon strahlt dein Auge.
Glaube mir,
Hoffe,
Und folge mir!
Einer Mutter.
Dein Einziger ist dir genommen,
Mutter,
Dein brauner Knabe?
Oh, ich verstehe deinen Jammer,
Deinen Schmerz!
Dein Einziger!
Und welch ein Junge!
Wie leuchteten seine braunen Augen
Unter den dunklen Locken!
Wie lachte sein roter Mund!
Wie straff und fest waren diese jungen Beine,
Wie kraftvoll die Arme!
Wie hob sich die Brust,
Wenn er deinem Gatten
Vom Wagen herab
Die Fruchtkörbe reichte
Und die Körbe Gemüse!
Ja, weine nur, Mutter,
Weine heiße Tränen,
Laß sie wie Bäche im Frühling fließen!
Wahrlich, er ist es wert!
Traure um ihn,
Weine und traure!
Aber nicht verzweifeln!
Wie alt ist dein Gatte?
Dreiundvierzig?
Und stark und gesund? --
Wie könnt' er anders! --
Und du?
Wie alt bist du? --
Vierzig Jahre, sagst du?
Ich kenne Frauen,
Die mit zweiundvierzig freiten,
Und die mehreren starken Söhnen
Das Leben schenkten!
Du schüttelst dein Haupt
Und seufzest?
Hör' zu, was ich dir sage
Und glaube mir:
Warte, bis sich nun wieder
Der Mond erneut.
Kommt der Gatte dann heim,
Empfang ihn wie einstens,
Strahlend,
Hoffnungsfreudig.
Schling' deine Arme um seinen Hals,
Küß ihm von seiner Stirne,
Von seinen Lippen,
Von seinen Augen seinen Gram,
Euren Gram. --
Und sitzt ihr beim Mahl,
Erzähl' ihm,
Leise, leise,
Daß niemand es hört,
Dir hätte geträumt,
Selig, selig,
Ihr wäret noch jung,
Ganz jung,
Und hättet Gott gebeten,
So recht von Herzen,
Und er hätte euch erhört
Und euch geschenkt
Einen wonnigen Buben
Mit dunkelen Locken
Und braunen Augen. --
Und ehe ihr zur Ruhe geht,
Erzähl' ihm deinen Traum
Noch einmal!
Und hoffe!
Vergeltung.
Du hast mir weh getan,
Wie noch kein Mensch mir weh getan!
Ich habe dich lieb gehabt
Wie meine Seele, --
Und du hast mich betrogen!
Du hast mich verraten und verleumdet
Und hast mir giftige Pfeile in mein Herz gesenkt.
Ich ahnte nur, was Sünde war,
Wußte es aber nicht, --
Du hast es mich gelehrt.
Wenn ich nicht wäre, wie ich bin,
Und wenn ich nicht ich wäre,
Sondern wäre wie die andern,
So würde ich dich jetzt hassen
Und dich verachten,
Ja, dich töten!
Fast wäre ich gestorben deinetwegen
Und hätte mich verloren
Und alles, was mir schön und lieb ist,
Deinetwegen!
Und du, du hast mir weh getan,
Wie noch kein Mensch zuvor!
Aber ich hasse dich nicht
Und verachte dich nicht;
Denn mein Gott ist nicht dein Gott,
Ist nicht der Gott der Rache,
Sondern der Liebe!
Mein Gott gleicht der Sonne
Und nicht der Finsternis.
Der Sonne, die im Frühling
Die Blumen weckt
Und die Vöglein
Und die Herzen!
Der Sonne, die im Sommer
Die Traube reift
Und der Rose ihr Düften zaubert!
Der Sonne, die uns Leben schenkt
Und uns lieben lehrt
Und scheint über Gerechte und Ungerechte!
Und dieser Gott lehrte mich,
Auch dich,
Auch dich zu lieben,
Die ich so lieb gehabt
Wie meine Seele,
Und die mir nun so weh getan,
Wie noch kein Mensch zuvor!
Und da du in Not bist,
So will ich für dich sorgen
Und dir raten und helfen
Und dir Vater und Mutter sein
Und Sonne deines Lebens,
Wie meines Lebens Sonne es mich gelehrt!
* * * * *
Oh, klage nicht, daß Schmerzen dir beschieden!
Denn hätt'st du keine Schmerzen je erlitten,
Wie könntest du die Leiden anderer empfinden?
Und hätten andere für dich nicht so gelitten,
Wie könnten sie dann deine Schmerzen ahnen?
Und einsam ständest du im Leide
Und verlassen,
Und deine Tränen flössen ungesehen.
Oh, danke Gott für deine Schmerzen;
Denn sie sind das Band,
Das dich den anderen verbindet
Und dich und sie zu Menschen macht!
So laß aus deinem Leide Blumen wachsen,
Die andern Freude, Leben spenden!
Schau' nur den Frühling!
Aus Winterkälte erhebt er sein Haupt
Und streut Blumen und Düfte
Über die Erde,
Die wunden Herzen froh zu erquicken,
Und hat doch selbst soeben erst
Den Winter überwunden.
Und wenn dein Herz in Stürmen steht
Und Wintersnacht,
Wisse:
Anderer Herzen stehen im Frühling
Und überschütten dich mit Blumen und Düften
Und Sonnenschein!
Und ehe du dich's versiehst,
Vergeht dein Winter!
Einer Freundin.
Einen Schrein voll Kostbarkeiten
Sandtest du mir,
Wie von liebender Hand gepackt.
Und ich, --
Was soll ich Armer dir dafür schenken?
Siehe, mein Leben gehört den anderen,
Und meine Liebe einer anderen.
Meine Zeit gehört meinen Armen
Und meine Kraft meinen Kranken.
So nimm denn meine Freundschaft.
Die gleicht einem Bergsee
Droben zwischen den Firnen.
Kristallklar und hell ist sein Wasser;
Bis auf den Grund siehst du die weißen Kiesel.
Dunkelgrün spiegeln in ihm
Sich schweigende Fichten,
Ernste, hochragende.
So seien die Gedanken,
Die in dem Spiegel unserer Freundschaft
Leben gewinnen,
Ernst, hochragend.
Und unsere Freundschaft sei
Kristallhell und klar,
Rein und erfrischend,
Wie das Wasser jenes Bergsees
Dort oben hoch zwischen den Firnen!
* * * * *
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Daß die Sünde lieblich und wonnig ist
Im Beginn,
Wie Honig schmeckt
Und wie Veilchen duftet, -- im Beginn!
Aber nachher,
Wenn der Duft verflogen,
Schmeckt sie wie Galle
Und beißt, wie ätzend Gift!
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Wie weh es tut,
Und wie es krank macht
Und schwach
Bis zum Tode!
Und hast mich mit deiner starken Hand
Noch gerade gehalten,
Eh' sie ganz mich verschlang
In Tod und Verderben!
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Wie anderen zumute ist,
Die niederbrechen unter der Last der Sünden,
Todwund,
Und nicht die Kraft mehr haben,
Aus dem Meer von Galle
Und ätzend Gift
Mit starkem Arm sich emporzurudern
Und nach dir zu greifen,
Der du Licht und Sonne bist
Und Wärme und Liebe,
Aus der ich entstamme,
Aus der wir alle entstammen!
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Warum du es tatest,
Du Allgütiger und Allweiser:
Du wolltest ein Werkzeug haben
Deiner Güte,
Das geschickt sei zum Helfen
Und zum Vergeben,
Zum Heilen und Reinigen
Und zum Emporreißen zu dir,
Du Sonne unseres Lebens!
So mußte ich den Weg finden
Von Anfang an!
Herr, ich danke dir;
Denn nun weiß ich,
Meine Sünde war nur eine Stufe
Aus dem Dunkeln ins Helle!
* * * * *
Nicht nach Orden und Titeln
Steht mein Begehr,
Noch nach Ruhm,
Oder dem schwellenden Siegesgefühl;
Denn wenn ich den Sieg hätte,
Müßt' ich ja ruhen,
Wär' ja der Kampf beendet.
Aber der Kampf ist's ja gerade,
Der Kampf um die Wahrheit,
Der das Leben erst lebenswert macht,
Seien der Feinde auch noch so viel!
Auch nicht nach Reichtum sehne ich mich,
Noch nach weichlichen Polstern
Nach reichlichem Mahle.
Aber vielfach ist mein Begehr,
Was mir das Leben lebenswert macht:
Wohl liebe ich es,
Auf feurigem Roß
Durch die Berge zu reiten,
Oder auf sausendem Schiff die Meerflut zu teilen,
Auch zu berauschen mich
An den Rosen im Garten
Oder in stiller Frühlingsnacht am Dufte der Veilchen, --
Unter mir schläft in sanftem Nebel
Das liebliche Waldtal,
Übergossen vom silbernen Zauberschein
Des Mondes, --
Vor allem als Mann mich zu fühlen,
Als Freier,
Unter den rauschenden Kronen meiner Eichen
Im Kreise meiner Söhne,
Meiner starken, gewandten,
Blondlockigen, mit strahlenden Augen,
In meinem Garten
Mit ihnen
Mit Speer oder Pfeilen
Um die Wette zu schießen,
Wie die Ahnen vor tausend Jahren,
Oder kunstvoll mit ihnen
Schnellsegelnde Schiffe zu bauen!
Zartes, Innigeres, das ich nicht singe,
Kenne ich, was mich berauscht
Und mich zwingt,
Im Gefühle der Mannesvollkraft
Meine Arme zu recken,
Gleichsam als ob Erinnerung
An Schöpfers Urkraft mich durchglühte.
Und doch schafft dieses alles
Nimmer des Lebens treibende Kraft.
Aber mannesfroh macht es,
Den Mächtigen trotzen,
Wenn sie Unrecht tun
Und den Schwachen bedrängen,
Der sich nicht selber zu helfen weiß.
Und gegen der Mächtigen trutzigen Willen
Recht zu Recht bringen,
Der Witwen Tränen trocknen,
Dem Armen das Seine verschaffen,
Schwachen Frauen und weinenden Kindern
Gegen den harten Bedränger
Hilfe und Hort sein.
Dem Elenden helfen aus seiner Verzagtheit,
Dem Sinkenden Mut in die Seele hauchen,
Daß er aufs neue
An die Sonne, an das Leben,
An die Liebe, die göttliche, glauben lernt.
Den Weisesten im Lande,
Vom Staate gestempelt,
Zeigen, daß auch sie irren,
Daß ihre Wege in Irrsal führen
Und Not,
Neue Wege ihnen weisend
Zu größerem Ziel. --
Das ist Mannesarbeit,
Frohe, beglückende,
Selig berauschende! --
Nicht nach Orden und Titeln steht mein Begehr,
Noch nach Ruhm und Denkmälern!
Aber die Wellen meines Geistes
Sollen ringförmig ausstrahlen
Im Leben meines Volkes,
Als ob du einen Stein wirfst
In einen tiefen und klaren Bergsee --
Und ringförmig brechen sich die Wellen
Weithin,
Bis ans Ufer,
Und wenn der Stein längst versunken,
Immer noch kräuselt der See: --
Du weißt's,
Wovon.
So weiß der,
Der aller Seelen
Seele ist,
In dem wir alle eins sind,
Von wessen Stein die Wellenringe stammen,
Die der Menschheit Geistessee
Bewegten.
Denkmäler? Ruhm?
Ja, ich will Ruhm, will Denkmäler!
Wenn ich sterbe,
Sollen Arme seufzen
Und Witwen weinen.
Und die Fenster der Häuser --
Still, ich höre Kinderjubel und Singen glücklicher Menschen --
Dorten am Waldesrand
Und am Bergesabhang
Und drunten im stillen Tal,
Die ich den Armen gebaut,
Sie sollen in der Abendsonne funkeln:
Er hat uns gebaut! --
Wahrheit und Freiheit.
Dank, Vater, daß du mich werden ließest
Als Sohn meiner Heimat!
Ein Kind des Sturms und des freien Landes,
Wo Freiheit rufend atmet die Luft,
Wo Freiheit donnernd brandet das Meer,
Wo Freiheit rauschend duftet der Wald,
Wo Meer und Land und Luft mich lehrte,
Fröhlich und furchtlos die Wahrheit zu sagen!
Denn nur der Freie kämpft für die Wahrheit,
Knechte genügen sich nachzubeten,
Fürchtend den Kampf und seine Früchte,
Wunden und Wehe und winkenden Tod!
Nur wer gewohnt, dem brausenden Sturme
Trotz zu bieten in langer Wanderung
Oder durch brandender Wogen Gedränge
Sorglos auf sausendem Kiele zu fahren,
Dem gelüstet nach Kampf als dem höchsten Glück,
Um Wahrheit zu kämpfen als höchstem Wunsch!
Weil nur die Wahrheit die Menschheit fördert
In Wellenkreisen, die weiter reichen
Als winkender Tod!
Dank, Vater, daß du mich werden ließest
Als Sohn meiner Heimat
Ein Kind des Sturms und des freien Landes,
Wo Sturm und Meer und weite Heide
Seit Ewigkeiten zum Leben rufen
Wahrheit und Freiheit!
Meinem Volke!
Ein Lied will ich euch singen,
Das ihr nimmer hörtet.
Duft von Rosen und Veilchen spürt ihr nicht,
Wenn ich es singe;
Aber Teergeruch von Schiffstauen
Nehmt ihr wohl wahr,
Und Meerluft läßt euch freier atmen,
Salzige, herbe, die Brust euch dehnende.
Gebt acht!
Saitenspiel paßt nicht zu seiner Begleitung,
Wohl aber Wogengebraus
Und Sturmgeheul,
Knattern der Segel im Wind
Und das Rasseln der Ketten,
Wenn der Anker zu Grund fährt.
Auch das Schärfen von Axt und Pflugschar
Paßt zur Begleitung.
Mein Lied, das ich euch singe,
So neu es ist,
Uralt ist es doch schon.
Vergessen nur haben es viele von euch
In Wohlleben und Rausch!
Vor tausend Jahren schon sangen's die Väter,
Mächtig, siegesmutig.
Sie vererbten es euch!
Ihr aber trankt aus Gläsern und Krügen
Euch träge und stumpf!
Wenn aber einst eure Enkelkinder --
Was Gott mög' geben --
Von neuem erwachen,
Dann werden sie wieder,
Wie unsere Väter vor tausend Jahren,
Jubelnd das Lied singen,
Wie groß die Welt,
Wie herrlich und weit,
Und die Freiheit
Berauschend und manneswert!
Singen werden sie das uralte Lied,
Das ewig neue,
Zur Fahrt übers Meer.
Und zum Schärfen der Pflugschar.
Hört zu!
Vor tausend Jahren lebten im Norden
Unsere Väter.
Rauh waren die Berge, von Eis bedeckt,
Schneebeladen.
Wie der Bergstrom im Frühling,
So wuchs unseres Volkes rasch keimende Schar.
Zu enge wurden die Weideplätze
Der rötlichen Rinder.
Da wanderten sie in hellen Scharen,
Die einen gen Westen
Auf rauschendem Kiel
Weit über des Weltmeers wogende Flut.
Die andern aber zogen gen Süden
Und kamen in Deutschlands sumpfige Wälder. --
Dort hausten sie lange.
Da trafen sie schlaue römische Händler;
Die brachten ihnen,
Aus Eisen geschmiedet,
Schwerter und Speere
Und tauschten dafür
Des Urs und des Bären zottige Felle.
Und die Händler erzählten von einem Lande,
Das südwärts läge,
In dem die Sonne im Winter selbst
Wonnig schiene,
Goldene Äpfel in dunklem Laube,
Schwellende Trauben voll süßer Beeren
Lockend reiften.
Da horchten die Väter
Und tauschten Blicke,
Pläne schmiedend.
Doch fern sei das Land,
So mahnten die Händler,
Und beschwerlich der Weg
Über der Alpen schneeige Höh'n.
Da lachten die Helden
Und jubelten laut
Und riefen einander:
Wohlauf denn zum Süd!
Doch wiederum mahnten die Händler bang,
Kriegerisch sei der Römer Volk,
Schwertkundig und waffengewohnt
Untertan ihnen der Erde Rund!
Lachen lohnte der Warnung Wort!
Nicht länger hielt es die Väter mehr:
Schöner noch schien ihnen nunmehr das Ziel.
So zogen sie aus,
In hellen Scharen,
Wohl über der Alpen eisigen First.
Jauchzend und lachend
Auf ihren Schilden
Fuhren die Helden fröhlich zu Tal.
Doch in dem Kampf
Um das sonnige Land
Sanken der Helden beste dahin.
Wehe, wehe, noch Schlimmeres gab's!
Was der Besiegten Schwerte entkam,
Das entnervte des Südens feuriger Wein. --
Zerstoben, verweht das wandernde Volk.
Die aber der Nordsee Wogen durchkreuzten,
An Englands Gestaden
Wohnsitz fanden.
Sie bauten Schiffe
Und kreuzten weiter
Und weithin wurde ihrer die Welt.
Doch die Welt ist so groß, die Welt ist so weit,
Und das Meer so blau,
Wie Kornblumen im Felde,
Und so frei. --
Nun hört, was ich sag'!
Wacht auf aus dem Schlaf
Und schauet umher:
Zu eng wird's im Land,
In dem ihr haust
Seit Vätergedenken!
Drum Schiffe gebaut
Und hinaus in die Welt!
Wälder hab' ich gesehen jenseits des Meeres,
Unendlich große.
Weithin aufs Meer
Trug der Landwind den Duft
Von all den Blüten,
Die den Urwald schmücken. --
Wo Wald wächst, wächst auch Korn.
Groß sind die Wälder
Und harren der Axt.
Schmiedet Äxte!
Weideplätze weiß ich,
Weite, unendliche, --
Felder für Weizen und herrliche Früchte.
Schmiedet Pflüge!
Weite Länder,
Die der Menschen harren.
Liebt euch!
Und Hände werden euch wachsen,
Das Land zu meistern.
Drum hinaus in die Welt!
Und Schiffe gebaut,
Schnellfahrende!
Schmiedet Anker und Kiel!
In eherne Kessel zwingt mir den Dampf!
So durchschneidet die Flut!
Und wo immer den Anker
Ihr rasselnd senkt,
Da sei die Welt,
Die weite, sonnige,
Die himmlisch freie,
Euer,
Ihr freien Söhne des Nord!
Wacht auf!
Euch Königen.
Höret mein Lied!
Schaut um euch und schaut rückwärts,
Ob das, was ich singe,
Wahr sei und recht!
Ihr aber werdet sehen:
Es ist so!
Ungerechtigkeit verwüstet alle Länder,
Und loses Leben stürzet die Stühle der Gewaltigen!
So höret nun, ihr Könige,
Und merket!
Lernet, ihr Richter auf Erden!
Horcht auf, ihr, die ihr über viele herrschet,
Und nehmt's euch zu Herzen,
Ihr, die ihr euch erhebt über die Völker!
Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn!
Und die Gewalt vom Höchsten,
Welcher wird fragen, wie ihr handelt,
Und forschen, was ihr ordnet!
Denn ihr seid seines Reiches Amtleute;
Aber ihr führet euer Amt nicht fein,
Und haltet kein Recht!
Und tut nicht nach dem,
Was der Herr geordnet hat!
Er wird gar greulich und kurz über euch kommen,
Und es wird gar ein scharf Gericht gehen
Über die Herren!
Denn den Geringen widerfährt Gnade.
Aber die Gewaltigen werden gewaltig gestraft werden,
Denn der, so aller Herr ist,
Wird keines Person fürchten,
Noch keines Mächtigen Macht scheuen!
Er hat beide, die Kleinen und die Großen, gemacht
Und sorget für beide gleich!
Über die Mächtigen aber wird ein stark Gericht gehalten werden!
Mit euch, Tyrannen, rede ich,
Auf daß ihr Weisheit lernet,
Und daß es euch nicht fehle!
Denn wer heilige Lehre heiliglich hält,
Der wird heilig gehalten!
Und wer dieselbige wohl lernet,
Der wird bestehen! --
So laßt euch nun meine Rede gefallen;
Begehret sie und laßt euch lehren!
Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich,
Und läßt sich gerne sehen vor denen,
Die sie lieb haben,
Und läßt sich finden von denen,
Die sie suchen!
Ja, sie begegnet
Und gibt sich selbst zu erkennen denen
Die sie gern haben!
Wer sie gern bald hätte,
Der bedarf nicht vieler Mühe:
Er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten!
Denn nach ihr trachten,
Das ist die rechte Klugheit!
Und wer dürstet nach ihr,
Darf nicht lange sorgen!
Denn sie gehet umher und suchet,
Wer ihrer wert sei!
Und erscheint ihm gern unterwegs,
Und hat acht auf ihn, daß sie ihm begegnet!
Denn wer sich gerne läßt weisen,
Das ist gewißlich der Weisheit Anfang!
Wer sie aber achtet,
Der läßt sich gern weisen,
Wer sich gern weisen läßt,
Der hält ihre Gebote;
Wo man aber die Gebote hält,
Da ist ein heilig Leben gewiß!
Wer aber ein heilig Leben führt,
Der ist Gott nahe!
Wer nun Lust hat zur Weisheit,
Den macht sie zum Herrn.
Wollt ihr nun, ihr Tyrannen im Volk,
Gern Könige und Fürsten sein!
So haltet die Weisheit in Ehren,
Auf daß ihr ewiglich herrschet.
Meiner Königin!
Um eine Handvoll Sonnenschein
Für meines Lebens Arbeit bat ich dich!
Da griffst du strahlend
In den blauen Himmel
Und warfst mir lachend
Eine Handvoll Sonne zu --
Und Wunder über Wunder!
In Sonne strahlte plötzlich alles Land.
Und sonnenübergossen stand ich da.
Und wohin ich ging,
Und wohin ich kam,
Zu reich und arm,
Zu krank und siech,
Sie alle faßten meine Hand
Und küßten sie:
Du Sonnenspender, hilf uns!
Gib uns von deiner Wärme,
Deinem Licht,
Und führ' uns!
Da zog ich alle an mein Herz,
Ob reich, ob arm,
Ob krank und siech,
Und küßte sie auf ihre Stirn
Und ihren Mund
Und heilte sie.
Doch keiner wußte,
Daß es deine Sonne war,
Die sie geheilt,
Die du vom Himmel mir herabgeholt.
Nur einer weiß es,
Der auch deine Sonne ist,
Und das genügt.
Du aber hab' Dank
Für deine Wärme und dein Licht,
Das du auf meinen Lebensweg
Mir warfst,
Und laß zum Dank
Für dich mich leben
In deiner Sonne!
* * * * *
Als ich zu Ende gelesen, warf ich mich angekleidet auf mein Lager. Und
als ich so dalag, und nun, ein Heimkehrender, meine Reise überdachte,
da war es mir, als sei das abgebrannte Gotteshaus in mir selbst
wieder neu erstanden. Wie unten in den Gewölben der zerstörten Kirche
die vermoderten Gebeine von Generationen ruhten, so hatte ich die
verrotteten Vorurteile, die uns und unsere Kultur hemmen und binden,
abgestreift und in dem tiefsten Keller meines Herzens begraben.
Aus der Fülle der Erinnerungen aus meiner Jugend und meiner Kampfzeit
heraus hatte ich, wie die Bauleute auf den stehengebliebenen
Fundamenten der alten Kirche den neuen Bau ausführten, neue Kraft,
neue Hoffnungen geschöpft und nun mit der Kraft der neuen Erfahrungen
und Erkenntnisse einen neuen Turm in den Himmel meiner Hoffnungen und
meines Aufwärtsstrebens erbaut.
Fest und gerade wuchs er empor. Säulengleich trug die Erkenntnis von
der Bedeutung des Weibes als der Sonne unseres Lebens die Kuppel des
ganzen stolzen Baues: das uns über die Erde hebende Bewußtsein, daß wir
eins sind in unserem Geiste mit dem Geiste, der das All beherrscht, mit
Gott, -- dem Geiste, dessen Wesen gipfelt in dem einen Begriffe, in der
Liebe -- in der Liebe zu unserem eigenen besseren Ich, in der Liebe
zu unserem Nächsten, in der Liebe zu unserem Volke, in der Liebe zur
Menschheit! -- --
Dann schlief ich ein, und schlief so tief und ruhig, wie auf der ganzen
Reise nicht, -- wie einer, der weiß, daß er nun bald daheim ist.
Wundervoll führte mich mein Traum. Ich saß in der neuerbauten, großen
Michaeliskirche, neben mir, Hand in Hand, mein Weib. Und an der Orgel
saß Gustav, mein lieber, junger, blinder Freund, dem ich von Pará
aus den Text zu meinem Oratorium geschickt hatte. Aber er war sehend
geworden.
Und um ihn herum der Kirchenchor. Es war das Fest der Einweihung der
neuen Kirche. Der Senior hatte seine Predigt gerade beendet. Nun
erklang die Orgel. Wie die Melodie sich mit meinem Texte verwob,
als nun der Chor einsetzte! -- So ist's im Leben, -- unser eigenes,
inneres Leben ist die Melodie, -- die Begleitung, das ist der Lärm des
Tages, die Freude und die Not, die uns umgibt; jauchzend und klagend
begleitet sie uns durchs Dasein, wo immer wir auch sein mögen; -- dumpf
und tief, wie die Baßnoten der Begleitung klingen die Nöte und das
Leben der fremden Völker in unseres eigenen Lebens Symphonie hinein,
-- machtvoll, ergreifend, bestimmend, -- und doch immer wieder drängt
die eigene Melodie sich vor mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer
Sehnsucht, Liebe zu geben. --
Und mein Kaiser saß in der Kirche, mitten unter seinem Volke, um
unseren neuen Tempel weihen zu helfen! --
Da schließlich klang das Oratorium aus in einen Jubelhymnus, alle Not
übertönend, mit allem Irdischen, mit dem Tode selbst uns versöhnend. --
Dann andachtsvolle Stille, -- und -- -- -- -- --