28 Deanstreet, 8. Juli 1853.

Lieber Engels!

Überbringer dieser Zeilen, Dr. Jacobi, einer von dem „Kölner

Kommunistenprozeß“. Ich weiß nicht, ob Du krank bist oder bös, oder

beschäftigt, oder sonst was, da Du keine Lebenszeichen von Dir gibst.

Ich habe gestern 24 Pfund auf A. Dana gezogen bei Spielmann in

Lombardstreet, der mich in fünf Wochen, sobald Wechsel zurück, zahlen

wird. In der Zwischenzeit habe ich wieder sehr schlimme Periode

durchzumachen, um so mehr, als verschiedene wertvolle Sachen im

Pfandhaus erneuert werden müssen, wenn sie nicht verfallen sollen, und

dies natürlich nicht möglich ist _dans un moment_,[1] wo selbst die

Mittel _pour les choses les plus nécessaires_[2] fehlen. Indes, ich bin

jetzt an den Dreck gewöhnt und an die Verhältnisse, die er mit sich

bringt. Jedenfalls wirst Du mir schreiben, warum Du nicht schreibst. Ich

hoffe _at all events_,[3] daß Du nicht krank bist.

Dein K. M.

----------

[1] In einem Zeitpunkt.

[2] Für die notwendigsten Dinge.

[3] Auf alle Fälle.

242

Manchester, Samstag, 9. Juli 1853.

Lieber Marx!

Letzte Nacht um vier Uhr weckt mich die alte Hausfrau aus dem Schlafe,

es sei ein Gentleman da, der mich sprechen wolle. Ich rapple mich empor

und finde an der Türe ein Männchen mit einem Cab, einem kolossalen

Koffer und Reisesack, der mir sagt, sein Name sei Jacobi und Du und

Pieper hättet ihn mir geschickt. Marx und Pieper! dachte ich, wer zum

Henker ist dieser Jacobi, ist er ein unehelicher Sohn vom Königsberger

oder was, und endlich zieht das Männchen Deinen Brief aus der Tasche,

ziemlich verdutzt, nicht gleich mit offenen Armen unbekannterweise

aufgenommen zu sein – worüber mir dann einfällt, was Dein Brief

bestätigte, daß es der Kommunistenprozeß-Jacobi sei, an den mein Herz

nicht dachte, da ich ihn in preußischen Kaschotten längst gut

untergebracht glaubte. _Que faire?_[1] Ich nehme ihn nebst Zubehör also

herein, plauderte schlaftrunken eine halbe Stunde mit ihm und ließ ihn

sich dann auf mein Sofa legen, denn das Haus ist _crammed full_[2] von

Leuten. Glücklicherweise ist mein Alter bis morgen aus der Stadt, und so

nahm ich mir den Herrn Parteimärtyrer gleich heute morgen beim Kragen,

mietete ihm eine Wohnung und verbot ihm, sich bei mir sehen zu lassen,

bis die Abreise meines Alten das Interdikt aufhebe.

Dies kriegisch-westfälische Verfahren, die Tölpelei, nach achttägigem

Aufenthalt in London einen Zug zu wählen, der mitten in der Nacht

ankommt, nahm mich wenig für den Mann ein. Weitere Verhandlungen haben

den Mann in meinen Augen etwas, aber nicht sehr, gehoben. Er will sich

bei Borchardt mit Briefen von Dir _und_ Kinkel (beinahe so gut wie Marx

_und_ Pieper) präsentieren, dem kleinen Heckscher ohne weiteres und ohne

Introduktion auf die Bude stürzen, wo er dann erwartet, daß dieser ihm

gleich alle Aufschlüsse über seinen Trade geben und aus Freude über den

neuen „wissenschaftlichen“ Umgang seinem neuen Konkurrenten die halbe

Praxis abtreten wird – und was dergleichen Biedermannsgedanken mehr

sind. Die Dummheit, zu Kinkel zu gehen, schadet ihm mehr als sie ihm

nützt. Kinkel gibt ihm Brief – nicht an Herrn, sondern an _Frau_

Schunck, eine Unverschämtheit und ein direkter grober Bruch der

englischen Etikette .... Außerdem ist Monsieur Jacobi, _à ce qu’il me

parait_,[3] nicht der Mann, sein Glück hier zu machen.

Sobald mein Herr Alter fort ist, schicke ich Dir einiges Geld. Früher

kann ich nicht gut etwas nehmen, da ich jeden Tag riskiere, daß er

einmal mein Konto nachliest, was allein schon heitere Erörterungen geben

wird, die ich lieber schriftlich abmache.

Die Idee, ich schriebe nicht, weil ich „bös“ sei, hat mich lachen

gemacht. _De quoi donc?_[4]

Grüße Deine Frau und Kinder und halte den Dreck wenigstens aus, bis ich

wieder freie Hand habe – hoffentlich binnen acht Tagen.

Dein F. E.

----------

[1] Was tun?

[2] Gepfropft voll.

[3] Wie es mir scheint.

[4] Worüber denn?

243

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 176 / 196 题