Lieber Frederic!
Ich komme – durch allerlei Geschäftliches und Häusliches verhindert –
erst jetzt dazu, Dir auf Deine beiden Briefe zu antworten und Dir den
Empfang des amerikanischen Geldes (an Freiligrath abgeliefert) wie des
Restes des amerikanischen Tribunegeldes anzuzeigen. Wenn Du und Charles
in solchen Geschäftsverbindungen mit dem „Vermittler“ standet, so hast
Du mir zulieb Dir jedenfalls einen Streich gespielt. – –
Dem Pieper habe ich Deine Nachricht _nicht_ mitgeteilt aus folgendem
Grunde: seit ungefähr acht bis zehn Tagen wurde Pieper immer mehr Ruine,
so daß ich ihn endlich ernstlich zur Rede stellte über seinen
Gesundheitszustand. Es kam dann heraus, daß seine Krankheit immer
schlimmer wurde unter der Hand seines englischen Quacksalbers. Ich
forderte ihn auf, direkt mit mir nach dem _Bartholomäushospital_ zu
gehen – die Klinik von London, wo die ersten und berühmtesten Ärzte
öffentlich und gratis fungieren. Ein alter Hippokrates, nach
Besichtigung des _Corpus delicti_, sagte ihm: „_You have been a
fool_“,[1] nachdem er ihn über die bisherige _treatment_[2] examiniert
hatte, und erklärte ihm zugleich, daß er in drei Monaten „_down_“[3]
sein werde, wenn er ihm nun nicht exakt, Wort für Wort, folge. Die neue
Behandlung erwies gleich ihre Trefflichkeit, und in zwei Wochen ist der
Mann _sain_ und _sauf_.[4] Der Kasus war zu ernsthaft, um Störung in die
Geschichte hereinzubringen. Übrigens hat Freiligrath eine Stelle für
Pieper in Aussicht. Wird das zu Wasser, so werde ich es Dir berichten.
_Rumpf_, unser fideler Schneider, sitzt jetzt im _Narrenhaus_. Vor
ungefähr fünf Monaten heiratete _le malheureux_, um sich aus
bürgerlicher Klemme herauszuziehen, eine _alte_ Frau, wurde übertrieben
solid, entsagte allen Spirituosis und arbeitete wie ein Pferd. Vor einer
Woche ungefähr gab er sich wieder ans Trinken, läßt mich vor ein paar
Tagen rufen, eröffnete mir, daß er ein Mittel erfunden habe, die ganze
Welt glücklich zu machen; ich solle sein Minister sein usw. Seit gestern
befindet er sich im Asylum. Es ist schade um den Kerl.
_Ruge_ läßt im Leader, der übrigens ein reines Bürgerblatt geworden ist,
ankündigen, daß er Vorlesungen über die deutsche Philosophie in London
halten wird. Zugleich läßt er sich natürlich ausposaunen: „Was den Stil
angehe, so setze das deutsche Volk nur einen Mann neben ihn – Lessing.“
In demselben Leader läßt der Russe _Herzen_ seine sämtlichen Werke
anzeigen mit der Bemerkung, daß er in Verbindung mit dem polnischen
Komitee eine russisch-polnische Propagandadruckerei hier in London
errichten wird.
Aus einem der einliegenden Briefe von Cluß ersiehst Du, welcher Art der
Hauptschlag ist, womit Herr Willich droht. Er bezieht sich auf die 20
Pfund, die ich vom Flüchtlingskomitee _lieh_ zur Zeit, wo ich gepfändet
wurde, weil meine Wirtin in Chelsea ihrem Landlord nicht gezahlt,
obgleich ich sie gezahlt hatte, und die ich in den nötigen
_instalments_[5] bis auf den letzten _Farthing_[6] _zurückgezahlt_ habe.
Du mußt mir nun sagen, welche Taktik zu befolgen. Wenn der brave Willich
mich damit zu töten meint, ist er zu sehr „_bonhomme_“.
Carey, der amerikanische Nationalökonom, hat ein neues Buch
herausgegeben: „_Slavery at home and abroad_“.[7] Unter „_Slavery_“ hier
alle Formen der Knechtschaft, _wageslavery_[8] usw. verstanden. Er hat
mir sein Buch zugeschickt und mich wiederholt (aus der Tribune) zitiert,
bald als „_a recent english writer_“,[9] bald als „_correspondent of the
New York Tribune_“. Ich habe Dir früher gesagt, daß in den bisher
erschienenen Werken des Mannes die „Harmonie“ der ökonomischen
Grundlagen des Bürgertums entwickelt und alles „_mischief_“[10] aus
überflüssiger Einmischung des Staates hergeleitet war. Der Staat war
seine _bête noire_.[11] Jetzt pfeift er aus einem anderen Loch. An allem
Bösen ist schuld die zentralisierende Wirkung der großen Industrie. Aber
an dieser zentralisierenden Wirkung ist wieder England schuld, das sich
zum _workshop_[12] der Welt macht und alle anderen Länder auf brutale
und von der Manufaktur losgerissene Agrikultur zurückwirft. Für die
Sünden Englands ist dann wieder verantwortlich die Theorie von
Ricardo-Malthus und speziell Ricardos Theorie von der Grundrente. Die
notwendige Konsequenz sowohl der Ricardoschen Theorie wie der
industriellen Zentralisation würde der Kommunismus sein. Und um allem
diesen zu entgehen, der Zentralisation die Lokalisation und die auf
das ganze Land zerstreute Union von Fabrik und Agrikultur
gegenüberzustellen, wird schließlich empfohlen von unserem
Ultrafreetrader – _Schutzzölle._ Um den Wirkungen der bürgerlichen
Industrie, für die er England verantwortlich macht, zu entgehen, nimmt
er als echter Yankee dazu seine Zuflucht, diese Entwicklung in Amerika
selbst künstlich zu beschleunigen. Im übrigen wirft ihn sein Gegensatz
gegen England in _sismondisches_ Lob der Kleinbürgerei in der Schweiz,
Deutschland, China usw. hinein. Derselbe Kerl, der früher Frankreich
wegen seiner Ähnlichkeit mit China zu verhöhnen gewohnt war. Das einzig
positiv Interessante in dem Buche ist die Vergleichung der früheren
englischen Negersklaverei in Jamaika usw. und der Negersklaverei in den
Vereinigten Staaten. Er zeigt nach, wie die Hauptstöcke der Neger in
Jamaika usw. immer aus frisch importierten _barbarians_ bestand, da
unter der englischen Behandlung die Neger nicht nur ihre Population
nicht aufrechterhielten, sondern auch der jährliche Import zu zwei
Dritteln immer weggefressen wurde, während die jetzige Negergeneration
in Amerika einheimisches Produkt, mehr oder minder yankisiert, Englisch
sprechend und darum emanzipationsfähig wird.
Die Tribune posaunt natürlich Careys Buch mit vollen Backen aus. Beide
haben allerdings das Gemeinsame, daß sie unter der Form von
sismondisch-philanthropisch-sozialistischem Antiindustrialismus die
schutzzöllnerische, das heißt die industrielle Bourgeoisie in Amerika
vertreten. Das ist auch das Geheimnis, warum die Tribune, trotz aller
ihrer „isms“ und sozialistischen Flausen, „_leading Journal_“[13] in den
Vereinigten Staaten sein kann.
Dein Artikel über die Schweiz war natürlich ein direkter Sackschlag auf
die „_Leader_“[14] der Tribune (gegen Zentralisation usw.) und _ihren_
Carey. Ich habe diesen versteckten Krieg fortgesetzt in einem ersten
Artikel über Indien, worin die Vernichtung der heimischen Industrie
durch England als _revolutionär_ dargestellt wird. Das wird ihnen sehr
_shocking_[15] sein. Übrigens war die Gesamtwirtschaft der Briten in
Indien säuisch und ist es bis auf diesen Tag.
Was den stationären Charakter dieses Teiles von Asien trotz aller
zwecklosen Bewegung in der politischen Oberfläche vollständig erklärt,
sind die zwei sich wechselseitig unterstützenden Umstände: 1. Die
_public works_[16] Sache der Zentralregierung; 2. neben derselben das
ganze Reich, die paar größeren Städte abgerechnet, aufgelöst in
_villages_ (Dorfgemeinden), die eine vollständig diskrete Organisation
besaßen und eine kleine Welt für sich bildeten.
Diese idyllischen Republiken, die bloß die _Grenzen ihrer Village_
eifersüchtig gegen das benachbarte Village bewachen, existieren noch
ziemlich perfekt in den erst kürzlich den Engländern zugekommenen
_northwestern parts of India_.[17] Ich glaube, daß man sich kaum
solidere Grundlage für den asiatischen Despotismus in Stagnation denken
kann. Und so sehr die Engländer das Land irlandisiert haben, das
Aufbrechen dieser stereotypen Urformen war die _conditio sine qua
non_[18] für Europäisierung. Der _taxgatherer_[19] allein war nicht der
Mann, das fertigzubringen. Die Vernichtung der uralten Industrie gehörte
dazu, die diesen Villages den _Selfsupporting_-Charakter[20] raubte.
In Bali, Insel an der Ostküste von Java, noch vollständig neben der
Hindureligion auch diese Hinduorganisation, deren Spuren, wie die von
Hindueinfluß, auf ganz Java übrigens zu entdecken. Was die
_Eigentumsfrage_ betrifft, so bildet sie eine große _Streitfrage_ bei
den englischen Schriftstellern über Indien. In den kupierten
Gebirgsterrains südlich vom Krischna scheint allerdings Eigentum an
Grund und Boden existiert zu haben. In Java dagegen, bemerkt Sir
Stamford Raffles, der ehemalige _englische_ Governor von Java, in seiner
„_History of Java_“, auf der ganzen Oberfläche des Landes, _„where rent
to any considerable amount“ was obtainable_,[21] [ist] der
_sovereign_[22] absoluter Landlord. Jedenfalls scheinen in ganz Asien
die Mahommetans die „Eigentumslosigkeit in Land“ nicht prinzipiell
festgestellt zu haben.
Über die oben zitierten Villages bemerke ich noch, daß sie schon bei
Menu figurieren und die ganze Organisation bei ihm darauf ruht: 10
stehen unter einem höheren Kollektor, 100 dann, und dann 1000.
Schreibe mir bald.
Dein K. M.
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[1] Sie sind ein Narr gewesen.
[2] Behandlung.
[3] Unten [zugrunde gerichtet].
[4] Gesund [und] heil.
[5] Abzahlungen.
[6] Heller.
[7] Sklaverei daheim und im Ausland.
[8] Lohnsklaverei.
[9] Ein neuerer englischer Schriftsteller.
[10] Unheil.
[11] Schwarzes [Grusel-]Tier.
[12] Werkstätte.
[13] Führendes Blatt.
[14] Leitartikel.
[15] Anstößig, peinlich.
[16] Öffentlichen Anlagen [Wasserwerke usw.].
[17] Nordwestprovinzen Indiens.
[18] Unerläßliche Bedingung.
[19] Steuereinnehmer.
[20] Charakter der völligen Selbstversorgung.
[21] Wo Bodenzins von irgendwelchem Belang herauszuschlagen war.
[22] Oberste Herrscher.
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