28 Deanstreet, 14. Juni 1853.

Lieber Frederic!

Ich komme – durch allerlei Geschäftliches und Häusliches verhindert –

erst jetzt dazu, Dir auf Deine beiden Briefe zu antworten und Dir den

Empfang des amerikanischen Geldes (an Freiligrath abgeliefert) wie des

Restes des amerikanischen Tribunegeldes anzuzeigen. Wenn Du und Charles

in solchen Geschäftsverbindungen mit dem „Vermittler“ standet, so hast

Du mir zulieb Dir jedenfalls einen Streich gespielt. – –

Dem Pieper habe ich Deine Nachricht _nicht_ mitgeteilt aus folgendem

Grunde: seit ungefähr acht bis zehn Tagen wurde Pieper immer mehr Ruine,

so daß ich ihn endlich ernstlich zur Rede stellte über seinen

Gesundheitszustand. Es kam dann heraus, daß seine Krankheit immer

schlimmer wurde unter der Hand seines englischen Quacksalbers. Ich

forderte ihn auf, direkt mit mir nach dem _Bartholomäushospital_ zu

gehen – die Klinik von London, wo die ersten und berühmtesten Ärzte

öffentlich und gratis fungieren. Ein alter Hippokrates, nach

Besichtigung des _Corpus delicti_, sagte ihm: „_You have been a

fool_“,[1] nachdem er ihn über die bisherige _treatment_[2] examiniert

hatte, und erklärte ihm zugleich, daß er in drei Monaten „_down_“[3]

sein werde, wenn er ihm nun nicht exakt, Wort für Wort, folge. Die neue

Behandlung erwies gleich ihre Trefflichkeit, und in zwei Wochen ist der

Mann _sain_ und _sauf_.[4] Der Kasus war zu ernsthaft, um Störung in die

Geschichte hereinzubringen. Übrigens hat Freiligrath eine Stelle für

Pieper in Aussicht. Wird das zu Wasser, so werde ich es Dir berichten.

_Rumpf_, unser fideler Schneider, sitzt jetzt im _Narrenhaus_. Vor

ungefähr fünf Monaten heiratete _le malheureux_, um sich aus

bürgerlicher Klemme herauszuziehen, eine _alte_ Frau, wurde übertrieben

solid, entsagte allen Spirituosis und arbeitete wie ein Pferd. Vor einer

Woche ungefähr gab er sich wieder ans Trinken, läßt mich vor ein paar

Tagen rufen, eröffnete mir, daß er ein Mittel erfunden habe, die ganze

Welt glücklich zu machen; ich solle sein Minister sein usw. Seit gestern

befindet er sich im Asylum. Es ist schade um den Kerl.

_Ruge_ läßt im Leader, der übrigens ein reines Bürgerblatt geworden ist,

ankündigen, daß er Vorlesungen über die deutsche Philosophie in London

halten wird. Zugleich läßt er sich natürlich ausposaunen: „Was den Stil

angehe, so setze das deutsche Volk nur einen Mann neben ihn – Lessing.“

In demselben Leader läßt der Russe _Herzen_ seine sämtlichen Werke

anzeigen mit der Bemerkung, daß er in Verbindung mit dem polnischen

Komitee eine russisch-polnische Propagandadruckerei hier in London

errichten wird.

Aus einem der einliegenden Briefe von Cluß ersiehst Du, welcher Art der

Hauptschlag ist, womit Herr Willich droht. Er bezieht sich auf die 20

Pfund, die ich vom Flüchtlingskomitee _lieh_ zur Zeit, wo ich gepfändet

wurde, weil meine Wirtin in Chelsea ihrem Landlord nicht gezahlt,

obgleich ich sie gezahlt hatte, und die ich in den nötigen

_instalments_[5] bis auf den letzten _Farthing_[6] _zurückgezahlt_ habe.

Du mußt mir nun sagen, welche Taktik zu befolgen. Wenn der brave Willich

mich damit zu töten meint, ist er zu sehr „_bonhomme_“.

Carey, der amerikanische Nationalökonom, hat ein neues Buch

herausgegeben: „_Slavery at home and abroad_“.[7] Unter „_Slavery_“ hier

alle Formen der Knechtschaft, _wageslavery_[8] usw. verstanden. Er hat

mir sein Buch zugeschickt und mich wiederholt (aus der Tribune) zitiert,

bald als „_a recent english writer_“,[9] bald als „_correspondent of the

New York Tribune_“. Ich habe Dir früher gesagt, daß in den bisher

erschienenen Werken des Mannes die „Harmonie“ der ökonomischen

Grundlagen des Bürgertums entwickelt und alles „_mischief_“[10] aus

überflüssiger Einmischung des Staates hergeleitet war. Der Staat war

seine _bête noire_.[11] Jetzt pfeift er aus einem anderen Loch. An allem

Bösen ist schuld die zentralisierende Wirkung der großen Industrie. Aber

an dieser zentralisierenden Wirkung ist wieder England schuld, das sich

zum _workshop_[12] der Welt macht und alle anderen Länder auf brutale

und von der Manufaktur losgerissene Agrikultur zurückwirft. Für die

Sünden Englands ist dann wieder verantwortlich die Theorie von

Ricardo-Malthus und speziell Ricardos Theorie von der Grundrente. Die

notwendige Konsequenz sowohl der Ricardoschen Theorie wie der

industriellen Zentralisation würde der Kommunismus sein. Und um allem

diesen zu entgehen, der Zentralisation die Lokalisation und die auf

das ganze Land zerstreute Union von Fabrik und Agrikultur

gegenüberzustellen, wird schließlich empfohlen von unserem

Ultrafreetrader – _Schutzzölle._ Um den Wirkungen der bürgerlichen

Industrie, für die er England verantwortlich macht, zu entgehen, nimmt

er als echter Yankee dazu seine Zuflucht, diese Entwicklung in Amerika

selbst künstlich zu beschleunigen. Im übrigen wirft ihn sein Gegensatz

gegen England in _sismondisches_ Lob der Kleinbürgerei in der Schweiz,

Deutschland, China usw. hinein. Derselbe Kerl, der früher Frankreich

wegen seiner Ähnlichkeit mit China zu verhöhnen gewohnt war. Das einzig

positiv Interessante in dem Buche ist die Vergleichung der früheren

englischen Negersklaverei in Jamaika usw. und der Negersklaverei in den

Vereinigten Staaten. Er zeigt nach, wie die Hauptstöcke der Neger in

Jamaika usw. immer aus frisch importierten _barbarians_ bestand, da

unter der englischen Behandlung die Neger nicht nur ihre Population

nicht aufrechterhielten, sondern auch der jährliche Import zu zwei

Dritteln immer weggefressen wurde, während die jetzige Negergeneration

in Amerika einheimisches Produkt, mehr oder minder yankisiert, Englisch

sprechend und darum emanzipationsfähig wird.

Die Tribune posaunt natürlich Careys Buch mit vollen Backen aus. Beide

haben allerdings das Gemeinsame, daß sie unter der Form von

sismondisch-philanthropisch-sozialistischem Antiindustrialismus die

schutzzöllnerische, das heißt die industrielle Bourgeoisie in Amerika

vertreten. Das ist auch das Geheimnis, warum die Tribune, trotz aller

ihrer „isms“ und sozialistischen Flausen, „_leading Journal_“[13] in den

Vereinigten Staaten sein kann.

Dein Artikel über die Schweiz war natürlich ein direkter Sackschlag auf

die „_Leader_“[14] der Tribune (gegen Zentralisation usw.) und _ihren_

Carey. Ich habe diesen versteckten Krieg fortgesetzt in einem ersten

Artikel über Indien, worin die Vernichtung der heimischen Industrie

durch England als _revolutionär_ dargestellt wird. Das wird ihnen sehr

_shocking_[15] sein. Übrigens war die Gesamtwirtschaft der Briten in

Indien säuisch und ist es bis auf diesen Tag.

Was den stationären Charakter dieses Teiles von Asien trotz aller

zwecklosen Bewegung in der politischen Oberfläche vollständig erklärt,

sind die zwei sich wechselseitig unterstützenden Umstände: 1. Die

_public works_[16] Sache der Zentralregierung; 2. neben derselben das

ganze Reich, die paar größeren Städte abgerechnet, aufgelöst in

_villages_ (Dorfgemeinden), die eine vollständig diskrete Organisation

besaßen und eine kleine Welt für sich bildeten.

Diese idyllischen Republiken, die bloß die _Grenzen ihrer Village_

eifersüchtig gegen das benachbarte Village bewachen, existieren noch

ziemlich perfekt in den erst kürzlich den Engländern zugekommenen

_northwestern parts of India_.[17] Ich glaube, daß man sich kaum

solidere Grundlage für den asiatischen Despotismus in Stagnation denken

kann. Und so sehr die Engländer das Land irlandisiert haben, das

Aufbrechen dieser stereotypen Urformen war die _conditio sine qua

non_[18] für Europäisierung. Der _taxgatherer_[19] allein war nicht der

Mann, das fertigzubringen. Die Vernichtung der uralten Industrie gehörte

dazu, die diesen Villages den _Selfsupporting_-Charakter[20] raubte.

In Bali, Insel an der Ostküste von Java, noch vollständig neben der

Hindureligion auch diese Hinduorganisation, deren Spuren, wie die von

Hindueinfluß, auf ganz Java übrigens zu entdecken. Was die

_Eigentumsfrage_ betrifft, so bildet sie eine große _Streitfrage_ bei

den englischen Schriftstellern über Indien. In den kupierten

Gebirgsterrains südlich vom Krischna scheint allerdings Eigentum an

Grund und Boden existiert zu haben. In Java dagegen, bemerkt Sir

Stamford Raffles, der ehemalige _englische_ Governor von Java, in seiner

„_History of Java_“, auf der ganzen Oberfläche des Landes, _„where rent

to any considerable amount“ was obtainable_,[21] [ist] der

_sovereign_[22] absoluter Landlord. Jedenfalls scheinen in ganz Asien

die Mahommetans die „Eigentumslosigkeit in Land“ nicht prinzipiell

festgestellt zu haben.

Über die oben zitierten Villages bemerke ich noch, daß sie schon bei

Menu figurieren und die ganze Organisation bei ihm darauf ruht: 10

stehen unter einem höheren Kollektor, 100 dann, und dann 1000.

Schreibe mir bald.

Dein K. M.

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[1] Sie sind ein Narr gewesen.

[2] Behandlung.

[3] Unten [zugrunde gerichtet].

[4] Gesund [und] heil.

[5] Abzahlungen.

[6] Heller.

[7] Sklaverei daheim und im Ausland.

[8] Lohnsklaverei.

[9] Ein neuerer englischer Schriftsteller.

[10] Unheil.

[11] Schwarzes [Grusel-]Tier.

[12] Werkstätte.

[13] Führendes Blatt.

[14] Leitartikel.

[15] Anstößig, peinlich.

[16] Öffentlichen Anlagen [Wasserwerke usw.].

[17] Nordwestprovinzen Indiens.

[18] Unerläßliche Bedingung.

[19] Steuereinnehmer.

[20] Charakter der völligen Selbstversorgung.

[21] Wo Bodenzins von irgendwelchem Belang herauszuschlagen war.

[22] Oberste Herrscher.

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Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 174 / 196 题