_Dear Frederic!_
Die erste Hälfte der 20 Pfund-Note eingesprungen. Ich schreibe Dir vor
meinem Gang ins Museum, also noch sehr früh zu Tag.
Einliegende Erklärung des großen Willich an die Neu-England-Zeitung
hätte ich Dir längst geschickt, wenn ich nicht vorausgesetzt, daß
Weydemeyer Dir die Sache zugesandt. Das _Konzept_ dieser zweiten
Erklärung ist genuine, echter Willich. Die anderen schreiben „Aufsätze“,
er schreibt „Tatsachen“, und ... der edle Mann übergibt „ungern“ der
„Öffentlichkeit“ die Tatsachen. Natürlich, er zog es vor, sie geheim
hinter der Bierbank den Philistern vorzuraunen; sie durch zwei Erdteile
auf „Kontrabandweg“ seit drei Jahren zu kolportieren, _jurante
Kinkelio_.[1] – –
_Tout ça n’est pas trop mal pour un vieux sous-lieutenant._[2] Was aber
den Stil der Erklärung Nummer 2 angeht – so schlecht er ist, er ist
dennoch apokryph. – – Jedenfalls wird jetzt das nötige Supplement zu
Tellerings Broschüre von Herrn Willich herausgegeben werden, und da das
ganze Zeug einmal vors Publikum gebracht ist, _il faut aller jusqu’au
bout_.[3] Wenn Weydemeyer, Cluß und Komp. geschickt operieren, so müßten
sie jetzt dem Willich in die Parade fahren und im voraus den
Überraschungen, die er dem Publikum vorbehält, die Pointe und die
Neuheit abbrechen. _Nous verrons._[4]
Das Lob, das Du meinem „jungen“ Englisch erteilst, hat sehr aufmunternd
auf mich gewirkt. Was mir hauptsächlich fehlt, ist einmal grammatische
Sicherheit und zweitens die Gewandtheit in gewissen sekundären
Wendungen, ohne die alles schlagfertige Schreiben unmöglich ist. Herr
„Tribune“ hat zu meinem zweiten Artikel über Gladstones Budget eine
Bemerkung an die Spitze ihres Blattes gesetzt, worin sie das Publikum
auf die „_masterly exposition_“[5] aufmerksam macht und erklärt, sie
habe _nowhere „a more able criticism“_[6] gesehen und tue „_not expect
to see one_“.[7] Das ist nun _all right_. Aber in dem folgenden Artikel
blamiert sie mich wieder, indem sie einen ganz unbedeutenden und
unbedeutend sein sollenden Kopf [Anfang] von mir unter meinem Namen
druckt, während sie sich Deinen „Schweizer“ aneignet. Ich werde Dana
schreiben, es sei mir sehr „schmeichelhaft“, wenn sie die Sachen
manchmal als _leader_[8] benutzen. Nur sollten sie dann gefällig meinen
Namen nicht unter unbedeutende Notizen setzen. Ich habe der Gesellschaft
jetzt unter anderem zwei Artikel über „China“ mit Beziehung auf England
geschickt. Wenn Deine Zeit Dir erlaubt und Du gerade Lust hast zu
schreiben über irgend etwas, Schweiz, Orient, Frankreich, England oder
_cotton_ oder _Dänemark_, so tue es von Zeit zu Zeit, da ich jetzt
gewaltsam auf den Beutel der Kerls losarbeite, um den Ausfall von drei
_weeks_[9] zu decken. Wenn Du mir von Zeit zu Zeit so was schickst – _de
omnibus rebus_[10] –, so kann ich’s immer unterbringen, denn Du weißt,
daß ich das „Mädchen für alles“ bei den Kerls bin, und es ist immer
leicht, alles an alles, an jeden Tag anzuknüpfen.
In bezug auf die Hebräer und Araber war Dein Brief mir sehr interessant.
Es lassen sich übrigens 1. _allgemeines_ Verhältnis nachweisen bei allen
orientalischen Stämmen, zwischen dem _settlement_[11] des einen Teiles
derselben und der Fortdauer im Nomadisieren bei den anderen, seit die
Geschichte geschieht. 2. Zur Zeit Mohammeds hatte sich der Handelsweg
von Europa nach Asien bedeutend modifiziert, und die Städte Arabiens,
die am Handel nach Indien usw. großen Anteil nahmen, befanden sich
kommerziell im Verfall, was jedenfalls mit Anstoß gab. 3. Was die
Religion angeht, so wird sich die Frage in die allgemeine und darum
leicht beantwortbare auflösen: Warum _erscheint_ die Geschichte des
Orients als eine Geschichte der Religionen?
Über die orientalische Städtebildung kann man nichts Brillanteres,
Anschaulicheres und Schlagenderes lesen als den alten François Bernier
(neun Jahre Arzt von Aurang-Zebe). „_Voyages contenant la description
des états du Grand Mogul etc._“[12] Auch setzt er das Militärwesen, die
Art, wie diese großen Armeen sich ernährten usw., schön auseinander.
Über beides bemerkt er unter anderem: „Die Kavallerie bildet den
Hauptteil, die Infanterie nicht so groß, als das Gerücht geht, _si ce
n’est qu’avec les véritables gens de guerre on ne confond tous ces gens
de service et de bazars ou marchés qui suivent l’armée; car, en ce cas
là, je croirais bien qu’ils auraient raison de mettre les 2 et 300 000
hommes dans l’armée seule qui est avec le roi, et quelques fois encore
d’avantage, comme quand on est assuré qu’il sera longtemps absent de la
ville capitale; ce qui ne semblera si fort étonnant à qui saura
l’étrange embarras de tentes, de cuisines, de hardes, de meubles et de
femmes même assez souvent, et par conséquent d’éléphants, de chameaux,
de bœufs, de chevaux, de portefaix, de fourrageurs, vivandiers,
marchands de toutes sortes et serviteurs qui traînent après soi ces
armées, et à qui saura l’état et gouvernement particulier du pays, à
savoir que _le roi est le seul et unique propriétaire de toutes les
terres_ du royaume, d’où vient par une certaine suite nécessaire que
toute _une ville capitale_ comme Delhi ou Agra ne vit presque que de la
milice, et est par conséquent obligée de suivre le roi quand il va en
campagne pour quelque temps, ces villes là n’étant ni ne pouvant être
rien moins qu’un Paris, mais _n’étant proprement qu’un camp d’armée_ un
peu mieux et plus commodément placé qu’en rase campagne._“[13]
Bei Gelegenheit des Marsches des Großmoguls nach Cacharim, mit 400 000
Mann usw. Armee, sagt er: „_La difficulté est de savoir d’où et comment
peut subsister une si grande armée en campagne, une si grande quantité
d’hommes et d’animaux. Il ne faut pour cela que supposer, ce qui est
très vrai, que les Indiens sont fort sobres et fort simples dans leur
manger, et que de tout ce grand nombre de cavaliers, il n’y a pas le
dixième, ni même le vingtième part, qui, dans la marche, mange de la
viande; pourvu qu’ils aient leur kicheris ou mélange de ris et d’autres
légumes, sur lequel ils versent de beurre roux quand ils sont cuits, ils
sont contents. Il faut encore savoir que les chameaux résistent
extrêmement au travail, à la faim et à la soif, vivent de peu et mangent
de tout, et qu’aussitôt que l’armée est arrivée les chameliers les
mènent brouter à la campagne, où ils mangent tout ce qu’ils attrapent.
De plus que les mêmes marchands qui entretiennent les bazars dans Delhi,
sont obligés de les entretenir dans les campagnes_, ebenso die _petits
marchands etc. ... enfin à l’égard du fourrage, tous ces pauvres gens
s’en vont rôdant de tous les côtés dans les villages pour en acheter et
y gagner quelque chose, et que leur grand et ordinaire refuge est de
râper, avec une espèce de truelle, les campagnes entières, battre ou
laver cette petite herbe qu’ils ont râpée, et l’apporter vendre à
l’armée ...._“[14]
Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erscheinungen des
Orients – er spricht von Türkei, Persien, Hindostan – darin, daß kein
_Privatgrundeigentum_ existiert. Dies ist der wirkliche _clef_[15]
selbst zum orientalischen Himmel.
Was sagst Du zum _failure_[16] des „_financial scheme for reducing the
national debt_“[17] des _hudibrasiac_[18] Rodolpho Gladstone?
Das Journal des Débats hat vorgestern das wahre Geheimnis ausgesprochen,
warum Rußland so frech ist. Entweder, sagt es, muß der Kontinent seine
Unabhängigkeit russischer Gefahr aussetzen, oder er muß dem Krieg sich
aussetzen, und das ist „_la révolution _sociale__“.[19] Nur vergißt das
elende Débats, daß Rußland sich ebensosehr vor der Revolution fürchtet
wie Mr. Bertin, und daß der ganze Witz jetzt darin liegt, wer sich den
meisten Schein der „Nichtfurcht“ zu geben weiß. Aber England und
_France_ – die offiziellen – sind so miserabel, daß wenn Nicholas
steifhält, er alles ausrichten kann.
_Vale faveque._[20]