Lieber Engels!
Dein Artikel über die Türkei famos. Abgeschickt.
Ich weiß nicht, ob Du folgende Notizen in einem der letzten Economist
über die „__value of Turkey__“[1] gelesen hast:
„_While our commerce with Austria and Russia is either stationary or on
the decline, with Turkey it is regularly increasing. We are not able to
state what proportion of our exports may find their way to Austria
through Germany, but we believe it only small. Our direct trade with
Austria is absolutely insignificant. Our exports of british products to
her adriatic parts (the only ones she has) were not give separately from
those to the rest of Italy till 1846, when they reached 721 981 £. In
1850 they had fallen to 687 755 and in 1851 had risen to 812 942 £. Our
exports to Russia were on the average of 1840/41 1 605 000 £, in 1846/47
1 785 000 £; and in 1850/51 1 342 000 £. Our exports to the Turkish
dominions including Egypt, Syria, Palestina, Moldavia and Walachia have
progressed as follows:_[2]
£ £ £ £
1840 1 440 592 1843 2 548 321 1846 2 707 571 1849 3 569 023
1841 1 885 840 1844 3 275 333 1847 3 530 589 1850 3 762 480
1842 2 068 842 1845 3 134 789 1848 3 626 241 1851 3 598 591
_Our exports are therefore threefold those to Russia and nearly double
those to Russia and Austria together._“[3] So weit _The Economist_.
In dem englischen Ministerium selbst muß großer Krakeel sein über die
„_Turkish Question_“.[4] Denn Palmerstons [unlesbar] die Morning Post
pfeift direkt aus dem entgegengesetzten Loche wie die Times.
D’Israeli ist seiner _leadership_ der „_great conservative party_“[5]
glücklich entsetzt, and _Sir John Pakington, a mournful man
otherwise_,[6] an seine Stelle getreten. Das ist das erstemal seit 1828,
daß die Torypartei einen „_leader_“[7] besitzt, der ebenso borniert ist
wie ihr Gros.
Du hast gesehen, daß in der letzten Abstimmung über die _clergy reserve
bill_,[8] wo der würdige Russell von den drei _clauses_,[9] die er
vorgeschlagen, eigenhändig _the omission of the third clause
proposed_,[10] das Ministerium den Sieg nur durch die Stimmen der
konservativen Minorität davontrug. Ein schlechtes Zeichen das.
Mazzini ist hier seit einigen Tagen, aber einstweilen noch inkognito.
Daß „_good_ Aberdeen“ sehr geneigt ist, den Flüchtlingen etwas am Zeuge
zu flicken, magst Du daraus sehen, daß vorige Woche die englische
Polizei eine Art Flüchtlingsstatistik aufnahm. Zwei bis drei Detektivs,
_in plain clothes_,[11] begaben sich von Square zu Square und von Straße
zu Straße und nahmen Notizen zu Papier, in den meisten Fällen bei den
Nachbarn der nahegelegenen Bierwirtschaften. Ausnahmsweise aber – zum
Beispiel bei dem Hause Pulszkys, er selbst ist just in Amerika – drangen
sie unter dem Vorwand, es sei ein Diebstahl begangen worden, in die
Domizile der Flüchtlinge selbst und durchmusterten ihre Papiere. –
Vater Willich ist in New York gelandet. Freund Weitling veranstaltete
ihm ein Bankett von dreihundert Personen, wo Willich mit einer
gewaltigen roten Schärpe erschien, eine lange Rede hielt des Inhaltes,
daß Brot mehr wert ist als Freiheit, und von Weitling ein _Schwert_
überreicht erhielt. Dann trat Weitling auf und bewies, daß Jesus
Christus der erste Kommunist war und daß sein Nachfolger niemand anders
ist als der bekannte Wilhelm Weitling.
Ich habe einen Brief von Schabelitz erhalten, den ich einlege. Es geht
daraus hervor, daß er zwar nicht politisch verraten, aber unendlich
albern verfahren hat. – – – Zugleich hat Doktor Feddersen dem Dronke
geantwortet, der ihm über die Angelegenheit geschrieben hatte. Er
bestätigt Schabelitz’ Brief, teilt aber zugleich mit, daß seiner Ansicht
nach der gerichtlichen Untersuchung gegen Schabelitz keine weitere Folge
gegeben wird. Es fragt sich, was _nun tun_? Die preußische Regierung
wünscht die Sache vollständig zu burken [ersticken], so sehr, daß der
Minister des Auswärtigen gegen eine „Theorie des Kommunismus“ fahndet,
die ich in Basel publiziert haben soll. Also sogar der Titel soll dem
Publikum verheimlicht bleiben. _Que faire?_[12]
Schabelitz hat mir zwei Exemplare geschickt, eines direkt an mich, eines
an Freiligrath, wofür ich zusammen 15 Schilling zu zahlen hatte. Schöne
_Einnahme_. Bisher war es mir noch nicht möglich, der Clique die
Exemplare zu entreißen. Bis Mittwoch (morgen) denke ich aber im Besitz
von einem derselben zu sein, zugleich mit dem Paket, das schon lange für
Dich parat liegt.
Zerffi ist hier. Er flüchtete von Paris bei der Razzia auf die fremden
Korrespondenten. Zerffi ist ein Schwätzer, hat aber über die ungarischen
Verhältnisse selbständigere und richtigere Ansichten, als ich sonst noch
von Flüchtlingen von daher gehört habe. Dies mag darin seinen Grund
haben, daß er von Hause aus kein Magyar ist, sondern ein „Schwab“, und
nicht nur ein Schwab, sondern der Sohn eines Juden aus Hannover, der
wahrscheinlich Cerf hieß und sich in Zerffi magyarisierte.
Dein K. M.
23. März. Gestern ist auf unseren Aufruf, bestehend aus drei Zeilen mit
unseren sämtlichen Namen, Sendung von 20,17 Pfund Sterling für die
Kölner vom Turnverein von Washington bei dem Kassierer Freiligrath
angelangt.
Schimmelpfennig hat 1 000 Pfund Sterling von der Brüning geerbt.
----------
[1] Wert der Türkei.
[2] Während unser Handel mit Österreich und Rußland entweder
stationär geblieben ist oder zurückgeht, nimmt der mit der Türkei
regelmäßig zu. Wir sind außerstande, anzugeben, welcher Teil unserer
Ausfuhr seinen Weg nach Österreich etwa durch Deutschland findet,
aber wir glauben, daß er nur klein sein kann. Unser direkter
Handelsverkehr mit Österreich ist durchaus unbedeutend. Unsere
Ausfuhr britischer Produkte nach seinen adriatischen Landesteilen
(den einzigen [sollte wohl heißen: wenigen], die es hat) wurde bis
1846 nicht von der nach dem übrigen Italien getrennt aufgeführt,
damals hatte sie die Ziffer 721 981 Pfund Sterling erreicht. 1850
war sie auf 687 755 gefallen und 1851 auf 812 942 Pfund gestiegen.
Unsere Ausfuhr nach Rußland belief sich im Durchschnitt der Jahre
1840/41 auf 1 605 000, 1846/47 auf 1 785 000 und 1850/51 auf
1 342 000 Pfund. Unsere Ausfuhr nach den türkischen Gebieten
einschließlich Ägypten, Syrien, Palästina, der Moldau und Walachei
hat sich daher wie folgt entwickelt ....
[3] Unsere Ausfuhr ist dagegen dreimal so hoch wie die nach Rußland
und nahezu doppelt so hoch wie die nach Rußland und Österreich
zusammen.
[4] Türkische Frage.
[5] Führerschaft [der] großen konservativen Partei.
[6] Sir John Pakington, im übrigen ein trauriger Mann.
[7] Führer.
[8] Gesetzesvorlage über die Ersatzpersonen der Geistlichen.
[9] Klauseln.
[10] Auslassung der dritten von den vorgeschlagenen Klauseln.
[11] In gewöhnlicher Kleidung.
[12] Was tun?
225
Sonntag, 10. April [1853].
Lieber Marx!
Hierbei der Brief von Cluß zurück. Die Sache wird wohl auf sich beruhen
müssen, bis wir das ganze Hirschsche Aktenstück nebst seinen von
Weydemeyer zurückgehaltenen ersten Erklärungen vor Augen haben.
In Hirschs Aussage sind manche Sachen ganz richtig, zum Beispiel mit dem
Briefe von Dir aus Manchester. Dabei lügt und verschweigt er aber
natürlich gehörig. So vergißt er zu erzählen, daß er, offenbar nicht
ohne Absicht, Dir nach Manchester nachreiste und uns eines Sonntags auf
der Bury New Road mit einem anderen Bummler begegnete und im Vorbeigehen
ganz laut schrie: „Guten Tag, Marx!“ Du erinnerst Dich, wir wunderten
uns, wer es gewesen sei; _ce fut notre cher_[1] Hirsch. Ebenso die
Geschichte mit dem Brief der Frau Daniels und der Haussuchung.
Es ist komisch, wieviel Coopersche Spione jetzt auftauchen. Chenu,
Cherval, Hirsch.
Die angegebenen Personen müßten erforscht werden. Der Lanckronsky ist
offenbar derselbe, den Du als „Graf L.“ in dem Kossuth-Bonaparte-Artikel
als russischen Agenten denunziert hast. –
_Pour revenir._[2] Ich glaube nicht, daß vorderhand, das heißt bis nach
vollständiger Einsicht der Akten etwas öffentlich geschehen kann; bloß
vorbereitende Schritte, unter anderem auch Nachspürungen, woher das
Dokument kommt und wo der Hirsch jetzt ist, was er treibt; im Notfall
eine Konfrontation des Kerls, um eine weitere schriftliche Erklärung von
ihm auszupressen. Der Fleurygeschichte wegen des Diebstahls werde ich
auch sofort weiter nachforschen, leider ist mein Informant, der ihn
persönlich kennt, krank. Besorge mir nur gleich das verlangte
Signalement usw.
Die mir zugeschickten amerikanischen Zeitungen habe ich heute
größtenteils durchgestöbert. Manches ist sehr amüsant, aber es ist, so
in einem Haufen, doch eine angreifende Arbeit, die einen sehr dumm
macht. Sehr nett sind dagegen Cluß’ Briefe. Wie ich sehe, stehen die
Enthüllungen schon in der Neu-England-Zeitung, es ist doch arg, daß
Weydemeyer sie nicht in die Kriminal-Zeitung gebracht hat. Er wird
wenigstens jetzt den Hauptinhalt nachholen müssen – gib ihm doch per
nächsten Steamer einen groben Wink deshalb mit dem Scheunentor, sonst
denkt er am Ende gar nicht daran.
Wie sieht es mit Deiner Reise aus? Ich denke doch, Dich spätestens im
Mai hier zu sehen.
Meinen Brief vom Freitag mit 3 Pfund wirst Du erhalten haben. Beste
Grüße an Deine Frau.
Dein F. E.
----------
[1] Es war unser lieber [Hirsch].
[2] Um [zur Sache] zurückzukommen.
226