Lieber Frederic!
Du würdest schon lange Antwort auf den Brief (mit der Einlage des
Aufsatzes für Dana) erhalten haben, wenn ich nicht doppelt beschäftigt
und abgehalten gewesen wäre durch das Diktieren meiner Broschüre in
Reinschrift und dann durch Besuche von Weerth, Strohn, Damm usw.
Die Broschüre wird aller Wahrscheinlichkeit nach in der Schweiz gedruckt
bei Schabelitz junior, der sich von seinem Alten separiert und eine
eigene Buchhandlung etabliert hat. Außerdem kann Cluß, wenn er die
Produktionskosten damit herauszuschlagen meint, die Sache in Washington
drucken lassen. Gedruckt _muß_ die Sache werden, schon um als
öffentliches Dokument nach Ausbruch der Revolution vorhanden zu sein.
Ich habe noch neue, sehr interessante Entdeckungen über das Komplott
Cherval usw. gemacht, die Du hoffentlich gedruckt lesen wirst.
Weerth kam Sonntag abend, fand mich sehr beschäftigt und nicht ganz
rosig gelaunt. Er fragte mich, „was ich denn eigentlich über die Kölner
Geschichte schreiben wolle?“ – und dies zwar in etwas vornehm näselndem
Tone. Ich fragte ihn, „was er in Westindien wolle?“, und nach Zeit von
einer Viertelstunde verschwand er. Dienstag abend kam er wieder und
sagte mir, er hätte eigentlich nicht wieder kommen wollen, habe aber dem
Andringen Freiligraths nachgegeben. Ich habe ihm nämlich Sonntag sehr
beschäftigt und verdrießlich geschienen. Ich nahm mir die Freiheit,
Herrn Weerth darauf aufmerksam zu machen, daß er neun Zehntel der Zeit,
die ich ihn kenne, immer verdrießlich und malcontent war, was er von mir
nicht behaupten werde. Nachdem ich ihm den Kopf etwas gewaschen, fand er
sich wieder zurecht und wurde – wieder der alte Weerth. Ich finde, daß
er verdammt verbürgert ist und seine Karriere zu sehr „_au sérieux_“[1]
nimmt. Strohn ist wenigstens immer der alte und _pas trop fin_.[2]
Bonapartes Kaiserreichhonigmonate sind prächtig. Der Kerl hat immer auf
Pump gelebt. Machen wir die Pumpanstalten in Frankreich so allgemein und
allen Klassen der Franzosen so zugänglich als möglich – und alle Welt
wird glauben, daß das Millennium herangekommen ist. Dazu direkt eine
eigene Bank für _stockjobbery_ und _railwayhumbug_.[3] Der Kerl bleibt
sich immer gleich. Der Industrieritter und der Prätendent verleugnen
keinen Augenblick einer den anderen. Wenn er nicht Krieg macht und bald
macht, so geht er an den Finanzen kaputt. Gut ist’s, daß Proudhons
Erlösungspläne sich in der einzigen Form realisieren, in der sie
praktikabel sind – als Kreditschwindel und mehr oder minder direkte
Prellerei.
Ich freue mich sehr auf Deine Ankunft hierher.
Dein K. Marx.
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[1] Ernsthaft.
[2] Nicht zu fein.
[3] Aktienspekulationen und Eisenbahnschwindel.
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