[Marx an Engels ohne Anrede.]
Das Geld erhalten und heute das Paket mit dem Brief. In meinem letzten
Schreiben an Dich und Weerth hatte ich absichtlich nichts erzählt, was
im Falle des Erbrechens der Briefe die preußische Regierung weiter
aufklären könnte über die gegen sie ergriffenen Schritte. Heute berichte
ich im Detail. Ich denke, wir haben eine Kontermine gelegt, die den
ganzen Regierungshumbug in die Luft sprengt. Die Herren Preußen sollen
sehen, _qu’ils ont à faire à plus fort_.[1]
Montag erhielt Schneider II über Düsseldorf (an einen Kaufmann,
Freiligraths Bekannten, adressiert) einen Brief von mir, dessen Inhalt
in kurzem folgender: 1. 1847, während ich in _Brüssel_ war, wurde
Cherval zu London durch Herrn Schapper und auf Vorschlag Schappers in
den Bund aufgenommen, also nicht 1848 von mir zu Köln. 2. Von Ende
Frühling 1848 bis Sommer 1850 wohnte Cherval fortwährend zu London, wie
durch seine _housekeepers_[2] bewiesen werden kann. Er hauste also nicht
während dieser Zeit als Propagandist in Paris. 3. Erst [im] Sommer 1850
begab er sich nach Paris. Die bei ihm abgefangenen Papiere und seine
Aussagen vor den Pariser Assisen beweisen, daß er Schapper-Willichs
Agent war und unser Feind. Daß Cherval _Polizeispion_, wird durch
folgendes bewiesen: 1. Wunderbare Flucht (nebst Gipperich) gleich nach
der Verurteilung aus dem Pariser Gefängnis. 2. Ungestörter Aufenthalt in
London, obgleich _gemeiner_ Verbrecher. 3. Herr von Remusat (ich habe
Schneider ermächtigt, ihn im Notfall zu nennen) erzählte mir, Cherval
habe sich ihm als Agenten für den Prinzen von Orleans angeboten. Er habe
darauf nach Paris geschrieben und folgende (mir in der Kopie
vorgezeigte) Dokumente erhalten (für einige Stunden zur Kopie), woraus
folgt, daß Cherval erst preußischer Polizeiagent war, jetzt
bonapartistischer ist. Die preußische Polizei schlägt ihm eine
Geldsendung ab, weil das „_double emploi_“[3] sei und er von
französischer Seite bezahlt worden. – Endlich habe ich Schneider einige
einfache theoretische Auseinandersetzungen gemacht, wodurch er die
Schapper-Willichschen Dokumente von den unserigen unterscheiden und die
Differenz nachweisen kann.
Nebst dem Brief an Schneider II, den Du besorgt, ging dasselbe
Aktenstück über Frankfurt a. M. (wo der alte Ebner ihn auf die Post legt
und Quittung nimmt) an Advokat von Hontheim ab, und zwar Dienstag.
Dasselbe Paket enthält: 1. einen Brief von Becker an mich mit
Poststempel London und Köln versehen, woraus folgt, daß unser Verkehr
vor allem buchhändlerischer Natur war; 2. zwei Einlagen von Daniels an
mich in dem Beckerschen Briefe, worin er bloß von seinem Manuskript
spricht; 3. zwei Ausschnitte aus den Protokollen von Hirsch; 4. einen
Ausschnitt aus den Peoples Paper, worin Cherval glücklicherweise selbst
seine Residenz anzeigt; 5. auf Seite 3 dieses Briefes befindlichen Brief
(eigene Handschrift) des Herrn Stieber an mich, während der „Neuen
Rheinischen Zeitung“.
Dienstag abend kam durch Gelegenheit ein Brief von Schneider II, woraus
hervorgeht, daß sein erster durch die Post gesandter unterschlagen ist.
Dagegen hatte er einen von hier registrierten Brief erhalten, den ich
ihm durch Dronke schreiben ließ, worin ihm angezeigt worden, daß _Henze_
hier 6 bis 8 Wochen bei Willich war, daß Willich von ihm unterhalten
worden ist, daß Willich selbst hier damit renommiert hat, er habe dem
Henze Instruktionen gegeben, wie _er_ gegen uns aufzutreten. Schneider
schreibt, daß sämtliche Advokaten von der Unechtheit der Dokumente
überzeugt, bittet dringend, ihm Beweise, namentlich auch, daß Frau
Daniels nie an mich geschrieben.
Mittwoch hätte aus Geldmangel _nichts_ geschehen können, wären nicht
glücklicherweise Deine 2 Pfund eingesprungen. Ich habe also vor dem
Police Court, Marlboroughstreet (_before Mr. Wingham, magistrate of the
Metropolitan District_,[4] der sich die Sache erzählen ließ und sich
_furieusement_[5] _für uns_ und _gegen_ die preußische Regierung
erklärte) zweierlei authentifizieren lassen:
1. Handschrift von Rings und Liebknecht, die, wie Schneider II schreibt,
fast _alle_ Protokolle des Hirsch unterzeichnet haben. Du weißt, daß
Rings kaum schreiben kann, also famos von Hirsch zum Protokollführer
bestimmt ist.
2. Habe ich von dem Wirt unseres Zusammenkunftslokals bezeugen lassen,
daß seit März die „_Society of Dr. Marx_“[6] (der Kerl kennt nur mich),
ungefähr 16 bis 18 Mann, regelmäßig und nur einmal die Woche, nämlich am
Mittwoch, zusammenkommt, und daß er und sein _waiter_[7] uns nie eine
Zeile haben schreiben sehen. Den Mist wegen des Mittwochs hat auch einer
seiner Nachbarn, ein deutscher Bäckermeister und Hausbesitzer bezeugt.
Beide Aktenstücke mit dem Siegel des Police Court sind im _Duplikat_
abgefaßt. Das erste Exemplar desselben schickte ich _via_ [unlesbar] an
G. Jung, der mir glücklicherweise vor drei Tagen geschrieben, er wohne
in Frankfurt a. M. und Adresse gegeben. Jung wird selbst nach Köln die
Sachen bringen oder ein Exemplar hinschicken. Der Brief, den er
erhalten, ist an Schneider II gerichtet und enthält außer den
angegebenen polizeilich-gerichtlich beglaubigten Dokumenten: a. Eine
Kopie des ersten Briefes an Schneider nebst zwei abermaligen
Ausschnitten aus Hirschs Protokollen. b. Ausschnitt aus einem Briefe von
Becker an mich, wo glücklicherweise auf der Rückseite Londoner und
Kölner Poststempel. Becker schreibt wörtlich wie folgt (weiter enthält
das von mir hingesandte Stück nichts): „Der Willich schickt mir die
lustigsten Briefe ....“ c. Drei Briefe von Bermbach an mich, woraus die
Natur unseres Briefwechsels hervorgeht, und wovon der eine (vom März)
zugleich die Antwort enthält auf mein Schreiben von wegen des Hirsch und
der Denunziation der Frau Daniels und der bei ihr erfolgten Haussuchung.
Dieser Brief beweist, daß sie nicht mit mir in Korrespondenz stand. d.
Abschrift des Briefes von Stieber. e. Instruktion an Schneider, worin
ich ihm unter anderem auch mitteile, daß die _beglaubigten Dokumente_
oder _Duplikat_ Donnerstag, 28. Oktober, in einem registrierten Brief
von London an ihn direkt unter seiner Adresse abgehen werden
und gleichzeitig er über Düsseldorf von Kaufmann W. den
_Registrationsschein_ erhalten wird. Unterschlägt die Regierung also
diesmal, so ertappen wir sie nachweislich _au flagrant délit_,[8] ohne
daß es ihr gelingt, der Verteidigung etwas anderes zu entziehen als ein
Duplikat.
Im Advertiser von künftigem Sonnabend (30. Oktober) wirst Du eine kurze
Erklärung über die infamen Artikel der Times und Daily News finden. Sie
ist gezeichnet: „F. Engels, F. Freiligrath, K. Marx, W. Wolff.“ Dasselbe
in mehreren Wochenblättern.
Ich denke, die preußische Regierung wird diesmal in einer Weise blamiert
werden, wie es selbst ihr noch nicht vorgekommen ist, und sich
überzeugen, daß sie nicht mit den Tölpeln von Demokraten zu tun hat. Sie
hat die Leute gerettet durch die Dazwischenkunft des Stieber. Selbst die
Verhaftung des Bermbach ist ein Glück. Ohne dies konnten seine Briefe
nicht hinübergesandt werden. Er hätte sich dagegen gesträubt, um nicht
provisorisch gesetzt zu werden. Jetzt, wo er sitzt, ist alles _all
right_. –
Besten Gruß an Weerth.
Dein K. M.
Über sichere ... Adressen hierhin das nächste Mal.
[Auf einer neuen Seite folgt die Abschrift des Briefes von Stieber aus
den „Enthüllungen“, S. 46/47, und daran anschließend fährt Marx fort:]
Ich ersuche Dich nun, auf dem dritten, in Deinem Briefe angedeuteten
Wege nach Köln folgende Zeilen an Schneider zu schreiben und sie ihm
_umgehend_ zukommen zu lassen.
„Stieber hat allerdings die 14 bis 16 der Willich-Schapperschen Clique
zugehörigen Dokumente _gekauft_, aber er hat sie zugleich _gestohlen_.
Er hat nämlich einen gewissen _Reuter_ für bares Geld zum Diebstahl
sollizitiert. Reuter war seit lange nicht gerade „Polizeibeamter“, wohl
aber _occasionally à la tache_[9] bezahlter _spy_[10] der preußischen
Gesandtschaft. Er hat _nie_ einer Kommunistengesellschaft angehört,
nicht einmal dem öffentlichen deutschen Arbeiterverein in London. Reuter
wohnte in demselben Hause wie Dietz, der Sekretär und Archivar der
Willich-Schapperschen Zentralbehörde. Reuter erbrach das Schreibpult von
Dietz und gab irgendeinem, Stieber oder Schultze, die Papiere. Die Sache
war längst herausgekommen vor den Kölner Assisenverhandlungen. Stechan
erhielt nämlich während seiner Haft in Hannover mehrere von ihm an
Dietz, als an den Sekretär des von Schapper präsidierten
Flüchtlingskomitees gerichtete Briefe von dem Untersuchungsrichter
vorgelegt. Stechan brannte bekanntlich durch aus dem Gefängnis. In
London angekommen, schrieb er nach Hannover, um jene Briefe
herauszuverlangen, damit er den _Reuter_ vor den englischen Gerichten
verfolgen könne: