Lieber Engels!
Wegen unserer Korrespondenz müssen wir andere Maßregeln treffen. Es ist
positiv, daß wir einen _Mitleser_ im Ministerium Derby haben. Zudem
stellt sich, wenigstens versuchsweise, wieder eine Schutzwache (abends)
vor mein Haus. Ich kann Dir also absolut nichts schreiben, wovon ich
nicht ratsam halte, daß es die preußische Regierung in diesem Augenblick
erfährt.
Dana benimmt sich sehr kommun gegen mich. Ich habe ihm vor ungefähr
sechs Wochen geschrieben und ihm genau gesagt, wie es bei mir steht, und
daß ich das Geld für die abgesandten Artikel _umgehend_ haben muß. Er
hat die Artikel regelmäßig abgedruckt, aber das Geld noch nicht
geschickt. Ich muß natürlich demungeachtet exakt fortfahren. Sonst bin
ich doch am Ende wieder der Bestrafte.
Nun hatte ich schon vor fünf Wochen den Landlord mit dieser Aussicht auf
Amerika beschwichtigt. Heute kommt der Kerl her und machte der
_housekeeperin_[1] und mir einen scheußlichen Skandal. Er zog sich heute
– da ich zuletzt zur _ultima ratio_, nämlich zur Grobheit meine Zuflucht
nahm – mit der Drohung zurück, wenn ich ihm diese Woche nicht Geld
schaffe, werde er mich auf die Straße werfen, vorher aber noch einen
_broker_[2] mir in das Zimmer setzen.
Von Cluß sind vor vier bis fünf Tagen 130 Exemplare des Brumaire
angekommen. Ich konnte sie aber nicht von der Douane nehmen bis jetzt,
da ich 10 Schilling 9 Pence bei dieser Gelegenheit entrichten muß.
Kothes und Bermbach sind verhaftet worden, weil ich letzterem durch
ersteren eine zur Verteidigung nötige Arbeit, die etwas voluminös war
(trotz dünnem Papier und kleiner Perlschrift), zugeschickt hatte. Die
Regierung glaubte einen famosen Fang getan zu haben. Aber _jeune_[3]
Sädt, bei näherer Ansicht, beschwor sicher Himmel und Hölle, um die
Sache niederzuschlagen, denn das Aktenstück enthielt sonderbare
_strictures_[4] über das Talent usw. des jungen Sädt und konnte, den
Juries mitgeteilt, nur zur Freisprechung der _accusés_[5] beitragen.
In der „Neuen Preußischen Zeitung“ ist „G. Weerth“ als Mitglied der
Zentralbehörde in Köln angeführt, und zwar wird dies zitiert aus dem
Anklageakt.
Dein K. M.
Sobald der Prozeß vorüber ist, er mag nun ausfallen, wie er will, müssen
wir beide einen oder zwei Druckbogen „An das Publikum zur Aufklärung“
drucken lassen. Ein günstigerer Moment, zur Nation _en large_[6] zu
sprechen, kommt nicht wieder. Zudem dürfen wir den Schein des Ridicule
nicht dulden, den selbst die moralische Würde und szientifische Tiefe
des sanften Heinrich unfähig sind zu zerstreuen.
Cherval hat selbst an den Londoner Deutschen Arbeiterverein geschrieben,
er sei „_Spion_, aber im edlen Sinne des Cooperschen Spions“. Ich habe
auf sicherem Wege einem der Advokaten die nötigen Aufklärungen zukommen
lassen.
Wegen der oben angeregten Publikation über den „Kölner Prozeß“ muß sich
jetzt schon umgesehen werden. Mir schiene das beste, wenn Du an Campe
schriebst, er solle Dir einen _soliden Kommissionär_ nennen, im Falle er
selbst zu ängstlich sei. Da Du ein zahlungsfähiger Mann bist, kann dem
Kommissionär gesagt werden, er erhalte das Geld zum Beispiel in drei
Monaten (auf Wechsel), wenn er in der Zwischenzeit sich nicht (was
sicher) schon aus dem Verkauf bezahlt gemacht. Übrigens können die
Druckkosten für eine solche Lumperei höchstens auf 25 Taler kommen.
Vale! und überlege die Sache. Schweigen können wir nicht, und wenn wir
nicht zur Zeit für die Druckgelegenheit sorgen, kommen wir wieder nicht
im rechten Augenblick.
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[1] Vizewirtin [die das Haus für den Eigentümer – „Landlord“ – zu
verwalten hat].
[2] Auspfänder.
[3] Jung.
[4] Kritische Sätze.
[5] Angeklagten.
[6] Im weiten Sinne.
201
Manchester, 27. Oktober 1852.
Lieber Marx!
Ich hatte, als ich gestern schrieb, die Stiebersche Aussage nur sehr
flüchtig gelesen, und daher war ich heute sehr heiter überrascht, als
Dein Aktenstück der Sache eine Wendung gab, die mich _jetzt_ nicht mehr
an der Freisprechung _aller_ Angeklagten verzweifeln läßt. _En
effet_,[1] die Blamage des Stieber ist komplett. Die Sache ist hier
nochmals von mir abgeschrieben und auf zwei verschiedenen, sehr guten
Wegen nach Köln abgegangen; auch habe ich, was schon in London hätte
geschehen sollen, die zwei Zettel mit Hirschs Handschrift an das
Original angesiegelt und dabei diesen Umstand mit meiner Unterschrift
dokumentiert, so daß sie im schlimmsten Falle nicht ohne Unterschlagung
des Ganzen unterschlagen werden können. Ich habe nun noch einige Wege
zur Verbindung mit Köln entdeckt, und obwohl diese ersten beiden (die
aber nicht wiederholt werden können) eine Wahrscheinlichkeit von 99
Prozent bieten, daß die Sachen richtig und denselben Tag bei Schneider
eintreffen, so wäre es doch gut, wenn ich noch ein drittes, von _Dir
beglaubigtes_ Exemplar mit _neuen_ Hirschschen Handschriftproben
erhielte, um dies noch auf anderem Wege hinzubefördern. Übrigens
_können_ die Pr[eußen] dies Ding nicht unterschlagen, das hätte
Kriminalfolgen für die Beteiligten.
Dein Brief heute an mich war erbrochen, da die vier Zipfel der Enveloppe
nicht alle vom Siegel gut gefaßt waren. Ob der an St[rohn] auch, ist
schwer zu sagen, da die Firma das äußere Kuvert erbrochen. Doch war dies
Aufbrechen so leicht vor sich gegangen, daß ich fast schließen muß, auch
hier sei man schon früher dran gewesen. Also taugt auch die
Steinthal-Adresse nichts mehr. Schreibe an unseren alten James Belfield,
Golden Lion, Deansgate, Manchester, inwendig Kuvert „F. E.“, weiter
nichts. Bei sehr wichtigen und gefährlichen Sachen mache es wie ich
jetzt: ein Paket beliebigen Inhalts, worin Dein Brief liegt, per
Pickford & Co. an mein Haus, und abwechselnd per Chaplin, Horne & Carver
an mich, Adresse Ermen & Engels unfrankiert. Das ist ganz sicher. Laß
aber die Adressen namentlich per Post abwechselnd mit verschiedenen
Handschriften schreiben und laß die Pakete per Spediteur nicht immer
durch denselben und von demselben Orte ins Office tragen. Dann ist
letzterer Weg ganz sicher. Gib mir dann entweder eine sichere Adresse
nach London auf diesem Wege an oder laß irgend jemand, dessen Hauswirt
nicht argwöhnisch, einen falschen Namen annehmen _à la_ Williams, oder
sage mir, ob Lupus noch 4 Broadstreet, Dr[onke] noch im Model Lodging
House und wo sonst unsere zuverlässigen Leute wohnen, damit ich die
Adresse wechseln kann.
Alle diese Mittel abwechselnd in Tätigkeit gesetzt, werden uns genügende
Sicherheit verschaffen. Dazu schreibe, damit’s nicht auffällt,
gleichgültige Briefe per Post direkt, wie ich auch tun werde.
Das Kopieren des Aktenstücks hat mich so in Anspruch genommen, daß ich
wirklich nicht weiß, ob ich wegen Dana und Freitagsteamer mein Wort in
_vollem_ Sinne halten kann. _Etwas_ kommt jedenfalls. Bedenke, daß mir
an gewisser Stelle die schönsten Knospen treiben und mich stellenweise
am Sitzen verhindern; _il faut que cela finisse_.[2]
Die Erklärung des alten Justizrats Müller wird dem Stieber schon den
Hintern mit Grundeis gehen machen wegen seiner Originalprotokolle. Aus
ihr geht auch hervor, daß die Juristen dort überhaupt sehr wütend sein
müssen wegen der Polizeiinfamien, die der Stieber mit ganz
altpreußischer Unkenntnis des rheinischen Gesetzes, Gerichtsverfahrens
und der rheinischen öffentlichen Meinung so unverschämt, und wie ein
Kind über seine Pfiffigkeit sich freuend, an die große Glocke hängt.
_C’est de bon augure._[3]
Es ist schön: die Polizei stiehlt, fälscht, erbricht Pulte, schwört
falsche Eide, zeugt falsch, und zu allem dem behauptet sie das
Privilegium zu haben gegenüber den Kommunisten, die _hors la société_[4]
stehen! Dies und die Manier, wie die Polizei, in ihrer schuftigsten
Gestalt, alle Funktionen des öffentlichen Ministeriums übernimmt, den
Sädt in den Hintergrund drängt, unbeglaubigte Zettel, bloße Gerüchte,
Rapporte, Hörensagen als wirkliche gerichtlich erwiesene Sachen, als
Beweise vorbringt – _c’est trop fort_![5] Das muß doch wirken.
Dein F. E.
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[1] In der Tat.
[2] Das muß ein Ende nehmen.
[3] Das ist ein gutes Anzeichen.
[4] Außerhalb der Gesellschaft.
[5] Das ist zu stark.
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