Lieber Engels!
Dein Brief heute kam in eine sehr aufgeregte Atmosphäre.
Meine Frau ist krank, Jennychen ist krank, Lenchen hat eine Art
Nervenfieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen, weil ich kein
Geld für Medizin habe. Seit acht bis zehn Tagen habe ich die _family_
mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen es noch fraglich ist,
ob ich sie heute auftreiben kann. Diese Diät war natürlich nicht
förderlich bei den jetzigen klimatischen Verhältnissen.
Artikel für Dana schrieb ich nicht, weil ich nicht den Penny hatte, um
Zeitungen lesen zu gehen. Sobald Du übrigens Nr. 19 geschickt hast,
werde ich in einem Briefe meine Ansicht über 20, die Zusammenfassung der
Jetztsauerei schreiben.
Als ich bei Dir war und Du mir gesagt hattest, mir bis Ende August eine
etwas größere Summe beschaffen zu können, schrieb ich das meiner Frau
zur Beruhigung. Dein Brief von vor drei bis vier Wochen deutete an, daß
nicht viele Aussicht sei, läßt indes noch einige. So hatte ich bis
Anfang September alle Gläubiger, denen, wie Du weißt, immer nur kleine
Fragmente abgezahlt werden, hingeschoben. Jetzt ist der Sturm allgemein.
Ich habe alles versucht, aber umsonst. Erst bringt mich Weydemeyer um 15
Pfund. Ich schreibe nach Deutschland an Streit (weil der in der Schweiz
an Dronke geschrieben hatte). Er antwortet nicht einmal. Ich wende mich
an Brockhaus und biete ihm Artikel für die Gegenwart von unverfänglichem
Inhalt. Er schlägt in einem sehr höflichen Briefe ab. Endlich laufe ich
in der letzten Woche den ganzen Tag mit einem Engländer herum, der mir
den Diskonto für die Wechsel auf Dana verschaffen wollte. _Pour le roi
de Prusse._[1]
Das Beste und Wünschenswerteste, was passieren könnte, wäre, wenn mich
die Landlady zum Haus hinauswürfe. Ich wäre dann wenigstens die Summe
von 22 Pfund quitt. Aber so viel Gefälligkeit ist ihr kaum zuzutrauen.
Dazu Bäcker, Milchmann, Teekerl, _greengrocer_,[2] alte Metzgerschuld
noch. Wie soll ich mit all dem Teufelsdreck fertig werden? Endlich, in
den letzten acht bis zehn Tagen, habe ich einige Schilling und Pence,
was mir das Fatalste ist, aber es war nötig, um nicht zu verrecken, von
Arbeitern gepumpt.
Du wirst aus meinen Briefen ersehen haben, daß ich die Erbärmlichkeiten
wie gewöhnlich, wenn ich selbst darin stecke und nur nicht von weitem
davon höre, mit großer Indifferenz durchwate. Indes _que faire_?[3] Mein
Haus ist ein Lazarett, und die Krise wird so störend, daß sie mich
zwingt, ihr meine allerhöchste Aufmerksamkeit zu schenken. _Que faire?_
Unterdessen ist Herr Goegg wieder auf der Lustfahrt nach Amerika,
_steamer first class_.[4] Herr Proudhon hat einige 100 000 Franken für
seinen Anti-Napoleon eingesteckt und Vater Massol ist so großmütig, mir
das _miner_, _fouiller_[5] usw. zu überlassen. _Je le remercie bien._[6]
Dein K. M.
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[1] Für den König von Preußen [das heißt umsonst].
[2] Gemüsehändler.
[3] Was tun?
[4] Per Dampfer in der ersten Klasse.
[5] Unterwühlen, durchwühlen usw.
[6] Ich danke ihm bestens.
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