Lieber Engels!
Aus den Aktenstücken, die ich Dir gesandt habe, hast Du gesehen, wie
Kinkel-Willich manövrieren. – Es handelt sich für die Herren darum,
endlich wirklich an die _Verwaltung der Gelder_ zu kommen, von der sie
abzutreten drohen, wenn man ihnen nicht willfahre. Der _point urgent_[1]
ist der. Die Kerls haben 200 Pfund Sterling verausgabt, die ihnen hier
schwerlich ratifiziert würden. Daher der Versuch, sich direkt und
„schleunigst“ aus Amerika zu Geldausgaben bevollmächtigen zu lassen oder
zur Zuziehung eines dritten Kollegen, damit sie als konstituiert handeln
können. Sie haben die Sache in ihrer Weise pfiffig angegriffen. Erst die
Dokumente nach Amerika und der Schweiz geschickt, _hinter_ dem Rücken
der Londoner Garanten. Dann diesen die Schriften am 26. zugestellt
(obgleich vom 11. und 12. datiert), mit der Bemerkung, Stillschweigen
als Einverständnis zu betrachten. –
Welcher Art aber die „starken“ Organisationen in Deutschland sind, womit
sie renommieren, wirst Du aus folgendem ersehen.
Du weißt, daß Gebert _angeblich_ nach Amerika gereist ist. Aber die
Sache verhält sich wie folgt.
Kinkel-Willich haben Anfang dieses Monats einen Emissär nach Deutschland
abgesandt, _id est_ _Gebert_, den Schneidergesellen. In Magdeburg hat er
eine sogenannte Kommunistengemeinde versammelt; drei Tage nacheinander
wurden Beratungen gehalten, 26 bis 30 Mitglieder nahmen teil; das
Präsidium führte ein gewisser _Hammel_; gegen Marx und Engels wurde mit
großer Erbitterung debattiert, – nebst mehreren Administrations- und
Organisationsfragen kam man auf die Frage: wie und auf welche Art eine
Druckerei zu schaffen wäre! Es fand sich ein armer Buchdrucker, der in
oder um Magdeburg herum etabliert ist; mit ihm wurde ein Vertrag
geschlossen. Er stellte seine Office der Propaganda zur Verfügung, die
alte Firma wird beibehalten. Dafür werden ihm sofort 100 Taler
ausgezahlt und ein Schuldschein für 350 Taler am Ende des Jahres, von
jetzt gerechnet.
Die Polizei wußte alles von Geberts Abreise an. Sie läßt ihn beständig
begleiten. Sie hatte ihren Berichterstatter in der Magdeburger
Versammlung. Sie will ihn erst einstecken, sobald er seine Mission
erfüllt und möglichst viele ins Pech geritten hat. Die Sache ist sehr
fatal für unsere Kölner Gefangenen. Wird Gebert gesteckt usw., so halte
ich es an der Zeit, öffentlich die Kerls zu denunzieren und vor ihnen zu
warnen, die zur Scheinagitation und um sich wichtig zu machen vom
sicheren Versteck aus den deutschen Regierungen, speziell der
preußischen, in die Hände arbeiten. Ich habe sofort nach Köln berichtet.
Wie ich die Sache erfahren habe, kann ich Dir nur _mündlich_ mitteilen.
Das Postgeheimnis ist hier auch ein problematisches Ding. – –
Vor einigen Tagen berief _Pyat_ (Felix) die mit ihm zusammenhaltenden
Franzosen zu einer Reunion und legte ihnen ein Programm vor, das nun
gedruckt werden soll. „Gott“ spuckte natürlich dadrein. Einer der
Anwesenden protestierte dagegen, „Gott“ in einem Revolutionsprogramm zu
beherbergen. Pyat, dem _gouvernement direct_ gemäß, läßt _abstimmen_.
„Gott“ passiert mit sieben Stimmen Majorität. _L’être suprême est sauvé
encore une fois._[2] Früher hieß es: Gott verläßt die Seinen nicht.
Jetzt heißt es: Die Seinen verlassen Gott nicht. Eine Hand wäscht die
andere.
General Vetter war auf längere Zeit aus London verschwunden, niemand
wußte wohin. Das _mystère_ hat sich aufgeklärt. Vetter reiste mit einem
amerikanischen Passe, worin er als Maler figurierte, mit seiner
Mätresse, einer Sängerin, namens Ferenzi. Er passierte als Künstler. Sie
gab an allen bedeutenden Orten Konzerte, und so ist er von Genua und
Mailand bis Rom, Neapel, Palermo gekommen. Er hatte die _passwords_[3]
und Empfehlungen von Mazzini-Kossuth. So waren ihm die geheimen
italienischen Zirkel zugänglich, während sein _ostensibler trade_[4] ihn
in die höheren _cercles_ brachte. Er ist seit einiger Zeit hierher
zurückgekehrt und hat Bericht bei dem „europäischen“ Zentralkomitee
abgestattet. (Notabene: Darasz ist gestorben und vorige Woche begraben
worden.) Das Resümee davon, zum großen Kummer des „frommen“ Mazzini:
_L’Italie s’est tout à fait matérialisée. On n’y parle que commerce,
affaires, soies, huiles et autres misères mondaines. Les bourgeois
calculent d’une manière terriblement positive les pertes, que la
révolution de Mars les a fait subir et ne pensent qu’à se reprendre sur
le présent. Quant à l’initiative insurrectionnelle ils sont heureux de
la laisser aux Français, à ce peuple frivole et sensualiste. La seule
chose, dont ils ont peur, c’est que les Français ne se hâtent trop._
_Tu penses bien, mon cher, quel coup de foudre pour l’archange Mazzini.
Le général Vetter, nommé déjà comme commandant supérieur des forces
Mazzini-Kossuthiennes leur a déclaré, que les choses étant ainsi, il ne
saurait mieux faire que de passer avec sa maîtresse en Amérique. Au bout
du compte le malheureux Mazzini est convenu avec Kossuth de vouloir bien
laisser aux Français l’initiative insurrectionnelle._[5]
Aber nicht der _vile multitude_,[6] sondern dem Bonaparte.
Aus Paris schreibt man mir darüber unter anderem:
„Kiß, Abgesandter von Kossuth, ist hier nicht nur mit den Orleanisten in
Verbindung getreten, sondern mit den Bonapartisten. Kiß ist in
Bekanntschaft mit Jeromes Söhnen. Auf diese konventionelle Bekanntschaft
gestützt, wußte er Kossuth den Kopf voll zu machen, eine Verbindung mit
der französischen Regierung zugunsten Ungarns einzugehen. Der
phantastische Agitator ging in die Schlinge und sandte zu diesem Behuf
Kiß mit _Gülden_ versehen hierher nach Paris. Kiß amüsiert sich in
Kaffeehäusern und _anderen_ Häusern, antichambriert hin und wieder bei
Pierre Bonaparte, macht diesem einen blauen Dunst vor, schreibt
prachtvolle Berichte an Kossuth, und ist [an] Ungarns Befreiung kein
Zweifel mehr. Diese Revolutionäre _par excellence_ senden Agenten, um
mit dem „_Tyrannen_“ einen Bund auf Leben und Tod zu schließen.“
_Mais ce n’est pas tout._[7]
Aus sicherer Quelle weiß ich, daß im Namen der polnischen
„Zentralisation“ Lelewel und Thaddäus Gorzowski hier waren. Sie haben
den Kossuth-Mazzini einen Insurrektionsplan vorgelegt, dessen _pivot_[8]
die Mitwirkung Bonapartes ist. Diese alten Esel von Konspirateurs rennen
sich jeden Tag von neuem hinein. Als Agenten hier haben und hatten sie
einen gewissen Graf Lanckronsky oder ähnlich. Dieser Bursche (wohnt 7
Harringtonstreet, Hampstead Road) ist _russischer_ Agent, und ihr
Insurrektionsplan hatte die Ehre, vorher in Petersburg korrigiert zu
werden.
Dein K. M.
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[1] Dringender Punkt.
[2] Das höchste Wesen ist wieder einmal gerettet.
[3] Stichworte, Losungsworte.
[4] Zur Schau getragenes Gewerbe.
[5] Italien ist vollständig dem Materialismus verfallen. Man spricht
nur vom Handel, Geschäft, von der Seide, dem Öl und anderen
irdischen Erbärmlichkeiten. Die Bürger berechnen auf eine
schrecklich positive Art die Verluste, die die Märzrevolution über
sie gebracht hat, und denken nur daran, sich an der Gegenwart
schadlos zu halten. Die Initiative des Aufstandes überlassen sie
gern den Franzosen, diesem leichtfertigen und sinnlichen Volke. Das
einzige, was sie fürchten, ist, daß die Franzosen sich zu sehr
beeilen könnten. Du kannst Dir denken, mein Lieber, welcher
Blitzschlag das für den Erzengel Mazzini [war]. Der schon zum
Oberbefehlshaber der Truppen der Mazzini-Kossuth ernannte General
Vetter hat ihnen erklärt, daß er bei diesem Stande der Dinge nichts
Besseres zu tun wüßte, als mit seinem Liebchen nach Amerika zu
verschwinden. Zum Schlusse ist der unglückselige Mazzini mit Kossuth
übereingekommen, den Franzosen die Initiative zum Aufstand
überlassen zu wollen.
[6] Gemeine Menge.
[7] Aber das ist nicht alles.
[8] Angelpunkt.
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